Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (39-NL071-073)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Zarncke

Graz

04. 08. 1877

language Deutsch

Schlagwörter: Verlagsbuchhandlung Leuschner & Lubensky Literarisches Centralblatt für Deutschlandlanguage Friaulisch Rhys, John Suchier, Hermann Graz Friaul Schuchardt, Hugo (1877)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Zarncke (39-NL071-073). Graz, 04. 08. 1877. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10883, abgerufen am 03. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10883.


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Graz 4 Aug, 77

Verehrtester Herr Kollege!

Sie und noch mehr mein Freund Rhys1 haben alle Ursache mir zu grollen. Ich habe nur eine Entschuldigung aber sie wird genügen; die Schwüle des Himmels und die Nervosität meiner Konstitution haben in diesem Sommer bei mir eine Faulheit zuwegegebracht, welche Alles Dagewesene übertrifft. Vorlesungen und Prüfungen halten, das bekomme ich noch fertig; aber sobald ich mich |2| mit einem Buche hinsetze, schlafe ich ein. Indessen etwas hat sich dieser Zustand schon gebessert, und Sie wissen auch ohnedies, dass ich immer meinen Verpflichtungen nachkomme, manchmal freilich etwas spät.

Sie haben sich eine originelle Manier erdacht, mich zu mahnen. Dem Saumthier, dem drei Säcke zu schwer waren, legen Sie noch drei Säcke auf, um es vorwärts zu bringen. Übrigens habe ich erst gestern Ihre Sendung vorgefunden. Dieselbe hat nämlich, wie das immer der Fall ist, einige |3| Tage auf der Mauth (welche eine halbe Stunde von meiner Wohnung entfernt ist) zugebracht, bis sie durch meinen hiesigen Buchhändler ( Leuschner und Lubensky) an mich befördert worden ist. Da war ich aber schon abgereist; von einem dreiwöchentlichen Aufenthalte in Untersteiermark bin ich gestern zurückgekehrt; jetzt erwarte ich meine Eltern, um ihnen die Schönheiten von Graz zu zeigen und nachher mit ihnen in die Berge zu gehen. Ich werde schliesslich mich in Friaul niederlassen, um mich in die Geheimnisse |4| der friaulischen Mundarten zu versenken.2 Kehre ich dann zurück, so habe ich für Vorlesungen und mit den Prüfungen genug zu thun; wo soll die Zeit zum Recensiren herkommen? Auch besitze ich die drei eingesandten Bücher schon längst. Will denn mein Nachfolger Suchier3 mir nicht auch auf dieser Bahn nachfolgen? oder ist er ganz an die Jenaer gebunden? Es gibt ja ausserdem so viele junge Romanisten, denen es eine Freude machen sollte als Kritiker aufzutreten, wie es vor 7 Jahren mir eine Freude gewesen ist. Wem soll ich die Bücher zusenden? Wenn ich nach Ablauf einiger Zeit keine Antwort erhalte, so stelle ich sie Ihnen zurück.4

Herzlichste Grüsse! Vergnügte
Ferien! Ganz der Ihrige

H. S.


1 Hier geht es um eine Rez. von John Rhys, Lectures on Welsh philology, London: N. Trübner,1877.

2 Im Juli hielt sich Schuchardt in Cilli/Bad Neuhaus [Celje / Dobrna], im August in Italien, im Oktober im Friaul (Arta) auf.

3 Hermann Suchier (1848-1914), deutsche Romanist, seit 1876 in Halle, wo er bis zu seinem Tod blieb.

4 Das wirkt wie eine leere Drohung, denn das LCBl 28, 1877 vermerkt insgesamt dreizehn Rezensionen aus Schuchardts Feder.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Universitätsarchiv Leipzig. (Sig. NL071)