Friedrich Zarncke an Hugo Schuchardt (31-012986)

von Friedrich Zarncke

an Hugo Schuchardt

Leipzig

02. 11. 1876

language Deutsch

Schlagwörter: Vergleichende Sprachwissenschaft Literarisches Centralblatt für Deutschland Indogermanische Forschungen Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiet des Deutschen, Griechischen und Lateinischenlanguage Sanskrit Osthoff, Hermann Leskien, August Paul, Hermann Sievers, Eduard Braune, Wilhelm Hübschmann, Heinrich Leipzig Osthoff, Hermann (1877)

Zitiervorschlag: Friedrich Zarncke an Hugo Schuchardt (31-012986). Leipzig, 02. 11. 1876. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10875, abgerufen am 03. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10875.


|1|

[ Leipzig, 2.11.1876]1

Mein hochverehrter Freund.

Lassen Sie mich zunächst der Freude einen Ausdruck geben, die ich darüber empfand, endlich einmal wieder einige Zeilen von Ihrer Hand, u. zwar so befriedigende und liebenswürdige, zu empfangen. Sie können denken, daß der Redacteur in mir bereits zuweilen anfieng mürrisch zu werden und auf Sie zu räsonnieren, denn in solchen Tagen ist man einseitig argwöhnisch und geht stets von der Voraussetzung aus, daß auf der Gegenseite nur der Wille das entscheidende Moment sei. Nun höre ich zu meinem großen Bedauern, daß Sie wieder über Ihre Gesundheit zu klagen gehabt haben; möchte dies das letzte Mal gewesen sein, möchte die schöne kräftige Bergluft Ihrer neuen Heimath Ihre Nerven definitiv stärken und auffrischen. Daß Sie mir Ihren Abschied ankündigen, ist mir sehr schmerzlich, aber Sie haben so lange und so treu zu mir gehalten, daß ich nicht klagen darf; und daß Sie vorher noch tabula rasa mit den Ihnen octroyierten Büchern machen wollen, ist ein neuer Beweis dieser Ihrer treuen Gesinnung, für die ich Ihnen stets zu Dank verpflichtet sein werde.

Nun zu dem Hauptpunkt Ihres Schreibens, der vertraulichen Anfrage wegen Osthoff’s.2 Ich kann Ihnen nur das Beste über den jungen |2| Mann mittheilen. Er ist ein geborener Westfale (oder doch so da herum),3 eine stattliche, liebenswürdige Erscheinung, ruhig, ernst, die Solidität des Urtheils sofort verwerthend. Er war bereits Gymnasiallehrer, die Liebe zu seiner Wissenschaft trieb dann den bereits verheiratheten aber wohlhabenden jungen Mann noch auf die dornenvolle Laufbahn des Universitätslehrers. Er mag zur Zeit 30 Jahre alt sein. Nach zweijähriger Ehe hat er seine junge Frau wieder verloren,4 im Augenblick sind seine Kinder selbst wieder bei den Großeltern, und wir alle, die wir ihn kennen, nehmen den herzlichsten Antheil an seinem traurigen Geschick.5 Osthoff setzte bereits bei seiner Habilitation als ein von uns Anerkannter ein, u. er hat sich diese Stellung ungeschmälert bewahrt: Leskien, Paul, Sievers, Braune, Hübschmann6 halten große Stücke auf ihn. In der That kenne ich keinen zweiten, mit dessen Methode und sprachgeschichtlicher Anschauungsweise ich so sympathisiere als mit der seinigen: eine etwas breite Darstellungsweise muß man mit in den Kauf nehmen, O. legt sie aber auch von Arbeit zu Arbeit mehr ab.

Osthoff’s (im CBlatt O..h..f) Hauptarbeiten sind seine „Forschungen im Gebiet der indogermanischen nominalen Stammbildung“, von denen bis jetzt 2 Theile erschienen sind (Jena: Costenoble 1875 u. 1876); außerdem stehen Aufsätze von ihm in Paul-Braunes Beiträgen,7 in der Zeitschr. f. vgl. S prachwissenschaft u.s.w. Sie alle legen von seiner Gründlichkeit und |3| seiner sorgfältigen Überlegung treffliches Zeugniß ab.

Meines Erachtens könnte sich jeder Lehrkörper freuen, Osthoff in seinem Kreise begrüßen zu dürfen. Obwohl wir ihn ungern verlieren, würde er doch gewiß gerne kommen, da er nach dem Tode seiner Frau sich nach einem radikalen Umschwunge seiner Verhältnisse sehnt.

Auf dem Katheder soll er sehr wirksam sein, was ich bei seiner ruhigen, bestimmten Weise von Vornherein voraussetze. Sein Probevortrag war vorzüglich. Habilitiert ist er seit 3 Semestern. Wollen Sie über seine Vorlesungen mehr wissen, so stehe ich mit Vergnügen zu Diensten.

In freundschaftlicher Ergebenheit
ganz der Ihrige

Fr. Zarncke

Leipzig,

d. 2.‘ Nov. 76.


1 Antwort auf Schuchardts Brief Nl_249_018-019 vom 31.10.1876.

2 Hermann Osthoff (1847-1907), deutscher Vergleichender Sprachwissenschaftler; 1875 in Leipzig habilitiert, ab 1878 Ordinarius in Heidelberg. Das Rennen in Graz machte Gustav Meyer (1850-1900), der 1877 die Professur für Sanskrit und Vergleichende Sprachwissenschaft als Nachfolger von Johannes Schmidt erhielt.

3 Osthoff wurde in Unna i. W. geboren.

4 Osthoff war in erster Ehe mit Henriette Schölling (1852-1876) verheiratet und hatte aus dieser Verbindung einen Sohn.

5 Osthoff heiratete 1878 Emilie Weeren und bekam aus dieser Verbindung einen zweiten Sohn und zwei Töchter.

6 Es handelt sich um die angesehenen Leipziger Professoren und Philologen August Leskien, Hermann Paul, Eduard Sievers, Wilhelm Braune und Heinrich Hübschmann.

7 Vgl. z. B. Osthoff, „Zur Frage des Ursprungs der germanischen n-Declination“, Beiträge zur geschichte der deutschen Sprache III, 1877, 45ff.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 012986)