Friedrich Zarncke an Hugo Schuchardt (29-012985)

von Friedrich Zarncke

an Hugo Schuchardt

Leipzig

17. 04. 1876

language Deutsch

Schlagwörter: Literarisches Centralblatt für Deutschland Leipzig Schuchardt, Hugo (1876)

Zitiervorschlag: Friedrich Zarncke an Hugo Schuchardt (29-012985). Leipzig, 17. 04. 1876. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10873, abgerufen am 03. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10873.


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[ Leipzig, 17.4.1876]1

Geehrter Freund.

In die dieswöchentliche Nummer kann Ihre Entgegnung der Festtage wegen keinesfalls mehr Aufnahme finden, aber ich bin überhaupt der Absicht, Ihnen den Abdruck auszureden. Es entspricht nicht der vornehmer Gewohnheit, die das CBlatt seit mehr als 25 Jahren gepflegt hat, auf jedes unsichere Gerede eines malcontenten Schriftstellers in fremden Blättern, insonders u. s. w. sich einzulassen, am allerwenigsten in so ausführlicher Weise, wie Sie es thun. Eine so eingehende Berücksichtigung eines Aufsatzes in einem fremden Blatt würde nicht als Excusatio, sondern nur als Accusatio gelten, so sehr, daß ich in dem Abdruck eine wahre Niederlage des CBl. erblicken würde. Ich setze voraus, daß Sie Ihr Urtheil mit all dem Ernste erwogen haben,2 um den ich Sie in diesem éclatanten Fall ausdrücklich gebeten hatte, u. ist das der Fall, so können wir ruhig das Urtheil der Urtheilsberechtigten uns ergehen lassen. Die Einsprüche des Ht. W. werden dann als Albernheiten ebenso erkannt werden, wie seine letzte Behauptung, daß es nicht heißen dürfe „des alten Deutschlands“; wo in der Welt gilt denn für das Deutsche die Regel, daß der Artikel dem Namen die Rectionsfähigkeit raube?

Sollten Sie überhaupt erwidern wollen, so bitte ich Sie, Sich an die „ Zeitung für d. h. Unterrichtswesen“ zu wenden, daß Ihre Entschuldigung u. Abrede (??) so vor dieselben Leser kommt, die die Angriffe gegen Sie gelesen haben.

Freundschaftlichst ergeben
in großer Eile
Ihr

Fr. Zarncke

Leipzig,

d. 17.‘ April 76.

P. Scr. Verzeihen Sie die ersten Malversuche meiner Enkelin mit Blau- u. Rotstift. do.


1 Antwort auf Schuchardts Brief Nl_249_067-068.

2 Es geht um Schuchardt, „Rez. von Wingerath, Dr. Hubert H., Prof., Choix de lectures françaises à l’usage des classes inférieures des écoles supérieures“, LCBl 27, 1876. 150-151. Hubert Heinrich Wingerath (1840-?) hatte 1867 in Bonn promoviert, war Lehrer in Köln und Eupen, bis er 1872 an verschiedenen Schulen in Elsass-Lothringen (Mülhausen, Rappoltsweiler, Strassburg [Realschule St. Johann]) unterrichtete. Die Rez. endet: „Die Einführung des Wingerath’schen Lesebuchs in den elsässischen erfolgte trotz starken Widerstandes, der ihr von berechtigter Seite entgegengestellt wurde. Man schmeichle sich in den Reichslanden nicht, daß ein derartiges Vorgehen sich der ungetheilten Sympathie des alten Deutschlands erfreue“. Wingerath repliziert in Zeitung für das höhere Unterrichtswesen 1876, 96-97. Er stellte die Kritik an seinem Buch zunächst als deutsch-feindliche Aktion einer Mülhausener Clique dar. Am Ende kommt er auf Schuchardt zu sprechen: „Wenn es nun dem Universitäts-Professor, Herrn Dr. Schuchardt, beliebt, an mein bescheidenes Lesebuch für Kinder der Unterklassen einen unmöglichen Massstab anzulegen und an ihm zumal jene billige Verbal-Kritik zu üben, von welcher so recht das Sprichwort gilt: ,Autant de têtes, autant d’avis‘, so mag er das immerhin thun; nur darf er nicht glauben, einen praktischen Schulmann ,des alten Deutschland‘ (,nicht des alten Deutschlands‘, Herr Sch.) dadurch irgendwie beirren zu können, und um so viel weniger als die fremde Fahne die er trägt, jetzt aufgedeckt worden ist“. - Schuchardt hat 1883 übrigens mit Wingerath in anderem Zusammenhang korrespondiert, vgl. HSA 12833-12835.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 012985)