Hans Stumme an Hugo Schuchardt (35-11390)

von Hans Stumme

an Hugo Schuchardt

Leipzig

02. 02. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Deutsche morgenländische Gesellschaftlanguage Berberischlanguage Bantu-Sprachenlanguage Sorbischlanguage Slawische Sprachen Schuchardt, Hugo (1922) Stumme, Hans (1899)

Zitiervorschlag: Hans Stumme an Hugo Schuchardt (35-11390). Leipzig, 02. 02. 1922. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10820, abgerufen am 21. 04. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10820.


|1|

Leipzig, Südstr. 72II.r.
2.2.22.

Hochverehrter Herr Professor! 1

Mit herzlichem Danke bestätige ich den Empfang Ihres Manuskripts „Ein auffallender Gebrauch des Genetivs im Berberischen“2 und des Begleitschreibens. Ich bin nun allerdings nicht mehr Redakteur der ZDMG, werde aber Sorge tragen, daß Ihre interessante Mitteilung in die „Zeitschrift für Semitistik“ kommt, die einen Teil der 3 Zeitschriften ausmacht, in die die alte ZDMG. zerfallen ist; sie zerfiel nämlich in die (neue) ZDMG (die indeß nur Gesellschaftsnachrichten und ganz Allgemeines auf orientalistischem Gebiete bringen soll), in die Z. für Indologie3 und in die für Semitistik. Der Leitende bei der DMG ist jetzt (nach dem Vorsitzenden Herrn Friedrich Rosen, Exzellenz, Berlin)4 der Indologe Heinrich Lüders, Berlin.5 Ihm werde ich also |2|in den nächsten Tagen schreiben, wo ich ihm zu schreiben haben werde (in Sachen der finanziellen Abrechnung). Hinzuzufügen habe ich eigentlich Nichts. Einige Änderungen möchte ich mir erlauben: statt Huyghes Wörterbuch sähe ich lieber „Huyghes’s Wörterbuch“ (wie ich auch immer „Marçais’s“ schreibe, nicht „Marçais‘“, wohl aber „Albers‘“ schreiben würde, vom Nomin. Albers); ferner statt „paien“ lieber „païen“; ferner im Texte Cohen’s statt „ce qui est da possessif“ doch wohl „de possessif“ und „de ma tia“ doch wohl „de mi tia“.

Ob áš nbnädém“6 „unglückseliger Mensch“ des Schilḥischen, s. Handbuch S. 247 hierhergehört, weiß ich nicht ganz genau, ich denke aber, doch! Das weibliche Pendant dazu wäre also z. B. ā täšt ntmġart „unglückselige Frau!“. Was mag der Ursprung jenes äš, täšt sein? Vielleicht „was?“, ﺵ ﺍ <, ﻲﺷ ﺶ ﺍ ?

Mit der Orientalistik meines Faches ist jetzt hier gar nicht viel los. Es hören zwar |3| einige Leute bei mir Berberisch und Bantu, aber diese wollen keine Gelehrten werden, sondern später drüben pflanzen und ernten (wo das geschehen soll, ist mir wie wohl auch ihnen selber vor der Hand noch unklar. Einer müht sich seit 2 Jahren mit einer Arbeit über das Relativum des Berberischen ab, ein Andrer mit einer über die Fremdwörter des Suaheli, – ich fürchte, sie werden nicht zum Abschlusse kommen.

Als Abendsport treibe ich seit etwa einem halben Jahre etwa das Wendische, habe auch eine kleine Großnichte bei mir wohnen, deren Vater echter Wende ist, die es aber trotzdem schlecht spricht. Dafür singt sie es um so schöner und war auch neulich, Anfang Januar, mit vielen wendischen Sängern im goldnen Prag, auch bei Masaryk8 etc. Sie werden von der großen Wendenfahrt gelesen haben, über die sich hier manche Zeitungen unnötig aufregten. Meiner Ansicht nach sollte man in |4| Sachsen das Wendische zu konservieren suchen; dann könnten sächsische Kinder reichlich und leicht, durch Ferienaufenthalte in der Wendei, zu einer guten Grundlage in den slaw. Sprachen kommen.

Hoffentlich befinden Sie sich wohl und können Ihren Artikel bald gedruckt erblicken9 ; und hoffentlich ist es nicht das letzte Mskr., das Sie der DMG. einsenden; Ihr Brief klingt etwas wehmütig, aber der liebe Gott wird Ihnen schon noch ein paar Jahre gönnen. Den 70. Geburtstag R. Bassets‘10 müssen wir doch auch irgendwie noch feiern; er ist ja nun wohl 68 Jahre alt.

Mit herzlichem Gruß

Ihr ergebener

Hans Stumme.


1 Links oben von der Hand Stummes „(4004.)“

2 Schuchardt, „Ein auffallender Gebrauch des Genetivs im Berberischen“, Zeitschrift für Semitistik und verwandte Gebiete 1, 1922, 227-229.

3 Zeitschrift für Indologie und Iranistik . Hrsg. im Auftrage der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft von WILH. GEIGER, Bd. 1, Leipzig: Brockhaus [in Komm.],1922f.

4 Friedrich Felix Balduin Rosen (1865-1935), auch Fritz Rosen, deutscher Orientalist, Diplomat und Politiker; von Mai bis Oktober 1921 deutscher Außenminister.

5 Heinrich Lüders (1869-1943), deutscher Orientalist und Indologe.

6 Im Original noch ein Cicrumflex über dem „ä“.

7 Hans Stumme, Handbuch des Schilhischen von Tazerwalt: Grammatik, Lesestücke, Gespräche, Glossar, Leipzig: J. C. Hinrichs, 1899.

8 Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937) war ein tschechischer Philosoph, Soziologe, Schriftsteller und Politiker sowie Mitbegründer und Staatspräsident der Tschechoslowakei.

9 Schuchardt, „Ein auffallender Gebrauch des Genetivs im Berberischen“, Zeitschrift für Semitistik und verwandte Gebiete 1, 1922, 227-229.

10 René Basset (1855-1924), franz. Orientalist; er verstarb am 4. Januar 1924 in Algier.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11390)