Otto von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (17-13187)
an Hugo Schuchardt
Unbekannt
Unbekannt
Deutsch
Zitiervorschlag: Otto von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (17-13187). Unbekannt. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10709, abgerufen am 05. 12. 2025. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10709.
[vor 1891]
Meine liebe Tante!1
Gestern Abend von Weißensee vom Kreistage zurückgekehrt, fand ich von Tante und Johanna schon gelesen, Deinen Brief vor. Da ich Gestern Abend wegen furchtbarer Hitze nicht zu schreiben vermochte, ist heute früh, wo ich antworte, also der frühste Termin wo es möglich ist.
Deine Frage in Betreff der Richterschen Heilanstalt2 will ich gern beantworten,3 doch würde es mir sehr lieb sein wenn die Familie sich auch noch bei Andern Auskunft erholte [sic].4
1) Ob der Arzt Vertrauen einflößend ist? Dr. Richter ist kein Mann, der in hochtrabenden Redensarten spricht, ja oft in sehr alltäglichster Form sich äußert. Wenn man ihn so kennen lernt und mit ihm umgeht wundert man sich daß sehr gern plötzlich seine Kenntnisse im Nervenfache durchblitzen, die ihn ja auch durch Schriften und Vorträge in medicinischen Versammlungen seinen Ruf geschafft haben, denn er erhält Kurgäste von Professoren der verschiedensten Universitäten. Seine ausgezeichnete, erfahrene Behandlung mit der Maschine, ist wohl für Jeden Vertrauen erweckend, der nach kurzer Zeit Erfolge an sich sieht |2| Es ist hierüber sehr schwer im Allgemeinen zu sprechen da das Vertrauen kommt, wenn schnelle Erfolge sichtbar sind, und wenn durch unvorhergesehene Zwischenfälle ein weniger günstiger Erfolg sich zeigt kömmt nicht allein kein Vertrauen, ja es schwindet die Hoffnung der Genesung und somit tritt für den behandelnden Arzt das Mißtrauen ein. Für meinen Theil, habe ich zu seiner Behandlung das volle Vertrauen und hat er ja auch Großes an mir geleistet. Wie oft vergesse ich jetzt, daß ich voriges Jahr ein Todescandidat war und bewege ich mich jetzt unter andere Menschen wie andere Menschen, wie dankbar muß ich also sein und wie natürlich ist es daß ich Vertrauen zu dem Dr. habe.
2) Die Anstalt liegt in der nur von Villen und hübschen Kaufhäusern mit umschlossenen Gärten gebildeten Vorstadt von Sonneberg, am Anfang eines Thales, welches fast stets Zugluft vom Gebirge hat, so daß unter den Kurgästen die stehende Redensart herrscht „Jetzt kommt der Localzug“. Das Gebirge welches bewaldet ist tritt unmittelbar an die Wohnungen heran.
3) Verpflegung ist sehr gut in jeder Hinsicht. Wenn man in der Anstalt unterkommt erhält man Cacao, Bouillon, Nachmittags Milch oder Cacao, Abendbrod. Also Alles nur nicht5|3| Mittagsbrod. Was in der Anstalt gereicht wird ist gut und reichlich. Reinlichkeit kann [gem. muss?] nicht erwähnt werden – ist selbstverständlich. Mittagstisch entweder im Hôtel Krug oder in einem anständigen Garten-Restaurant. Im erstern etwas theurer, in letzterrem weniger Speisen aber sehr gut.
4) Die Zimmer sind reinlich und bequem. Betten als Hauptsache sehr gut. Sonst ist man im Sommer fast immer im Garten in der Veranda. Da die Anstalt erst einige Jahre neu gebaut ist ¬– macht Einrichtung und Zimmer noch einen frischen Eindruck. Die Zimmer nach der Sonnenseite, schönere Aussicht auf Veste Coburg und Wald, aber wärmer als die nach Nord-Ost liegenden.
5) Gesellschaft jetzt in der Anstalt
1) Frl von Habermann Stiftsdame aus Bayern
2) Frau von Henning, aus Vehren
3) Frl von Thewaldt, aus Wiesbaden
4) Frl. Commerzienraths Töchterlein aus Westphalen.
5) Eisenbahnbaumeister Wagner Halle
6) dessen Tochter
7) Rechtsanwalt aus Camburg
8) junger Oeconom, Professor John aus Jena
9) Schüler Sven mit Pflegerin
10) Baron von Kiensberg aus München
Alle Uebrigen, gegen 30 Kurgäste wohnen in der Stadt, in Wohnungen die ganz nahe der Anstalt sind. Im Hôtel Krug wo die Betten wirklich berühmt sind, kann man ebenfalls zeitweise wohnen. Die Räumlichkeit ist in diesem Hôtel über alles Lob erhaben. Das Hôtel wird von einer Frau geleitet und allgemein gerühmt.
Jeden Morgen sitzt die ganze Gesellschaft im Garten zusammen bis der Einzelne seine Kur gebraucht. Mittags essen die Anstaltsbewohner an verschiedenen Orten. Nach Tisch trifft man sich wieder im Garten. Wenn es kühler wird gehen die Flotten spazieren. Andere spielen Karten zusammen, lesen oder vertreiben sich auf eigne Weise ihre Zeit. Abends ist gemeinschaftliche Tafel und bleibt nach derselben Alles wieder zusammen. Größere und kleinere Parthien werden von Doctors arrangirt.
6) Seit diesem Jahre wo die Zahl der Kurgäste so gestiegen geben Doctors keine specifcirte Rechnung mehr, aber sie beträgt, je nach großem oder kleinem Zimmer 40, 45 und 50 Mark pro Woche. Kur, Frühstück, Abendbrod, u. Wohnung.
Herr Professor Schuchardt kann zu jeder Zeit herreisen, nur ist nicht auf Unterkommen in der Anstalt zu rechnen. Er logirt bei Krug und dann wird er das weitere schon mit Doctors verabreden. Frau Doctor Richter ist eine [Rest am Rand von S. 1] liebenswürdige, fidele Frau, die immer guten Humor hat und viel zur Unterhaltung beiträgt. Sei bestens gegrüßt ¬– es wird Zeit daß ich schließe. Grüße von Allen. Tante Fine lässt Blatt einlegen
Dein
Otto
Daß wir uns sehr freuen Euch hier begrüßen zu können, braucht eigentlich nicht erwähnt zu werden!
1 Dieser Brief wurde offenbar von Otto Zwiedineck an Schuchardt weitergeleitet, weil dieser sich für eine Kur in der Richterschen Heilanstalt in Sonneberg interessierte. Er dürfte vor 1891 verfaßt sein, da Dr. Richter in diesem Jahr von Dr. H. Bauke abgelöst wurde.
2 Eine von zahlreichen „Kaltwasserheilanstalten“ in Deutschland und Österreich, die sich um die Jahrhundertwende großer Beliebtheit erfreuten. Die Richtersche befand sich in Sonneberg. Der Leiter war Sänitätsrat Friedrich Richter.
3 Zwiedineck war dort selber Patient gewesen.
4 Wohl gemeint: „einholte“?
5 Am linken Briefrand: „Daß wir uns sehr freuen Euch hier begrüßen zu können, braucht eigentlich nicht erwähnt zu werden!“
