Lajos Katona an Hugo Schuchardt (445-05481)
von Lajos Katona
an Hugo Schuchardt
29. 05. 1910
Deutsch
Schlagwörter: Todesfälle Mózes Rubini (1910)
Zitiervorschlag: Lajos Katona an Hugo Schuchardt (445-05481). Budapest, 29. 05. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10631, abgerufen am 10. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10631.
Budapest, 29.V.1910.
Hochgeehrter Freund!
Auf Ihren schönen und lieben Brief voll heiterer Laune und dankbaren Gedenkens an einen Derjenigen, die zu „Ihrer Freude oder Erheiterung beigetragaben haben“, muss ich nun mit innigster Ergriffenheit eine recht traurige Antwort geben. Noch ehe diese Zeilen an Sie gelangen, wird gewiss aus derselben Quelle, die Ihnen vor kaum zwei Wochen Anlass gab, sich Mikszáth‘s1|2| und der fröhlichen, vor 25 Jahren mit ihm verlebten Stunden zu erinnern, auch die erschütternde Nachricht von seinem plötzlichen Tode zugeflossen sein. Wir haben ihn gerade auf dem Zenith seiner Schaffenskraft verloren und können uns über den grossen Verlust nicht einmal damit trösten, dass er das Beste seines Könnens schon verausgabt und nunmehr nur noch |3| vom Ruhm seiner bisherigen Leistungen zu zehren hatte. Mit froher Zuversicht sahen wir noch einer langen und immer schöneren Reihe sich stets an Weite überbietender Schöpfungen seines von Jahr zu Jahr gedankentieferen und gefühlswärmeren Humors entgegen, als ganz unerwartet, inmitten des Jubelrausches einer allerdings zu stürmischen Ovation, die freilich nicht nur dem Dichter, sondern |4| auch dem Abgeordnetenkandidaten galt, der Tod der überschäumenden Festfreude ein jähes Ende machte. Das Traurigste dabei ist, dass auch diesmal, wie bei uns nur gar zu oft, die leidige Politik von der Kultur einen unersetzlichen Einsatz zum Opfer heischte. Der Ärmste musste seine schon stark erschütterte Gesundheit aufs gefahrvolle Spiel einer Rundfahrt in seinem Wahlbezirke setzen, wobei er sich eine Erkältung zuzog, |5| die seiner durch chronische Katarrhe geschwächten Lunge verhängnisvoll wurde.
Ich hatte noch nach Eintreffen Ihrer letzten freundlichen und mir so überaus wohltuenden Zeilen die Absicht, bei meinem nächsten Zusammentreffen mit ihm das ihn Betreffende Ihres Briefes zu seiner Kenntnis zu bringen und ihn zugleich zu seiner Jubelfeier in Ihrem Namen zu beglückwünschen. Was das Datum anbelangt, wären wir damit |6| noch gar nicht zu spät gekommen, da wir ja nicht seinen 60. Geburtstag, sondern sein 40-jähriges Schriftstellerjubiläum feierten, das bequem aufs ganze laufende Jahr verteilt werden konnte. Freilich mag auch die more patrio allzu lange Verschleppung der dionysischen Laune einer solchen Festfreude das ihrige dazu beigetragen haben, dass sein durch so manche unmässige Liba- |7| tion geschwächter Organismus einem stärkeren Angriff nicht widerstehen konnte. Nun ist es übrigens ziemlich belanglos, angesichts der unveränderlichen Tatsache nach der unmittelbaren und eigentlichen Todesursache zu forschen. Durch Feststellung derselben lässt sich weder unser Verlust, noch unser tiefer Schmerz darüber verringern.
Zur Landestrauer, die in diesem Falle noch dadurch vergrößert wird, dass der Dahinge- |8| gangene in seinem intimen Freundeskreise ein ungemein liebenswürdiger Gesellschafter und unerschöpflicher Born erheiternder Laune war, gesellt sich nun auch das schmerzvolle Bewusstwerden dessen, was wir auch an dem Menschen, abgesehen vom Dichter, verloren haben. Allerdings bin ich mir dieses Verlustes erst in allerletzter Zeit bewusst geworden, da ich erst unlängst seine wahre persönliche Bekanntschaft gemacht und seitdem hie und da Gelegenheit dazu bekommen habe, |9| recht frohe und in mancher Beziehung auch sehr lehrreiche Stunden mit ihm unter demselben gastfreundlichen Dache zu verleben. Gerade eine solche Gelegenheit, die sich bald bieten sollte, war dazu meinerseits ausersehen, ihm die Grazer Jubelgrüße zu übermitteln. Nun hat der unerbittliche Strich durch unsere menschlichen Rechnungen auch diesen, wie schon so manchen schönen Vorsatz in meinem Leben ausgelöscht.
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|10| Häusliches Ungemach, vor allem Kränklichkeit meiner armen alten, nun schon in ihr 74. Lebensjahr tretenden Mama, trägt auch das seinige dazu bei, meine Stimmung zu verdüstern. Sie, hochgeehrter Freund, der Sie nun schon gerade seit einem Vierteljahrhundert als Licht und Wärme spendendes Gestirn über meinen Lebenspfaden wandeln, werden es mir am allerwenigsten verargen, wenn ich auch |11| de profundis mit unentwegtem Vertrauen an Sie gewendet, Ihnen auch meinen Schmerz über meine Trauer, meine Verzagtheit und bange Sorgen nicht verhehle, ebenso wie ich mich ab und zu durch einen unwiderstehlichen Drang dazu angefacht fühle, Ihnen von Allem, was mich freudig und schaffensfroh anregt, Mitteilung zu machen. Dass Sie mir dieses schon seit 25 Jahren stets gestattet haben und dessen noch immer nicht müde |12| und überdrüssig geworden sind, das rechne ich zu dem reichsten und teuersten Gewinne und Schatze meines Lebens, das kaum einen segensvolleren Moment und auch der gleich segenswerten nur wenige zählt, wie jener war, in dem Ihr Name zum ersten in meine kreolistischen Jugendtändeleien hineinleuchtete. Seitdem ist mir nur noch zweimal eine so schöne Sonne aufgegangen.
Mit treuherzigem Gedenken an
jene schönen Tage, Ihr ganz ergebener
Katona
Dankbare Grüsse auch von Mutter, Frau und Kind. Vielleicht führt unser Sommerweg uns heuer doch über Graz. Das walte Gott!
1 Kálmán Mikszáth (1847-1910), ungar. Schriftsteller; vgl. HSA 07381. – Er war am 28. Mai 1910 in Budapestverstorben. Vgl. Mózes Rubini, Mikszáth Kálmán stílusa és nyelve, Budapest: Révai, 1910 [= Stil und Sprache von Mikszáth Kálmán].
