Lajos Katona an Hugo Schuchardt (434-05473)
von Lajos Katona
an Hugo Schuchardt
24. 12. 1908
Deutsch
Zitiervorschlag: Lajos Katona an Hugo Schuchardt (434-05473). Budapest, 24. 12. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10620, abgerufen am 18. 05. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10620.
Budapest, 1908, Dez. 24.
II. Kristina-Körnut 33.
Hochgeehrter Freund!
Den ersten freien Tag nach so vielen gehetzten benütze ich dazu, um in der feierlichen Weihnachtsstimmung der Dämmerstunden des heiligen Abends im Geiste Sie aufzusuchen und mit Ihnen zu plaudern. Ich hätte Ihnen so manches zu sagen, was sich schwer aufs Papier bringen lässt, besonders weil ich mit zunehmendem Alter immer mehr von der früheren Polyglottie einbüße und mich in fremder Sprache immer schwerfälliger ausdrücke. |2| Herr Szily1 hat mir neulich einmal erwähnt, dass Sie an ihn geschrieben und beiläufig der seltenen Nachrichten erwähnt haben, die Sie seit einer Zeit aus Ungarn bekommen. Ich weiß nicht, ob ich recht, oder das Recht habe, hierin einen Vorwurf zu sehn, aber es will mir beinahe so vorkommen, als wenn ich mich einer allzu großen Zurückhaltung Ihnen gegenüber zu beschuldigen hätte. Nun will ich also meinen Fehler, wenn es wirklich einer war, wieder gut machen und von nun an Sie, hochgeehrter Freund, häufiger mit meinen Zeilen aufsuchen, wenn Sie durch dieselben nicht belästigt und nur dann zu einer Antwort veranlasst |3| werden, wenn es Ihnen etwa gefällt und gar keine Mühe macht, Ihren alten getreuen Schüler mit einem kleinen Lebenszeichen zu erfreuen.
Ich will also vorläufig nur über mein vegetatives und animales Leben berichten, da über ein geistiges seit meiner Ernennung zum Ordinarius nicht viel aufzuzeichnen ist. Die täglichen Vorträge, die ziemlich häufigen Rigorosen und die noch ärgeren Colloquien – eine spezielle Landplage der ung. Universitäten – nehmen mich derartig in Anspruch, dass ich zu litterarische Arbeit nicht einmal so viel Zeit habe, wie früher, als ich noch an der Mittelschule mit dem Heftekorrigieren zu tun hatte. So kommt man im Leben aus dem Regen immer in die Traufe. |4| Was aber noch viel trauriger ist, das sind die immer importuner werdenden Boten des Todes, oder doch wenigstens des Alters: Augenschwäche, Gliederreissen, Atemnot, häufige Acedia2 (die Modernen heißen es Neurasthenie), in der für einen sogen. geistigen Arbeiter besonders unliebsamen Form der Denk- u. Schreibfaulheit. Und „was man sich in der Jugend wünscht, das hat man im Alter die Fülle“:3 nämlich Engagements und Aufträge, wenn man nur dazu käme, dieselben schön in Reih‘ und Glied zu ordnen und wenigstens einen Plan zur Erledigung derselben auszuarbeiten. Ich will aber nicht weiter klagen, denn es sieht beinahe so aus, als wenn ich prahlen möchte. (Száli, te dicsekeszel – lautet die Pointe einer hierauf bezüglichen Anekdote.4) Übrigens hätte ich auch zu Letzte- |5| rem einigen Grund, da ich endlich, post tot discrimina rerum,5 dazu gekommen bin, als wohlbestallter Romanist, wenigestens als Supplent,6 ein einstündiges Kolleg für das nächste Halbjahr anzuschlagen. Da fällt mir wieder eine alte Anekdote ein, vom alten Pfarrer, der eine hübsche junge Köchin hatte und melancholisch aufseufzte: mig volt mivel, nem volt kivel; most van kivel, de nines mivel!7 So geht es nun auch mir. Als ich noch jung und arbeitslustig war, pochte ich vergeblich an die Tür, die zum Romanisten-Katheder führt; jetzt, wo ich bereits alt und für ein anderes Fach abgestempelter Ordinarius bin, muss ich von Amts wegen Französisch versehn. Es handelt sich übrigens nur darum, für ein Semester und bloss 1/5 des Lehrstuhles zu vertreten. Ich werde über die Lais der Marie de France lesen, ein junger Dozent liest 2 St. histo- |6| rische frz. Grammatik, der für alles zu habende Alexander über frz. Romantiker und ausserdem Medveczky8 als Volontaire über Rousseau. Während des Semesters muss ich noch das Referat über die Konkurrenz abstatten, das jetzt, nachdem der einzige Rivale Harasztis (des Klausenburgers)9 zurückgetreten und auf seine Supplentenstelle verzichtet hat, etwas einfacher und gefahrloser sein wird. Hören oder lesen auch Sie etwas über die erbauliche Polemik (eigentlich nur Balgerei) zwischen Ph. A. Becker (Wien) und Guillaume Huszár (Budapest)10? Die Herren scheinen den Inseratateil der Deutschen Litteraturzeitung und des Lit. Centralblattes |7| auf Monate gepachtet zu haben.11 – Bald wird auch für den rumänischen Lehrstuhl die Konkurrenz ausgeschrieben werden. Wie Sie sehen, ist in unserer Romania ein ziemlich reges Leben, leider aber nur um die Brotkörber herum, zu verzeichnen.
Nun sei aber des ungelehrten Klatsches genug. Mit herzlichen Grüßen von uns Allen und den besten Wünschen zum herannahenden neuen Jahre,
Ihr treu ergebener
LKatona.
|8| 25.XII.1908.
8 Uhr i. d. Fr.
P. S. Dieser Brief war schon, wie aus den ausgestrichenen Zeilen12 ersichtlich, zur Aufgabe bereit, als am Weihnachtsmorgen Ihre ahnungsvolle liebe Antwort auf die nunmehr überflüssigen Schlußfragen eintraf. Zugleich will ich die Gelegenheit dazu benutzen, um über die Meinigen einiges nachzutragen. Sie befinden sich, Gott sei’s gedankt, alle recht wohl. Irénka spricht schon ganz gut Deutsch und lernt jetzt Französisch. Wir schließen uns aus ganzem Herzen denjenigen an, die Ihnen zu Ihrem neuen Heim gratulieren und wünschen, daß Sie noch eine lange Reihe recht vergnügter, arbeitsfroher Jahre darin erleben mögen. Es müsste ganz gegen unsere Hoffnung und Absicht kommen, wenn wir Sie in den nächsten Sommerferien daselbst nicht aufsuchen könnten.
Auf baldiges Wiedersehen!
1 Kálmán Szily (1838-1924), ungar. Sprachwissenschaftler; vgl. HSA 11497-11523.
2 „Lebensüberdruss, Entschlusslosigkeit“.
3 J. W. v. Goethe, Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 2. Teil, 1811-1812; Motto zum 6. Buch.
4 Aus der Margarita poetica: „Rose, Du rühmst Dich …“.
5 „Nach so vielen Widrigkeiten“.
6 „Vertreter“.
7 Etwa: „Als ich noch wollte, da gab es niemanden, und jetzt, wo jemand da ist, will ich nicht mehr“.
8 Frigyes Medvecsky (1845-1914), Philosophie-Dozent in Budapest.
9 Gyula Haraszti (1858-1921), ungar. Philologe, war bereits zuvor in Budapest Professor geworden, doch hatte ihm die Fakultät 1896 Becker als Ordinarius (zunächst!) vorgezogen.
10 Guillaume (Vilmos) Huszár (1872-1931), ungar. Hispanist. Es geht vermutlich um Philipp August Beckers missglückte Geschichte der spanischen Literatur, Strassburg: Trübner, 1904.
11 Das stimmt in der Tat; greifen wir z.B. die Deutsche Literaturzeitung 29, 1908, heraus, so finden sich darin in den Sp. 1029-30, 1956, 2991-2992 heftige Schmähungen Huszárs.
12 Auf S. 7 unten ist gestrichen: „Ich bitte Sie, gelegentlich Ihrer gütigen Antwort mir Ihre neue Adresse freundlichst anzugeben. Ich habe Ihnen vor einigen Tagen ein kleines Heftchen zugesandt, das Sie hoffentlich erhalten haben“.
