Hugo Schuchardt an Lajos Katona (401-05067_450)

von Hugo Schuchardt

an Lajos Katona

Bad Ems

05. 09. 1905

language Deutsch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Lajos Katona (401-05067_450). Bad Ems, 05. 09. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10588, abgerufen am 14. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10588.


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Bad Ems, den 5 Sept 1905

Lieber Freund,

Sie wünschten während meiner Abwesenheit von Graz Lebenszeichen von mir zu erhalten. Ich gebe Ihnen zunächst ein solches von einem Ort wo mich auch ein Lebenszeichen von Ihnen, bei nicht zu grossem Aufschub, noch antreffen wird.

Also nun wissen Sie es auch was ich Ihnen nur vermutungweise sagte: Philipp August1 geht nach Wien. Kαὶ σύ;2 Zum Henker, jetzt sollen Ihre Freunde |2| etwas für Sie tun, und sei es auch dass Sie nun um im Wippchenschen3 Stil zu reden, Ihnen einen Lehrstuhl auf den Leib zuschnitten. Leider habe ich K. Szily,4 der mich auf der Fahrt nach Radegund besuchte, dort nur flüchtig gesehen, kurz gesprochen. Ich bin nämlich eines schönen Tages nach Radegund kutschiert, um zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen, habe aber doch eigentlich nur eine getroffen. Ich war Paul Reininghaus5 noch vom vorhergehenden Jahre einen Besuch schuldig, und habe nun Szily auf der Hinfahrt zu dem mittelalterlichen Schloss Isenrode,6 bei dem ich an den hl. Graal denke, nur begrüsst und ihm gesagt, ich würde dann am Abend ihn gründlicher heimsuchen. Und mein Vorhaben hätte ich auch, bei meiner gewohnten Hartnäckigkeit, ausgeführt |3| - aber der Mensch denkt und die Frau lenkt. Ich hatte eben die Einladung zu dem sehr verspäteten Abendbrod ausgeschlagen, da rief die Hausfrau: Und Ihretwegen haben wir Forellen kommen lassen (das bezieht sich auf eine frühere Forellengeschichte die ich mir und Ihnen erspare). Szily wird als ritterlicher Madjare die Unzuverlässigkeit des Mannes dem Manne gegenüber entschuldigen, wenn sie durch die Liebenswürdigkeit der Frau hervorgerufen worden ist.

Ich versuche hier meinen Rachenkatarrh usw. los zu werden, bin schon 10 Tage hier, habe also noch kaum die Hälfte meiner Kur erledigt.

Empfehlen Sie mich Ihren beiden Friedensgöttinnen und seien Sie herzlichst gegrüsst und bewünscht
von Ihrem
alten
HSch.

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1 Philipp August Becker (1862-1947), franz.-deutsch-österr. Romanist; vgl. HSA 00889-00897.

2 „Und Du?“

3 Titel einer von Julius Stettenheim hrsg. satirischen Zeitschrift, daher die Redensart „Mach keine Wippchen“ (= „erzähl keine Märchen“).

4 Kalmán Szily (1838-1924), ungar. Sprachwissenschaftler; vgl. HSA 11479-11523.

5 Paul Reininghaus (1859-1920), österr. Industrieller.

6 Das Schloss, nach den Plänen eines Architekten aus dem Tessin im gotischen Stil erbaut, liegt am Rand von St. Radegund.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Bibliothek und Informationszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Abteilung für Handschriften und Alte Bücher. (Sig. 05067_450)