Lajos Katona an Hugo Schuchardt (396-05462)

von Lajos Katona

an Hugo Schuchardt

Budapest

06. 06. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Geburtstag Schuchardt, Hugo (1905) Katona, Lajos (1907) Katona, Lajos (1905) Hermán ([o. J.]) Ottó Hermán (1885) Ottó Herman (1901)

Zitiervorschlag: Lajos Katona an Hugo Schuchardt (396-05462). Budapest, 06. 06. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10583, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10583.


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Budapest, 6. Juni 1905.

Hochgeehrter Freund!

Sie haben der Familie Katona wieder einen schönen Festtag bereitet, dessen Freude nur durch ein sehnlichst erwünschtes Erscheinen des Originals der gesandten vorzüglichen Photographie überboten werden könnte. Sie wissen doch gewiss, wie herzlich wir Sie lieben und verehren und wie glücklich wir wären, wenn Sie wieder einmal in unserem Kreise Umschau halten wollten. Hitze und Trockenheit der Luft lässt gegenwärtig, und wird voraussichtlich noch lange nichts zu wünschen lassen, sowohl was die Quali- als auch die Quantität anbelangt. Dazu ist wenigstens bei uns auf der Ofner Seite auch der Staub nicht allzugross, gewiss viel geringer als in Kerskemét1 oder Apatin.2 Also frisch gewagt und kommen Sie auf einige recht gemütliche Sommerwochen zu uns herüber. Wir wollen unser Möglichstes tun, um Sie bei uns recht |2| wohl und warm zu halten. Dabei könnten wir ganz flotte ethnographische Studienausflüge machen, wobei ich schon dafür Sorge tragen würde, dass Sie nicht allzu stark durch die herkömmliche Bácskaer3 Gastfreundschaft zu leiden hätten. Vilibáld,4 selber ein Banater, würde mir schon dabei behilflich sein, um die allzu hoch geschwellten Fluten landesüblicher Liebenswürdigkeit in die wohltätigen Dämme einer wenigstens rudimentären Civilisation einzuwängen. Aber Spass beiseite; Sie würden es wirklich nicht bereuen, wenn Sie diesmal wieder dem Lande des bereits eingebürgerten Exlex5 den Vorzug geben wollten.

Ich habe im ethnogr. Museum über die Kreisel und Kindersparbüchsen nachgefragt,6 aber weder für jene noch für diese was Erhebliches gefunden. Der gute Vilibáld aber, der recht gern eine jede Gelegenheit zur Bereicherung seiner Sammlung ergreift, kam sofort auf die ganz praktische Idee, dass wir einen Aufruf durch die Zeitungen veröffentlichen lassen, womit die sogenannte Intelligenz aufgefordert werden soll, die in verschiedenen Gegenden |3| verbreiteten Typen, wennmöglichst auch die älteren Stücke dem Museum einzusenden. Bei manchen Objekten haben wir auf diesem Wege schon ganz nette Ergebnisse erzielt; manchmal ist allerdings das Echo bedeutend unter unseren Erwartungen geblieben. Der Rosen’sche Artikel7 hat nun auch mich sehr angeregt und ich bin Ihnen zu bestem Danke verpflichtet, dass Sie mich auf denselben gelenkt haben, da ich ihn ohne diesen Fingerzeig sehr leicht übergangen hätte. Ich lese nämlich nur ganz unsystematisch und unmethodisch und bewege mich besonders seit den letzten 5-6 Monaten beinahe ausschließlich im Bannkreise des auch mir nicht besonders lieben Sängers der Laura.8 Sobald als wir dann einiges Material beisammen haben werden sollen Ihnen Abbildungen durch das Museum zur Verfügung gestellt werden. Selbstverständlich werde ich dafür Sorge tragen, dass die sprachliche Seite dabei gehörig berücksichtigt werde und die in jeder Gegend üblichen Benennungen mit all dem Herkömmlichen, was noch drum und dran hängt, gewissenhaft aufgezeichnet seien.

Die Anzeige Ihrer monumentalen Festschrift soll im September-Heft der Ethnogr. (Beil. des Museums) kommen.9 Semayer gedenkt auch einige Abbildungen aus Ihrem Werke zu übernehmen. Er lässt Ihnen nun durch mich für das schöne Geschenk danken, |4| und wenn er es bisher nicht in officieller Form getan hat, so war es nur darum, weil er Sie mit der Anzeige überraschen wollte. Nun kam ihm mein Aufsatz sehr gelegen, weil er – wie er sagt – keinen besseren Rezensenten sich hätte wünschen können. Hierin wird er nun, was die Fachkenntnis anbelangt, gewiss nicht recht haben, was aber die gute Absicht und das herzliche Interesse an der Sache und für den Verfasser betrifft, vielleicht doch nicht fehlgehen.

Otto Herman10 ist am 27. Juni 1835 zu Diosgyör11 im Borsoder Komitat geboren. Schade, dass er sich mit weil. Jankó und infolge dessen auch mit Semayer herumgebalgt hat, und dass wir somit nicht im Einvernehmen mit dem Museum ihm gebührende Ovation bei dieser passenden Gelegenheit12 darbringen können, wie ich es sehnlichst wünschte. Dass er kein Akademiker ist, darüber kann er sich leichter hinwegtrösten als die Akademie; es ist aber doch eine Schande, die leider jetzt schon kaum mehr gut zu machen ist. Er ist schon längst über das Mass der ordentl., geschweige denn der corresp. Mitglieder hinausgewachsen. Zu hon. Mitgliedern wieder werden bei uns gewöhnlich nur Mäcenaten oder Dilettanten höheren Ranges gewählt. Warum er aber seinerzeit, als er über die |5| Spinnen13 und dann über die Fischerei14 seine epochalen (wenigstens bei uns) Werke geschrieben hatte, nicht gewählt worden ist, darüber müssten Sie einmal gelegentlich Onkel Szily befragen, der einer der besten Feunde Hermans ist und jetzt nicht mehr gehalten ist, dergleichen Geheimnisse der Akademie peinlichst hinter Schloss und Riegel zu verwahren. Hat er doch das Generalsekretariat, wie Sie wohl wissen werden, erst unlängst mit dem viel bequemeren Amte des Oberbibliothekars vertauscht, um beinahe ausschließlich der Redaktion des „Magyar Nyelv“ leben zu können, und nebenbei Heinrich15 zur vollen Pension das schöne Gehalt des Generalsekretärs zu sichern. Freilich hat er dabei nichts verloren, da er vorsichtig genug war, die Besoldung des Bibliothekars auf die Höhe seiner bisherigen Bezüge heben zu lassen. Wenn ich dieser Umstände beiläufig gedenke, so geschieht es gewiss nicht aus Missgunst; hoffentlich kennen Sie mich viel besser, als dass ich vor Ihnen in den Verdacht einer so niedrigen Gesinnung kommen könnte. Aber die Bibliothekarsstelle wäre eine wahre Wohltat für einen sehr verdienten Historiker gewesen, der sich mit saurer Mühe zu einer sehr bescheidenen Amtsstellung emporgehungert hat, |6| Vater von einem halben Dutzend Kindern und auch sonst ein vom Schicksal hart geprüfter Mann ist, und diesen armen Teufel hat die Welt Szilys von der einzigen Möglichkeit beraubt, sich in einer verhältnismässig bequemeren Lage ausschließlich seinen wissenschaftlichen Forschungen widmen zu können. Ich will aber über diese und ähnliche unerquicklichen Sachen kein weiteres Wort verlieren, da dies mich nur zur Besprechung noch anderer Übelstände bei uns verleiten könnte, deren ich mich auch vor Ihnen, meinem vertrautesten und würdigsten Gewissensrat schämen müsste. Die Sympathien, die Sie meinem Volke und einem der bescheidensten und unwertesten Vertreter desselben nun schon seit zwei vollen Jahrzehnten entgegenbringen, sind eines besseren Dankes wert, als dass ich sie durch allzu grelle Beleuchtung unserer Krebsschäden verscherzen möchte.

Über unsere Sommerpläne kann ich Ihnen noch nichts Bestimmtes schreiben. Meine Frau kann erst Mitte Juli loskommen, möchte dann mit der Kleinen ein bescheideneres Seebad an der Adria besuchen. Ich fürchte mich aber vor der Hitze und den Mücken daselbst und werde wahrscheinlich ins Ampezzotal gehn. Auf Nachkur treffen wir dann vielleicht in Judendorf zusammen, wobei ich mir nicht der Hoffnung schmeichle, Sie im August noch in Graz und Umgebung sehen zu können.

Mit herzlichsten Grüssen und bestem Danke von uns Allen Ihr treu ergebener
LK.


1 Stadt in der großen ungarischen Tiefebene.

2 Stadt an der Donau im heutigen Bezirk Zapadna Bačka der autonomen Provinz Vojvodina in Serbien.

3 Region im heutigen Südungarn und Serbien.

4 Vilibáld (Willibald) Semayer (1868-1928), ungar. Anthropologe und Ethnograph; vgl. HSA 10499-10505.

5 „vogelfrei, an kein Gesetz gebunden“ – vermutlich meint sich Katona selber.

6 Diese Recherchen dürfen noch mit Schuchardts Mussafia-Festschrift zusammenhängen, in der u. a. von Kreiseln die Rede ist.

7 Karl Emil Felix Rosen (1863-1925), Pflanzenbiologe, Autor und Äthiopienspezialist.

8 Katona, Petrarca, Budapest: Franklin-Társulat, 1907.

9 Nur nachweisbar Katona, „[Rez. von:] Hugo Schuchardt an Adolf Mussafia. Graz im Frühjahr 1905. (41 legnagyobb ívrétü lap, 65 ábrával s egy kezdő- és záróképpel. A gráczi „Styria" cs. kir. egyetemi nyomda nyomása, Leuscliner és Lnbensky egyetemi könyvárus kiadása.)“, A Magyar nemzeti muzeum néprajzi osztalyanak ertesitöje 6(1), 1905, 240-243.

10 Ottó Hermán (1835-1914), ungar. Anthropologe; vgl. HSA 04615-04665. – Laut Wikipedia wurde er am 26. Juni 1835 in Breznóbánya (heute Slowakei) geboren.

11 Histor. Stadt im Nordosten Ungarns.

12 70. Geburtstag.

13 Otté Hermán, Ungarns Spinnen-Fauna I-II, Budapest: K. U. Naturwissenschaftliche Gesellschaft, 1879.

14 Ottó Hermán, Urgeschichtliche Spuren in den Gerathen der Ungarischen Volksthumlichen Fischerel, Budapest: Franklin, 1885; Die Fängigkeit der Fischzäune und Fischreusen, Wien: Jasper, 1901.

15 Gustav Heinrich (1845-1922), ungar. Literaturhistoriker.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05462)