Hugo Schuchardt an Lajos Katona (314-05067_395)

von Hugo Schuchardt

an Lajos Katona

Graz

03. 02. 1902

language Deutsch

Schlagwörter: Geburtstag

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Lajos Katona (314-05067_395). Graz, 03. 02. 1902. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10501, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10501.


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Graz, 3 Febr 1902

L. Fr.!

Ich hätte Ihnen noch propter nimium est, est, est1 zu danken und der Irénka für Ihre freundlichen Zeilen die allerdings auf die krasse Unwahrscheinlichkeit anspielten daß ein Kind vor Weihnachten nicht ganz artig sei.

Wenn mich fast immer nur der Egoismus zum Briefschreiben treibt, so bitte ich das zu entschuldigen; ich bin auch fast immer elend. Jetzt haben mich die Nerven wieder ordentlich; dabei leide ich an einer Abmagerung für die die Ärzte noch keine Ursache entdeckt haben. – Mein diesmaliger Eigennutz besteht in der Bitte das Umstehende magyarisirt der Ethnographia zu- |2| zuführen.2

Ich interessire mich auch für Ihre Kandidatur und habe auch Gelegenheit mein Interesse kund zu geben. Mögen Sie nun um so rascher auf der Laufbahn vorwärts kommen, je länger Sie gezaudert haben sie zu betreten. Mein anspornendes Wort half Nichts; es bedurfte dazu einer Egeria.3 Ich bitte mich ihr bestens zu empfehlen.

Mit herzlichem Gruss und bestem Dank im Voraus
Ihr
HSchuchardt

|3| Szurum-burum.4 Die Anfrage welche Kiraly P. unter diesem Schlagwort in der Ethnographia XIII, 45 f. veröffentlicht hat, möchte ich so beantworten dass das tatar. szurum-burum über welches die Budapester Gelehrten bessere Auskunft zu geben vermöchten als ich, allerdings mit dem magy. szöszon-boron verwandt zu sein scheint, jedenfalls aber im Magyarischen sicherere oder doch nähere Verwandte besitzt. In vielen europäischen und asiatischen Sprachen nämlich, von den Säulen des Herkulesbis zur Sundasee finden sich gewisse Wortformen, welche durch ihre Lautgestalt und durch ihre Bedeutung auf einen gemeinsamen Ursprung hinweisen. Ich habe sie zusammengestellt in meinem Slawo-Deutsches und Slawo-Italienisches S. 68 und in den Nachträgen dazu in der Ztschr. f. d. österr. Gymn. 1884 S. 901 und 1886 S. 337 f., auch werde ich in einem der nächsten Hefte der Ztschr. f. deutsche Wortforschung darauf zurückkommen. Aus dem Magyarischen gehören dazu csuri-muri „werthlos“ (vgl. pers. šuri-muri, „res agitata nullius momenti“, türk. šurmur „werthloses Ding“, „Verwirrung“, deutsch Schurrmurr „Gerümpel“ u.sw., csiri-biri „werthlos“ und „Tauschhandel“ (vgl. rum. čiri-miri |4| alb. širi-miri „Durcheinander“, serb. šuri-buri „hin und her“ u. s. w.), und cserbere „Tauschhandel“, wo sich csere eingemischt hat. Ich glaube nun allerdings, dass szöszon-boron (die Citatzahl im Tájszótár5 ist, beiläufig gesagt, unrichtig) damit zusammenhängt; aber die Einmischung von Szösz und bor ist um so wunderbarer als dadurch sowohl der konsonantische wie der vokalische Zusammenhang aufgehoben wird.

HSch.


1 Anspielung auf eine berühmte Anekdote über den Muskatellerwein von Montefiascone am Lago di Bolsena. Ein Diener sollte seinem Bischof Johann von Fugger guten Wein besorgen und fand in Montefiascone den besten, weshalb er an den Bischof schrieb: Est, est, est! Der Bischof fand das auch und trank sich an dem Wein tot, woraufhin ihm der Diener auf den Grabstein schreiben ließ: Est, est, est! propter nimium Est hic Joannes de Fugger dominus meus mortuus est. - Schuchardt bedankt sich mit dieser Anekdote vermutlich für eine Weinsendung Katonas zu seinem Geburtstag, der allerdings erst einen Tag später zu feiern war! (Möglich wäre auch ein verspäteter Dank für ein Weihnachtsgeschenk).

2 Vgl. den Text am Ende des Briefs.

3 In der römischen Mythologie die Quellnymphe, die den sagenumwobenen römischen König Numa Pompilius beriet und ihm den Weg zur Herrschaft bahnte. Hier natürlich Anspielung auf Katonas Frau!

4 Der ungar. Text ist abgedruckt in Ethnographia. A Magyar Néprajzi Társaság folyóirata 13, 1902, 94. Allerdings fehlt der Name des Übersetzers!

5 Kiadta Magyar Tudós Társaság (1838).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Bibliothek und Informationszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Abteilung für Handschriften und Alte Bücher. (Sig. 05067_395)