Hugo Schuchardt an Lajos Katona (291-05067_383)

von Hugo Schuchardt

an Lajos Katona

Graz

15. 11. 1900

language Deutsch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Lajos Katona (291-05067_383). Graz, 15. 11. 1900. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10479, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10479.


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Graz 15 Nov 00

Lieber Freund,

Ich danke Ihnen für die endlich gedruckte in Gedanken gehaltene Antrittsvorlesung;1 hoffentlich bleibe ich nicht das einzige ausländische Publikum – Ihre journalistische Ader kommt Ihnen gerade bei allgemeinen Auseinandersetzungen sehr zu Statten, deshalb bedaure ich immer noch dass Sie sich damals nicht zum „Katechismus des Folklore“ aufgeschwungen haben. Damit soll keineswegs gesagt sein dass Sie nicht auch im Besonderen zu excelliren wissen; |2| als Sie mir verwundert als bewundernd von der unglaublichen Geduld sprachen mit der ich mich in die Fischereiminutien2 vertiefte, da dachte ich: Na, der sieht den Balken im eigenen Auge nicht.

In Apatin3 habe ich sehr angenehme und lehrreiche Tage zugebracht – abgesehen von der Wirkung einer gewaltthätigen magyarischen Gastfreundschaft; seither trage ich aber auch ein Problem mit mir herum, dessen Lösung ich von Andern erwarte. Auf das Sprachliche habe ich nur nebenbei geachtet – es interessirt mich nur wiederum wegen der Fischereiausdrücke: aber ich habe es nicht recht lokalisiren können. Nach der Herkunft der Kolonisten lässt sich ja eigentlich |3| auch nur eine Mischsprache erwarten. Schwäbischer Grundton scheint unverkennbar. Aber wie steht es im Allgemeinen mit den Übereinstimmungen und den Unterschieden zwischen den deutschen Sprechweisen der Bácska und des Banats? Wie soll man sichs erklären wenn in Bezug auf irgend eine Kleinigkeit der Fischerei dieselbe Bezeichnung herrscht? Ist sie aus Deutschland mitgebracht worden? Haben die Apatiner sie verbreitet? Soviel ich sehe, hat man sich nur mit dem Deutsch der Siebenbürger und der Zipser beschäftigt; bei Melich finde ich Nichts angemerkt. Wissen Sie, ex-créolisant, keinen Rath? Et illic Creolici sunt, et illic salta!4|4| Ich muss noch doch die Herman-Jankó’sche Polemik sehr bedauern.5 Man wird kein ruhiges Wort mehr über einen der Punkte sagen können die dabei vorgebracht worden sind. Herman hat sich in ganz leichtsinniger Weise verhauen.

Erkundigen Sie sich doch gelegentlich bei Ihren Mit-Ethnographen, oder auch in feierlicher Sitzung wegen des Rechts- oder Linksausweichens in Ungarn. Sie wissen, bei uns in Steiermark wird links ausgewichen (beim Fahren und Reiten) – fast in der ganzen übrigen Welt rechts. Ein Kutscher mit dem ich von Herkulesbad nach Orsova fuhr, meinte, man sei in dortiger Gegend früher auch links ausgewichen, durch ministerielle Anordnung sei das geändert worden. Mich interessirt das als einen der Unglücklichen die rechts und links erst nach längerer Überlegung unterscheiden können.6

Szily haben Sie gewiss nichts von meinem Besuch in Radegund gesagt; 9 Gulden hat mich die Fahrt gekostet, d. h. meine Liebe zu ihm, und das heisst etwas bei den jetzigen Kohlenpreisen.

Mit herzlichsten Grüssen an Sie und verehrungsvollen Empfehlungen an die Gattin

Ihr ergebenster
HSch


1 Katona, Temesvári Pelbárt példái. Székfoglaló értekezés [= Die Beispiele Pelbárts von Temesvár. Antrittsvorlesung], Budapest 1902.

2 Hier i. S. v. „Einzelheiten, Kleinigkeiten“.

3 Stadt an der Donau im Bezirk Zapadna Bačka der heutigen autonomen Provinz Vojvodina in Serbien.

4 Abwandlung des in der Äsopschen Fabel Nr. 203 berühmten Aufrufs an den Prahlhans, der behauptete, auf Rhodos einen gewaltigen Weitsprung getan zu haben, jetzt sofort zu springen, denn „hier ist Rhodos“. Im vorliegenden Kontext also: „Auch dort wohnen Mischsprachler, und mach dich dort sofort an die Arbeit!“

5 Vgl. dazu ausführlich HSA 04-04507 (Wilhelm Hein an Schuchardt, 14.11.1900), hier bes. Anm. 1 u. 2.

6 Österreich-Ungarn war nach Napoleons Niederlage zum Linksverkehr zurückgekehrt – allerdings mit Ausnahme der damaligen Kronländer Tirol (dazu zählte auch Vorarlberg), Dalmatien, Krain und Küstenland. ... In vier weiteren Etappen wurde bis 1938 in ganz Österreich auf Rechtsverkehr umgestellt.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Bibliothek und Informationszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Abteilung für Handschriften und Alte Bücher. (Sig. 05067_383)