Hugo Schuchardt an Lajos Katona (130-05067_279)

von Hugo Schuchardt

an Lajos Katona

Westerland

20. 09. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: Magyar Nyelvör Schuchardt, Hugo (1889)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Lajos Katona (130-05067_279). Westerland, 20. 09. 1889. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10317, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10317.


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Westerland 20 Sept 89.

Lieber Freund!1

Ich freue mich dass Sie zu aeusserer Ruhe gelangt sind; geistige Beunruhigung wird wohl die Hauptstadt mehr schaffen als Fünfkirchen. Ein schöner Feuereifer muss der Herrmanns2 sein den Sie dämpfen sollen; da muss ich es wohl aufgeben den Ihrigen zu dämpfen. Aus diesem Grunde – dann aber auch wegen der jetzt bei mir obwaltenden Schreibfaulheit – verzichte ich wenigstens vorderhand darauf mein Garn in der Richtung Ihres folkloris- |2| tischen Unternehmens weiterzuspinnen. Auch scheinen Sie vergessen zu haben dass Sie mir eine eingehende Erwiderung in Aussicht gestellt haben, da könnten meine Bemerkungen dann die Rolle der Replik versehen. Bei meiner Auffassung der Sache stelle ich mich keineswegs vorzugsweise auf den allgemeinen Standpunkt des wissenschaftlichen Bedürfnisses, sondern auf Ihren eigenen rein persönlichen; eine Zeitschrift die sich meinem Ideal annäherte, würde Ihnen – ich wiederhole es, geringere und weniger banausische Arbeit kosten und Ihnen zu sichererem und höherem Erfolge verhelfen, sie würde, um es kurz zu sagen, Ihrer Gesundheit, Ihrem Ruhme, Ihrer Börse zuträglicher sein. Glauben Sie mir, dem dreissig |3| Jahre genug Gelegenheit gegeben haben das Terrain kennen zu lernen, der so viele von trefflichen Männern begonnene und bald gescheiterte Unternehmungen gesehen hat!

Ich habe gestern das Heft des M. Ny.3 erhalten, welches die Hälfte der ersten Hälfte meiner Arbeit bringt.4 Ich musste an die „ungarische“ Geschichte denken, wie ein Herr jeden Tag seinem Pudel ein kleines Stück Schwanz abschneidet, „damit ormem Thiere nicht zu weh thut“, das weh thun würde aber freilich nicht mich, sondern das Leserpublikum des Ny. treffen. Ich habe einige Druckfehler auf beifolgendem Blatte notirt; über einiges muss ich freilich selbst erst mich vergewissern. Last and least Schuhardt deutet darauf hin, dass man mich nach |4| und nach zu Suhárt magyarisiren will. Nun, ich bereite mich darauf durch die Lektüre Jokálscher Romane vor. Gestern las ich die „Tollhäuslerwirtschaft“5 zu Ende; da steht in Kap. XII: „,Heit giebts vül Possoge hür!‘ sagte der ernste Armenier mit jenem eigenthümlichen Accente, welcher der Sprache fast possenhafte Weichheit verleiht“. Erst vorher kam eine Harrenkotsche u. s. w. Ist dieses Armeno-magyarische über welches Sie mir gelegentlich vielleicht Näheres mittheilen können, nicht dem Judo-magyarischen ähnlich? Beiläufig gesagt, unser Badedirektor ist Ungar, allerdings kein ächter Arpadtsche6 wie Ihnen schon der Name (Dr. Pollacsek) verrathen wird.

[Der Brief bricht hier ab; die Fortsetzung hat eine eigene spätere Signatur erhalten und wird hier angefügt.] Ms 5067/292

|5|Mir geht es so so; meine seelische und körperliche Mattigkeit ist eigentlich von diesen frischen und nicht selten rauhen Lüften, die mir einst (1864 schon war ich hier) so sympathisch waren, noch nicht hinweggefegt worden. Nun, der Kluge hofft auf die Nachwirkung. Ich habe angenehme Gesellschaft getroffen, und mich in norddeutsches Wesen besser hineingefunden als ich dachte. Zur Durchsicht der zweiten Hälfte meiner Arbeit wäre ich hier schon |6| „aufgelegt“; ich hatte nur gemerkt, dass ich hier verschiedenes, das ich nachsehen müsste, nicht erledigen könnte (es würde sich um einzelne Worte handeln). Da aber dieser Theil nun im Novemberhefte erscheint, und ich somit von Graz aus die Korrektur selbst besorgen kann, so würde ich Sie bitten mir falls Sie die Uebersetzung schon fertig haben sollten, sie (rekommandirt und gegen Feuchtigkeit gesichert) mit dem Mskr. hierher zu schicken;7 ich gedenke bis 2. Oktober hier zu sein. Ganz spät dürften Sie sie aber nicht schicken; die Tour hierher dauert wegen der von der Fluth abhängigen, manchmal auch festsitzen bleibenden Schiffe manchmal etwas länger. – Ich wollte, ich könnte Ihnen etwas friesisches Phlegma von hier senden.

Herzlichst grüssend
Ihr
H. S.

|7| S. 386, 9 v. u. latin; lies ladin

S. 388, 9. v. u. rákéddí; das á rührt nicht von mir her, ist aber vielleicht eine thatsächliche Verbesserung.

? S. 389 Anm. 8 v. u. Das arag. wird zu arguiño gehören.

? --- 5, v. u. Ich denke, es ist arganéo.

S. 391, 13 v. o. Ich entsinne mich die Seitenzahl von Ltbl. f. r. u. g. Ph. in Ihr Mscr. hineingesetzt zu haben.

S. 394, 3 v. o. ‘Avila; lies Ávila

15 v. o. Mažuranić – Uzarević;

Mazuranić – Užarević (s. S. 395, 3 v. o.)

S. 394, 8 v. u. palas-cio; theile ab pala scio.

S. 395, 1 v. u. mund; l. muma

Das „Kirchenslaw.“ eben ószláo brauchte nicht wiederholt zu werden; einmal genügt.

|8| Bis zum 15. Oktober denke ich wieder in Graz zu sein; aber kaum viel früher und in der ersten Zeit werde ich sehr in Anspruch genommen sein. Zwischen 2 Okt. und 15 Okt. werde ich theils vielleicht noch hier, theils in Hamburg, theils in Gotha oder eben im Eisenbahncoupé sein.

Ich schreibe in grosser Eile wie diejenigen zu thun pflegen welche es wohl nicht erwarten können wieder in das gewohnte Nichtsthun zurückzusinken; so habe ich vergessen Ihnen und den Ihrigen für Ihre freundliche Einladung zu danken.


1 Der Brief ist eine Fortsetzung von Brief Ms 5067/273 (Graz, 20.8.1889).

2 Anton (Antal) Herrmann (1851-1926), aus Siebenbürgen stammender Ethnologe.

3 Magyar Nyelvör.

4 Schuchardt, „A magyar nyelv román elemeihez“, Magyar Nyelvőr 18, 1889, Teil I: 385-396.

5 Mór Jókal, Tollhäuslerwirtschaft; humoristischer Roman , Berlin; Janke, [1881].

6 „Abkömmling“.

7 Hier am Rand ein Pfeil mit dem Hinweis „letzte Seite“.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Bibliothek und Informationszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Abteilung für Handschriften und Alte Bücher. (Sig. 05067_279)