Lajos Katona an Hugo Schuchardt (120-05375)
von Lajos Katona
an Hugo Schuchardt
09. 08. 1889
Deutsch
Zitiervorschlag: Lajos Katona an Hugo Schuchardt (120-05375). Fünfkirchen, 09. 08. 1889. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10307, abgerufen am 11. 03. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10307.
Fünfkirchen, 9/VIII 89.
Hochgeehrter Herr Professor!
Während der letzten 3 Tage von einer leichten Unpäßlichkeit im gewohnten Arbeitstempo einigermaßen gehemmt, kann ich mein letzthin gegebenes Versprechen nur teilweise einlösen. Herr Szarvas wünscht übrigens bis Mitte d. M. mir die erste Hälfte Ihrer Arbeit übersetzt zu besitzen. Hier sende ich Ihnen daher den ersten, aber größeren Teil (S. 1 - 18) mitsammt der Übersetzung bis zum Schlusse des Artikels buta. Selbstverständlich ist auch der Anfang von csonka bis zum Ende des eingesandten Mscr. bereits übersetzt. Auch das Rückständige wird spätestens bis zum 20. d. M. nachfolgen; nur bitte ich Sie, Herr Professor, mir gefälligst angeben zu wollen, wo Sie zu besagter Zeit sich aufhalten werden? Herr Szarvas dürfte |2| nach dem, was ich seinem letzten Schreiben zu entnehmen glaubte, gegen den 15. Aug. schon in Budapest sein, und so könnten Sie die Übersetzung nach erfolgter Revision direct an ihn senden. Ich bitte besonders die mit Blei angemerkten Stellen einer genauen Überprüfung und Vergleichung mit dem Original zu unterziehen und Ihre eventuellen Bemerkungen od. Richtigstellungen immer auf der gegenüberstehenden leeren Seite, oder wenn es sich nur um einige Worte handelt, am Rande anzubringen, damit ich sie bei der Correctur, die ich recht gerne besorgen werde, nach Gebühr berücksichtigen könne.
Es ist noch immer nicht entschieden, ob ich für das nächste Schuljahr hier belassen, oder nach Ofen trans- |3| feriert werden soll. Dieses Hangen und Bangen ist mir höchst unangenehm und von keiner geringen Einwirkung auf meine schon ohnehin genug abgehetzten Nerven, von dem schon gar nicht zu reden, daß ich dadurch einen beträchtlichen materiellen Schaden erleide, indem ich in der Ungewißheit zum nächstverflossenen Termin die Wohnung nicht kündigen konnte und eventuell ein ganzes Quartal drauf zahlen werde.
So geht’s aber mit Unsereinem und wie das magy. Sprichwort sagt: Szegény embernek szegény a szerencséje.1
Angenehmen Aufenthalt und die denkbar vollständigste Erholung aus ganzem Herzen wünschend,
Ihr treu ergebener
und dankbarer
Katona
10/VIII.89
Dieser Brief war schon eingeschlossen als ich Ihre Karte erhielt. Recht gerne will ich für Sie, Herr Prof., die mir zugänglichen Beiträge zu den außereurop. Thiermärchen im Allg. und zu den Kreol. im Besonderen in Evidenz halten. Vorläufig nur die Frage, ob Sie „The Journal of American Folk-Lore“ besitzen oder in Graz sich leicht verschaffen können? Wenn nicht, so wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen mit dem ersten Jahrgang (1888) und dem 1. Hefte des II. dienen zu können. Kennen Sie Charles C. Jones, Jr. „Negro Myths of the Georgian Coast“ (Houghton Mifflin & Cie. Boston)?2 Über Thiermärchen überhaupt kann Ihnen am besten mein Freund Kaarle Krohn,3 Docent in Helsingfors, dienen, dessen „Bär (Wolf) und Fuchs. Eine nordische Thiermärchenkette, Helsingfors 1888 (Nur ein Auszug aus dem finn. Original, aber den ganzen wesentl. Inh. desselben wiederspiegelnd) Ihnen vielleicht bekannt und durch Herrn Schlossar (der es in Vechenstedts Zschr. f. Volkskunde angezeigt)4 jedenfalls leicht zugänglich sein wird, wenn Sie nicht vorziehn, das Werk von mir auszuleihn. Mit den Louisiana-Märchen, die Sie wieder auf Ihre ältere Absicht zurückbrachten, meinen Sie wohl Alcée Fortier’s „Bits of Louis. Folklore“?5 Auch Santa-Anna Néry, „Folklore Brésilien“ (Perrin, Paris 1889) hat Einiges, doch ist das meiste aus älteren portug. Sammlungen zusammengestellt und excerpiert. Das nächste Mal ausführlicher, dies nur in aller Eile, damit ich die Post nicht versäume.
Hochachtungsvoll
L.K.
1 Etwa „Arme Menschen haben häufig Pech“.
2 Charles Colcock Jones, Negro myths from the Georgia coast told in vernacular , Boston and New York: Houghton, Mifflin and Co, 1888.
3 Kaarle Krohn (1863-1933), finnischer Märchenforscher. Hier dürfte gemeint sein: Bär (Wolf) und Fuchs , Suomalaisen Kurjallisuuden Seuran Kirjapainossa, Helsingissä 1889.
4 Zeitschrift für Volkskunde I, 1888, 204-206.
5 Transactions and Proceedings of the Modern Language Association of America 3, 1887, 100-168.
