Lajos Katona an Hugo Schuchardt (98-05367)

von Lajos Katona

an Hugo Schuchardt

Fünfkirchen

13. 05. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: Aphasie

Zitiervorschlag: Lajos Katona an Hugo Schuchardt (98-05367). Fünfkirchen, 13. 05. 1889. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10285, abgerufen am 14. 06. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10285.


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Fünfkirchen, Malom-u. 22
13/V 89.

Hochgeehrter Herr Professor!

Meine Zeilen sollen diesmal ausschließlich dem interessanten Fall von Aphasie gelten, auf den Sie meine Aufmerksamkeit hingelenkt und mir dadurch eine reiche Quelle psychologischer Belehrung eröffnet haben, wofür ich Ihnen nicht nur im eigenen, sondern auch in Namen der hiesigen Jünger Aesculaps großen Dank sagen muß.1 Ohne Ihre Anregung wäre nämlich der seltene Fall so ziemlich unbeachtet an uns vorübergegangen. Die ausführliche Anamnese des behandelnden Spitalarztes soll erst in den nächsten Tagen nachfolgen. Bis dahin wollen Sie so freundlich sein, sich mit meiner allerdings höchst laienhaft zusammen- |2| gestellten Schilderung der Vorgeschichte sowie des bisherigen Verlaufes der Krankheit zu begnügen.

Julius Nagy, 42 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder, deren älteres 2 J., das jüngere 6 Monate zählt, – ist quittirter Offizier* (* Ist wegen eines Zerwürfnisses mit seinem Vorgesetzten ausgetreten. Scheint von jeher zanksüchtig, rechthaberisch, eigensinnig u. unzufrieden, aufgeblasen und dabei hohlköpfig gewesen zu sein.), seit 15 Jahren beim Szigetvárer Aushilfsverein als Buchhalter (Factotum) angestellt. Hatte schon, seiner eigenen Aussage gemäß, seit ungefähr einem Jahr gegen Sprachstörungen zu kämpfen, die sich bei ihm bis zur letzten Zeit nur in der Form eines außerordentlich langsamen Tempos der Rede, mit häufigen Stockungen besonders im Anlaute zeigten, ohne daß er die Worte, oder Laute, die ihm besondere Schwierigkeiten bereitet haben, näher bezeichnen könnte. Am 20 April, gerade als er seiner ihm vorausgegangenen Familie nach Visonta2 folgen wollte, |3| wo sie die Osterferien beim Schwiegervater (dem dortigen Notar) verbringen wollten –, verlor er plötzlich sein Sprechvermögen, blieb aber bei klarem Bewußtsein, welches ihn auch seitdem nicht verlassen hat. Von seiner Umgebung wahrscheinlich für irrsinnig gehalten, wurde er in Begleitung seines Schwagers nach Fünfkirchen heimgeschickt. Sein Hausarzt gab ihm ein etwas rätselhaftes Begleitschreiben mit, worin gesagt wird, daß sich neben der Sprachlosigkeit halbseitige Lähmung zeigt, was auf einen apoplektischen Anfall hindeuten würde, wovon aber bei der Untersuchung im Fünfkirchener Krankenhaus – drei Tage nach dem vorgeblichen Anfall – keine Spur, weder in der Form einer motorischen Störung, noch in der einer, wenn noch so geringen Beeinträchtigung der sensitiven Fähigkeit wahrzunehmen war. Nach übereinstimmender |4| Aussage aller, die ihn damals in Behandlung nahmen, oder in sonstigem Verkehre mit ihm waren, soll er in den ersten Tagen –, ich konnte aber nicht herausbekommen, wie lange, – auf alle an ihn gerichteten Fragen ein indifferentes ta-ta-ta-ta-ta, (oder wie andere gehört haben wollen: ra-ta-ta-ta-ta) geantwortet haben. Später konnte er z. B. auf das ihm vorgesagte Wort kalap mit großer Anstrengung kal-pap nachlallen. Viel scheint man sich gerade nicht mit ihm befaßt zu haben. Soviel konnte ich aber dann wieder in Erfahrung bringen, daß er neben einer nahezu constanten Gesundheit seiner sonstigen Organe, nur an einer großen Reizbarkeit, Ungeduld, Unzufriedenheit mit seiner Behandlung – und ab und zu an heftigen Kopfschmerzen in der beiderseitigen Schläfengegend gelitten hat. Sein Sprechvermögen ist ihm dann langsam wiedergekommen, und zwar soll er anfangs nur igen und nem, dehogy nem, hogy ne, |5| und ähnliche Schlagworte , mit großer Anstrengung, aber stets mit richtiger Anwendung hervorgebracht haben. Seit einigen Tagen, – ich weiß nur wieder nicht, seit wann, spricht er wieder so ziemlich Alles, nur noch immer sehr langsam und mit großer Anstrengung, die ihn viel überflüssige Gesten machen läßt, welche seinen Worten gewöhnlich vorauseilen. Auch ist in seiner Rede wenig Zusammenhang, obwohl er im großen Ganzen logisch richtig zu denken scheint, was nach meiner Ansicht mit dem décousu seiner Rede ganz gut vereinbar ist, wenn man bedenkt, daß er seinen vorauseilenden Gedanken mit der trägen Sprache nicht nachfolgen kann. So ganz klar scheint es aber in seinem Kopfe, auch abgesehen von der Sprachstörung, doch nicht zu sein. Oder wäre die von mir gestern beobachtete Thatsache, daß er sein Einmaleins* (* [!] ich bitte dabei zu beachten, daß er als Buchhalter und Rechnungsführer dasselbe am kleinen Finger haben mußte!) nahezu ganz vergessen, – auch mit richtigem Denken, aber disharmonischem Sprechen zu erklären? |6| Was nun noch die sonstigen Merkmale seiner Lautierung speciell anbelangt, so konnte ich aus der gestrigen kurzen Unterhaltung nur so viel herausnehmen, daß er die Lautgruppe –ng– absolut nicht, die meisten Dentale verkehrt, längere mit Suffixen endende Worte manchmal mit vertauschten Suffixen (z. B. Erreth re statt Erreth hez) ausspricht. Von sonstigen Sprechfehlern habe ich mir noch sporadisch: szerzöstés für szerzödés gemerkt, wobei die unterstrichenen Lettern eine schwer definierbare Substitution der betreffenden Laute durch verwandte andeuten.

Da ich die kurze Zeit meines Besuches beim nicht allzu mitteilungslustigen und vielleicht etwas argwöhnischen Kranken auch zu einem Schreibversuch benützen wollte, so diktierte ich ihm ex improviso den folgenden Briefein- |7| gang, in welchem ich absichtlich einige der ihm besonders schwer fallenden Lautgruppen und Anlaute zur Anwendung brachte. Das Schreiben kostete ihn sichtliche Anstrengung, obwohl er dieselbe mit peinlicher Sorgfalt zu verbergen suchte. Überhaupt scheint er seine Umgebung über seinen Geisteszustand täuschen zu wollen, was mich in meiner Annahme einer partiellen Störung des Intellektes bestärkt. Mein Diktat lautete wie folgt:

Mélyen tisztelt Uram! Engedje meg, hogy egy kéréssel keressem fel. Régóta igyekezem tudomást szerezni kedves barátom Engel András hogylétérül3

Beigefügt ist das Original seiner Nachschrift,4 in welcher zuerst die Weglassung nicht nur der conventionellen, sondern |8| auch der logischen Schriftzeichen, ferner das Verstellen der meisten Dehnungszeichen, außerdem aber einige sehr charakteristische Schreibfehler zu beachen sind. Auffallend ist die Consequenz von eg für eng, etc.

Übrigens ist dieses Specimen, nach Aussage des Arztes, eine Wunderleistung im Vergleiche mit früheren, in denen nicht einmal die entfernteste Beziehung zwischen dem Gehörten und allem Anscheine nach richtig appercipierten Laut (??) und dem geschriebenen Zeichen zu merken war. Mir ist in dem Falle noch Vieles so rätselhaft, daß ich mir nicht einmal ein annäherndes Bild von dem Geisteszustande des armen Menschen machen kann. Nun möchte ich noch Einiges aus den pythischen Aussprüchen der Ärzte hier mitteilen. |9| Der eine meint, es sei einfach ein apoplektischer Anfall. Der andere, der ihn behandelt, ist zur Annahme einer Aphasie geneigt, welche durch eine unbestimmbare, aber jedenfalls die specielle Function der 3. Broca’schen Windung des vorderen Gehirnlappens5 störende Ursache hervorgebracht, in der anfangs gänzlich unterbrochenen und partiell noch immer gehemmten Leitung zwischen dem appercipierenden und correspondierenden Sprechvermögen besteht. Diese schwer zu bestimmende Ursache kann ebenso gut ein chronischer Entzündungsprocess in der betr. Gehirnpartie sein, und als ein solcher wird wenigstens die Krankheit des Patienten im Spitaljournal gebucht, wo ganz einfach Meningitis eingeschrieben. Es ist aber sehr leicht möglich, und das scheint die ganz persönliche Ansicht des behandelnden Arztes zu sein, daß wir es hier mit einem siphylitischen Gummigeschwür in der obenbesagten engumschriebenen Gehirnsphäre zu thun haben, wofür wenigstens ein Verdachtsmoment in der Gestalt einer Narbe am Gliede vorhanden. Auf dieses Indicium |10| hin hat der erwähnte Arzt dem Patienten die Quecksilber-Schmierkur verordnet,6 und es ist nicht unmöglich, daß die eingetroffene Besserung von einer im Gefolge dieser Kur sich einstellenden Verschrumpfung jenes Geschwürs herrührt. Von sonstigen nicht ganz unzulässigen Hypothesen wäre noch ein Blutaustritt gerade an jener engbegrenzten Stelle zu erwähnen, welcher Annahme entsprechend dann die Besserung auf eine successive Resorption des ausgetretenen Blutes zurückzuführen wäre. Schließlich ist ein Carcinom an der öfters angedeuteten Stelle ebenfalls nicht ganz ausgeschlossen. Wir wollen eben den weiteren Verlauf des Falles abwarten und ich will unterdessen nach Möglichkeit in wiederholten Besuchen sowohl als in Besprechungen mit Dr Kauffer, dem Arzte, der den Kranken in Behandlung hat, die weitern Daten sammeln. Ich bitte mir bei eventuellen Fragen die hierzu nöthige Direktive zu geben, nach welcher ich dann die Enquête nach bestem Vermögen weiterführen werde.

Mit hochachtungsvoller Ergebenheit
Ihr treuer

Katona.

Es freut mich zu vernehmen, daß Ihre Frau Mama sich wohl befindet und Sie demnächst besuchen soll. Wir bitten (meine Mutter nämlich und ich) ihr unsere ergebenste Empfehlung zu melden.

|11| Wenn Sie, Herr Professor, den Zettel nicht aufbewahren wollen, so bitte ich ihn zurück.

Melyén tísztelt Úram!

Egenet meg hogy ez kerésel herenyeresz fel reszulan igyenkezezem tudosmast szeremti kedves Baratom Egled Andrást hagy hetretérül7

Die unterstrichene Stelle hat der Kranke, durch einen mir zugeworfenen Wink des Arztes stutzig gemacht, corrigieren wollen, was ihm aber trotz wiederholtem Versuche nicht gelungen ist.


1 Die Aphasie-Forschung (der Terminus war 1864 von Armand Trousseau in die Medizin eingeführt worden) war damals noch ein junger Forschungszweig, insbesondere soweit die Sprachwissenschaft betroffen war. Die früheste Erwähnung der Aphasie durch Schuchardt findet sich auf einer PK vom 2.12.1886 an Otto Jespersen (Postkarte 7).

2 Ungarische Gemeinde im Kreis Gyöngyös im Komitat Heves.

3 Übers.: „Sehr geehrter Herr, lassen Sie mich Sie mit einer Anfrage kontaktieren. Ich habe lange versucht, etwas über den Aufenthalt meines lieben Freundes Andreas Engel herauszufinden“.

4 Nicht erhalten.

5 Das Broca-Areal, Broca-Zentrum oder Brocasche Sprachregion ist eine Region der Großhirnrinde und wird zusammen mit dem Wernicke-Areal als eine der beiden Hauptkomponenten des Sprachzentrums angesehen.

6 sog. Graue Salbe auf Quecksilberbasis, Unguentum hydrargyri cinereum.

7 Original des Aphasie-Patienten Julius Nagy nach Diktat geschriebenen Textes.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05367)