Lajos Katona an Hugo Schuchardt (51-05345)
von Lajos Katona
an Hugo Schuchardt
12. 05. 1887
Deutsch
Schlagwörter: Magyar Nyelvör Universitätsbibliothek Graz Landau, Marcus (1887) Schuchardt, Hugo (1886) Meyer, Gustav/Schreck, Emmy (1887)
Zitiervorschlag: Lajos Katona an Hugo Schuchardt (51-05345). Graz, 12. 05. 1887. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10237, abgerufen am 18. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10237.
Graz, Heinrichstrasse 13.II.
12. Mai 87.
Hochgeehrter Herr Professor!
Es freut mich zu vernehmen, dass im Befinden Ihrer hochgeschätzten Frau Mutter die von uns so innig gewünschte Besserung eingetreten ist.
So willkommen mir ein jeder Anlass zur Bethätigung meiner aufrichtigen Ergebenheit und dankbaren Verehrung gegen Sie, Herr Professor, ist: so unsäglich schwer fällt es mir – im Bewusstsein meiner Untauglichkeit – ein Bedenken gegen den von Ihnen gut befundenen Schritt erheben zu müssen. Nehmen Sie es nur ja nicht für Anmassung, was |2| gerade der Ausfluss einer in den Ergebnissen strengen Selbstkritik nur zu sehr gebotenen Bescheidenheit ist.1
Um es unumwunden heraus zu sagen: Was könnte Ihrem ausser Frage stehenden Rechte mehr schaden – als eine mit gutem Willen, aber möglicherweise mit grossem Ungeschick geführte Verteidigung durch einen namenlosen Anfänger, dem man den nicht ganz unberechtigten Vorwurf des unbefugten Urteilsprechens kaum ersparen würde?
Unterdessen werden Sie wohl den leidigen Artikel bereits gelesen haben2 und ich bin davon überzeugt, dass er Ihnen aus der Nähe gewiss nicht ernst und gefährlich genug vorkommen wird, |3| um eine Abwehr jetzt so äusserst dringend zu fordern, nachdem die Recension ungefähr ein halbes Jahr lang unbeachtet geblieben ist. Das 3/4-te Doppelheft der Zschr. ist nämlich – wie ich glaube – noch im Jänner erschienen, und es wäre somit nicht leicht zu erklären, warum die Entgegnung, die bis zum heutigen Tage auf sich warten liess, jetzt auf einmal einen hinkenden Vorboten vor sich herschicken müsse? Und was sollte auch ein andrer als der Verf. des recensierten Buches gegen Landau vorbringen? Impertinent, obwohl sehr verklausuliert, ist eigentlich nur der Ton, von dem Sie gerade keine grosse Notiz zu nehmen wünschen. An |4| sachlichen Einwendungen bringt Landau kaum Etwas vor, worüber man nicht verschiedener Meinung sein könnte. Sein eigentlicher Vorwurf ist Allgemeines gegen das Sammeln von Zeitungsaufsätzen – und noch mehr gegen das Entgegenkommen freundlicher Verleger gerichtet, deren einer oder der andere vielleicht ihm selbst kein solches gezeigt hat, als er ihn mit dem Verlag seiner „gesammelten Aufsätze“ beehren wollte. Denn das, was er z. B. über den Boccaccio-Aufsatz schreibt, ist doch zu lächerlich als dass es sich nicht selbst richten sollte. Ob Sie, Herr Prof., über B. gründliche Forschungen angestellt hätten? Ob Sie das dicke Buch von Attilio Hortis3 auch durchgelesen hätten? Ob es da |5| bei einem allgemeinen Schütteln der Köpfe in der Gelehrtenrepublik bleiben könne, wenn ein Schuchardt es mit seiner Würde vereinbar hält, in einem Feuilleton über Boccaccio mit der Operette Suppé’s anzuheben4 und mit einer blossen Erwähnung des gelehrten Triestiners sich zu begnügen, ohne – auch bei einer späteren Durchsicht dieser Arbeit – der „bedeutend erweiterten und gänzlich umgearbeiteten“ 2-ten Auflage der Quellen des Dekamerone mit extatischer Bewunderung zu gedenken? Der Aufsatz über die 3 Ringe hat ihm schon bei seinem ersten Erscheinen nicht Neues gebracht. (Tobler, der doch etwas davon versteht, hat sich gerade über diesen Beitrag sehr lobend geäussert.) Die Aufsätze über die Wandinschriften von Pompeji, Virgil |6| im Mittelalter (! wo Sie doch eigentlich nur ein allerdings sehr gefälliges Resumé des Comparetti’schen Buches geben), Stecchetti, die Liebesmetaphern – sind ihm höchst sympathisch. Mit dem Goethe-Calderon Essay weiss er nichts anzufangen, – die Keltischen Briefe hingegen ist er geneigt mit bienenväterlich scheelen Augen zu betrachten. Ich berichte nur Dasjenige, was ich mir aus einer flüchtigen Lektüre vor 8 Tagen merken konnte. (Die Ztschr. ist in Graz nur in einem Expl. vorhanden und dieses gehört dem germanistischen Seminar.) Wenn Sie nach einem Einblick in die Recension es dennoch für wünschenswert erachten sollten, dass ich während Ihrer Abwesenheit eine Entgegnung einrücken lasse: so bitte ich Sie ergebenst, dieses mir sofort aufzutragen, da Sie davon überzeugt |7| sein können, dass ich mich mit dem grössten Eifer und mit aufrichtiger Liebe nicht nur für die Person, sondern auch für die Sache – ans Werk machen werde, wie ich es bereits gethan hätte, wenn Herr Prof. Meyer mich heute Vormittag von meinem Vorhaben nicht abgehalten hätte. (Letzthin wäre es doch besser gewesen, wenn ich nach meinem eigenen dummen Kopf gehandelt und Ihnen eine Abschrift der Recension zugeschickt hätte. Ich fürchte, dass ich mit meinem ängstlichen Ratholen auch diesmal nicht das Rechte getroffen habe, obwohl auch Sie es zu meiner Pflicht machten, mich früher mit Herrn Prof. Meyer darüber zu besprechen).
|8| Entschuldigen Sie bitte das Durcheinander dieses Briefes. Ich schreibe in aller Eile, um Sie noch ja in Bayonne anzutreffen. Sie werden wohl die auserlesene Güte haben, von Zeit zu Zeit auch weiterhin Ihre Adresse mir bekannt zu machen. Vor einer falschen Auslegung dieses ganz offenherzigen und von aufrichtiger Ergebenheit diktierten Schreibens darf ich mich doch gesichert fühlen? Beruhigen Sie mich darüber des nächsten. Szarvas5 lässt Sie brieflich bestens grüssen. Schlossar6 dankt für das freundliche Gedenken.)
Mit dankbarer Hochachtung
Ihr treuer
Katona
Die Tage geht von mir an das Magazin7 eine „harmlose Plauderei“ über folkloristische Novitäten (Meyer-Schreck,8 Cosquin,9 Zschr. f. vgl. Litter. etc.)
1 Antwort auf Schuchardts Wunsch einer Replik auf Landau; vgl. Brief Ms 5067/229 vom 8.5.1887.
2 Landau, Zeitschrift für Vergleichende Litteraturgeschichte N.F. 1, 1887-1888, 348-351.
3 Attilio Hortis, Studi sulle opere Latine del Boccaccio; con particolare riguardo alla storia della erudizione nel Medio Evo e alle letterature straniere; aggiuntavi la bibliografia delle edizioni , Triest: Dase, 1879, XX, 956 S.
4 Schuchardt, Romanisches und Keltisches, 49 („Das Textbuch zu Suppés ,Boccaccio‘ ist ein Kapitel Literaturgeschichte“).
5 Gabor Szarvas (1832-1895), ungar. Sprachwissenschaftler; Gründer des Magyar Nyelvör; vgl. HSA 11478-11488.
6 Anton Schlossar (1849-1942), Grazer Bibliotheksdirektor, Folklorist und Historiker; vgl. HSA 10074.
7 Katona, „ Aus allen Zonen (Folkloristische Neuigkeiten) “, Magazin für die Literatur des Auslandes Jg. 56, Bd. 111, 1887, 442-445.
8 Finnische Märchen, übers. von Emmy Schreck. Mit einer Einl. von Gustav Meyer, Weimar: Böhlau, 1887.
9 Emmanuel Cosquin (1841-1919), franz. Folklorist und Ethnologe.
