Hugo Schuchardt an Lajos Katona (47-05067_228)

von Hugo Schuchardt

an Lajos Katona

Montpellier

03. 05. 1887

language Deutsch

Schlagwörter: Nobelpreis Landau, Marcus (1887) Schuchardt, Hugo (1886)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Lajos Katona (47-05067_228). Montpellier, 03. 05. 1887. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2023). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.10233, abgerufen am 17. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.10233.


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Montpellier
Hôtel Bannel
3 mai 1887.

Lieber Herr Doktor,1

Ihren Brief habe ich bei meiner gestrigen Ankunft hier vorgefunden.

Meine Reise war zuerst durch mancherlei Missgeschicke gestört. In Nizza lag ich einige Tage zu Bette und musste den Arzt consultiren, in Laltreplane (??)2 bei Hyères traf ich meinen Freund GParis der mich dahin eingeladen hatte nicht vor, indem er durch einen Familienunfall in Paris zurückgehalten wurde; in Marseille musste ich in Angelegenheit meines Kreditbriefes zwei Tage länger bleiben, |2| als ich es wollte u.s.w. Im Herzen der Provence verlebte ich dann schöne und interessante Tage mit Mistral und andern Félibres.3 Ich sehe dass ich unter günstigen Umständen mehr aushalten kann als im Gracer Alltagsleben und vielleicht auch in der Grazer Luft; ich bin im Allgemeinen sehr lebendig gewesen, sodass mir u. A. der alte Roumanille4 sagt: Sie sind gar kein Nordländer, Sie sind ein Südländer. Ich fühle mich allerdings im Süden gleich in einer ganz besonderen Weise heimisch. – In Nîmes traf mich gestern wie ein Donnerschlag die Nachricht von der schweren Erkrankung meiner Mutter, und zwar sehr verspätete, ausführlichere Mittheilung in Karten, Briefen und Depeschen hatten mich nicht erreicht. Ich telegraphirte sofort an meine Tante und meinen Hausarzt; es wurde Besserung gemeldet, und mir von der Reise |3| nach Gotha abgerathen, da allerdings meine Mutter durch mein Erscheinen sehr aufgeregt werden würde. So warte ich denn hier in Montpellier auf Weiteres – wahrscheinlich werde ich doch meine Reise abkürzen – d. h. auf den Besuch des Baskenlands verzichten – und meiner Mama Gesellschaft leisten. Meine Stimmung male ich Ihnen nicht aus; sie gleicht dem trüben schwülen Himmel den wir heute haben.

Die Pariser Folklore-Zeitschrift ging Ihnen wohl von Sébillot5 zu, dem ich von Ihnen geschrieben hatte.

Haben Sie Ihre Arbeit abgeschlossen und in ihrem ganzen Umfang an die Ztsch. f. vgl. Litgesch. eingesandt?6 Aber Sie sagten, ja es sollte ein grosses Buch werden. Schreiben Sie mir ausführlich darüber |4| sowie über das Honorar, und geben Sie mir eine kurze Inhaltsübersicht des Ganzen – die Sache ist mir nicht mehr gegenwärtig.

In der genannten Zeitschrift soll wie mir eben G. Meyer schreibt, eine „schnöde Kritik“ von M. Landau7 über mein Roman. u. Keltisch erschienen sein.8 Wenn ich das vielfache Lob das man mir gespendet, nicht in vollem Masse verdiene, so doch wohl auch nicht die schnöde Kritik. Suchen Sie doch von dem Herausgeber eine Nummer zu erhalten und mir zu schicken. Vielleicht antworte ich darauf. M. Landau habe ich in meinem Boccaccio lobend,9 wenn auch mit einem sachlichen Widerspruch erwähnt; es ist ein fleissiger aber oberflächlicher Arbeiter.

Ich bitte Sie Prof. Meyer Mittheilung von dem Inhalt dieses Briefes zu geben, ich |5| habe heute keine Zeit mehr ihm zu schreiben. Übrigens hat er mir von Paris aus nicht ein einziges Mal Nachricht zukommen lassen, obgleich ich ihm zwei Mal dahin geschrieben. Bitte, sagen Sie Marie, Sie möge meine Reithose waschen lassen; wenn ich nämlich einen Theil des Sommers in Gotha zubringen sollte, so würde ich sie mir dahin schicken lassen.

Grüssen Sie Pogatscher, Kónyi, Schlossar10 (mit bestem Danke) u.s.w. von mir, empfehlen Sie mich, wenn Sie Gelegenheit haben, Villecz’s.11

Ich habe unterwegs einen Herrn getroffen, der viel hat und vermag, und ihn für Sie interessirt. Wenn Sie Ihre Arbeit als eigenes Buch drucken lassen wollten, könnte er Ihnen besonders hülfreich sein.

Schreiben Sie baldigst. M b Gn
Ihr erg

HS.

|6| Prof. Meyer behauptet mir einen Volapük-artikel von Kerckhoff[s]12 geschickt zu haben; habe ihn nicht erhalten. Da er so viele Exemplare davon besitzt kann er ja ein zweites daran wenden.13


1 Antwort auf HSA 05351.

2 Nicht identifiziert.

3 Frédéric Mistral (1830-1914), okzit. Dichter und Nobelpreisträger, Oberhaupt der Félibrige; vgl. HSA 07394-07397.

4 Joseph Roumanille (1818-1891), provenzalischer Schriftsteller; vgl. HSA 09800-09803.

5 Paul Sébillot (1846-1918), franz. Folklorist; vgl. HSA 10468-10476.

6 Katona, „ Zur Literatur und Charakteristik des magyarischen Folklore “, Zeitschrift für Vergleichende Litteraturgeschichte N.F. 1, 1887-1888, 14-45.

7 Marcus Landau (1837-1918), österr. Literaturhistoriker, der sich vor allem mit Giovanni Boccaccio befasste.

8 Zeitschrift für Vergleichende Litteraturgeschichte N.F. 1, 1887-1888, 348-351. (In der Tat, ein Verriß mit „beißender Ironie“). Landau nimmt nicht nur Schuchardt aufs Korn, sondern die Gattung „gesammelte Aufsätze“ an sich!

9 Schuchardt, Romanisches und Keltisches. Gesammelte Aufsätze. Berlin: Oppenheim, 1886, Kap. III („Boccaccio“): „Marcus Landau, der sich um das Studium unseres Dichters verdienstlich bemüht hat, sagt, es sei uns von einigen Novellen des Dekameron keine Quelle bekannt“ (S. 56-57) bzw. „Landau meint dass Boccaccio sich von den Banden solcher moralischer oder politischer Nebenzwecke freigemacht habe, wie sie in den älteren Sammlungen mehr oder weniger offen zu Tage treten. Das ist nicht ganz richtig“ (S. 58-19).

10 Schuchardts Grazer Kollegen und Bekannte Alois Pogatscher (1852-1935), Anglist; Manó Kónyi (1842-1917), Publizist und Anton Schlossar (1849-1942), Folklorist.

11 Welches Mitglied oder welche Mitglieder der bekannten Familie von Villecz gemeint ist/sind, lässt sich nicht feststellen.

12 Auguste Kerckhoffs (1835-1903), niederl. Interlinguist; vgl. HSA 05506; Verf. von Vollständiger Lehrgang des Volapük nebst Schlüssel und Wörterbuch , Halle a. S.: Verl. der Buchhandlung des Waisenhauses [u.a.], 1887.

13 Nicht sicher, ob dies noch Teil von Brief Ms 5067/228 oder ein eigenständiges Blatt ist.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: Bibliothek und Informationszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Abteilung für Handschriften und Alte Bücher. (Sig. 05067_228)