Die keltischen Götternamen der germanischen Provinzen


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Die keltischen Götternamen der germanischen Provinzen

Lenus

CF-GeS-1041

Seite 1: CΩΜΑΤΟC ΕΝ ΚΑΜΑΤΟΙC

ΜΟΓΕΡΟΙC ΨΥΧΗC ΤΕ ΠΟΝΟΙCΙΝ

[...]PORIS▴ADQVE ANIMI▴DIROS

SVFFERRE▴LABORES

  5 Seite 2: [...]Ι ΤΑΝΗΛΕΓΕΟC ΘΑΝΑ

ΤΟΥ ΤΥΧΙΚΟC ΠΟΤΕ ΚΑΜΝΩΝ

DVM NEQVEO MORTIS▴PRO

PE▴LIMINA▴SAEPE▴VAGANDO

Seite 3: ΕΥΞΑΜΕΝΟC ΛΗΝΩ ΠΡΟΦΥ

10 ΤΕΙΝ ΧΑΛΕΠ’ ΑΛΤΕΑ ΝΟΥCΩΝ

SERVATVS TYCHICVS▴DIVINO

MARTIS▴AMORE

Seite 4: ΑΡΗΙ ΚΡΑΤΕΡΩ ΔΩΡΟΝ

ΤΟΔΕ ΘΗΚΕ CΑΩΘΕΙC

15 HOC▴MVNVS▴PARVOM▴PR[.]

MAGNA▴DEDICO▴CVRA

Seite 1: σώματος ἐν καμάτοις

μογεροῖς ψυχῆς τε πόνοισιν

[cor]poris adque(!) animi diros

sufferre labores

  5 Seite 2: [ἄχρ]ι τανηλεγέος θανά -

του Τυχικός ποτε κάμνων,

dum nequeo, mortis pro -

pe limina saepe vagando,

Seite 3: εὐξάμενος Λήνῳ προφυ-

10 <γ>εῖν χαλέπ’ ἄλ<γ>εα νούσων

servatus Tychicus divino

Martis amore

Seite 4: Ἄρηι κρατερῷ δῶρον

τόδε θῆκε σαωθείς.

15 hoc munus parvom(!) pr[o]

magna dedico cura.

Apparatus criticusZ. 2: Seite 1: fälschlich πόνισιν – Schaldach
Z. 3: Seite 1: [c]orporis – CIL, ILS, IG, EDH; [co]rporis – Schaldach; atque – Hatt; dirós – CIL, ILS
Z. 4: Seite 1: labóres – CIL nur in der Minuskelumschrift
Z. 5: Seite 2: ἄ̣χ̣ρ̣ι- CIL, ILS, IG, EDH; ἄχρι – Binsfeld, Dräger
Z. 8: Seite 2: semper – Hatt
Z. 11: Seite 3: servátus – CIL, ILS
Z. 13: Seite 4: κρατερῶ(ι) – Horn
Z. 15: Seite 4: múnus – CIL, ILS
Z. 16: Seite 4: cúra – CIL
Übersetzung Deutsch

griechischer Text:
Unter schrecklichen Qualen des Körpers und Bedrängnissen der Seele quälte sich Tychikos einst bis an den hinstreckenden Tod. Da flehte er zu Lenos, den schlimmen Schmerzen der Krankheit zu entfliehen. Nach seiner Heilung weihte er dem mächtigen Ares dieses Geschenk. (Üs. Merten)


lateinischer Text:
Während ich die harten Beschwerden des Körpers und der Seele nicht ertragen konnte, durch das häufige Wandeln an den Grenzen des Todes, wurde ich, Tychicus, gerettet durch die göttliche Liebe des Mars, und weihe diese kleine Gabe für die große Fürsorge.

Übersetzung Englisch

Greek text:
When under horrible pains of the body and troubles of the soul Tychikos once was agonized close to a death bringing long woe, he prayed to Lenos, to flee the bitter pain of the diseases, and after his salvation he set up this gift to the mighty Ares.

Latin text:
While I could not bear the hard pains of the body and the soul, walking frequently near the borders of death, I, Tychicus, saved by the divine love of Mars, dedicate this little gift for the great caring.

Autopsie

vidimus (CIL XIII Projekt)

Editionen und LesungenIG XIV 2562
CIL XIII 7661
ILS 4569
Lehner 1918, Nr.242
Horn 1980, Nr.25
Gilles 1984, 41
Merten 1985, 19
Hatt 1989, 261 (ohne den griechischen Text)
Binsfeld 1996, 83–87
Wegner 1997, 18
Dräger 2004, 185–201
Schaldach 2012, 543–553
Pfahl 2019, 58f. Nr.40
Elektronische Ressourcen HD060993 (Version von 2019-08-15) (Epigraphische Datenbank Heidelberg)
EDCS-11001789 (zuletzt abgerufen 2023-06-06) (Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby)
https://cil.bbaw.de/ace/id/138 (zuletzt abgerufen 2023-06-06) https://epigraphy.packhum.org/text/143382 (zuletzt abgerufen 2023-06-06) https://www.mqdq.it/textsce/CE|ce|0850 (zuletzt abgerufen 2023-06-06)
https://www.trismegistos.org/text/212441 (zuletzt abgerufen 2023-06-06) (Trismegistos)
Fundort modern Pommern
Fundstelle

auf dem Heidestiewel (CIL); Distrikt „im Heidestiewel“ oder „auf dem Mart“ in einer ausgedehnten Tempelanlage (Lehner 1918, 115 Nr.242); nördlich von Gebäude M (Klein 1897, 112 Nr.2); auf dem Marberg bei Pommern

Fundumstände„Im Juli v. J. stiess ein Einwohner von Pommern bei Bearbeitung seines auf dem Heidestievel gelegenen Kartoffelfeldes auf das […] Capitäl. […] Weitere Nachgrabungen in diesem Winter haben nur die Basis und den untern Theil des glatten Säulenschaftes […] in mehreren zusammenpassenden Bruchstücken zu Tage gefördert“ (Weissbrodt 1884, 49). Bei Ausgrabungen 2002 wurden Fragmente der dazugehörigen Sonnenuhr geborgen.
Fundjahr1883
VerwahrungBonn, Rheinisches Landesmuseum (Inschrift und Säule); Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz (Fragment Sonnenuhr)
Inventarnummer3659 (Bonn, Rheinisches Landesmuseum); 02.22/9.15.5.1 (Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz)
InschriftträgerWeihestein
MaterialSandstein
Archäologische Klassifikation Eisenstift
glatt
Kapitell
Säule
Beschreibung Objekt

„Säulenkapitell mit toskanisch-dorischem Wulst, darüber hoher Abacus, auf dem in der Mitte eine kleine tellerförmige Basis mit eisernem Dübel zur Befestigung des eigentlichen Weihegeschenkes (Statuette) sich befindet“ (Lehner 1918, 115 Nr.242). Schaldach erkennt in dem Eisenstift jedoch das Fragment eines Schattenstabes einer hohlkugeligen Sonnenuhr, die anhand später gefundener Fragmente rekonstruiert werden konnte. Am Aufsatz ist auch „der Rest einer Öffnung […], die als Loch in den Stein gearbeitet war, um Regenwasser ablaufen zu lassen“ (Schaldach 2012, 547).

Zustand Objekt weitgehend vollständig
MaßeHöhe: 26 cm
Breite: 37 cm
Tiefe: 31 cm
Ikonografie

Keine bildliche Gestaltung vorhanden.

Inschrift

Die griechisch-lateinische Inschrift erstreckt sich über alle vier Seiten des Abakus. Um den Text zu lesen, musste man gegen den Uhrzeigersinn um das Objekt herumgehen. Pro Seite folgen auf jeweils zwei im Hexameter verfasste griechische Verse stets zwei lateinische (ebenfalls im Hexameter). Der lateinische Text ist keine wörtliche Übersetzung des griechischen, bietet aber den gleichen Inhalt: die Genesung des Tychicus mit Hilfe des Gottes, der im griechischen Text einmal als Lenos und einmal als Ares, im lateinischen als Mars bezeichnet wird.
Die Buchstaben der ersten Zeilen aller vier Seiten sind größer als die der folgenden Zeilen.
Zu Ligaturen s. Majuskelumschrift. – Besonder Zeichen: I longa finden sich auf Seite 1 Z.3 in diros, Seite 3 Z.3 zweimal in divino. Apices hat man in den Z.1, 3 und 4 erkannt (s. Apparatus criticus). Beide Schreibarten für lange Vokale sind stets richtig eingesetzt (Binsfeld 1996, 87). Auf Seite 3 ist im griechischen Text zweimal ein Tau statt eines Gamma eingemeißelt worden, was man damit erklären kann, dass der Steinmetz des Griechischen vermutlich nicht kundig war (Dräger 2004, 186).

Zustand Inschriftfeldweitgehend vollständig
Technikgemeißelt
Buchstabenhöhe (cm)1,2–2,0
Notabilia Varia

Seite 1: v.3 „adque” pro „atque”
Seite 4: v.15 „parvom” pro „parvum”

Kommentar Götternamen

Lenus (incl. ev. Varianten):

Sprachlich:
lateinisch: ‚Milder [Gott]’ (de Bernardo Stempel in Corpus F.E.R.C.A.N. II/1 126–128). Früher: keltisch: ‚der Verwunder‘ (de Bernardo Stempel 2014, 24).
(Hier wird kein sprachwissenschaftlicher Beitrag geleistet. Die Literaturangaben dienen lediglich dazu, einen Einstieg in die sprachwissenschaftliche Diskussion zu bieten. Besprochen werden alle Götternamen, die bislang als keltisch oder teilweise keltisch gedeutet wurden.)

Vorkommen:
Der Göttername kommt am öftesten als Lenus Mars in der Provinz Belgica vor, er ist aber auch in der Germania Inferior, der Germania Superior und in Britannia ( Mars Lenus sive Ocelus Vellaunus (AE 1905, 168)) belegt. Es handelt sich um den Stammesgott der Treverer (vgl. Spickermann 2003, 82).

Im Untersuchungsgebiet kommt der Göttername in folgenden theonymischen Formularen vor:

Lenus (incl. ev. Varianten):
- Germania Inferior: -
- Germania Superior: CF-GeS-1041

Mars Lenus (incl. ev. Varianten):
- Germania Inferior: CF-GeI-23(?)
- Germania Superior: CF-GeS-1068

Zur damit angesprochenen Gottheit s. schriftl. Publikation(en)

Kommentar allgemein

Tychikos/Tychicus: griechischer Name (Kakoschke 2021, CN 3168)

Aufgrund der Tatsache, dass Tychikos/Tychicus eine Bilingue in fehlerfreien Hexametern vorlegen kann, wird in ihm ein Lehrer bzw. ein Grammaticus gesehen (Binsfeld 1996, 83). Für den griechischen Text wurden starke Anklänge an Homer, für den lateinischen an Lukrez festgestellt (Dräger 2004, 188; 191).

hoc munus parvom: Schladach (2012, 548) konnte nachweisen, dass damit eine auf dem Abakus angebrachte Sonnenuhr gemeint ist, deren Reste gefunden wurden. Die Konstruktion der Sonnenuhr wird Tychikos/Tychicus selbst zugeschrieben, „weil er sie aus Mangel an qualifizierten Fachkräften nicht hätte delegieren können“ (Schladach 2012, 551).

„parvom” statt „parvum”: war ein zur Zeit der Antonine beliebter Archaismus (Dräger 2004, 186).

ZitiervorschlagCF-GeS-1041, hdl.handle.net/11471/504.50.1041
LizenzCreative Commons BY-NC 4.0
Bild 1: gesamt, CIL XIII Projekt, CC BY-NCBild 2: Front 1, CIL XIII Projekt, CC BY-NCBild 3: Front 2, CIL XIII Projekt, CC BY-NCBild 4: Front 3, CIL XIII Projekt, CC BY-NCBild 5: Front 4, CIL XIII Projekt, CC BY-NC


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Versionen

Last Update/Current Version: 2024