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Aristot. Frg. 8,611,1 (Rose) bei Herkleid. Lemb. 1 (=FGrH 2 F 167)

TitelAthenaion Politeia
AutorAristoteles
Zeitangabe4. Jh.v.Chr.
Originaltext Ἀθηναῖοι τὸ μὲν ἐξ ἀρχῆς ἐχρῶντο βασιλείᾳ, συνοικήσαντος δὲ Ἴωνος αὐτοῖς, τότε πρῶτον Ἴωνες ἐκλήθησαν. Πανδίων δὲ βασιλεύσας μετὰ Ἐρεχθέα διένειμε τὴν ἀρχὴν τοῖς υἱοῖς. καὶ διετέλουν οὗτοι στασιάζοντες. Θησεὺς δὲ ἐκήρυξε καὶ συνεβίβασε τούτους ἐπ’ ἴσῃ καὶ ὁμοίᾳ μοίρᾳ. οὗτος ἐλθὼν εἰς Σκῦρον ἐτελεύτησεν ὠσθεὶς κατὰ πετρῶν ὑπὸ Λυκομήδους, φοβηθέντος μὴ σφετερίσηται τὴν νῆσον. Ἀθηναῖοι δὲ ὕστερον περὶ τὰ Μηδικὰ μετεκόμισαν αὐτοῦ τὰ ὀστᾶ.
Quelle M. R. Dilts, Heraclidis Lembi excerpta politiarum.
Übersetzung Die Athener hatten anfangs eine Monarchie. Als Ion mit ihnen zusammenlebte, wurden sie damals zum ersten Mal Ioner genannt. Pandion, der nach Erechtheus König war, teilte die Herrschaft unter seinen Söhnen auf. Und diese lagen fortwährend im Zwist. Theseus trat als Schiedsmann auf und vermittelte zwischen ihnen auf Basis von gerechtem und gleichem Anteil. Dieser ging nach Skyros und kam zu Tode, weil Lykomedes ihn von den Felsen stieß, der in Furcht war, er könnte der Insel beraubt werden. Später, in der Zeit der Perserkriege, bargen die Athener seine Gebeine.
Quelle der ÜbersetzungM. Hose, Aristoteles: Die historischen Fragmente, Bd. 20/III.
Kommentar In diesem Fragment aus der Athenaion Politeia geht Aristoteles auf die Geschichte Athens ein. Ion gilt in der pseudo-aristotelischen Athenaion Politeia als erster Polemachos Athens (3,2), in der Metaphysik (1024a) nennt Aristoteles ihn Ahnherren der Ionier. Die Erzählung der Abstammung des Ion ist von Bedeutung für Athen: Nach einer Version ist er der Sohn des Xuthos, Enkel des Erechtheus und des Hellen (so Strab. 8,383; Paus. 7,1,2), nach einer anderen, bei Platon (Euthyd. 302c) überlieferten Version erscheint er als Sohn des Apoll, wodurch der Führungsanspruch der Athener über das griechische Mutterland noch deutlicher wird, da er in diesem Fall ausschließlich athenischer Abstammung ist. Die zweite wichtige Identifikationsfigur für die Athener scheint hier Theseus zu sein, die Heimholung seiner Gebeine unter Kimon dient zur Legitimation der Suprematieansprüche im Ersten Attisch-Delischen Seebund (vgl. J. von Ungern-Sternberg, Das Grab des Theseus und andere Gräber, in: W. Schuller (Hrsg.), Antike in der Moderne, 325). Ein weiteres prominentes Beispiel für die Überführung von Gebeinen eines Heros zur Begründung von Suprematieansprüchen stellt der Transfer der Überreste des Orestes dar (vgl. u. a. Diod. 9 frg. 36, 2-3), wodurch Sparta die dorische Abstammung seiner Bewohner in den Hintergrund stellt und eine Verbindung zur königlichen Dynastie von Mykene anstrebt, welche in mythischer Zeit die Peloponnes regiert hat (vgl. E. Baltrusch, Sparta. Geschichte, Gesellschaft, Kultur, 44).
BelegstellenPlut. Kim. 8,3-5; Hdt. 1,67,2-3; Diod. 9 frg. 36, 2-3
SchlagwortIon, eponymer Heros, Herrschaftslegitimation
Geographische ZuordnungAthen, Skyros
Ethnische GruppenIonier
BearbeiterInAnna Trattner-Handy
Permalinkhttps://gams.uni-graz.at/o:ethnos.95