Quellen zur habsburgisch-osmanischen Diplomatie in der Neuzeit

Die Internuntiatur des Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1649): Reisebericht, Instruktionen, Korrespondenz, Berichte

Beta Version
Titel
Itinerarium oder rayß beschreibung von Wien in Österreich nach Constantinopel
Autor
Johann Georg Metzger
Entstehungszeit
20.03.1650
Entstehungsort
Konstantinopel, Wien
Umfang
522 Seiten
51782 Wörter
327611 Zeichen
Format
Maße: 15 cm X 20 cm
Schrift
Die folgende Schriftbildanalyse wurde von Doz. Dr. Andreas Zajic, MAS (ÖAW) erstellt:

Das Titelblatt des Reiseberichts wurde – typographischen Layoutusancen entsprechend – in gestaffelt zentrierten Zeilen beschriftet. Der Haupttitel steht – bis auf die erste Zeile (Jtinerarium oder) – ebenso wie der Name des Autors ganz unten in einer wenig sorgfältig stilisierten Fraktur, also der an der Spitze der dreigliedrigen Schrifthierarchie der deutschen Schreibschriften stehenden höchstrangigen und am wenigsten zeitökonomisch/kursiv zu schreibenden Kanzleischrift. Diese wurde bald nach 1500 als organische Weiterentwicklung älterer hochstilisierter Kanzleibastarden, also spätgotischer Buch- und Urkundenschriften verbreitet, und neben den Kanzleien gleichermaßen als Drucktype wie für Inschriften in verschiedenen Materialien verwendet. Sie unterscheidet sich von der Schrift der ersten Zeile sowie der übrigen Seite recht klar durch konsequent senkrecht stehende Schäfte, einen deutlicheren Wechsel von Haar- und Schattenstrichen, einen durch Parallelisierung der Schäfte und kräftige Quadrangeln an der Oberlinie des Mittelbands stärker gitterartigen Charakter und das Fehlen fast jeglicher Kursivierung, vor allem also das Ausbleiben von Ligaturen und Mitschreiben von „Luftlinien“ zwischen den Buchstaben. Fraktur war sichtlich keine Schrift, die der Schreiber lange konsequent stilisierend durchhalten konnte, sehr wahrscheinlich hatte er keine große Routine im Gebrauch von Fraktur über längere Passagen hinweg. Nicht dem Frakturkanon der Mitte des 17. Jahrhunderts entspricht deshalb schon innerhalb dieser drei Zeilen etwa das p in Constantinopel, dessen durchgebogener Schaft im Unterlängenbereich aus der für die Titelseite hauptsächlich verwendeten Schrift stammt, der Kanzlei. Diese Schrift (auch: Halbkurrent oder Frakturkanzlei) war eine Auszeichnungsschrift mittleren Niveaus die häufig für Rubriken und Zwischenüberschriften in längeren Texten eingesetzt wurde und somit hierarchisch zwischen der Fraktur und der Standardschreibschrift neuzeitlicher Kanzleien des deutschen Sprachraums wurde, der Kurrent, lag. Die nach Idealvorstellung frühneuzeitlicher Schreibmeisterbücher ähnlich wie die Fraktur fast völlig senkrecht stehend gedachte Kanzlei wurde hier recht nachlässig und deutlich nach rechts geneigt geschrieben, dennoch ist ein moderater Wechsel von Haar- und Schattenstrichen zu registrieren. Dem bekannten Phänomen der „Zweischriftigkeit“ vormoderner Kanzleien im deutschen Sprachraum entsprechend stehen die deutschsprachigen Teile des Titelblatts in den beiden aus dem gotischen Formenpool abgeleiteten „Deutschen“ Schreibschriften Fraktur bzw. Kanzlei, die lateinischen Schlussworte (Juris Vtriusq[ue] studiosum / Anno Salutis) dagegen in einer dem humanistischen Schreibrepertoire entstammenden frühen Rundschrift, die noch Elemente der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in ganz Europa nach ursprünglich italienischem Vorbild geschriebenen Cancellaresca (auch: Cancelleresca) corrente. Als bezeichnende Leitelemente dieser Schrift sind etwa mehrfach über die gesamte Handschrift verteilt keulenartig verdickte Schaftenden festzustellen. Im eigentlichen Reisebericht wird diese Rundschrift jedoch auch für deutschsprachige Marginalnotizen, vor allem Toponyme, verwendet.

Die drei vorgenannten Schriften werden auch im eigentlichen Text entsprechend differenziert eingesetzt, wobei einzelne Versalien in Initialfunktion nach dem Vorbild einschlägiger Schreibmeisterbücher kadellenartig und mit feinen Haarzierlinien gestaltet wurden. Wenn das Ergebnis auch nicht ganz sorgfältig ausgefallen ist, so war diese Ausstattung doch grundsätzlich kalligraphisch und kanzleimäßig-anspruchsvoll gedacht.

Die den mit Abstand größten Textbestand ausmachende Schriftart ist erwartungsgemäß eine durchaus zeittypische Kurrent (auch: „Deutsche Schreibschrift“), also die aus den spätmittelalterlichen gotischen Kursiven moderaten Stilisierungsniveaus entwickelte Standardschrift der neuzeitlichen Kanzleischreiber und Sekretäre des deutschen Sprachraums. Sie ist eine im wahrsten Sinn des Wortes universale Alltags- und Gebrauchsschrift, auch wenn innerhalb des breiten Spektrums von Kurrentschriften wiederum eine ungeheure Bandbreite an divergierenden Gestaltungsansprüchen und Abstufungen kalligraphischen Aufwands zu beobachten ist. Die Schrift des Reiseberichts ist eine routinierte, mäßig sorgfältig stilisierte Kurrent mit für die Mitte des 17. Jahrhunderts recht typischen Merkmalen: Im allgemeinen Eindruck betrifft dies die spürbare konsequente Rechtsneigung und die tendenziell geringen Unterschiede zwischen Haar- und Schattenstrichen. Dem Entstehungszeitpunkt der Handschrift entsprechen sehr gut die parallel und abwechselnd auftretenden Formen des w, einerseits die (noch) kantige („zweischaftige“) Form des späten 16. Jahrhunderts, andererseits die für das 17. Jahrhundert typische runde des omegaförmigen w. Das e begegnet häufig bereits in der modernen „zweischaftigen“ Form, g ist durchwegs bastardesk gestaltet, der Versal G hat fast durchwegs die bis um 1650 typische komplizierter aufgebaute Form ohne Schlinge im Unterlängenbereich, der Schaft des t ragt zeitgemäß fast durchwegs bis an die Oberlinie des Oberlinienbereichs. Kleine Knötchen oder Knöpfchen an den Buchstabenscheiteln, wie sie für die Frühbarockschriften um 1600 typisch waren, zeigen sich nur noch vereinzelt an manchen G-Versalien. Als diakritisches Zeichen über u tritt meist eine für das 17. Jahrhundert bezeichnende annähernd senkrechtgestellte Tilde auf. Die Graphie für vokalisches u und halbvokalisches v ist noch nicht – wie dies im Lauf des 18. Jahrhunderts allmählich klarer ausgeprägt wird – unterschieden, wie schon seit dem Mittelalter üblich steht am Wortbeginn immer der Graphem v (auch für den Lautwert u, also etwa: vnnd), im Wortinneren immer das Graphem u (auch für den Lautwert v, also etwa: zuuor). Sinngemäß Gleiches gilt für die fehlende Scheidung von i/j nach phonetischen Kriterien.

Hände
Das Diarium enthält verschiedene Handschriften. Den Hauptteil macht der eigentliche Autor, Johann Georg Metzger aus. Daneben gibt es Einträge, die vermutlich vom Erben und Nachbesitzer, Johann Leopold Metzger Freiherr von Metzburg und weiteren, nicht identifizierbaren Schreibern, stammen. Diese Handschrift findet sich am Ende des Berichts sowie auf der Rückseite einiger eingelegter Blätter.
Beschreibung
Original: Aus hellbraunem Leder gebundener Buchdeckel; die Innenseite besteht aus rauem Papier; stellenweise wurden lose Blätter eingelegt. Der Bericht ist in einem guten Gesamtzustand. Einzelne Seiten weisen am Rand leichte Wasserschäden auf. Die Seiten sind gebunden, wobei einzelne Blätter (vorwiegend Skizzen, Karten oder Zeichnungen) im Nachhinein eingelegt oder geklebt wurden. Der Bericht ist größtenteils paginiert. Die ersten und letzten Seiten sind unpaginiert. Es handelt sich dabei um Ergänzungen.

Kopie: Eine Kopie des Diariums ist als Mikrofilm, der ursprünglich 1948 erstellt und später vom Stadtarchiv Stein am Rhein/Schweiz digitalisiert wurde, verfügbar. Dieser wird im Stadtarchiv Stein am Rhein/Schweiz aufbewahrt. Die Seiten 337 sowie eine unpaginierte am Ende des Berichts fehlen in dieser Version gänzlich. Einige Seiten am Ende des Berichts sind in dieser Version schlecht oder kaum lesbar.
Entstehung und Geschichte der Handschrift
Der Textkorpus basiert zu einem großen Teil auf Übernahmen von Passagen vorhergehender Reiseberichte, von Berichten und Relationen des Internuntius, Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn, sowie auf Aufzeichnungen und Beobachtungen von Johann Georg Metzger selbst. Die Reinschrift eigener Aufzeichnungen erfolgte mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Abschluss der Reise.

Nachdem der Autor, Johann Georg Metzger, verstorben war, wurde das Diarium innerhalb der Familie von Metzgburg weitergegeben. Bei Hammer-Purgstall scheint der Vizepräsident des k.u.k. Rechnungsdirektoriums und späterer Präsident der Armee Rechnungs Hofkommission, Johann Freiherr von Metzburg (1780-1839) als Besitzer auf. Er dürfte es, nach Vermerken im Reisebericht selbst, an seinen Sohn, Heinrich Freiherr von Metzburg übergeben haben. Dieser allerdings blieb unverheiratet und vertraute das Familienerbestück seiner Schwester Emilie von Metzburg (1807-1856), später von Knorr, an. Deren Ehemann, Josef Freiherr von Knorr, war seit 1820 Besitzer des Schlosses Stiebar in Gresten, weswegen der Reisebericht hier seinen heutigen Aufbewahrungsort hat. Nach dem Tod von Josef von Knorr im Jahr 1839 übernahmen seine Töchter das Schloss. Allerdings kam es bereits 1908 zu einem weiteren Besitzerwechsel: Josefine (1827-1908) vererbte es schließlich an Otto Graf von Seefried (1870-1951) und dessen Gemahlin Elisabeth Maria von Bayern (1874-1957), einer Enkelin Kaiser Franz Josephs. Das Reisetagebuch verblieb jedoch in der Stiebar'schen Haus-Bibliothek, wo es das Interesse des Grafen Otto von Seefried erregt haben dürfte. Er befasste sich mit dem Schlossarchiv und verfasste sogar eine kurze Abhandlung über den Metzger'schen Reisebericht in der Sonntagsausgabe des neuen Wiener Tagblattes (28.10.1928, 24-26). Ebendieser Artikel lenkte wohl die Aufmerksamkeit des berühmten Orientalisten und "Handschriftenjägers" Franz Babingers (1891-1967) auf sich, der sich in den darauffolgenden Jahren intensiv um die Herausgabe einer Edition bemühte. Zu diesem Zweck nahm Babinger 1937 Kontakt auf mit dem Schaffhausener Staatsanwalt Fritz Rippmann, der sich mit dem Lebenswerk des Diplomaten Rudolf Schmidt zum Schwarzenhorn beschäftigte und Babinger eine Publikation seiner Edition in Aussicht stellte. Schwarzenhorn, der Leiter jener Mission, in welcher Metzger seine Reise nach Konstantinopel angetreten war, war aus Stein am Rhein gebürtig. So kann eine Verbindung in die Schweiz hergestellt werden. Diese ist für die Geschichte des Reisebericht von grundlegender Bedeutung, denn nur auf Grund der Bemühungen Rippmanns und Babingers konnte eine Filmkopie des bis vor Kurzem verloren geglaubten Berichts hergestellt werden, auf deren Basis das vorliegende Editionsprojekt beruht. Die Bemühungen Babingers zur Publikation einer Edition des Berichts verliefen seit 1959 im Sand. Der Orientalist verstarb acht Jahre später, sein Nachlass ist leider nicht zugänglich. Das Original wurde von einer der EditorInnen, Anna Huemer, wiederentdeckt.
Archiv
Schloss Stiebar, Gresten, Niederösterreich
Bildmaterial
Stadtarchiv Stein am Rhein, Sammlungen, 'Schwarzenhorniana', 08.03.01-11 [Filmkopie].
Zitierhinweis
Johann Georg Metzger, Itinerarium oder rayss beschreibung von Wien in Österreich nach Constantinopel [...] (1650), bearbeitet von Anna Huemer, Kommentar von Lisa Brunner / Anna Spitzbart, Digitalisierung von Carina Koch / Jakob Sonnberger, unter Mitarbeit von Anna Huemer, in: Arno Strohmeyer / Georg Vogeler, Hg., Quellen zur habsburgisch-osmanischen Diplomatie in der Neuzeit. Die Internuntiatur des Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1649): Reisebericht, Instruktionen, Korrespondenz, Berichte, Salzburg / Graz 2019, online unter: http://gams.uni-graz.at/dipko [Betaversion 2020-08].