Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz
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Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz, auch „Deserteursdenkmal“ genannt, wurde am 24. Oktober 2014 eröffnet. Die Skulptur des Künstlers Olaf Nicolai ist Deserteuren und anderen von Militärgerichten des NS-Staates in ganz Europa verfolgten Menschen gewidmet. Militärgerichte der deutschen Streitkräfte verhängen mehr als 30.000 Todesurteile gegen eigene Soldaten und Kriegsgefangene der Alliierten, aber auch gegen Zivilistinnen und Zivilisten in den von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas. Ein großer Teil der Todesurteile richteten sich gegen Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“. Tausende weitere Soldaten starben nach einer Verurteilung in sogenannten Bewährungseinheiten an der Front. In der Zweiten Republik wurden viele der Hingerichteten und der Überlebenden der Verfolgung lange nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Erst ab der Jahrtausendwende setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich die deutsche Militärjustiz bedingungslos in den Dienst einer verbrecherischen Kriegsführung gestellt hatte. Im Jahr 2009 rehabilitierte der Nationalrat alle Verurteilten und Verfolgten. Olaf Nicolais Betonskulptur stellt ein dreistufiges, liegendes X dar. In die oberste Stufe ist die Inschrift „all alone“ eingelassen. Olaf Nicolai erklärte seine Idee folgendermaßen: „Dieses Denkmal erweist denjenigen Respekt, die eine eigene Entscheidung treffen, sich der Fremdbestimmung widersetzen und sich durch ihr eigenständiges Handeln gegen das geltende System stellen. Die Bedeutung der persönlichen Entscheidung, dissident zu sein, dieses aktive Moment, darin liegt für mich die Aktualität. Aus dieser Perspektive habe ich das überdimensionale, liegende X mit einer Inschrift auf der obersten Ebene konzipiert. Was geschieht mit demjenigen, der auf den dreistufigen Sockel steigt, um die Inschrift zu lesen? (…) Die Inschrift zeigt – im wahrsten Sinn des Wortes – die angedeutete Spannung zwischen Einzelnem und Gemeinschaft. Es geht um die Beziehung zu sich selbst, das 'alone', die Bereitschaft, allein für etwas einzustehen. Den Text in englischer Sprache, der über den nationalen Rahmen hinausweist und für alle verständlich ist, liest man nun an einem Ort, an dem man von Institutionen des Staates umgeben ist. Die Frage nach der eigenen Position ist somit als eine sich immer wieder stellende unmittelbar und konkret erfahrbar.“ Die Errichtung des Denkmals durch die Stadt Wien geht auf eine langjährige Forderung des „Personenkomitees Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ zurück.
