Am 29. Oktober 1998 wurde an der Fassade des Hauses Judenplatz 6 eine Gedenktafel enthüllt. Die Tafel beleuchtet den christlichen Antisemitismus im Mittelalter und während der NS-Zeit. Stifter der Tafel war die Katholische Kirche, initiiert wurde die Tafel von Kardinal Christoph Schönborn. Nach Kritik, dass der Text nicht auf die Mitschuld der katholischen Kirche eingehen würde, wurde der Text entsprechend adaptiert.
Foto: porem
Transkription
Kiddusch HaSchem' heißt 'Heiligung Gottes'
Mit diesem Bewußtsein wählten Juden Wiens in der Synagoge hier am Judenplatz — dem Zentrum einer bedeutenden jüdischen Gemeinde — zur Zeit der Verfolgung 1420/21 den Freitod, um einer von ihnen befürchteten Zwangstaufe zu entgehen. Andere, etwa 200, wurden in Erdberg auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.
Christliche Prediger dieser Zeit verbreiteten abergläubische judenfeindliche Vorstellungen und hetzten somit gegen die Juden und ihren Glauben. So beeinflußt nahmen Christen in Wien dies widerstandslos hin, billigten es und wurden zu Tätern.
Somit war die Auflösung der Wiener Judenstadt 1421 schon ein drohendes Vorzeichen für das, was europaweit in unserem Jahrhundert während der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft geschah.
Mittelalterliche Päpste wandten sich erfolglos gegen den judenfeindlichen Aberglauben, und einzelne Gläubige kämpften erfolglos gegen den Rassenhaß der Nationalsozialisten. Aber es waren derer zu wenige.
Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen.
'Heiligung Gottes' kann heute für die Christen nur heißen:
Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Gottes Heil.
29. Oktober 1998