Zum 100. Geburtstag der Schrifstellerin Ilse Aichinger am 1. November 2021 wurde auf der Schwedenbrücke zwischen zwischen dem ersten und dem zweiten Wiener Gemeindebezirk der »gedenkort winterantwort« eröffnet. Der Entwurf stammt von Elisabeth Eich. Der Titel nimmt Bezug auf Aichingers Gedicht Winterantwort, welches vor Ort zu lesen ist. Es
Foto: Nils Münger
Transkription
»gedenkort winterantwort«
An dieser Stelle sah die Schriftstellerin Ilse Aichinger (Wien,
1921-2016) am 6. Mai 1942, wie ihre Großmutter, ihre Tante und ihr Onkel
auf einem offenen Lastwagen vom Sammellager im 2. Bezirk zum
Aspangbahnhof gebracht wurden. Sie wurden nach Maly Trostenez bei Minsk
deportiert und dort ermordet. Die Erinnerung daran spiegelt sich in
Aichingers Gedicht Winterantwort (1978). Dieser Transport zählt zu den
45 Deportationstransporten, mit denen mehr als 45.000 österreichische
Jüdinnen und Juden in den Jahren 1941/42 vom Aspangbahnhof in
nationalsozialistische Ghettos, Vernichtungslager und Mordstätten
deportiert wurden. Nur wenige überlebten.
Winterantwort
Die Welt ist aus dem Stoff,
der Betrachtung verlangt:
keine Augen mehr,
um die weißen Wiesen zu sehen,
keine Ohren, um im Geäst
das Schwirren der Vögel zu hören.
Großmutter, wo sind deine Lippen hin,
um die Gräser zu schmecken,
und wer riecht uns den Himmel zu Ende,
wessen Wangen reiben sich heute
noch wund an den Mauern im Dorf?
Ist es nicht ein finsterer Wald,
in den wir gerieten?
Nein, Großmutter, er ist nicht finster,
ich weiß es, ich wohnte lang
bei den Kindern am Rande,
und es ist auch kein Wald.