DERLA |

VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



Krankenhausgasse, 6330 Kufstein
Beschreibung: Du setzt dich mithilfe eines Kurzfilms mit Adele Stürzl auseinander. Sie war Mitglied einer linken Widerstandsgruppe im Tiroler Unterland. Du lernst ihre Lebensgeschichte kennen, erfährst, wie an sie und ihre MitstreiterInnen erinnert wird und überlegst dir, wie die Erinnerung an Menschen, die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben, wachgehalten werden kann.
Ort: Bezirk Kufstein
Zeitbedarf: je nach Einsatz 100 bis 250 Minuten
Alter: 13–18 Jahre
Vermittlungsort: Klassenraum


Verbundene Orte:




Mehr Erfahren

Der Mensch Adele Stürzl wurde am 23.11.1892 in Wien als Arbeiterkind geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern musste sie von Kindesbeinen an hart arbeiten und erlebte, dass Mägde wie sie als rechtlos angesehen wurden. Sie befreite sich jedoch aus dieser Unterdrückungssituation, ging nach Wien und trat der Gewerkschaft bei. Als Kindermädchen in einem bürgerlichen Haushalt in Budapest lernte sie Hans Stürzl kennen und heiratete ihn. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ging sie mit ihrem Mann nach Kufstein. Dort arbeitete sie in einer Munitionsfabrik und erkämpfte als Gewerkschafterin eine Erhöhung der Hungerlöhne für die Arbeiterinnen. Sie engagierte sich zunächst in der SPÖ, dann in der KPÖ. Adele Stürzl setzte sich vor allem für Arbeitslose und Menschen in Not ein und war deswegen bei den ArbeiterInnen sowie in der Kleinbauernschaft hoch angesehen. Auch nach dem Verbot der KPÖ in der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur engagierte sich Stürzl weiter. Mehrmals wurde sie in der Zeit von 1933 bis 1935 verhaftet und musste ins Gefängnis. Im Wissen darum, dass der Widerstand gegen das Terror-Regime der Nationalsozialisten gefährlich ist, kassierte Adele Stürzl dennoch Mitgliedsbeiträge für die KPÖ, um Menschen in Notsituationen zu unterstützen. Sie versuchte, einem Deserteur zur Flucht zu verhelfen und eine Hungerdemonstration am 1. Mai zu organisieren. Als ein Netzwerk von linken Widerstandsgruppen im Tiroler Unterland und in Innsbruck mit Kontakt nach Deutschland aufgebaut wurde, stellte sie ihre Wohnung für ein Treffen mit dem Kopf der Freiheitsbewegung, dem Leiter der illegalen KP Berlins, Robert Uhrig, zur Verfügung. Dieser Kontakt wurde ihr zum Verhängnis. Als die Gestapo den Widerstand enttarnte, kam Adele Stürzl zusammen mit vielen weiteren Menschen in Haft. Am 11. November 1942 verurteilte ein Sondergericht Innsbruck Adele Stürzl wegen der versuchten Fluchthilfe für den Deserteur zu vier Jahren Zuchthaus; sie musste aber in der Innsbrucker Haftanstalt bis kurz vor Beginn des Prozesses gegen die Gruppe „Roby“ bleiben. Im Gefängnis unterstützte sie Mitgefangene und richtete sie durch ihre solidarische Haltung auf. Der Volksgerichtshof verurteilte Adele Stürzl am 14. April 1944 wegen Hochverrats und Feindbegünstigung zum Tod. Obwohl sie gesundheitlich schwer angeschlagen war, wurde sie am 30. Juni 1944 in München hingerichtet. Die Erinnerung Seit den 1970er Jahren engagierte sich Karl Mandler dafür, dass seine ehemalige Parteikollegin, Adele Stürzl, öffentliche Anerkennung erhält. Er war von 1930 bis 1932 Obmann der Sozialdemokratischen Partei Kufsteins und nach 1945 Vorsitzender des Bundes der Opfer des politischen Freiheitskampfes. Auf seine Initiative hin brachte die Stadt Kufstein 1987 an der Gedenktafel im Soldatenfriedhof , die an die Gefallenen beider Weltkriege und an die Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs erinnert, eine zusätzliche Inschrift an: „Opfer des Widerstandes – 1944 Adele Stürzl“. Im September 1993 beschloss der Kufsteiner Stadtrat, eine Straße in Kufstein-Weissach , nach Adele Stürzl zu benennen. 2009 veröffentlichte die Tiroler Autorin Rosmarie Thüminger eine literarische Spurensuche zur Person von Adele Stürzl. „Mit offenen Augen“ nannte sie ihre historisch-literarische Annäherung an die Lebensgeschichte der Widerstandskämpferin. Sie wollte 65 Jahre nach der Hinrichtung von Adele Stürzl und ihrer sechs Mitstreiter auf den linken Widerstand aufmerksam machen, der in Tirol lange vergessen blieb, obwohl die meisten Opfer des Widerstandes dieser Gruppe zuzurechnen sind. Bei der Neugestaltung des Eduard-Wallnöfer-Platzes vor dem Landhaus ergänzte der Künstler Christopher Grüner mit Historikern das Befreiungsdenkmal , dass die französische Militärregierung 1948 errichtete. Die Inschrift „Pro libertate Austriae mortuis“ war nur für Menschen mit Latein- und/oder Geschichtskenntnissen zu verstehen. Daher wurden 2011 auf den Schmalseiten die Inschrift auf Deutsch übersetzt und auch die Namen der WiderstandskämpferInnen angebracht, die für die Freiheit Österreichs gestorben sind. Dort ist auch der Name von Adele Stürzl zu lesen.



Literatur

  • Martin Achrainer, Adele Stürzl (1892-1944). Die Rosa Luxemburg von Kufstein, in: Horst Schreiber, Ingrid Tschugg, Alexandra Weiss (Hg.): Frauen in Tirol. Pionierinnen in Politik, Wirtschaft, Literatur, Musik, Kunst und Wissenschaft, Innsbruck 2003, 38-45. Peter Gautschi, Vom Nutzen des Biografischen für das historische Lernen, in: Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern (Hg.), Menschen mit Zivilcourage. Mut, Widerstand und verantwortliches Handeln in Geschichte und Gegenwart, Luzern 2015, 171-191. Horst Schreiber, Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol. Opfer. Täter. Gegner (Tiroler Studien zu Geschichte und Politik 8), Innsbruck/Wien/Bozen 2008, 321-322. Horst Schreiber, Gedächtnislandschaft Tirol. Zeichen der Erinnerung an Widerstand, Verfolgung und Befreiung 1938–1945 (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge 68/Tiroler Studien zu Geschichte und Politik 24), Innsbruck/Wien/Bozen 2019.