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VERFOLGUNG UND WIDERSTAND
IM NATIONALSOZIALISMUS
DOKUMENTIEREN UND VERMITTELN

Digitale Erinnerungslandschaft



Geisteswissenschaftliches Asset Management System



Thurnfeldgasse 14, am LKH Gelände zwischen den Gebäuden 5 und 3, 6060 Hall in Tirol
Beschreibung: Du setzt dich mithilfe eines Kurzfilms und eines Grundlagentextes mit Maria Schild, einem NS-Euthanasieopfer, auseinander. Du lernst ihre Lebensgeschichte kennen, erfährst, wie an sie erinnert wird und überlegst dir, wie die Erinnerung an sie wachgehalten werden kann.
Ort: Hall in Tirol (PLZ 6060), Bezirk Innsbruck-Land
Zeitbedarf: je nach Einsatz 100 bis 250 Minuten
Alter: 13–18 Jahre
Vermittlungsort: Klassenraum


Verbundene Orte:




Mehr Erfahren

Der Mensch (zit. n. Gedenk- und Informationsort Hall, https://www.gedenkort-hall.at/) Maria Schild kam am 1. Oktober 1909 in Wörgl als Tochter von Georg und Aloisia Schild zur Welt. Sie wuchs ohne ihren Vater auf, der wenige Monate nach ihrer Geburt starb. Maria Schild, in den Akten auch Mizzi und Mary genannt, war das jüngste von fünf Geschwistern. Nach eigenen Angaben machte sie nach dem Schulabschluss eine Lehre als Verkäuferin und arbeitete zuletzt als Lebensmittelverkäuferin in Innsbruck und Hall. Ihr Arbeitgeber beschrieb sie als sehr verlässlich und arbeitsam. Erst als sich bei der 21-Jährigen Anzeichen einer psychischen Krankheit zeigten, ließ ihre Arbeitsleistung nach. Ab 1931 kam es zu wiederholten Aufnahmen in der Psychiatrischen Klinik Innsbruck und in der Heil- und Pflegeanstalt Hall . Mehrmals versuchte die Familie, auch gegen den Rat der Ärzte, Maria Schild zu Hause in Wörgl zu betreuen, brachte sie jedoch jeweils nach kurzer Zeit in die Anstalt zurück. Eine Unterbringung im Versorgungshaus Imst war auch nur von kurzer Dauer. Maria Schild lief nach wenigen Wochen davon und kehrte nach Wörgl zur Familie zurück. Im September 1934 wurde sie letztmals in Hall aufgenommen. Nach dem Tod ihrer Mutter zwei Monate später kümmerten sich nun die Brüder der Patientin um sie und besuchten sie gelegentlich in der Anstalt, so zuletzt am 24. November 1940. Wenig später wurde Maria Schild am 10. Dezember 1940 mit weiteren 178 PatientInnen von Hall in die Hartheim verlegt und ermordet. Als Todestag ist am Sterbebild der 7. Jänner 1941 angeführt, wie er der Familie wohl in täuschender Absicht aus Hartheim mitgeteilt worden war. Die Erinnerung Einzelschicksale von NS-Euthanasieopfern wurden erst sehr spät aufgearbeitet. In der Heimatgemeinde Maria Schilds gibt es bis heute kein Erinnerungszeichen an sie. Auf der Gedenktafel am neuen Friedhof in Wörgl, die seit 2009 an vier NS-Euthanasieopfer erinnert, fehlt ihr Name. Auch ihr Neffe, der Künstler Alois Schild, der sich mit der Aufarbeitung der Euthanasiemorde künstlerisch auseinandersetzte, erfuhr erst im Zuge eigener Recherchen von der Ermordung seiner Tante. Ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer lebendigen Erinnerungskultur war das Kunstprojekt „Temporäres Denkmal. Prozesse der Erinnerung“ des Künstlers Franz Wassermann. Es sollte an jene 360 Menschen erinnern, die im Zuge der NS-Euthanasie ermordet wurden. Mit der Einbindung der Heimatgemeinden von NS-Euthanasieopfern löste der Künstler viele Diskussionen aus. Er forderte sie in einem Schreiben auf, Straßen oder Orte nach den ermordeten Menschen zu benennen. Die Gemeinden reagierten teilweise mit großer Unterstützung, lehnten das Vorhaben mitunter aber auch völlig ab. Die Errichtung des Gedenk- und Informationsortes in Hall Jahr setzte den öffentlichen Erinnerungsprozess fort. Im Zentrum des Gedenkortes befindet sich ein Stelenfeld. Jede Stele steht für ein Opfer. Auf dem Stelenkopf sind Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Jahr und Ort der Ermordung und die Heimatgemeinde angeführt. Die Vertiefungen an den Stelenköpfen symbolisieren die Lücken, die die Ermordeten hinterlassen haben. Die unterschiedliche Höhe der Stelen und die unterschiedliche Gestaltung der Objektköpfe verweisen auf die Verschiedenartigkeit und Einzigartigkeit der ermordeten Menschen. Eine Informationsstation bietet Einblicke in die einzelnen Lebensgeschichten der Ermordeten und liefert historische Hintergründe.



Literatur

  • Horst Schreiber, Sie gehören zu uns. Erinnerungen an die Ermordeten der NS-Euthanasie in Rum und Zirl, in: Martin Haselwanter u.a. (Hg.), Gaismair-Jahrbuch 2013. BlickWechsel, 167-177.
  • Horst Schreiber, Gedächtnislandschaft Tirol. Zeichen der Erinnerung an Widerstand, Verfolgung und Befreiung 1938–1945 (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge 68/Tiroler Studien zu Geschichte und Politik 24), Innsbruck/Wien/Bozen 2019.
  • Oliver Seifert, „Sterben hätte sie auch hier können“. Die „Euthanasie“-Transporte aus der Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol nach Hartheim und Niedernhart, in: Brigitte Kepplinger/Gerhart Marckhgott/Hartmut Reese (Hg.), Tötungsanstalt Hartheim (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 3), Linz 20082, 359–410.
  • Andrea Sommerauer/Franz Wassermann, Temporäres Denkmal. Prozesse der Erinnerung, Innsbruck-Wien-Bozen 2009².