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Jüdisches Leben in Tirol Eine Zuwanderung jüdischer Familien setzte in Tirol erst ab den 1880er Jahren ein und konzentrierte sich weitgehend auf Innsbruck. Nach dem Ersten Weltkrieg betrug der jüdische Bevölkerungsanteil nur knapp 500 Personen. In Innsbruck lebten damals über 70.000 Menschen. Streng gläubige Familien wanderten nicht nach Innsbruck aus, weil sie hier ihre Glaubensgrundsätze nicht ausüben konnten. Es fehlte an den dafür notwendigen religiösen Einrichtungen. Für viele bedeutete die Migration nach Innsbruck eine Flucht vor Not und Armut in ihrer Heimat in Wien, Böhmen oder Galizien. Für einige Familien erfüllte sich in Innsbruck die Hoffnung nach einem sozialen Aufstieg. Erfolgreich gründeten sie Geschäfte und Industriebetriebe und unterstützten die wirtschaftliche Entwicklung Tirols. Die Auswirkungen der NS-Schreckensherrschaft auf das jüdische Leben in Tirol sind unvorstellbar. Von 585 TirolerInnen, die der Nationalsozialismus als „Volljuden“ verfolgte, überlebten höchsten zwei Drittel, viele Familienschicksale sind bis heute ungeklärt. Nur knapp 40 Mitglieder der ehemaligen Israelitischen Kultusgemeinde kehrten nach 1945 nach Tirol zurück. Es dauerte teilweise Jahrzehnte, bis die jüdischen Vertriebenen ihren geraubten Besitz oder eine Entschädigung erhielten. Die Errichtung von Gedenkzeichen für jüdische Opfer setzte erst in den 1980er Jahren ein. 1993 entstand in der Sillgasse eine neue Synagoge . Sie ist heute ein Zentrum jüdischen Lebens in Tirol. Die Israelitische Kultusgemeinde ist klein, setzt aber wichtige Akzente, vor allem in der Erinnerungslandschaft. Antisemitismus damals und heute Antisemitismus ist keine Erfindung der Nationalsozialisten. Als staatenlose Minderheit, der Staat Israel entstand erst 1948, wurden jüdische Menschen seit jeher diskriminiert und verfolgt. Dies hatte religiöse und wirtschaftliche Hintergründe. Zum einen grenzte sich das Christentum vom Judentum ab. Es lastete ihm die Ermordung Jesus an, die Schändung von Hostien, die Vergiftung von Brunnen und Ritualmorde an Kindern. Zum anderen entstanden im Mittelalter judenfeindliche Gesetze, die der jüdischen Bevölkerung die Ausübung etlicher Berufe unmöglich machte. Viele arbeiteten dadurch im Handel und Geldwesen. In der Folge entstand der Vorwurf, dass sich die jüdische Bevölkerung auf Kosten anderer bereichere. In Krisenzeiten machte sie die Mehrheitsbevölkerung immer wieder als Sündenbock verantwortlich. Der Nationalsozialismus griff eine dritte Variante der Judenfeindschaft auf: den rassisch motivierten Antisemitismus. Er entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert und teilte die Menschen in unterschiedliche Rassen ein. Die „minderwertigste“ Rasse wäre demnach die jüdische, die nach der Weltherrschaft strebe. Nach der NS-Machtübernahme setzte ein Prozess der Entrechtung und Diskriminierung ein. Die Nationalsozialisten schlossen die nach ihren Regeln definierte jüdische Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben aus, raubten über so genannte „ Arisierrungen “ ihr Vermögen und vertrieben sie. Viele Menschen scheiterten bei ihrem Fluchtversuch, weil fast alle Staaten eine strenge Asylpolitik verfolgten und ihre Grenzen schlossen. Zu Beginn des Jahres 1941 begann der systematisch organisierte Massenmord. Die Nationalsozialisten ermordeten in Vernichtungslagern und bei Massenerschießungen über sechs Millionen Menschen, die sie als Jüdinnen und Juden kategorisierten. Der Holocaust gilt heute als das größte Menschheitsverbrechen und als beispielloser Zivilisationsbruch. Am Fortbestand antisemitischer Erzählungen und Vorurteile änderte er freilich nichts. Eine offene Auseinandersetzung mit dem NS-Völkermord fand in Österreich lange nicht statt. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Krisensituationen sind jüdische Gemeinden und Organisationen verstärkten Anfeindungen ausgesetzt. Der Kampf gegen den Antisemitismus bleibt eine gesellschaftliche Herausforderung.