
Mehr Erfahren
Der Mensch Rudolf Gomperz kam am 10. März 1878 als Sohn einer angesehenen, ehemals jüdischen Familie in Wien zur Welt und wurde protestantisch getauft. Er absolvierte ein Studium zum Bauingenieur in Berlin. 1905 ließ er sich in St. Anton nieder, 1906 wurde er Obmann des dortigen Schiklubs und 1907 Hauptausschussmitglied des Österreichischen Schiverbandes, der ihn schon 1910 zum Ehrenmitglied ernannte. Er investierte seine ganze Energie in den Aufbau St. Antons als Fremdenverkehrsort. Seinen heutigen Ruf als Schiort verdankt St. Anton maßgeblich Rudolf Gomperz, der auch bei der Errichtung der Galzigbahn 1937 entscheidende Impulse setzte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten stellten die Dorfnazis am westlichen Ortsende eine große Tafel auf: „In St. Anton sind Juden unerwünscht“. Einzelne Gasthäuser schlugen an den Haustüren Plakate an, auf denen zu lesen war: „Für Juden Zutritt verboten“. Anzeigen im Dorf machten ihm das Leben schwerer, als es ohnehin schon war. Um seinen beiden Söhnen Rudolf (geb. 1922) und Hans (geb. 1925) aus zweiter Ehe eine Zukunft zu ermöglichen, leugnete Rudolf Gomperz, ihr leiblicher Vater zu sein. Beide Söhne meldeten sich freiwillig zur SS . Als nun kinderlos Verheirateter verlor er aber den Schutz, den die Ehe mit einer „ Arierin “ bot. Im Dezember 1941 erhielt Gomperz die Anweisung, den Judenstern zu tragen und innerhalb eines Monats Tirol zu verlassen. Schon am 20. Jänner 1942 musste Rudolf Gomperz nach Wien abreisen, am 20. Mai erfolgte seine Deportation nach Minsk ins Lager Maly Trostinec , wo er wenige Tage später erschossen wurde. Seine Frau starb im Alter von nur 49 Jahren im Winter 1948 einen einsamen Tod. Ihr jüngerer Sohn Hans fiel mit 19 Jahren in Frankreich. Der ältere Sohn kehrte wenige Monate nach dem Tod seiner Mutter aus Kriegsgefangenschaft heim und zerbrach an dem Familienschicksal. Im Alter von 44 Jahren nahm er sich 1966 das Leben. Die Erinnerung Der Heimatforscher Hans Thöni setzte sich schon 1976 für die Errichtung einer Gedenkstätte ein, scheiterte aber am Einspruch von BürgerInnen St. Antons. Thöni sorgte dafür, dass die Gemeinde im Gedenkjahr 1988 in Erinnerung an Gomperz eine kleine Gedenktafel anbrachte. Zuvor hatte Thöni den Tiroler Schriftsteller Felix Mitterer mit der Geschichte des Rudolf Gomperz vertraut gemacht, der ein Theaterstück – Kein schöner Land – verfasste, das nach seiner Aufführung 1987 breite Diskussionen auslöste. Im Frühjahr 1995 kam es nach Beschluss des Gemeinderates zur Errichtung eines Mahnmals im Ferienpark des Schi- und Heimatmuseums von St. Anton. Im Rahmen der Hundertjahrfeierlichkeiten des Schiclubs Arlberg und der Schi-WM 2001 in St. Anton tauchte der Name von Rudolf Gomperz trotzdem nicht auf. Vielleicht nahm dies die Filmemacherin Sina Moser zum Anlass, ein Jahr später in Erinnerung an Gomperz den Dokumentarfilm „Die silberne Lokomotive“ zu gestalten. Der Titel war eine Anspielung auf ein besonderes Erbstück der Familie Gomperz, das erst 2015 auf einem Dachboden in St. Anton wieder auftauchte. In Maly Trostinec bei Minsk, wo insgesamt fast 10.000 als Juden verfolgte ÖsterreicherInnen ermordet wurden, erinnert seit 2019 das Mahnmal „Massiv der Namen“ nach einem Entwurf von Daniel Sanwald an die österreichischen Opfer des NS-Massenmordes. Eine Gedenkinitiative hatte davor an Bäumen rund um den Vernichtungsort die Namen von Ermordeten befestigt, um auf die fehlende Erinnerung aufmerksam zu machen und einen „Wald der Erinnerung“ zu schaffen.