
Mehr Erfahren
Das heutige Bundesland Kärnten ist eine Region, in der die germanische und slawische Sprachgruppe seit der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert aufeinandertreffen. Ein frühes Zeugnis davon ist beispielsweise der Fürstenstein in Karnburg/Maria Saal bei Klagenfurt/Celovec, bei dem die Kärntner Herzöge in einem slowenischsprachigen Zeremoniell symbolisch eingesetzt wurden. Mit dem Erstarken von Nationalismen in Europa im 19. Jahrhundert entstanden größere Risse zwischen den Sprachgemeinschaften in Kärnten/Koroška. Im Zuge der Neuordnung staatlicher Grenzen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war offen, ob das mehrheitlich slowenischsprachige Südkärnten dem Königreich Jugoslawien oder der Republik Deutschösterreich zugeordnet werden sollte. Der Vertrag von Saint-Germain sah eine demokratische Volksabstimmung (Plebiszit) vor: Die Menschen in dem betroffenen Gebiet sollten selbst entscheiden, welchem Staat sie angehören wollten. Einige Kärntner Regionen wurden ohne Abstimmung abgetreten, so das Kanaltal an Italien und das Mießtal, Unterdrauburg und Seeland an das SHS-Königreich (sie gehören heute zu Slowenien). Der übrige Südkärntner Bereich wurde in zwei Zonen geteilt: Zone A, südlich von Klagenfurt/Celovec, und Zone B, in der sich auch die Landeshauptstadt Klagenfurt/Celovec befand. Sollte in Zone A für Jugoslawien (den SHS-Staat) gestimmt werden, sollte auch in Zone B abgestimmt werden. Dazu kam es jedoch nicht. Die Volksabstimmung 1920 In dem Gebiet der Zone A, in dem zur damaligen Zeit etwa 70 Prozent aller Menschen Slowenisch sprachen, gingen bei der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 fast 60 Prozent aller Stimmen an Österreich. Beide Seiten – sowohl Jugoslawien als auch Österreich – lockten vor der Abstimmung mit großen Versprechungen. Die Versprechungen, die Österreich in Zusammenhang mit der Wahrung sprachlicher, kultureller und wirtschaftlicher Identität an die slowenischsprachigen WählerInnen gemacht gemacht hatte, wurden jedoch nach den Wahlen größtenteils nicht erfüllt. Der 10. Oktober wird heute noch als Kärntner Landesfeiertag begangen. Seit den 2010er Jahren sind die zuvor ausschließlich deutschsprachigen Feierlichkeiten zum Landesfeiertag vermehrt zweisprachig und bringen so mehr zum Ausdruck, dass Kärnten ein zweisprachiges Bundesland ist. Der Nationalsozialismus: Höhepunkt der Diskriminierung Ihren Höhepunkt erreichte die Diskriminierung der Kärntner SlowenInnen zur Zeit des Nationalsozialismus: Mehr als 1.000 Angehörige Slowenisch sprechender Familien wurden am 14. und 15. April 1942 aus Südkärnten deportiert, größtenteils in Arbeitslager ins heutige Mitteldeutschland. Zehntausende weitere KärntnerInnen mussten ihren slowenischen Sprachhintergrund verleugnen, um nicht ebenfalls Zielscheibe der Zwangsmaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes zu werden. Andere Kärntner SlowenInnen schlossen sich dem Widerstand der PartisanInnen in der Region an. Die Mehrheit der KärntnerInnen – gleich welcher Muttersprache – begeisterten sich für den Nationalsozialismus und profitierten davon. In vielen kleinen Ortschaften lebten nach dem Krieg Familien nebeneinander, von denen manche zu den „Ausgesiedelten“ und Diskriminierten zählten, während andere tief schuldhaft in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen waren. Eine regionale Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Südkärnten setzte spät ein – erst seit den 2010er Jahren erfolgen Initiativen für eine Aufarbeitung und Versöhnung auf offizieller Ebene. Minderheitenrechte Die Rechte von sprachlichen Minderheiten wurden bereits in den Grundrechten in der Verfassung von 1867 grundsätzlich anerkannt. Im Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 (Artikel 62) und im Staatsvertrag 1955 (Artikel 7) wurden die Rechte der slowenischen und kroatischen Minderheit in Österreich festgehalten. Aber erst mit dem Volksgruppengesetz 1976 wurden Institutionen geschaffen, um diese Rechte (Bildung, Amtssprache und zweisprachige Ortsnamen in bestimmten Gebieten) zu realisieren. Das Volksgruppengesetz wurde in der Folge auf weitere Minderheiten (TschechInnen, SlowakInnen, UngarInnen sowie Roma/Romnija und Sinti/Sintizze) ausgedehnt. Es gewährt allerdings nur sogenannten autochthonen Minderheiten, das heißt „in Teilen des Bundesgebietes wohnhaften und beheimateten Gruppen österreichischer Staatsbürger mit nichtdeutscher Muttersprache und eigenem Volkstum“ (so die Definition im Volksgruppengesetz) besonderen Schutz und Förderung. Andere sprachliche Gruppen, vor allem MigrantInnen und ihre NachfahrInnen, gelten nicht als autochthone, also „alteingesessene“, Minderheiten und haben daher keinen rechtlich geregelten Minderheitenschutz. Der Ortstafelsturm 1972 Die anhaltende Diskriminierung der slowenischen Sprachgruppe trat im Oktober 1972 beim sogenannten Kärntner Ortstafelsturm offen zutage. Auf vermehrtes Drängen der slowenischen Minderheit in Kärnten waren knapp 100 zweisprachige Ortstafeln aufgestellt worden, die im Ortstafelsturm in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober von aufgebrachten deutschnationalen KärntnerInnen gewaltsam demontiert wurden. Viele Slowenisch sprechende KärntnerInnen fürchteten aufgrund der Gewalteskalation und der Aufmärsche gewaltbereiter Deutschnationaler eine Wiederkehr früherer Zeiten. Einige DeutschkärntnerInnen hingegen sahen in den slowenischen Aufschriften auf den Ortstafeln alte jugoslawische Gebietsansprüche wieder aufkommen. Der Streit um zweisprachige Ortstafeln in Kärnten/Koroška fand erst im Jahr 2011 ein politisches Ende: In 164 Südkärntner Ortschaften wurden zweisprachige Ortstafeln aufgestellt und diese Kompromisslösung in der Verfassung festgeschrieben. Ein Versuch den Konflikt dauerhaft zu lösen. Der heutige Stand Offizielle Zahlen der Volksbefragungen in Kärnten bezeugen einen Schwund der slowenischen Umgangssprache von über 75.000 SprecherInnen im Jahr 1900 auf knapp 12.500 SprecherInnen im Jahr 2001. Die gesellschaftlichen Umstände in Kärnten/Koroška trugen dazu bei, dass immer weniger Menschen das Slowenische als Umgangssprache gebrauchen oder innerhalb der Familie weitergeben. Gleichzeitig melden heute wieder Eltern ihre Kinder zum slowenischen Unterricht an, in deren Familien die Sprache der Vorfahren in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen ist. Kärntner Familien, die auch heute aktiv das Slowenische verwenden, tradieren in ihrem kollektiven Gedächtnis häufig auch eine von Widerstand oder Opferstatus geprägte Erinnerungskultur bezogen auf den Nationalsozialismus und verbinden damit Zuschreibungen von Identität.