Dynamische Vermittlungsangebote
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Die folgenden Vermittlungsangebote sind so konzipiert, dass sie sich für die Auseinandersetzung mit allen auf DERLA dokumentierten Erinnerungsorten und Erinnerungszeichen eignen.
Passen sie die einzelnen Angebote an Erinnerungszeichen und Erinnerungsorte Ihrer Wahl, in Ihrer Nähe und an die Bedürfnisse Ihrer Lerngruppe an.
Titel des Angebotes
Arbeitsaufträge
Didaktischer Kommentar
Vermittlungshinweise
Vermittlungsziele
Literatur
Selbstgestalteter Rundgang: Auseinandersetzung mit Namensdenkmälern
- Beschreibung: Das Modul ermöglicht die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Eigennamens sowie den Namensdenkmälern als Akte der Rehabilitierung von früher namenlos gebliebenen Opfern der NS-Verfolgung. Zudem untersuchen die SchülerInnen vergleichend die unterschiedlichen Konzepte und Ausgestaltungen von Namensdenkmälern
- Zeitbedarf: 3 Unterrichtseinheiten (1 UE à 45 Minuten) für Teil 1, 2 und 3. Vor Ort: je 30 Minuten pro Denkmal
- Zielalter: ab 14 Jahren
- Zielort: im Klassenzimmer und online via DERLA-Homepage oder vor Ort
Didaktischer Kommentar
Das folgende Vermittlungsangebot ist so konzipiert, dass es sich für die Auseinandersetzung mit möglichst vielen, auf DERLA dokumentierten, Namensdenkmälern in Österreich eignet.. Das Vermittlungsangebot eignet sich für SchülerInnen der Sekundarstufe II und kann an Erinnerungszeichen und Erinnerungsorte der Wahl, der unmittelbaren Umgebung und an die Bedürfnisse der Lerngruppe angepasst werden gliedert sich in vier Teile, die unmittelbar nacheinander oder zeitlich und räumlich getrennt bearbeitet werden können. Das Angebot beschäftigt sich mit verschiedenen Namensdenkmälern, die für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet wurden. Während ein Teil der Aufgaben (Teil 1, 3 und 4) im Klassenzimmer durchgeführt werden können, sollte Teil 2 – also die Wanderung und der Besuch der Denkmäler – je nach Interesse und Möglichkeiten zu einigen Namensdenkmälern konkret in der Region erfolgen. Wenn Namensdenkmäler aus verschiedenen Bundesländern miteinander verglichen werden, kann eine „virtuelle Wanderung“ mittels der DERLA-Homepage durchgeführt werden. Teil 3 kann wieder im Klassenzimmer durchgeführt werden. Ziel ist es hier, ein Vergleich zu ziehen und das Kennenlernen von möglichst unterschiedlichen Konzepten von Namensdenkmälern zu ermöglichen. Teil 4 ist optional, er erlaubt eigene kreative Zugänge zu den Erinnerungszeichen und internationale Vergleiche.
Teilarbeitsaufträge
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Teil 1: Die Bedeutung des Eigennamens erkunden und über die Tilgung von Namen nachdenken. Einstieg
- Lest die folgenden zwei Zitate von Ernst Cassirer und Johann Wolfgang Goethe. Diskutiert darüber, warum der Eigenname so wichtig ist. Was für Bedeutung weisen Menschen ihren eigenen Namen zu?
„Insbesondere ist es der Eigenname, der in dieser Weise mit geheimnisvollen Banden an die Eigenheit des Wesens geknüpft ist. Auch in uns wirkt vielfach noch diese eigentümliche Scheu vor dem Eigennamen nach – dieses Gefühl, daß er nicht äußerlich dem Menschen angeheftet ist, sondern irgendwie zu ihm ›gehört‹ [...]: er spricht das Innere, Wesentliche des Menschen aus und ›ist‹ geradezu dieses Innere. Name und Persönlichkeit fließen hier in eins zusammen.“ (Cassirer)
„Wenn ich meinen Namen nenne, nenne ich mich ganz [...]“. (Goethe) - Lest nun das Zitat von Dieter Wellershoff (1992, S. 108), der über die Macht über Namen folgendes schreibt: „Indem man benannt wird, wird man auch gebannt.“
Könnt ihr euch an literarische Figuren erinnern, die ihren Namen nicht nennen, damit man über sie keine Macht hat? Gibt es Situationen, in denen es besser ist, den eigenen Namen zu schützen? - Wisst ihr, was mit den Namen jener Menschen passierte, die in ein KZ kamen? Warum sind die Nationalsozialisten so verfahren, was war ihr Ziel?
- Die Erfahrung des Namensverlusts in den Konzentrationslagern beschreibt Eli Wiesel folgendermaßen:
„Ich hatte sogar meinen eigenen Namen vergessen. In Auschwitz gegen dem Ende zu, und vor allem im Zug. Ich hatte meine Nummer, A 7713. Das war alles. Ich war eine Nummer. Und von Zeit zu Zeit kam jemand aus meiner Stadt zu mir, um mich an meinen Namen zu erinnern. [...] Und das genügte mir, um glauben zu können, dass der Mensch zum Guten fähig ist.“ - Vor dem Hintergrund dieser Informationen bzgl. der Bedeutung der Namen, was meint ihr, warum werden Namensdenkmäler errichtet? Welche Frage spielt bei der Gestaltung eines Namensdenkmals eine große Rolle? Notiert eure Ideen!
- Lest die folgenden zwei Zitate von Ernst Cassirer und Johann Wolfgang Goethe. Diskutiert darüber, warum der Eigenname so wichtig ist. Was für Bedeutung weisen Menschen ihren eigenen Namen zu?
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Teil 2: Namensdenkmäler untersuchen und erfahren. Erarbeitung und Vertiefung
- Recherchiert mit Hilfe der DERLA-Webseite verschiedene Namensdenkmäler in Österreich, die euch interessant erscheinen (z.B. 360 Stelen für die NS-Opfer am Gedenk- und Informationsort Hall in Tirol, Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Oberen Drautal, Greifenburg; Raum der Namen in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen; Gedenkanlage für die Opfer des KZ-Außenlagers Peggau; Denkmal der Namen, Villach; Erinnerungsplatz Silbertal). Informiert euch mit Hilfe der Informationstexte („Mehr erfahren“/ Kurztexte) auf der DERLA-Website über die zum Vergleich ausgewählten Erinnerungszeichen.
- Versucht in einer Tabelle erste Informationen aus diesen Beschreibungen zusammenzutragen:
- Wo genau steht das Denkmal?
- Wer hat die Errichtung in Auftrag gegeben und wer hat es gestaltet (KünsterInnen)?
- Mit welcher Intention wurde das Denkmal errichtet?
- Wie sieht das Denkmal aus? Wie viele Namen stehen auf dem Denkmal?
- Über welche Besonderheiten verfügt das Denkmal? - Besucht ausgewählte Namensdenkmäler und erkundet auch die Umgebung! Ihr könnt Fotos mit eurem Handy machen, um besondere Aspekte und Eindrücke festzuhalten.
- Beantwortet noch einige der folgenden Fragen:
- Wie sieht das Denkmal genau aus? Aus welchem Material ist es?
- Welche Farbe haben die Inschriften? Warum?
- Steht die gewählte Form/das gewählte Material des Denkmals symbolisch für etwas (z.B. Tilgung der Identität, Gefangensein, Unterdrückung…)? Wie wirkt das Denkmal auf dich in seiner Materialität und in seiner Symbolhaftigkeit (etwa gelungen/bewegend/irritierend/rätselhaft)?
- Wie interagiert das Denkmal mit der Umgebung?
- Können die BesucherInnen mit dem Denkmal interagieren, wenn ja in welcher Form?
- Welchen Eindruck übt das Denkmal auf euch aus, auch im Vergleich zu den anderen, bereits schon besuchten Denkmälern?
- Welche Informationen stehen auf den Denkmälern? (nur Vorname/Nachname, Geburtsjahr und Todesjahr/Art und Ort des Todes?)
- Was alles kann man anhand dieser Informationen über die Opfer erfahren? (Zu welchen Opfergruppen gehören die Ermordeten? An welchen Orten wurden die Opfer ermordet? Wie alt waren die Opfer?)
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Teil 3: Namensdenkmäler vergleichen und ihre Bedeutung reflektieren
- Welches Namensdenkmal hat euch am meisten beeindruckt/bewegt und warum?
- Besprecht anhand eurer Aufzeichnungen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Denkmäler. Ergeben sich Gemeinsamkeiten auf der Ebene der Formensprache (Material, Gestaltung) und im Umgang mit Namen?
- Wessen Verdienst ist es, dass das Denkmal zustande kam? Wie entstehen solche Denkmäler? Denkt über Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten nach! Was fällt euch auf?
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Teil 4: Optionales Zusatzangebot. Internationale Vergleiche und kreative Zugänge
- Wie können Einzelne zur (Gestaltung der) Erinnerungskultur beitragen? Diskutiert einige Ideen der Intervention! Ihr findet einige inspirierende Geschichten beim Denkmal der Namen Villach („Mehr erfahren“). Wählt anschließend eine Interventionsidee aus und versucht, sie zu realisieren!
- Ihr könnt auch über eure Erkenntnisse und Erfahrungen mit Namen und Namensdenkmälern ein Essay schreiben/einen Diskussion-Round-Table organisieren.
- Namensdenkmäler sind auf der ganzen Welt verbreitet. Schaut euch etwa folgende Namensdenkmäler aus Österreich und Europa an: Namensdenkmal im Holocaust Memorial Center in Budapest; Die Wand der Namen im Holocaust Memorial in Paris. Wie viele Namen enthalten diese Erinnerungszeichen und wozu können die Namensdenkmäler außer der Aufrechterhaltung der Erinnerung dienen?
Vermittlungshinweise
- Teil 1 des Angebotes dient als Einstieg in den Themenkomplex „Name & Identität“ mittels Zitate. Hierfür sollten mind. 45 Minuten eingeplant werden. Dieser Teil kann im Klassenzimmer vorzugsweise in Gruppenarbeit oder als Diskussion im Plenum durchgeführt werden. Insbesondere die Antworten auf Frage 5 sollten auf Papier festgehalten werden (möglich via Placemat-Blätter). Ziel dieses Einstiegs ist es, sich mit der Bedeutung von Eigennamen für die Identität auseinandersetzen. Zudem soll thematisiert werden, wie die Tilgung des Namens zur Vernichtung des Menschen zur Entmenschlichung führt. Namensdenkmäler dienen somit der Wiederherstellung menschlicher Würde und leisten Erinnerungsarbeit an die einzelnen Opfer durch die Nennung der Namen. Nicht zu unterschätzen ist der Aspekt der Performativität: die Aussprache des Namens und die Inschrift fungieren als symbolische Akte der Benennung und Rehabilitierung der Opfer.
- Für den 2. Teil sollten mind. 45 Minuten im Klassenzimmer eingeplant werden, damit sich SchülerInnen mit den Informationstexten bekannt machen können. Vor Ort empfiehlt sich 20 bis 30 Minuten pro Denkmal einzuplanen. Idealerweise sollten die Informationen aus den „Mehr erfahren“-Texten sowie Erkenntnisse vor Ort in einer Tabelle festgehalten werden, damit der Vergleich im Teil 3 leichter erfolgen kann. Die SchülerInnen können sich auch in Expertengruppen zusammenfinden und sich nur einem Denkmal widmen. Idealerweise sollten mindestens zwei in ihrer Form unterschiedlichen Namensdenkmäler besucht werden, um einen Vergleich vornehmen zu können. Der Besuch kann jedoch auch mit Hilfe der digitalen Karte DERLA erfolgen. Wenn vor Ort gearbeitet wird, können auch Handyfotos/Videos gemacht werden, die in der Reflexionsphase genutzt werden.
- Zurückgekehrt ins Klassenzimmer kann Teil 3 in Gruppenarbeit durchgeführt werden. Die Ergebnisse der Gruppen können im Plenum mittels Plakate in Form eines Gallery-Walks präsentiert werden. Dies erlaubt eine vergleichende Zusammenschau der Namensdenkmäler. Die letzte Frage in diesem Teil zielt darauf ab, gesellschaftliche Prozesse kollektiven Erinnerns, Mechanismen bzw. Entwicklungen der Erinnerungspolitik und der Erinnerungskulturen zu reflektieren.
- Teil 4 des Angebotes ist optional und zielt zum einen darauf ab, Schüler und Schülerinnen zu ermutigen, in die Erinnerungskultur zu intervenieren. Ein Ideenpool zur Intervention und Partizipation kann auch von der Lehrperson zur Verfügung gestellt werden, wie etwa eine Lesung vor Ort organisieren; Foto- und Videocollagen erstellen und in der Schule präsentieren; Theaterstück realisieren. Zum anderen können Lernende durch die Auseinandersetzung mit europäischen Namensdenkmälern diese Form des Denkmals als eine universelle Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erkennen. In vielen Gedenkstätten dient die Liste der Namen auch zur Auffindung von verschollenen Familienangehörigen.
Lehr- und Lernziele
- Die SchülerInnen setzen sich mit der Bedeutung der Namen auseinander und erforschen die Intentionen der Namensdenkmäler.
- SchülerInnen werden befähigt, die Formensprache und die Wirkungsweise von Namensdenkmälern zu untersuchen und genau zu beschreiben.
- Das Angebot ermöglicht Umgangsformen mit den NS-Opfern, nicht nur in der Region Kärnten, sondern auch in Europa zu vergleichen.
- Die SchülerInnen erhalten Beispiele möglicher Partizipation und können bewusst am kulturellen Leben teilhaben.
- Die SchülerInnen erleben sich als reflexive und verantwortungsbewusste AkteurInnen der Gesellschaft.
Literatur
- Ernst Cassierer, Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil. Das mythische Denken, Hamburg 2010, 51.
- Johann Wolfgang von Goethe, Brief an Käthchen Schönkopf vom 23. Januar 1770, in: Richard M. Meyer (Hg.), Goethe und seine Freunde im Briefwechsel, erster Band, Berlin 1909, 109.
- Jorge Semprún/Eli Wiesel, Schweigen ist unmöglich. Frankfurt am Main 1997, 22.