Grätz. Ein naturhistorisch - statistisch - topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebungen.

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Erstes Kapitel.

Die innere Stadt.

Die innere Stadt, welche eine eigene Steuergemeinde bildet und in drei Viertel (das Burg-, Joanneums- und Landhaus-Viertel) eingetheilt ist, umfaßt einen Flächenraum von 101 Joche und 1055 Klaftern, davon die Gebäude nur 44 Joche 299 Klafter bedecken; die Straßen und Plätze, der felsige unbenützte Theil des Schloßberges, überhaupt die unproductive Area 36 Joche 408 Klafter einnehmen und der landwirthschaftlich benützte Boden 51 Joche 348 Klafter umspannt. Der Häuser zählte die Stadt am Ende des J. 1842, mit Ausschluß von zwei bereits numerirten Baustel-len, 426, darunter befinden sich 8 ebenerdige, 63 Häuser mit einem, 168 mit zwei, 161 mit drei, und nur 26 mit vier Stockwerken. Sie zerfällt in zwei ganz verschiedene Theile, nämlich: in die eigentliche Stadt und in den zum Theile von ihr umfangenen Schloßberg.

A. Die Stadt.

§. 1.

Ihre Lage.

Die Stadt breitet sich am linken Murufer zum größten Theile in der Fläche aus, umschlingt auf drei Seiten den steilen Schloßberg, und rückt mit einigen ihrer Gassen, die dadurch abhängig, ja sogar mitunter, wie z. B. die obere Sporgasse, wirklich steil werden, selbst den Fuß desselben hinan; wird wieder auf einer anderen Seite (in den drei Säcken) durch eben diesen Berg und die Mur bis auf eine Breite von einigen Klaftern beschränkt, und beiderseits von verschiedenen Gefahren bedroht: indem die linke Häuserreihe der Säcke dem Anfalle des reißenden Stromes, der ihre Grundfesten unter-wascht, ausgesetzt ist, und auf die dem Berge zunächst stehenden Wohnungen von Zeit zu Zeit mächtige Felsenmassen her-abstürzen und sie zuweilen stark beschädigen 1(Die letzten Abstürze haben Statt gefunden, am 5. Sept. 1835, am 6. Nov. 1839, beide im dritten Sacke; am 6. Febr. 1840 und am 5. Nov. 1841, diese im ersten Sacke; davon war die vorletzte seit langer Zeit die bedeutendste, indem die 5 größeren der herabgestürzten Felsenblöcke allein ein Gewicht von 2175 Zentner hatten.), worin Grätz Aehnlichkeit mit Salzburg hat.

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Die am höchsten gelegenen Stadttheile sind die Paulusthorgasse, der Karmeliterplatz, die Hartig- und Ballhaus-gasse; sie sind kälter als die übrigen Quartiere der Stadt, dem Anfalle der rauhen und heftigen Nord- und Nordostwinde (hier nach dem Berge, der in jener Gegend liegt, Schöckelwinde genannt) mehr ausgesetzt, erfreuen sich dafür aber auch einer reineren Luft, nur haben sie eben keinen Ueberfluß an Trink-wasser. Weniger hoch liegen der Franzensplatz mit der Uni-versität und dem Theater, die Burg und der Dom mit dem Mausoleum Kaiser Ferdinands II., und diejenigen Gebäude, welche die Hofgasse bilden. Aus der Ebene, in der die übri-gen Straßen und Plätze liegen, erheben sich in mehr oder we-niger starker Steigung die Spor-, Bürger- und Burggasse, die sämmtlich zunächst zu den früher genannten bedeutendsten öffentlichen Gebäuden hinanführen.

§. 2.

Wälle und Stadt-Graben.

Gleich Wien, Brünn und so mancher anderen Stadt des Mittelalters, war auch Grätz einst sehr fest und zur Verthei-digung ganz eingerichtet; sie war ringsum durch hohe Basteien und Vorwerke gedeckt und von einem starken Walle einge-schlossen, vor dem ein tiefer Graben mit einem verdeckten Wege sich ausdehnte, jenseit dessen die weite Esplanade (das große und kleine Glacis) bis in die neueste Zeit die Vorstädte stets weit von der Stadt entfernt hielt.

Ein Theil dieser Verschanzungen war gewiß sehr alt (siehe S. 3), denn Grätz mag schon in den ältesten Zeiten mit Gräben und Pfahlwerk umgeben gewesen sein. Bereits im J. 1435 erscheint es als ein Ort, der bedeutende Mauern, Wälle und Gräben hatte 1(Mehre der aus jener Zeit stammenden Wartthürme waren bis in die letzten Jahre zu sehen; so der Reckthurm nächst dem Joanneum.). Aus jener Zeit sieht man noch immer einzelne, wenn gleich nur dürftige Mauerreste dem Franzensplatze zunächst im Ballhausgäßchen, allwo sich, eben so wie hinter dem Hause Nr. 40 in der Hartiggasse, auch der alte Zwinger oder Stadtgraben in seiner frühesten Gestalt noch deutlich erkennen läßt. Hier soll zur Zeit der älteren herzog-lichen Hofhaltung die Menagerie des Landesfürsten gewesen sein, so wie denn auch wirklich eine erst im J. 1832 bei Ge-legenheit der Regulirung des kais. Burggartens abgetragene [132]Casematte bis in unsere Tage den Namen der Löwengrube führte. Neue festere Mauern und Schanzgräben gab K. Fried-rich IV. der Stadt Grätz im J. 1453 und in der zunächst darauf folgenden Zeit. Der größere Theil der Befestigungen, wie man sie noch jetzt sieht, rührt aber von Herzog Karl II., dem Vater K. Ferdinands II., her (S. 7).

Von allen diesen Hülfsmitteln der Kriegs- und Befesti-gungskunst sind heut zu Tage nur wenige Ueberbleibsel mehr vorhanden. Ein Theil der Festungswerke verfiel schon vor Jahrzehenden; denn seitdem Grätz aufgehört hatte, zu den be-festigten Plätzen zu gehören, insbesondere aber seit der Spren-gung der Wälle des Schloßberges im J. 1809 durch die Fran-zosen, wurde auf die Erhaltung derselben keine sonderliche Sorg-falt mehr verwendet. Schon im J. 1828 wurde die im k. k. Burggarten vorhandene Brustwehre abgetragen 1(In Folge hoher Gubernial-Verordnung vom 19. Nov. 1828, 3. 20,987.), und die hierdurch gewonnene Erde zur Ausfüllung des Stadtgrabens unterhalb der Thorbrücke verwendet. Im J. 1829 wurde der Ravelin, welcher sich da erhob, wo jetzt der Circus des Armen Vereins steht, ebenfalls abgebrochen, und der Wallgraben längs der Alleegasse am großen Glacis und hinter der nördlichen Häuserreihe des Jakomini-Platzes in den Jahren 1830–1832 damit ausgefüllt. Die Abtragung des Cavaliers des Joanneums, einer unter dem Namen der Garten-Terrasse bekannten sehr hohen Bastei, geschah in den Jahren 1839 und 1840 und lie-ferte das Material zur schließlichen Regulirung der großen Garten-Ebene jener Anstalt.

So erhebt sich denn gegenwärtig von allen jenen Festungs-werken nur noch ein gewaltiger Cavalier am eisernen Thore, der auf seiner weiten Hochfläche einen sehr hübschen Garten mit den stattlichsten hochstämmigen Alleen und reizenden Anlagen trägt, die an die schwebenden Gärten der Semiramis erinnern. Ostwärts vom Franzensthore steht ein zweites, diesem ähnliches aber noch viel höheres Bollwerk, dessen Oberfläche ebenfalls von hübschen Gartenanlagen besetzt ist, die dem jeweiligen commandirenden General zur Nutznießung angewiesen sind. Auch dem Burgthore zunächst ist die Bastion von einem aus-gebreiteten Park eingenommen, der zur kaiserlichen Hofburg gehört und sehr reizende Parthien enthält. Von der Höhe aller dieser gewaltigen Festungswerke, die einst Tod und Verderben [133]bringendes Geschütz besetzt hielt, winken nun freundliche Lust- häuser und stattliche Orangerien dem am Glacis Lustwandelnden zu, oder es lassen der Wissenschaft gewidmete Anlagen sich sehen; wie dieses auf der Bastei nächst dem Paulusthore der Fall ist, allwo sich der botanische Garten des medicinisch-chirurgischen Studiums befindet.

Gleichen Schritt mit jenen Abtragungen hielt auch die Ausfüllung des Stadtgrabens, die außerdem noch bei Gelegen-heit der Anlegung der Dämme vor den Stadtthoren geschah, und nächst dem Franzensthore noch immer fortgesetzt wird, indem der Schutt abgebrochener Häuser hier ausgestürzt und so mit der Zeit der Graben zwischen dem Franzens- und Burgthore auf gleiche Weise ausgefüllt wird, wie er zwischen dem ersteren und dem Eisenthore es denn bereits seit mehren Jahren wirklich ist. Da wo an seine Ausfüllung noch nicht Hand angelegt werden konnte, wird der Boden entweder zu Baumschulen benützt, oder er wird zum Anbaue verwendet, bis auch ihn die Reihe treffen wird, dem mit einer Gebüsch- reihe eingefaßten bedeckten Wege gleich gemacht zu werden.

§. 3.

Stadtthore.

Da die Stadt ringsum mit Wällen oder mit Häusern, die an ihre Stelle getreten sind, und deren Eingänge innerhalb der Stadt liegen, oder endlich durch eine Gitterwand, die den Garten des Joanneums gegen das kleine Glacis vom Neu- bis zum Eisenthore umfängt und meist sorgfältig geschlossen gehalten wird, umgeben ist, so kann man die Stadt nur durch eines der noch übrigen 6 Thore betreten; davon machen nur der Schloßberg und die Flußseite eine Ausnahme, von wo man auch schon vor Abtragung des Murthors theils durch das Hafnergäßchen, und theils durch das kälberne Viertel und über den Franciscanerplatz in das Innere der Stadt gelan-gen konnte, ohne die Wölbung irgend eines der Stadtthore durchschritten zu haben.

Das Murthor ,dem Kenner der vaterländischen Ge-schichte jederzeit als ein Denkmal der Erinnerung an den hel- denmüthigen Vertheidiger der Wiener-Neustadt (8. August 1452), den tapferen Ritter Andreas Baumkircher, merkwür-dig, der sammt seinem Freunde Andreas Greisenegger, in der Abendstunde des 23. Aprils 1471 zwischen seinen beiden Tho- [134]ren enthauptet wurde 1(Während nämlich Kaiser Friedrich IV. sein Gewissen durch eine Pilger-fahrt nach Rom beruhigte, kündigten mehre seiner Feldhauptleute we-gen unbefriedigter bedeutender Forderungen, die sie an den Kaiser zu stellen hatten, und unter ihnen auch die zwei im Texte Genannten – deren Ersterem der Kaiser seine Rettung vor der Gefangenschaft bei der Belagerung von Neustadt zu danken hatte und auch sonst vielfältig und tief verpflichtet war – nach damaliger Sitte den Landeshaupt-manne den Krieg an, der bereits in das zweite Jahr dauerte. Mehre seiner Genossen hatten sich später mit dem Kaiser wieder versöhnt. Baumkircher und sein Freund hielten sich am längsten. Endlich kam es auch mit ihnen zu Unterhandlungen. Am 23. April des J. 1471 wurde beiden vom frühen Morgen bis zur Stunde des Vesperläutens siche- res Geleite zugestanden, um ihre Forderungen darzulegen und so die Versöhnung mit dem Kaiser zu bewirken. In der Burg angelangt, wurden ihre Papiere mit absichtlicher Zögerung durchgesehen und da-mit der Tag hingebracht; da forderte Baumkircher Verlängerung des sicheren Geleites, die aber verweigert wurde. Mit Entsetzen bemerk-ten endlich beide, daß die Zeit zu Ende gehe, mit der auch ihr sicheres Geleite ende. Baumkircher und Greisenegger suchten nun eilends das Freie zu gewinnen. Schon waren sie glücklich bis an dieses Thor ge-kommen, da ertönte das verhängnißvolle Vesperglöcklein (dasselbe, welches heut zu Tage um 11 Uhr vor Mitternacht geläutet wird), das Zeichen des abgelaufenen sicheren Geleites. Vor und hinter ihnen schlossen sich nun sogleich die Thor-flügel, und ein Priester trat in Be-gleitung des Scharfrichters herbei. Vergebens flehten sie um Gnade, vergebens bot Baumkircher 60,000 Goldgulden und alle seine Schlösser für seine Rettung an. Noch in derselben Stunde und an der nämli-chen Stelle, wo man sie festgenommen hatte, fielen ihre Häupter un-ter dem Schwerte des Henkers.), besteht heut zu Tage nicht mehr. Der Stein, auf dem, der Sage nach, die Enthauptung geschah, wurde noch vor einigen Jahren im Hause Nr. 316 aufbewahrt und dem Fremden gezeigt.

Dieses Thor war eines der ältesten der Stadt, erscheint schon im J. 1471 mit zwei Thürmen versehen, die zwei Thore deckten, und stand nach Außen durch eine Aufzugsbrücke mit der benachbarten Murbrücke in Verbindung. Im J. 1837 wurde es, um eine breitere und offene Anfahrt an die neu zu erbauende Kettenbrücke zu erhalten und zugleich die Murgasse reguliren zu können, abgetragen 2(Mit allerhöchster Bewilligung vom 30. August 1835 wurde der Ankauf des außeren Murthores und dessen Abtragung genehmigt.); der offene, nur mit Brettern überlegte Canal, dessen Oeffnung ebenfalls einen großen Schlund bildete, gesenkt, überwölbt und nach Art der unterirdischen Abzugscanäle hergestellt; die Straße angeschüttet und das Straßenpflaster um mehre Fuß erhöht, zu welchem Ende mehre innerhalb dieses Thores stehende Gebäude angekauft 3(Siehe S. 29, Note 1.) und abgetragen wurden. Das Haus Nr. 316 und das ihm benachbarte Häuschen bezeich-nen die Gegend, wo dieses Thor vor dem J. 1837 sich erhob.

Von der mittleren Murbrücke weg, an den Fleisch- und Schlachtbänken, denen demnächst ebenfalls eine Reform bevor steht, und am Eisengitter des botanischen Gartens der stän- [135]dischen Bildungsanstalt des Joanneums vorüber, gelangt man durch die Neuthorgasse zum Neuthor, welches ein weitläu-figes und bewohntes Gebäude von zwei Stockwerken (Nr. 427) trägt, erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als Herzog Karl II. die neuen Festungswerke errichtete, erbaut wurde, und durch seine räucherige Wölbung – die einen Mili-tärwachposten zur Ablösung der Schildwachen der benachbarten k. k. Militär- Oekonomie-Commission (Nr. 423) beherbergt – auf das kleine Glacis, zu Withalm's Coliseum und rechts ab auch zur unteren Murbrücke geleitet.

Von ihm nur durch die weite Fläche des Joanneums-Gar-tens, den ein einfaches niedriges Eisengitter einschließt, getrennt, zeigt sich ostwärts das Eisenthor, das in alten Zeiten das Ungarthor hieß. Es besteht aus einer weiten lichten Wölbung, wodurch die beiden Thorseiten auseinander gehalten und mit einander auch wieder verbunden werden, über die sich ein klei-nes, alterthümliches, in der Art eines Giebels gehaltenes, zwei Stockwerke hohes Häuschen erhebt, das einige Arreste der k. k. Polizei-Direction enthält, und schon seit dem J. 1595 im Besitze der Stände sich befindet, welche auch die links dicht vor dem Thore sich erhebende Polizeikaserne im J. 1825 neu erbauen ließen, nachdem ein Theil des zu weit vorspringenden Bollwerkes früher abgetragen worden war. Unter diesem Haus-aufsatze öffnet sich beiderseits, zwischen zwei für Fußgänger be-stimmten niedrigeren Thüren, ein im rustiken Style angelegtes Fahrthor, davon das der Stadt zugekehrte ohne allen Schmuck ist, während das der Jakominivorstadt zugewendete Thor über dem Bogen folgende Inschrift trägt:

D. O. M. HOMOR D. CARAL0 I. ARCHIDUCE AUSTRIAE, DUCE BURGUN- DIAE, STYRIAE, CARINTHIAE, CARNIOLLAE EC COM. TYROL. GORITIAE EC P. P. P. FELICITER REGNANTE AUXILIANTIBUS PROVINCIALIBUS CONSTRUCTUM A CHO NATO MDLXXIIII. D0MINUS FORTITUD0 MEA. FORTES FORTUNA IUVAT. 1(Die Aufschrift verkündet: Gott dem Allmächtigen Ehre! Unter Karls I., Erzherzogs von Oesterreich, Herzogs von Burgund, Steiermark, Kärnthen, Krain ꝛc., Grafen von Tirol, Gorz ꝛc., des Vaters des Vaterlandes frommer, glücklicher Regierung mit Bethülfe der Stande erbaut. Im Jahre des Herrn 1574. Gott ist meine Stärke. Die Starken begünstigt das Glück.) [136]

Innerhalb dieses Thores ist links die Polizei-Wachstube, wohin aufgegriffene paßlose Landstreicher u. dgl. Personen gleich nach ihrer Verhaftung auf kurze Zeit gebracht werden, und rechts der Aufgang in die erwähnte Polizeikaserne. Vor dem selben steigt links das schon früher (S. 132) beschriebene gar-tengekrönte Bollwerk des gräflich von Welsersheimb'schen Hauses (Nr. 164) empor, und rechts gestattet ein niedriges zierliches Gitter, das die Landstände in den Jahren 1827 und 1828 zu gleich mit dem dortigen Trottoir setzen ließen, den Ueberblick über den Garten des Joanneums, dessen mannigfaltiges Grün inmitten der Häusermassen das Auge gar angenehm erquickt. Breite Stein-Trottoirs, ebenfalls ein Werk der Stände der Pro-vinz, führen vom Thore weg auf den Jakomini-Platz, an den Grätzbach und nach dem Münzgraben hinaus.

Auch an dieses Thor knüpfen sich geschichtliche Erinne-rungen, die für die Sitten und Verfassung der Jahrhunderte des Mittelalters sehr bezeichnend sind. Ursprünglich stand das Eisenthor viel weiter zurück, ungefähr in der Gegend des heu-tigen Stadtpfarrhofes am Eingange in die Herrengasse. Erst im J. 1574, als Herzog Karl II. die Stadt mit neuen Festungs werken umgab, wurde auch dieses Thor weiter hinausgerückt, an seiner heutigen Stelle auf Kosten des Herzogs und der Landstän-de erbaut und zu beiden Seiten die neu aufgeführten Befesti gungs-Bastionen angeschlossen. Im J. 1825 wurde die Brücke in einen Damm umgestaltet, mit eisernen Geländern versehen und später die ganze Umgebung in die gegenwärtige Gestalt gebracht.

Vor diesem Thore wurden in früheren Zeiten die Lan-desfürsten feierlich empfangen und von den Landständen in festlichem Zuge in das Landhaus geleitet, allwo sie die Hul-digung empfingen. Hier war es auch, wo, nach der Sage, Kaiser Rudolph von Habsburg bei seiner Ankunft in Grätz im J. 1280 auf freiem Felde vor dem fest verschlossenen Thore mit seinem Gefolge anhielt, und erst nachdem er den Stän-den, in deren Namen ihn Abt Heinrich von Admont begrüßte, die Aufrechthaltung ihrer Privilegien versprochen hatte, die Thorflügel zu seinem feierlichen Einzuge sich öffnen sah. Auch Herzog Karl II. hielt noch durch das alte Eisenthor am 8. September 1571 mit seiner jugendlichen Gattinn Maria, einer Tochter Alberts V., Herzogs von Baiern, seinen Festzug 1(Siehe darüber den höchst interessanten Aufsatz des Hrn. G. R. v. Leitner in der neuen Folge der steiermärkischen Zeitschrift 1834, 1. Jahrgang 1., Heft, S. 31.), und [] [] [137] auf gleiche Weise war dieses Thor vor und nach ihm auch sonst noch oft Zeuge der festlichen Einzüge der geliebten oder ge fürchteten Landesherren.

Das nächste Thor der südlichen Stadtseite ist das, erst im J. 1836 mit einem Kostenaufwande von 5677 fl. C. M. erbaute Franzensthor 1(Diese Summe kostete das Thor mit Einrechnung der Entschädigungen der benachbarten Grund- und Hausbesitzer; die erforderlichen Verbin-dungscanäle außerdem noch 285 fl., und die im Jahre 1840 vorgenom- mene Regulirung des unteren Theils der Burggasse 336 fl. C. M.), welches aus der Burg- und Tummelplatzgasse der Stadt über den Ravelinplatz des großen Glacis zum evangelischen Bethaus und in den Münzgraben hinausführt.

Zwischen zwei hohe einander nahe gegenüber stehende Häuser eingezwängt, erscheint der von dorischen Wandpfeilern eingefaßte und auch im Rustico gehaltene Bogen, aus dem es besteht, etwas zu gedrückt, als daß es einen angenehmen Ein-druck zu machen geeignet wäre. Dem Glacis zeigt es die Auf-schrift:

FRANZENSTHOR

und der Stadt nur die einfache Jahrzahl:

MDCCCXXXVI.

Die oberste Platte des Thores ist so eingerichtet, daß sie ein größeres Standbild tragen kann, das aber bis jetzt noch fehlt.

Von Osten her eröffnet das Burgthor den Eintritt in die Stadt durch einen sehr alten Spitzbogen, über den sich ein neueres ebenfalls zwei Stockwerke hohes Gebäude erhebt, das zur kaiserlichen Burg gehört. Dieses tritt gegen die Esplanade weit über den Thorbogen hinaus, so daß dessen unterste Arca-den eine Art Vorhalle desselben bilden, über der sich durch Glasfenster geschützte Bogenreihen in zwei Stockwerken über ein-ander zeigen, deren untere einen mit der Wohnung des Gouver-neurs zusammenhängenden Wintergarten, jene des zweiten Stock-werkes die Registratur des Gubernial-Präsidiums enthält.

Dieses Thor ist sehr alt, mag schon zur Zeit der Herzoge aus dem Hause der Grafen von Babenberg erbaut worden sein, wurde im J. 1479 wegen der drohenden Türkengefahr geschlos-sen (siehe S. 5), erst im J. 1787 wieder eröffnet und mit einer Brücke versehen, die man im J. 1832 durch einen Damm ersetzte, in dem die Stände im J. 1837 eine Eisgrube anleg-ten. Von diesem Thore führt eine breite mit Alleen eingefaßte [138] Straße in die St. Leonhardervorstadt und auf die Rieß, nach Gleisdorf und Fürstenfeld.

Dicht vor demselben beginnt links der schöne Burggarten, zu dem ein weites Gartenthor emporführt, von dessen hoher Mauer-Terrasse ein zierliches Lusthäuschen auf die Straße her-abblickt; und weiter vor steht das schöne Gebäude eines neuen Thorwachhauses, das im J. 1837 erbaut wurde und eine von 6 cannelirten dorischen Säulen, die ohne Fuß auf dem Boden selbst ruhen, getragene Halle bildet, deren Form und Verhält-nisse an den Theseustempel in Wien erinnern. Des Wachhauses gegenüber schließt ein leichtes Eisengitter einen mit Bäumen und Gebüsch bepflanzten Raum ein, der zum k. k. Bauhofe gehört und bis an diejenige Bastion reicht, welche den Garten des Commandirenden auf ihrer Hochfläche trägt 1(Auch dieses Thor findet sich in einem der dem Buche beigegebenen Stahl-stiche abgebildet.).

Weiter gegen Nordosten liegt das Paulus-thor, durch das man vom Karmeliterplatze nach Geidorf, auf den Rosenberg, nach Maria-Grün, Maria-Trost und auf den Graben gelangt. Es wurde mit den daran hängenden Bastionen, die jetzt den botani-schen Garten der Universität und einige kleinere Gärten des all-gemeinen Krankenhauses und der barmherzigen Schwestern tra-gen, gleichzeitig mit dem Sackthore, durch italienische und deut-sche Baumeister (siehe S. 9) im J. 1625 erbaut, und zeichnet sich unter allen Stadtthoren durch die reichste und schönste Zeichnung aus. Die Inschrift, welche man an diesem auch im rustiken Style angelegten großartigen Thore auf der den Vorstädten zu gekehrten Seite lieset, ist dießseit und jenseit des großen oben mit einem Eisengitter versehenen Mittelbogens – unterhalb der beiderseits in weißem Marmor ausgehauenen Familienwappen der darin genannten fürstlichen Gatten, über den für die Fuß- gänger bestimmten Thüren, davon aber nur die linke offen, die andere verbaut ist – angebracht und lautet folgender Massen:

EFERDINANDO ET MARIAE ANNAE ARCHIDUCIBUS AUSTRIAE EC MUNIMEN HOCAD SALU- TEM PATRIAE PROPAGANDAM AD HOSTIUM INCURSUS C0ERCEND0S ET AD UTRIUS QUE NOMINIS MEMORIAM CONSERVANDAM A FUNDAMEN TIS EXSTRUCTUM EST. 2(Die lateinische Inschrift besagt: Ferdinand und Mariannen, Erzherzogen von Oesterreich ꝛc., ist dieses Bollwerk, zur Beförderung vaterländischen Wohles, zur Abwehre feind- licher Einfälle und zur Erhaltung des Namens-Andenkens beider, vom Grund auf erbauet worden.) [139]

Später wurde auch über diesem Thore ein Gebäude von einem Stockwerke aufgeführt, welches seit dem Jahre 1825 das Stabsstockhaus in sich enthält, im Viereck angelegt ist, und innerhalb beider Thorseiten einen hofartigen Raum ein schließt. Gewaltige Steinpfeiler aus Quadern tragen die hohen Wölbungen, auf denen dieser Bau sich erhebt, und bilden hal-lenartige Durchgänge für die Fußgänger.

Bei dem Austritte aus diesem Thore wird man durch eines der schönsten landschaftlichen Gemälde überrascht, das sich vom Thore weg durch die stattlichen Alleen, den dahinter und über ihnen sich erhebenden mit zahlreichen Landhäusern besetz-ten Rosenberg und die Vorberge des Schöckels bis zu diesem gewaltigen Bergkolosse selbst stufenweise aufbaut und ein Ge-birgs-Amphitheater bildet, so schön, daß man gewiß an we-nig anderen Orten ein ähnliches aufzufinden im Stande sein dürfte.

Jenseit des Schloßberges, zwischen diesen und das in den Jahren 1829 und 1830 neu erbaute Inquisitions-Haus ein- gezwängt, – welches zur Verschönerung der Thor-Umgebung eben nichts beiträgt, da es ein unregelmäßiges Gebäude ist, dem die nach auswärts gekehrten kleinen Arrestfenster ein unfreund-liches Aussehen geben, – befindet sich das nördlichste der Grä-zer-Stadtthore, das Sackthor, welches aus den drei Säcken der Stadt zur oberen Kettenbrücke und Steinbruch-Linie und in diejenigen Vorstadttheile führt, welche dem linken Murufer zunächst liegen. Das alte Thor, wahrscheinlich aus dem fünf-zehnten oder aus einem noch früheren Jahrhunderte, stand neben an in der Tiefe nächst dem Flusse.

Dieses Thor hat kein Thorgewölbe, sondern besteht aus einer einfachen Mauer, die von einem größeren Rundbogen und zwei niedrigen Seitenthüren für die Fußgänger durchbrochen, ebenfalls im Rustico - Style gezeichnet und mit einem gegen die Spitze unterbrochenen Giebel versehen ist. In dem durch die Unterbrechung des Giebelsimses entstehenden offenen Felde erblickt man den gekrönten doppelköpfigen kaiserlichen Adler, der an der Brust das österreichische und steiermärkische Wap-pen hat und in den Schnäbeln ein schmales Band hält, an dem das Ordenszeichen des goldenen Vließes hängt; ihm zur Seite ist zu lesen:

[140] Ao. Do.

unter ihm

MDCXXV.

endlich auf dem Gesimse, welches den Giebel trägt:

FERDINANDUs II. RoM. IMP. S. AUG. 1(Die lateinische Inschrift heißt: Im Jahre des Herrn 1625. Ferdinand II. röm Kaiser allezeit Mehrer des Reichs.)

Wahrhaft entzückend ist der Anblick, dessen man sich bei dem Heraustreten aus diesem Thore erfreuet, indem sich jen-seit der Kettenbrücke und über der Mur, vom Plawutsch an hinter der Göstinger Schloßruine und der Thalenge nächst der Weinzettelbrücke hinweg, bis herüber zum Ranach, dem Nachbar- berge des höheren Schöckels, ein Kranz von Alpen, die sich in mehrfacher Reihe über einander aufbauen, entfaltet, wie man ihn nicht leicht irgendwo anders schöner sehen kann; der zudem in den der Kettenbrücke zunächst liegenden Gebäuden, unter denen sich besonders die kaiserliche Schwimmschule auszeichnet, einen würdigen Vordergrund hat 2(Der dem Werke beigegebene Stahlstich mit der Ansicht der Kettenbrücke zeigt Ungefähr dieselbe Ansicht, die man vor diesem Thore hat.).

Im Innern der Stadt, zuoberst in der Sporgasse besteht außerdem noch eines der älteren Stadtthore aus jener Zeit, in der noch der Karmeliterplatz und die Paulusthorgasse mit Allem, was sich jetzt dort zeigt, außerhalb der Stadtmauern lagen, oder eigentlich gar noch nicht erbauet waren, nämlich das innere Paulus-thor. Dieses bestand schon im Jahre 1448, ist aber offenbar viel älter, und besteht in einer einfa-chen Spitzbogenwölbung, worüber sich ein neues Gebäude von mehren Stockwerken erhebt, davon aber der der Stadt zugekehrte Theil offenbar sehr alt ist, und über einem neueren Frescobil-de, das Christum den Herrn auf seinem Gange nach dem Kal-varienberge darstellt, den auf mächtigen Kragsteinen ruhenden Verbindungsgang zeigt, der einst aus der Burg in das Berg-schloß führte, schon im J. 1140 da gewesen sein soll, und von dem ein Theil jetzt noch entblößt im Ballgäßchen zu sehen ist. Dieses Thor bezeichnet von dieser Seite am deutlichsten die Stadtgränze vor dem Regierungsantritte des Herzogs Karl II.

[] [] [141]

§. 4.

Stadtplan und Anlage.

Die Stadt Grätz ist zu alt, um in ihr auf eine zweck-mäßige Eintheilung der Plätze und Gassen, und auf eine regel-mäßige Bauart der Häuser rechnen zu können. Gleich den mei-sten anderen Städten, welche den frühesten Zeiten des Mittel-alters ihre Gründung und ihren Ausbau verdanken, ist auch Grätz nichts weniger als eine hübsche, freundliche, oder auch nur regelmäßige Stadt; sie besitzt vielmehr der breiten und zugleich geraden Straßen beinahe gar keine, aber dafür um so mehre enge, krumme und winkeliche Gassen und kleine, unregelmäßige platzartige Räume. Dennoch gewahrt man sehr bald, daß in ihr alle Hauptstraßenzüge eine Richtung nehmen, die – bei einiger Aufmerksamkeit im Umbaue alter, baufälli-ger Häuser, mit Zugrundelegung eines regelmäßigen Stadt-planes, welcher dereinst verwirklichet erscheinen soll – es mög- lich macht, Grätz mit der Zeit in eine ziemlich regelmäßige Stadt umzuwandeln. Sieben Gassenzüge (jene der Burg-, Bürger-, Schlosser- und Färber-, Herren-, Schmid-, Rauber- und Neuthor-Gasse) liegen, wenn gleich eben nicht in gera-der Linie und in etwas divergirender Richtung, neben einan-der, ziehen sich von Süden und Südwesten nach Norden bis an den Fuß des Schloßberges oder in dessen Nähe dahin, und stehen untereinander durch Quergassen und Durchhäuser 1(In dieser Zahl sind nur diejenigen enthalten, welche allgemein zum Durch-gange benützt werden, nicht aber andere, wie z. B. das Rathhaus, das Commende-Haus, die Universität, das General-Commando u. s. w., die nur selten zur Abkürzung des Weges gebraucht werden.), de- ren es in der Stadt nicht wenige gibt (10), unter einander in Verbindung, so daß man nirgend einen weiten Umweg zu machen braucht, um aus einem Straßenzuge in den andern zu gelangen. Mit einiger Nachhülfe ließen sich mit der Zeit aus diesen Gassenzügen recht hübsche Parallel- Straßen, so weit diese in einer sehr alten Stadt überhaupt möglich sind, herstellen, woraus auch die Gesundheit der Bewohner keinen geringen Nutzen ziehen würde. Vorläufig ist dazu freilich we- nig Aussicht vorhanden; doch ist es Pflicht, auch daran bei Zeiten zu denken, und an die Ausführung des als heilsam Er- kannten frühzeitig Hand anzulegen.

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§. 5.

Oeffentliche Plätze.

Die innere Stadt zählt der öffentlichen Plätze eilf, wor- unter der Hauptwachplatz der größte, und der Franzensplatz der regelmäßigste und hübscheste ist. Mehre aus ihnen können hier mit Stillschweigen übergangen werden, weil sie, wie z. B. der Post- und Bischofplatz, früher Schlosserplatzl genannt, des Nennenswerthen nichts enthalten, während andere, wenn auch nicht ob ihrer Gebäude, so doch wenigstens wegen ihrer Staffa- ge einer besonderen Schilderung werth sind.

Der Hauptwachplatz, der bemerkenswertheste unter den Plätzen von Grätz, ist zwar unregelmäßig, aber groß und durch- aus von drei und vier Stockwerke hohen Häusern umgeben, unter denen sich das Rathhaus, als das schönste Gebäude der Stadt, auszeichnet, aber auch die übrigen Häuser ihm eben nicht zur Unehre gereichen. Von der Höhe des benachbarten Schloßberges schaut ein Theil seiner Gebäude und Anlagen in diesen Platz hinein und gewährt ihm dadurch einen noch ma- lerischeren Charakter. Auf ihm 1(Eine Abbildung desselben ist dem Werke in einem Stahlstiche beigegeben.) befinden sich im Erdgeschosse des Rathhauses die Hauptwache des kais. Militärs, eine der heil. Dreifaltigkeit geweihte eherne Denksäule und viele der schönsten Kaufläden.

Zur gewöhnlichen Staffage dienen diesem, auch sonst viel- fach belebten Raume die Wägen der Fiaker, davon einige fast immer hier angetroffen werden, und die Auslagen der Obst- verkäuferinnen, deren große Linnenschirme, den Kindern Pomo-nas und ihren Dienerinnen Schutz gegen Sonnenbrand und Regen gewährend, dem weiten Raume schon einen südländi-schen Anstrich geben; bei ihnen findet man das ganze Jahr hindurch Gelegenheit, den Obstreichthum der Steiermark und die Schönheit und Schmackhaftigkeit ihres Obstes zu bewundern.

Belebter ist der Platz in den Morgenstunden, und ins- besondere an Wochenmarkttagen, an denen die Feilschaften des täglichen Bedarfs hier zum Verkaufe ausgelegt werden, und achtbare Hausfrauen neben betriebsamen Köchinnen zwischen den Verkäufern in bunter Schar sich herum bewegen. Zuwei-len ändert sich aber die Scene. Auf einige Augenblicke steigt an manchen Vormittagsstunden vor dem Rathhause ein Bretter-[] [] [143]gerüste empor, und während sich die schaulustige Menge um das- selbe neugierig herumgruppirt und ein abgeurtheilter Delinquent zögernd die Bühne besteigt, erscheint auf dem Balkone des schö-nen Gebäudes eine schwarzgekleidete Magistratsperson und ver-lieset dem Verbrecher sein Urtheil. – Ein ander Mal belebt wie der ein militärisches Schauspiel den Platz, oder es versammelt eine feierliche Procession der herrschenden Kirche eine Menge von Menschen auf ihm u. s. w.

Ein Uebelstand, der dem Fremden noch immer wie vor Jahren unangenehm auffällt, sind die hölzernen Buden, wel-che in Gassen gereiht, zur Zeit der zwei Jahrmärkte auf diesem sonst so anziehenden Platze errichtet werden und den sie dann ganz verschränken; mit der Entfernung dieses Uebelstandes be-schäftigen sich jedoch die Behörden schon seit längerer Zeit.

Der Hauptwachplatz war in früheren Zeiten oft Zeuge bedeutender Ereignisse und insbesondere zur Zeit einer Erbhuldi-gung jedesmal der Schauplatz der wichtigsten Aufzüge und Er-götzlichkeiten. Hier war es aber auch, wo am 1. December des J. 1671 das Haupt des Regierungsraths der Steiermark, Joh. Erasmus von Tattenbach, unter dem Schwerte des Henkers fiel, dessen hochverrätherisches Einverständniß mit den ungari- schen Rebellen Zrinyi und Frangipani noch frühzeitig genug entdeckt wurde.

An der Einmündung des ersten Sackes in diesen Platz erhebt sich auf einem Marmorpiedestale die früher erwähnte Denksäule. Sie zeigt eine gewundene, vom Weinlaube umspon-nene korinthische Säule, welche die heil. Dreifaltigkeit trägt, und an deren Fuß die Statue der unbefleckten Empfängniß Mariä steht. Das Ganze ist von vergoldetem Bronze. Dieses Denkmal wurde nach beendeter Pest des J. 1680 von Kaiser Leopold I. errichtet.

Den benachbarten und mit ihm durch das enge Fran-ciscanergäßchen verbundenen Franciscanerplatz würde der Fremde kaum für einen Platz, höchstens für eine unregelmä-ßig gewundene und an einigen Stellen etwas erweiterte Straße halten. Die alterthümliche Kirche und das daranstoßende Klo-ster der Brüder des heil. Franciscus nehmen die westliche Seite desselben ein. Die Buden der Fleischselcher und Würstemacher und das hölzerne Küchengeräthe, das hier an Wochenmarkt- tagen zum Verkaufe ausgeboten wird, bilden die Staffage die-ses Platzes, der in den ihn umstehenden Häusern nichts Be-merkenswerthes darbietet.

[144]

Auf dem mit ihm zusammenhängenden Plätzchen, Ka-paunplatz genannt, entfaltet der Wildprethändler die Wild-schätze der Fläche und des Hochgebirges: Rehe und Hirsche, Gemsen und Hasen, Auer-, Reb-, Birk-, Stein- und Haselhüh- ner, und in gleicher Weise legt auch die Geflügelviehschlächte- rinn hier ihre Kapaune und wälschen Hühner, Gänse und Aen-ten, Poulards und Hühnchen zum Verkaufe aus.

Biegt man um die Ecke der Franciscanerkirche herum, so sieht man sich an den Buden der Fleischer, die am Ein-gange in das so bezeichnend benannte kälberne Viertel in langen Reihen ihre Waare darbieten und durch ihr friedliches Nebeneinandersein an die Zeiten des Mittelalters erinnern, in denen jedem Gewerbe sein besonderer Stadttheil angewiesen war.

Auf dem Ursulinerplatze, der mittelst des ersten Sa- ckes mit dem Hauptwachplatze zusammenhängt, steht die Kirche der Ursuliner-Nonnen, deren Kloster die zweite und der statt-liche gräflich Attems'sche Pallast die dritte Seite des Platzes bildet, während die vierte das niedliche Holzgitter eines kleinen Gartens einfaßt, worüber sich die Aussicht nach dem Schloß-berge öffnet, der hier steil zum Uhrthurme emporsteigt. – Die vom Hauptwachplatze und dem Lugeck weg, wo die Lastträger (Eckensteher) ihren Platz haben, sanft ansteigende Sporgasse, die sich weiter oben rechts in die Hofgasse spaltet, und durch die Paulusthorgasse fortsetzt, führt durch die erstere auf den Franzensplatz und durch die letztere auf den Karmeliter-platz, der den höchstgelegenen Theil der Stadt einnimmt.

Dieser ist sehr geräumig, bildet ein längliches Viereck, an dessen westlicher Seite hinter einer Reihe ansehnlicher Ge- bäude der Schloßberg in seiner ganzen Länge mit allen seinen Bauten und vielen seiner Anlagen sich dem Auge darstellt, wäh-rend im Norden das Militärspital (Nr. 61) und das gräflich Herberstein'sche Haus (Nr. 62) die Aussicht auf den Schöckel verstellen, der aber sogleich in seiner ganzen Herrlichkeit sich zeigt, als man die Ecke des letzteren Gebäudes umgangen hat. Auf ihm haben zur Zeit der Jahrmärkte die Juden ihre Verkaufs-plätze angewiesen, an denen sie in leichten Bretterbuden ihre eben so leichte Waare feilbieten. Außer der Jahrmarktszeit ist der Platz einsam. Eine holzverkleidete Doppelpumpe und einige Einspänner der hiesigen Landkutscher sind dann die einzigen Ge-genstände der Aufmerksamkeit auf dieser dem Anfalle der Nord-winde vor Allem ausgesetzten Hochfläche, deren Steinpflaster an vielen Stellen üppiges Gras überzieht. Der Karmeliterplatz lag [] [] [145]noch im J. 1571, gleich der ihm benachbarten Paulusthorgasse, außerhalb der Mauern; erst K. Ferdinand II. zog ihn im J. 1625 zur Stadt.

Ihm benachbart und nur durch die kurze Hartiggasse ge-trennt, ist der Franzensplatz, welcher erst durch Hinweg-räumung einiger alten Gebäude im J. 1824 entstanden 1(Im Hintergrunde dieses Platzes, der noch im Jahre 1829 wüst und zum Theile von einer Gartenmauer begränzt war, stand damals das alte Vicedomhaus, dessen die Geschichte schon im zwölften Jahrhunderte gedenkt.) und nach dem damals regierenden Kaiser Franz I. so benannt wor-den ist. Obgleich abhängig, ist er doch der regelmäßigste und schönste Platz der Stadt 2(Ein dem Werke beigegebener Stahlstich versinnlicht dem Leser seine ge-genwärtige Gestalt.), bildet gleich dem vorigen ein Viereck, dessen östliche Seite durch das ständische Theater und Theater Geräthhaus, die südliche durch die kaiserliche Universität und das Militär-Zeughaus, die übrigen Seiten durch hübsche Pri-vatgebäude gebildet werden, deren eines (Nr. 43) das adelige Cassino enthält. Die Regulirung desselben ist ein Verdienst der Herren Stände 3(Denen die Regulirung des Platzes sammt den bei Enthüllung der Sta-tue abgehaltenen Feierlichkeiten bei 80,000 fl. C. M. kostete, nämlich: die Grundablösungen zur Erweiterung des Platzes 16,832 fl. 21 1/2 kr., das Modell der Statue 5826 fl. 40 kr., der Erzguß 21,330 fl. 20 kr., die Grundfeste 5019 fl. 26 kr., der Transport 1708 fl. 32 kr., die Enthül- lungsfeierlichkeiten 22,211 fl. 11 kr. C. M. u. f. w. Außerdem waren aber auch durch Se. Excellenz den Herrn Landes-Gouverneur Gra- fen von Hartig zur Errichtung der Statue schon früher Subscriptio- nen eröffnet, welche 8000 fl. C. M. einbrachten.). Die Mitte des Platzes ziert die von der Provinz im J. 1841 weiland Sr. Majestät K. Franz I. errichtete Statue, welche in Gegenwart beider jetzt regierenden Majestäten, Kaiser Ferdinands I. und Mariä Annens, am 19. August 1841 feierlich enthüllt wurde. Sie zeigt den Kai- ser, in vorschreitender Stellung, in der reichen Ordenskleidung des goldenen Vließes, mit dem Scepter in der linken Hand, während die Rechte wie zur Frage eröffnet ist, als ob er eben seinen Unterthanen, was er so oft und gerne gethan, um ihre Bitten anzuhören, eine feierliche Audienz ertheilte. Neben ihm befindet sich auf einem reich verzierten Piedestalle die Krone. Das Fußgestelle, auf dem das eherne Standbild ruht, enthält die Worte:

[146] FRANCISCO I. AUSTRIAE IMPERATORI GRATA STIRIA MDCCCXLI. 1(Die Inschrift besagt: Franz dem Ersten Oesterreichs Kaiser die dankbare Steiermark 1841.)

Das Piedestal erhebt sich auf mehren Stufen, deren un-terste einen eben nicht hohen Sockel zur Unterlage hat, welcher die niedrigen Pfeiler trägt, die mit ehernen Ketten unter ein-ander verbunden sind. Die Statue ist das Werk des berühmten Mailänder-Bildhauers Cav. Pompeo Marchesi 2(Geboren zu Saltrio in der Provinz Como, am 7. Aug. 1789; ein Schü- ler Canova's.), und wurde in Mailand unter der Leitung der tüchtigen Erzgießer Luigi Manfredini und G. B. Viscardi gegossen 3(Siehe darüber: Die Franzensstatue zu Grätz. Enthüllt am 19. August 1841 ꝛc. Grätz 1841, bei Heribert Lampel. 4to.).

Durch die Hof- und Bürgergasse, welche in der Nähe des Domes vor der Seitenfronte des Theaters platzartig sich erwei-tern, gelangt man auf den Tummelplatz, den in geschicht-licher Hinsicht merkwürdigsten Platz der Stadt, der unregelmä-ßig, uneben und bis auf das geschichtlich merkwürdige k. k. Da-menstift durchaus von ansehnlichen Häusern umgeben ist. Er lag noch im J. 1571 außerhalb der Stadt. Hier war es, wo der erste Herzog der Steiermark aus dem Geschlechte der Gra-fen von Babenberg bei Gelegenheit eines großen Turniers, am 26. December 1194, durch einen Sturz mit dem Pferde auf dem Eise sich das Schenkelbein brach; da kein Wundarzt bei der Hand war, wollte er sich selbst das Bein abhauen, daran verhindert, starb er aber doch fünf Tage darnach an den Fol- gen der Operation. Hier war es auch, wo zur Zeit K. Maximi-lians II., in seiner und seines ganzen Hofes Gegenwart, eine ganz andere Art von Zweikampf um Helene, die schöne Toch-ter des Kaisers von der Gräfinn von Ostfriesland, zwischen einem spanischen Ritter und dem seiner Stärke wegen bekann-ten, durch einen ungewöhnlich langen Bart ausgezeichneten Rit-ter Andreas Eberhard Freiherrn von Rauber Statt gefunden haben soll, wobei dieser den Spanier nach langem und hefti-gem Ringen in einen Sack schob, und dadurch sich die anmu-thige Braut erwarb. Das lebensgroße Bild des Freiherrn, der [147] aber wol nie, wie zuweilen irrig geglaubt wird, Besitzer des Joanneums war, ist im Archive dieser Lehranstalt zu sehen.

Am Tummelplatze war später das Theater, bis die Stän-de auf dem ihnen von der Kaiserinn Maria Theresia geschenk-ten Vicedomgarten im J. 1774 ein neues erbauten.

Aus der Bürger- gelangt man durch die Fliegengasse auf den Fliegen- und Mehlplatz, auf denen der Mehlhändler und Müller in der Mittwoche und an Samstagen seine Waare aus-legt, und dadurch ihre eben nicht ansehnlichen Räume bevölkert.

§. 6.

Straßen und Gassen.

Die innere Stadt zählt der Gassen 44. Eine darunter, nämlich die nach dem ältesten Sohne des ruhmgekrönten Erz-herzogs Karl zu benennende Albrechtsgasse, welche den Hauptwachplatz mit der Neuthorgasse verbinden soll, wird gerade jetzt gebrochen. – Sie sind fast durchaus unregelmäßig, nicht selten eng und winkelig, und viele derselben verrathen deutlich das hohe Alter ihrer Anlage. Ungeachtet die letzten Jahre hier-in schon viel gebessert haben, so bleibt doch noch immer genug dessen übrig, was an die Zeit des Mittelalters lebhaft zu er- innern vermag. Von der Art ist insbesondere die Schmid-gasse, die noch immer in der ganzen Anlage und auch in der Bauart der Häuser des Alterthümlichen viel zeigt. Eine Aus-nahme davon macht unter anderen nur die gerade und breite neue Gasse, welche vom Eisenthore zum Tummelplatze führt, und das Kreisamtsgebäude (Nr. 165), die ob ihrer Bauart be-merkenswerthen Gebäude Nr. 160 und 164, und die ständische Bildergallerie (Nr. 156) enthält. Diese Gasse soll erst im J. 1483 dadurch entstanden sein, daß der menschenfreundliche Bischof von Seckau Mathias seinen längs der Stadtmauer sich dahin ziehenden Garten den vor den Türken und Magyaren flüchten- den Bewohnern von St. Leonhard zum neuen Anbaue anwies; doch ist die rechte Häuserreihe nicht vor der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aufgeführt worden.

– Einige Gassen sind durch ihre Unreinlichkeit die partie honteuse von Grätz, wie die überwölbten Durchgänge in die Prokopi- und Badgasse und in das Davidgäßchen. Als die Hauptstraße der inneren Stadt stellt sich die Herrengasse dar, welche in dem Zeitraume von 1457 bis 1494 die Burgerstraße hieß. Sie ist die längste, breiteste und schönste, und durch das altehrwürdige Landhaus, die schöne Fa- [148]cade der Stadtpfarrkirche und das sogenannte gemalte Haus (Nr. 219) auch die interessanteste der Gassen. Vom Eisen-thore auf den Hauptwachplatz geleitend, durchaus von stattlichen meist vier Stockwerke hohen Häusern gebildet, zeigt sie zu jeder Tageszeit bis spät in die Nacht hinein das geschäftigste Le-ben. Schade, daß sie auch jetzt noch durch die vielerlei Last-wägen, Lohnkutschen und Kaufmannsgüter, welche fast immer vor dem Gebäude der Hauptmauth stehen und liegen bleiben müssen, verschränkt wird, obgleich nicht verhehlt werden kann, daß auch zur Abstellung dieses Uebelstandes längst die nöthi-gen ämtlichen Verhandlungen im Gange seien. Ihre beiden Seitengäßchen, die Pfarr- und Frau-engasse, sind dadurch bemerkenswerth, daß sie in der ältesten Zeit das Judenquartier der Stadt waren; dieser Stadttheil hieß darum noch lange nach der Ausweisung der Juden der Judenrain und Judenweg.

Eine dritte Seitengasse derselben ist das Meßnergäß- chen, worin bei Gelegenheit eines Canalbaues im Frühlings- anfange des J. 1837 eine Menge sehr alter Ringe, Spangen, ein Arm- und ein Leibring, ein Theil eines Bechers u. dgl. m. gefunden wurden, Alles aus dem feinsten Golde fleißig gearbei- tet und zum Theile mit ganz rohen Edelsteinen besetzt; darunter war auch eine schöne goldene Münze aus der Zeit der Regierung Johanns Comnenus, des im Purpur Gebornen, aus den J. 1118–1143, die noch in der Münzsammlung des st. st. Joan-neums zu sehen ist. Die Stätte des Fundes gehörte einst zum Garten der Dominicaner und lag dem Judenquartiere gegenüber.

Im ersten Sacke, der Fortsetzung des Hauptwachplatzes, sind die Palläste der Grafen von Attems (Nr. 293) und von Herberstein (Nr. 237), im zweiten Sacke das Kloster der Ur-suliner-Nonnen (Nr. 291) und das Gebäude der k. k. Cameral- Gefällen- Verwaltung (Nr. 240) gelegen. Im dritten Sacke wüthete am 7. August des J. 1607 eine verheerende Feuers-brunst und legte ihn fast ganz in Asche; da man befürchtete, dasselbe werde den Pulverthurm auf dem Schloßberge, der da- mals dicht über dieser Gasse lag, ergreifen und Grätz in gro-ßes Unglück stürzen, so verlobten sich die innerösterreichische Hofkammer und die Bürgerschaft zum heil. Florian ob Straß-gang und veranstalteten, da die Gefahr glücklich vorüberge-gangen war, einen jährlichen Bittgang dahin, ließen auch einen neuen Hochaltar alldort mit dem dermaligen Bilde aufstellen 1(S. Peter Leardi's: Denkwürdigkeiten der k. k. Haupt- und Dechantei-Pfarre Straßgang in Steiermark. Grätz 1816, S. 55.).

[149]

Nächst ihnen ist die Bürgergasse, welche einst die Je-suitengasse hieß, die längste, deren Anfang das k. k. Damen-stift (Nr. 19) bezeichnet, und in der weiter oben links das Versatzamt (Nr. 34), das kaiserliche Convict und Priesterhaus (Nr. 37), und rechts die Palläste der Familien Trautmanns- dorf (Nr. 30) und Schwarzenberg (Nr. 33), das Gebäude des k. k. General-Commandos (Nr. 36) und die Domkirche mit dem Mausoleum bemerkenswerth sind.

Die Raubergasse, die früher und noch bis zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die hintere Schmidgasse gehei-ßen, benannt nach der freiherrlichen Familie dieses Namens, macht nur das Joanneum eines Besuches werth; denn die zwei Gebäude, welche das kaiserliche Landrecht sammt der Cameral Bezirksverwaltung (Nr. 383), und die Provinzial-Staatsbuch-haltung mit den öffentlichen Kassen (Nr. 385) enthalten, sind wohl stattliche Häuser, aber sie zeichnen sich übrigens äußerlich eben nicht besonders aus. In früheren Zeiten stand hier am Ende der Gasse der Reckthurm, späterhin das Folterhaus und bis zum J. 1835 (siehe S. 128) auch das Scharfrichterhaus genannt, dessen Bestimmung schon der Name deutlich genug bezeichnete.

Die Burggasse, welche mit dem Tummelplatze durch die gleichnamige Gasse zusammenhängt und vom Franzensthor in die Burg hinaufführt, enthält das Münzamtsgebäude (Nr. 5), das Haus Nr. 7, worin der Saal des Musikvereins sich befindet und den Dompfarrhof (Nr. 5).

Die Sporgasse, welche vom Hauptwachplatze und dem Anfange der drei Säcke weg anfänglich wenig, später ziemlich steil aufsteigt, führt zum inneren Paulusthor, und ist durch den säulengeschmückten Stiegenaufgang (Nr. 92) nach der alten Pauluskirche, das gegenüberliegende alterthümliche Haus der deutschen Ordens-Commende (Nr. 94) und den gräflich v. Saurau'schen Pallast (Nr. 91) ausgezeichnet.

Aus ihr entwickelt sich die Hofgasse, die bis zum Burg-thore fortgesetzt ist, am Franzensplatze vorüberführt, und das Gymnasium (Nr. 44), das Militär-Zeughaus, die Universität (Nr. 37), das Theater und die Burg zu ihren wichtigsten Ge-bäuden zählt.

Jenseit des inneren Paulusthores und des Karmeliter-platzes trifft man die Paulus-thorgasse an, in der das allgemeine Kranken-, das Irren-, Gebär- und Findelhaus, [150] die ehemalige Kapuzinerkirche und das Kloster der barmherzi-gen Schwestern liegen.

Die Stempfergasse, nach einer bürgerlichen Familie des sechzehnten Jahrhunderts benannt, zeichnet das Praten- geyer'sche Haus (Nr. 139) (siehe S. 2) und die Leykam'sche Buchdruckerei aus.

Die Färbergasse erwählte Herzog Karl II., um in ihr im J. 1574 den Grund zu einem neuen Seminariums Gebäude zu legen, welches nachher Ferdinandeum (Nr. 122) genannt wurde, und jetzt die deutschen Normal-Hauptschulen beherbergt.

Die Murgasse enthält in ihrem rechten Seitengäßchen das Paradeis (siehe S. 116), das nach Vertreibung der Pro-testanten im J. 1602 von der Herzoginn Witwe Karls II., Maria, in ein Kloster der Nonnen der heil. Klara zu Allen-heiligen verwandelt wurde.

In der Neuthorgasse, welche das aufgehobene Kloster der Karmeliterinnen (jetzt die k. k. Militär-Montours-Oeco-nomie-Commission (Nr. 423) enthält, legen an Wochenmarkt tagen, besonders aber im Fasching, die Landleute und Stech-viehschlächter Speck, Schweineschmalz und Selchfleisch zum Verkaufe aus.

Mehre Gassen haben im Laufe der Jahre ihre früheren Namen umgetauscht; so z. B. hießen die Jungfern- und Frauengasse die obere und untere Judengasse, das Land-hausgäßchen wurde noch im Jahre 1728 das Badgassel ge-nannt; die Postgasse die kleine Schmidgasse; das Badgäß-chen die Admontergasse; das Davidgäßchen führte den Na-men Hölle und Höllgassel; das Neue Weltgäßchen jenen des Fürstengassels; die Fliegengasse hieß das obere und die Bindergasse das untere Bürgergassel u. s. w.

§. 7.

Gebäude.

Das Aeußere der meisten Gebäude, das vordem düster und räucherig war, hat seit einer Reihe von wenigen Jahren an Freundlichkeit bedeutend gewonnen, und dadurch auch die Stadt selbst ein viel heitereres und jugendlicheres Ansehen er- langt. Am wenigsten zeitgemäß umgebaut sind die Häuser in der Schmidgasse, allwo das Innere der meisten Gebäude noch immer mittelalterlich enge, finster und zuweilen wahrhaft ab- schreckend ist. Dort findet man noch Thorwege, die wahren Höh- [151]len gleichen; Stiegen und Vorhäuser ohne alles Licht, auf de-nen man sich an trüben Wintertagen mit den Händen die Rich- tung des zu nehmenden Weges suchen muß; Höfe, Zwingern nicht unähnlich, und eine Zimmereintheilung, die noch immer lebhaft an das vierzehnte oder fünfzehnte Jahrhundert erinnert. Aber auch in anderen Stadttheilen haben die Häuser von älte-rer Bauart lange Thorwege, enge kleine Hofräume und daher dunkle ungesunde Hofwohnungen. Feuergefährlich sind insbe- sondere die in allen Neubauten bereits untersagten hölzernen Gänge gegen den Hofraum hin, und die größtentheils hölzer- nen Stiegen und zwar gerade jene Abtheilungen derselben, welche in die höheren Stockwerke führen.

Unter den Gebäuden sind diejenigen, welche dem gottes-dienstlichen Gebrauche gewidmet sind, die merkwürdigsten, die öffentlichen weltlichen Gebäude die ansehnlichsten, und unter den Privatgebäuden auch einige, die im Einzelnen besprochen zu werden verdienen.

§. 8.

Kirchen und Kapellen.

Den Kirchen und Kapellen gebührt der erste Platz, nicht nur weil sie der öffentlichen Gottesverehrung gewidmet sind, sondern auch weil fast alle sowol in geschichtlicher, als artisti- scher Hinsicht sich als die interessantesten Bauwerke der Stadt darstellen.

Grätz war einst an kirchlichen Gebäuden noch viel reicher als gegenwärtig, indem einige derselben im Laufe der Zeiten ganz abgetragen, andere zu Magazinen benützt, in Kasernen umgebaut oder in Wohlthätigkeits-Anstalten verwandelt worden sind, wie sich solches bei der Beschreibung der einzelnen Merk- würdigkeiten der Stadt und der Vorstädte noch deutlicher her- vorstellen wird. Dessenungeachtet zählt die innere Stadt noch immer 15 Gotteshäuser, und zwar 7 Kirchen und 8 Kapellen.

a) Kirchen.

Unter den Kirchen von Grätz sind vier altdeutsche oder sogenannte gothische Kirchen, die sämmtlich das traurige Loos getroffen hat, in Zeiten und von Menschen, die von dem, was diesem Baustyle auch in der äußeren Ausschmückung ent- spricht oder widerstrebt, keine Ahnung hatten, mit einem nüch- ternen Weiß übertüncht, dadurch freilich sämmtlich licht und helle gemacht, aber so auch zugleich derjenigen Eigenheit ganz [152]beraubt zu werden, die ihrem ureigenthümlichen Wesen allein entspricht, nämlich ihres Ehrfurcht gebietenden Charakters. Sie haben alle das miteinander gemein, daß sie aus Bruchsteinen, denen mitunter Ziegel beigegeben erscheinen, erbaut, nur die Strebepfeiler aus regelmäßig behauenen Vierecksteinen (Qua-dern) aufgeführt oder damit wenigstens eingefaßt und durch- aus mehrfach abgestuft, sonst aber schlicht und schmucklos sind; daß altes Schnitzwerk an Altären, Hochbilder aus Holz oder Stein oder anderes Kunstwerk der Art aus den Zeiten des Mittelalters in ihnen gänzlich fehlt; Glasgemäldereste nur in der Leechkirche angetroffen werden; das Chor (Presbyterium), nach alter Weise, der aufgehenden Sonne zugekehrt und drei-seitig geschlossen ist; daß die Orgel ihre gewöhnliche Stelle an der Abendseite hat; das Innere fast immer durch neueren Anbau entstellt erscheint und daß jede derselben ohne einige Spur des älteren Rundbogenstyls durchaus im Spitzbogen an- gelegt ist.

aa) Die Domkirche Ihre Gestalt versinnlicht ein eigener dem Werke beigegebener Stahlstich. Ueber dieselbe siehe auch des P. Ignatius Langetl Sóc. Jesu: Templum aulicum Societatis Jesu, seu Divi Aegydii Urbis graecensis patroni Ba-silica, etc Graecii 1733, worin sich auch eine große Abbildung des Hoch- altars vorfindet. .

Dem Burgthore zunächst, der kaiserlichen Burg gegen über und mit ihr durch einen drei Stockwerke hohen auf zwei Schwibbögen ruhenden Gang verbunden, erhebt sich die alte ehrwürdige Domkirche zum heil. Aegydius. Die Entstehung derselben reicht in eine sehr frühe Zeit zurück, obgleich sich über den Zeitpunct der ersten Gründung keine historischen Beweise auffinden lassen. Schon der Heilige, dem sie geweiht ist, Aegy- dius, der Schutzpatron der Franken, weiset auf karolingische Zeiten hin. Urkundlich gewiß ist es, daß die St. Aegydenkirche schon im J. 1172 als Stadtpfarrkirche in Grätz bestanden habe. In ihrer alten Gestalt verblieb sie durch einige Jahrhunderte. Die gegenwärtige Kirche begann und vollendete erst K. Fried- rich IV. in den Jahren 1449 bis 1462 zugleich mit dem Um- baue der benachbarten alten herzoglichen Burg. Wie aus den Jahreszahlen, die an der Kirche selbst angebracht sind, zu erse- hen ist, so wurde wie sonst auch hier mit dem Chor im J. 1450 der Anfang gemacht, und sechs Jahre darnach die Giebel- wand vollendet; der älteste Theil des ganzen Baues ist aber unzweifelhaft derjenige, welcher die alte Sakristei enthielt, denn [] [] [153]er wurde schon im J. 1449 aufgeführt, und der jüngste ein dem Bogen zunächst liegender Theil der Stiege, welche in die oberen Oratorien führt. Während des Baues und bis zur Vollendung desselben wurde die Pfarre auf die Kirche zum heil. Paul am Berge oder am Walde übertragen und erst im J. 1493 wieder hierher zurückversetzt. In die Zeit K. Maximi- lians I. oder seines unmittelbaren Nachfolgers scheinen die herr- lichen Wandgemälde zu gehören, welche noch immer an der Außenwand der Kirche zu sehen sind.

Im J. 1577 erhob Erzherzog Karl II. kraft einer Bulle Papst Gregor XIII. die alte Pfarrkirche zum heil. Aegydius zu seiner Hofkirche und übergab sie den Jesuiten. Die Pfarre wurde einstweilen in die nebenstehende Katharinenkapelle und erst später mit Erlaubniß des Erzbischofs von Salzburg in die Kirche zum heil. Blut in der Herrengasse übertragen. Der ganz vergoldete Hochaltar wurde im J. 1602 von der Erzher- zoginn Maria Anna aus Holz aufgeführt, aber erst 1733 in die gegenwärtige Gestalt gebracht. Am 7. Mai 1617 wurden unter K. Ferdinand II. die beiden Reliquienschreine, die sich am Eingange in das Chor befinden, hier feierlich beigesetzt; im J. 1619 der an die östliche Hauptwand des Schiffes angelehnte rechte Seitenaltar von Gottfried Freiherrn von Stadl errichtet, und am 2. Juli des folgenden Jahres die zwei an den beiden vordersten Pfeilern angebrachten Altäre von Jakob II., Bischof von Seckau, eingeweiht. Die erste Seitenkapelle links ließ Tho- mas, Bischof von Laibach und Statthalter zu Grätz, erbauen, in demselben Jahre Gößbert Voß von Vossenburg aus Amster- dam, welcher K. Ferdinands II. Rath und Leibarzt war, auch die gegenüberstehende Seitenkapelle errichten, und im Jahre 1631 Sigmund Friedrich Graf von Trautmannsdorf den Haupt- seitenaltar der linken Wand aufführen.

Da der alte steinerne Thurm schon sehr baufällig war, ließ man ihn im J. 1651 abtragen und durch den gegenwär-tigen kupfernen ersetzen, auf den am 4. Mai des J. 1663 das über einem vergoldeten Granatapfel thronende Kreuz gesetzt wurde. Durch den Grafen Rudolph von Saurau, der K. Fer- dinands II. geheimer Rath war, wurde im J. 1659 die zweite Seitenkapelle zur linken Hand errichtet, und am 25. November desselben Jahres durch Johann Markus, Bischof von Seckau, feierlich eingeweiht. Im J. 1667 wurde die zweite der rechten Seitenkapellen durch den Freiherrn Abund von Inzaghi erbaut, und im darauf folgenden Jahre von dem Bischofe Max Gan- [154]dolph von Seckau geweiht. Die erste der rechten Seitenkapellen wurde im J. 1695 durch Georg Herrn von Stubenberg, des Kaisers geheimen Rath und Landeshauptmann in Steiermark, erweitert, mit Wandgemälden und Standbildern geschmückt und von dem Bischofe von Seckau benedicirt. Im J. 1710 wurde die Kanzel aufgeführt, am darauf folgenden ersten Fasten- sonntage von ihr die erste Predigt durch den Bischof von Se- ckau Franz Anton gehalten, und 1718 die erste Kapelle der linken Seite mit Malereien verziert. Den Grundstein zu dem aus Marmor erbauten Hochaltare legte zwei Jahre darauf der damalige Rector Magnificus der Universität, Franciscus Mo- lindes, dessen Ausbau aber in der Art, wie er heut zu Tage zu sehen ist, erst drei Jahre darauf erfolgte.

Außer diesen Zeitpuncten geschah für die Ausschmückung der Kirche bis in unsere Tage gar nichts. Erst die Landes-Gou-verneure Grafen von Hartig und von Wickenburg haben zur Verschönerung dieser Stadtgegend, welche noch im J. 1830 eine wenig einladende Gestalt hatte, dadurch viel gethan, daß der Erstere im J. 1830 durch Abtragung der häßlichen Kirch- hofmauer, welche den Dom sehr enge umfing, und eines zwei Stockwerke hohen Bogens, der über die Bürgergasse hinweg aus dem Priesterhause in die Domkirche herüberführte, den ganzen ehrwürdigen Bau von allen Seiten frei legen; und der Letztere im Jahre 1831 – 1833 im obersten Theile der Bürgergasse eine durch Bruchsteinmauern gefestigte Terrasse vor der Giebelwand des Domes anlegen, sie mit einem Stein-geländer umgeben und eine imposante Marmortreppe anlegen ließ, auf der man nun bequem den platzartigen Raum er-steigt, der sich nächst dieser Kirche vor dem Ferdinandeischen Mausoleum ausbreitet, welches dadurch dem Blicke der Vor-übergehenden freigelegt wurde. Diese Terrasse trägt die Auf- schrift:

ERBAUT MDCCCXXXI.

Auch dieser der öffentlichen Gottesverehrung geweihte Bau war oft Zeuge bedeutender Begebenheiten. Gleich den meisten Kirchen des Mittelalters war sie einst mit einer Kirchhofmauer eingefaßt, innerhalb deren die Verstorbenen häufig ihre letzte irdische Ruhestätte fanden; so z. B. wurde im Juni des J. 1262 Vock von Rosenberg, Przemysl Ottokars Statthalter, in der alten Pfarrkirche zu St. Aegyden begraben. Als Herzog Karl II. im J. 1590 starb, wurden auch seine Eingeweide in [155]dieser Kirche beigesetzt. In der ältesten Zeit wurden auf die- sem Kirchhofe und auch in der Kirche selbst Gerichtsverhand- lungen gehalten; wie sich denn auch wirklich noch mehre Ur- kunden erhalten haben, die von dort datirt sind; so z. B. machte Herzog Ottokar VI. im J. 1174 in dieser Kirche eini- ge Vergabungen an das Stift Seckau; und im J. 1254 lud der Pfarrer Ulrich von Straßgang, welcher als Coadjutor im Namen des Bischofs von Seckau auf jenen Zehent Anspruch machte, den die Witwe Gertrud von Waldstein in ihrer Herr- schaft einhob, diese auf den Kirchhof von St. Gilgen in Grätz vor Gericht und erklärte sie, als Gertrud an dem bestimmten Tage auf dem Friedhofe dieser Kirche sich nicht einfand, des Zehentes für verlustig 1(Leardi a. a. O. S. 12.).

Als Kaiser Rudolph I. im J. 1280 die feierliche Huldi- gung der Stände des Herzogthums entgegennahm, endete diese denkwürdige Feierlichkeit mit einem Hochamte in den geheilig- ten Räumen dieser Kirche. Am 12. December 1596 fand in ihr die feierliche Huldigung, dargebracht dem Erzherzoge Fer- dinand II., Statt. In der Domkirche wurde ihm auch am 23. April 1600 die baierische Prinzessinn Maria Anna durch den Kardinal Franz von Dietrichstein öffentlich angetraut. In ihr wurde im J. 1608 die Erzherzoginn Magdalena, Schwe- ster des Erzherzogs Ferdinand II., durch den päpstlichen Nun- tius, Paul Orsini, dem Großherzoge von Florenz, Cosmus III., feierlich vermählt. Am 5. Juli des folgenden Jahres fand in dieser Kirche die feierliche Huldigung Kaiser Leopolds I. Statt. Am 15. October 1673 vollführte hier der päpstliche Nuntius die Trauungsfeierlichkeit des Kaisers Leopold I. mit Claudia Felicitas, der Tochter des Erzherzogs Ferdinand Karl von Tirol. In ihr fand am 6. Juli 1728 ein Theil der Feier- lichkeiten der letzten Erbhuldigung K. Karls VI. Statt. Bis zur Aufhebung der Jesuiten im J. 1773 verblieb die Kirche in ihren Händen. Im Jahre 1786 wurde sie vom Kaiser Joseph II. zur Kathedralkirche für das neu organisirte Bisthum Seckau erhoben; worauf am 26. November 1788 der Fürstbi-schof, Joseph II., Graf von Arko, von ihr feierlich Besitz nahm.

Die Domkirche ist ein zwar schlichtes, aber dennoch in architektonischer Hinsicht nicht ganz uninteressantes Gebäude aus den letzten Jahren des Mittelalters. Das Aeußere dersel- ben ist ohne allen Bauschmuck, der sonst Kirchen dieser Art [156]so anziehend, lehrreich und zugleich malerisch macht. Das Chor ist ganz von behauenen, der übrige Theil zumeist aus Bruch- steinen aufgeführt, davon die ersteren bereits einen röthlichen Ton angenommen haben, der das Ganze sehr gut kleidet. Chor und Schiff haben von Außen einerlei Höhe des Daches; die Gränze beider bezeichnet nur eine über die Fläche desselben hinaus reichende Feuermauer. Kein Thurm aus älterer Zeit schmückt den stattlichen Bau; nur an der Giebelseite erhebt sich gegen Sonnenuntergang, da, wo die Giebelmauer sich stark zuzuspitzen beginnt, ein neuerer mit Kupfer ganz eingedeckter Thurm, der die Glocken enthält, und über dem Hochaltare zeigt sich am Dache des Chors ebenfalls ein kleines kupfernes Thürmchen.

An beiden Seiten der Schiffe wurden in den Jahren, die in der Geschichte des Domes angegeben sind, neuere Kapel-len angelehnt, welche die Hauptmauer durchbrechen und von außen weit über sie heraustreten. Nur am Chor ist an der Evangelienseite, gegen Mitternacht, ein alter Anbau vom J. 1449, der sich in mehren Stockwerken bis zur Höhe des Kir- chendaches erhebt, nicht uninteressante tief eingeschmiegte Fen- sterstellungen hat, und mit der ihm benachbarten Chorseite, so schlicht sie auch ist, und mit dem Verbindungsgange, der aus der kaiserlichen Burg in die Kirche hinüberführt, ein Ganzes bildet, das nicht ohne malerischen Effect ist.

Dieser Anbau enthält im Erdgeschosse eine Art Dreß-kammer, einst die Sakristei, die aber heut zu Tage nicht mehr zu diesem Gebrauche dient. Im ersten Stockwerke befindet sich eine Emporkirche, welche von Sr. Excellenz dem kunstsinnigen Gouverneur, M. C. Grafen von Wickenburg, wieder in eine Kapelle gothischen Styls, was sie ursprünglich war, umgewan- delt worden ist. Sie dient der kaiserlichen Familie, der Her- zoginn von Berry und den Angehörigen des Gouverneurs zum Oratorium, und mündet sich daher auch durch eine große fen- sterartige Oeffnung, welche durch vergoldetes Schnitzwerk reich verziert ist, dem Hochaltare zunächst in die Kirche aus. Wände und Decke sind im Style des deutschen Mittelalters durch Säulchen, Wappen und einige gemalte Standbilder habsbur- gischer Fürsten, und die Fenster durch alte Glasgemälde aus geschmückt. An der Decke, am Altare und in den alten ur- sprünglichen Glasgemälden, davon aber einige theils aus der Walburgis-Kapelle bei Brunn (einer Filiale von St. Michael bei Leoben) und theils aus der Leobner Vorstadtkirche Maria [157] am Waasen stammen, sieht man die Jahreszahl 1449 (1449), welche sich auch in den Fenstern zeigt. Der Ofen ist alt, Stühle und Betpult sind neu, aber auch im Style des Mit- telalters gezeichnet. Auf dem Altare befindet sich ein großes Bild der altdeutschen Schule auf Goldgrund vom J. 1475, Christus am Kreuze zwischen den Schächern, von einer großen Menge von Kriegsobristen, Hohenpriestern und anderem Volke, und der Gruppe von Frauen, welche die im tiefsten Schmerze dahingesunkene Mutter des Heilandes stützen, umringt. Diese Holztafel, welche sonst in der Kirche hing, gewährt dem For- scher des Mittelalters eine reiche Ausbeute von Trachten und Rüstungen, und dem Kunstfreunde einen hohen Genuß durch Anordnung des Ganzen, Gruppirung der zahlreichen Volkshau-fen, Mannigfaltigkeit der Physiognomien und alle Eigenhei- ten derjenigen Maler unsers Vaterlandes, welche keine Gele- genheit hatten, Italien zu besuchen.

Dieselbe Steintreppe, welche aus der Kirche heraufführt, geleitet, an den bekannten Selbstlauten K. Friedrichs IV. und der Jahrszahl 1862 vorüber, in das zweite Geschoß und in eine über der ersteren liegende offene Kapelle, die an der De- cke alte Fresken und über dem nackten Steintische des Altars den heil. Abt Romuald zeigt, der einen vor ihm knienden jungen Ordensmann segnet und ihm den Bischofsstab darreicht. Ungeachtet sowol die Hauptfiguren, als auch die ganze sie umgebende Mönchsschar in weiße Ordensgewänder gekleidet ist, zeigt das Bild doch eine ziemlich gute Haltung. Auch diese Kapelle bildet zugleich eine Emporkirche des Domes 1(Fremde, welche die erstere Kapelle zu sehen wünschen, haben sich an den Hrn. Thürsteher des Gubernial-Präsidiums zu wenden, der auch die Schlüssel zur Burgkapelle in seiner Verwahrung hat.).

Auf der entgegengesetzten Seite des Chors führt in dem Winkel, mittelst dessen sich das Schiff an das Chor anschließt, eine alte ursprüngliche Wendeltreppe unter das Dach empor; doch wird diese Seite durch den plumpen neueren Anbau der Sakristei mit ihren dicht vergitterten Rundbogenfenstern gewal- tig entstellt.

Im Schiffe der Kirche stehen zwei Thüren an der Mit-tag- und Mitternachtseite einander gegenüber, die aber erst viel später gebrochen worden sind und aller jener Beigaben ent- behren, durch die sonst der altdeutsche Baustyl diese Gebäude- theile so anziehend und malerisch zu machen versteht; zur er- [158]steren führen jetzt 13 Steinstufen empor, davon aber der grö- ßere Theil erst durch die hier herum im J. 1831 vorgenom- menen Abgrabungen nothwendig geworden ist.

Das Merkwürdigste am ganzen Baue ist aber von außen offenbar das Haupteingangsthor an der Giebelwand, das aller-dings Zeichnung und Stich verdiente. Diese Seite des Domes, welche schon durch die herrlichen Ueberreste von Wandgemäl- den die Aufmerksamkeit des Kenners und Kunstfreundes auf sich zieht, ist ebenfalls durchaus schlicht, mittelst zweier Stre- bepfeiler, welche neben dem Haupteingange stehen, nicht eben sehr weit über die Wand hervortreten, vierfach abgestuft sind und fast über drei Viertheile der ganzen Höhe hinaufreichen, in drei Felder getheilt und zuoberst mit dem schon früher er- wähnten Thurme gekrönt. In dem mittleren der drei Felder, die durch diese Stellung der Strebepfeiler gebildet werden, liegen das Hauptkirchthor, darüber ein Kreisfenster, das aber aller bei dieser Art Fenstern sonst üblichen kunstreichen Aus- füllung bereits längst beraubt worden ist, endlich hoch oben in der eigentlichen Giebelwand zwei kleine Fensteröffnungen mit geradem Sturze. Jedes der beiden Seitenfelder enthält ein hohes Spitzbogenfenster, und darüber ebenfalls ein kleines Fen- sterviereck. Alles dieses ist alt und ursprünglich.

Das Haupteingangsthor ist ziemlich tief eingelegt, und mehrfach eingeschmiegt. In den Schmiegen sind auf jeder Seite zwei Nischen für Heiligenbilder, die aber nie da gewesen zu sein scheinen, angebracht. Die Kragsteine dieser Bilderblenden werden von Engeln getragen, die in ihren ausgestreckten Hän- den unbeschriebene Inschriftenbänder halten, bekleidet und mit einer über der Brust gekreuzten Stola versehen, aber bloße Brustbilder sind. Sie ruhen auf einem dünnen Säulensturze, der unten in einen viel breiteren Säulenfuß endet. Die Ni- schen sind nach Art altdeutscher Altarhäuschen eingedacht. Aus dieser Bedachung entwickelt sich erst der mehrfach eingeschmiegte Thürbogen, dessen Wölbung aber nicht durch einen Spitzbogen, sondern durch einen etwas eingedrückten Eselsrücken gebildet wird, dessen Schwingungen auch die Schmiegen folgen. Der äußerste Rand desselben ist mit den bekannten helmartigen Blättern rachenförmiger Blumenkronen geschmückt. An seiner Spitze endet er in die an diesem Baustyle gewöhnliche kreuz- artige Blumengestalt oder Rose. Da, wo er aus der Bedachung der Bilderblenden sich entwickelt, erhebt sich beiderseits über einem mit dem österreichischen Wappen gezierten Schilde senk- [159]recht ein hohlkehlenartig eingeschmiegter Stab in der Gestalt eines aufsteigenden Gesimses. Oben werden beide durch einen horizontal liegenden Stab von gleicher Art verbunden. Das Ganze bedeckt eine von einem Kreissegmente getragene, und durch die bekannten rachenförmigen Blumenblätter verzierte Wölbung. Der Raum, der durch jene Stabeinfassung über dem Eselsrücken zu beiden Seiten der Rose entsteht, ist durch vier Wappenschilde und zwei Inschriftenbänder ausgefüllt. Rechts ist ein Schild mit dem portugiesischen Wappen wegen der Kaiserinn Eleonore, Gemalinn Friedrichs IV., darunter ein zweiter mit dem steierischen Panther, daneben ein flatterndes Band mit der Jahreszahl 1456 (1456), und links zeigen der obere Schild den doppelköpfigen Reichsadler, der untere hingegen das österreichische Wappen und das Inschriftenband die bekannte Devise Kaiser Friedrichs IV.: A. E. I. O. U. 1(Diese Buchstaben sind verschiedentlich ausgelegt worden, als: Aller Ehren Ist Oesterreich Voll. Alles Erdreich Ist Oesterreich Unterthan. Austria Erit In Orbe Ultima. Austriae Est Imperare Orbi Universo.).

Von den Wandgemälden, womit einst ein großer Theil der Giebelseite geziert war, erspäht man einige nur noch durch den Kalküberzug hindurch; drei davon hingegen sind bisher, wenigstens zum Theile, von der Kalktünche verschont geblieben, welche die übrigen vielleicht für immer bedeckt hat. Die zwei größeren zeigen die Mutter der Gnaden, als Zuflucht der Sün- der, und Christum am Oelberge von den schlafenden Jüngern umgeben. Beide beurkunden einen tüchtigen Meister seiner Kunst aus der schönen Zeit Albrecht Dürrers, und einen Maler, der nicht nur mit dem, was Deutschland in der Kunst Großes und Schönes in jener Zeit hervorbrachte, sondern auch mit den Leistungen der besseren Italiener vertraut war. Unter den Frauen, über die sich im ersteren Bilde der von Engeln ge- haltene golddurchwirkte Mantel der Himmelsköniginn schü- tzend wölbt, gibt es Gesichter, in deren lieblichen Zügen alle Tugenden des Weibes, Unschuld und Frömmigkeit, bescheidene Ergebung in die unerforschten Beschlüsse der göttlichen Vor- sehung und hoher Seelenfriede so rührend ausgedrückt sind, daß man sich von ihrer Betrachtung nur schwer trennen kann. An der Spitze dieser reizenden Frauenschar, in der Kopf an Kopf dicht an einander gedrängt sich zeigt, kniet der ritterliche Kaiser Max I., die zusammengefalteten Hände inbrünstig zum [160]Gebete erhoben. Zur Linken der aufrecht stehenden Mutter des Heilands, der auf ihrem Arme ruht, ist die Schar der Män- ner, in der man einen Papst, einen Kardinal, mehre Mön- che, auch ein gekröntes Haupt wahrnimmt. Von des Kaisers frommer Gemahlinn, die ursprünglich auf dieser Seite ihre Stelle gefunden, konnte man noch vor zwölf Jahren das liebliche Ant- litz und einen bedeutenden Theil der übrigen Gestalt deutlich erkennen; kostbare Ueberreste, die jetzt längst der neidische Mör- tel bedeckt. Ein großer Vorwurf bleibt es immer, daß dieses unschätzbare Bild, das man in Italien auf jede erdenkliche Weise zu retten gesucht hätte, bei uns in früheren Zeiten keinen Schutz gegen die Unbilden der Witterung und gegen die Zerstörungs- wuth der die Kirchenwände ausbessernden Menschenhände gefun- den hat. – Auch die schlafenden Jünger im zweiten Bilde wird man mit Interesse und den im Gebete ringenden Heiland nicht ohne innige Theilnahme betrachten. – Ein drittes Bild, der seine Wundenmale zeigende Heiland, ist offenbar von einer anderen Hand und von geringerem Kunstwerthe. Außer die- sen drei Bildern, die bis jetzt noch gerettet worden sind, zeigt dieselbe Seite noch einige andere durch den Kalküberzug gei- sterartig durchblickende Schildereien, als: Christum am Kreuze und den heil. Christoph mit dem Weltheilande auf der Schul- ter; doch sie scheinen auf immer für die Kunst verloren zu sein, obgleich die kräftigen Farben schon wieder allmählig sich zu zeigen anfangen.

Auch neben dem Seiteneingange der mittägigen Kirchen wand sieht man unter einem schützenden Bogen, der von einem Strebepfeiler zum andern gewölbt ist, eine Reihe höchst merk- würdiger, zum Theile geschichtlicher Fresken, welche Ereignisse aus der Geschichte der Stadt darstellen und offenbar aus der Zeit des Uebergangs des fünfzehnten in das sechzehnte Jahr- hundert sind; so in der untersten der noch erhaltenen Reihen den verheerenden Heuschreckenzug, von welchem die Stadt im J. 1480 heimgesucht wurde 1(Die Abbildung und ausführlichere Zergliederung dieser Darstellung fin- det sich im I. Hefte des 7. Jahrganges der neuen Folge der steiermärk. Zeitschrift. Gratz 1842. S. 115 u. s. w. von Dr. Franz Unger.); eine daran sich reihende län- gere Darstellung 2(Die Abbildung derselben ist dem VII. Hefte der älteren Serie der steier- maäk. Zeitschrift, Grätz 1826, beigegeben.) zeigt die Gräuel des in demselben Jahre durch die obere in die untere Steiermark streifenden türkischen Heeres; eine dritte kaum mehr zu erkennende Abtheilung end- [161]lich versinnlicht die Schrecknisse verheerender Seuchen, von de- nen die Stadt und das umliegende Land im J. 1474 heim gesucht worden sind; Schilderungen, die uns sämmtlich, wenn auch nicht in kunstreicher Form, so doch jedenfalls in höchst lehrreicher Weise einzelne Eigenheiten des Landes in Tracht und Gebäuden vor Augen führen.

Der oberste durchaus gut erhaltene Theil des Bildes, ganz eigenthümlich in der Erfindung, ist zugleich auch nicht ohne hohen Kunstwerth. Er zeigt uns den weisen Urheber der unten dargestellten Drangsale, von denen das menschliche Ge- schlecht zur Erweckung und Festigung seiner sittlichen Kraft von Zeit zu Zeit heimgesucht wird, die Gottheit; nach christ- licher Vorstellung in der Gestalt der Dreieinigkeit dargestellt und versinnlicht durch drei würdige Männergestalten gleichen Alters, welche ein und derselbe Purpurmantel umschlingt und untereinander verbindet, auf einem breiten Throne ohne Bal- dachin sitzend, umschlungen von breiten Bändern mit halb ver- blichenen Inschrift-Charakteren. Gott Vater nimmt die Mitte ein, Scepter und Weltkugel in den Händen, ihm bedeckt das strahlende Auge Gottes, als Zeichen der Allwissenheit, die Brust; Christus, die Wundmale zeigend, ihm zur Rechten, und die dritte göttliche Person, eine ernst blickende Mannsgestalt, zur Linken. – Zu beiden Seiten des Throns knien links neben dem Heilande Maria und rechts neben dem heil. Geiste Johann der Täufer, beide in flehender Stellung, das Ende eines Schleiers haltend, der von ihr zu ihm hinüber reicht. Hinter ihnen kniet beiderseits eine Schar von Heiligen, unter denen es auch viele Gestalten gibt, die auf Albrecht Dürers berühmtem Bilde der christlichen Märtyrer in der kaiserlichen Gallerie zu Wien nicht schöner angetroffen werden. – Unterhalb dieser anziehenden Gruppe wölbt sich ein sanft geschwungener Bogen eines in die Irisfarben gekleideten Bandes, dessen Rand in lauter klei- ne Halbkreise ausgefranzt und unten zur Aufnahme einer In- schrift von Entfernung zu Entfernung aufgeschlagen ist. Ueber jeder dieser 19 Inschriften ist im Bande selbst ein beflügeltes Brustbild einer christlichen Tugend, in der Gestalt eines gehar- nischten Ritters, eines Engels, einer frommen Frau oder eines lieblichen Jünglings angebracht, unter denen sich ebenfalls Köpfe finden, die so voll Innigkeit des Gefühls und voll unbe- schreiblicher Zartheit des Ausdrucks der verschiedenartigsten See- lenzustände sind, daß auch sie für sich wieder eine Gallerie der interessantesten Köpfe liefern würden. Unter der Wölbung die- [162]ses Bandes erblickt man zunächst über den oben angedeuteten Landplagen den breiten Gipfel einer Anhöhe, an dem links eine Schar von Welt- und Klostergeistlichen, einen Kardinal an der Spitze, emporwandelt, und bereits bis an die Zelle des heiligen Franciscus vorgedrungen ist, und rechts ein Zug von Weltleuten durch die Heiligen Franz und Dominicus empfan- gen wird. Die Mitte zwischen diesen beiden Gruppen und den höchsten Punct der Hochfläche nimmt ein in drei Zellen ge- theiltes Gebäude ein. In der mittleren kirchenartigen Abthei- lung desselben sitzt ein heil. Papst, vielleicht Gregorius der Große, mit einem offenen Buche auf dem Schooße; in der Zelle zu seiner Rechten kniet der heil. Franciscus Seraphicus, und in jener zur Linken der heil. Dominicus, beide durch flat- ternde Inschriftenbänder als solche bezeichnet. Alle diese Gestal- ten sind nicht weniger meisterhaft ausgeführt. – Dieser ganze obere Theil des Bildes ist noch vollkommen gut erhalten.

Der Schilderung dieser Kunstwerke ist absichtlich mehr Raum gewidmet worden, als das Ebenmaß billigerweise er- heischt hätte, theils weil sie wirklich das Ausgezeichnetste sind, was die Stadt im Gebiete der Kunst irgend aufzuweisen hat, und theils um dadurch auf diese werthvollen Gemälde-Ueber- reste gebührend aufmerksam zu machen, deren weitere Ver- nachlässigung der Stadt zum bleibenden Vorwurfe gereichen würde. Wenigstens sollte das große Bild durch Ueberdachung geschützt, das Letztere vom Staube gereinigt, und beiden die Auszeichnung des Stiches, deren sie gewiß im hohen Grade würdig sind, zu Theil werden.

Von den Grabmälern, welche an der äußern Kirchen-wand angebracht sind, verdient bloß dasjenige eine besondere Aufmerksamkeit, welches an der dem Hochaltar entsprechenden Wand des dreiseitigen Chorschlusses angebracht ist. Es ist ein Denkmal des Hofkanzlers Herzogs Karl II., Wolfgangs Schranz von Schranzenegg und Forchtenstain, der hier am 24. October 1594 verstarb. Es ist nur darum bemerkenswerth, weil dieser Mann die Seele der Unternehmungen jenes Erzherzogs und seiner Gemahlinn gegen den Protestantismus und der besondere Gönner des durch ihn in der Steiermark eingeführten und mächtig gehobenen Jesuitenordens war.

Sechs Stufen, davon aber zwei erst durch die späteren Abgrabungen, welche die Regulirung der Kirchenterrasse noth- wendig machte, beigefügt werden mußten, führen am Thore der Giebelwand in die Kirche selbst hinein, deren Fußboden [163]durchaus mit lichten Marmorplatten gepflastert ist. Das bei 81 Fuß hohe Innere derselben zeigt durchaus sehr schöne Ver- hältnisse, und umschließt einen weiten freien Raum, der von acht Pfeilern, davon zwei in den Musikchor eingebaut sind, in drei Schiffe getheilt wird, an die sich gegen Morgen das viel schmälere 1(Das Schiff der Kirche hat eine Länge von 18 Klafter 3 Schuh und eine Breite von 14 Klafter 2 Schuh. Das Chor ist 12 Klafter 3 Fuß lang und 5 Klafter 3 Schuh breit; die Kirche umfaßt einen Flächen- raum von 333 Klafter 5 Fuß 6 Zoll, und vermag zu gleicher Zeit 2672 Menschen aufzunehmen.), um vier Stufen erhöhte Chor (Presbyterium, Sanctuarium) anschließt, welches von dem Schiffe durch ein niedriges Marmorgeländer getrennt und in der Mitte durch ein Gitter abgeschlossen wird.

Das Hauptschiff ist höher und breiter als die beiden Sei- tenschiffe (Abseiten), welche dem Choranfange zur Seite durch eine gerade Wand geschlossen sind, und ursprünglich dort, wie man noch von Außen deutlich wahrnehmen kann, ein mit den übrigen gleich hohes Spitzbogenfenster hatten, das bei dem An- baue der Sakristei und der herzoglichen Loggia vermauert und im Innern auf jeder Seite durch einen Hauptseitenaltar ersetzt worden ist. Gegen Sonnenuntergang, dem Chore gegenüber, und zunächst über dem Haupteingange befindet sich die viel neuere auf vier niedrigen Pfeilern ruhende und an die zwei westlichsten Kirchenpfeiler angelehnte Emporkirche für das Mu- sikchor, die mit einer großen vielstimmigen Orgel versehen ist, welche noch die Jesuiten erbauen ließen. Hauptschiff und Ab- seiten werden durch sieben ganze und drei, wegen der später in die Seitenwände gebrochenen Kapellen - Eingänge, zur Hälfte vermauerte Fenster erleuchtet, während der Chor sein Licht nur mittelst zweier am dreiseitigen Schlusse befindlicher hoher und durch vier Halbfenster erhält, die an der Epistelseite angebracht und wegen des späteren Sakristeibaues verkürzt worden sind; indem die Evangelienseite des Chors von der kaiserlichen Loge und den in drei Stockwerken übereinander liegenden Gallerien eingenommen wird, zu denen der aus der Burg über die Stra-ße gewölbte Bogengang führt.

Die Fenster sind hoch, ziemlich tief eingeschmiegt, durch zwei Steinstöcke in drei Theile getheilt und die Spitzbogen wölbung durch Bogen-Drei- und Vierecke, spitzwinklichte Kreis- abschnitte, Kleeblätterschmuck und herzförmige Verzierungen nach altdeutscher Bauweise mannigfaltig ausgefüllt.

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Das Kirchengewölbe, dessen Gurten stark vorspringen, zeigt eine vorzügliche Netzverschlingung der Gewölberippen, be- sonders im Chor, wie man diese häufig, vorzüglich in den Presbyterien der Fridericianischen Kirchenbauten findet. Die Grundform der Pfeiler, welche es tragen, ist das Viereck, des- sen Ecken aber abgestutzt und so gestellt sind, daß sie zwei der dadurch entstehenden schmalen Flächen dem Hauptschiffe und der Abseite, die anderen zwei aber dem zwischen den Pfeilern entstehenden Durchgange zukehren. An diesen durch die abge- stutzten Ecken gebildeten vier schmalen Seiten des so gewon- nenen Achtecks laufen die Fortsetzungen der Hauptgewölbegur- ten, welche säulenartige Stäbe bilden, bis zum Fußboden her ab. Pfeiler und Säulenstäbe sind mit einer Art von Säulen- fuß und oben mittelst einiger Leisten und Wulste auch mit einem Gesimse versehen, das ihnen statt eines Knaufes dient. Gegen die Chor- und Giebel-Wand hin fallen die Gurten des Gewölbes und der von den Pfeilern getragenen Bögen ganz in die Mauer hinein ohne Kragsteine und auch ohne bis zum Fußboden fortgesetzt zu sein, sondern enden da, wo sie sich be- gegnen, bloß in eine abgerundete Spitze. In den Seitenschiffen hingegen ruhen die Gewölberippen auf Säulenstäben, die den an die Pfeiler angelehnten ähnlich sind. Am Gewölbe über dem Hochaltare zeigen sich wieder die bekannten Friedericiani- schen Selbstlaute und die Jahrszahl 1450.

Der Altäre zählt die Kirche neun; sie sind fast sämmt- lich aus Marmor-Arten, die dießseit der Alpen in Kirchen sel- ten von solcher Schönheit gesehen werden; an einigen von ihnen ist der Altartisch aus sogenannter Scagliuola-Arbeit, die man außerhalb Italiens selten findet; er zeigt nämlich eine Art Stein-Mosaik, worin Blumen und breite Linien - Verschlingun- gen, die jenen zur Einfassung dienen, in verschiedenfärbigen Steinarten auf weißem Marmorgrunde zu sehen sind. Auch ihre Gemälde sind, mit wenigen Ausnahmen, nicht ohne Werth.

Der großartige Hochaltar von weißgeflecktem rothen afri- kanischen und französischen Marmor, welcher die ganze Breite des Chors einnimmt, und den hinter ihm gelegenen Raum durch zwei Thüren abschließt, ist mit schönen korinthischen Säu- len, welche broncene Knäufe und Füße haben, und guten Standbildern aus weißem genuesischen Marmor von italieni- schen und deutschen Künstlern reich verziert. Unter einem ge- krönten Baldachin, dessen reiche Gewändung in mehre Knoten geschürzt ist, steht auf einer weiten schön gewölbten Nische zu- [165]oberst der Glaube, unter ihm Hoffnung und Liebe, und da neben Engel, die anbetend der Krönung der heil. Jungfrau Maria durch die heil. Dreifaltigkeit beiwohnen, über welcher Gruppe die eben erwähnte Nische sich wölbt, die gleichsam den hohen von den schon erwähnten acht herrlichen korinthischen Säulen getragenen Giebel des Altars bildet. Auf dem mit Triglyphen und Metopen gezierten hohen Gebälke sitzen die vier Evangelisten, bemüht, das hohe Mysterium, so vor ihrem Auge vorgeht, zu fassen und in die Blätter der Geschichte einzutra- gen. Zwischen den Säulen stehen die Statuen der heil. Bar- bara und Katharina. Ueber jeder der beiden früher erwähn- ten Thüren zeigt sich eine Doppelgruppe von Stammel 1(Einem vaterländischen Bildhauer aus dem Anfange des achtzehnten Jahr- hunderts, der viel bei Johann Jakob Schoy gearbeitet und gelernt hat.): rechts der heilige Franz Borgia mit dem jugendlichen, in ein Pilgergewand gehüllten Stanislaus Kostka zu seinen Füßen, dessen Antlitz ein unbeschreiblicher Liebreiz verklärt, und links der heil. Ignatius, dem knienden heil. Franz Xaver das Evan- gelium darreichend, damit er es den Indianern predige. – Die- ser Altar hat auch ein sehr gutes Bild von Joseph Franz Flu- rer 2(Das Bild ist mit seiner Chiffer J. F. P. (pinxit) bezeichnet; Flurer war auch ein sehr geschickter Zeichner und einer der besseren Schüler Sal- vator Rosa's, in dessen Geist er auch Landschaften malte.), den heil. Einsiedler Aegydius darstellend, der mit verklärtem Antlitze am Ausgange eines Waldes kniet und für die Schar von Gichtbrüchigen betet, welche unter ihm den Vordergrund einnimmt, und einzelne lebensvolle Gestalten sich beigemischt sieht. In der Waldpartie, welche den Hintergrund schließt, beurkundet er sich als einen tüchtigen Schüler Salvator Rosa's.

Zu beiden Seiten des Hochaltars sind an der Kirchen- wand zwei Bilder von gleicher Größe eingerahmt, davon jenes der Epistelseite den noch jugendlichen Kirchenheiligen darstellt, wie er den Armen, die vor ihm knien, seine Kleidung über- gibt, um ihre Blößen damit zu bedecken; das gegenüber ste- hende aber ihn als Einsiedler zeigt, der von einer Hirschkuh begleitet in tiefster Waldeinsamkeit den Fürsten einer heidni- schen Völkerschaft empfängt, welcher sich vor ihm in höchster Ehr- furcht auf die Knie geworfen hat, um mit gegen die Erde ge- beugtem Haupte seinen Segen zu empfangen. Beide Gemälde verrathen den sehr gewandten Pinsel Flurer's, dessen Figuren sich übrigens nicht selten sehr ähnlich sehen.

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An der Kirchenwand der Epistelseite hängt weiter zurück hoch über den Chorstühlen ein geschichtlich interessantes Bild des Joh. Petrus de Pomis, der Hofmaler Herzogs Karl II. war, eines Künstlers, den man sonst nirgend erwähnt findet 1(Er lebte von 1570 – 1633, starb in Grätz und wurde zu Mariahülf be- graben, allwo der Kanzel gegenüber sein Grabstein noch zu sehen ist). Die- ses große Votivbild zeigt zuoberst in der Glorie der Engel den göttlichen Vater und den heil. Geist schwebend über dem welt- erlösenden Sohne, der am Stamme des Kreuzes blutet, dessen Fuß die heil. Magdalena umschlingt. Durch diese Abstufung der drei göttlichen Personen wird das Bild in zwei ganz glei- che und auch durchaus symetrisch geordnete Hälften getheilt. Zur Rechten des Weltheilandes kniet im Vordergrunde auf einem mit Teppichen belegten Betpulte Herzog Karl II., hinter dem der Apostel Petrus steht, der schützend seine gewaltigen Schlüssel über ihn ausstreckt, und neben ihm knien am Bo- den, einer dicht neben und hinter dem andern, sechs Knaben mit inbrünstig gefalteten Händen, worunter sich zwei verstor- bene befinden, die durch ihre weiße Gestalt kenntlich sind. Hin- ter jedem Kinde steht sein Namensheiliger und ein und der andere Schutzengel. Dem herzoglichen Vater zunächst erblickt man den erstgebornen Sohn, Johann Karl, der als angehen- der Jüngling (1619) vom Tode hingerafft wurde; erst auf ihn folgt der nachmalige Kaiser Ferdinand II. Alle Köpfe sind Porträts; alle Gestalten, auch die der Verstorbenen, sind in die spanische Tracht, die Dahingeschiedenen in weiße Gewän- der gekleidet. Ueber den Knienden hält auf jeder Seite ein in der Luft schwebender Engel eine Votivtafel mit derselben In- schrift, nämlich:

Respice quaesumus Domine supra hanc familiam tuam, pro qua Dominus noster Jesus Christus non dubitavit manibus tradi nocentium et crucis subire tormentum 2(Siehe gnädig, so sehen wir, o Herr! auf diese deine Familie herab, für die unser Herr Jesus Christus kein Bedenken getragen hat, den Hän- den der Schuldigen sich überliefern zu lassen und den Tod des Kreuzes zu sterben.).

Auf der gegenüberstehenden Seite kniet in gleicher Weise die Herzoginn Maria vor der Himmelsköniginn, und an sie angereiht neun Töchter, unter denen sich nur eine Verstorbene findet; auch hinter jeder von ihnen erblickt man ihre Schutz- heiligen. Beide Reihen bilden eine gegen den Hintergrund sich zusammenneigende Linie. Es soll von Petrus de Pomis sein. Aus der Inschrifttafel, welche sich am Fuße des Kreuzes be- [167]findet, ersieht man, daß das Bild erst nach dem Tode des Herzogs von der trauernden Witwe gestiftet worden sei. Die Aufschrift dieser Tafel lautet nämlich folgender Massen:

Carolus Austriadum Dux, Bojorumque Maria Haec cum prole Tibi se, pie Christe, sacrant. Tuta tuis alis requies et sanguine sparso, His nive candidior, crescere vita potest. In coelo cum fratre parens, pars altera Matrem Moestam, et juxta aras ilia pignus habet 1(Karl Herzog der Oesterreicher und der Baiern Maria, Weihen sich Dir, o frommer Christus! mit diesen ihren Kindern. Unter Deinen Flügeln und vergossenem Blute ist sichere Ruhe Durch sie kann das Leben, weißer denn Schnee, gedeihen. Im Himmel ist mit dem Bruder der Vater, der andere Theil hat nur Die trauernde Mutter und nächst dem Altare die Eingeweide als Pfand.).

Das Schnitzwerk der Chorstühle und Bücherpulte ist eben nicht von besonderem Werthe. – Zwischen dem Hochaltare und der Kirchenwand führt ein enger Gang von der Gasse in die Sakristei. In ihm sieht man der Eingangsthüre gegenüber den Stein, welcher den Ort bezeichnet, an dem die Eingeweide des Herzogs Karl II. beigesetzt worden sind. Die Stelle der Beisetzung ist mit nachstehender Inschrift versehen:

Anno MDLXXXX obiit Serenissimus Archidux Carolus Austriae xc. cujus Corpus in Secoviensi Ecclesia, Intestina vere hic condita fuere 2(Im Jahre 1590 starb der durchlauchtigste Erzherzog Karl von Oesterreich ꝛc., dessen Leichnam in der Kirche von Seckau, die Eingeweide aber hier beigesetzt wurden.).

Beim Austritte aus dem Chore fällt der Blick zunächst beiderseits auf einen merkwürdigen, auf hohem Marmor-Pie- destale ruhenden Reliquien- Schrein aus Ebenholz, der mit kunstreich eingelegter Elfenbeinarbeit verziert ist, und die Ge- stalt einer antiken Tumba hat. Der auf der Epistelseite (rechts) stehende enthält die irdischen Reste der heiligen Blutzeuginn Marentia und den Arm der heiligen Agatha; der auf der lin- ken Seite des Schiffes angebrachte aber die Leiber der heiligen Märtyrer Martinus und Vincentius. Beide hat Papst Paul V. aus dem Gottesacker der heil. Priscilla in Rom erhoben und dem Erzherzoge Ferdinand II. überschickt, der sie am 7. Mai 1617 hier feierlich beisetzen ließ. Die Schreine sind sowol an der dem Schiffe zugekehrten Hauptfläche, als an der Seite mit Elfen- bein - Basreliefs versehen, welche Darstellungen zeigen, die auf die darin enthaltenen Reliquien gar keinen Bezug haben und ein viel höheres Alter als den Anfang des siebzehnten Jahr- hunderts verrathen, obgleich die beiderseitigen Bilder sich auf- [168]einander beziehen und wechselseitig sich ergänzen. Jeder der selben hat an der Vorderseite drei, ich möchte sagen, religiöse Triumphzüge, auf der dem Chore zugekehrten Seitenwand eine symbolische Thiergestalt und auf der entgegengesetzten Seite eine Art Sinn- oder Wappenbild. Alles dieses ist von zierlich ausgelegten Rahmen eingefaßt, aber leider nicht selten schon so lückenhaft, daß man einzelne Köpfe, Attribute der Gestal- ten u. dgl. m. vermißt.

Der rechte Sarkophag hat dem Chore zunächst an der Seitenwand ein schlankes Reh, über das sich ein von ihm mit den Füßen am Boden festgehaltenes, aber verstümmeltes In- schriftband hinüberwölbt, auf dem die Charaktere durch die er- wähnte Lücke unterbrochen sind 1(Deutlich läßt sich das Wort bider erkennen, dann ist das Schriftband unterbrochen, hierauf folgen wieder einige Charaktere, die ich rakt lese. Es thut mir leid, daß ich, ob der Eile, womit diese Parthie behan- delt werden mußte, keine Zeit gefunden habe, mich der gründlicheren Erforschung dieses und einiger anderer Kunstwerke längere Zeit hin- durch widmen zu können. Nur um Kunstfreunde und Forscher des sin- nigen Mittelalters darauf aufmerksam zu machen, sind diese Schreine ausführlicher beschrieben worden.). – Der nächste Festzug des vordern Theils zeigt einen von Eseln gezogenen und von Lie- besgöttern, die auf jenen reiten, gelenkten Wagen, den römi- sche Krieger mit Waffen und Trophäen umgeben, unter die sich eine auf der Geige spielende Jungfrau und eine ganz nackte beflügelte Frauengestalt mischen. Der Wagen stellt sich in der Gestalt eines Sarkophages dar, den mehre Standbilder in Nischen und anderes Bilderwerk zieren. Obenauf steht ein rundes Gefäß nach Art einer Ara, das mehre sich die Hände reichende Genien umschließen und aus dem Flammen hervor- brechen, denen Amor mit Bogen und Fackel entschwebt; den Hintergrund bildet auf der einen Seite ein mit Hainen be- standener Berg. – Dieses wird von dem nächsten, und so ein jedes Bild von dem andern durch einen hohen auf das Man- nigfaltigste zusammengesetzten Candelaber getrennt. – Das zweite Basrelief enthält einen Wagen, dem ein Einhornpaar vorgespannt ist, und ein Jüngling mit einer Fahne voranschrei- tet; ihn umgeben einzelne Paare, die Eheleute zu sein schei- nen. Auf dem Wagenaufsatze kniet mit auf den Rücken ge- bundenen Händen ein Knabe am Fuße eines Altars, der jetzt fehlt, aber noch als Standbild eine behelmte Jungfrau mit Schild und Siegespalme hat. – Das dritte Bild zeigt den Triumph des Todes, dessen von Büffeln gezogener und mit tanzenden Ge- rippen geschmückter Wagen, auf dem er selbst mit der Sense [169]zu schauen ist, ohne alle Begleitung über Leichen, unter denen man auch ein Königspaar unterscheidet, einsam dahinfährt; einen Theil des Hintergrundes bildet ein Berg, dessen Gehän- ge mit einzelnen Bäumen besetzt und dessen Höhe von einer Stadt eingenommen ist. – Die dem Altare zunächst stehende Seitenwand scheint mit einem Sinnbilde geziert, denn auf ihr sieht man den die Ewigkeit andeutenden Schlangenring, den zwei in hohe Flügel endende Adlerklauen halten, die eine Schelle angehängt haben. – Dieser Schrein enthält am Mar- mor-Piedestale nachstehende Inschrift:

Sancta Martyr Maxentia cum brachio S. Agathae A Paulo V. Pontifice Maximo Ex Coemeterio Priscillae via Salarai Ad Ferdinandum Archiducem transmissa Et in hanc aedem humeris Pontificum Solemniter importata. Anno MDCXVII die VII. Maji 1(Die heilige Märtyrinn Marentia mit dem Arme der heil. Agatha Von Papst Paul V. Aus dem Friedhofe der heil. Priscilla am Salarischen Wege An Erzherzog Ferdinand gesendet Und in dieses Haus auf den Schultern der Hohenpriester Feierlich übertragen Im Jahre 1617 am 7. Mai.).

Der Reliquien- Schrein der linken Seite enthält, dem Seitenaltare zunächst, eine tulpenartige Blume, deren Kelch aber nach Art der Ackerwinde gefaltet ist. Das an diese Sei- tendarstellung zunächst sich anreihende Feld der Vorderseite stellt ein von Elephanten gezogenes Wagengerüste dar, auf dem in einem mit Bildwerk geschmückten Marmorbecken ein Säulen- knauf und auf diesem eine behelmte Jungfrau steht, der aber die Rechte fehlt und die eine lange und gerade Trompete in der Linken hält. Die den Wagen umgebenden Krieger sind nach Art der Germanen in Thierhäute gekleidet, mit Keulen und Schilden bewaffnet. Unter ihnen zeigt sich eine Jungfrau, die ein Menschenhaupt in der Rechten, und ein Jüngling, der eine Sonne hält. – Der nächste mittlere Festzug besteht aus einem von Hirschen gezogenen Wagen, auf dem sich ein in faltenreiche Gewänder gehüllter altehrwürdiger Mann mit lan- gem Barte zeigt, der an Moses erinnert. Das Wagengerüste stellt sich in der Form der Bundeslade dar, das lauter alte jüdisch- morgenländisch gekleidete bärtige Greise zum Theile [170]bloß umgeben, zum Theile aber auch stützen. – Die letzte Vorstellung enthält den von Engelgruppen umgebenen Welt- heiland in den Wolken, die auf einem von Engeln gezogenen und von den Aposteln umgebenen Wagen sich stützen, auf dem auch die Sinnbilder der vier Evangelisten ruhen. – Die dem Chore zugekehrte Seitenwand zeigt ein siebenköpfiges, vierfüßi- ges, beflügeltes Drachenungeheuer, dessen Schuppenleib in einem geringelten Schweif endet. – Die Inschrift am Mar- mor-Piedestale lautet folgender Massen:

Sancti Martyres Martinus et Vincentius A Paulo V. Pontifice maximo Ex Coemeterio Priscillae via Salaria Ad Ferdinandum Archiducem transmissi Et in hanc aedem humeris Pontificum Solemniter importati. Anno MDCXVII die VII. Maji 1(Die heiligen Märtyrer Martin und Vincenz Vom Papste Paul V. Aus dem Friedhofe der heil Priscilla am Salarischen Wege An Erzherzog Ferdinand gesendet Und in dieses Haus auf den Schultern der Hohenpriester Feierlich übertragen. Jm Jahre 1617 am 7. Mai.).

Schade, daß diese höchst interessanten alten Reliquiarien schon theilweise so bedeutend beschädigt sind, indem das Elfen- bein von dem dunkleren bräunlichen Grunde des Ebenholzes an vielen Stellen sich bereits losgelöset hat oder gar abgesprun- gen ist; was man am meisten da bedauern muß, wo an den eben beschriebenen Darstellungen einzelnen Gestalten gerade mehre ihrer charakteristischen Attribute fehlen.

Ihnen zunächst stehen die zwei Hauptseitenaltäre, welche Altarblätter von Petrus de Pomis enthalten. Rechts sieht man den heiligen Ignatius in der Tracht seines Ordens, dem Christus, der das Kreuz auf den Schultern trägt, voranschrei- tet und ihm die Aufschrift des Altars: Veni, sequere me! (Komm, folge mir!) zuzurufen scheint. Im Hintergrunde zei- gen sich einige der öffentlichen Säulen und Tempel Roms, und in der Höhe der himmlische Vater in der Glorie der En- gel, unter denen sich einige trefflich gezeichnete Gestalten und überaus liebliche Köpfe befinden; doch ist, bei allem Lobens- werthen in der Färbung, im Faltenwurfe so viele Härte, und in den Verkürzungen einiger Engel eine so kecke Uebertreibung, [171]daß man an den Werken dieses Meisters niemals eine reine Freude haben kann. – Der gegenüberstehende Altar enthält den englischen Gruß, der aber schon viel gelitten hat. In bei- den Bildern beurkundet sich der Maler zwar als einen Manie- risten, aber zugleich auch als tüchtigen Zeichner und gründli- chen Coloristen, der gute Studien der Natur und Antike ge- macht hat. Beide Altäre haben auch einige gute Statuen aus weißem Marmor.

Neben diesen Altären sind beiderseits an der Kirchenwand Grabdenkmäler angebracht, wovon das der rechten Seite dem am 6. Februar 1635 verstorbenen Mar Breuner, Freiherrn von Stübling, Ehrnau, Kamerstein und Tolmein, der Erb- land- Kämmerer war, gesetzt wurde; jenes der entgegengesetz- ten Seite aber, dem im J. 1631 verstorbenen Sigmund Fried- rich Grafen von Trautmannsdorf, kaiserl. geheimen Rathe und General in Slavonien errichtet, in seiner prunkvollen Breite und Ueberladung eine merkwürdige Probe von Ungeschmack des siebzehnten Jahrhunderts ist. – Einen rührenden Gegen- satz zu ihm bildet der rothe Marmelstein vom J. 1570, wel- cher jetzt am ersten Pfeiler der rechten Seite befestiget ist, und den ritterlichen Freiherrn von Stübling, Fladnitz und Raben- stein, Kaspar Breuner, mit seiner ehrsamen Hausfrau zeigt, die beide, er in voller Rüstung und sie in nonnenartige Ge- wänder züchtig gehüllt, einander gegenüber knien und ihren Blick vertrauensvoll zu Dem emporrichten, der allein Heil brin- gen kann.

In dem Gange, der diesem auch in künstlerischer Hin- sicht nicht uninteressanten Grabdenkmale gegenüber nächst dem rechten Seitenaltare in die Sakristei führt, hängt ein Bild, den kreuztragenden Heiland unter den rohen Händen der Kriegs- knechte, dem Veronika eben das Schweißtuch anbietet, darstel- lend, welches nicht übersehen werden darf, da es von einem tüchtigen Meister ist.

Die Sakristei enthält auch ein und das andere Sehens- werthe an Bildern, Meßgewändern, Kelchen und Monstranzen. Die über einem Betpulte befestigte heil. Magdalena, welche aus der Schule der Caraccis zu sein scheint, verdient, als ein sehr gutes Gemälde, eine nähere Betrachtung. Es enthält ein Brustbild der Heiligen mit einem schönen Antlitz, dem man- nigfaltige Gemüthsbewegungen irdischer Lust und die darob ver- gossenen Thränen der Reue tiefe Spuren eingedrückt haben. Jetzt beseelt holdselige Andacht den Blick, der auf dem vor ihr [172]entfalteten Buche ruht, und die mit heißer Inbrunst an den tief verhüllten Busen gedrückten schönen Hände sprechen deut- lich die Wahrheit der Zerknirschung aus, von dem die ganze Gestalt durchdrungen ist. – Der Kirchenschatz enthält mehre nicht zu übergehende Monstranzen, Kelche und ein Ciborium, die mit Emailbildchen, Edelsteinen und zarter, recht kunstrei- cher Filigranarbeit geschmückt sind.

Von den übrigen zwei Seitenaltären verdient keiner ob seiner Gemälde eine besondere Aufmerksamkeit, wol aber ist an beiden der Altartisch durch seine Florentinische Mosaikarbeit bemerkenswerth.

Dafür ist in den Seitenkapellen ein und das andere Be- achtungswerthe. Die zwei Kapellen der rechten Seite sind mit kleinen Fresken geziert, die von guter Stucco-Arbeit eingefaßt und umgeben sind, haben einige nicht ganz verdienstlose Sta- tuen aus weißem Marmor, und einen Gekreuzigten, der viel Studium der Anatomie des menschlichen Körpers verräth, und außerdem noch durch die schwarzen Haare, die den Kopf um- wallen, auffällt.

Die gegenüberstehenden Seitenkapellen enthalten zwei Al- tarblätter, deren ersteres die Heiligen Sebastian und Rochus, das andere den heil. Franz Xaver zeigt, und die beide von unbekannter Hand, jedenfalls aber von braven Meistern sind. So naturwahr auch auf Letzterem, welches von einem neapolita- nischen Künstler sein soll, das blaße, abgehärmte Gesicht des Heiligen ist, so fühlt man sich denn doch von dem Anblicke der tiefen Schwermuth, welche nichts als Sehnsucht nach Vollen- dung ist, zu sehr ergriffen, als daß man nicht hoch erfreut wäre, sich dafür entschädiget zu sehen durch die obere Gruppe der Madonna mit dem Kinde und einiger musicirenden Engel, die sehr anmuthig sind und durch ihre Lieblichkeit, so wie das ganze Bild durch sein lebhaftes, warmes und doch zugleich so gründ- liches Colorit einen freundlichen Eindruck auf den Beschauer machen.

Endlich darf auch die Kanzel nicht ganz übersehen wer- den, deren Stiege und Eindachung mit mehren gut gehalte- nen Brustbildern von Heiligen verziert sind, welche auch von einem tüchtigen Künstler angefertiget worden sind.

Die sonst noch hier und da in der Kirche am Boden und an den Wänden angebrachten Grabsteine verdienen eben keine nähere Betrachtung, so wichtig sie auch sonst für die Genealo- gie der einheimischen Adelsgeschlechter sein mögen.

[] [] [173]

Der Glocken hat die Kirche sechs, von denen sich fünf in dem großen Thurme befinden. Die größte wiegt über 42 Zent- ner und ist im J. 1826 von dem Grätzer- Glockengießer Jo- hann Feltl gegossen worden, wozu man das Erz der ältesten unter den früheren Glocken benützte; die der Größe nach zweite ist vom J. 1652, eine dritte stammt aus dem Jahre 1651, und die vierte und fünfte goß Florentin Streckenfuchs in den Jahren 1706 und 1710. Diese fünf Glocken wurden im J. 1829 unter der Anleitung des Herrn Anselm Hüttenbrenner ganz kunstgerecht zu einem E Dur Dreiklange in der zwei- ten Versetzung gestimmt. – Die unter der Kirche befindlichen Grüfte sind durchaus keines Besuches werth.

Einige Schritte von der Domkirche entfernt und mit ihr einen engen Durchgang bildend, der im J. 1835 mit großen Kalksteinplatten gepflastert worden ist, erhebt sich auf derselben Terrasse, welche den Dom trägt und zu der sechs und zwan-zig in zwei Abtheilungen übereinander geordnete breite Stein-stufen emporführen,

bb) das Mausoleum Kaiser Ferdinands II.,

ein Prachtgebäude 1(Siehe hierüber des Ignatius Langetl, eines Jesuiten: Mausoleum grac- cense Ferdinandi II. Romanorum Imperatoris etc. Graecii, 1752; allwo sich auch die Hauptfronte abgebildet findet.), an dem der Baumeister durch Anhäu-fung der Massen am Giebel und durch Ueberladung in den Ornamenten einen sprechenden Beweis geliefert hat von dem Mangel an gutem Geschmack, den man der Architektur seiner Zeit mit Recht zum Vorwurfe macht.

Da wo heut zu Tage dieses Prunkgebäude seine Kuppeln und Reichskleinodien gen Himmel erhebt, stand schon in sehr früher Zeit ein bescheidenes, der heil. Katharina geweihtes Kirch- lein, dessen Ursprung Einige 2(Der Grund dieser Vermuthung scheint um so gehaltloser, als Münzen mit dem Bilde des heil. Leopolds noch von K. Max I. geprägt worden sind, wie sich denn Dergleichen auch in der Münzsammlung des Joan- neums vorfinden.), nach den hier bei Erbauung des Mausoleums im Grunde gefundenen Münzen, in die Zeit des Herzogs Leopold des Heiligen versetzen, und das erst im J. 1614 abgebrochen wurde, als Erzherzog Ferdinand II. den Entschluß faßte, an dieser Stelle sich und seiner Familie eine irdische Ruhestätte zu erbauen. Dieses alte Kirchlein wurde den in Grätz im J. 1571 neu eingeführten Jesuiten anfäng- lich zur Verrichtung ihres Gottesdienstes angewiesen. Als im Jahre 1577 Herzog Karl II., die benachbarte Aegydienkirche [174]zur Hofkirche erhob, wurde die Stadtpfarre anfänglich durch einige Zeit in dasselbe übertragen, allein noch in demselben Jahre in das Gotteshaus zum heiligen Blut am Judenwege verlegt.

In diesem kaum noch zur Hälfte vollendeten Todtenhause, das seine Ausschmückung (1689) Kaiser Leopold I. verdankt, das aber erst im J. 1714 unter K. Karl VI. von dem Fürst bischofe von Seckau, Joseph Dominik Grafen von Lamberg, als Kirche eingeweiht wurde, fand der Leichnam der am 8. März 1616 zu Grätz verschiedenen ersten Gemahlinn des Er- bauers, Maria Anna, der Tochter des Herzogs von Baiern, seine Ruhestatt; auch das Herz des in demselben Jahre hier ver- storbenen Erzherzogs Max Ernest, eines Bruders Kaiser Ferdi- nands II., wurde hier beigesetzt. Dieselbe Gruft nahm ebenfalls den am 26. December 1619 verstorbenen vierzehnjährigen erst- gebornen Sohn Ferdinands II., den Erzherzog Johann Karl, auf. Als hierauf auch Kaiser Ferdinand II. am 15. Februar 1637 zu Wien das Zeitliche gesegnet hatte, wurde sein Leich- nam ebenfalls nach Grätz übertragen und am 15. Tage des Monats März in der ersten Stunde der Nacht in dem von ihm erbauten Gotteshause feierlich beigesetzt. Noch im nämli- chen Jahre kam seine Witwe Eleonora Gonzaga, die Tochter des Herzogs Vincenz I. von Mantua, aus Wien nach Grätz, um ihre Tage in der Nähe der irdischen Ueberreste ihres kai- serlichen Gemahls zu beschließen.

Von da an blieben die geweihten Räume dieser kaiserli- chen Begräbnißstätte anderen Familiengliedern des Kaiserhau- ses bis zur Aufhebung der Kirche und des Klosters zu Allen- heiligen im Paradeis verschlossen, zu welcher Zeit der Körper der Erzherzoginn Maria, Gemahlinn Herzogs Karl II., und die Herzen des Kaisers und dieser seiner Mutter auch hieher über- tragen wurden. In der darauf folgenden Zeit öffnete sich die kaiserliche Gruft nur im Juni des Jahres 1805 wieder, um die irdischen Reste der unglücklichen, am 2. Juni in Grätz verstorbenen Prinzessinn Maria Theresia, Gräfinn von Artois, der Tochter des Königs Victor Amadeus III. von Savoyen und Mutter des Herzogs von Angouleme, aufzunehmen.

Nach dem Verlaufe vieler Jahre, während welcher dieser geweihte Raum sich nur dem Reisenden auf Verlangen 1(Diese haben, wenn sie das Innere des Mausoleums zu besehen gedenken, mittelst des an der hinteren Thüre des Gebaudes angebrachten Glo- ckenzuges den Küster herbei zu rufen oder sich an den Ober- Meßner im Pfarrhofe Nr. 5 zur ebenen Erde und rechten Hand zu wenden.) öff- [175]nete, dem gesammten Publikum aber jährlich nur einmal, nämlich in den letzten Tagen der Charwoche offen stand, an welchen hier das heilige Grab errichtet wird, ließ die Regie- rung im J. 1835 auf Anregung Sr. Excellenz des Herrn Landes-Gouverneurs Grafen von Wickenburg das ganze Ge- bäude von Außen repariren und auch im Innern durch den Maler Uetz die Fresken und die Stuccatur-Arbeit reinigen und ausbessern.

Die gegen Sonnenuntergang gekehrte Fronte enthält die um sieben Stufen erhöhte Eingangsthüre, welche zwischen ionischen Halbsäulen, die ein schweres Architrav tragen, steht, und gleich der ganzen überreich verzierten Giebelseite durch das stark ausgeladene Gebälke, die doppelt übereinander gestellten Giebel und Kreisabschnitte dem Ganzen das Ansehen von Schwerfälligkeit und Ueberladung gewähren. In den Säulen- zwischenräumen (Intercolumnien) sind unten Mauerblenden, welche auf Kupfer gemalte Scenen aus dem Leben der Hei- ligen, der das Gebäude geweiht ist, enthalten, nämlich rechts die Zertrümmerung des zum Rädern bestimmten Werkzeugs durch den Blitz, und links die heldenmüthige Weigerung der Heiligen, den falschen Göttern zu opfern; und darüber Ni- schen eingetieft, in denen die Standbilder Katharinens und eines Kriegers angebracht sind. Blumen- und Früchtegewinde, und beflügelte Engelsköpfe bilden die Ornamente über den Fenstern und Thüren. Ueber dem Gebälke der Eingangsthüre kündet die Aufschrift:

Caesareum Mausoleum Divi Ferdinandi II. Rom. Imperatoris Catharinae V. et M. sacrum 1(Das kaiserliche Grabmal des seligen Ferdinands II. röm. Kaisers, Der heil. Jungfrau und Märtyrinn Katharina geweiht.)

die Bestimmung des Gebäudes an, auf dessen kaiserlichen Tod- ten auch die stark vergoldeten colossalen Reichsinsignien hinwei- sen, welche dem Thurme und den beiden Kuppeln zum Auf-saze dienen, von denen der Adler zugleich auch zur Windfahne bestimmt ist. Zuoberst am Giebel der Hauptfacade steht die Statue der heil. Katharina und auf jeder Seite ein Engel, einen Siegerkranz in der hoch erhobenen Hand haltend.

Während die Giebelseite an den früher erwähnten Feh-lern leidet, zeichnet den übrigen Theil des Gebäudes mehr Einfachheit und eine viel edlere Zeichnung aus, die das Auge [176]recht angenehm ansprechen. Rings um denselben sind in glei- chen Abständen, den Halbsäulen der Hauptfacade ähnliche Wandpfeiler ionischer Ordnung, deren Kapitäler ebenfalls durch Früchteguirlanden bereichert sind, nebstdem noch an geeigne- ten Orten auch an Bändern hängende wappenlose Schilde und geflügelte Engelsköpfchen angebracht. – An der Evangelien- seite tritt, der Domkirche zunächst, eine kapellenartige Vorlage als kurzer Kreuzesarm, der über dem Gesimse einen hohen Mauerhalbkreis als Giebel hat, über die Hauptwand der Kir- che heraus; und auf der entgegengesetzten Seite schließt sich an das Hauptgebäude eine kreisrunde, gleich diesem von einer Kuppel eingedeckte, umfangsreiche Kapelle an, welche den an- dern Arm des Kreuzes gegen Süden bedeutend verlängert und dem Ganzen eine unregelmäßige Gestalt gibt. – Auf der dem Eingange entgegengesetzten Seite endlich bildet der runde Thurm eine halbkreisförmige Ausladung, welche aus der Hauptmauer hervortretend die Treppe enthält, die in die Wohnung eines Kirchendieners emporführt, und zugleich von Außen die Stelle bezeichnet, der zunächst im Innern der Hauptaltar steht. Der Thurm erhebt sich in drei Stockwerken, deren jedes auf das einfachste und schönste durch ein Gebälke und geflügelte Che- rubim ausgeschmückt ist, und trägt gleich der Seitenkuppel eine glockenförmige durch eine Laterne gekrönte Eindachung 1(Eine dem Werke beigegebene Abbildung versinnlicht dem Leser diesen kai- serlichen Bau.).

Dem Aeußern entspricht das Innere 2(Das Hauptschiff ist im Innern 13 Klafter Fuß lang und 4 Klafter breit, die beiden Kreuzesarme 5 Klafter 5 Fuß lang und 4 Klafter 6 Zoll breit, und das Ganze hat ein Flächenmaß von 78 Klafter 2 Schuh und 11 Zoll, so daß es 628 Menschen aufnehmen kann.). Es zeigt die Form eines lateinischen Kreuzes, an dessen rechten Arm sich eine weite runde Halle anschließt. Gleich beim Eintritte ver- setzt der Anblick des großen von Bänken ganz freien Raumes und des in weißem und schwarzem Marmor getäfelten Fuß- bodens das Gemüth in jene ernste, feierliche Stimmung, wel- che ganz der Behausung der Todten angemessen ist. Sowol das hoch geschwungene Tonnengewölbe des Schiffes, als auch die Kuppeln und Schwibbögen bedeckt künstlich gearbeiteter Stucco, der zahlreiche kleine und größere Fresken einschließt, die symbolische Darstellungen der Tugenden und Thaten des Kaisers Leopold I., darauf sich beziehende Inschriften und Wappen der österreichischen Provinzen enthalten, oder Grup- pen von Genien und Engeln, oder endlich Blumen- und [177]Früchte-Guirlanden darstellt. Doch steht alles, was diese Kir- che umschließt, vom Kleinsten bis zum Größten, in einem in- nigen Zusammenhange und bildet gleichsam eine Apotheose des habsburgisch-österreichischen Regentenhauses, besonders aber Ferdinands II. und Leopolds I.

Ueber der Eingangsthüre ist ein Musikchor mit einer Orgel, in derem Balustrade sich das Wappen des Dietrichstein'- schen Geschlechtes zeigt, zum Andenken an den einflußreichen Kardinal Franz Grafen von Dietrichstein, Bischof von Olmütz, der K. Ferdinands II. getreuer Rath und Gehülfe in seinem Kampfe gegen die böhmischen und mährischen Stände und ge- gen den Protestantismus war. An der dahinter liegenden Wand sind nachstehende zwei Inschriften zu lesen:

Quae fore praedixit fido Stredonius 1(Martinus Stredonius, ein Schlesier, trat im J. 1608 in den Jesuiten Orden, zeichnete sich durch seine große Frömmigkeit aus, verkündete schon unter K Ferdinand III., mithin viele Jahre vor dem Regierungs- antritte K. Leopold I., die glücklichen Ereignisse, welche seine Regierung später auszeichneten, und starb zu Brünn am 26. August des J. 1649. Er studierte auch in Grätz. S. Joannis Drews ex Soc. Jesu: Fasti Societatis Jesu etc. Pars III. Pragae 1750 pag... 242 und Joan. Schmidl's ex Soc. Jesu: Histor. Soc. Jesu provinc. Bohemiae. Pars II. Pragae, 1749, pag. 485.) ore Picta Leopoldi Caesaris acta vides 2(Alle von Stredonius mit verläßlichem Munde vorhergesagten Thaten des Kaisers Leopold siehst Du hier abgebildet.)

und darunter das die Jahreszahl 1686 ausdrückende Chrono- graphicon:

FERDINANDVS SVA BENIGNITATE EREXIT LEOPOLDVS GLORIOSE ORNAVIT 3(Ferdinand in seiner Freigebigkeit hat's erbaut Leopold rühmlichst ausgeschmückt).

Etwas tiefer ist ein neueres Chronographicon mit der Jahreszahl 1834:

ELAPSIS DVCENTIS ANNIS FERDINANDVS CAESAR GLORIOSE VIVENS ORNARI IVSSIT 4(Nach Ablauf von zweihundert Jahren ließ Kaiser Ferdinand Ruhmvoll lebend es schmücken (wiederherstellen).).

Das Tonnengewölbe über dem Schiffe ist durch eine Reihe von allegorischen Darstellungen ausgeschmückt, die sämmtlich auf K. Leopolds I. Regierung Bezug haben. – Die Mitte des Gewölbes zeigt der Reihe nach folgende Fresken und zwar von der Thüre gegen das Kreuz zu, jener zunächst: Zwei Säulen, welche die darauf ruhende Mondsichel verbindet und an deren Fuß beiderseits ein gefesselter Türke sitzt; darüber schwebt der [178]Blitze schleudernde österreichische Adler; daneben ein von nie- drigen Mauern umfangener Garten voll Blumen, welche die Winde nach allen Richtungen hin aufwühlen, und darüber die Inschrift: Fulminat exaltis et hiant fastigia portae. (Es wettert aus der Höhe und es öffnen sich die Giebel der Pforte.) – Das große Bild der Mitte zeigt hoch in den Wolken die Re- ligion auf einem von Adlern gezogenen Wagen, das in einem strahlenden Stern eingeschlossene Bildniß K. Leopolds I. hal- tend; darunter die Belagerung Wiens 1(Belagert von den Türken 1633, entsetzt durch Johann III., Sobiesky, König von Pohlen, am 12. September des nämlichen Jahres.) mit der Aussicht auf den Kahlen- und Leopoldsberg, und im tiefer gelegenen Vor- grunde die fliehenden Türken, welche von Rittern geschlagen werden. Die Aufschrift besagt: Cum te consumptam puta veris, orieris ut Lucifer. (Wenn du dich bereits für vernich- tet halten wirst, dann wirst du erst gleich dem Morgensterne wiederaufgehen.) – Die dritte Darstellung zerfällt in zwei Allegorien: die rechte Seite enthält einen Lorbeerbaum mit dem österreichischen Wappen, dessen Stamm eine Menge auf- gerichteter, züngelnder Nattern umgeben; auf sie fallen von dem der Sonne entgegen fliegenden Adler einzelne seiner Fe- dern herab; darüber die Inschrift: Renovata Juventus. (Die erneuerte Jugend.) Auf der linken Seite des Bildes entquillt einem Felsen klares Wasser, das in ein Becken fällt; zunächst dem Quell stehen die Worte: Inde Antidotum (von da das Gegengift), und unten am Boden des Bassins: unde vene- num (von wo das Gift).

Dem Eintretenden zur Rechten bedecken den gegen die Hauptmauer sich herabsenkenden Theil des Gewölbes vier Fres- ken, und eben so viele gewahrt man auch zur Linken. Dort ist der Thüre zunächst ein Springbrunnen zu sehen, dessen rei- cher Wasserstrahl eine Kugel, worauf die Buchstaben A. E. I. O. U. sich zeigen, senkrecht in die Höhe treibt, über dem die Kaiserkrone schwebt und die Worte angebracht sind: Austriaci globus imperii statfonte perenni. (Die Kugel der öster- reichischen Herrschaft ruht auf einem nie versiegenden Quell.) – Darauf folgt Phöbus auf einem Zweigespann daherfahrend, dessen Strahlen im Meere schwimmende Muscheln sich öffnen und auf dem Lande Sonnenblumen zuwenden, mit der Ueber- schrift: Aut sponte autjussa sequuntur. (Sie folgen frei- willig oder gezwungen.) – Das dritte Bild enthält den durch [179]Krone und Schild als den österreichischen bezeichneten Löwen, der triumphirend auf erlegtem Raubwilde fußt; über ihm ragen aus den Wolken zwei Hände heraus, deren eine ein Schwert, die andere das Scepter hält, und die zugleich die von Lorbeer zweigen umsponnene Kaiserkrone in ähnlichen Zweigen in der Schwebe erhalten, darüber die Worte: Sic Rex Leo victor in hostes. (So ist der königliche Löwe Sieger über seine Feinde.) – Dem rechten Seitenarme zunächst zeigt sich im vierten Bilde ein Hain, dessen Bäume oben zwei aus den Wolken ragende Hände theilen, so daß man im Hintergrunde des Waldes die von wilden Thieren begleitete Furie der Kabale gewahrt. Am Eingange in den Forst zeigt sich Oesterreich, den mit Krone und Wappenschild als den österreichischen bezeichneten Löwen einführend; eine Nymphe oder Orpheus spielt weiter zurück Loblieder auf ihrer Zitter; oben das Motto: Fraudum pan det Fiducia scenam. (Das Vertrauen eröffnet auch den Schau- platz der Ränke.) Höchst wahrscheinlich eine Anspielung auf die bekannte ungarische Verschwörung des Zrinyi, Nädasdy und Frangipani.

Längs der linken Seite der Wölbung sind folgende Sinn- bilder: Zunächst der Thüre befindet sich ein stattliches Gebäu- de, welches die kaiserliche Burg in Wien zu sein scheint, mit zwei Flügeln und dem kaiserlichen Adler am Thore des mitt- leren Theils; vor demselben stehen zwei Säulen mit Statuen, auf deren einer zu lesen ist: Jos. Ung. Reg. (Joseph dem König von Ungarn) und auf der andern: Car. Arch. Austr. (Karl, Erzherzog von Oesterreich); Inschriften, davon die eine auf den älteren, die andere auf des Kaisers Leopold I. jün- geren Sohn sich beziehen. Ueber dem Gebäude fliegt der öster- reichische Adler, der ein Buch in seinen Klauen hält. Als Auf- schrift lieset man die Worte: Multiplicis stat firma domus munimine prolis. (Das Haus steht fest durch den Schutz sei- ner vielfältigen Nachkommenschaft.) – Auf dem zweiten Bilde betrachten Oesterreich und Deutschland durch ein Fernrohr die Gestirne am Himmel, allwo die Sonne durch den Schatten, welchen der von einem besternten Adler getragene und mit dem Buchstaben L. (Leopold) geschmückte österreichische Wappenschild wirft, den Mond verfinstert, worüber die unten stehenden Tür- ken ihr Antlitz bedecken. Die Ueberschrift lautet: Haec lumen ademit. (Dieser benimmt ihm das Licht.) – Im nächsten Bil- de treibt das Schiff Oesterreichs auf den empörten Wogen, wel- che von den Winden mächtig aufgeregt werden, dessen Mann- [180]schaft aber unverwandten Blickes nach dem Sterne der h. Jung- frau Maria emporschaut; am Ufer zeigt sich ein mit Fahnen und Wappenschilden gezierter fester Thurm. Oben stehen die Worte: Intentant omnia mortem. (Alles bedroht es mit dem Tode.) – Die vierte Darstellung enthält eine im Bogen ge- krümmte und dadurch mit einem Lorbeerbaume verbundene Cy- presse, unter deren Wölbung man die Worte lieset: Detur foecundissimae, (man gebe es der Fruchtbarsten,) und Hy- menäus, den Gott der Hochzeit, sieht, der eine brennende Fa- ckel und einen Granatapfel hält. Ueber den Bäumen schwebt die österreichische Kaiserkrone, am Fuße des Lorbeerbaumes wü- thet ein Löwe. Die Aufschrift heißt: Austriacovos Sydera coelo (ihr Gestirne am österreichischen Himmel.) 1(Um dem Vorwurfe zu begegnen, unpassende Ausdrücke gebraucht zu ha- ben, diene hier zur Berichtigung die Bemerkung: daß die Ausdrücke: "Oesterreichische Kaiserkrone," "österreichische Kaiser" u. dgl. m. der früher angeführten Beschreibung des Mausoleums Langetl's vom Jahre 1732 entnommen sind.).

Am Ausgange des Schiffes wölbt sich die zierliche Kup- pel über dem Schlusse des Kreuzes. Auch sie ist durch erhabene Stuccatur-Arbeit reich verziert. In der Trommel der Kup- pel sind die Büsten der Kaiser aus dem habsburgischen Hause und unter jedem sein Name, ein Sinnbild und sein Wahl- spruch angebracht. Unter K. Rudolph I. (erwählt 1273–1291) eine gewappnete Hand, einen Oelzweig und eine Keule hal- tend und der Spruch: Utrum libet (welches von beiden be- liebt!); unter K. Albrecht I. (1298 – 1308) eine mit der Lanze bewaffnete Hand und die Worte: Tolle moras (ent- ferne jeden Verzug); unterhalb K. Friedrichs III. (1314– 1330) der untere Theil einer Herkules-Statue mit dem Motto: Adhuc stat (sie steht noch); bei Albrecht II. (1438–1439) eine Waffen- Trophäe mit dem Spruche: Fugam victoria nescit (der Sieg kennt keine Flucht); nächst Friedrich IV. (1440 – 1493) eine gewappnete und mit einem Schwerte bewaffnete Hand über einem Buche, seitwärts zeigt sich eine größere Büchersammlung und oben der Wahlspruch: Hic re- git, ille tuetur (dieses leitet, jener beschützt); unter Kaiser Max I. (1493–1519) ein Rad, auf dessen höchster Stelle ein Reichsapfel ruht und das Motto: Post tot discrimina (nach so vielen Wechselfällen); Karl V. zunächst (1519 – 1558) die beiden durch die Kaiserkrone verbundenen Herkules- Säulen, zwischen denen sich ein fliegender Adler zeigt, darüber die Worte: Plus ultra (noch weiter hinaus); endlich unter [181]K. Ferdinand I. (1558 – 1564) ist die Erdkugel, worauf vier Fahnen mit eben so vielen Adlern und darüber die Kai- serkrone, als Inschrift lieset man: Christo duce (unter der Anführung Christi).

An den vier Seiten über den Bögen des Kreuzes, welche die Kuppel tragen, sieht man den kaiserlichen Adler, dann das ungarische, österreichische und steierische Wappen, so wie in den durch die Berührung der Bögen entstehenden Winkeln die Wap- pen der übrigen österreichischen und ungarischen Erbländer und die Brustbilder K. Maximilians II. (1564–1576) mit einem Adler, welcher die Erdkugel hält, und der Aufschrift: Deus providebit (Gott wird fürsehen); Rudolphs II. (1576 – 1612), unter dem das Himmelszeichen des Steinbocks die Himmelskugel trägt, seitwärts ein fliegender Adler und oben die Worte: Fulget Caesaris astrum (es leuchtet des Kaisers Gestirn); K. Mathias (1612 – 1619) mit einem Kranich, der einen Stein in dem erhobenen Fuß hält, und dem Motto: Firmat victoria curam (der Sieg befestigt die Sorg- falt), und Ferdinands II., unter dem sich eine schwebende Krone zeigt, in der ein Palm- und ein Lorbeerzweig kreuzweise gestellt stecken, mit der Aufschrift: Legitime certantibus (den rechtmäßig Kämpfenden).

Dem Eintretenden gegenüber befindet sich der Hauptal-tar mit der aus Holz geschnitzten vergoldeten Statue der heil. Katharina. Die halbkugelförmige Wölbung der Altarnische, welche darüber liegt, ist durch ein Frescobild geschmückt, wel- ches die Vermählung der heil. Katharina darstellt. Der linke kurze Kreuzesarm hat ein gutes Altarblatt von Antonio Bel- lucci 1(War 1654 zu Pieve di Soligo im Trevisanischen geboren , Hofmaler der Kaiser Joseph I. und Karls VI., starb in seinem Geburtsorte im J. 1726.), das aber bereits theilweise stark nachgedunkelt hat und auch nicht am besten beleuchtet ist. Es stellt die Erlösung von der Erbsünde mit ihrem Gefolge, dem Tode, dar. Aus der Höhe schreitet nämlich die unbefleckte Himmelsköniginn liebevoll und mild, von Engeln umgeben und gestützt, der Erdkugel entgegen, welche in düstere Finsterniß begraben in der Tiefe ruht. Auf ihr zeigt sich nur das gefesselte erste Menschenpaar und der uner- bittliche Tod, der nach ihm seine Knochenhände ausstreckt. Eva, den durch das Bewußtsein der Sünde vernichteten Adam in ihrem Schooße, kniet mit reuig vor die Brust gedrückten Hän- den als die Hauptperson dessen, was auf der Erde vorgeht, im [182]vollsten Lichte und schaut Erbarmung flehend nach Oben, von wo sie Erlösung hofft. Das Bild macht einen guten Effect.

Am Gewölbe über diesem Altare zeigt sich ebenfalls eine allegorische Darstellung. Die ungarische Krone ruht nämlich von einem Greifen bewacht am Boden und ist mit Dornengebüsch ganz überdeckt, ängstlich schwebt darüber der Adler, welcher den österreichischen Wappenschild mit dem Buchstaben L. (Leo- pold) in den Klauen hält, und die Ueberschrift: Dubio non absque labore (nicht ohne ungewisser Bemühung). An der Seitenwand enthält eine Nische die Büste K. Ferdinands III. (1637 – 57), worunter eine Wage mit gekreuztem Scepter und Schwert, in deren Mitte das Kreuz steht und die Auf- schrift: Firmamentum regnorum (die Stütze der Königrei- che) zu sehen ist. Hierdurch wird auf Emerich Tököly hinge- deutet, der im J. 1682 gegen Leopold I. von Sultan Mo- hammed IV. zum Könige von Ungarn erklärt wurde.

Im rechten Kreuzesarme gewahrt man an der Wölbung den österreichischen Adler, welcher bereits die Königskrone hat, die er gegen Himmel führt, wo die Worte: Auxilio Domini (mit Hülfe des Herrn) zu lesen sind. Die dem Hochaltare zunächst gelegene Wand enthält in der Höhe das Brustbild des K. Leopolds I. (1657 – 1705); unter ihm den doppelköpfigen gekrönten Adler, in der einen Klaue das Scepter und in der anderen das Schwert haltend, mit der Ueberschrift: Consilio et Industria (durch Rath und Bemühung).

Der Eingang in die kreisrunde, von einer zierlichen Kup- pel überwölbte Seitenhalle des rechten Armes ist durch das Chronographicon:

FERDINANDVS SECVNDVS PIE VIXIT PIE OBIIT 1(Ferdinand der Zweite lebte fromm und starb fromm.)

bezeichnet, welches das Jahr 1637, das Todesjahr des Kaisers, ausdrückt. Sie enthält, außer dem heiligen Grabe der Oster- woche, das die Mitte der hellerleuchteten Halle einnimmt, drei kleine gemauerte Altartische, auf deren rechtem ein sehr gutes Altarblatt lehnt, welches von Fl. Wagenschön 2(F. X. Wagenschön, geb. zu Wien am 2. Sept. 1726, Mitglied der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien.) und zwar vom J. 1766 ist und den heil. Ignatius darstellt, der in priester- licher Kleidung von Engeln gegen Himmel getragen wird. Auf der Brust ruht ihm der strahlende Name Jesu, von dem ver- nichtende Blitze auf die zu Boden geschmetterte Ketzerei herab- [183]fahren. Darstellungen ähnlichen Inhalts enthalten auch die Fresken der Kuppel, welche außer mehren Scenen aus dem Le- ben Jesu, bald Ferdinand II. vor dem Kruzifixe, welches die bekannten Worte: „Ferdinand, ich werde dich nicht verlassen!" gesprochen haben soll, kniend; dann wieder wie er von der Re- ligion angefeuert die Ketzerei entlarvt, endlich ihn über sie trium- phirend zeigen u. dgl. m. – Diese Kapelle enthält auch den Eingang in die Gruft, in deren dämmernde Räume man rechts auf einer Steinstiege hinabsteigt. Noch ehe man den marmor- gepflasterten Fußboden der Gruft erreicht, die nur durch zwei kleine Fensteröffnungen dürftig erleuchtet wird, betritt man eine der vier großen Mauernischen, welche im Kreuze sich gegenüber stehen, und deren nördliche ihr als Vorhalle dient, und gewahrt eine Marmortafel, welche der Herzog von Angouleme im J. 1839 an die Stelle der früheren Bleiplatte zur Bezeichnung der Stelle setzen ließ, wo der Leichnam seiner Mutter, der Gräfinn von Artois, eingemauert ist. Die Inschrift derselben lautet:

Hic jacet Corpus serenissimae >Mariae Theresiae Principissae Sabaudiae Comitissae Artesiae Quae IIa. Junii Anno MDCCCV. In Domino quievit Graecii in Styria Aetatis suae Anno IL. mens. IV. dier. III. R. I. P. 1(Hier ruht der Körper der durchlauchtigsten Mariä Theresia, Prinzessinn von Savoyen, Gräfinn von Artois, Welche am 2. Juni des J. 1805 in den Herrn entschlief zu Grätz in Steiermark 49 Jahre 4 Mon. 3 Tage alt. Sie ruhe in Frieden.).

Die linke Nische der Gruft enthält in einer durch ein Eisengitter verschlossenen tiefen Mauerblende sieben kupferne Gefäße, welche einst die Herzen des Kaisers Ferdinand II., seiner ersten Gemahlinn, seines erstgebornen Sohnes, des Erz- herzogs Max Ernest ꝛc. enthielten, jetzt aber längst leer sind, da hier und am Sarge vordem viel Frevel an den Todten ver- übt wurde. Hier befand sich sonst auch das Herz der Gräfinn von Artois, das aber auf Ansuchen des Herzogs von Angou- leme, ihres Sohnes, im J. 1839 mit Einwilligung der Re- [184]gierung von hier nach Neapel geführt und dort in der Kirche der heil. Katharina beigesetzt wurde, weil man erst um diese Zeit ein von ihr hinterlassenes Papier gefunden hatte, welches diesen Wunsch aussprach.

Dem Eintretenden gegenüber enthält die Nische einen einfachen Altartisch, neben dem links die Grabstätte des Kai- sers sich befindet. Zwei schwarze Marmorplatten bezeichnen an der Wand der Gruft den Ort, wo sein Leichnam eingemauert ist. Die obere der beiden Platten enthält die Worte:

Divus Ferdinandus II. Roman. Imperator, Vitae et armorum sanctitate clarus IX. Julii Anno Christi MDLXXVIII Graecii mortalem vitam auspicatus; Finiit Viennae Exuvias suas hic locavit In patria mortali Postquam ad immortalitatem transiit, XV. Februarii Anno Christi MDCXXXVII 1(Der selige Kaiser Ferdinand II. durch die Heiligkeit des Lebens und der Waffen berühmt, am 9. Juli des Jahres Christi 1578 begann er zu Grätz das irdische Leben; vollendete es zu Wien, Seine Hülle hier beisetzend im irdischen Vaterlande nachdem er zur Unsterblichkeit übergegangen, am 15. Februar im Jahre Christi 1637.).

die untere hingegen den Spruch des Psalmisten:

Semen ejus haereditabit terram. Psal. 2(Sein Same wird das Land besitzen.).

Auf der entgegengesetzten Seite des Altars zeigen sich ebenfalls zwei ähnliche Platten, deren obere die Grabstätte der Erzherzoginn Maria Anna, ersten Gemahlinn des Kaisers, durch nachstehende Inschrift bezeichnet:

Maria Anna Bavariae Dux Ferdinandi Archiducis Austriae Conjux lectissima Quam Pietas, Clementia, Modestia Fecissent immortalem Nisi mortales essemus. Obiit die VIII. Martii Anno Christi MDCXVI. Annos nata XXXI Menses III 3(Maria Anna, Herzoginn von Baiern, Ferdinand, Erzherzogs von Oesterreich, auserlesenste Gattinn, Welche Frömmigkeit, Sanftmuth, Bescheidenheit Unsterblich gemacht hätten, Wenn wir nicht sterblich wären. Sie starb den 8. März im J. Christi 1616 31 Jahre und 3 Monate alt.). [185]

die untere aber den Worten des Psalmisten gewidmet ist:

Anima ejus in bonis demorabitur. Psalm. 25 1(Ihre Seele wird im Guten wohnen.).

Der Stiege, die von oben herabführt, zunächst künden rechts zwei eben so bescheidene Steinplatten das Grabmal des erstgebornen Sohnes Ferdinands II. und Mariä Annens in folgender Weise an:

Joannes Carolus, Archidux Austriae, Imperatoris Ferdinandi II. Et Mariae Annae Filius; Utriusque virtutum haeres. In flore juventutis obiit; Et meritis maturus Natus est coelo Postridie natalis domini, Anno Christi MDCXIX Aetatis suae XIV 2(Johann Karl, Erzherzog von Oesterreich, Kaiser Ferdinands II. Und Mariä Annens Sohn Beider Tugenden Erbe Starb in der Blüthe der Jugend Und wurde, reif an Verdiensten, Dem Himmel geboren Am Tage nach der Geburt des Herrn Im Jahre Christi 1619 Im 14. Jahre seines Alters.).

Die untere Tafel enthält nachstehenden Spruch:

Consummatus in brevi Explevit tempora multa. 3(Vollendet in Kürze Erfüllte er der Zeiten viele.)

Bezeichnend sind noch die vier Bibelstellen, welche über den vier Nischen der Kapelle stehen, und sich auf die darüber angebrachten Fresken beziehen, nämlich über der Eintrittshalle der Welterlöser, welcher die Todten erweckt mit den Worten: Omnes, qui in monumentis sunt, audient vocem filii Dei. Joan. 5. v. 28. (alle, die in den Gräbern sind, wer- den die Stimme des Sohnes Gottes hören); über der Al- tarnische steht unter dem siegenden Welterlöser: Ecce! vicit Leo de Tribu Juda. Apoc. 5. (siehe es hat überwunden der Löwe, der da ist vom Geschlechte Juda); rechts wird Elias im feurigen Wagen entführt, der Spruch: Receptus est in turbine ignis. Eccl. 5. (er wurde hinweggenommen im feurigen Winde), und links Henoch von dem Herrn der Erde entrückt, darunter die Stelle: Et ambulavit Henoch cum Deo. Gen. 5. (und es wandelte Henoch mit Gott).

[186]

Die Mitte der Gruft nimmt ein an der Seite mit Tod-tenköpfen ausgeschmückter Sarcophag aus rothem spiegelblank polirten Marmor ein, der aus der Kirche der Clarissinnen zu Allenheiligen im Paradeis nach Aufhebung ihres Klosters hier her übertragen wurde. Auf seinem Deckel ruhen die kolossalen ernsten Gestalten des Erzherzogs Karl II. und seiner Gattinn Maria von Baiern; er in voller Rüstung ohne Helm und sie in faltenreiche Unter- und Obergewänder gehüllt. Dieser Sarco- phag schloß einst in kupfernem Sarge den Leichnam der letzteren Erzherzoginn ein, von dem aber jetzt fast nichts mehr übrig ist, wie man unter dem etwas verschobenen Steindeckel ersehen kann.

cc) Die Stadtpfarrkirche zum heil. Blut

liegt am Anfange der Herrengasse und gehörte einst zu einem Dominikanerkloster, das im J. 1466 Kaiser Friedrich IV. am Judenwege nächst der kurz vorher erbauten Kapelle zum heil. Blute gegründet hatte. In diesem Jahre wurde auch der Bau der Kirche unter dem Prior des neuen Klosters P. Alerius Bu- zel begonnen, und höchst wahrscheinlich an die ältere Kapelle so angeschlossen, daß diese einen Theil, vielleicht das noch beste- hende Nebenschiff, desselben bildete. Im J. 1585 1(Darnach ist S. 174 die zweite Zeile von oben zu berichtigen.) wurde die- ses Gotteshaus zur Stadtpfarrkirche erhoben und vier Jahre dar- nach das Kloster auf Befehl des Erzherzogs Karl II. von dem Predigerorden geräumt, der beauftragt wurde, in die Murvor- stadt zu übersiedeln und alldort sich an der dem heil. Andreas geweihten Kirche ein neues Kloster zu erbauen. Der Rector des Jesuiten - Collegiums bei St. Aegyden erhielt die Befugniß vom Herzoge, den jeweiligen Stadtpfarrer, der zugleich Erz- priester im Viertel Vorau war, zu ernennen. – Bei dem gro- ßen Aufstande, welcher im J. 1590 wegen Einsetzung zweier katholischen Rathsherren in Abwesenheit des Erzherzogs Karl II. ausbrach, wobei das protestantisch gesinnte Volk auch gegen die katholische Geistlichkeit wüthete, flüchtete sich der päpstliche Nuntius Malaspina hierher, allwo er alles Suchens ungeach- tet nicht aufgefunden werden konnte. – Im J. 1781 wurde diese Kirchemit einer neuen Façade und einem sehr schönen Thurme versehen. Der jeweilige Stadtpfarrer wurde im J. 1791 zum infulirten Propste erhoben, der jederzeit Prälat und Landstand, zugleich aber auch im Genusse des Einkommens einer eigenen, Stadtpfarrhof genannten Herrschaft, die noch [187]aus den Zeiten der Dominikaner stammt, so wie das Gottes haus selbst im Besitze einer eigenen Kirchengült ist.

Diese Kirche ist eine der ältesten der Stadt, und beur-kundet ihr Alter zum Theile noch immer nicht bloß im In- nern, sondern auch von Außen, nur trägt sie, nach der Her-rengasse zu, eine ganz neue Facade im neuitalischen Geschma-cke zur Schau. Diese und der schöne mit korinthischen Säu- len an den vier Ecken und auch sonst reich geschmückte, dar- über mit Kupfer eingedeckte und mit reichen Vergoldungen ge- zierte Uhrthurm, der sich über dem Giebel erhebt, sind von schöner Architektur und einer Zeichnung, die man außerhalb Italiens, besonders an deutschen Kirchen aus dem vorigen Jahrhunderte selten so rein wieder antrifft. Das mit dorischen Säulen und Wandpfeilern reichverzierte etwas vorspringende Portal; die darüber in zwei Stockwerken mit jonischen und rö- mischen Säulenpfeilern sich aufbauende Giebelwand; die in schön gezierte Nischen gestellten Standbilder h. Johannes von Ne- pomuk, der h. Apostel Peter und Paul und des heil. Ivo, die freilich die Fehler ihrer Zeit an sich tragen; das einfach edle Gebälke der Thüren und Rundbogenfenster und der übrige mit weiser Sparsamkeit angebrachte architektonische Schmuck geben der ganzen Fronte einen durchaus würdevollen Charakter. Die- ser Theil der Kirche ist ganz von behauenen Viereck-, der übrige aber aus mit Ziegeln untermischten Bruchsteinen erbaut.

Sowol der übrige Theil des Aeußeren als auch das In- nere zeigen noch die ursprüngliche altdeutsche Gestalt. Chor und Schiff haben äußerlich einerlei Höhe des Daches, das nur da, wo das letztere endet, durch eine Feuermauer unterbrochen ist und über dem Schlusse des Chors ein kleines unbedeuten- des Blechthürmchen trägt. Die den dreiseitig geschlossenen Chor umstehenden Strebepfeiler, welche gleich jenen der Domkirche zwei eingeschmiegte und mit einem kleinen Simse versehene Absätze haben, enden oben in einen kleinen Giebel, dessen Füllung mit Kleeblättern, Kreisen und sich berührenden Halb- kreisen geschmückt ist. An der gegen Norden gekehrten Evan- gelienseite, der neuen Facade zunächst, ist am Anfange des Seitenschiffes noch eine der alten Eingangsthüren übrig, aber durch eine Holzverkleidung zum Theile verdeckt. Sie ist ziem- lich tief eingelegt, mehrfach eingeschmiegt, in den Schmie- gen mit gothischen Altarhäuschen ohne Standbilder versehen, und durch mehre oben im Spitzbogen sich durchkreuzende dünne Rundstäbe in vier Absätze getheilt. Ueber den Spitzbogen der [188]Thüre erhebt sich eine Art Eselsrücken, der oben in einer Rose endet, die aber jetzt durch ein neues Dach verbaut ist.

Beim Eintreten in das Innere machen der ganz neue, blendend weiße Kalküberzug der Kirche, der zu dem ehrwür- digen gothischen Baue durchaus nicht paßt, so wie auch die grellen Vergoldungen der Statuen des Hochaltars, die wenig Geschmack und Kenntniß des Schicklichen verrathen, einen recht widerlichen Eindruck. Die Kirche, deren Hauptzierde die schöne, leichte Wölbung ist, besteht aus einem Haupt-, zwei Seiten- und einem sehr niedrigen Nebenschiffe, das sich an das Seitenschiff der Epistelseite anschließt 1(Das Hauptschiff der Kirche hat eine Lange von 14 Klafter 4 Schuh und eine Breite von 9 Klafter 4 Schuh. Das Nebenschiff ist 20 Klafter lang und 3 Klafter 1 Schuh breit, und das Chor 12 Klafter lang und 4 Klafter 4 Schuh breit. Die ganze Kirche hat 261 Klafter 2 Schuh 8 Zoll Flächenmaß, und kann 2092 Menschen fassen.), und einem viel älteren Baue angehört zu haben, vielleicht in ihrer frühesten Gestalt die erwähnte alte Kapelle zum heiligen Blute gewesen zu sein scheint.

Das Hauptschiff ist mehr denn noch einmal so breit als die Seitenschiffe, und gleich diesen in der Länge dadurch ver- kürzt, daß der hinter den letzten zwei Pfeilern gelegene Theil um zwei Stufen erhöht, und dem Fußboden nach schon zum Chor gezogen ist; nur das Nebenschiff wird durch eine Kapelle neueren Anbaues so weit verlängert, daß es über das erste Drittheil des Chors hinausreicht. – Acht Pfeiler, je vier auf jeder Seite, tragen das Gewölbe, doch sind ihrer zwei in den Musikchor, welcher die westliche Seite einnimmt, hineingebaut. Sie sind achteckig, an den Seiten sanft eingeschmiegt, oben von einem aus kleinen Rundstäben und Hohlkehlen gebildeten Simse, der die Stelle eines Knaufes vertritt, umfangen, und unten mit einer Art Fuß versehen. An ihnen laufen durch- aus keine Gurtfortsetzungen herab. Die Ribben des Gewölbes, das durch sie in rautenförmige Felder getheilt ist, treten ziem- lich stark hervor, und haben da, wo sie sich durchkreuzen, kreis- runde Platten; nur an einer Stelle eine der Art Oeffnung.

Die Seitenschiffe sind ungemein schmal, niedriger als das Hauptschiff, mit spitz- und hochgehaltenen Kappen und einfa- chem Gewölbe. An ihren Seitenwänden ruhen die Gurten des selben auf Wandpfeilern, die bis zum Boden herabgehen, und eine in seichter Canellirung eingeschmiegte Halbsäule bilden. Be- leuchtet werden die drei Schiffe nur durch vier Fenster, welche in der linken Kirchenwand angebracht sind, während die gegen- [189]überstehende Seite von weniger hohen Rundbogen durchbrochen ist, die in das viel niedrigere Nebenschiff führen und dessen Licht auch in die drei Kirchenschiffe einfallen lassen. Das Nebenschiff ist auch durchaus im Spitzbogen angelegt und hat in seiner Aus- führung manches Eigenthümliche. Die dem besonderen Eingan- ge, der in diese Abseite führt, zunächst gelegenen zwei Wölbun- gen haben einfache Kreuzgewölbe mit sehr stark vortretenden breiten Ribben; dann folgt ein vielfach eingeschmiegter bis an die Wölbung reichender thorartiger Bogen, jenseit dessen die Ab- seite ein viel künstlicheres Gewölbe zeigt, das bis an die neue kreisrunde, dem heil. Johann von Nepomuk geweihte Kapelle reicht, von der sie eine um eine Stufe erhöhte Marmor-Ba- lustrade scheidet. Dem eben erwähnten Eingange zunächst be- findet sich noch eine Seitenkapelle mit einer von frommen Gläubigen sehr verehrten Marienstatue.

Der Chor ist durch ein niedriges Steingeländer in zwei Theile geschieden, davon der eine die Chorstühle, eine nicht zu übersehende mit Holzschnitzwerk gezierte Arbeit, und der andere den Hochaltar enthält, und wird durch fünf Fenster er- leuchtet, die theils diesen umstehen und theils auf der Epistel- seite über dem Oratorium angebracht sind.

Von den acht Altären haben nur zweie Bilder von eigent- lichem Kunstwerthe, nämlich der Hochaltar und die mit ko- rinthischen Wandpfeilern gezierte Johannes-Kapelle. Das er- stere enthält die Himmelfahrt und Krönung Mariä, von Giac. Robusti 1(Er wurde 1512 in Venedig geboren, und weil er der Sohn eines Färbers war, scherzweise der kleine Färber (Tintoretto) genannt; er starb 1594 war ein Schüler Tizians, doch liebte er das Auffallende und verließ leider die Naturrichtung seines ersten Meisters.), genannt il Tintoretto, einem der genial- sten Maler der venezianischen Schule, der aber schon den Rei- gen der Manieristen eröffnet. Das Gemälde zerfällt in zwei Gruppen; im unteren Theile umstehen die Apostel, unter de- nen es mehre mit höchst ausdrucksvollen Köpfen gibt, das leere Grab der Mutter Jesu in einer sehr belebten und höchst geistreich geordneten Gruppe, über die hinweg der Blick in eine weite Landschaft hinausgleitet, an der man den tüchtigen Schüler Tizians erkennt. Die obere Hälfte des Bildes zeigt die auf Wolken kniende Madonna, von einer Glorie von En- geln theils umgeben und theils gestützt, zwischen dem göttlichen Vater und Sohne kniend, welche ihr eben die himmlische Krone aufzusetzen im Begriffe sind. Das Bild, das aber durch Rei- nigen und Restauriren schon stark gelitten, hat große Vorzüge, [190]aber auch bedeutende Gebrechen. Die Gruppe der Engel ent- wickelt so kühne Verkürzungen und so höchst anmuthige Be- wegungen, daß man den Maler von Talent daran auf den ersten Blick erkennt. Die Köpfe der Apostel beurkunden ein fleißiges Studium der Natur, und die Mannigfaltigkeit ihrer Gebärden so wie jene des Ausdrucks von Staunen und Ver- wunderung einen Mann, der viel mit dem Volke und un- ter ihm gelebt hat; die Wahl der Farben endlich, die Ver- theilung des Lichts und die Haltung des ganzen Bildes zeu- gen von Geist und einer gründlichen Kenntniß des Colorits und Helldunkels. Andererseits aber verräth die gezierte und eben auch nicht ästhetische Stellung der Madonna wenig Gefühl für Schicklichkeit und Anstand; die Uebertreibung und das Ge- zwungene und Gezierte in den Stellungen der beiden göttli- chen Personen und die Härte im Faltenwurfe bezeichnen ihn als den Führer der Manieristen in der Schule seiner Vater- stadt. – Das andere Bild zeigt uns den in der Moldau er- tränkten Beichtvater der Königinn von Böhmen und Gemahlinn Wenzels des Trägen, Johann von Nepomuk, in den Wolken, welcher von einigen Engeln gestützt und emporgetragen wird. Die Zeichnung des Nackten an dem größten der Engel ist mu- sterhaft, die Carnation warm und naturgetreu, die Formen der schönen Glieder sind sehr gewählt und der Ausdruck im Ant- litz des Heiligen unglaublich sprechend. – Am zweiten Pfeiler der rechten Seite des Schiffes hängen ein heil. Franciscus Se- raphicus aus der Caraccischen Schule, und am dritten ein kreuz- tragender Christus des am 23. Juli 1838 verstorbenen Gallerie- Directors J. Stark; beide Bilder sind ein Vermächtniß dessel- ben 1(Joseph August Stark, geboren in Grätz am 6. März 1782, Historienmaler, Zögling der hiesigen und der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien; seit 1817 Director der hierortigen ständ. Akademie . S. die neue Folge der steierm. Zeitsch. 7 Jahrg. 1. Heft S. 68 u. s. f. In seinem Testamente vermachte er jeder der Pfarrkirchen seiner Vaterstadt ein Bild aus seiner zahlreichen und schönen Sammlung.). – Unter den Grabsteinen dieser Kirche ist nur derjenige beachtungswerth, welcher sich zwischen dem rechtseitigen Eingange und dem Johannes-Altar befindet und die letzte Ruhestatt des früher erwähnten Priors A. Butzel bezeichnet, der am 4. No-vember 1502 starb, Ketzerrichter war und von dem die Sage geht, daß er gewaltsam getödtet worden sei. – Ferner darf in der Sakristei auch noch ein Ecce Homo nicht übersehen wer- den, das von einem sehr achtbaren aber leider unbekannten Künstler zu sein scheint. – Auf dem Hochaltare und einigen an- [191]deren Altären sind mehre Statuen von dem kenntnißreichen ständischen Bildhauer Philipp Straub, deren einige nur an dem Fehler leiden, daß sie verhältnißmäßig zu kurz sind 1(S. den Aufsatz: Aeltere plastische Künstler in Steiermark. Von Wartin- ger, in der ersten Folge der steierm. Zeitsch. Grätz 1833. XI. Hft. S. 89.).

dd) Die Kirche der Franciscaner Ueber die ältere Geschichte dieser Kirche und des Klosters, siehe des P. F. Placidus Herzog: Cosmographia Austriaco - Franciscana etc. Coloniae Agrippina, 1740. Pars Prior. pag. 263 – 303. ,

der Himmelfahrt Mariä geweiht, ist das dritte Gotteshaus altdeutschen Styls in der Stadt. Das Kloster, dem die Kirche angehört, ist eine der ältesten Stiftungen von Grätz. Herzog Leopold III. soll im J. 1221 den Orden der Minoriten einge- setzt haben; doch ist es wahrscheinlicher, daß sie erst um das Jahr 1240 hierher gekommen sind; nun wurde hier, wo in der frühesten Zeit die dem heil. Jakob geweihte Kapelle, eines der ältesten Kirchlein von Grätz, in der weiten Ebene gestan- den haben soll, das Kloster und die Kirche genannt "Maria Himmelfahrt an der Mur," erbaut. Im J. 1327 wurde der zu Bruck an der Mur am 3. Februar verstorbene Herzog Hein- rich, Bruder Friedrichs des Schönen, hier bei den Minoriten beigesetzt, bis sein Leichnam nach Königsfelden überbracht wur- de. Im Besitze des Klosters und der Kirche verblieben die Mi- noriten bis an das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts. In ihrem Kloster wurden die Leichname der am 23. April 1471 enthaupteten Ritter Andreas Baumkircher und Greißenecker bei- gesetzt. Erst vier und vierzig Jahre später zogen die Francisca- ner in dieses Kloster ein. – Kaiser Friedrich IV. hatte nämlich auf Antrieb des berühmten Redners Johann von Capistran den Orden des heil. Franciscus von der strengeren Observanz nach Grätz berufen und ihm im J. 1463 zunächst außerhalb der Stadt auf der Stelle des heutigen Damenstiftes am Tummel- platze zu St. Leonhard ein Kloster erbaut; als aber im J. 1481 Mathias Corvinus, König von Ungarn, Grätz mit einem Ueber- falle bedrohte, und die Nonnen des heil. Dominicus ihr Klo- ster zum heil. Leonhard am Grillenbühel 3(Der Grillenbühel konnte nicht der Ruckerlberg gewesen sein, da Ferdi- nand I. in einer Urkunde ddto. Graecii 1522 von dem Kloster sagt, daß es zu Gratz vor dem Eisenthore gestanden und abgetragen worden sei: ad impendiendam occasienem obsidion is civitatis "zur Verhinderung der Gelegenheit einer Belagerung der Stadt;" vielleicht lag es in der s Gegend des Freiherrl L. von Mandell schen Landhauses, allwo es aller- dings noch zur Belagerung der Stadt die ersprießlichsten Dienste hätte leisten können.) vor dem Eisenthore zu verlassen und anfänglich durch mehre Jahre in der Eggen- [192]bergischen Stift nächst dem Gottesacker der Minoriten zu woh- nen genöthiget wurden, mußten ihnen, denen, wie K. Maxi- milian in seinem Briefe an den Papst Alexander VI. aussagt, die Bürger kein neues Kloster bauen wollten, die Brüder des heil. Franciscus ihr noch nicht ganz ausgebautes Kloster am 25. October 1517 einräumen. Ihnen selbst war das Kloster der Minoriten an der Brücke, welche die ihnen vom Papste auferlegte Annahme der Reform im Haupte und in den Glie- dern abgelehnt hatten, am 7. Mai des J. 1715 förmlich über- geben worden. Die Minoriten mußten in die Murvorstadt über- siedeln, wo ihnen die Herren von Eggenberg anfänglich bloß Unterkunft gaben, und später erst eine neue und freundlichere Kirche und Wohnung erbauten. In den wilden Zeiten der Re- formationsstürme soll das Kloster von dem protestantisch-gesinn- ten Pöbel hart mitgenommen worden, und im J. 1571, als die Jesuiten nach Grätz berufen wurden und dieses Kloster ihnen eingeräumt werden sollte, so verwüstet gewesen sein, daß jene es vorzogen, sich einstweilen mit dem Pfarrhofe nächst der St. Aegydenkirche zu begnügen 1(So berichtet Aquilin Julius Cäsar in seiner Beschreibung des Herzog- thums Steiermark. Grätz, 1773. 1. Theil S. 463; allein Placidus Her- zog a. a. O. weiß davon nichts.). Gegenwärtig besorgen die Mönche dieses Klosters die mit ihrem Convente verbundene dritte Pfarre der inneren Stadt.

Die Kirche ist ganz verbaut und steht von keiner Seite so frei da, wie die Dom- oder Leechkirche, indem allenthalben entweder Häuserchen an ihre Mauern angeklebt sind, oder Kaufgewölbe sich zwischen die weit hervortretenden derben Stre- bepfeiler hineingebaut haben, und an die Mittagsseite sich das Klostergebäude anlehnte. In architektonischer Hinsicht ist sie das eigenthümlichste Bauwerk unter allen Kirchen gothischen Styls, welche sich in der Stadt vorfinden. Das Chor ist näm- lich von außen und im Innern viel höher als das Schiff, und dieß allein verräth schon deutlich, daß beide nicht zu einer Zeit aufgeführt worden sind, was auch die übrigen Eigenheiten deutlich darthun; denn das Chor hat Spitzbogen-, das Schiff hingegen breite Rundbogen-Fenster, die aber nicht etwa erst in späterer Zeit gebrochen wurden, sondern gleich anfänglich so angelegt zu sein scheinen. Der gegen Westen vor dem Schiffe stehende Thurm, welcher einen der fünf Ausgänge der Kirche enthält, wurde im J. 1639 begründet und 1645 vollendet, und nicht bloß zur Zierde der Kirche, sondern auch zur Be- [193]schützung der Stadt gegen die Flußseite angelegt. Er erhebt sich in sechs Stockwerken, ist im untersten Theile im Viereck gebaut, aus dem sich in bedeutender Höhe über der Erde ein Achteck entwickelt, das von einer kupfernen Kuppel eingedeckt ist, der eine Steinrose altdeutscher Art zur Unterlage des Kreu- zes dient. Er zeigt über dem Eingange die Aufschrift:

Piorum Christi Fidelium Suhsidiis haec turris inchoata Anno MDCXXXIX feliciter est Continuata Anno MDCXLII 1(Durch die milden Beiträge frommer Christgläubigen ist dieser Thurm begonnen worden m J. 1639 und glücklich fortgesetzt im J. 1642.).

Uebrigens ist die Kirche von Außen durchaus einfach und ohne allen Schmuck. Im Innern tragen sechs achtseitige dünne und schlanke Pfeiler, je drei auf jeder Seite, das Gewölbe, welches sich in seinen Gurten ohne Sims in die Pfeiler ver- liert, und bilden drei Schiffe, deren mittleres überaus breit ist, während die Seitenschiffe kaum ein Drittheil der Breite des Mittelschiffes haben. Das ganze Schiff hat eine Breite von 8 und eine Länge von 14 Klafter. Die Pfeiler sind unge- wöhnlich weit auseinander gerückt und die auf ihnen ruhenden Bogen, in denen der Spitzbogen nur leise angedeutet erscheint, sehr niedrig gehalten. Das Gewölbe ist übrigens ganz dem der Stadtpfarrkirche gleich. Das Mittelschiff ist auch an dieser Kir- che etwas höher als die beiden Seitenschiffe. Zwei Stufen füh- ren in das 13 Klafter 2 Fuß lange und 4 Klafter 3 Fuß 6 Zoll breite und bedeutend höhere Chor, dessen Gewölbe viel einfacher ist, nur die Form von mehrfach aneinander gereihten Kreuzgewölben zeigt; hat minder stark vortretende Gurten und um den Hochaltar am dreiseitigen Schlusse sehr spitze und schmale Kappen. Die Gurtfortsetzungen gehen an den Wänden der Seitenschiffe ziemlich tief herab und enden in einer Art von Kragsteinen, während sie im Chor auf eine selten vorkommen-de Weise abgeschnitten und unten rahmenartig eingefaßt er- scheinen.

Beleuchtet wird das Ganze durch siebzehn Fenster, davon jene des Schiffes nur auf der Evangelienseite, die des Chors aber ringsherum liegen, nur mit dem Unterschiede, daß jene der linken Seite durch die Oratorien zur Hälfte gekürzt sind. Von den fünf Altären der Kirche ist nur der Hochaltar wegen [194]seines Altarblattes, das die Himmelfahrt Mariä darstellt, und von dem steiermärkischen Maler Johann Veit Hauck 1(Geboren zu Grätz; lebte im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts.) ist, be- merkenswerth. Ein ziemlich gutes Bild, den die Wundenmale empfangenden heil. Franz Seraph, enthält auch der rechte Seitenaltar des Schiffes. An zwei Pfeilern hängen zwei Ge- mälde von Ignaz Kollmann 2(Geboren den 16. März 1775 und gestorben den 16. März 1837 zu Grätz.) und an der linken Seitenwand des Schiffes in der Nähe des Seitenaltars ein heil. Franz de Paula von unbekannter Hand, ein Vermächtniß des Direc- tors J. Stark. Die Seitenkapellen besitzen nichts Merkwür- diges. Für viele Katholiken dürfte es jedoch von Interesse sein zu erfahren, daß die erste Kapelle zur Rechten des Thurm- eingangs diejenige Statue enthaltet, welche die Herzoginn Ma- ria Anna, die Mutter K. Ferdinands II., aus Baiern nach Grätz überbrachte.

An die Epistelseite der Kirche schließt sich der alte Kreuz- gang des Klosters an, der auch im Spitzbogen angelegt und gegen den kleinen Garten hin, den sein Viereck einschließt, mit kurzen aber massiven Strebepfeilern versehen ist. Er enthält unter Anderem den Eingang in die dem heil. Jakob geweihte Kapelle, welche nach einer Sage lange vor dem Kloster bestan- den haben soll, was auch die Bauart deutlich beurkundet, die roh und doch nicht ohne einige beachtungswerthe Eigenheiten ist. Es findet sich in ihr zwar keine Spur vom Rundbogen mehr; sie hat einfache Kreuzgewölbe, schmucklose Spitzbogen- fenster, die aber schon hoch emporgezogen sind, und kunstlose Steinmetzarbeit an den Schlußsteinen der Gewölbe, die vor- springende Gurten haben. Zuerst betritt man einen viereckigen Raum, der eine Art Schiff bildet, nie Fenster gehabt zu haben scheint, und durch eine weite Spitzbogenöffnung den Eingang in die chorartige Kapelle gestattet, welche, auf das Achteck hin deutend, dreiseitig geschlossen ist und in diesem Schlusse die zwei einzigen ursprünglichen Fenster enthält. Die Gurten des Gewölbes sind etwas unterhalb der Gegend, in der sie sich be- gegnen, mit Laubwerk nach Art eines Knaufes geschmückt, dar- unter wieder fortgesetzt bis zu einem stark ausgeladenen Simse, der das Kapital einer dünnen Rundsäule bildet, welche bis an den Fußboden reicht. So beurkundet denn dieser Bau, daß er nicht viel über das Ende des vierzehnten Jahrhunderts hinaus reicht. – Rücksicht verdient hier nur noch der alte Leichenstein [195]des im J. 1549 verstorbenen Herrn und Ritters Christoph von Windischgrätz zu Waldstein von rothem Marmor, welcher in die Seitenwand der linken Seite dem Altare zunächst eingerahmt ist. Man sieht einen ganz geharnischten knienden Ritter, der eine lange Turnierlanze mit der rechten Hand hält, dem seine getreue, ihm 1551 im Tode nachgefolgte Hausfrau, in lange faltenreiche Gewänder züchtig gehüllt, gegenüber kniet.

Die Kirche erhielt im J. 1829 ein neues Geläute von sechs Glocken, deren größte ein Gewicht von 36 Zentnern 35 Pfund hat, welche die Stimmung im C dur Dreiklange haben.

ee) Die Kirche zum heil. Paul.

Aus der Mitte der steilen Sporgasse, der Einmündung der Hofgasse gegenüber, führt im Hause Nr. 93 eine offene breite, durch ein Portale ausgezeichnete Steinstiege in mehren Absätzen in eine säulengestützte Halle und zu einem offenen Hofraume empor, der einen kleinen Vorsprung des Schloßberges einnimmt. Auf ihm steht noch heut zu Tage, wie vor Jahrhunderten, ein Gotteshaus, das in alten Zeiten den Namen St. Paul im Walde oder am Berge führte, und später die Kirche der Augustiner auf der Stiege hieß. Sie soll nächst der im J. 1809 durch die Franzosen zerstörten dem heil. Thomas geweihten Kapelle auf dem Schloßberge die älteste Kirche von Grätz sein. Ueber den Zeitpunct der Gründung der ältesten Kapelle, die einst hier gestanden, schweigt die Geschichte gänz- lich. Vom Jahre 1348 bis 1493 soll hier nach Einigen die eigentliche Pfarrkirche bestanden haben; allein dem konnte nicht so gewesen sein, da erst im J. 1358 hier eine Kaplanei, die erste und einzige, vom Pfarrer Hermann zu St. Aegyden ge- stiftet wurde 1(Auch noch darum nicht, weil noch Gilg vom J. 1361 als Pfarrer und die Aegydien- Kirche als Pfarre (Parochia) in Grätz im J. 1478 urkundlich bekannt sind. Die Kapelle St. Paul stand freilich unter dem landes- fürstlichen Patronate, allein nur darum, weil der Stifter der Kapla- nei, der Pfarrer Hermann, es so forderte.); wol aber wurde die Stadtpfarre während des Baues der Domkirche von 1450 – 1493 einstweilen hierher verlegt. – Um das Jahr 1432 stand die St. Pauls- Kapelle unter dem Patronate des Landesfürsten. Als unter Herzog Karl II. die neue Lehre der Kirchen- Reformatoren auch in Grätz Wurzel schlug, soll diese Kapelle von den Bürgern, wel- che ihr anhingen, zu ihrer Kirche bestimmt worden und im Besitze der Protestanten bis zum Jahre 1588 verblieben sein, in welchem Herzog Karl II., K. Ferdinands II. glaubenseifri- [196]ger Vater, das Gotteshaus sammt dem alten Pfarrhofe seinem Hofkapellan Pater Aurelius Manzin (Mantianus) von Pergola, einem Augustinermönch übergab. Aurelius führte sofort einige seiner Ordensbrüder hier ein und nahm im Namen des Ere- miten-Ordens des heil. Augustin von dem Kirchlein Besitz; allein schon im J. 1601 mußten die Mönche den Ort wieder räumen, da ihnen durch die immer weiter um sich greifende neue Lehre alles Almosen entzogen wurde. Erst im J. 1619 brachte Ferdinand II. durch Anweisung eines sicheren Einkom- mens das neu gestiftete Kloster wieder in Aufnahme. In die- sem Jahre wurde auch noch der Bau der Kirche begonnen, das Kloster im J. 1627 beendet, und die erstere im Jahre 1720 durch Bischof Joseph I. von Seckau, einen Grafen von Lam- berg, feierlich eingeweiht, wie das Chronographicon

CONSECRABAT EPISCOPVS LAMBERG LVCE SANCTO KILIAN0 SIBIQVE SOLENNI 1(Das Chronographicon drückt das Jahr 1721 aus und lautet: Eingeweiht hat sie Bischof Lamberg am Tage, welcher dem heil. Kilian und sich ein Festtag war.).

besagt, welches in der Kirche über dem Eingange in das Pres- byterium zu sehen ist. Im J. 1789 wurde dieses Kloster der Augustiner-Eremiten aufgehoben und später durch einige Zeit von den Karmeliten bewohnt, bis auch sie das gleiche Loos wie die Augustiner traf; worauf es Sigmund Graf von Saurau für 7280 Gulden erkaufte und mit seinem daranstoßenden Pal- laste durch einen langen gewölbten Gang verband. Im zwei- ten Jahrzehent dieses Jahrhunderts ging die Kirche mit dem Hause Nr. 92 durch Kauf an G. Quenzler über. Im Jahre 1821 miethete die neu gegründete evangelische Gemeinde diese Kirche zur Verrichtung ihres Gottesdienstes von ihrem dama- ligen Eigenthümer auf drei Jahre 2(Der Vertrag erhielt die Genehmigung durch Hofverordnung vom 14. Hornung 1822, Z. 3928.) und begann in ihr den Gottesdienst am 19. März 1822. Von da an erhielt sie diese Bestimmung bis zum 10. October 1824, an welchem Tage das gegenwärtige Bethaus am Glacis feierlich eröffnet wurde. Während dieser Zeit wurde das Gotteshaus von den drei geistlichen Herren, dem Gubernial-Rathe Freiherrn von [197]Hochenrain, dem Dompropste Ritter von Jakomini und dem Domcustos Hasenhütl erkauft. Von dem Letztern ging sie im J. 1823 durch Testament an die Frau Antonia Gräfinn von Welsersheimb über. Diese schenkte sie im J. 1841 ihrer Toch- ter Josepha Gräfinn von Brandis. – Der akademische Got- tesdienst für die Philosophen wurde in ihr schon im letzten Jahrzehent des vorigen Jahrhunderts 1(In Folge einer Hofverordnung vom 22. Juli 1793, Z. 2513.) abgehalten. Später hörte sie wieder auf akademische Kirche zu sein. Im J. 1824 aber machte die Frau Gräfinn von Welsersheimb durch das hochwürdige Ordinariat der hohen Landesstelle, dem Wunsche des Erblassers gemäß, den Antrag, den akademischen Gottes- dienst für die Hörer der Philosophie wieder in dieser Kirche abhalten zu lassen, was angenommen und im November des selben Jahres auch ausgeführt wurde. Seit dem J. 1827, in welchem sie auch ein Geläute von drei Glocken erhielt, ist sie die Universitäts-Kirche und es wird an Sonn- und Feiertagen in ihr derjenige katholische Gottesdienst abgehalten, dem die Schüler des Gymnasiums und nach einer allerhöchsten Anord- nung 2(Nach einer allerhöchsten Entschließung vom 30. März, mitgetheilt durch Hofkanzlei Verordnung von 14. April 1827, müssen die Akademiker aller Fakultäten den Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen bei wohnen.) auch die Akademiker beiwohnen müssen. – Das Hoch- altarbild ist von dem Grätzer-Maler J. Wonsidler. Die rings- um an den Wänden hängenden Bilder sind ohne Kunstwerth 3(Die Kirche zum heil. Paulus hat im Schiffe eine Länge von 59 Klafter und eine Breite von 5 Klafter. Das Presbyterium ist 3 Klafter 5 Schuh lang und eben so breit, und die ganze Kirche hat 59 Klafter 4 Schuh 2 Zoll Flächenmaß. Es haben in ihr 77 Personen Raum.).

ff) Die Kirche zum heil. Anton von Padua Dieses Kirchlein ist an Werktagen nur in der Früh bis 7 1/2 Uhr und an Sonntagen bis 9 Uhr offen.

gehörte einst dem Kapuziner-Orden und hieß sonst die Kir-che der Kapuziner auf der Stiege. Sie liegt in der Paulusthorgasse dem Gebär- und Irrenhause zunächst, befand sich aber zur Zeit ihrer Gründung außerhalb der Stadt, die damals noch durch das innere Paulusthor begränzt war. Zur Zeit der Vertreibung der protestantischen Prediger und der Ver-folgung Aller, welche der neuen Lehre anhingen, faßte Her- zog Ferdinand II. den Entschluß, die Zahl der Klöster auch noch durch ein Ordenshaus der Kapuziner zu vermehren, und ließ in dieser Absicht den P. Laurentius von Brundus, einen [198]Mann von seltener Tugend und großer Gelehrsamkeit, nach Grätz berufen. Diesem, als dem Abgeordneten seines Ordens, überließ er die Freiheit der Wahl des neuen Klosters. Da nun auf Befehl des Herzogs zur Ehre Gottes gerade einige Tage vorher (am 8. Aug. d. J. 1600) an dieser Stelle – wie die Sage geht, auf jener rohen Steinplatte, die jetzt vor der er- sten Altarstufe am Boden zu sehen ist – mehr denn 10,000 protestantische Bücher dem Feuer überliefert worden waren, so erkohr Pater Laurentius gerade diesen Platz zur künftigen Wohnstätte seiner Ordensbrüder. Schon am 10. desselben Monats, dem Tage des heil. Laurentius, wurde das Kreuz, das bekannte Zeichen dieses Ordens, am Fuße des Schloßber- ges errichtet, in Gegenwart des ganzen herzoglichen Hofstaa- tes von dem päpstlichen Gesandten und Bischof zu Adria, Hieronymus Grafen von Porzia, der erste Grundstein zu dem neuen Kirchen- uud Klostergebäude gelegt, und der Bau so rasch gefördert, daß die Kirche bereits am 6. Oct. des J. 1602 von dem Kirchen-Fürsten Martin Brenner, Bischof zu Seckau, dem glühendsten Feinde der neuen Lehre, eingeweiht werden konnte. Das Kloster wurde zugleich mit einer Cisterne verse- hen, die ihres trefflichen Wassers wegen zum Gebrauche des Hofes verschlossen gehalten wurde. Bald nach seiner Grün- dung wurde das Kloster der Sitz des Provinzials aller inner- österreichischen Klöster des Kapuziner-Ordens. Durch Kaiser Joseph II. wurde auch dieses Kloster aufgehoben und im J. 1788 zu einer Anstalt für Geisteskranke verwendet. Die Kir-che behielt aber einen Beneficiaten, welcher die Seelsorge in den benachbarten Wohlthätigkeits-Anstalten versieht.

Die Kirche ist von außen und im Innern ohne Bedeu- tung und nur wegen drei großer Altarblätter einiger Beachtung werth. Das Hauptaltarblatt und das Bild des improvisirten Seitenaltars sind von Petrus de Pomis, und in kunstgeschicht- licher Hinsicht als Beweise merkwürdig, wie weit man in jener Zeit der verfallenden Kunst, in unglücklicher Nachahmung der akademischen Stellungen Michael- Angelo Buonarotti's, und in Uebertreibung dessen, was in seinen gewaltigen Bildern sich noch gut, ja sogar bewunderungswürdig ausnimmt, von dem wahren Ziele schöner Darstellung abirren konnte. Schade, daß beide schon stark gelitten haben.

Das erstere Bild, auch ob der darin ausgedrückten Idee merkwürdig, zeigt uns im äußersten Vorgrunde eine Gruppe von Heiligen, unter denen man Nochus, Sebastian, diesen in [199]einer der gewaltsamsten Stellungen, die man sich irgend den- ken kann, Hieronymus, Leopold, Ulrich mit einem Fische auf dem Buche, und einen anderen Bischof unterscheidet, neben dem noch jugendlichen Erzherzoge Ferdinand II., der – das Kreuz, auf dem der Orden des goldenen Vließes hängt, im Arme, den Bischofsstab in der Hand – am Boden kniet. Ihm zur Seite steht die Religion, durch die dreifache, mit den Wor- ten: Fides catholica (der katholische Glaube) bezeichnete Krone und die reiche Priesterkleidung kenntlich, ihn durch Dar- reichung von Kelch, Schild und Schwert zum Kampfe für den alten Glauben auffordernd 1(Der Rand der Tasse zeigt die Worte: Respice de sanctuario tuo et be- nedic eam. (Steh herab aus deinem Heiligthume und segne sie.) Das um den Bischofsstab geschlungene Band: Apprehende arma et scutum et exsurge in adjutorium mihi, (Nimm die Waffen und den Schild, und erhebe dich zu meiner Unterstützung), und zunächst der Krone die Fortsetzung: usque ad mortem et dabo tibi eoronam (bis in den Tod und ich werde dir die Krone geben); um den Kelch: Declinate a me maligni (Wendet euch weg von mir ihr Gottlosen), um den Stamm des Kreuzes: et scrutabor mandata dei mei (und ich werde den Gebo- ten meines Gottes nachforschen); endlich auf dem Stamme des Kreu- zes: Cum portaverit jugum bonum et suave ab adolescentia sua (Da er von seiner Jugend an ein gutes und süßes Joch getragen hat).), und ihm dafür die Kaiserkrone versprechend, welche darüber schwebende Engel herbeischaffen. In der Höhe ertheilt der Welterlöser dem Grätzer-Schloßberge den Segen, welcher mit dem neuen Kloster- und Kirchenge-bäude auf einer Tasse von Engeln in der Luft schwebend ihm dargereicht, und von den in den Wolken herumgruppirten Heiligen: Katharina, Johann dem Täufer und Anton von Pa- dua empfohlen wird. Die Stellung des Heilands, die Anord- nung der Haare bei ihm und dem Täufer, das in die Wol- ken gestellte Lamm und die ganze Composition sind weit ent- fernt, jenen Anforderungen zu entsprechen, die man an die schönen Künste mit Recht macht.

Das zweite große Altarblatt der linken Schiffseite, das ohne Rahmen an die Wand befestigt und höchst wahrschein- lich von den Clarisserinnen zu Allenheiligen im Paradeis nach deren Aufhebung hierher übertragen worden ist, zeigt in der Höhe die Madonna mit dem die untere Gruppe segnenden Kinde und die heil. Clara, und in der Tiefe eine fürstliche Frau, die Mutter K. Ferdinands II., die von ihr gestiftete Kir- che sammt dem Kloster im Paradeis, worunter man die Worte erblickt: et de manu canis unicam meam (und meine Ein- zige aus der Hand des Hundes), zum Opfer darbringend. Hin- ter ihr steht der heil. Franciscus Seraphicus, ein höchst inte- [200]ressanter Kopf mit dem Ausdrucke religiöser Schwärmerei, wel- cher die fürstliche Stifterinn der Madonna vorstellt, daneben sind die heiligen Barbara, Katharina in einer höchst gezwun- genen Stellung, und Margaretha, im Mittelgrunde die heili- gen Cäcilia, Lucia, Agatha ꝛc. Auch in diesem Bilde verfiel der Künstler in dieselben Fehler, welche an dem anderen be- reits gerügt worden sind. – Das Bild der vierzehn Nothhel- fer, von denen die Heiligen: Veit und Georg, Aegydius, Dio- nysius, Erasmus sich unter den Vordersten befinden, welches diesem gegenüber hängt und manchen Vorzug hat, ist von Weißkircher 1(Geboren in der oberen Steiermark; lebte zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts.), und ein viertes mit dem heil. Dominicus auch nicht ohne alles Verdienst 2(Die Kirche zum h. Anton von Padua ist im Schiffe 10 Klafter 1 Schuh 6 Zoll lang und 5 Klafter 6 Zoll breit. Das Presbyterium hat eine Länge von 2 Klafter 2 Schuh 6 Zoll und eine Breite von 3 Klafter. Das Flächenmaß der Kirche betragt 59 Klafter 2 Schuh 1 Zoll und vermag 475 Personen zu gleicher Zeit zur Versammlung zu dienen.).

gg) Die Kirche der Ursulinerinnen

liegt am Ende des ersten Sackes. Sie hat eine durch korin-thische Halbsäulen, auf denen ein im neu italischen Kirchen-style gezeichneter, eben nicht geschmackvoller Giebel und neben ihm ein blechernes Thürmchen ruht, geschmückte Fronte. Zwi- schen den ein stark ausgeladenes Gebälke tragenden Säulen sind die Nischen mit Statuen, darüber und über der einzigen Eingangsthüre die einfach verzierten Fenster angebracht.

Im Innern, das reinlich, licht und heiter ist, zeigt sich ein einziges von einfachen Kreuzgewölben überdecktes Schiff mit sechs nischenartigen Seitenkapellen, in denen eben so viele Al- täre stehen, und rechts ein um fünf Stufen tiefer liegendes Seitenschiff, in das man nächst den Seitenaltären der Epistel- seite aus dem Hauptschiffe hinabschauen kann, und auf dessen einzigem Altare sich ein nicht ganz verdienstloses Bild befindet, die armen Seelen im Fegefeuer darstellend, deren einige von Engeln aus den Flammen heraufgezogen werden zu Christus dem Gekreuzigten, neben dem fürbittend die gebenedeite Mut- ter, die heilige Katharina und einige andere Heilige sich be- finden. Einige allerliebste Engelsköpfchen fesseln auf ihm den Beschauer. Schade, daß auch der Meister dieses Bildes nicht ermittelt werden kann.

[201]

Das Hochaltarblatt stellt die heil. Dreifaltigkeit dar, scheint von Weißkircher zu sein, hat aber besonders im unteren Theile zu stark nachgedunkelt, als daß man dasselbe in allen seinen Theilen würdigen könnte. Von allen Bildern dieser Kirche ist das Altarblatt des zweiten Altars der linken Seite das beste. Es ist von Remp 1(Er studierte auf Kosten des verstorbenen Herrn Grafen J. M. von At- tems, Stammvaters der älteren steiermärk Linie dieses Hauses, lange in Italien, und kehrte dann nach Grätz zurück, wo er, so wie spater auch in Wien, mehre gelungene Altarblätter ausführte.), der lange Zeit in Italien war, und stellt die von Pfeilen durchbohrt zusammensinkende und im Tode er- blassende heil. Ursula, eine Jungfrau fürstlicher Abkunft, dar. Ein lieblicher Engel hält die in reiche Atlaskleider gehüllte und mit einem Diademe geschmückte heilige Maid, welche ihm in die Arme gesunken ist, eben noch aufrecht, während ihre Ge- fährtinnen im Hintergrunde der Wuth ihrer heidnischen Ver- folger erliegen. – Endlich verdient auch noch ein unter Glas verwahrtes Oelgemälde, das in der dritten Kapelle der rechten Seite aufgehängt ist, als ein sehr gutes Bild eine nähere Be- trachtung, nämlich ein ganz in der Art des Carlo Dolce ge- haltener heil. Joseph, dem das lieblichste Christuskind, von dem die ganze magische Beleuchtung ausgeht, in den Armen ruht.

An die Kirche 2(Die Länge der Kirche beträgt 15 Klafter und die Breite 5 Klafter 2 Schuh 3 Zoll, das Seitenschiff hingegen ist 11 Klafter lang und 5 Klafter breit. Das Flächenmaß der ganzen Kirche beträgt 110 Klafter 9 Zoll; sie ver- mag zu gleicher Zeit 881 Menschen zu fassen.) stoßt das Kloster der Ursuliner-Nonnen, welches am Ende des siebzehnten Jahrhunderts durch mehre Wohlthäter gegründet wurde. Die ersten Nonnen kamen im J. 1686 3(S. 10 der Einleitung ist der Druckfehler 1756 in 1686 zu verbessern.) von Wien und die übrigen von Görz hierher. Sie ließen sich zuerst in der Murvorstadt nieder, wo ihnen ein ein- faches Haus zur Wohnung angewiesen wurde, bis der gegen- wärtige Bau begonnen wurde, welcher über der Eingangspforte die Aufschrift zeigt:

LARES SOCIARVM DIVAE VRSVLAE 4(Das Chronographicum: Wohnung der Gefährtinnen der heiligen Ursula, welche die Jahrszahl 1722 ausdrückt, kündet auch das Jahr der Vollen- dung des Baues an.).

Die Nonnen dieses Klosters beschäftigen sich mit der Er-ziehung und dem Unterrichte der weiblichen Jugend.

[202]

Als die größte Wohlthäterinn desselben erscheint die am 1. Jänner 1725 verstorbene Gattinn des innerösterreichischen Hofkammer - Rathes, Anna Katharina Enders, geborne von Niedenaus, deren Grabstein noch rechts in der Kirche zu sehen ist, welche im J. 1706 eine Summe von 47,614 fl. legirte, welche Stiftung im Jahre ihres Todes von dem Bischofe von Seckau Leopold II., Freiherrn von Firmian, in Ordnung ge- bracht wurde.

b) Kapellen.

Unter den zehn Kapellen gibt es allerdings einige, die einer näheren Beleuchtung werth sind. Die jüngste derselben ist die des Klosters der barmherzigen Schwestern, welches erst unter der Regierung des gegenwärtigen Monar-chen K. Ferdinands I. auf den Betrieb des Fürstbischofs Ro- man Sebastian (Zängerle) in Grätz gegründet wurde. Nach-dem man nämlich, durch den großen Ruf über die ausgezeich- neten Leistungen der barmherzigen Schwestern bestimmt, eini- ge Novizinnen in das Mutterhaus nach München zum Unter- richte geschickt, ein Stammkapital von 14,000 fl. C. M. als Gründungsfond und einen jährlichen Beitrag von 1500 fl. C. M. ausgewiesen hatte, genehmigte der Kaiser mit aller- höchster Entschließung vom 16. Februar 1841 die Einfüh- rung der barmherzigen Schwestern in Grätz und die Ueber- gabe der Krankenpflege im allgemeinen Krankenhause an sie. Die Stände des Landes erwirkten am 19. September 1841 von Sr. Majestät die allerhöchste Erlaubniß, zur Gründung des Klosterhauses 5000 fl. hergeben und zu ihrem Unterhalte aus der Domestical-Kasse jährlich einen Beitrag von 5000 fl. C. M. leisten zu dürfen, in der Voraussetzung, daß die Schwe- stern eben so wie in Wien auch in Privathäusern ihre wohl- thätigen Dienste zu leisten geneigt sein werden. Am 22. April desselben Jahres erfolgte die Ankunft der ersten Schwestern von München, denen am 24. desselben Monats die Kranken- pflege im allgemeinen Krankenhause feierlich überantwortet wurde, in dessen einem Theile sie auch anfänglich bis zum Aufbaue eines eigenen Klosters ihre erste Wohnung nahmen. Zu diesem wurde am 27. August des nämlichen Jahres in Gegenwart Sr. Maj. des Kaisers und Allerhöchst dessen Ge- mahlinn der Grundstein gelegt, und die Hauskapelle am 19. Juli 1842 von dem Fürstbischofe feierlich eingeweiht, worauf die Schwestern das unmittelbar an das allgemeine Kranken- haus sich anschließende Kloster sofort bezogen.

[203]

Die Kapelle liegt zur ebenen Erde innerhalb des Klo-stergitters, gleicht einem großen Betsaale und ist mit zwei Al-tären versehen. Auf dem Hauptaltare ist das gut gemalte Bild des heiligen Vincenz von Paula, der einem Armen Brot dar- reicht; ein Bruststück in der Art eines Porträts ohne alle poetische Auffassung des Gegenstandes, die Arbeit eines jungen Palermitaners Spatorno, und das Geschenk Ihrer königl. Ho- heit der Frau Herzoginn von Berry, auf deren Kosten der Künstler sich jetzt auf Reisen befindet. Dafür besitzt der kleine Seitenaltar ein höchst interessantes älteres und kleineres Bild der unbefleckten Empfängniß Mariä von einem unbekannten Maler. Einfachheit der Anordnung, gründliches Colorit und correcte Zeichnung, Adel der Gestalt und Innigkeit des Aus- drucks lassen an ihm nur wenig zu wünschen übrig.

Die Burgkapelle, die sich in jenem Stockwerke der Burg befindet, welcher der Provinzial-Baudirection angewiesen ist, stammt aus der Regierungszeit der Herzoge Karls II. und seines Sohnes Ferdinands II., deren Haus- und Hofkapelle sie gewesen zu sein scheint; gerieth später in Verfall und Ver- gessenheit, wurde erst durch Se. Excellenz den kunstsinnigen Herrn Gouverneur M. C. Grafen von Wickenburg, nachdem sie durch den Maler Nagher im J. 1841 gereinigt worden war, wieder in ihre ursprüngliche Gestalt gebracht, ihrer früheren ehrwürdigen Bestimmung wieder zurückgegeben und endlich in Gegenwart der beiden jetzt regierenden Majestäten am 20. August desselben Jahres von dem Fürstbischofe von Seckau feierlich eingeweiht.

Sie gewährt in ihrer durchaus alterthüm- lichen Einrichtung einen wahrhaft wohlthuenden Eindruck. Man betritt zuerst ein dunkles Vorgemach, das sein Licht nur aus der Kapelle selbst durch eine über der Thüre frei gelassene ovale Oeffnung empfängt. Sowol die doppelflügelige Thüre als die darüber angebrachte Oeffnung sind mit vergoldetem überaus reich gearbeiteten Holzschnitzwerk bedeckt, dessen braune Farbe gegen das glänzende Gold recht gut absticht, und dessen Arbeit ebenfalls einen tüchtigen Künstler verräth. Noch bedeckt das alte, ursprüngliche Marmorgetäfel den Fußboden, noch überwölbt das reich in Stucco gearbeitete Tonnengewölbe den geweihten, feierlich stillen Raum, und die Wände bedecken noch dieselben in Oel auf die Wand gemalten Bilder von ausge- zeichneter Schönheit, auf denen vor zwei Jahrhunderten die Blicke Ferdinands und seiner frommen Gattinn und Mutter ruhten. Die herrlichen Glasgemälde, in denen sich die Heili- [204]gen Agnes und Benedict, Bernhard und Maria, der segnende Weltheiland und Jesus unter den Schriftgelehrten zeigen, und die theils aus der Walburgis-Kapelle bei Brunn (einer Filiale von St. Michael bei Leoben), theils von Göß und theils aus der Leobner- Vorstadtkirche Maria am Waasen stammen, verbreiten ringsum einen magischen Dämmerschein, der durch das bunte Lichtspiel der tiefgesättigten Farben noch mehr gehoben wird. In dem breiten Thürgewände, durch das man die kleine Ka- pelle betritt, erblickt man beiderseits in zwei übereinander gesetz- ten, gemalten Nischen rechts die heil. Clara mit der Monstranze, eine zarte Nonne mit einem Antlitz voll Anbetung, Liebe und Frömmigkeit, und darunter die heil. Katharina, eine könig- liche Gestalt mit dem Ausdrucke der Verachtung aller Qualen, die um des Glaubenswillen zu erdulden sind, auf einen am Boden liegenden heidnischen Fürsten tretend; und links die heil. Barbara mit Thurm und Kelch, über dem die heil. Ho- stie schwebt, dann den heil. Franz Seraphicus, die von den Wundenmalen blutenden Hände demüthig über der Brust ge- kreuzt. Im oberen Theile des Gewändes gewahrt man in einer Einfassung, die von den Evangelisten Johannes und Matthäus gehalten wird, den Namen Jesu, und beiderseits den Namen Mariä. In herrlichem Farbenglanze und höchst correcter Zeich- nung, voll Kraft und Ausdruck und einer wahrhaft rührenden Innigkeit treten diese schönen Gemälde vor das Auge des Be- schauers. – Kaum eingetreten, steht man schon vor dem nackten Altartische, über dem ein sehr braves Bild des Giulio Licinio da Pordenone 1(Er war ein Enkel und Schüler des Gian Antonio Licinio, genannt Cu- ticello, und starb im J. 1561 zu Augsburg.) hängt, das die Inschrift IGULO LICINIO V. F. (Venetus Fecit) führt. Der entseelte Leichnam des Welterlösers ist am Fuße des Kreuzstammes niedergesunken und ruht im Schooße eines lieblichen Engels, der sich auf dem Felsen, welcher das allgemeine Zeichen der Christen trägt, auf die Knie niedergelassen hat, und mit dem Ausdrucke der in- nigsten Theilnahme auf den großen Menschenfreund herabsieht. Dieser todte Christus trägt deutlich den tiefen Schmerz einer edlen Seele über die Sünden der Welt in seinem auch noch im Tode schönen Antlitz. Zwei andere Engelkinder stehen zu bei- den Seiten dieser Gruppe, davon das eine die Rechte des ent- seelten großen Todten in der seinigen hält, während das an- dere einen Theil der Bekleidung aufhebt. – Ueber dem Altare [205]ist in Stucco die Krönung Mariä dargestellt; zu beiden Seiten desselben und um zwei zur Aufbewahrung der heiligen Gefäße bestimmte Nischen sind so liebliche Engelsgestalten, welche Ker- zen tragen oder Blumen streuen, und deren einer eine Patene mit dem österreichischen und baierischen Wappen hält, an die Wände gemalt, daß man sie ob ihrer Anmuth immer wieder anblicken muß. Unter diesem schönsten aller himmlischen Ge- nien hat der Maler seinen Namen Aegyd de Ryn und das J. 1597 gesetzt, und so seinen Namen der Nachwelt bewahrt. – Ueber der Eingangsthüre beginnt, theils in den Wölbungen und theils in den darunter liegenden Feldern, eine Reihe klei- ner Darstellungen aus dem Leben des Erlösers, deren Anfang aber noch neben dem Altare zu suchen, allwo die Verkün- digung Mariä angebracht ist. Diese Bildchen enthalten den Besuch der heil. Elisabeth; die Anbetung des neugebornen Heilands durch die Engel; die Huldigung der drei Weisen aus dem Morgenlande; die Beschneidung; den Knaben Christus im Tempel unter den Schriftgelehrten und die Hochzeit zu Kana in Galiläa. Dem Altare gegenüber ist unter der Flucht nach Aegypten das jüngste Gericht und an der Decke die unbefleckte Empfängniß Mariä, zu deren beiden Seiten symbolische Dar- stellungen derselben mit Inschriften aus der lauretanischen Li- tanei zu sehen sind, welche sie als den Thurm Davids, den Fons aquarum, civitas Dei, Scala coeli, Speculum sine macula u. s. w. 1(Die Wasserquelle, die Stadt Gottes, die Himmelsleiter, den Spiegel ohne Flecken u. s. w.) darstellen. Mit dem Ganzen stimmen selbst die purpurrothen Roccoco- Tapeten, welche die dem Altar ge- genüberstehende Wand verkleiden, trefflich überein 2(Diejenigen, welche diese Kapelle zu sehen wünschen, mögen sich an den Hrn. Thürsteher des k.k. Gubernial-Präsidiums verwenden.).

Auch das ständische Joanneum hat eine Hauska-pelle, in welcher täglich Gottesdienst abgehalten wird. Sie enthält ein sehr gutes Altarblatt, die Taufe Christi im Flusse Jordan, von J. Stark, das zu seinen besten Werken gehört und sich eben- so vortheilhaft durch das gründliche von jeder Farbenkoketterie freie Colorit, als durch die schöne Zeichnung des Nackten auszeichnet. Besonders gut ist der Hintergrund gehalten, in dem der Menschheit über dem fernen Gebirge die erste Morgenröthe eines neuen schöneren Tages aufgeht. Auch unter den an den Wänden herumhängenden Apostelköpfen sind einige höchst ausdrucksvolle Physiognomien.

[206]

Im bischöflichen Seminarium ist an die Stelle jener alten Hauskapelle, die sich in einem der Stockwerke des im J. 1831 abgetragenen Bogens befand, der eine Verbindung zwi- schen diesem Gebäude und dem Dome herstellte, eine andere ge-treten, die in einem der Säle des Priesterhauses errichtet und von dem hochwürdigsten Fürstbischof Roman Sebastian Zängerle am 2. October 1834 eingeweiht wurde. Sie dient bloß zur Verrichtung der häuslichen Andacht für die Zöglinge des Prie- sterhauses. In ihr befinden sich auf dem Altare eine unbe- fleckte Empfängniß Mariä, aus deren herabgesenkten Händen goldene Strahlen ausströmen; und neben demselben in einem zweiten Bilde eine von Engeln verehrte Monstranze mit der Ho- stie in den Wolken über einem Altar, vor welchem der heilige Aloysius, dem sein Schutzengel aufmunternd zur Seite steht, auf den Knien liegt und mit Inbrunst das ihm gewordene himmli- sche Gesicht anbetet; beide von einem Dilettanten, Franz Ste- cher, der Laienbruder der Gesellschaft Jesu ist, in einer durch- aus überlichten, weichen Manier ohne kräftigende Schatten und ohne jene Tiefe des Gefühls und jene Innigkeit des Ausdrucks religiöser Stimmung gemalt, die auch den Beschauer unwill- kürlich zu ergreifen und zu fesseln fähig sind, wie solches bei den alten Meistern der deutschen und italischen Schule aller- dings der Fall ist. Ein das Kreuz tragender Christus von Kollmann ist gut und der heil. Papst Gregor der Große von Tannhauser eine tüchtige Arbeit. Die übrigen älteren Bilder sind ohne Bedeutung.

Auch das Landhaus hatte sonst seine eigene Kapelle, die aber jetzt in einer bloßen Wandnische besteht, welche durch eine Thüre geschlossen wird, und eine gute unbefleckte Empfäng-niß Mariä zum Altarblatte hat, dessen Meister nicht bekannt ist. Sie befindet sich in der sogenannten Landstube oder dem gro-ßen Saale, in welchem sich die Stände zu den Landtagen ver- sammeln, vor welchen an diesem Altare von einem Priester der Stadtpfarre, am Postulaten-Landtage aber im großen Ritter- saale, allwo dann ein Altar errichtet wird, von dem jeweiligen Abte des Cisterzienserstiftes zu Rein, als dem Erbhofkapellan des Herzogthums, eine Messe verrichtet wird. –

Der ständischen Ka- pelle geschieht schon im J. 1494 Meldung. Damals erkauften nämlich die Stände ein Haus, die Kanzlei genannt, sammt der Lehenschaft der Kapelle darin, mit aller Herrlichkeit und Zuge- hörung, worunter auch die Landhauskaplaneigült und das Recht begriffen war, die Landhauskaplanei zu besetzen. Die letztere [207]ging aber bald ein, da die Landstände zur Zeit der Regierung Kaiser Ferdinands I. und Maximilians I., und während der Herrschaft des Herzogs Karl II. allmählig zur neuen Lehre der Kirchen- Reformatoren übergingen. Man riß beim Umbaue des Landhauses im J. 1563 die alte Kapelle ein und verkaufte am 6. März 1572 auch noch die erwähnte Gült, die zwar spä- ter wieder zurückgekauft und dem Stadtpfarrer gegen dem über- lassen wurde, hier wöchentlich eine Messe zu lesen, was aber nicht mehr geschieht. – Hierauf feierten die protestantischen Landstände hier bei verschlossenen Thüren ihren Gottesdienst. – Die spätere Kapelle wurde erst ein halbes Jahrhundert dar- nach zugleich mit dem alten Rittersaale erbaut, und erst in der neuesten Zeit durch die erwähnte Wandnische ersetzt.

Die heil. Geist-Kapelle im Gebäude des k. k. General-Commando's (Nr. 36), deren Eingang zur ebe-nen Erde unter der Thorwölbung des Hauses sich befindet, und die nur an Sonn- und Feiertagen von der k.k. Feldgeistlich- keit zum Messelesen benützt wird, ist mit Fresken, welche die Wölbung und die Wände bedecken, geschmückt und deren eines auch dem davor stehenden Altartische zum Hochaltarbilde dient. Dieses stellt die Ausgießung des heil. Geistes in der Gestalt feuriger Zungen dar. An der Decke dem Altare zunächst ist der englische Gruß, in der Mitte die heil. Dreifaltigkeit und über dem Musikchor die Taufe Christi im Flusse Jordan abge- bildet. Sämmtliche Fresken sind von dem steiermärkischen Ma- ler Franz Jannek, und der Tabernakel des Altars mit den an- betenden Engeln und dem ovalen kleinen Basrelief der heil. Barbara von weißem Marmor, von Veit Köninger 1(Einem Tiroler- Künstler der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Zög- linge und später Mitgliede der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien, der sich in Grätz niedergelassen hatte, und ein tüchtiger Bild- hauer war.). An der Evangelienseite wurde neben dem Altare dem Feldmarschall Lieutenant und commandirenden General in Innerösterreich Leonhard Grafen von Rothkirch und Panthen 2(Geboren zu Pahrendorf am 6. November 1773, gestorben in Wien den 10. Juni 1842.) von seiner Fa- milie ein Denkstein gesetzt, der folgenden sinnigen Schluß hat:

"Auch ein Ruf der Liebe ist der Tod."

Die fürstbischöfliche Residenz (Nr. 153) hat eben-falls eine besondere Kapelle, die von dem gegenwärtigen Herrn Fürstbischof von Seckau, Roman Sebastian Zängerle, in ihre [208]jetzige höchst erfreuliche Gestalt gebracht und reichlich ausge- schmückt wurde, und nicht nur dem Fürstbischof zur Verrich- tung seiner Andacht dient, sondern auch, da sie von dem Fürst- bischofe Grafen von Arko am 10. August 1782 auf den Titel: "des zwölfjährigen Jesus im Tempel" consecrirt wurde, zu bi- schöflichen Functionen gebraucht wird. Sie enthält mehre der Betrachtung würdige Bilder. Den Altar schmückt eine Mater dolorosa, deren tiefer Seelenschmerz ergreifend ist. Ihm ge- genüber hängen die drei besten Gemälde der Kapelle: ein aus- gezeichnet herrlicher Kalvarienberg mit den drei Kreuzen, auf dem, außer der geistreichen Auffassung der Sonnenfinsterniß, der dadurch hervorgebrachten effectreichen Beleuchtung, und der richtigen Zeichnung des Nackten in den drei Gekreuzigten, be- sonders der Weltheiland in seinem letzten Scheideblicke eine tiefe Rührung erweckt; eine Anbetung der Hirten und die Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenlande, zwei Stücke, die von niederländischen Meistern zu sein scheinen. – Eine eigenthüm- liche Kunstrichtung unserer Zeit repräsentirt das Bild von Ober- rauch, die wie ohnmächtig dahingesunkene heil. Philomene mit lange herabwallendem Kopfhaar, welche zwei liebliche Engel stützen, deren einer ihre Schultern mit Oel begießt. – Der heil. Anton von Padua auf der anderen Seite des Altars, ein Geschenk der Frau Gräfinn Tarnowska, ist ein neues, aber sehr gutes Bild voll ernster, würdevoller Haltung, Färbung und richtiger Zeichnung; höchst wahrscheinlich die Copie eines Paduaner- Gemäldes. – Ringsum an den Wänden hängen vierzehn kleine Bildchen mit den Leidensstationen des Herrn, von Johann Leitner, einem noch lebenden Maler; eine Copie des Bildes der kaiserlichen Gallerie von Giuseppe Ribera, genannt il Spagnoletto, welches Christum vor den Schriftge- lehrten im Tempel darstellt, und zwei Bilder des Jesuiten Laienbruders Franz Stecher, nämlich zwei Bruststücke, Chri-stus und Maria, beide mit dem strahlenden Herzen vor der Brust, welche nicht ohne Verdienst und jedenfalls gelungener als jene der Priesterhauskapelle sind.

Nicht minder hat auch das Damenstift (Nr. 19) seine eigene Kapelle, die noch immer den Stiftsdamen zum Ge-brauche dient, aber durchaus nichts Bemerkenswerthes enthält.

Die Hauskapelle des Admonterhofes (Nr. 309), welche im ältesten Theile desselben liegt, und worin alle Sonn und Feiertage und auch sonst zuweilen Messe gelesen wird, hat zwei sehr gute Bilder auf Kupfer, den englischen Gruß [209]und die Anbetung der Hirten, welche an der linken Kapellen- wand hängen.

Die Kapelle des ehemaligen Ferdinandeums (Nr. 122) dient jetzt den Schülern der Normalhauptschule zu ihrem täglichen Gottesdienste; sie ist erst neueren Ursprungs, hat auf dem Altare eine Madonna mit dem Kinde, und zu beiden Seiten desselben Christum in Mitten der Schriftgelehrten im Tempel von J. Stark, und den Erlöser, welcher die Klei- nen um sich versammelt, von Mathias Schiffer 1(Geboren zu Puch im Grätzer- Kreise der Steiermark im J. 1744; ein vorzüglicher Landschaft- und Freskomaler, starb erst im dritten Jahr- zehend des laufenden Jahrhunderts.).

Endlich hat auch das k. k. Militärspital am Karme-literplatze (Nr. 61) eine eigene Hauskapelle, die zwar nur klein, aber doch im Gebrauche ist, indem hier den Recon-valescenten dieses Krankenhauses Messe gelesen wird. Ein Bild des zur Geißelung an eine Säule gebundenen Heilandes ist wegen der Stellung, welche der unbekannte Meister dem Er- löser gegeben, einiger Beachtung werth.

§. 9.

Weltliche öffentliche Gebäude.

Der weltlichen öffentlichen Gebäude hat Grätz mehre, die nicht bloß in geschichtlicher, sondern auch mitunter in architek- tonischer Beziehung einige Aufmerksamkeit verdienen, nicht als ob dieselben, mit Ausnahme des Rathhauses, in ihrem Bau-style anderen Orten zu Mustern dienen könnten, sondern nur als Typen der Bauart ihrer Zeit. Unter allen gebühren der Burg, dem ständischen Theater, der Universität, dem Landhause, dem ständischen Zeughause, dem Joanneum und dem Rath- hause in der Beschreibung unserer Stadt unstreitig die ersten Plätze. Die k. k. Burg, ein weitläufiger Bau, der aus verschie-denen Zeiten stammt, ist als neue Residenz der traungauischen Markgrafen höchst wahrscheinlich zwischen 1056 und 1120 er-baut worden, jedoch soll die alte und erste Burg an der Stelle des ehemaligen Vicedom-Hauses gestanden haben. Hier wohnte gewiß der erste babenbergische Herzog von Steiermark, Leopold der Tugendhafte (VI.), welcher am Tummelplatze den Fuß brach und im Banne starb, der aber von ihm durch den Erzbischof von Salzburg genommen wurde, eine Handlung, die der Papst später bestätigte. Von da an war sie der Sitz der Herzoge des [210]Landes, von denen die meisten hier einen großen Theil ihrer Tage verlebten. Insbesondere wurde im J. 1295 in der hiesi-gen Burg die Herzoginn Elisabeth, die Gemahlinn Albrechts I., des Sohnes Rudolphs von Habsburg, von einer Tochter entbun- den, die in der heil. Taufe den Namen Katharina erhielt und nachmals die Gemahlinn Karls, Herzogs von Kalabrien, wurde. Im J. 1316 hielt sich der unglückliche K. Friedrich der Schö-ne (III.), nachdem die Oesterreicher die Schlacht bei Morgarten verloren hatten, längere Zeit hindurch hier auf und sammelte Truppen, die er später aus Oesterreich und der Steiermark sei-nem geliebten Bruder Leopold zuführte. In gleicher Weise hiel- ten auch nach und vor ihm viele Fürsten seines und des Stam- mes der Grafen von Babenberg ihre Hofhaltung in der hiesi- gen Burg. – Aus dieser ältesten Zeit scheint kein Ueberrest mehr vorhanden zu sein.

Kaiser Friedrich IV. begann im J. 1450 zugleich mit der St. Aegydienkirche den Umbau derselben und des Vice- domhauses, und förderte die Arbeit so rasch, daß er schon im Juni des J. 1453 mit seiner Familie und seinem ganzen Hof- staate, worunter sich auch sein Geheimschreiber Aeneas Syl- vius Piccolomini befand, der später als Pius II. den päpst- lichen Stuhl bestieg, seinen Einzug in sie halten konnte. Der ritterliche Kaiser Mar, der sich in ihr zu wiederholten Malen und längere Zeit (1490, 1499, 1506, 1514 und 1515) auf- hielt, förderte den vollen Ausbau derselben in den Jahren 1494, 1495 und 1500. Sie war auch die Wiege des erneuerten habs- burgischen Regentenstammes durch den hier am 9. Juli 1578 gebornen K. Ferdinand II. und die Geburtsstätte einer Reihe von Prinzessinnen, seiner Schwestern und Töchter, die nachher auf die Throne mehrer europäischen Staaten gelangten 1(Siehe Dr. Polsterer's Grätz und seine Umgebungen ꝛc. Grätz, 1827. S 106 und 107.). Nachdem Grätz aufgehört hatte, die Residenz eines Zweiges des habsburgischen Hauses zu sein, verblieb es doch noch stets das kaiserliche Absteigequartier und war auch in dieser Zeit der Schauplatz nicht unwichtiger Ereignisse; denn, um nur Eines von Vielen herauszuheben, in den Gemächern derselben fand stets der wichtigste Act der Erbhuldigung Statt, von welcher Landesfeier die Burg zuletzt noch am 5. Juli 1728 unter Karl VI. Zeuge war.

In jenen Zeiten enthielt dieselbe auch eine Büchersamm- lung mit vielen kostbaren Handschriften, die aber schon im J. [211]1745 nach Wien kamen; eine Sammlung von Gemälden be- rühmter Meister; sehenswerthe alte Kunst-Raritäten und eine Rüstkammer, davon nur ein Theil in die Residenz übersetzt, der übrige Theil aber im J. 1765 öffentlich versteigert wurde 1(Bei dieser Versteigerung wurden auch 135 Holztafeln zu dem berühmten sogenannten Triumphzug des K. Maximilian I. nebst einem aus 90 Blättern bestehenden alten Abdruck desselben und 237 meisterhafte Ta- feln zum "wentzKhunig," deren Werth man nicht kannte, veräu- ßert, welche von dem Jesuiten P. Ludwig Debiel gekauft, von einem andern Priester der Gesellschaft Jesu, Höger, die Abdrücke gemalt und von dem P. Rector des hiesigen Collegiums der Jesuiten Joseph Bar-darini in J. 1773 mit dem Auftrage auf den mathematischen Thurm gegeben wurden, daß sie gut bewahrt und nur hohen Standespersonen gezeigt werden sollten. Nach der Aufhebung der Jesuiten kamen Ta-feln und Abdrücke an die Universitäts-Bibliothek, welche jedoch die erstere bald an die k. k. Hofbibliothek in Wien gegen eine ihr zugesi-cherte Entschädigung abgeben mußte.).

In Abwesenheit des kaiserlichen Hofes bewohnt der Lan-des-Gouverneur den einen Theil der Burg, der übrige Theil ist von dem k.k., steiermärkischen Landes-Gubernium und des-sen Kanzeleien eingenommen. In ihr wurden früher auch und zwar bis zum Jahre 1820 die Sitzungen des steiermärkischen Landrechts abgehalten.

Die Burg ist unstreitig das durch ihr Alterthum inte-ressanteste weltliche öffentliche Gebäude von Grätz, das freilich durch vielfachen Umbau schon mehre seiner ursprünglichen Ei-genheiten eingebüßt hat, aber des Beachtungswerthen doch noch immer viel enthält. Am östlichen Stadtende nächst dem nach ihm benannten Thore gelegen, der Hauptfront nach nicht der Stadt, sondern dem Walle zugekehrt und durch die Baum-gruppen seines Gartens dem Auge der Neugierigen größten- theils entzogen – wobei man freilich, da sie ganz schlicht ist, eben nichts verliert – ermangelt sie von dieser Seite angesehen, durchaus jenes architektonischen Gepräges, das sonst Gebäude der Art, die aus so früher Zeit stammen, so interessant und lehrreich macht, und vermag daher nur durch sein Alter zu fesseln.

Der Domkirche gegenüber hat dagegen die Burg schon ein schärfer ausgedrücktes Gepräge. Hier befindet sich in einer mit einem Gebälke gekrönten hohen Mauer, welche zwei Ge-bäudetheile mit einander verbindet, ein großes Einfahrtsthor im rustiken Style, über dem zunächst sich die niedrigen klei-nen viereckigen Fenster eines Verbindungsganges zeigen, der im ersten Stockwerke innerhalb desselben von einem Flügel zum andern führt. Im zweiten Geschoße liegt über diesem Gange eine offene Säulenstellung, die längs der ganzen Fronte [212]ein einfaches schmales Ziegeldach trägt, das eine zweite ganz freie Verbindungsgallerie überdeckt, die aus der eigentlichen Burg nach jenem Schwibbogen hinüberführt, mittelst dessen die Burg mit der Domkirche zusammenhängt. Die an diese Mauer beiderseits sich anschließenden schmalen Gebäudetheile enthalten nur wenige breite Fenster und sind übrigens ganz unbedeutend. – Die mancherlei einzelnen Abtheilungen des weitläufigen Gebäudes enthalten des Merkwürdigen und Se- henswerthen noch immer ziemlich viel.

Durch das ebenbeschriebene Thor betritt man den ersten der vier Höfe, welche die Burg einschließt, und befindet sich un-ter jenem hohen von schlanken Pfeilern getragenen Gewölbe, welches dem erwähnten Verbindungsgange zur Unterlage dient, und an das sich eine ebenfalls von gegliederten Mauerpfeilern gestützte, überdachte Einfahrt anschließt, unter derem Schutzrechts eine gewöhnliche neuere Stiege in die kaiserlichen Appartements (jetzt die Wohnung des Landes-Gouverneurs) und links eine offene mit korinthischen Säulen und schöner Stuecaturarbeit, dem kaiserlichen Adler und anderen Verzierungen reich geschmückte Steintreppe in den älteren und zwar in jenen Theil des Ge-bäudes geleitet, den heut zu Tage das k. k. Gubernium (die höchste politische Landesstelle) mit den ihm bei- oder unterge-benen Behörden der Baudirection, des Fiscal-, des Bücher- Re-visionsamtes ꝛc. inne hat, und der dem Dome zunächst gegen- überliegt. – Der Anblick dieser Treppe, vom Hofe aus angesehen, in Verbindung mit der Einfahrtshalle, den darüber liegenden Verbindungsgängen und dem dahinter sich erhebenden Dome und Mausoleum ist ein höchst malerischer, und diese Partie un-streitig die interessanteste der ganzen Burg. – Eine dritte höchst eigenthümliche Doppelwendeltreppe, das merkwürdigste Baustück des ganzen Gebäudes, führt im Hintergrunde dieses Hofes in einen anderen um ein Stockwerk höher gelegenen Hof und zu Gängen, welche unstreitig dem ältesten Theile der Burg an-gehörten. Diese Steintreppe besteht aus zwei Armen, die sich abwechselnd vereinigen und wieder trennen, und in dieser Ge- stalt, bei zierlich ausgeschmückter Spindel und Einfassung, bis in das zweite Stockwerk emporführen.

Ein Brunnen immer fließenden Wassers, das zuerst Erz- herzog Karl II. im J. 1571 (siehe S. 8) vom Rosenberge hatte hereinleiten lassen, belebt durch sein melodisches Plätschern die Einsamkeit, welche gewöhnlich in diesem Hofraume herrscht, an dessen hohen Wänden man, außer dem Uhrthurme, der [213]sich über der Doppelwendeltreppe erhebt, und einigen Römer-steinen, nur jenen Eck-Vorsprung einiger Beachtung werth fin-den wird, der den beiden Brunnen gegenüber sich sogleich als ein Rest des Friedericianischen und Maximilianischen Baues kund gibt. Dort zeigt sich ein vermauertes Bruchstück eines altdeutschen Steinbalkons und dabei das nachstehende, die be-kannten Friedericianischen Selbstlaute enthaltende Monogramm, das auch im Hintergrunde des Hofes noch einmal erscheint:

darunter steht das kaiserliche Wappen und der portugiesische Wappenschild Eleonorens, der Gattinn Friedrichs IV., und da- neben die Jahrszahl 1452 (1452). Hoch oben zeigt sich neben zwei bärtigen Köpfen ein Brustbild eines Engels mit einem Bande, das die Jahrszahl 1498 (1498) enthält, und jenseit dieses vorspringenden Eckes unter einem Fenster wieder das Jahr 1500 (1500), woraus sichere Schlüsse auf die Zeitfolge des Baues gemacht werden können.

Dem Steinbalkone zunächst gewahrt man einen Römer-stein mit folgender Inschrift:

T. Vario Clementi Ab epistulis Augustor. Proc. Provinciar. Belgice et utriusq. Germ. Raetiae, Mauret. Caesarens. Lusitaniae Ciliciae Praef. Equit. Al. Britannicae Miliar. Praef. Auxiliorum in Maret. Tingitana Ex Hispania Missorum Praef. Equit. Al. II. Pannoniorum Trib. Leg. XXX. V. V. Praef. Coh. II. Gallorum Macedoniae Civitas Treverorum Praesidi optimo 1(Dem Titus Varius Clemens, Geheimschreiber der Kaiser, Statthalter der Provinzen Belgiens und beider Deutschland Rhätiens, des cäsarens. Mauretaniens, Portugals, Ciliciens. Dem Befehlshaber von 1000 Reitern der brittischen Abtheilung, Obersten der aus Spanien entsendeten Hülfstruppen in das tingitan. Mauretan. Befehlshaber der zweiten Abtheilung der Reiterei Der Pannonier; Kriegsoberster der 30ten ulpianischen Legion, Dem Obersten der zweiten macedonischen Cohorte der Gallier (setzte diesen Stein) Die Stadt Trier Dem besten der Landvögte.). [214]

Daneben befindet sich ein Stein mit folgender Inschrift:

Venerande vetustati Imp. Caes. Maximilianus Aug. cineres et ossa. Rom. cum vitro integro numismatq. antiquo apud Ley- bnicum effossa huc reponi jus- sit Anno 1506 XII Kys maii 1(Ob des ehrwürdigen Alterthums ließ Kaiser Maximilian, Mehrer des Reichs, die Asche und Gebeine der Römer, welche mit einem ganzen Glase und einer alten Münze bei Leib- niz ausgegraben wurden, hier beise- tzen im J. 1506 am 21. des Monats Mai.).

Ueber beiden ist abermals ein römischer Denkstein ein- gerahmt mit nachstehender Inschrift:

Candidus Q. Morsi Potentis Titiani Fr. Sibi et Surinae con. 0pt. Ann. XX F. F. 2(Candidus, der Bruder des Quintus Morsus Potens Titianus (ließ) Sich und Surinen, der besten 20 Jahre alten Gattinn den Stein setzen.).

An der äußeren Wand der alten Doppeltreppe, welche ebenfalls die Jahrszahl 1500 (1500) zeigt, sieht man einen römischen Grabstein mit dem Brustbilde eines Mannes und einer Frau, der einer derjenigen ist, die im vorigen Jahrhun-derte in der Nähe des sogenannten Venushofes (oder Tem-pels) ausgegraben wurden, mit den Worten:

C. Duronius Martialis V. F. sibi et Proculeiae Proclae Conj. Ann. XXX et C. Duron. suo F. Ann. XX 3(Cajus Duronius Martialis hat noch lebend sich und seiner 30jährigen Gattinn Proculeia Procla und dem C. Duronius seinem 20jährigen Sohne (diesen Stein gesetzt).).

Daneben zeigt sich ein zweiter Römerstein mit den Worten:

[215] Bellatulo Biraconis F. ANN. LXX et Alte onatae Malsonis F. Conj. Ann. IX et Fevinae F. Ann. XXX Et Claudiae Ba nonae Ann. VIII H. F. C. 1(Dem Bellatulus, einem Sohne des Biraco, 70 Jahre alt und seiner Gattinn Alteonata der Tochter des Malso. 9 und der Tochter Fevina 30 und der Claudia Ba nona 8 Jahre alt (haben diesen Stein) die Erben setzen lassen.).

Nächst der Doppelpumpe ist am Boden der in der Karl-au ausgegrabene jüdische Grabstein des Rabbi Nisim, der in Grätz am 15. Juni des J. 1389 starb, in die Mauer ein-gefügt. Der zweite kleinere Hof, sonst unbedeutend, enthält über dem Eingangsthore die Jahrszahl 1495 (1495) und über einem Fenstersturze das J. 1494 (1494); er steht durch eine von Säulen getragene Gallerie, über der sich ein Theil der Gu-bernial-Registratur befindet, mit dem dritten und mittelst eines Thores mit dem vierten Hofe in Verbindung, der theils mit dem Burggarten und theils mit dem Hofe des Theater-Ge-räthehauses communicirt.

Die im obersten Stockwerke befindliche merkwürdige Ka-pelle, die größte Zierde der Burg, ist bereits S. 203 beschrieben worden, und der sehenswerthen Gemäldesammlung Sr. Ercellenz des Herrn Landes-Gouverneurs Grafen von Wickenburg wird später noch Erwähnung geschehen. –

Aus der Burg ging sonst der schon S. 140 erwähnte Gang in das Schloß hinauf und ein zweiter unterirdischer in das Universitäts-Gebäude hinüber, auf welchem Herzog Karl II. sehr oft das Collegium der Väter Jesu insgeheim besuchte, um sich mit ihnen und seinem Kanz-ler Wolfgang Schranz (siehe S. 162) über die Maßregeln zu berathen, welche wegen der immer mehr überhand nehmenden Lehre der Reformation zu ergreifen seien. Er mündet sich im Ecksaale des Erdgeschoßes der Universität, der Ecke zunächst, aus und ist von Außen durch ein kleines erst im Jahre 1834 gebrochenes Fenster am Boden bezeichnet, aber jetzt sowol von Seite der Burg als auch von jener der Universität unzu-gänglich.

[216]

Mit der Burg hängt auch das ständische Theater durch einen Gang zusammen, der über zwei Thore hinweg durch einen Theil der Gemächer des Redoutensaales in die kaiserliche Loge führt. Bis zum J. 1774 war das der Witwe Piccinelli gehö-rige, kleine, baufällige Theater, welches am Tummelplatze nicht ferne von dem damaligen Pulvermagazine stand, die einzige Schauspielbühne der Stadt. Nach erkannter Nothwendigkeit für die immer steigende Volkszahl ein würdigeres Schauspielhaus zu erbauen, wurden die Stände am 4. December 1770 von dem k. k. innerösterreichischen Gubernium aufgefordert, den Bau eines neuen Theaters über sich zu nehmen. Nachdem ihnen, die an-fänglich nur einen Beitrag zu leisten gesonnen waren, durch Hofkanzlei-Decret vom 27. Februar 1773 das Eintrittsgeld so-wol in das Theater als auch in den Redoutensaal verwilliget, und mittelst Ministerial- Banco- Hof- Deputations- Rescriptes vom 28. October 1774 auch der von ihnen zur Baustelle vorge-schlagene, zwischen der k. k. Burg und dem alten Vicedomhause gelegene Vicedomgarten unentgeldlich überantwortet worden, schritten sie unter der Leitung des Franz Anton Grafen von Inzaghi unverzüglich zum Baue, der rasch aus seinen Grund- festen emporstieg, und den Bewohnern bald darnach, und von da an, durch 47 Jahre manchen dramatischen und musikalischen Hochgenuß darbot 1(Ausführlicheres siehe über das alte und neue Theater in Dr. Polsterers Grätz ꝛc. a. a. D. S. 114 u. s. w., und in v. Leitner's trefflichem Auf-satze: Ueber den Einfluß der Stände auf die Bildung in Steiermark; in der neuen Folge der steiermärk. Zeitschrift vom J. 1835 2. Jahrg. I. Heft S. 122 u. s. f.). Im J. 1823 verwandelte ein in der Nacht vom 24. auf den 25. December im Theater selbst aus- gebrochener Brand das im Innern eben erst bequem und ge- schmackvoll erneuerte Gebäude in eine Ruine.

Damit aber die Bewohner der Hauptstadt die gewohnte Erheiterung nicht zu entbehren brauchten, wurde von den hohen Herren Ständen einerseits unverzüglich in der nächst dem Münzgraben gelegenen ständischen Reitschule ein Aus- hülfstheater improvisirt, und andererseits sofort zur Erbauung eines neuen Schauspielhauses die erforderlichen Einleitungen getroffen. Zu diesem Ende ersuchten sie den k. k. Hofbau- rath Hrn. Peter Nobile, sich nach Grätz zu begeben, und mit Berücksichtigung der noch stehenden Hauptmauern den Plan zum Baue eines innerlich geräumigen und äußerlich ge- schmackvollen neuen Schauspielhauses zu entwerfen. Die Ko- sten der Ausführung wurden großen Theils aus dem ständi-[217]schen Zeughausfonde, welcher durch den Verkauf einer bedeu-tenden Anzahl alter, aus Schenkungen einzelner Landstände herrührender metallener Kanonen entstanden war, und aus den reinen Erträgnissen des ständischen Rohitscher Sauerbrun-nens bestritten.

So stand denn schon im Herbste des J. 1825 das ständische Theater, mit der einen Seite dem durch Abtra-gung einiger Nebengebäude gleichzeitig gebildeten Franzenspla-ze, mit der andern aber der Universität und dem k. k. Con-victe zugekehrt, in gefälliger Form neu und so umfangsreich wiedererbaut da, daß es 1400 – 1500 Zuschauer fassen kann.

Das ständische Theatergebäude – weniger beifallswürdig durch seine äußere Gestalt – die von allen Seiten sich als zu gedrückt, besonders aber die vier dem Franzensplatze zugekehrten niedrigen Säulen, welche die Bedachung der Einfahrt tragen, als zu kurz darstellen und einer schönen Zeichnung durchaus entbehrend – leidet auch im Innern an einigen bedeutenden Fehlern. Dahin gehören Verstoße gegen die Akustik und ge-gen die Hauptregel der Eintheilung, die darin besteht, Par-terre, Logen und Gallerien so zu stellen, daß man von allen Plätzen gut und bequem auf die Bühne sehen kann; doch be-sitzt es dafür auch manche Vorzüge in seiner inneren Einthei-lung, die man an andern Theatern vermißt.

Das Aeußere ist durchaus schlicht, und zeigt über den schon erwähnten Säulen die Wappen der verordneten Räthe und des Landeshauptmanns, welche zur Zeit des neuen Baues dieser ständischen Behörde angehörten, so wie die dem Theater-geräthe-Gebäude zugekehrte Kehrseite die Wappenschilde derje-nigen Verordneten und des Landeshauptmanns enthält, welche jene Aemter zur Zeit der Erbauung des alten Theaters beklei-deten, und die Aufschrift:

Laetitiae publicae has aedes posuere Praefectus proceresquo Provinciae MDCCCXXVI 1(Dem öffentlichen Vergnügen erbauten dieses Haus Des Landes Hauptmann und Stände 1826.).

Von drei Seiten tritt man durch drei Eingänge, die sich nach dem Franzensplatze, gegen die Universität und in den Theaterhof öffnen, in eine geräumige Halle, welche die Kasse, die Garderobe der Zuschauer, den Aufgang in die Redoutensäle, [218]die Eingänge in das Parterre, so wie auch die zu den Logen führenden Stiegen enthält. Diese Halle ist ganz geschlossen, im Winter geheitzt und mündet sich auf keiner Seite unmit-telbar ins Freie aus, wodurch sie den Herausgehenden genug- same Gelegenheit zu allmähliger Abkühlung gewährt. Das Haus hat nebst drei Logenreihen (die Parterre-Logen mitge-rechnet) Sperrsitze im Parterre und zwei Gallerien. Außer der großen Hofloge enthält es 58 Logen, von denen zwölf die Stände, die übrigen der Unternehmer vergeben; der Sperr- sitze sind 92 und außerdem noch mehre ganz freigegebene Sitz- bänke auf der Gallerie und im Parterre.

Das ganze Theater, in dem auch die Säle für die Maler liegen, kann mittelst vier Meißner'schen Oefen geheizt werden, liegt ringsum frei, hat sieben gewölbte Stiegen; für die Fahrenden besondere Aus- gänge; ein eigenes von ihm durch eine ziemlich breite Gasse ganz getrenntes Geräthehaus (Nr. 39), worin die Zimmer für theilweise Proben, das Decorationen-Magazin ꝛc. sich be-finden; mehre Feuermauern, welche einzelne Theile von ein-ander trennen, und eiserne Balken und Thüren an allen jenen Orten, wo die Rücksicht auf Feuersicherheit sie zu for-dern schien.

In demselben Gebäude befinden sich auch die Localitäten der Redoute, deren Hauptsaal im neuesten Geschmacke durch Säulen verziert, mit Spiegeln und Lustern versehen, recht nied-lich ausgemalt, mittelst Gallerien, Corridoren, größeren und kleineren Nebengemächern, die alle mit dem Hauptsaale in einer freien offenen Verbindung stehen, mit allen Bequemlich- keiten auf das beste versehen und so erweitert ist, daß er bei 17– 1800 Menschen zugleich fassen kann. Ohne alle Ueber- treibung kann man daher von dem hiesigen Redoutensaale sa- gen, daß er zu den schönsten der Monarchie gehöre.

Das k. k. Universitäts-Gebäude (Nr. 37) ist ein zwar stattliches, aber architektonisch eben nicht bedeutendes Haus, das äußerlich nur durch die beiden großen Wappenschilde des Erzherzogs Ferdinand II. und seiner ersten Gattinn, die eben so wie seine Mutter eine baierische Prinzessinn war, ausge-zeichnet ist.

Auf der Stätte des heutigen Universitäts-Gebäu-des hatte einst Karls II. Kanzler, Wolfgang v. Schranz, sein Haus. Als dieser seinem Herrn die Jesuiten, anfänglich nur insgeheim, zugeführt und jener sie zur Ausrottung der neuen Lehre tauglich und bereit gefunden hatte, wurde im J. 1573 (siehe S. 8) der Grund zu diesem Baue und zu dem daran- [219]stoßenden Jesuiten-Collegium gelegt, und von da an so rasch gefördert, daß er bei Gelegenheit der Gründung der neuen Akademie am 1. Jänner 1585 schon zum größeren Theile be- endet dastand; doch wurde das Gebäude erst unter seinem Sohne und Nachfolger, Erzherzog Ferdinand II., im J. 1609 ganz vollendet.

Den größten Theil desselben nimmt heut zu Tage die k. k. Universitäts-Bibliothek ein, welche im ersten Stockwerke außer zwei Lesezimmern, einem zwei Stockwerke hohen und sehr großen Büchersaale, einen kleineren Saal und ein langes saalartiges Zimmer in einem dritten Stockwerke eines andern Flügels umfaßt, in welche die Bücher vertheilt sind. Den gro-ßen Saal – welcher durch eine Reihe von zu je vieren zusam-mengestellter, die sanft geschwungenen Gewölbe tragender Säu-len in zwei Theile getheilt ist, und der einst die Aula aca- demica der Jesuiten-Universität war, in der alle größeren Feierlichkeiten abgehalten und auch nach damaliger Sitte des Ordens von der Jugend Schau- und andere scenische Spiele von Zeit zu Zeit aufgeführt wurden – ließ die große Kaise-rinn Maria Theresia im J. 1778 mit einem Aufwande von 8532 fl. in seine gegenwärtige Gestalt bringen und durch bunte Malereien ausschmücken.

Die unterhalb der Bibliothek liegenden Säle, die geräu-mig und ziemlich licht sind, werden von den Humanitäts-Classen des akademischen Gymnasiums und der juridischen, und jene des Seitenflügels von der philosophischen Fakultät zu Hörsälen benützt. An die letzteren stoßt im zweiten Ge- schoße das physikalische Cabinet und im ersten Stockwerke der ziemlich große Promotionssaal, welcher seinen Haupteingang im Priesterhause und ein lebensgroßes Bildniß Sr. Majestät des Kaisers Franz I. von "Rieder" vom J. 1836 hat. Er wurde durch die Verwendung Sr. Ercellenz des Hrn. Landes-Gouverneurs M. C. Grafen von Wickenburg im J. 1834 so hergestellt, wie er jetzt ist, und dient zur Vornahme aller aka-demischen Feierlichkeiten und zu den öffentlichen Prüfungen des Gymnasiums.

Außerdem befinden sich noch in diesem Gebäude, das hinter dem k. k. Artillerie-Zeughause mit dem Gymnasial-gebäude zusammenhängt, die Wohnung des Bibliothekars und des Famulus des physikalischen Cabinets.

An die Universität stoßt einerseits das k. k. Zeughaus und andererseits das k.k. Convict und Priesterhaus, [220]ein Eigenthum des steiermärkischen Studienfonds 1(Mit h. Studien-Hof-Commissions-Verordnung vom 22. October 1825, Z.6993, ist die allerhöchste Entschließung erfolgt, das nicht das Con-vict, sondern der genannte Fond als Eigenthümer des vormaligen Je-suiten-Collegiums anzusehen sei, dem zu Folge auch die Umschreibung geschah.), unstreitig eines der größten Gebäude der Stadt, durchaus drei Stockwerke hoch, denen aber die sich bedeutend senkende Bürgergasse, be-sonders im ersten Hofraume, das Ansehen von vier Geschoßen gibt. Es schließt einen sehr geräumigen und regelmäßigen Hof – dem die ihn rings umgebenden rundbogigen Doppel-fenster einen eigenthümlichen Anblick ernster Würde und klö-sterlicher Strenge gewähren – weiter zurück einen kleineren zweiten Hof und einen aufgelassenen Garten ein, dessen altern-de Alleen und vertrockneter Springbrunn melancholische Ge-fühle zu erwecken geeignet sind. Es hat dieses Gebäude auch einen Uhrthurm, in dem einst die älteste Specula oder der sogenannte mathematische Thurm (die Sternwarte) der Jesui-ten war, auf der Guldini, Tierenberger, Liesganig u. m. A. ihre Beobachtungen 2(Die Jesuiten sorgten schon frühzeitig für eine Sternwarte, an der im- mer ausgezeichnete Astronomen arbeiteten; hier beobachtete Gulduni, hier machte Liesganig seine Beobachtungen u. m. A. Siehe das Werk: Dimensio Graduum Meridiani Viennensis, et Hnngarici Augg. jussu et auspiciis peracta a Josepho Liesganig Societatis Jesu Vindobonae, 1770. 4to. pag. 7. in Introductionis und pag. 128 des Werkes. Die neue Sternwarte, welche sich über demjenigen Flügel befand, die den phy-sikalischen Hörsaal enthält, wurde erst im Jahre 1744 und 1745 erbaut; auf ihr beobachtete P. Tierenberger im J. 1769 den Kometen.) anstellten. Am Eingange zeigt es die Inschrift:

Colendis Juvenum Ingeniis moribus Vovit Franciscus II. MDCCCIII 3(Der Ausbildung der Jugend in edlen Sttten widmete es Franz II. 1803).

Es faßt dieses Gebäude gegenwärtig das Alumnat oder Seminarium der Seckauer- Diöcese und das k. k. Convict in sich, war jedoch einst das älteste Stadtpfarrhaus und später das Collegium der Jesuiten. Ihnen wurde nämlich bei ihrer ersten Einwanderung in Grätz im J. 1573 dieser der Pfarrkirche zum heil. Aegydius gegenüber gelegene Pfarrhof zur einstwei- ligen Wohnung angewiesen, aber schon im nächsten Jahre von dem Herzoge Karl II. der Grundstein zur Umgestaltung des Hauses in ein Collegiengebäude für die Väter der Gesellschaft Jesu gelegt, der Bau durch mehre Jahre fortgesetzt und erst [221]unter der Regierung des Erzherzogs Ferdinand II. bis zu sei-ner dermaligen ansehnlichen Größe erweitert 1(S. hierüber G. R. v. Leitner's gründlichen Aufsatz: Ueber den Einfluß der Landstände auf die Bildung in Steiermark a. a. D. S. 95 u. s. f. und A. v. Muchar's Abhandlung: Die Gründung der Universität zu Graz; in der neuen Folge der steierm. Zeitschrift. Grätz, 1834. Erster Jahrg. II. Heft S. 27 u. s. f.). Im Besitze der Jesuiten verblieb das Gebäude bis zu ihrer am 6. Septem- ber 1773 erfolgten Aufhebung, zu welcher Zeit die bis dahin getrennten Stiftungen des Ferdinandeums, des Convictes und des Josephinums in Folge eines höchsten Hofkanzlei- Decretes vom 15. September 1775 vereinigt und als eine einzige Stif- tung unter dem Namen: "Studenten- Seminarium" in das-selbe übertragen wurden. Im J. 1783 wurde in ihm von dem unvergeßlichen K. Joseph II. laut allerhöchster Resolution vom 30. März ein General- Seminarium für den Clerus von ganz Innerösterreich errichtet, doch auch dieses Institut zu Folge Hofdecrets vom 4. Juli 1790 wieder aufgelöset; um diese Zeit in ihm der Studien- Conseß gehalten; im J. 1798 das Gebäude leer gelassen, dann bis 1804 an verschiedene Parteien verpachtet und auch zur Aufnahme der französischen Kriegs-gefangenen verwendet; am 1. November 1804 hier das noch bestehende k. k. Convict, ein Erziehungshaus für studierende Jünglinge 2(Hergestellt wurde das k. k. Convict in Folge hoher Hofkanzlei- Verord- nung vom 9. Mai 1803, Z. 373, und anfänglich dem Stifte Admont zur Aufsicht übergeben; in Folge hoher Gubernial-Verordnung vom 21. Juli 1804 , Z. 9684, wurde das dem Studienfondsgute Leuzenhof im Landes-Cataster zugeschriebene Jesuiten-Collegium dem k. k. Con-victe übergeben.) gegründet und in Folge hoher Hofkanzlei-Ver-ordnung vom 2. Juli 1808 die Uebertragung des Priesterhau-ses der Seckauer-Diöcese aus der neuen Gasse genehmiget und im darauf folgenden Jahre hier eröffnet – Anstalten, die noch immer in ihm bestehen.

Das Gebäude faßt aber außerdem auch noch die Hörsäle der theologischen Facultät in sich. End-lich findet sich hier in demjenigen Zimmer, worin die strengen Prüfungen der juridischen Facultät abgehalten werden, auch eine kleine Handbibliothek von Werken aus dem Gebiete der Rechtslehre und Politik. Von der in diesem Gebäude vorhan-denen Kapelle ist bereits S. 206 die Rede gewesen. Bemer-kenswerth ist im Erdgeschoße schließlich noch der Speisesaal des Priesterhauses, in dem sich ein großes Porträt Sr. Majestät des Kaisers Franz II. von Höchle befindet und auch die Prä-mien - Vertheilung des k. k. Gymnasiums abgehalten wird. – Durch den gegenwärtigen Fürstbischof Roman Sebastian wird [222]während der Schulferien in ihm zu Ende Septembers die Pfarr-geistlichkeit zu frommen Uebungen (Erercitien) versammelt.

Diesem großen Gebäude gegenüber liegt in der Bürger-gasse nächst dem Mausoleum das Haus des k.k, inner- österr. General- Militär- Commando's (Nr. 36), ge-meinhin auch die Kriegskanzlei genannt, ein stattliches gro-ßes Haus von schönen Verhältnissen, über dessen Portal sich zwischen den Statuen der Religion und der Kunst das stei-nerne Brustbild seines Erbauers, des Erzherzogs Karl II., und die Inschrift zeigt:

Religioni et Bonis artibus 1(Der Religion und den nützlichen Künsten.);

denn es war zu seiner Zeit und bis zum J. 1775, in dem es aufgehoben wurde, ein Convict, welches er im J. 1576 mit den eingezogenen Gütern der Stifte Gairach, Griffen und Seitz, deren letzteres sich aber später wieder emporrang, ge- stiftet und dem er die Bestimmung gegeben hatte, kenntniß- reiche Jünglinge zu tüchtigen frommen Priestern zu erziehen. Zu diesem Ende wurde die Anstalt auch mit einer eigenen Hauskapelle (siehe S. 207) versehen und dem Orden der Je- suiten anvertraut. – Bezeichnend ist auch hier die immer wie- derkehrende Anspielung auf die besiegte Ketzerei in der Person des die Hydra tödtenden Herkules im Hofe am Brunnen. – Nach Aufhebung der Jesuiten wurde auch dieses Convict auf- gehoben und die reichen Einkünfte desselben zu Handstipendien verwendet. Es ist noch immer ein Eigenthum des sogenannten Convictsfonds, und wird von dem k. k. General-Commando und den zu ihm gehörenden Aemtern, als: dem illyr. inner- österr. Judicium delegatum milit. mixtum etc. nur im Wege der Miete benützt.

Weiter unterhalb desselben liegt jenseit der Gasse das k. k. Versatzamt (Nr. 34), ein großes, ernstes und solides Gebäude, das auf dem Grunde der Herrschaft Stadtpfarre steht und in seinem Baustyle manche besondere Eigenheit der Zeit seiner Erbauung an sich trägt, besonders in der Zeich-nung und Anlage seines großen und hohen Portals. Zu En-de des siebzehnten Jahrhunderts gehörte es dem Herrn Max Sigmund Grafen von Herberstein, und zur Zeit der Erbhul- [223]digung K. Karls VI. dem Kriegsrathe Sigmund Grafen von Trautmannsdorf. Von dem Versatzamte ist es erst seit dem J. 1826 eingenommen.

Noch weiter hinab liegt am Tummelplatze das adelige Damenstift (Nr. 19), ein unscheinbares, obgleich sehr weit läufiges altes Haus, das aber in seinem Innern noch immer deutliche Spuren des alten, im Spitzbogen angelegten Kreuz-ganges der Klöster zeigt, die sich einst in ihm befanden, und ob seiner Schicksale merkwürdig ist. – Von Außen würde der Fremde dieses Stift von anderen Privathäusern gar nicht un-terscheiden, wenn nicht eine niedrige schlichte Mauer, welche sich noch längs der Tummelplatzgasse hinzieht, an Zeiten er- innerte, in denen man in den Städten noch nicht auf Schön-heit achtete.

Hier war einst und bis in das vorletzte Jahrzehend des jüngst abgelaufenen Jahrhunderts ein Kloster der Nonnen des h. Dominikus. Dieses lag aber zuerst dicht vor der Stadt am sogenannten Grillbühel außer dem eisernen Thore (siehe S. 191), allwo Ulrich Herr von Wallsee, Landeshauptmann in Steiermark, und seine Gemahlinn Diemut von Rohrau es um das Jahr 1308 stifteten 1(Die Dominikanerinnen mußten entweder 1303 oder noch früher von Ul- rich gestiftet worden sein, da er in einer Urkunde vom 16. Juni 1308 sagt: novam meam fundationem in honorem Sancte Marie fundatam. (Meine neue Stiftung, zu Ehren der heil. Maria gegründet.)). Wie aus einer Urkunde des Hans von Saurau vom J. 1477 sich ergibt, befand sich da- mals hier bei den Betfrauen zu Grätz, dem einzigen Frauen- kloster, auch ein Spital, eine Stiftung der Hornecker. Alldort verblieben die Nonnen bis in das J. 1481. Damals sah man mit Besorgniß einer Belagerung des Ungarkönigs Mathias Hu- nyady Corvin entgegen und befürchtete, daß das der Stadt zu nahe gelegene Nonnenkloster im Falle einer Besetzung durch die Feinde jener gefährlich werden könnte; darum wurde es ge- schleift, die Nonnen in die Stadt übersiedelt und anfänglich in einzelnen Häusern untergebracht. Bald darauf wurde ihnen die Eggenbergische Stift (im Paradeis) zunächst dem Kloster und Gottesacker der mindern Brüder zur Wohnung angewie- sen, allwo sie durch mehr als zwanzig Jahre verblieben. – Zu jener Zeit war nächst dem Tummelplatze ein Kloster der Brüder des heiligen Franciscus mit einer dem heiligen Leon- hard geweihten Kirche, welches K. Friedrich IV. im Jahre 1463, durch den beredsamen Johann de Capistrano dazu be- wogen, hier gestiftet hatte. Im Jahre 1515 nun wurden auf [224]Befehl des K. Max I. die Minoriten aus ihrem Kloster nächst der Murbrücke in die Murvorstadt versetzt, das von ihnen ver- lassene Haus den Franciscanern, und das Kloster der letzte- ren den Dominikaner- Nonnen übergeben. – Die Kirche zu St. Leonhard, welcher sich Maria, die Witwe Herzogs Karl II., als große Wohlthäterinn bewiesen, bestand bis zum Jahre 1784, in welchem am 14. April das Kloster aufgehoben und im darauf folgenden Jahre in ein adeliges Damenstift 1(Siehe die Satzungen für das k. k. adelige Damenstift zu Grätz. Graz, 1785, 4to.) für achtzehn Töchter erbländischer Familien, deren jede außer der Wohnung im Stiftshause zu ihrer Verpflegung 500 fl. jähr-lich beziehen sollte, verwandelt wurde. Ihre Zahl ist durch die unverschuldete Schmälerung ihres Vermögens derzeit bis auf drei gesunken. Ihre Stiftskleidung ist schwarz, das Abzeichen ein mit dem Bilde des heil. Josephs und dem Jesuskinde, und auf der Kehrseite mit dem Namenszuge K. Josephs II. im blauen Felde bezeichnetes Medaillon, über dem die goldene Kaiserkrone schwebt, welches an einem breiten ponceaurothen Bande von der linken Achsel gegen die rechte Hüfte gleich einer Schärpe schräg über Brust und Rücken getragen und mit einer Schleife am untern Ende befestiget wird. Bei min-der feierlichen Gelegenheiten wird nur die Schleife mit dem Medaillon, jedoch ohne dem breiten Bande gebraucht, und jene dann an der linken Achsel befestiget. Die Kirche wurde abge-tragen, der große Klostergarten zerstückt, die Salzamtsgasse durchgebrochen und auf ihrer Stätte das Haus Nr. 20 erbaut.

Dem Stifte gegenüber liegt die ständische Zeich-nungs-Akademie und Bildergallerie (Nr. 156) , ein altes, vordem gräflich Wildenstein'sches, im J. 1819 von den Ständen für Obligationen, welche durch die Ablieferung des ständischen Tafelsilbers an den Staat entstanden waren, an-gekauftes Gebäude, das in den Jahren 1842 und 1843 durch einen bedeutenden Neubau gegen das Glacis hin auf Kosten der Herren Stände erweitert wurde, der dazu bestimmt ist, einen Theil der Lehrvorträge des Joanneums, die Real- schule und das Mappen - Archiv aufzunehmen. Im ersten Stockwerke ist die ständische Zeichen-Akademie und die Woh-nung des Akademie-Directors, im zweiten die Bildergallerie, und im Erdgeschoße die Fechtschule, an der für den Unter-richt in einigen Fächern der Gymnastik von den Ständen [225]schon aus älterer Zeit her ein Fechtmeister besoldet wird, wel- cher die Verpflichtung hat, die ihm von den Ständen zugewie-senen Zöglinge des k. k. Convictes oder auch andere Jünglinge ständischer Abkunft in seinen Fächern zu unterrichten.

In dem weiterhin sich zeigenden Gebäude des k. k. Kreisamtes (Nr. 165), der obersten politischen Behörde des Grätzer- Kreises, waren anfänglich die Dominikaner und in der letzteren Zeit bis zum J. 1809 das Priesterhaus oder Semi-narium der Seckauer-Diöcese, welches vom J. 1742 bis 1757 von dem hiesigen Stadtpfarrer Alois Bartholdi, unter dem Bischof Leopold III., Ernst Grafen von Firmian, gestiftet, durch den Dechant zu Kirchschlag, Joseph von Neuburg, bereichert und im J. 1778 durch den Bischof Johann VI., Philipp Grafen von Spauer, mit 10,000 fl. beschenkt wurde. In dem zuerst genannten Jahre wurde dieses Institut in das ehemalige Je- suiten-Collegium übersetzt, damit Anfang des Militärjahres 1809 dieses Haus dem k. k. Kreisamte zu Amtslocalitäten überantwortet werde.

In der Herrengasse liegen: die k. k. Propstei und Haupt-Stadtpfarre (Nr. 193), von der bereits S. 186 die Rede gewesen, und weiterhin die k. k. Hauptmaut (Nr. 205); die letztere aus zwei in eines vereinigten Häusern gebildet, deren eines im J. 1728 dem Herrn Ferdinand Gra-fen von Trautmannsdorf gehörte, gereicht der Stadt eigentlich durch die gewöhnlich vor ihr stehenden Last- und anderen Wä-gen zur größten Unzierde und Unbequemlichkeit. Sie dient dem k. k. Hauptzoll- und Verzehrungssteuer- Oberamte zum Amtsgebäude.

Das Landhaus (Nr. 210), der Versammlungsort und das Amtshaus der Landstände des Herzogthums Steiermark, ist ein altes ehrwürdiges Gebäude, das nicht bloß in geschicht-licher, sondern auch in architektonischer Hinsicht zu den merk-würdigsten Häusern von Grätz gehört. –

Schon vor einem halben Jahrtausend stand nächst dem Landhausgäßchen und der Herrengasse ein Gebäude, die Kanzlei genannt, das, nach dem Namen zu urtheilen, schon damals öffentlichen Schreibegeschäf-ten gewidmet war. Am 28. April 1494 kauften die Prälaten und der Adel des Fürstenthums Steier dieses Haus (siehe S. 6), welches sie zu des Landesfürsten und des Landes Angelegenheiten, und zu öffentlichen Verhandlungen bestimm- ten; darum befreite es auch K. Max I. durch eine zu Kölln [226]am 30. Juni 1494 ausgefertigte Urkunde von dem Grund- zinse und jeglicher Steuer und allen Gemeindelasten, zu denen es früher verpflichtet war. Noch mehre andere Ankäufe benach- barter Häuser geschahen von Seite der Landstände im Laufe des darauffolgenden und im Anfange des siebzehnten Jahrhun- derts, deren Besitz den Ständen Gelegenheit gab, den Pallast zu seiner gegenwärtigen Größe zu erweitern, und zwar zuerst den noch jetzt bestehenden geräumigen sogenannten Rittersaal, welcher gegenwärtig eine Art Vorsaal des jetzigen Landtags- saales bildet und bei großen Productionen des Musikvereins als Concertsaal benützt wird, zu bauen. Der westliche Theil des Gebäudes scheint schon im J. 1531 vollendet worden zu sein, wie der in der Schmidgasse am Eingange in das Landhausgäß- chen hoch oben eingemauerte Stein mit der Jahrzahl 1531 an- zeigt. Die Wände dieses Saales waren einst mit den Wappen der damaligen ständischen Geschlechter der Steiermark ausge- schmückt. Indessen wurde sowol an diesem Saale, als auch an dem ganzen nördlichen Theile des Landhauses mit längeren Un- terbrechungen bis beiläufig zum J. 1565, nicht nachgezeichne- ten Plänen oder Baurissen, sondern nach Modellen fortgebaut und die oben erwähnte innere Einrichtung vollendet. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts wurde der große, zwischen den zwei Höfen liegende jetzige Landtagssaal, in dem die Landtage und durch die Gefälligkeit der Stände jährlich auch die allgemeinen Versammlungen der Landwirthschafts- Gesellschaft und des in- nerösterreichischen Industrie-Vereins abgehalten werden, erbaut, bei welcher Gelegenheit, als man nämlich den Haupteingang in denselben durch die Wand des Rittersaales brach, die früher erwähnten Wappen zerstört wurden. Jener Saal hat ein lebens großes Bildniß des K. Franz I., von dem Hofkammermaler Höchle im J. 1811 gemalt, und einige gute Bilder über den Thüren. So erlangte das Landhaus nach und nach seine jetzi- ge Gestalt 1(Siehe hierüber den Aufsatz des ständ. Archivars, Hrn. J. Wartinger: Entstehung des Landhauses oder Ständehauses in Grätz; in der neuen Folge der steiermärk. Zeitschrift vom J. 1838, 5. Jahrgang, I. Heft, S. 118 u. s. w.).

Heut zu Tage ist es ein langes, zwei Stockwerke hohes Gebäude, das den Beschauenden durch seine gealterten schwarz-grauen Mauern; durch die unsymetrische Stellung der beiden Thore, davon nur eines wirklich ein solches, das andere hinge-gen nur scheinbar ein Thor ist; durch seine in den zwei unte-[227]ren Geschoßen eng vergitterten, in den zwei oberen Stockwerken gepaarten und über dem Haupteingange noch zahlreicher zu-sammengedrängten Rundbogenfenster; durch den eingedachten, schwerfälligen Steinbalkon, der sich über dem Thorbogen vor den Fenstern des zweiten Geschoßes dahinzieht; durch die offe-nen, schwarzen Fensterhöhlungen des dritten Halbgeschoßes, die aber schon dem Dachboden angehören; durch die glasirten, mehr-färbigen Ziegel des steilen Daches; durch das kleine mit Wind-fahnen verzierte Uhrthürmchen am hohen Firste und den dü-stern Ernst des ganzen stattlichen Baues noch recht lebhaft in die aufgeregten Zeiten des sechzehnten und siebzehnten Jahr- hunderts zurückversetzt. Diesen Eindruck erhöht noch jene schwar- ze, in einem Rahmen gefaßte Holztafel aus dem Jahre (20. Febr.) 1588, die neben den Eingangsthoren beider Fronten zu schauen ist, und die Form und Inhalt, durch ihr gemal- tes Schwert und die halbverblichene Inschrift: "Jederman mit "Strafe an Leib und Leben bedroht, der sich untersteht in "diesem hoch befreyten Landhaus zu rumoren, die wöhr, Tolch "oder Brodmesser zu zucken, zu balgen und zu schlagen, gleich- "falls mit andern Wöhren umgebühr zu üben oder Maulstreich "auszugeben." Hierdurch werden wir unwillkürlich in jene Zeiten zurückversetzt, in denen in diesem geräumigen Gebäude – welches damals noch wenige ständische Amtslocalitäten hatte, mit denen es jetzt fast ganz erfüllt ist – nicht selten Hochzeits- Feierlichkeiten ausgezeichneter Personen abgehalten, oder die Landstände auch zu Geschäftsverhandlungen von ihrer zahlrei-chen Dienerschaft begleitet und, wenn auch gerade nicht im-mer die Herren, so doch leicht die Diener, in Zank und Hader, Händel und Raufereien verwickelt wurden.

Das Innere des Landhauses ist auch nicht ohne mancher-lei Sehenswerthem, wenn gleich Einiges davon, wie z. B. der vordem in der Burg aufbewahrte Herzogshut, das Testament Herzogs Ottokar des letzten Traungauers, der kunstvoll gear-beitete Becher, der steiermärkische Landschadenbund genannt ꝛc., nur den höchsten Standespersonen gezeigt werden. – Einen schö-nen Anblick gewähren gleich beim Eintritte in den ersten Hof zwei Seiten desselben durch die dreifach übereinander gestellten Reihen von Bogengängen dorischer Ordnung, durch ihre strenge und doch reine Zeichnung, wie man sie in andern neueren Gebäuden der Stadt vergebens sucht. Ein nicht minder er-freuliches Kunstwerk ist in demselben Hofe auch die eherne Brunnenlaube, das einzige öffentliche Kunstwerk älterer Zeit, [228]welches die Stadt aufzuweisen hat. Die Stände ließen es im J. 1590 durch Thomas Auer und Maximilian Weining gie-ßen. Die schöne Zeichnung an den Figuren, die Zierlichkeit der Arabesken, die Reinheit des Gusses und das Sinnige der ganzen Anlage verrathen Künstler, die man heut zu Tage noch nicht gar zu häufig antrifft.

Der der Herrengasse zugekehrte Theil des Gebäudes ent-hält den Sitzungssaal der Verordneten und des Ausschußrathes, das Empfangszimmer des Landeshauptmanns, die Arbeitszim-mer der Verordneten, das Secretariat und die Kanzleien der verschiedenen ständischen Aemter, die Kassen u. s. w. Hier hat man auch das ständische Einreichungs-Protokoll und Erpedit zu suchen. In demjenigen Flügel, welcher dem Zeughause zu-nächst liegt, befindet sich die ständische Buchhaltung. Im zwei-ten Hofe des Landhauses befinden sich zur ebenen Erde die steiermärkische Sparkasse, im zweiten Stockwerke das k. k. Gu-bernial-Rechnungs-Departement für die directe Besteuerung, und im ersten die alte ständische Registratur und das Archiv, das einen großen Schatz an Urkunden und anderen Quellen für die Geschichte des Landes besitzt, der um so wichtiger ist, als die Stände der Provinz bisher sonst bei Allem betheiligt ge-wesen, was irgend zum Frommen des Landes gethan oder ge-sprochen worden ist.

Unmittelbar an das Landhaus schließt sich das ständi-sche Zeughaus an, ein gleich ehrwürdiges altes Gebäude, wie das Landhaus, das sich in vier etwas gedrückten Stockwer-ken erhebt, ein mit Wappen geschmücktes Portal und die Jahrs-zahl 1644 zeigt, neben dem sich auf jeder Seite eine Nische und in ihnen die durch die Unbild der Zeiten ergrauten Stand-bilder des Mars und der Bellona befinden.

Die Entstehung eines ständischen Zeughauses fällt höchst wahrscheinlich in sehr frühe Zeiten, da die häufigen Einfälle der Magyaren und Türken, denen die Steiermark in früheren Jahrhunderten aus-gesetzt war, durch die Nothwendigkeit des Schutzes eine reich gefüllte Waffenkammer erheischten; es ist jedoch nicht unwahr-scheinlich, daß ein größeres Zeughaus erst zu jener Zeit ent- standen sei, als Herzog Karl II. die Stände zur Mitgenossen-schaft bei Vertheidigung der windisch-croatischen Gränze um das J. 1578 bewogen hatte; allein dieses Gebäude ist erst viel später erworben worden. Es kauften nämlich die Stände kraft Einstandsrechtes am 16. März 1639 das damals sogenannte [229]Rattmannsdorf'sche Haus 1(Siehe Wartinger a. a. O. S. 124. GSGR), und erbauten in den zunächst dar-auf folgenden Jahren dieses ernste Gebäude, hinter dem eben-falls zwei kleinere Höfe liegen.

Das ständische Zeughaus ist aber keine moderne elegante Rüstkammer, in der die mancherlei Werkzeuge einer systemati-schen Menschentödtung wie anderwärts im Großen symetrisch und kunstgerecht gar zierlich in Reih und Glied gestellt oder gar architektonisch geordnet zu schauen sind, sondern es kün-digt sich auch jetzt noch in seiner ängstlichen Benützung des Raumes, in der Beschaffenheit der in ihm aufgehäuften Ge-wehre und in seiner Schmucklosigkeit gleich dem ersten Blicke als ein Kind der Nothwendigkeit an, das noch immer deutlich den Geist der Zeit beurkundet, dem es seine Entstehung und Erhaltung verdankt; dessenungeachtet ist der Besuch desselben eben so belehrend als interessant.

In vier niedrigen, ziemlich dunkeln, durch Holztreppen unter einander verbundenen, saalartigen Räumen, die an die Verdecke von Kriegsschiffen erinnern, ist eine unübersehbare Menge von Waffen älterer Art, besonders viele Rüstungen, Har-nische sammt Pickelhauben, Panzerhemde, Hellebarden, Streit-kolben, Morgensterne, die wegen ihrer Größe und Schwere in Erstaunen setzen, Hellebarden und Landsknechtspieße, Patron-taschen, Büchsen der ältesten Art, Pulverhörner u. dgl. m. auf-gestellt. Darunter befinden sich aber auch manche Sehenswür-digkeiten, die ein antiquarisches oder historisches Interesse haben, als: eroberte türkische Fahnen und Waffen, ungemein große Schlachtschwerte (Beiderhander), im zweiten Stockwerke ein sehr hübscher, mit dem Bathory'schen Wappen gezierter Wagen von besonderer Bauart; die vorgebliche Leibrüstung des Herzogs Karl II. von Steiermark und seine Prachtsense; die fälschlich dem unglücklichen Andreas Baumkircher und dem glücklicheren Erasmus Lueger zugeschriebenen Rüstungen; hölzerne Setz- schilde als die älteste und seltenste Gattung dieser Schutzwaffe; Helme mit stachlichtem Visier, vielleicht für die Bärenjagd be- stimmt; Bauernwaffen von besonderer Rohheit in den Bauern- aufständen erobert; eine Nondtartsche über einen Viertel Zent-ner schwer und mit den Spuren von eilf abgeprallten Kugeln versehen u. dgl. m. 2(Siehe Wiener Zeitschrift für Mode, vom 17. August 1830, Nr. 98, Seite 791 und 792.). Es gab eine Zeit, wo das Zeughaus so eingerichtet war, daß man aus ihm leicht 30,000 Mann [230]bewaffnen konnte; doch auch heut zu Tage ist das hier vor-handene schwere Geschütz nicht ohne seine Bedienung, indem die Stände noch immer ein uniformirtes landschaftliches Ka-noniercorps unterhalten, das zur Bewachung des ständischen Eigenthums dient und zur Besorgung des Zeughauses, zur Feuerwache auf dem Schloßberge, zur Bedienung der Lärm- kanonen und der ständischen Spritzen bei Feuersbrünsten ver-wendet wird 1(Diejenigen , welche das ständische Zeughaus zu sehen wünschen , haben - sich bei der ständischen Baudirection, deren Locale sich im ersten Hofe des Landhauses zur ebenen Erde befindet, zu melden.), dessen Mannschaft das Recht hat, ein städti-sches Gewerbe zu treiben.

Ein viertes ständisches Gebäude ist das Joanneum 2(Siehe J. Wartingers Aufsatz: Frühere Geschichte des Joanneumsgebäu- des in der neuen Folge der steierm. Zeitschrift vom J. 1836, 3. Jahrg. I. Heft, S. 86 u. s. w.) (Nr. 382), ehemals nach der im J. 1802 ausgestorbenen gräf-lichen Familie der Lesliehof genannt, welches auf dem Platze des gewesenen Rauberhofes in der Raubergasse, der von der steierischen Linie des Geschlechtes der Freiherren von Rauber seinen Namen führte 3(Diese Linie gehörte aber der wegen seiner Stärke berühmte Freiherr (siehe S. 16) nicht an, und war wol nie im Besitze des Rauberhofes.). Es gehörte schon im sechzehnten Jahr- hunderte den Ständen und hatte damals ganz dieselbe Bestim-mung wie jetzt. Die Stände kauften es nämlich, da die prote- stantische ständische Stiftschule im Paradeis die große Zahl lernbegieriger Jünglinge nicht mehr fassen konnte, am 24. April 1592 und widmeten es derselben Bestimmung, welche jene hatte; dieses Gebäude ward daher 1595 gehörig eingerichtet, um nicht nur Steiermärker, sondern auch aus andern Ländern, vorzüglich aus Kärnten und Krain, herbeiströmende ausgezeich- nete Jünglinge aufzunehmen. Doch kaum dieser Bestimmung übergeben, sah es seine neuen Bewohner, Lehrer und Zöglinge, dem Machtgebote Erzherzogs Ferdinand II. gemäß, im Herbste 1598 wieder ausziehen und sich bald darauf wieder in Pri- vatbesitz (1620 an das Stift St. Lambrecht und 1684 an die Familie der Grafen von Leslie) übergeben, aus dem es erst am 22. Jänner 1811 nach einer öffentlichen Versteigerung für den Betrag von 162,431 fl. Bankozettel in das Eigenthum der Stände überging, die das Gebäude sofort seiner gegen- wärtigen gemeinnützigen Bestimmung widmeten, welche an einem andern Orte des Werkes wird auseinandergesetzt werden. – Nach Beendigung eines viel neueren Anbaues umschließt [] [] [231]das große, durchaus zwei Stockwerke hohe Haus, in dem sich auch der Leseverein, die Kanzlei der k. k. Landwirthschafts-Ge-sellschaft und eine Hauskapelle (siehe S. 205) befinden, und der Custos mit einem Zimmerwärter und einiger Dienerschaft, so wie auch das Gartenpersonale wohnen, derzeit zwei geräu-mige Höfe, deren ersterer auf zwei Seiten von drei überein-ander stehenden Arkadenreihen begränzt ist, welche dem Ge-bäude ein italisches Ansehen geben und die geeignetesten Räu-me zur Aufstellung eines Lapidariums darbieten, wozu freilich erst ein schwacher Anfang gemacht ist, der aber durch die Ver-einigung aller in Grätz und dessen nächster Umgebung vorhan-denen römischen Denkmäler allein schon ansehnlich erweitert werden könnte. Gegen die Raubergasse hat das Gebäude eine zwar stattliche, aber doch ungleiche und in einem Winkel ge-brochene Fronte, indessen die dem botanischen Garten zuge-kehrte Rückseite eine bei weitem hübschere und auch gleicharti-gere Façade darbietet 1(Welche ein dem Werke beigegebener Stahlstich anschaulich macht.).

Das dem Joanneum benachbarte Haus Nr. 383 ist das k. k. Tabak- und Stämpelamts-Gebäude, in welchem die k. k. Cameral-Bezirksverwaltung für die Hauptstadt Grätz und für den Grätzer- Kreis, das k. k. Landrecht und Krimi-nal-Spruchgericht im Herzogthume Steiermark, und das k. k. Gefällen-Obergericht für Steiermark, Kärnten und Krain ihren Amtssitz haben. – Es hieß einst der Seckauerhof nach seinem früheren Eigenthümer, dem Domstifte der regu-lirten Chorherren zu Seckau bei Knittelfeld in Obersteiermark. Die Stifter der regulirten Chorherren von Seckau und Vorau kauften nach Austreibung der Protestanten, nämlich den 15. Jänner 1603, zusammen von den Ständen die Behausung des sogenannten Rauberhofes sammt dem Hofgarten ꝛc. bei der Ringmauer, davon das Stift Vorau den einen halben Theil am 29. Juni 1611 an das Stift Seckau verkaufte, einen Theil davon hingegen behielt, und darauf später dieses große Gebäude erbaute. Nach Aufhebung des Stiftes Seckau am 20. April 1790 kam es in Privathände und erst in un- seren Tagen durch Kauf in den Besitz des k. k. Aerariums.

Dieses Haus wird nur durch ein mittelalterlich-schlichtes und kleines Bürgerhaus von einem andern Aerarialgebäude (Nr. 385) getrennt, welches die k. k. Cameral- und Kriegskassen und die Provinzial-Staatsbuchhaltung beherbergt, und früher nach dem Stifte der regulirten Chor- herren zu Vorau, welches noch besteht, der Vorauerhof hieß.

Dieses Haus, zu dem auch ein Garten gehörte, kaufte das Stift im J. 1637, ließ noch in demselben Jahre den Grund- stein zu diesem Hause legen und bis 1675 ganz ausbauen. Von da an blieb es im Besitze dieses Stiftes, bis es im J. 1823 der Staat an sich kaufte.

Dergleichen Häuser, Höfe genannt, besaßen aber in frü-heren Zeiten in der Hauptstadt fast alle Stifter und Abteien des ganzen Landes, in denen stets einige Geistliche des Klo-sters oder Stiftes wegen verschiedener weltlicher Geschäfte wohn- ten, und auch der Abt oder Propst derselben, der schon als Landstand sich öfter in Grätz aufhalten mußte, sein Absteig- quartier hatte.

Geht man durch das Tabakamts-Gebäude hindurch in die Neuthorgasse, so steht man vor dem Gebäude der k. k. Mi-litär- Montours- Oekonomie- Commission (Nr. 423), das einst ein Kloster der barfüßigen Karmeliter- Nonnen war, denen auch die daranstoßende Kirche, welche sich auch jetzt noch sogleich als solche ankündet, aber derzeit in ein Magazin ver- wandelt ist, gehörte. Dieses Kloster wurde von der zweiten Gemahlinn des K. Ferdinands II., Eleonora Gonzaga, im J. 1641 gestiftet und der Bau durch die reichlichen Beiträge des K. Ferdinands III. ihres Stiefsohnes, seiner Gemahlinn Maria und des Erzherzogs Leopold Wilhelm, Bischofs von Passau, möglich gemacht, aber erst im Jahre 1654 vollendet. Die vier ersten Nonnen wurden aus Wien herbeigeholt, jedoch erst nach fast zweijährigem Aufenthalte theils im Kloster der Karmeliter, theils in einem Privathause nächst der Burg, am 12. Mai 1654 in ihm die strenge Clausur eingeführt. Die Kirche wurde erst am 26. September 1660 von dem Bischofe von Seckau, Johann IV. Max Altringer, einem Bruder des im Schwedenkriege bekannten kaiserlichen Generals, feierlich eingeweiht. Das Kloster wurde mittelst Hof- Resolution vom 12. Jänner 1782 aufgehoben und damals auch die Kirche ge- sperrt. Im J. 1784 wurde das ganze Gebäude dem k. k. Mi- litär- Aerar übergeben. Später kam auf einige Zeit ein Mili- tär- Erziehungshaus hinein, und endlich erhielten Kirche und Kloster ihre gegenwärtige Bestimmung.

[233]

Von da weg kommt man an der Murbrücke vorüber durch die Hafnergasse auf den Ursuliner-Platz vor das Gebäude der k. k. steierm. illyr. vereinigten Cameral-Gefäl-len-Verwaltung (Nr. 240), welches im Anfange des zwei-ten Sackes liegt und einst das kaiserl. Münzhaus war. Schon um das Jahr 1565 soll nämlich in Grätz ein eigenes Münz-haus gebaut worden sein.

Das Rathhaus – der Sitz des städtischen Magistrats und der ihm untergeordneten Aemter, die Wohnung des Bür-germeisters und im höchsten Theile auch zu Arresten benützt, während das Erdgeschoß die Hauptwache des Militärs und Kaufläden enthält – ist unstreitig derzeit das schönste Gebäu-de der Stadt. Es ist drei Stockwerke hoch, über dem ersten der drei Geschoße sowol in der Mitte als auch an den beiden En-den durch Wandpfeiler jonischer Ordnung geschmückt, deren Fries mit schönen Arabesken reich verziert ist; oberhalb des dritten Stockwerkes längs des Daches von einer steinernen Ba-lustrade gekrönt, deren Mitte eine sehr gute Uhr ziert, über die sich das städtische Wappen (das feuerspeiende, gehörnte, ge-krönte Panterthier, das auch zugleich das Landeswappen ist) erhebt, während daneben die Statuen der Gerechtigkeit und des Gesetzes stehen, und an den Endpuncten Gruppen von Genien die Bestrafung und Begnadigung versinnlichen, tüchtige Arbeiten des Bildhauers Gagon. Es hat zwei Thore, davon das Hauptthor auf den Hauptwachplatz, das Seitenthor nach der Herrengasse hinausführt. Ueber dem ersteren tritt ein auf acht gepaarten Säulen ruhender großer Balkon weit vor die Fronte heraus, vor dem zuweilen Urtheilssprüche abgeurtheil- ten Verbrechern kund gemacht werden. – Das Rathhaus wurde im Jahre 1807 auf der Stätte des durch den Zukauf zweier daranstoßenden Häuser vergrößerten alten Rathhauses, an dessen Abtragung am 4. October 1802 Hand angelegt wurde, in der Façade nach den Plänen des Baumeisters Christoph Stadler und in der inneren Eintheilung nach den Rissen der k. k. Staatsbuchhaltung im Bauwesen zu Wien, mit einem Kostenaufwande von mehr als 156,000 fl. erbaut, so daß es zu Ende des Jahres 1807 in allen seinen Theilen benützt werden konnte.

– An Sehenswürdigkeiten enthält das Rathhaus wenig. Im Kanzleizimmer des Herrn Vice-Bürger-meisters hängt eine interessante Holztafel des alten Meisters Niklas Strobel vom J. 1478, die zu Gericht sitzende Stadt-behörde vorstellend, ein Bild, das nicht ohne Verdienst, und [234]aller Beachtung und Schonung würdig ist. Im großen Raths-saale wird ein altes Gerichtsschwert gezeigt, welches in frühe-ren Zeiten die Stadtrichter bei allen ihren ämtlichen Hand-lungen getragen haben sollen. Dasselbe ist ganz mit Inschrif-ten bedeckt, welche für die Geschichte der Reihenfolge der städti-schen Obrigkeiten von Bedeutung sein dürften.

Durch einige in der Herrengasse liegende Durchhäuser ge-langt man über den Mehlplatz in die Färbergasse; alldort sind die Gebäude der k. k. Normal-Hauptschule (Nr. 122) und eine Kaserne (Nr. 121), welche noch jetzt im Schema-tismus als k. k. Versorgungs-Anstalt bezeichnet ist, bemerkenswerth. –

Das Erstere hieß sonst Ferdinandeum nach dem hier früher bestandenen Erziehungshause; es legte näm-lich Erzherzog Karl im J. 1574 den Grund zu einem neuen Seminariums- Gebäude, damit arme Kinder ihre Studien dar- in ohne Unkosten fortsetzen könnten. Sein Sohn Ferdinand II. vermehrte und bestätigte die Stiftung, und gab ihr zugleich die Bestimmung, die Musik in der Hofkirche zu versehen. Nach ihm wurde es von da an Ferdinandeum genannt. Aus ihm gingen viele tüchtige Männer hervor, wie z. B. die Kardinäle Eberhard Nithard und Gentile Banjohannes von Ancona u. m. A. Die Kaiserinn Maria Theresia vereinigte nach Aufhe- bung der Jesuiten im Jahre 1775 diese Stiftung mit dem Convicte und dem sogenannten Josephineum unter dem Na- men des Studenten- Seminariums in dem ehemaligen Colle- gium der Väter der Gesellschaft Jesu. Im darauf folgenden Jahre am 11. April wurden die Mädchen des Waisenhauses, das sich bis dahin in jenem großen Gebäude nächst den Do- minikanern befand, welches nun in eine Kaserne umgewan- delt ist, in dieses Gebäude versetzt und bei Gelegenheit der Gründung der deutschen Normal- Hauptschule am 4. August 1775 diese hieher verlegt, wo sie sich noch immer befinden. – Die Letztere war noch im J. 1776 ein Privatgebäude; in diesem Jahre wurden die Knaben des Waisenhauses aus der Murvorstadt hierher übersetzt und verblieben in diesem Hause bis zum J. 1785, in welchem es als eine selbstständige An- stalt aufgehoben wurde; während des Baues des neuen Rath- hauses war es der Sitz sämmtlicher Magistrats- Behörden, end-lich im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts erhielt es seine gegenwärtige Bestimmung.

In der Hofgasse liegt das Gebäude des k. k. akade-mischen Gymnasiums (Nr. 44), ein zwar schmales, vier [] [] [235]Stockwerke hohes, aber durch seine Bauart jedenfalls ausge-zeichnetes Haus, indem es in jedem Stockwerke drei dicht neben-einander stehende, nur durch Säulen getrennte Doppelfenster hat, welche beinahe die ganze Breite des Gebäudes einnehmen. Ueber dem Thore lieset man nachstehende Inschrift, welche über seine Erbauung Nachricht gibt:

Thomas Labacensis Episcopus Jacobus Seccoviensis Mathias Admont. Abbas Henricus ad S. Lamb. Jacobus in Stainez Praepositus Daniel in Vorav Pro Sua in bene meritas Graetienses Societ. Jesu Musas Benevolentia Hoc theologicae et philosophicae Facultatis Gymnasium Patriae bono Construxere Anno MDCXIX 1(Thomas Bischof von Laibach, Jakob von Seckau; Mathias Abt von Admont, Heinrich von St. Lambrecht; Jakob Propst von Stainz, Daniel von Vorau; Haben aus Wohlwollen für die verdienten Grätzer- Studien der Gesellschaft Jesu Dieses Gymnasium der theologischen und philosophischen Fakultät Zum Besten des Vaterlandes Erbaut im J. 1619.).

In diesem Gebäude sind jedoch nur die vier Gramma-tikalclassen und der Universitäts-Pedell untergebracht.

Das k. k. Artillerie-Zeughaus, welches zwischen dem Gymnasium und der Universität liegt, ein ernstes, soli-des Gebäude, das seine Bestimmung schon in seinem Aeußern ankündet, ist vom J. 1777 bis 1780 neu hergestellt worden. Es hatte vordem nur ein Stockwerk über dem Erdgeschoße, und war nach alter Art erbaut, höchst unansehnlich und roh anzuschauen, während es jetzt in allen drei Geschoßen weite, freundliche, lichte, durchaus gewölbte Hallen zeigt, in denen stets über 30,000 Stücke nach den neuesten Verbesserungen ausgeführte Gewehre aller Art für den Infanteriesten, Reiter und Jäger in schönster Ordnung aufgestellt sind, darunter hier und da einzelne ritterliche, vollständige Rüstungen angebracht und Fahnen verschiedener Landwehr- Bataillons aus dem Kriege [236]des Jahres 1809 zur Zierde vertheilt erscheinen; aber durch-aus keine Kanonen, welche ihren Platz auf dem Glacis vor dem Paulusthore haben. 1(Fremde, welche die Waffenvorräthe, das einzige Sehenswerthe in ihm, zu besichtigen wünschen, haben die Erlaubnis dazu in der Kanzlei des k. k. Artillerie-Feldzeugamts-Departements am Karmeliterplatz Nr. 76 einzuholen.). Aus der Hofgasse gelangt man über den Franzens- auf den Karmeliterplatz. Hier steht das k. k. Militär-Spital (Nr. 21), einst das Kloster und die Kirche (zu St. Joseph) der Karmelitermönche, welche von dem Bischof Christoph von Chiemsee empfohlen, durch den regierenden Herzog zu Kru-mau und Fürsten von Eggenberg, Johann Anton, im Jahre 1628, nachdem hierzu die Einwilligung des K. Ferdinands II. war erwirkt worden, in Grätz eingeführt und anfänglich, bis alle gegen ihre Gründung erhobenen Schwierigkeiten, und die mancherlei von dem nachtheiligen Einflusse des durch den Klo- sterbau versperrten Zutrittes der Luft auf die kaiserliche Burg hergenommenen Anstände beseitiget waren, bei den Minoriten in der Murvorstadt untergebracht wurden. Am 21. December 1628 wurde in einer nur für einige Zeit eingerichteten Haus- kapelle die erste Messe gelesen, und der Bau der Kirche erst im J. 1631 zum größten Theil vollendet. Der Hochaltar in ihr wurde von den Verordneten und Landständen gesetzt und das Kloster durch die Ueberlassung eines Bollwerkes von Seite des Landesfürsten auch mit einem Garten versehen. Im Be- sitze all dieser Gegenstände verblieben die Väter bis zu ihrer Aufhebung; worauf Kloster und Kirche, deren ehemalige Ge- stalt noch immer deutlich zu erkennen und deren letztere jetzt durch eine kleine Hauskapelle (siehe S. 209) ersetzt ist, in ein Militär-Hospital für die Garnison umgewandelt und in ihre heutige Form gebracht wurden.

– Jenseit des Karmeliterpla-zes dem Paulusthore zunächst zeigen sich rechts das städti-sche Krankenhaus (Nr. 66), und links das k. k. Ge-bär- und Findel- (Nr. 70 und 71) und das Irrenhaus (Nr. 72).

Jenes hieß einst nach dem noch bestehenden obersteieri- schen Kloster der Benedictiner zu St. Lambrecht, dem das Haus gehörte, der Lambrechter-Hof. – Einst besaß dieses Stift den Leslie-Hof (jetzt das Joanneum), und später, näm-lich zur Zeit der Erbhuldigung K. Karls VI., das am Haupt- wachplatze liegende Haus Nr. 224. – Diesen Hof hatte das [237]Stift bis zu seiner temperären Aufhebung im J. 1786, wo es seiner gegenwärtigen Bestimmung gewidmet, aber erst am 10. December 1788 eröffnet wurde, nachdem noch vier Jahre früher Papst Pius VI. bei seiner Durchreise durch Grätz am 19. März (1782) in ihm sein Absteigequartier genommen hatte. Die überladene durch Halbsäulen eben nicht geschmack-voll geschmückte Façade trägt am Portal die Aufschrift:

Saluti Et Solatio Aegrorum Josephus II. Aug. MDCCLXXXVIII 1(Der Gesundheit und Erquickung der Kranken Joseph II., Mehrer des Reichs, 1788).

Das andere, ein stattliches, schloßartiges Gebäude, einst außer den Mauern der Stadt, nunmehro fast dicht innerhalb des Paulusthors auf einem Plateau des Schloßbergfußes gele-gen, wohin eine köstliche Auffahrt emporführt, war einst im Privatbesitze, bis es der Staat ankaufte und zum Gebär- und Findel- und zum Theile auch zum Irrenhause bestimmte. Das eigentliche Irrenhaus endlich war einst ein Kloster der Kapu-ziner, von dem schon früher (S. 197) die Rede war.

§. 1O.

Privatgebäude.

Unter den Privatgebäuden gibt es allerdings auch einige, die in einer ausführlicheren Beschreibung von Grätz nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden können. Beginnen wir unsere Wanderung abermals in der Nähe der Burg und des Domes.

Dort finden wir gleich in der Burggasse das drei Stock-werke hohe Haus Nr. 4, kennbar an dem kreisrunden anti-ken Steine, der zwischen dem ersten und zweiten Stockwerke in die Wand eingemauert ist, in erhabener Arbeit einen römi-schen Ritter darstellt und zu dem einst die erste in der kaiser-lichen Burg angeführte Inschrift gehört haben soll, welche erst K. Friedrich IV. dahin habe übertragen lassen; darin soll einst nach Dr. Polsterer das kaiserliche Pfennigamt gewesen sein. – Das nächste Haus ist der Dompfarrhof (Nr. 5), und gleich daneben das Haus Nr. 7, welches nur darum bemerkens-werth ist, weil in ihm in einem großen Saale der Musikver- [238]ein seine Uebungs-Concerte hält. – Das nächste von diesem nur durch ein kleines Plätzchen getrennte Haus ist das Ge-bäude des k. k. Messing-Verschleiß, Landmünz- Pro-bier, dann Gold- und Silber - Einlösungs- und Fi-lialpuncirungs-Amtes, das erst vor einigen Jahren in seine gegenwärtige Gestalt gebracht worden ist. Vor dem war in Grätz auch ein eigenes herzogliches Münzhaus, das im An-fange des zweiten Sackes sich befand, in früheren Jahrhun-derten auch wirklich Münzen prägte, aber mittelst des Hand-billets des K. Josephs II. vom 28. März 1784 aufgehoben und in ein Münz- Probieramt umgewandelt wurde. In frü-hern Zeiten hatten auch die Stände das Recht der Münze, das sie auch wirklich ausübten.

In der Bürgergasse verdient das sehr große fürstlich Schwarzenbergische Haus (Nr. 33), der Familie wegen, der es schon seit Jahrhunderten angehört, und drei Häuser weiter hinab das große, alte, in drei Gässen sich erstreckende Haus Nr. 30 aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhun-derts, in dem schon seit einer Reihe von Jahren der jeweilige commandirende General von Innerösterreich seine Wohnung hat, darum bemerkt zu werden, weil es bereits seit Jahrhun-derten im Eigenthume der berühmten gräflichen Familie von Trautmannsdorf sich befindet. Ueber dem Thore zeigt sich das Wappen und der Titel 1(Maximilian Grav zu Trautmannsdorff und Weinsperg, Ritter des gul- den Fluß, Röm. Kay. May. Ferdinand III. geheimber Rath, Kämer und Oberster Hofmaister. – Er war geboren zu Gleichenberg am 23. Mai 1584, starb in Wien am 7. Juni 1650. Darnach ist die Angabe im Oester. Plutarch. Von Jos Freih. von Hormayr. Wien, 1807, 1 Bänd- chen S. 71 – 84 zu verbessern.) des berühmten Staatsmannes Ma- ximilian Grafen von Trautmannsdorf, der die Seele bei den Unterhandlungen des westphälischen Friedens und ein getreuer Gehülfe und Diener des Kaiser Mathias, Ferdinands II. und III. war. Noch weiter die Gasse entlang ist das Haus Nr. 20 darum einer augenblicklichen Beachtung werth, weil es zum Theile auf der Stätte der alten St. Leonhardskirche steht (siehe S. 223), von der man noch das dreiseitig geschlossene, durch Strebepfeiler gestützte Chor wahrnimmt, das aber jetzt ganz in ein modernes Wohnhaus von zwei Stockwerken umgewandelt ist. Diese Kirche bestand schon seit alten Zeiten und wurde von K. Friedrich IV. für die Franciscaner im J. 1463 größer aufgebaut.

[239]

In der neuen Gasse sind bloß die zwei stattlichen, pallastartigen Häuser Nr. 160 und 164 wegen ihrer eigenthümlichen Bauart bemerkenswerth, zu der letzterem die nächst dem Eisenthore aufragende Bastei mit dem S. 132 erwähnten Garten gehört. In seinem Stiegenhause und Corri-dor sieht man noch Fresken, die eine tüchtige Hand verrathen. Beide Häuser stammen aus der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Dieses, jetzt ein Eigenthum der gräflichen Fa-milie von Welsersheimb, gehörte im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts den Grafen von Stubenberg, und jenes den Gra-fen von Lengheimb, nach ihnen aber den Freiherren von Kö-nigsbrunn, wie solches das Wappen über dem Thore noch be-urkundet. – Im linken Eckhause des Schlossergäßchens Nr. 157 ist derzeit die k. k. kleine Post, welche am 24. März 1796 eröffnet wurde. – Das daranstoßende Schlossergäßchen führt von hier nach dem Bischofsplatz, auf dem der fürstbischöfliche Pallast liegt, dessen Langseite einem kleinen zu ihm gehöri-gen Garten zugekehrt und der seit der Regulirung der Diöcese im J. 1786 die Residenz der Bischöfe von Seckau ist. Er wurde vordem Bischofhof genannt, da bis zum Jahre 1781 die Bischöfe von Seckau ihre Residenz zu Seckau ob Leibnitz, hier dagegen nur ein Absteigquartier, einen Weihbischof, das bischöfliche Consistorium und eine Kanzlei hatten, davon die letztere sich noch in diesem Hause befindet und auch das zweite hier seine Sitzungen hält, während es jetzt von dem ersteren längst abgekommen ist. Die Zeit der ersten Erbauung ist un- bekannt. Nach der über dem Portale stehenden Inschrift:

Aedes Episcopi Seccoviensi A Josepho Adamo Episcopo S. R. I. P. et Com. ab Arco Renovata MDCCLXXXI 1(Die Wohnung des Bischofs von Seckau Von Bischof Joseph Adam Des h. röm. Reichs Fürst und Graf von Arco Erneuert 1781.)

ist das Gebäude erst im J. 1781 durch den Bischof Joseph Adam, der hier zu wohnen anfing, in seine gegenwärtige Ge-stalt gebracht worden.

Zwischen dem Bischofhof und dem Kreisamts- Gebäude liegt ein altes Haus (Nr. 197), dem Chor der Stadtpfarr-kirche gegenüber wie versteckt, das nicht übersehen werden darf, [240]weil hier einst das sogenannte kaiserliche Spital war, wel-ches K. Ferdinand I. am 19. November 1561 für 12 Män-ner und 12 Frauen mit einem jährlichen Einkommen von 2441 fl. gestiftet hatte; später wurden dieselben von Hof aus verpflegt, der auch das Gebäude erhielt.

In der benachbarten Stempfergasse steht am östlichen En-de ein Eckhaus (Nr. 145), das sich durch seine Bauart als ein Gebäude des siebzehnten Jahrhunderts ankündigt, und das am Ende desselben den Herren von Schärfenberg, und im J. 1728 dem General-Einnehmer Augustin Grafen von Thurn gehörte. – Daneben am Hause Nr. 144 ist ein Wappenschild des Geschlechtes der erst in diesem Jahrhunderte erloschenen Grafen Katzianer von Katzenigg, denen es sonst und vor ihnen den Freiherren von Jöchlinger gehörte. – Auf der andern Seite der Straße sieht man im Hause Nr. 139, welches zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts den Grafen von Rindsmaul und zur Zeit der Erbhuldigung K. Karls VI. der Frau Maria Nosalia Gräfinn von Dietrichstein gehörte, gleich unter der Einfahrt einen Grabstein des am 27. December 1551 verstor-benen Mathes von Trautmannsdorf zu Trauteburg, neben dessen Inschrift ein ganz geharnischter Ritter seiner nach damaliger Art bis über den Mund vermummten Gattinn gegenüber kniet, die beide nach Art von Standbildern ausgehauen sind, und am Fuße der Treppe einen leider abscheulich überpinselten auf dem Wege nach Ilz aufgefundenen römischen Denkstein, auf dem sich die Brustbilder zweier Männer und zweier Frauen befinden; jedem Ehepaare ist ein Kind beigegeben. Darüber ist die Copie der dazu gehörigen Inschrift:

Insequens Senilis et Cens oria Tevina V. F. Sibi et Inge vae Terti F. Insequentis matri et Maximiano Maximi F. Vitrico 1(Insequens Senilis und Cenf oria Tevina (haben) bei Lebzeiten sich und der Inge va, der Tochter des Tertus und Mutter des Insequens und ihrem Stiefvater Maximtanus, dem Sohne des Maximus, (diesen Stein) setzen lassen.)

angebracht, die schon vor vielen Jahren nach Wien übertragen worden sein soll.

Diesem Gebäude gegenüber sind im Hause Nr. 142 das k. k. Militär- Stadt- Commando und die große Buchdruckerei des Herrn Friedrich Lenk, sammt dem dazu ge- hörigen Comptoir der Grätzer- Zeitung und der Styria. – Am [241]Ende dieser Gasse bilden dem ständischen Landhause gegenüber zwei stattliche Gebäude (Nr. 211 und 209) den Eingang aus der Herrengasse in dieselbe; jenes gehörte einst dem Geschlechte der Grafen von Breuner 1(In diesem Hause fand am 31. Aug. 1822 um 8 Uhr Früh eine furchtbare Pulver Explosion Statt, welche mehren Menschen das Leben kostete und auch die nebenstehenden Häuser stark beschädigte.), aus dem zur Zeit K. Karls VI. Weikhardt Landeshauptmann war 2(Geboren zu Grätz im J. 1656, gestorben am 11. December 1729; war Landeshauptmann seit 1715.), und dieses den Grafen von Heinrichsberg.

Gleich neben dem ersteren stehen sich in der Herrengasse zwei schöne Gebäude mit den Nummern 207 und 208 gegen über, davon dieses sich durch seine schöne Architektur auszeich-net und der gräflich Wagenspergischen Familie gehört, zu En-de des siebzehnten Jahrhunderts aber ein Eigenthum der Gra-fen von Saurau, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts aber Christ. Stubenbergisch; und jenes durch einen langen Zeitraum im Besitze der Grafen von Stadl sich befand, jetzt aber in jenem der Grafen von Attems ist. Das erstere Gebäude ist auch noch darum bemerkenswerth, weil Napoleon Bonaparte, als er am 10. April 1797 in Grätz als Sieger seinen Ein-zug hielt, in diesem Hause seine Wohnung nahm. -

Eine besondere Merkwürdigkeit dieser Gasse ist auch das sogenannte gemalte Haus (Nr. 219). Es war einst der Lehenhof und wurde so genannt, weil in ihm die Kaiser bei ihrer Anwesenheit die Lehen zu ertheilen pflegten, so z. B. ver- lieh Erzherzog Rudolph im J. 1360 hier bei Gelegenheit der Erbhuldigung mehre Lehen; K. Friedrich III. im J. 1453, und sein Sohn K. Max I. im J. 1515 vergaben in demselben ebenfalls verschiedene Lehen ꝛc.; zur Zeit des K. Max I. hieß es auch der Maximilianshof; bei dem Regierungsantritte K. Karls VI. gehörte es der Witwe und den Erben des Johann Ernst Grafen von Herberstein. Von diesen kam es in den Be- sitz der Laturner, die dessen ganze Außenseite im J. 1742 durch den genialen steiermärkischen Maler Johann Mayer mit den meisterhaften Bildern ausschmücken ließ, die man an die- sem Hause noch immer sieht. Sie stellen römische Feldherren zu Roß, in den kühnsten und gelungensten Stellungen ihrer musterhaft gezeichneten Pferde, Krieger mit den Adlern und Trompeter, Waffen- Trophäen, Basreliefs und architektonischen Schmuck verschiedener Art mit einer Richtigkeit der Zeichnung, [242]Wärme des Colorits und überhaupt in einer Weise dar, die ein herrliches Talent verräth.

Am untersten Ende dieser Gasse ist noch das Eckhaus be-merkenswerth, welches der Stadtpfarre gegenübersteht und die Nr. 168 führt. In demselben war einst die Buchdruckerei derer von Widmanstätten. Der erste dieser Familie war Georg Wid-manstätten, welcher diese Buchdruckerei schon im J. 1588 besorgte, nachdem sein Vorfahrer Zacharias Barth, der sich noch Formschneider nannte, verstorben war.

Ueber den Postplatz und durch die Postgasse gelangt man in die Schmidgasse, allwo die zwei Gasthäuser zum wilden Mann (Nr. 362) und zum goldenen (ehemals weißen) Lamm (Nr. 363) darum bemerkenswerth sind, weil sie schon vor mehr als hundert Jahren unter derselben Benennung be-standen; das letztere rühmt sich auch noch außerdem stets das Absteigequartier des unsterblichen K. Josephs II. gewesen zu sein. – Das daranstoßende große Haus, am Ende des sieb- zehnten Jahrhunderts ein Eigenthum der Grafen von Falken-haupt, im Jahre 1728 dem Gandolph Grafen von Schrat-tenbach gehörig, war später durch beinahe hundert Jahre im Besitze der Grafen von Wurmbrand, nach denen auch das nächste Gäßchen benannt worden ist. – Diesem gegenüber liegt ein stattliches, durch seine Bauart, Inschrift und Wappen aus gezeichnetes Haus (Nr. 358), welches schon seit mehr als an-derthalb Jahrhunderten ein Eigenthum der Grafen von Kolo-nitsch ist. Nach Dr. Polsterer soll Ritter Erhard von Pollheim dieses sogenannte Judel-Judenhaus nach Vertreibung der Ju-den vom K. Maximilian I. zum Geschenk erhalten haben. Aus ihm und zwei andern benachbarten Häusern soll das heutige weitläufige Gebäude entstanden sein. Die Inschrift über dem Thore besagt:

Ott. Gotfrid Grav von Kolonitsch Herr zue Freiperg und Kolniz Freiherr zue Burg Schlei-niz, Haindorf und Idemspeigen. Rom. Kai. Mai. I. 0. Regiments Rat. Ihr hochfürst. Durch- Erzherz. Leop. Wilhel. Camerer. Hanc domum exstrui curavit Ao. Salut. 1642 1(Ließ dieses Haus erbauen im Jahre des Heils 1642.). Johanna Sophia Gravin von Kolonitsch Geborne Gravin von Thurn

Zur Zeit der Erbhuldigung K. Karls VI. besaß dieses Haus der berühmte Kardinal und erste Fürst-Erzbischof von Wien, Sigmund Graf von Kolonitsch 2(Geboren zu Wien im J. 1676, gestorben am 12. April 1751; er war es, der im J. 1717 der großen Kaiserinn Maria Theresia die Taufe ertheilte.), der letzte seines Stam- [243]mes, welcher Namen und Besitzthümer auf die Grafen Zay von Zajesda übertrug.

Aus der Schmidgasse führt das nach dem geistlichen Hofe benannte Gäßchen in den Stainzerhof (Nr. 391–393), welcher seinen Namen von dem nun aufgehobenen Chorherren-stifte des heil. Augustin zu Stainz erhalten hat, dem er einst gehörte; noch früher war er aber ein Eigenthum des Fürst-bischofs von Lavant.

Geht man durch die neben diesem Hofe neu gebrochene Albrechtsgasse hindurch, so befindet man sich in der Neuthor-gasse gerade jenem Hause (Nr. 421) gegenüber, in dem am 9. Juni 1774 der berühmte Orientalist Joseph Edler von Ham-mer (jetzt Freiherr von Hammer-Purgstall) geboren wurde.

Am Ende der Murgasse liegen zwei umfangsreiche Häu-ser Nr. 312 und 310, davon das letztere nach den Clarisser-Nonnen zu Allenheiligen noch heut zu Tage "im Paradeis" heißt. Sie gehören zu den geschichtlich merkwürdigsten Gebäu-den der Stadt. Was es für eine Bewandtniß mit dieser Ge-gend der Stadt in den frühesten Zeiten hatte, ist nicht bekannt.

Vor dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, zu welcher Zeit es dem Gottesacker der Minoriten zunächst lag, war hier ein großes Haus, das in Urkunden "die Eggenbergische Stift" genannt wird (siehe S. 223). Diese älteste Benennung ging später auch auf die Lehranstalt über, welche die protestantischen Landstände hier gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gründeten, indem sie die Stiftschule genannt wurde 1(Siehe hierüber den Aufsatz: Ueber den Einfluß der Landstände auf die Bildung in Steiermark. Von C. G. R. v. Leitner; in der neuen Fol-ge der steierm. Zeitschr. Grätz, 1835. 2. Jahrg. I. Heft S. 94 u. s. f.). Das protestantische Stift war anfangs nur eine kleine Kapelle, welche ein Landstand auf seinem eigenen Grunde hier erbaut hatte und zunächst in den Besitz des Seifried von Eggenberg überging. Beiläufig um das J. 1540 wurde der Raum um diese Kapelle von mehren einzelnen Protestanten und den evan- gelischen Landständen durch den Zukauf einiger Grundstücke bedeutend erweitert, dann von den Letzteren gänzlich übernom- men, und im J. 1568, während Erzherzog Karl in Spanien abwesend war, auf selbem ein sehr ansehnliches Collegium, das lutherische Stift, in kurzer Zeit erbaut, und mit Predigern und Schullehrern besetzt, das anfangs nur zum Religions- und Elementar- Unterrichte bestimmt, im J. 1573 aber zu einer höhern Bildungsanstalt erhoben wurde. Aus der [244]Fremde wurden nun die ausgezeichnetesten Lehrer, Dr. David Chyträus, Georg Khuen, David Thonner, Dr. Zimmermann, M. Balthasar Fischer, Joseph Stadius, Mento Gogrevius, Johannes Regius, Philipp Marbach, Hieronymus Peristerius, Kaspar Kratzer, Jeremias Homberger, Dr. Adam Venediger, Kaspar Frei und der berühmteste von Allen, Johann Keppler herbeschieden, welcher hier mehre seiner vorzüglichsten Werke ausarbeitete. Diese Schule zog bald so viele Jünglinge herbei, daß sie zu klein befunden wurde (siehe S. 230), erregte aber auch dadurch den Neid und die Eifersucht Anderer und rief eine Menge von Gegnern hervor, die unschwer über sie den Sieg davon trugen. Schon Erzherzog Karl II. führte gegen sie die Jesuiten ins Feld und gründete als gelehrtes Gegengewicht die Universität. Erzherzog Ferdinand II. erließ gleich im dritten Jahre seiner Selbstregierung am 28. September 1598 an die Vorsteher der Professoren und Prediger augsburgischer Confes- sion den gemessenen Befehl, unverzüglich die Stadt und das Land zu verlassen. Die ständische Stiftschule wurde nun, nach dem sie vor fast sechzig Jahren eröffnet worden war, wieder und auf immer geschlossen, das Gebäude aber, nachdem es von einer landesfürstlichen Commission in Beschlag genommen worden, vier Jahre darauf (1602) von der Erzherzoginn Wit-we Karls II., Maria von Baiern, in ein von ihr reichlich do- tirtes Kloster der Clarisser- Nonnen zu Allenheiligen im Pa- radeis verwandelt. Die erste geistliche Kolonie wurde mit Ge-nehmigung des P. Clemens VIII. aus dem Kloster der Cla- risserinnen zu St. Jakob in Baiern nach Grätz berufen und am 10. November eingeführt. Die Kirche wurde am 25. des- selben Monats von dem Bischof von Seckau, Martin Brenner, feierlich eingeweiht. Die Herzoginn Witwe brachte den größ-ten Theil ihres noch übrigen Lebens in diesem Kloster zu, das anfänglich unter der Obsorge der Franciscaner der Straßburger und baierischen Provinz sich befand; erst später wurde an das Kloster eine Wohnung für sechs Beichtväter der Franciscaner der österreichischen Provinz angebaut. Hier wurde auch nach ihrem Tode (29. April 1608) ihr Leichnam bestattet, ihr Herz aber in die Hofkirche und endlich in das von ihrem Sohne er- baute Mausoleum versetzt. Später kamen auch die Herzen ihres Sohnes, des K. Ferdinands II., so wie ihres Enkels Ferdi- nands III. hierher. Das Kloster bestand bis zum J. 1782, nach dessen mit Hof- Resolution vom 12. Jänner mitgetheilten Auf- hebung der marmorne Sarkophag der Stifterinn und die hier [245]beigesetzten Herzen der fürstlichen Personen in das Mausoleum übertragen, und Kirche und Kloster an Private verkauft wurden, welche die erstere einrissen und das letztere ganz umbauten.

An diese Gebäude stoßt zunächst der Admonterhof, ein Eigenthum des in der oberen Steiermark gelegenen Be-nediktinerstiftes Admont, welches schon um 1290 hier einen Hof besaß; doch ist das gegenwärtige Gebäude, obgleich aus verschiedenen Zeiträumen stammend, auch in seinem ältesten Theile, welcher die Kapelle (siehe S. 208)enthält, viel später erbaut worden. Der linke Flügel desselben trägt die Jahrszahl 1636 zur Schau und gibt dadurch Kunde über die Zeit seiner Erbauung. Im Speisezimmer der Ordensglieder, welche das aka-demische Gymnasium besorgen, ist ein sehr gutes Bild des Kal-varienberges, ganz jenem der Kapelle des Bischofhofes ähnlich.

Von hier weg führt das Badgäßchen in den ersten Sack, allwo der großartige, alterthümliche Pallast der Grafen von Attems (Nr. 293) mit einer sehenswerthen Gemälde-sammlung; das weitläufige und große Gebäude der Gra-fen von Herberstein (Nr. 237), in welchem Ihre königl. Hoheit die Frau Herzoginn von Berry ihre an Kunstschätzen reiche Wohnung genommen hat, und der ehemalige Reiner-hof (Nr. 238), so genannt nach dem noch bestehenden Cister-zienserstifte Rein, welches einst dieses Haus besaß (siehe S. 4) bemerkenswerth. Es schenkte nämlich Markgraf Ottokar im J. 1164 dem Stifte unter dem Abt Gerlach Grafen von Dun- kenstein, einen Hof im Sacke, damit es dort ein Haus mit einem Keller erbauen könne; dazu kaufte das Stift im J. 1293 noch eine Hube und auf diesem Grunde und Boden erbaute endlich um das J. 1346 der Abt Herwig einen Stiftshof, den aber erst Abt Placidus Mailly zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in seine gegenwärtige ansehnliche Gestalt brachte. Das Stift besaß den Hof bis zur Zeit der Regierung K. Jo- seph II., welcher eine Regulirung der Stiftseinkünfte anbefahl, worauf es aus ökonomischen Rücksichten zunächst an den Gra- fen Dismas von Dietrichstein verkauft wurde.

Am Ende des dritten Sackes liegt links dicht neben dem Stadtthore (siehe S. 139) das in den Jahren 1829 und 1830, und 1835 und 1836 auf der Grundlage einer Bastion, die gegen den Fluß vorspringt, neu erbaute Inquisitions-haus des Grätzer-Magistrats 1(Dieses Haus ist aus Versehen bei den öffentlichen Gebäuden ausgelassen worden.) (Nr. 269), welches der [246]Stadtgemeinde ohne die innere Einrichtung die Summe von 44,902 fl. C. M. kostete, und außer den Arresten und Kanz-leien auch eine Kapelle, einige Kranken- und Arbeitszimmer, die Wohnungen des Kerkermeisters und des Traiteurs enthält, und durch die Unzulänglichkeit der im dritten Stockwerke des Rathhauses angebrachten Arreste für Inquisiten veranlaßt wurde.

Am nahen Hauptwachplatze sind auch einige Häuser, die unsere Aufmerksamkeit durch einige Augenblicke zu fesseln wür-dig sind; von der Art sind: das Haus(Nr. 335) mit einem großen, freilich übermalten Frescobilde des heil. Christoph von Fl. Flurer, das schon vor mehr als hundert Jahren zum gro-ßen Christoph hieß; das ansehnliche vier Stockwerke hohe Wei-ßische Haus (Nr. 344), das auch schon vor dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts denselben Namen führte und dadurch bemerkenswerth ist, weil fast jedes Geschoß einem anderen Eigen-thümer gehört; endlich das sogenannte Lugeck (Nr. 228 und 229), dessen Außenseite ganz mit künstlicher Stuccaturarbeit bedeckt ist, welche Früchte- und Blumen- Guirlanden u. m. dgl. Gegenstände darstellen und das auch schon seit mehr als hundert Jahren im Besitze derselben Familie (Ritter v. Warn-hauser) sich befindet.

In der Färbergasse ist noch das Haus Nr. 128, welches jetzt die k. k. Polizei-Direction sammt der Wohnung des Herrn Polizei-Directors enthält, darum bemerkenswerth, weil es am Ende des siebzehnten Jahrhunderts den Grafen von Kißel gehörte und von diesen sogleich durch Ankauf des Prop- stes Johann Ernest von Ortenhofen in den Besitz des nun aufgehobenen Stiftes der regulirten Chorherren des heil. Augu-stin zu Pöllau überging, nach denen es der Pöllauerhof ge-nannt wurde. Nach der Aufhebung dieses Stiftes ging das Haus in den Besitz der Grafen von Kottulinsky über.

In der Sporgasse ist das Haus der deutschen Or-dens-Commende am Leech (Nr. 94), ein alterthümliches Gebäude, der Sitz der Kanzlei der hiesigen Ordens-Commende und zum Theile auch die Wohnung ihrer Beamten, welches im J. 1690 von dem Komthur Seifried Grafen von Saurau an-gekauft und eingerichtet wurde. – Im Angesichte dieses Hau-ses liegt nächst dem innern Paulusthor der große altehrwür-dige Pallast der Grafen von Saurau, über dessen Thor nebst dem Wappenschilde nachstehende Inschrift zu lesen ist: Carl Graff von Savrav etc. und Susanna Catharina Gra-vin von Savrav geborne Freyin von Tevfenbach 1630, [247]welche das Jahr seines Umbaues angibt.

Aus einem runden Fensterchen zunächst unter dem Dachgesimse drängt sich, dräuend mit Schwert und Schild, ein hölzernes Türkenbild heraus, an das sich folgende durchaus unverbürgte Sage knüpft. Drei Jahre nach der vergeblichen Belagerung Wiens soll (1532) ein Schwarm von 4000 Türken unter der Anführung Ibra- him Paschas bis nach Grätz vorgedrungen sein. Die Bürger, unvorbereitet und überrascht hätten die Stadt verlassen, sich in das Schloß zurückgezogen und die Feinde jene besetzt. Hier soll der türkische Heerführer gewohnt, hier soll ihm eine Ka- nonenkugel vom Schloßberge herab, der von den Bürgern auf das nachdrücklichste vertheidigt wurde und den er nicht erobern konnte, den Braten aus der Schüssel geworfen und diese un-willkommene Störung ihn zum Abzuge mit der Aeußerung bestimmt haben: "Die Stube ohne Ofen (die Stadt ohne Schloßberg) nütze nichts." Aus Rache habe Ibrahim Feuer in die Stadt geworfen, welches einen Theil derselben und das erst neu erbaute Landhaus einäscherte; zum Andenken an diese Begebenheit soll dieses Wahrzeichen errichtet worden sein. – Allein der Glaubwürdigkeit dieser Sage steht entgegen, daß die vielen ständischen gleichzeitigen und späteren Schriften auch nicht mit einer Sylbe dieses Brandes erwähnen; nirgend eine Spur desselben sich zeigt; ja an den Außenwänden des Domes sogar unversehrte Gemälde aus früheren Zeiten ohne einige Spur eines Feuers bis auf unsere Tage sich erhalten haben 1(Siehe Wartinger's Aufsatz über das Landhaus a. a. D. S. 121 u. 122.).

– Hinter diesem Pallaste zieht sich ein zu ihm gehöriger recht angenehmer Garten den Schloßberg hinan.

Diesem Gebäude steht der sogenannte Eselsstall (Nr. 54) gegenüber (siehe S. 116); in der benachbarten Hofgasse ist das Haus Nr. 47 darum bemerkenswerth, weil hier einst und noch 1728 das kaiserliche Münzamt war; neben demselben sind theils in dieser Gasse und theils am Franzensplatze zwei hübsche, große neue Häuser, in deren letzterem (Nr. 43) sich gegenwärtig das adelige Casino befindet.

Am Karmeliterplatz sind mehre alte stattliche Gebäude, die einst auch, wie fast alle größeren Häuser der Stadt, den hochadeligen Familien des Landes gehörten, so z. B. das Haus Nr. 59 zur Zeit der Erbhuldigung K. Karls VI. dem Max Grafen von Schrattenbach, und Nr. 60 Sr. Excellenz dem Georg Wilhelm Grafen von Galler; das Haus Nr. 62 war [248]damals schon wie noch heut zu Tage ein gräflich Herberstein'- sches Fideicommiß- Gut und auch das daranstoßende große Haus Nr. 63 schon im Besitze derselben Familie.

B. Der Schloßberg.

§. 1.

Geschichte desselben.

Wenige Städte sind in ihrer Lage so begünstiget als Grätz; ein Felsenberg größtentheils innerhalb den Mauern gibt ihr nicht nur ein ganz eigenthümliches Ansehen, sondern dient ihr zugleich als eine der vorzüglichsten Zierden und als die wichtigste Stütze der Befestigung. Ohne Zweifel war dieser Felsenberg schon bei der ersten Ansiedlung der Stadt auf die Wahl des Platzes von Einfluß; derselbe hatte aber auch in der Folge auf die Schicksale der Stadt wesentlich eingewirkt, daher denn auch die Geschichte der Stadt mit jener dieses Berges auf das innigste verwebt ist. Jetzt wo er beinahe wieder zu dem ge-worden ist, was er einstens war, nämlich zu einer bewaldeten Höhe, mag es nicht ohne Interesse sein, in dem Buche der geschichtlichen Erinnerung seine einzelnen Phasen durchzugehen.

Ob dieser Berg, um den sich gegenwärtig die Stadt von Grätz schlingt, schon von den römischen Colonien als Befesti-gungspunct ausersehen und dazu benützt worden ist, läßt sich historisch nicht nachweisen; doch mag es immerhin der Fall gewesen sein, da auf diesem Berge, so wie in und in der Nähe der Stadt mehre Denkmäler jener Zeiten aufgefunden worden. So weit die Geschichte zurückreicht, wissen wir nur so viel, daß auf der Höhe des Berges eine Kirche des heil. Thomas gestan- den hat. Erst zur Zeit Karls des Großen soll derselbe ein festes Schloß erhalten haben, das den Anfällen, besonders der nach- barlichen Ungarn hinreichenden Widerstand leistete. Ob daher der Name der Stadt, wie Einige wollen, seinen Ursprung nahm, wollen wir Geschichts- und Sprachforschern zu ermitteln über- lassen. So viel ist indes gewiß, daß slavische Ortsnamen in der Nähe von Grätz die Ableitung dieses Namens von dem slavischen Worte Gradez, wie an anderen Orten gleiches Na- mens, allerdings auch hier erlauben.

Als die Traungauer Markgrafen in den Besitz der nörd-lichen Steiermark kamen, und ihre Herrschaft allmählig über die Gegend von Grätz ausdehnten, endlich selbst nach dieser [249]Stadt ihre Residenz verlegten (im J. 1056) 1(Ob, wie in der Einleitung erwähnt wird, Grätz schon im J. 1056 als Residenz der Ottokare anzunehmen sei, macht der Umstand zweifelhaft, daß noch im dritten Jahrzehende des zwölften Jahrhunderts Urkunden derselben in Lorch und Steier ausgefertigt wurden.), erlangte auch der Schloßberg eine stärkere Befestigung. In dieser Zeit er- scheinen aus dem Stamme der Traungauer Herren von Grätz und zwar: Helmhart, ein Ottacher von Grätz (1190), Diet-mar (1207), Otto und Ottokar de grece und ein Eschwin de grece (1211 und 1212) im Besitze dreier alter Burgen am Schloßberge, aus welchen sie erst in der Mitte des dreizehn- ten Jahrhunderts durch Friedrich den Streitbaren vertrieben wurden. Urkundliche Bezeichnungen aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts nennen indes das Schloß Grätz Ca- strum Grez, und dasselbe (wenigstens der untere Theil) soll schon unter Ottokar V. (1140) mit der Residenz durch einen geheimen Gang in Verbindung gestanden sein. Als sich im J. 1292 die große Verschwörung gegen Herzog Albrecht I. bildete, und Hartnid von Wildon der erste die Feindseligkeiten gegen den Landesfürsten begann, wurde von ihm auch der Schloßberg belagert, aber durch Wülfing von Hanau mit Hartnäckigkeit vertheidiget, bis der Herzog Hülfe brachte. Die nächste Bau- verbesserung erfuhr der Schloßberg erst in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, als die fortwährenden kriegeri- schen Einfälle der Ungarn und Türken unter Friedrich IV. eine stärkere Befestigung sowol der Stadt, als des Schlosses nothwendig machte. Während die letztere tiefere Gräben, Zwin- ger und Wartthürme erhielt, wurde auch das Schloß über- baut (1460) und durch Mauern und Bastionen mit der Hof- burg in Verbindung erhalten. Noch vor dem Tode Friedrichs war der Bau vollendet. Die Festung widerstand nun kühn der im J. 1529 erfolgten Belagerung durch die Türken. Als im J. 1532 diese Barbarenhorden neuerdings in die Steier- mark einfielen und dieselbe plünderten und verheerten, konnten sie weder die Stadt 2(Die im ständischen Archive vorhandenen Acten, die so vieles von Plün- derungen der Landleute vom J. 1532 sprechen, sagen auch nicht ein Wörtchen, daß Grätz ein ähnliches Schicksal gehabt.) noch den Schloßberg von Grätz erobern. Die Vervollkommnung der Kriegskunst und die Wichtigkeit die- ses Punctes nicht nur für die österreichische Monarchie, sondern für ganz Deutschland machte von nun an noch eine stärkere Befestigung nothwendig, welche auch von 1540 bis 1600 aus- geführt wurde. In dieser Zeit erhielt die Stadt nicht nur einen [250]größeren Umfang und damit neue Wälle und tiefere Gräben, welche sie größtentheils noch gegenwärtig hat, sondern auch der Schloßberg erhielt eine stärkere und umfangsreiche Befestigung. Der Bau der letzteren dauerte von 1544 bis 1559 und wurde nach dem Plane von Franz von Poppendorf von italienischen Baumeistern, die S. 8 bereits namhaft gemacht wurden, aus- geführt. Der Schloßberg erhielt dadurch mehre übereinander stehende Festungswerke, Casematten, Staats- Gefängnisse, mehre feste Thore, zwei Cisternen und einen 49 Klafter 3 Fuß tiefen Brunnen 1(Die Jahreszahl im Steinkranze des Randes ist 1558.). Im Schwedenkriege sicherte K. Ferdinand III. seine Familie und einen großen Theil seiner Schätze auf eine Zeit in der Festung Grätz.

In dieser Gestalt blieb der Schloßberg bis in die fran-zösische Kriegsperiode. Die ersteren Occupationen im J. 1797 und 1805 gingen spurlos für denselben vorüber. Die durch Napoleon im J. 1805 anbefohlene Sprengung wurde durch den erfolgten Frieden vereitelt. Im J. 1809 aber mußte der- selbe durch die französischen Generäle Macdonald, Grouchy und Brousier ein Bombardement erfahren, welches jedoch ganz erfolglos geblieben wäre, wenn nicht in dem darauf erfolgten Friedensschlusse die Demolirung der Festung bedingt worden wäre, die dann auch noch im selben Jahre ausgeführt wurde.

Bei dieser Sprengung wurden nur zwei Thürme, einer der vorhandenen Uhr, der andere der großen Glocke wegen durch die Bürger der Stadt ausgelöset und erhalten. Die Trümmer der zerstörten Festungswerke wurden nach und nach weggeräumt, und der Berg für öffentliche Spaziergänge be- stimmt. Von den Herren Ständen, die nunmehr in den Besitz des Schloßberges gelangt waren, sind zur neuen Anlegung von Gärten und Gebäuden nur wenige Parthien abgegeben worden, übrigens aber zur Verschönerung mehre Wege und Fußpfads angelegt und einige Alleen gepflanzt worden. Im J. 1831 faßte Herr Dr. Hödl, der schon früher eine der hübschesten Parthien des Schloßberges in einen sehr gefälligen Weinberg und Winzerei umstaltete, den Gedanken, den auf seiner Be- sitzung vorhandenen bis auf die Mur hinabreichenden Brun- nen, der bei der Demolirung verschüttet worden war, auszu- räumen und so das zum Lebensbedarf und für Gartenanlagen so nöthige Wasser unmittelbar an Ort und Stelle zu gewinnen. Bald darauf gelang es ihm auch, die oberste Cisterne, welche [251] ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit des Platzes durch den Schutt verborgen war, der Vergessenheit zu entreißen, und auch sie wurde bald dem Zwecke entsprechend wieder hergestellt, wodurch die Möglichkeit der Wohnlichkeit dieses Felsberges bedeutend gewonnen hatte, und für die nachfolgenden Parkanlagen zu-gleich die nothwendigen Vorbereitungen gelegt wurden.

Der lange gehegte Wunsch, den Berg nach allen Seiten für öffentliche Spaziergänge einzurichten, kam erst im J. 1839 zur Ausführung. Schon seit mehren Jahren hatten die Her-ren Stände die Absicht, den Schloßberg nach einem geregelten Plane in einen Park umstalten zu lassen; nun erbot sich dazu Herr Feldmarschall- Lieutenant Baron von Welden, ein Freund der Gartenkunst, welcher nach einem den Herren Ständen vor- gelegten umfassenden Plane den dürren kahlen Felsenhügel in einen Park umzustalten gedachte. Mit Freuden ergriffen die Herren Stände dieses Anerbieten, übertrugen dem Hrn. Ba- ron die Leitung der Arbeiten und widmeten diesem Unterneh- men bedeutende Kosten. Mit der Ausführung dieses Planes wurde im Herbste 1839 begonnen, und bis jetzt fortgefahren, wodurch nach und nach Wege und Straßen, Hütten, Pavillons und Lustwäldchen mit vielem Geschmacke angelegt und ver-theilt wurden.

Diese nun etwas näher kennen zu lernen, wollen wir einen Spaziergang dahin unternehmen, und überall etwas verweilen, wo der Blick besonders gefesselt wird.

§. 2.

Beschreibung des Schloßberges.

Der Schloßberg bildet einen aus der Fläche ziemlich steil ansteigenden Berg von nahe 400 Fuß, der von Süden nach Norden sich erstreckt und dort seine größte Höhe erreicht. Die westliche gegen den Fluß gekehrte Seite ist schroff, während die östliche sanfter abgedacht ist. Die Gebirgsart, aus der er besteht, ist der in den nächsten Umgebungen vorherrschende Uebergangskalk, der stellenweise in Dolomit übergeht; auf be-deutender Höhe findet man noch Lager von Sand und Ge- schiebe. Bis auf die schroffe Westseite ist er fast ganz mit einem blumenreichen Rasen bedeckt, aus welchem sich einzelne Gebüsche erheben, und da auch die Blumendecke häufig von hervorspringenden Felsparthien unterbrochen wird, so ist dieß Terrain für Parkanlagen sehr vortheilhaft. Geschickt hat hier die Kunst, was die Natur andeutete, zu vervollkommnen ge- [252]sucht, und Wiesenplätze mit Busch- und Baumparthien in ein harmonisches Verhältniß gestellt. Was indeß gegenwärtig noch weniger ansprechen mag, wird in wenig Jahren seinen Effect machen. Um den Schloßberg, der auf diese Weise eine der angenehmsten Promenaden der Stadt bildet, besuchen zu kön-nen, führen sowol Fahrwege als Fußpfade hinan. Der nächste ist der vom Karmeliterplatze aus durch den Bogen eines Hau-ses gehende Fahrweg, an dem sich ein in Zickzack wendender von Hainbuchen und Acacien beschatteter Fußpfad anschließt. Beide führen zunächst an Helle's Gasthause und Gartenter-rasse vorüber. Wenige Schritte höher tritt man auf den süd-lichsten Vorsprung des Schloßberges, auf welchem der durch seine Bauart auffallende Uhrthurm befindlich ist. Seine gigan-tischen Zeiger auf allen vier Seiten und die sie von Viertel- stunde zu Viertelstunde begleitenden hellklingenden Töne der Glocke geben für die Stadt und Vorstädte den wichtigsten Zeit- verkünder ab. Ueber dem Zieferblatte ist die Wohnung des Thurmwächters. Die Uhr selbst ist eine genau gearbeitete Pen- deluhr von J. Geist, die mittelst eines sinnreich angebrachten Mechanismus die Zeiger am Thurme von Minute zu Minute in Bewegung setzt.

Von diesem Puncte wird man sich nicht leicht trennen, ohne sein Auge über die zu seinen Füßen befindlichen Häu-sermassen der Stadt auf die Landschaft längs dem Strome und auf die in blauer Ferne verschwimmende Gebirgskette lange und nachdrücklich geheftet zu haben. Ein wundervolles Bild stellt sich hier dar, in welchem kein einziger Zug an Lieblichkeit und Anmuth dem andern nachsteht. Durch die breite Ebene von reichen Saaten geschmückt, schlängelt sich der Strom gleich einem Silberbande. Aus den bebuschten Auen, am Saume der seitlichen Berge und Hügelreihen tauchen in mannigfaltigen Gruppirungen Schlösser, Dörfer und einzelne Hütten hervor, und noch in weitester Ferne blinken im Abend-strahl die glänzenden Spitzen der Kirchthürme herüber. Ein Mittelgebirge, das Sausalgebirge mit dem Demerkogel und hinter demselben die Gebirgskette vor der Drau, zuletzt das Bachergebirge begränzen den Horizont.

Verfolgen wir den an der Ostseite des Berges eben hin laufenden Weg, so gelangen wir zu dem gothischen Wasser-thurme, zur Rosenlaube und dem rustiken Kiosk, dem Musik- Pavillon und der Schweizerei, alles durchaus neue Anlagen [253]und auf das geschmackvollste ausgeführt, deren Einzelnheiten hier auseinander zu setzen leider der Raum zu klein ist.

Die breite Terrasse vor dem Schweizerhause ist unstreitig einer der schönsten Puncte am ganzen Berge, sie gewährt eine der lieblichsten Fernsichten in die östlichen Regionen der Um-gebungen der Stadt. Hier schwellen die nahen Hügeln von Landhäuschen übersäet, wunderlieblich zu immer höher empor ragenden Bergen an, die erst im subalpinen Schöckel, im fer-nen Zuge des Rabenwaldes, des Kumberges u. s. w. die äußer-ste Begränzung finden. Ueberraschend blickt wie ein Stern in dunkler Nacht aus dem düsteren Waldesgrün die schöne Kirche von Maria Trost, dort auf Bergeshöhe Lustbüchel hervor, und die schöne blühende Landschaft des Rosen- und Ruckerlberges verliert sich hier so allmählig in Vorstädte (Graben, Geidorf, St. Leonhard), daß sich beide nicht freundlicher die Hände bie-ten könnten.

Von der Terrasse führen zwei Fußpfade, der eine steiler und kürzer, der andere sanfter ansteigend, auf den höchsten Punct des Berges. Auf diesem Spaziergange entwickelt sich allmählig die Nordseite der Umgebungen, ohne Zweifel die großartigste Parthie. Hat man an dem äußersten Feuerwach-häuschen vorüberschreitend das hohe Plateau erreicht, so hat sich auch die ganze Größe des Bildes entfaltet. Zwischen be-waldeten Gebirgsrücken, die sich conlissenartig in einander ver-schieben und nur in weiter Ferne von den beschneiten Gipfeln der Klein-, Polster- und Brucker- Alpe überragt werden, tritt hier wie aus einer ersten Pforte der Murstrom in sanfter Krümmung hervor. Bald drängt sich an sein Ufer der felsige Kalvarienberg und weiter abwärts eine Reihe von Häusern, die allmählig zu größeren Massen anwächst und mit der male-rischen Kettenbrücke und der Schwimmschule schließt.

Auf diesem Plateau, das von allen Seiten nach der Mitte zu einen unmerklichen Fall hat, ist am letzteren Puncte die Cisterne befindlich, deren Wasser durch einen Pumpbrun-nen benützt wird. Am südlichen Rande stehen noch kleine Hüttchen für die Feuerwachen und die Feuerglocke 1(Im Jahre 1382 von Johannes de Rotesberg gegossen.). Von hier führt nun der Weg über einen Bogen, unter welchem sich die traurigen Reste der ehemaligen Gefängnisse verbergen, zu dem nächst tieferen ebenen Theile des Berges. Hier steht das älte-ste Denkmal des Schloßberges, der bei der Sprengung der [254]Festungswerke erhaltene Thurm der ehemaligen Thomaskirche, einfach und schmucklos, doch immer ehrwürdig durch seine Ge-schicke. Er ist in mehreren Stockwerken bewohnt und enthält auf der obersten Etage eine 160 Zentner schwere Glocke, die größte des ganzen Landes. Sie wurde im Jahre 1587 von M. Stilger gegossen und trägt folgende Aufschrift:

Vocor campana Nunquam praedicans vana, Annuncio festa Mortaliumque funesta Cum venit tempestas. Alios ad templum voco Ego tamen hoc maneo loco 1(Glocke mich nennet man, Schaales nie sag' ich an ; Freudengepränge, Leichengesange, So wie Gewitterssturm künd' ich vom hohen Thurm, Weilend in Gottes Haus, Theile ich Frieden aus.).

In diesem Thurme werden noch die letzten Reste eines Schädelknochens gezeigt, welche einem Elephanten angehört haben, der beim letzten Baue der Festung Materialien herauf getragen haben soll. Hier in der Nähe befindet sich auch die zweite kleinere Cisterne, an welcher vorüber man zu Garten- anlagen gelangt, wo auch Erfrischungen zu haben sind. Von dem Thurme seitwärts führt eine Allee von Kasta-nien zu einer gut erhaltenen Bastei, ehemals die Katz genannt, mit der Alarm-Batterie, von wo aus die Feuersignale gege-ben werden, die hauptsächlich in Kanonenschüssen bestehen 2(Die Ordnung dieser Signale ist folgende : 1 Kanonenschuß gilt dem rech-ten Murufer außer dem Pomörio, dazu 1 Feuerglockenschlag: Gegend des Viertels Kalvarie, 2: Lend, 3: Maria Hülf, 4: Elisabeth, 5: Grieß, 6: Karlau; 2 Schüsse dem linken Murufer außer dem Pomörio, dazu 1 Feuerglockenschlag: Gegend des Viertels Graben, 2: Geidorf, 3: St. Leonhard, 4: Schörgelgasse, 5: Jakomini, 6: Grätzbach; 3 Schüsse den Vorstädten des rechten Murufers, dazu 1 Feuerglockenschlag: Viertel Kalvarie, 2: Lend, 3: Marta Hülf, 4: Elisabeth, 5: Grieß, 6: Karlau; 4 Schüsse den Vorstädten des linken Murufers, dazu 1 Feuerglocken-schlag: Viertel Graben, 2: Geidorf, 3: St. Leonhard, 4: Schörgel- gasse, 5: Jakomini, 6: Grätzbach; 5 Schüsse der inneren Stadt, dazu 1 Feuerglockenschlag: Viertel Burg, 2: Landhaus, 3: Joanneum.). Ueberdieß werden durch ausgehängte Laternen bei der Nacht und durch Fahnen bei Tag die Gegend bezeichnet, wo der Brand Statt findet; endlich durch Sprachröhre, die nach verschiedenen Seiten gerichtet sind, wird auch noch der Ort nä-her bekannt gemacht, so ferne man ihn zu unterscheiden vermag.

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An der Allarm-Batterie vorüber schräg nach abwärts, gelangt man wieder zur Hauptstraße, die von dem Uhrthurme auf die Spitze des Berges führt, und die wir früher verlassen haben. Sie ist von einer schönen Kastanien-Allee eingefaßt und zieht sich an der Ostseite des Berges ohne Windung ge-rade aufwärts, ganz so wie in den früheren Zeiten, wo sie aber durch zwei feste Thore passiren mußte. Noch vor dem Ende der Allee wird man durch ein offenes Gitterthor an der rechten Seite eingeladen, den von der epheuumrankten Stein-mauer geschlossenen Weinberg zu besuchen. Die schon früher von Hrn. Dr. Hödl geschmackvoll angelegten Bauten sind in neuester Zeit nur noch verschönt worden. Auf einer kleinen Strecke befinden sich hier die mannigfaltigsten und effectvoll-sten Gegenstände vereiniget. Die alte Arkade, die liebliche Pergola, der gothische Brunnentempel über den tiefen Brun-nen dem Cyclopenwerke gefangener Muselmänner, die Winzer-wohnung, das malerische Thor der Casamatte sind Alles Ge-genstände, bei denen man nicht lange genug verweilen kann. Wandelt man an diesem Puncte vorüber, so gelangt man nach und nach in einen Laubengang von Reben, welcher die freundlichste Aussicht auf die westliche Landschaft von Grätz gewährt. Scharf schließt hier der lang gezogene bewaldete Ge-birgsrücken des Plabutsches die westliche Ebene mit den schö-nen Feldern, den zerstreuten Häusern und Schlössern, von denen Eggenberg vor allen den Blick auf sich zieht, von der zurückgetretenen Ferne ab. Nur über den einladenden St. Martin blickt ein Theil der Hochgebirge der Schwamberger Alpen herüber und über den grauen Ruinen von Gösting er- heben die näheren Alpen von Obersteier ihr Haupt.

Treten wir endlich aus dem gothischen Thore hinaus und steigen gemach den Felsenberg an seiner nordwestlichen Seite herunter, so stoßen wir hier auf nicht minder hübsche Anla-gen, wie z. B. die