Thopographische Kunde von der Hauptstadt Grätz (etc.)

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5. Beschreibung der Umgegend, der Vor-städte und der Stadt.

§. 27.

Mit einem verdolmetschenden Begleiter eile ich durch die Mitte der Stadt auf den 50 Klafter über die Mur erhabenen Grätzerschloßberg. Dieses Gradez, welches der Stadt und den weiten Umgegenden den Nahmen gab, und welches uns die entzückendeste Aussicht eröffnet, ist uns der ehrwürdigste und glücklichste Standpunct, an einem hellen Frühlingsmorgen das majestätische und pittoreske Bild der mittlern Steyermark und ihrer Hauptstadt vorzuzeigen. Hier wollen wir uns an einer göttlichen Aussicht weiden und satt sehen, deren Natur und Wahrheit nur unsers Schiffers Pinsel mahlen, und deren Erhabenheit und Interessantes nur eines Schultes Auge fassen und wiedergeben kann.

Wir wählen uns drey Standpuncte. Der erste fängt außer dem Grätzergebiethe an, und endet am blauen Horizont, zwey Mahl die Grenzen der Steyermark überschreitend; gen SO in einer sich ebnenden Fläche in das Eisenburger Comitat, gen W über die hohe Pack in den Klagenfurter Kreis. Mehr südlich hindert der hohe Pacher zum Theile das Auge nach dem Cillier Kreise, und die höchsten Gebirgsketten der Steyermark beschließen mit ihren noch weißen Kuppen den nördlichen Himmel noch im Schooße des Mutterlandes.

Zuerst fesselt das Auge der ostund ostsüdliche Umkreis. Gleich hinter dem erhabenen Parke Rosen-hain fängt eine mit kleinen bewaldeten Bergen und bebauten Hügeln für den die Natur verkennenden Städtler etwas unfreundliche Gegend an. In der Mitte zwischen Aeckern, Wiesen, Häusern und Gehölzen an den ge[67] krümmten Ebenen lauft die Weitzerstraße fort, die sich unter dem Maria-Trosterberge in die weitern Berge und Wälder nun ganz verliert, und uns nur die auf dem Berge prächtige Kirche mit 2 Thürmen, und links sparsame Villen zurückläßt.

Nun glaubt man in einer Weite von 6– 8 Stunden nichts als Berge und Wald zu sehen; nur hin und wieder zeigt eine Feldfläche und seltener Kirchenund Schlösserschein die verdeckten Ebenen, und läßt auf Menschen und ihre Cultur schließen. Im Hintergrunde erscheint der Kulm *(Der Kulm ist ein mittelmäßiger ganz frey stehender Berg an der Feistritz, worauf sich ein (mit schönen Capellen) gemauerter Kreuzweg befindet. Die Aussicht ist hier prächtig. Er wurde bey der Bestimmung der Wiener Mittagslinie, wobey er gute Dienste leistete, bekannt.), und in weiterer Länge links noch viele höhere und unwirthbare Berge, welche uns der Ansicht des Wechsels, des höchsten Berges **(Der Wechsel ist einer der höchsten Berge der Steyermark, und bestimmt zum Theile die Grenze zwischen dem Grätzer Kreise und Oesterreich. Liesganig fand ihn 929 Wienerklafter höher, als die Meersoberfläche. Fellon bestimmte seine Höhe auf 5332 Paris. Fuß.) berauben.

Rechts werden die Berge seltener, niedriger, und verlieren sich allmählich nach den südlichen Grenzen bis an das Ufer der Mur bey Radkersburg. Von hier, auf beyden Seiten des Flusses, eröffnet sich ein matter Prospect über die Confinen von Ungarn, wel[68]cher zurück über das nähere Kapfenstein *(Kapfenstein, ehemahls eine Bergfestung, gewähret auf seinem hohen Berge eine der schönsten Aussichten. In einer halbstündigen Entfernung liegt Tabor, schon eine Ungarische Gr. Bathyanysche Herrschaft und Schloß gleiches Nahmens. Der Berg Kapfenstein ist wenigstens 90 Klafter über das untere Dorf Kapfenstein erhoben. Für einen Naturkündiger ist dieser Berg und die Nachbarschaft recht interessant. Zwischen Klech, Gleichenberg und den Umgegenden umher, entdeckt man immer mehrere Lavahügel, und unverkennbare Denkmähler eines hier ausgebrannten Vulcans.) bey Tabor, über Fürstenfeld, und zwischen Hartberg schöner und mächtiger erscheint. Unter allen in diesen weiten Bezirken hervorragenden Schlössern leuchtet die sehenswürdige Bergfestung Riegersburg **(Riegersburg ist in der mittleren Geschichte der Steyermark als erste Festung bekannt. Nach Liesganig's Berechnung liegt Riegersburg 270 Klafter höher, als das Meer. Im 12ten Jahrhunderte hatte dieses Schloß seine Dynasten, die sich Herren v. Rougerspurch schrieben. Abermahl ein Windischer verdeutschter Nahme.) wie ein bärtiger Riese hervor.

Dieser eben bezeichnete ostsüdliche Theil enthält in seinem Geschooße niedrige Berge, die sich von ihren Vätern, den hohen Gebirgen im Rücken, immer weiter entfernen, gebirgigte Flächen und Hügel bilden, und zwischen den Flüssen Mur, Rab und Feistritz, in der nähmlichen Linie von N gegen SO die Steyermark verlassen. Nur werden jene in ihrem Verlaufe in dem Verhältnisse immer niedriger, als die Flüsse größer werden.

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Anmerkung. Die anmuthigsten zahllosen Hügel, die sich von dem rauhen Scheckel lostrennen, und die mit den schönsten Thälern prangend, ununterbrochen den Lauf der Flüsse und Bäche begleiten, gewähren mannigfaltige Naturreize, und verschaffen der Erde Fruchtbarkeit, besonders an Getreide und Obstarten. Grätz wird von daher mit Mehl, Obst und Most reichlich versehen.

Wir wenden nun unser Gesicht über den südlichen Theil der Stadt hin. Zuerst liegt vor uns da eine große drey Meilen lange, und ein bis zwey Meilen breite fruchtbare Ebene, das Grätzerund Fernitzerfeld, Zwischen beyden diesen bunten und reichen Feldern, eilet der Murstrom durch kleine Gebüsche, grasreiche Wiesen, anmuthige Fluren und Auen dahin. Einige Schlösser, die vielen Dörfer und Mühlen, zeugen von der Cultur und dem Wohlstande ihrer Bewohner. Die Hauptcommerzialstraße nach Triest, neben dem rechten Murufer, entzieht sich endlich mit dem Flusse dem Auge, zwischen Weißeneck und Wildon. Hier scheinen wieder höhere Berge den weiteren Gang zu wehren, und bilden in einem stumpfen Winkel dem Fußgeher einen niederm nahen Horizont.

Hinter dem merkwürdigen Wildonerberge *(Dieser Berg liegt 294 Klafter höher, als das Meer. Das alte Wildonerschloß blendet noch mit seinen festen Ruinen. Hier werden versteinerte Muscheln und Schnecken in Menge gefunden.) erblickt man einen Theil des großen Leibnitzerfel[70] des, *(Hier irgend auf diesem Leibnitzerfelde hat Muroela, eine Römische Pflanzstadt gestanden. Noch immer werden hier nahe bey dem jetzigen Markte Leibnitz, Römische Münzen, Denksteine, Grundfesten und kleine unordentlich gereihten Hügel gefunden, welche uns das Daseyn eines gewesenen blühenden Ortes beurkunden.) dann rechts die immer mehr aufsteigenden Sausalerberge **(Sausal ist eine weite und hohe Berggegend, die von der Sulm und Lasnitz vor ihrer Vereinigung eingeschlossen wird, in welcher guter und sehr gesunder Wein wächst. Auf diesen Sausalerbergen werden versteinerte große Austerarten, wie auch Echiniten gefunden.) und links das Bergschloß Ehrenhausen, am rechten Ufer der Mur. Gleich hinter dem Markte Ehrenhausen kommt wieder die Hauptcommerzialstraße über den hohen Platsch in Vorschein ***(Auf dem Platsche findet man einen Bruch von weißen Marmor, deßgleichen ganze Lagen son versteinerten Muscheln.). Dieser Platsch verbirgt uns mit seinen vielen niedrigern Brüdern die jenseitigen Ebenen und die unzähligen Weinbergshügel, welche sich über Marburg, Win- dischBücheln, und von da links nach dem Radkersburger †(Der Radkersburger Wein ist der Nationalliebling. Die besten Weingebirge sind: der Marburger, Johannesberger, Kapeller und Kerschbacher.) und Luttenberger ††(Die ganze Gegend um den Markt Luttenberg herum, nicht fern von den Ungarischen Grenzen, ist voller Weingebirge, welche auch die Luttenberger heissen. Hier wächst der beste Wein des Landes, der zu den angenehmsten und stärksten Weinen von Europa gehöret. Die beste Gewächse sind: die Kummersberger, Jerusalemer, und Grünauberger; die stärksten sind: die Altenberger und Thatenhengster.) Weingebirgen, hinziehen, [71]über dem Drauflusse. Jenseits der Drau in einer zehn bis funfzehnmeiligen Entfernung entflieht unserm Auge der übrige Theil des Marburger, und der des ganzen Cillier Kreises völlig. Nur der erhabene Bacher –*(Ist ein sehr ausgedehntes Gebirg. Es fängt an den Kärnthnerischen Grenzen am südlichen Ufer der Drau an, und läuft dann östlich sechs Meilen weit fort. Der Bacher ist der höchste Berg der Untersteyermark, und reich an seltenen Mineralien; aber noch sehr wenig besucht, und nicht untersucht. Ueberhaupt kennt man die großen und verborgenen Naturschätze und Merkwürdigkeiten der Untersteyermark, so wie jene des benachbarten Kroatien, noch sehr wenig; ja es hat noch kein Deutscher Naturkündige ein Land, dessen Volk und Sprache ihm widerlich fallen mag, bereisen wollen.) firirt noch unsere Aufmerksamkeit. Mehr westwärts, aber viel näher und kennbarer steigt ein kahles Gebirge, die Schwammberger Alpen hervor. Ihr höchster Gipfel der Speikkogel **(Speikkogel erhielt seinen Nahmen von der seltenen und dort wachsenden Pflanze, der Speik (Valeriana Celtica) genennt, die noch auf mehreren Bergen der Obersteyermark angetroffen wird. Der meiste Speik wird nach Egypten verhandelt, der von dort auch nach Ostindien, wandert. Die ungemein prächtige und weite Aussicht auf dem Speikkogel, hat uns Kindermann in seinem vaterländischen Kalender v. J. 1800 beschrieben.), und die benachbarten höhern [72]Alpengebirge aufwärts, formiren den südwestlichen Gesichtskreis bis über die Stubalpen, welche die zwey Kreise, den Grätzer und Judenburger verbinden und den Klagenfurter Kreis verdecken.

Noch andere jüngere Berge, theils von dieser westlichen Gebirgskette abstammend, theils von den hohen Bergen des Brucker Kreises fortgeschoben, verbergen ihre hundertfältigen fruchtbaren Hügel uud Thäler an der Kainach, Stainz und Lasnitz. Sie verdecken mehrere Schlösser und Märkte, sammt Voitsberg, Lankowitz und Piber. *(Diese Gegenden waren ehemahls wegen ihrer großen Viehzucht bekannt. Lankowitz und Piber sind nun Staatsdomainen, wo Beschällereyen zur bessern Pferdezucht unterhalten werden. Voitsberg sollte die älteste Stadt im Lande, und die Viana der Römer seyn? Der Ort war einst blühend, und in der alten und mittlern Geschichte berühmt. Vielleicht war hierdurch die Hauptstraße des Noricums? In spätern Zeiten war sie es, da noch bey Grätz keine Commerzialstraße bestand, und die Ufer der Mur, nur mit Samrossen betreten wurden.)Ein freyeres und weites Sehen eröffnen die segenreichen Thäler und mehrere Herrschaftsschlösser, zwischen Pröding, Großflorian, Eiweswald und Schwammberg bis an dem Radel. Noch sieht man über den Kaiserwald und Dobel hin, Mooskirchen und einen Theil des beglückten Kainachbodens. Nun steht das bunte und schöne- Eckenbergerfeld vor unsern Augen da! welches von der entzückenden Einöd, den vielen erhabenen Villen [73]und Weingebirgen der Grätzer beschränket wird. Die sich immer mehr an das Gebirg erhebenden mahlerisch bebauten Hügel der Einöd werden wieder von Straßgang und St. Martin her, *(St. Martin, gewöhnlich St. Mörten, ein Stift Admont. Schloß mit einer Kirche. Man genießt hier der reizendesten Aussicht. Höher in einer Entfernung liegen St. Florian, und St. Johann und Pauli Kirchen, an den gleichnahmigen Bergen. Zunächst hat man erst 1806 Steinkohlen entdeckt, deren Bau immer größere Ausbeute verspricht. Ein schwarzer weißaderiger Marmor wirdhier schon lange gebrochen.) ringsum, bis über den kleinen Blabusch, von Bergen und Waldungen im Hintergrunde geschlossen; so wie jene sehr reizen- den Anhöhen von Algerstorf und Baadorf.

In der Mitte unserer westlichen Linie, am Fuße dieser Hügelgruppen, von schönen Landhäusern der Grätzer und ihren Weinbergen umgeben, und zwischen zweyen sich nähernden Dörfern, Algerstorf und Baadorf, präsentirt sich majestätisch das fürstliche Eckenberg **(Eckenberg, man schreibt gewöhnlich Eggenberg, ein sehr schönes und weitläuftiges Schloß mit trefflichen Mahlereyen versehen, worunter jene des großen Saals, von dem Künstler Adam Weißkircher gemahlet, besonders die Aufmerksamkeit der Kenner verdienen. Der weitläuftige mit großen Alleen prangende Garten ist schön, hat Springbrunnen und ist dem Grätzer Publicum zur Ergetzung geöffnet. Nach dem Absterben des reichsfürstlichen Stammes Eckenberg im Jahre 1717, kann es in den Besitz der Grafen v. Herberstein, in welchem sie noch sind.) [74]mit seinen geräumigen Zierd-und Lustgärten, aus welchem eine Kastanienallee durch die Mitte des Eckenbergerfeldes, in die Stadt führt.

Im starken Contraste mit diesen Gefilden und in einem ernstern schauderlichen Bilde, erblickt man nun die höchsten Gebirge, wie sie den ferneren westlichen Lichtkreis versperren, und den nördlichen unfreundlichen Horizont abkürzen und veröden. Die dunkeln Ruinen der zerstäubten Bergfeste Gösting, sind die letzten traurigen Reste, die uns erinnern, daß hier einst Menschen wohnten, wo jetzt nur Geyer und Uhu's hausen. Das verführt uns zu glauben, daß in diesen weiten Wildnissen keine Erde mehr, für Menschen bewohnbar, existire. Allein in den tiefen Abgründen, und am Fuße dieser bewachsenen Felsenmassen, krümmt sich ein graues blendendes, sich stets regendes Wesen, in dem beschwerlichen Kampfe, sich durch enge Felsenpassagen in’s Freye durchzuschlagen. Es erscheint immer näher mit beschleunigenden Schritten und Ungestüm'. Da erkennt man den noch zürnenden Murstrom, den sichersten Trostverkünder, daß es im fernern Hinterhalte noch mächtiges Land und Bewohner geben müsse!

Mit der Weinzettelbrücke verliert sich auch bald die Wiener Hauptcommerzialstraße zwischen die drohenden Felsenberge. Da führt vom linken Ufer eine Seitenstraße über St. Gotthard, unter St. Veit auf die Andritz und den Graben in die Stadt. Hier genießt man wieder über die schönen Fluren und seltenen Weinbergshügel nach St. Veit, einer fröhlichen, allein nur kurzen Aussicht. Bald heben sich wieder größere und kleine Berge, neben und unter dem Unterscheckel. Eine kleine Partie von solchen Bergen und Hügeln, läuft von der Andritz über Maria Schnee, den Rosenberg, [75]nach den östlichen Anhöhen, und drückt dem Grätzerpomerium die nördlichen Grenzen aus. Hinter diesen, in einer zweystündigen Entfernung, erhebt sich der große und kalte Scheckel, *(Da der sehr hohe Scheckel (er ist 795 Wiener Klafter über die Meeresoberfläche erhoben) ein isolirter Berg, gerade über Norden hin vor Grätz steht, so sind die so genannten Scheckelwinde hier und über das Grätzerfeld oft sehr kalt und empfindlich. Daher ist auch der Scheckel im Sommer zwischen den Solstitien der beste Wetterdeuter der Grätzer, so wie es im späten Herbste der Speikkogel in Süden ist. Versteckt sich der Scheckel in Wolken, so folgt Regen, heitert er sich aus, so wird es auch zu Grätz heiter; fällt Schnee auf denselben (welches bisweilen noch im Junius und nicht selten im September geschieht) so folgt Kälte und Frost. Im späten Herbste aber bedeuten seine Nebel und Wolken das Regenwetter nicht mehr; da sieht man nach Süden auf die Schwammbergeralpen: sind diese hell, so bleibt es schön; sind sie mit Wolken umhüllt, so folgt nasses Wetter.) und beschließt die nördliche Augenweite.

Mein Begleiter war so gefällig, mir überall, wohin uns das Auge führte, zu folgen. Er machte mir die schönsten Beschreibungen der einzelnen Ruhepuncte und ihrer Umgebungen. Seine Erzählungen gaben der mittleren und neuen Geschichte des Vaterlandes die merkwürdigsten Daten. Die Zeit war zu kurz ihn anzuhören. Im Grätzer Kreise allein nannte er mir drey und siebzig prächtige Schlösser, Festen und Herrschaften, welche ihre Werkbezirke hatten und 1027 Gemeinden zählten. Ferner sechs Städte und dreyßig Märkte; zwanzig Spitäler und Versorgungsörter, sieb[76]zehn Dechanteyen, hundert fünf und zwanzig Pfarreyen, und bey zwey hundert Kirchthürme.

Diese Denkwürdigkeiten wurden durch Berge und Waldungen unserm Auge meistens entzogen. Von dem Marburger Kreise sah ich nur wenige; und gar keine von dem Cillier, Brucker und Judenburger Kreise.

§. 28.

Nun fixire ich nach einer Pause, mein von der weiten Anstrengung ermattetes und wieder erquicktes Auge innerhalb der Linie, auf das in einem Zirkel um mich her gelagerte Grätzerpomerium.

Gleich vor dem unter mir stehenden Paulusthore, wo der tiefe Stadtgraben endet, und mein Schloßberg und Festung anfängt, läuft in gerader Linie die Straße nach Weitz, von Kastanienalleen umschlossen, über die Glacis nach Geydorf, wo sich dann Häuser und Straße gleich einer gekrümmten Allee, bis über die Maria-Troster-station hinauskreuzen. Links führt die zweyte Straße hinab nach dem Graben. Das erste und einzige Gebäude auf dieser Glacis ist, eine weitläuftige gemauerte Hütte, ein seit 1804 stehendes Militärgebäude (zur Aufbewahrung der großen Feuerschlünde und anderer Mordwerkzeuge bestimmt.) Am Ende dieser Allee erscheint der gefällige Wurmbrandgarten mit seinen schattenreichen höhern Alleen, Ziergärten und schönen Gebäuden. Im Hintergrunde erhebt sich langsam zwischen Häusern und niedlichen Gärten, ein geschmeidiger Hügel mit dem herrlichen Parke und Gebäude– dem Rosenhaine. Rechts über die Straße nach dem Fortlaufe dieser Anhöhen hinter einer Kaserne zieht zwischen Feldern und zerstreuten Häusern, die Seufzerallee nach St. Leonhard hin, welche ein beträchtliches Feld, die große Leech- und Harrachgasse mit ihren Gärten zurück läßt. In der Mitte dieser beyden, die mit regelmäßigen Reihen von Häusern [77]prangen, führt eine kleine Allee in die Leechkirche, ein sehr altes gothisches Gebäude von der Glacisseite. Ein anderer Fahrtweg und angenehmer Spaziergang geht durch die Leechgasse, und theilt sich nach dem Venustempel und nach St. Leonhard, wo ein Pfarrthurm in einem vertieften Winkel die von Feldern, Gärten und Bäumen verdeckten Häuser, und die Ungarische Straße anzeigt. Hinter der Schrankenmauth neben der Kirche erblickt man nichts, als Berg und Wald. Man würde glauben, daß hier der weitere Fortgang ganz gesperret sey, wenn man nicht gleich über die hohe und halbkahle Riß die Rosse hinaufklettern sähe. Zwischen mannigfaltigem Gemische von Feldern, Gärten, Häusern und Gebüschen am Kroisbache erscheint Grünanger, ein schönes und großes Gebäude, mit seiner imponirenden Fronte, der Glacis und der kais. Burg gegenüber, links das erste an der Gleistorfer Straße, welche die Glacis von dem Burgthore aus hier zum zweyten Mahle durchschneidet.

Von hier laufen die doppelten Kastanien und Lindenalleen, an den Wällen und im Rücken der großen Glacis südlich weiter fort, und verlieren sich endlich unter die Häuser der Alleezeile in der Jacominivorstadt. Noch prangt ein isolirtes schönes Gebäude vor dieser neuen Vorstadt– die Saliterey, mit ihren hohen und luftfreyen Plantagen. Rückwärts hinter dem Kroisbache erhebt sich das Erdreich wieder; schö-ne Gebäude wechseln mit Aeckern und Gärten ab, und etwas entlegene Wege nach dem Morellenfelde und dem bebüschten Grätzbache zu; jenseits desselben, noch in einer weiten Strecke, gehen wieder sanfte Anhöhen hervor, welche gegen das Lustschlößl, und den bezaubernden Ruckerlberg hinauf, ein sehr mahlerisches Bild vorhalten, das sich über St. Peter nach den östlichen [78]Grenzen des tiefern Fernitzerfeldes ausbreitet, und nach den Pfarrthürmen der Münzgrabenvorstadt wieder zurückführt. In dieser ganz ebenen Vorstadt bemerkt man die Münzgrabengasse, welche nach Liebenau, Harmstorf, Mühleck, Hausmannstätten und Fernitz führt. Am Ende ist St. Anna die Pfarrkirche mit dem Domi-nicaner Kloster, danächst die Schrankenmauth. Links gelangt man von hier in die Peterstraße und zum Gottesacker von St. Anna, (wo seit erstem October 1807 allen entschlummerten Grätzern diesseits der Mur die ewige Ruhe angewiesen ist), und von diesem, zwischen Gruppen von Häusern und Gärten zurück in die Schörgelgasse zum militär. Proviantmagazine, und der dortigen Linie, wo wieder andere Straßen nach dem Hollwege, Sparberspache und Hallerfelde fortlaufen. Rechts und hinter dem Grätzbache, geht die Grätzbachgasse und die neue Schießstattgasse, worin die neue bürgerl. Schießstatt, eine der schönsten in Deutschland, und der große Gebergerische nun Neubaurische Küchengarten, wegen der großen Mannigfaltigkeit allerley Küchengartengewäch- se, sehenswerth sind. Ueber viele Häuser und schattigten Gärten hin erblickt man eine Herde Hornvieh an einer großen Fläche, der Kühtratte weiden. Am Ende die Schönau, den Erlustigungsort der Grätzer, und die prächtige Kottunfabrik nahe am linken Murufer. Von hier führen schöne Passagen hinter Bäumen und dichten Gebüschen über den Grätzbach, durch das ausgehauene Pumperwaldel zur neuen Murbrücke, oder auf den Fahrtstraßen auf den großen Jacominiplatz herauf. Dieser Platz, der schönste und größte von Grätz, mit einer Marienstatue vom Pronce geziert, wird von dem prächtigen Herrschaftsgebäude Neuhof und andern ansehnlichen Häusern umgeben. Links läuft die Gleisdorfer, und rechts die Hauptstraße über die Murbrücke [79]dem Gries zu. Diese Vorstadt selbst hängt mittelst der Eisenthor-Brücke über den Stadtgraben mit der innern Stadt völlig zusammen; sie steht ganz auf der Glacis, und wird an ihren Flügeln von den ständischen Alleen an den äußern Stadtgraben-Wällen im Rücken eingeschlossen.

Nun folgen wir der untern neuen Brücke nach der Hauptcommerzialstraße am Gries jenseits der Mur. Weit unter vielen Reihen von Häusern und untermischtem Grüne eröffnet sich eine tiefe Fläche, der niedrigste Standort von Grätz: die Leinwandbleiche mit ihrer Feuerwerkshütte, welche rechts von dem Mühlgange und mehrern Gebäuden beschränkt wird. Den weitern Gang hemmt ein kleiner Erlenwald. Vorwärts steht zwischen Aeckern und Wiesen ein einzelnes Schloß, die Carlau. Die gleichnahmige Gegend, als äußerste südliche Spitze bezeichnet den Grund außer der Carlauermauth. Außerhalb dieser städtischen Perspective im freyen Felde erhebt sich eine merkliche Anhöhe, der alte Murdamm, (§. 18.) lauft in ungleichen Richtungen von S nach N bis über die Wienerhauptstraße hinauf, umringt den ganzen westlichen Theil des Pomeriums, trennt dieses von dem Grätzerfelde, und weiset mehr dann tausend Häusern ihre benannten Plätze an. Der Ober- und Untergries, die Murvorstadt, die ganze Lände mit ihren sehr weitläuftigen Gässen, Plätzen und Gärten stehen hier am rechten Ufer der Mur vor unsern Augen da. Am Platze der Murvorstadt wimmeln die Menschen ununterbrochen, die Stadtkutschen und die schweren Güterwägen durchkreuzen, hemmen und drängen sich an der vierfachen Straße. Schöne Gebäude alle 2– 3 Stockwerke hoch reihen sich nach dem Ober- und Untergries, nach der Barmherzigen- und Maria-Hülferstraße unausgesetzt fort. Am Griese bemerkt [80]man 3 Kirchen, wovon der mittlere Thurm in der Armenhausgasse, jener des Armen- und Siechenhauses ist. In gerader Linie liegt die Barmherzigen-Kirche mit dem schönen Klostergebäude, weiter fort geht rechts die Straße nach Eckenberg, links nach der Prangergasse und dem Pulverthurme über den Mühlgang, nachdem sie das Bürgerspital, die Pfarrkirche zu St. Andrä mit dem schönen ehemaligen Dominikanerkloster, die große Gre-nadierkaserne und viele große Gebäude zurückläßt. In der Prangergasse verschafft das alte und neue Gebäude der Elisabethinernonnen mit der Kirche ein stattliches Ansehen. Gleich gegenüber ist die Sartorische Seidenfabrik. Außer der Prangergasse, welche alle Städtler hier vom rechten Ufer zur ewigen Ruhe passiren müssen, gewähren (schon am Eckenbergerfelde) die Mäuer und einige prächtige Denkmähler die genugthuendste Erinnerung an den Gottesacker. Man wird endlich müde, die noch sehr weiten und noch mehr mahlerischen Gegenden über die Igelhof-Straucher-Laburnerbis über die Laykamische Papiermühle an der Wienerstraße; über den Ländplatz-Mühlund Johannesgasse bis MariaHülf zu verfolgen. Die ganze Gegend ist in der Ferne romantisch schön, und hat den mannigfaltigsten Wechsel an Häusern, Gärten, Wiesen, Feldern, Wohlhabenheit und Armuth der Menschen.

Ein ganz fremder Gegenstand fesselt unsere Aufmerksamkeit. Die untere Lände; hier ist der Hafen von Grätz. Man erblickt Hunderte der Hände, die an den Flößen und Plätten mit Wegund Zutragen, mit Ausund Einladen, mit Plättenbaue, mit Zusehen oder mit Anordnen und Wegführen beschäftiget sind. Hier werden nach Tausenden der nützlichsten Werkzeuge und vaterländischen Producte eingepackt, nach Ungarn und weiter fortgeführt, um die Erde von Moskau und Ara[81]bien aufzulockern, und um ihr die Früchte wieder zu nehmen, welche man der kärgern Natur abgewonnen hat.

Noch einen Blick gen Norden, dann ist der Zirkel umher durchgewandert. Der Murfluß in seinen gekrümmten Beeten wallet uns in schiefer Richtung entgegen, da steht noch am rechten Ufer der über 21 Klafter über die Oberfläche des Flusses erhabene Kalvarien-berg mit seinen schönen Kreuzstationen, und seiner Pfarrkirche und schönen Capelle (von der Hand unsers Schiffers (1803) gemahlt), von Feldern und schönen Auen umgeben, durch welche man nach Gösting, in die drey Kalvarienbergstraßen, in die Grünund Neubaugasse, an die Wienerstraße gelangt. Noch schöner und freyer entfalten sich die Auen und Felder jenseits über die Mur. Hier lauft ein Canal (der Mühlgang) der mit der Mur eine Insel bildet, der 2 Papier- und 3 andere Mühlen bewegt. Die Unterandritz, Maria-Schnee, der Rosenberg, und der Graben beschließen mit ihren sanften Anhöhen und Ebenen, wo Gebüsche, Aecker, Wiesen, Weinund Lustgärten im bunten Kleide wetteifern, den nächsten nördlichen Umfang. Unten am Fuße des Schloßberges ziert an der Straße vom Sackthore in der Runde bis auf die große Glacis, eine verbindende Kastanienallee das Ende aller vorstädtischen Villen. Unten in der Ebene und den kleinen Anhöhen weiden die Kühe, und hoch oben am Berge die Ziegen, welchen ringsum durch sehr hohe Festen und Mauern der Eingang in die Citadelle und zu uns versperret wird.

§. 29.

Nun haben wir einige der vorzüglichsten Puncte de Vorstädte von Grätz gesehen, die jeden Liebhaber der schönsten Naturscenen dahinreissen müssen. Allein [82]diese erhabenen Bilder werden dem Physiker erst im Concreto recht interessant. Wir erblicken so viel Abwechslung und Mannigfaltigkeit in diesem kleinen Umkreise, daß wir solche in ganzen weiten Ländern zerstreut umsonst oft suchen müßten. Mehr denn 2600 Häuser, worunter die meisten 2 und 3 Stockwerke zählen, liegen theils in regelmäßigen Reihen, theils zerstreut und isolirt da, bald an einer reizenden Anhöhe, bald in durch hohe Bäume verdeckten Ebenen. Pallais bis an die niedrige Dorfhütte; Wälder und Gärten bis auf die kleinsten Gestrippe; Bäche und Canäle, bis auf den schiffbaren Fluß; kahle Bergfelsen, und die fruchtbarsten Ebenen, Wildniß und Einöde neben der entzückendsten Aussicht; dem höchsten Grad der Cultur neben der Unurbarkeit der Verwildniß; die schönsten und anmuthigsten Weinberge zwischen finstern Fähren und Fichtenwäldern, und den auserlesensten Obstgärten; den entschiedendsten Kampf der Kunst mit der Natur; den menschlichen Geist in seiner umfassendsten Sphäre, und jenen unter der Stufe eines OrangUtangs reihen, und treiben sich hier bald wild, bald harmonisch schön in ihren angewiesenen Kreisen umher.

Die Natur mit der Kunst vereinbart hat aber dem Ganzen einen andern nur hier auf dem Schloßberge sehr merkbaren Contrast gegeben. Der östliche und südliche Theil der innern Stadt wird durch sehr tiefe Gräben, hohen Wälle und Mauern von ihren Vor- städten mittelst der weiten Glacis abgeschnitten: den westlichen scheidet die Mur, und den nördlichen der hohe Schloßberg. Der nordöstliche und ostsüdliche Halbzirkel concentrirt seine Strahlen im Mittelpuncte der Stadt, wo der gebildete Focus auf alle Seiten sein Licht in steigenden Distanzen zurückfallen läßt. Hier sieht man keine Grenzen der Vorstädte; sie schei[83]nen in das Unendliche zu laufen, und nur Berge und Wälder lassen ihr Ende vermuthen.

Ganz anders erscheint uns die große Murvorstadt gen SW am rechten Ufer der Mur. Hier sind die Grenzen durch jenen merkwürdigen Damm (§. 18.) genau beschrieben. Dieser Halbkreis erhält in einer ausgedehnten Linie das Pomerium in seiner niedern Fläche, und trennt und erhebt den Anfang des Grätzerund Eckenbergerfeldes sehr sichtbar. Eine Erscheinung, welche unsern künftigen Naturkündigen, Hydraulikern und Geologen nicht mehr entgehen kann.

§. 30.

Endlich eröffnet sich unser letzter und nächster sehr beschränkte Gesichtskreis. Wir sehen zu unsern Füßen ein glänzendes Panorama, die eigentliche Stadt Grätz, von ihren Vorstädten durch sehr tiefe und breite Stadtgräben, hohe Ringmauern, zehn Bastionen und einige Ravelinen getrennt, und eingeschlossen. Die Verbindung wird mittelst der sechs Stadtthore unterhalten. Nur die ostsüdlichen höher liegenden großen Gebäude, und das neu erbaute schöne Rathhaus am Hauptplatze entzücken noch unser Auge. Alles übrige scheint eine schiefe ununterbrochene Reihe von Häusergruppen und Ziegelgesteinen zu seyn, aus welchen mehrere glänzende Thürme hervorragen. Der Schloßberg, oder die Fe-stung selbst schließt uns mit seinen starken Festungswer-ken ringsum ein. Die besondern Merkwürdigkeiten, welche uns die vorliegende schwere Steinund Ziegelmasse verbirgt, können wir nur in ihrer Nähe betrachten.

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6. Einige Denkwürdigkeiten. Jene besondern Merkwürdigkeiten, welche bey einer städtischen Geographie ihren Platz finden, übergehe ich, und ich hebe nur jenes Bemerkenswerthe aus, was auf den Geist und Wohlfahrt der jetzigen Generation einen bedeutenden Einfluß haben kann.

§. 31.

Grätz ist eine Festung, die in vorigen Zeiten dem Feinde(den Türken) Widerstand geleistet haben soll. Die Citadelle am Schloßberge mochte zu den Zeiten des Kaisers Hadrians, der zuerst hier Festungswerke habe anlegen lassen, und in den spätern Zeiten des Faustrechtes, ein treffliches Bollwerk gewesen seyn. Jetzt ist sie so wohl wegen der Nähe der Berge, als auch besonders wegen der ungünstigen Beschaffenheit und Situation des Murflusses (§. 21.) kein haltbarer Ort mehr; denn ich glaube, daß der Feind bey einer Belagerung ohne viele Mühe diesen Fluß an das alte Murbeet zurückführen, und oberhalb dem Kalvarienberge der bedrängten Stadt das nothwendige Element, Wasser, sehr leicht und ganz sperren würde, wodurch bis nach Wildon hin am rechten Ufer alle jene Gegenden und Ortschaften (§. 21.) ganz zu Grunde gerichtet würden.

Das mag auch die Ursache gewesen seyn, daß Joseph II. diese Festungswerke zur Auflassung bestimmet hat, wofür Ihm die Einwohner dieser Stadt und jener Gegenden den größten Dank schuldig sind.

Diese Citadelle ist zur Aufbewahrung der abgeurtheilten Sträflinge und Verbrecher bestimmt; die unterirdischen Gefängnisse verschließen mehrere schwere [85]Missethäter. In dem Thurme der dortigen St. Thomaskirche, welche alle übrigen Kirchen an Alterthum übertrifft, (nur die Leechkirche vielleicht nicht?) befindet sich die größte Glocke in Grätz, die 160 Zentner schwer ist, und seit allen denklichen Zeiten her (vielleicht seit ihrer Geburt 1587) täglich zwey Mahl um 7 Uhr geläutet wird. Dieses Läuten wurde vom Kaiser Joseph 1784 eingestellt. Allein bey dem Siegesfeste nach Belgrads Eroberung 1789 ertönte ihr erfreulicher Schall wieder, der seither täglich zwey Mahl wieder angestimmet wird. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr man frohlockte, als die Siebenglocke wiederkehrte, gleich als ob ein alter Freund von seiner Gefangenschaft erlöset worden wäre. Ihr majestätischer Klang hatte sogar den Dichter geweckt:

„Du tönest nun zum ersten Mahl Nach langem Schweigen wieder. „Deß freut der biedre Grätzer sich Zu dieser Morgenstunde, Und jung und alt, und männiglich Vier Meilen in der Runde. „Der Bauer und der Bürgersmann Mißt seine Tagsgeschäfte, „Noch liegt im trägen Gänseflaum Der hohe Müßiggänger, Erwacht von einem lockern Traum, und gähnt und schnarchet – länger u.

Auf dem Schlossberge befinde sich noch eine Ta-ferne, das Stockhaus, Zuchthaus u. und ein durch den [86]Felsen gehauener, bis unter die Höhe der Oberfläche der Mur herabreichender Brunnen.

In der Stadt selbst sind viele öffentliche Staatsund Privatgebäude merkwürdig. Ich kann diese so, wie ihre besondern Merkwürdigkeiten, übergehen, da Kindermann in seinem Repertorium hierüber das Nöthige vorgetragen hat. Das schönste und prächtigste Stück der hiesigen Baukunst ist das Mausoläum des Kaisers Ferdinand des Zweyten, die Catharinencapelle genannt, ein rundes, hohes, mit einer Kuppel geschlossenes, und mit einem daneben stehenden schönen Thurme geziertes Gebäude von jonischer Ordnung. In einem unterirdischen Gewölbe liegt erwähnter Kaiser, sammt seiner ersten Gemahlinn, Maria Anna, und seinem Erstgebornen, Johann Carl, begraben. Diesen wurde später die Asche von der Mutter dieses Ferdinands, Maria, Gemahlinn des Herzogs Carl des Zweyten beygesellet, nachdem unter Joseph II. die Kirche der Clarisserinnen, wo sie begraben lag, abgebrochen worden ist. *(Dieser Ort, jetzt das Sartorysche Haus in der Mur-gasse, ist in der Geschichte von Grätz merkwürdig. Die Kirche war in der Lutherischen Reformation die erste Lutherische. Ein Dr. Homberger predigte hier wider den Katholicismus, wodurch er sich seinen Proceß zuzog. Der berühmte Andreas v. Baumkircher verlor zwischen diesen Mauern in der Murgasse sein Haupt durch den Henker, dessen Thaten unser be- währte Dichter Hr. Joh. Nep. Edl. v. Kalchberg in dem bekannten Trauerspiele: Die Ritterempörung, würdig in's Gedächtniß zurückbrachte. Dann hat auf dieser Stelle unser industriöse Hr. Fr. Sartory, bürg. Handelsmann, der diese Kirche und einen Theil des Klostergartens gekauft hatte, eines der größten, ansehnlichsten und einträglichsten Häuser hergestellet, dessen sehr starken Grundmauern mit vielen andern neuen im Contraste stehen.) [87]Das neue Rathhaus auf dem Hauptplatze ist unter allen neu erbauten Häusern das respectabelste. Dieses ist erst 1807 an der Stelle des alten stadt- magistratlichen Rathhauses und eines andern niedergerissenen Nebengebäudes vom Grunde aus aufgeführet und vollendet worden. Es hat 3 Stockwerke. Den Eingang in der Mitte zieren 8 hervortretende Marmorsäulen, auf welchen eine massive, dem ersten Stockwerke gleichlaufende breite Altane ruht. Ober denn dritten Stockwerke, zurücktretend in gleicher Länge und Richtung, erscheint eine zweyte Gallerie, worauf rechts die Göttinn Clio, und links die sehende Justitia, mit an beyden Ecken anpassenden Genien, mit ihren Insignien in colossalischer Größe prangen, von Gagon aus Stein gehauen. In ihrer Mitte und höher steht das aus allen Oeffnungen Feuer speyende Pantherthier, das Steyermärkische und städtische Grätzer-Wappen, unter welchem das große runde Uhrblatt mit goldenen Römischen Zahlen und Zeigern im schwarzen Felde, und jene Gruppen das Auge überraschen und zur würdigen Aufmerksamkeit fixiren. Das Ganze nimmt sich von Außen symmetrisch, solid und prächtig aus. Die Fronte des Hauses ist N über den Hauptplatz, nach der entgegensehenden schönen heil. Dreyfaltigkeitssäule, wodurch dieser Platz von schönen Häusern ringsum umgeben, noch mehr geziert erscheint, und die 5 Hauptgassen, die hier zu- und wegführen, dem Seher unkenntlicher macht.

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Die Unkösten dieses Gebäudes sollten bis auf 150,000 Gulden betragen, und den ersten Ueberschlag nicht um die Halbscheide viel übersteigen. Zur Bestreitung dieser Baukösten mußte eine besondere Accise auf Wein gelegt werden, welcher gemäß jeder Startin (d. i. jede 10 Eimer, oder 400 Maß) der innerhalb der Linien eingekellert und zum Gebrauche be- stimmt wird, drey Gulden dazu beyzutragen hat; so lange bis die nöthige Summe eingeht.

Nun wundert sich das dürstende Grätzerpublicum zwar gar nicht, daß sich der Trunkenbold Bachus mit der Clio und der sehenden Justitia zu seinem Nachtheile verbunden habe, und es zeigt sich täglich sehr bereitwillig, um seiner Pflicht baldest nachkommen zu können, allein es fängt schon an zu fürchten, daß sich diese Gottheiten nicht leicht wieder trennen werden!

Die Jacominivorstadt ist für Grätz eine wahre Zierde, und jene gewinnt selbst noch jährlich an Verschönerungen und Zunahme. Dort, wo ich noch vor 24 Jahren über einen elenden Stiegel stieg, um nach dem Grätzbache über einen morästigen Anger zu kommen, stehen jetzt in einer sonst unwirthlichen Fläche bey 200, meistens 2– 3 Stock hohe niedliche Häuser, mit schönen, sehr geräumigen Gässen. Der große Jacominiplatz (er ist der größte in Grätz) mit einer Mariastatue (in Bronze) prangend, und erst neulich durch das Auspflastern verschönert, steht mit der Ei-senthorbrücke, mit der Innenstadt in nächster Verbindung, und wird von allen Seiten von sehr anmuthigen und mehrern soliden Häusern begrenzet. Die Nähe der Stadt, die schönen zuführenden Spaziergänge, die vielen Gewölber und Trödelbuden, die lebhaften Wo- chenmärkte und die lieblichen Aussichten, gewähren dieser Vorstadt, besonders im Sommer, viele Reize [89]und die größte Lebhaftigkeit. Das große Kaffehhaus, recht dazu geeignet, den mürrischen Sinn der Alten zu zerstreuen, und den jungen Herren Labniß und Zeitvertreib zu verschaffen, ist der tägliche Versammlungsort der gebildetern Männerwelt. Hier wird gespielet, gesprochen, gefabelt, und mit der ängstlichen Wißbegierde der speciellen Politik das horchende Ohr eingeweiht. Nicht selten erfrischen sich auch Damen im Sommer unter aufgestellten Gezelten vor dem Eingange mit Eise und Labnissen aller Art.

Dem großen Herrschaftshause gegenüber, in etwas entfernter Linie, haben erst im J. 1805 zwey egale und elegante Häuser: ZUM HERKULES und ZUM SCHARFEN ECK das große Theater dieses Platzes verlängert. Ihre in kleine Marmorblättchen eingezeichneten Inschriften reflectiren ein schwaches Licht. An eben dieser Stelle befand sich noch 1792 das bald nachher fortgeschaffte Sommertheater mit seinen amüsirenden Zettergespielen.

Zur nähern Verbindung der St. Leonhardervorstadt und der Ungar’schen Poststraße mit der Stadt wurde im J. 1786 von der kaiserl. Burg eine (bey 15 Klafter hohen Bastionsmauern) über den Stadtgraben an die jenseitige Glacis laufende hölzerne Brücke hergestellet. Daher wurden Stadt und Vorstadt näher gebracht, und dem Städtler, vorzüglich dem Beamten und den Studierenden, viele Bequemlichkeit und leichte Spaziergänge eröffnet.

Das gab auch die Veranlassung zu einem der größten und ansehnlichsten Gebäude, zum Grünanger genannt, am Rücken der Glacis, der Burg gegenüber, vom Richard Sebacher, einem Bürger und Brauer, im J. 1797 aufgeführet.

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§. 32.

Grätz ist wegen seiner reizenden Lage und der so mannigfaltigen Abwechslungen seiner romantischen Umgebungen berühmt, und man könnte ohne Uebertreibung fast sagen: Grätz liege zwischen Bergen und Tiefen noch in einem Walde. Der allmählich erwachende bessere Geschmack, und die aufkeimende höhere Cultur, machen den natürlichen Reichthum und den wahren Werth besser kennen. Es ist hier nicht der Ort, um zu zeigen, wie viel Grätz seit zwanzig Jahren an Verschönerungen zugenommen hat? Aus einer pfützigen Wiese stieg eine prächtige Stadt (Jacominivorstadt) empor. Außer den Stadtthören lag eine weite sandige unfruchtbare Oede, (die Schanzen) welche jetzt mit prächtigen Alleen geziert, den lustwandelnden Grätzer gleich Anfangs der fünf Thöre, in Norden, Osten und Süden, wie ein schattenreicher Hain empfängt, und in einer halbmondförmigen zikzacken Chaussee, die nur dem Fußgeher offen steht, unter kühlen Zephyren und dichten laubgewölbten Gängen erquicket, und so bis zu einer weitern Excursion, oder zu einem andern Stadtthore begleitet. Sollte auf dieser schönen Promenade ein Alter oder sonst Gebrechlicher er- müden, oder sollte eine Schöne des Zufußgehens ungewohnt, oder von städtischer Lust ermattet seyn, und den schönen ebenen Weg wie in einem Ziergarten nicht weiter fortsetzen können, so warten ihrer überall kalte steinerne Ruhebänke.

Diese große ständische Allee fängt in der Jacominivorstadt gleich bey dem großen Barometer (einem Hause, welches unser Carl Kindermann erbauet hat) in der Alleezeile an, und läuft auf den Wällen des Stadtgrabens, und mit ihnen parallel in gleicher winkelichten Richtung neben dem Burg- und Paulusthore von S nach N bis an [91]das Sackthor hin, von 960 Roßkastanien-Bäumen gebildet. Eine zweyte Allee ist die Straßenallee, und von 400 Lindenbäumen, erst später angelegt. Sie führt nach der Fahrtstraße von der Jacomini- Gleistorferstraße, neben dem Grünanger und der Leechkirche, bis den Wurm-brandLustgarten und die Weitzerstraße, welche in 30 Jahren ein imponirendes Ansehen erst erhalten wird. Der Mittenraum zwischen diesen Alleen, welcher durch die St. Leonharder- und Geydorferstraße ebenfalls mit Alleen geziert, zwey Mahl unterbrochen wird, bildet die so genannte große Schanze (Glacis). Sie ist eine weite ebene Fläche, worauf Hornvieh der Vorstädte weidet, und wo sich das Militär im Exerciren und Manövriren übt, der ordentliche und bequemste Erercierplatz, so beyläufig wie in Wien, mit dem wesentlichen Vortheile, daß es hier viel ländlicher und freundlicher aussieht, und nicht staubt.

§. 33.

Die glücklichste Idee, die wohl je nur ein menschenfreundlicher Grätzer denken konnte, ist die kleine Allee zwischen der Jacominivorstadt und dem Neuthore S. Sie fängt gleich vor der Neuthorbrücke an, und erhebt sich mit dem Walle ober dem Stadtgraben, und bildet ein langes Dreyeck. Ein anders alleeförmiges Gesträuche von Ligustrum (Hartriegel) schließt dicht die beyden Seiten ein. Sie besteht nur aus 215 großen Kastanienbäumen. Man nennt sie die kleine Schan-ze, oder gewöhnlich die Kinderallee. Diese letzte Benennung ist allerdings die treffendste. Hier ist das gefundene Paradies der Grätzerjugend! Hier erblickt man oft hundert der kleinen Stadtbewohner, welches ihren Einkerkerungen entronnen, oder auf Armen dahin gebracht worden sind, um der frohen Himmelsluft zu genießen. Wie sie hier im Grase, in der Niedere, oder [92]auf dem hohen Walle– unter sechsfachen schattenreichen Bäumenreihen herumwühlen, spielen, paperlen, lallen, liebkosen und tändeln – unschul- dig, zwanglos in voller Hingebung.

Ihr Glücklichen! so lallet und liebkoset fort eure karge und gramlose Lebensepoche! nur zu bald kehret ihr wieder zurück, um von städtischen Dünsten gesättiget, den ernsten tückischen Pfad zu betreten.

Wie so mancher Greis schleicht hier zwischen euch mit neidischem Auge vorüber– und eine Thräne entfällt seiner Wange, wenn er sich hier so wie nirgends in der Welt, zurück erinnert; daß auch er – einst gelebt hat! Wie so manches Mütterchen tändelt und kindelt sich unter eurer Mitte, und gibt und lacht, und liebäugelt herzlich mit – auch, wenn sie zu Hause die Frau eines Sokrates wäre!

Ein ruhiger und theilnehmender Zuschauer verläßt diese frappante kindische Lebensgruppe mit froher Schwermuth.

Diese Alleen bestehen seit 1787, und sie sind bereits zu ziemlich dicken Stämmen herangewachsen, deren breiten Aeste mit ihrem dichten Laubwerke, in den Reihen nach der Quere einander berühren. Sie werden sorgfältig gepflogen und jährlich zugeschnitten. Die Bäume stehen acht bis zehn Schritte weit nach der Länge in den winkeligten Reihungen um die ganze Glacis herum.

Den Herren Landständen (man heißt diese Alleen die ständischen) und dem Stadtmagistrate, hat Grätz diese und viele andere Verschönerungen zu verdanken, Tausende segnen es, und werden ihr frohes Andenken segnen. Diese sind die sichersten lebenden Monumente, welche ihren Nahmen ohne niedrige Ruhmredigkeit verewigen.

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§. 34.

Zur Beförderung des Wohlstandes bestehen in Grätz zwey große Jahrmärkte, Manufacturen und viele Handlungszweige. Zur Bequemlichkeit dienen: Miethkutschen, Fiaker, Miethsenften; die Beleuchtung aller Gässen der Stadt, und auch immer mehrerer Theile der Vorstädte, mit Laternen (die Zeit des Vollmondes ausgenommen). Die Reinhaltungsanstalten der Plätze und Gässen; ferner ein Steyermärkisches Intelligenzcomtoir und die bestehende kleine Post seit dem Jahre 1797, mittels derer die Einwohner dieser Hauptstadt, so wie des ganzen Grätzer Kreises unter sich gleichsam in nähere Verbindung gekomraen sind.

Zur allgemeinen Sicherheit sind (nebst der Besatzung) eine Polizeywache, die so genannte Grundwachen, Nachtwachten, und eine sehr gute Feuer- und Feuerlöschcommission (§. 71.).

Zum Lebensunterhalte der Grätzer dienen, die beständige Zufuhr von Lebensmitteln; die Getreid-, Heu- und Holzmärkte; zwey Victualien-Wochenmärkte, die Wachsamkeit der Polizey wegen Maß, Gewicht, Qualität u. s. w.