Ödön von Horváth

Historisch-kritische Ausgabe – Digitale Edition

Über die historisch-kritische Gesamtausgabe


Das Projekt

Ödön von Horváth (1901–1938) ist bis heute einer der meistgespielten Dramatiker des 20. Jahrhunderts und ein Klassiker der Schullektüre. Seine moderne, hochpräzise Sprachgestaltung, seine kritische Erneuerung des Volksstücks mit Dramen wie Geschichten aus dem Wiener Wald (1931) und Kasimir und Karoline (1932) und der entschiedene Antifaschismus der späten Romane Jugend ohne Gott (1937) und Ein Kind unserer Zeit (1938) haben ihm einen Platz im Kanon der deutschsprachigen Literatur gesichert.

Die historisch-kritische Ausgabe bietet erstmals eine nach den Standards moderner Editionsphilologie hergestellte Gesamtausgabe aller abgeschlossenen und Fragment gebliebenen Werke sowie aller Briefe und Lebensdokumente Ödön von Horváths. Sie erfüllt damit zum einen die in der literatur- und theaterwissenschaftlichen Forschung seit langem vorgebrachte Forderung nach einer verlässlichen Textgrundlage und erlaubt zum anderen profunde Einblicke in die Entstehung der Werke sowie die moderne Arbeitsweise des Autors. Nach verschiedenen Vorprojekten erschien mit Kasimir und Karoline (Band 4) 2009 der erste von insgesamt 18 Bänden der Ausgabe im renommierten Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter (Berlin/Boston).

Die Forschungsarbeiten werden durch Projekte des Österreichischen Forschungsfonds (FWF) sowie mit Unterstützung der Stadt Wien finanziert. Dank großzügiger Unterstützung seitens des FWF sind Teile der Ausgabe auch als open access-Publikationen verfügbar (Band 11: Ein Sklavenball / Pompeji). Lesebände der bekanntesten Werke Horváths mit einer Auswahl des genetischen Materials und einem Sachkommentar erscheinen bei Reclam. Seit 2015 finden die Forschungs- und Editionsarbeiten am Franz-Nabl-Institut der Karl-Franzens-Universität Graz statt. [Bisher erschienen]

Die historisch-kritische Ausgabe basiert auf den umfangreichen Nachlassbeständen des Autors im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und der Wienbibliothek im Rathaus. Für die Konstitution der Werktexte wie die Rekonstruktion der jeweiligen Textgenese wurden alle überlieferten Textträger neu geprüft und gemäß nachvollziehbaren Kriterien in eine chronologische Reihenfolge gebracht.
Die jeweiligen Werkgenesen werden nach Arbeitsphasen (Konzeptionen) untergliedert, die sich meist anhand bestimmter Strukturelemente (Figuren, Motive, Schauplätzen) oder mittels makrostruktureller Ordnungen (sieben Bilder, drei Teile) erschließen lassen. In den Konzeptionen liegen zum einen meist handschriftliche Entwürfe vor, bei denen es sich um Strukturpläne oder Dialogskizzen handelt, die sich nicht in einen sinnvollen linearen Zusammenhang bringen lassen. Zum anderen liegen sowohl hand- wie maschinenschriftliche Ausarbeitungen längerer Textpassagen in Form von Textstufen vor, innerhalb derer ein genau ausgewiesener Bearbeitungszustand in Form von linearisierten Fassungen konstituiert wird. Für die Darstellung kommen innerhalb der einzelnen Bände unterschiedliche Editionsmodi (Faksimile und diplomatische Transkription, lineare Textkonstitution und zeilengenauer Einblendungsapparat) sowie unterschiedliche grafische Hilfsmittel zum Einsatz.

Besonderes Augenmerk legt die Ausgabe darauf, in der Darstellung der Textgenese Horváths moderne schriftstellerische Arbeitsweise sichtbar zu machen. Diese äußert sich vornehmlich in einer cut-and-paste-Technik bei der Erstellung von Typoskripten. Horváth erarbeitet dabei Text an der Schreibmaschine, überarbeitet ihn handschriftlich teils mehrfach und trennt dann stark überarbeitete Passagen mittels Schere von den Blättern ab. Den Text tippt er auf der Schreibmaschine auf einem neuen Blatt ins Reine und klebt ihn dann an die entsprechende Stelle des ursprünglichen Typoskripts ein. Da sich im Nachlass Horváths zu vielen seiner Werke eine Vielzahl derartiger Blattteile und -schnipsel erhalten hat, kann anhand der oft unregelmäßigen Schnittkanten die Genese eines einzelnen Bildes oder Kapitels bis ins Detail nachvollzogen werden. Die materiellen Austausch- und Wanderbewegungen der montierten Textträger werden durch die Konstitution von Ansätzen innerhalb von Textstufen analytisch aufgegliedert und mit Hilfe von Simulationsgrafiken übersichtlich dargeboten.

Die Transkriptionen und grafischen Hilfsmittel der Ausgabe werden in jedem Band von einem ausführlichen Kommentar begleitet, der die Textträger materiell beschreibt, die Konstitution von Entwürfen und Textstufen argumentativ absichert und Hinweise zum Sachkommentar und zu Werkkontexten liefert. Ein Vorwort führt zu Beginn jedes Bandes in die Entstehungsgeschichte, die Besonderheiten des genetischen Konvolutes und in die zeitgenössische Rezeption ein. [Editionsprinzipien]

Projektteam

Projektleitung

  • Klaus Kastberger

MitarbeiterInnen

  • Nicole Streitler-Kastberger (Mitherausgeberin)
  • Martin Vejvar (Mitherausgeber)
  • Sabine Edith Braun (editorische Mitarbeit, Korrektorat)
  • Hans Clausen (Umsetzung Digitale Edition)

Ehemalige MitarbeiterInnen

  • Andreas Ehrenreich (editorische Mitarbeit)
  • Erwin Gartner (Mitherausgeber)
  • Julia Hamminger (editorische Mitarbeit)
  • Charles-Onno Klopp (editorische Mitarbeit)
  • Kerstin Reimann (Mitherausgeberin)

Kooperationspartner

Fördergeber