Ödön von Horváth

Historisch-kritische Ausgabe – Digitale Edition

Codierungsrichtlinien


Grundlagen des Datenmodells

TEI-P5

Das den codierten Dramentexten zugrundeliegende Datenmodell basiert auf den Empfehlungen der TEI-P5. Für diejenigen Textphänomene, die nach Einschätzung der Editoren von TEI-P5 nicht adäquat repräsentiert werden können, wurden dem Datenmodell eigene Elemente hinzugefügt. Manche Elemente von TEI-P5 wurden zudem abweichend von ihrer Definition in der TEI-Dokumentation verwendet. Die spezifische Verwendung dieser Elemente im Datenmodell wird im Folgenden durch eigene Definitionen explizit ausgewiesen.

Historisch-kritische Gesamtausgabe

Der dem Datenmodell als Vorlage dienende Text entstammt der historisch-kritischen Ausgabe (HKA) der Werke Ödön von Horváths (Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald. Hg. v. Erwin Gartner und Nicole Streitler-Kastberger. Berlin: de Gruyter 2015). Die HKA macht den Entstehungsprozess der Dramen sichtbar, indem sie die existierenden Arbeitsmaterialien bis hin zu den Endfassungen der Dramen als einzelne Textstufen wiedergibt und deren Beziehungen untereinander nachzeichnet. Das Datenmodell der digitalen Edition folgt diesem textgenetischen Ansatz, insofern als dessen Element <group> mehrere Elemente <text> enthalten kann, die jeweils eine Textstufe eines Dramas umfassen. Für die Codierung der Geschichten aus dem Wiener Wald wurden dem Element <group> z. B. zwei <text>-Elemente untergeordnet, von denen eines die emendierte Endfassung der Fassung in sieben Bildern (basierend auf der Textstufe K4/TS24) und eines die emendierte Endfassung der Fassung in drei Teilen (basierend auf der Textstufe K5/TS12) enthält. Die Abbildung textgenetischer Veränderungen erfolgt im Datenmodell somit nicht entlang aller erhaltenen Textträger wie in der HKA. Stattdessen stellt das Datenmodell einen genetischen Vergleich der beiden greifbaren Endpunkte des genetischen Prozesses von Geschichten aus dem Wiener Wald her, wie er auch in der HKA in Form einer grafischen Gegenüberstellung der beiden Fassungen vorgeprägt ist (vgl. dazu den Textvergleich K4/TS24 und K5/TS12 in der HKA). Zu den Terminologien und Verfahrensweisen der HKA vgl. die Editionsprinzipien.

Formal repräsentierte Struktureinheiten

Viele textstrukturelle Phänomene der Endfassungen sind in der historisch-kritischen Ausgabe typografisch repräsentiert. Diese in der gedruckten Ausgabe an der grafischen Oberfläche erkennbaren Strukturen werden im Datenmodell der digitalen Edition ebenfalls repräsentiert. Im Einzelnen werden sie darin wie folgt abgebildet:

Die Frontseite

<front>, <head>, <castList>, <set>, <epigraph>: Die Frontseite der Dramentexte (Paratext) wird durch das Element <front> gefasst. Die auf der Frontseite enthaltenen Substrukturen – Titel, Figurenliste, Setting und Epigraph – werden durch die Elemente <head>, <castList>, <set> und <epigraph> inkl. zugehöriger Kindelemente repräsentiert. Neben der Funktion, die formalen Strukturen der Stückes, wie sie in der HKA repräsentiert werden, in die digitale Editionen zu übertragen, haben diese Elemente den Zweck, textinterne Relationen, die im gedruckten Text nur implizit ausgedrückt sind, zu explizieren und so einer maschinellen Verarbeitung zugänglich zu machen.

<castItem>, @xml:id: So werden z. B. den in der <castList> jeweils durch ein Element <castItem> repräsentierten Figuren der Figurenliste eindeutige Identifikatoren (@xml:id) zugewiesen. An denjenigen Stellen des eigentlichen Dramentextes, wo eine Figur aus der Figurenliste vorkommt, kann diese mithilfe einer Referenz auf ihren Identifikator ausgezeichnet und ihre Identität bestimmt werden.

Der eigentliche Dramentext
Makrostrukturen

<body>, <div1>, <div2>: Der eigentliche Text des Dramas (Haupttext) wird mit dem Element <body> gefasst. Die historisch-kritische Ausgabe unterteilt das Drama Geschichten aus dem Wiener Wald je nach Fassung in nummerierte „Bilder“, die wiederum in durch typografische Leerzeilen voneinander abgehobene „Absätze“ unterteilt sind (7-Bilder-Fassung), oder in nummerierte „Teile“, die wiederum nummerierte und betitelte „Bühnenbilder“ enthalten (3-Teile-Fassung). Diese typografisch realisierten Struktureinheiten werden im Datenmodell der Hierarchie in der Vorlage folgend durch die Elemente <div1> („Bild“ bzw. „Teil“) und <div2> („Absatz“ bzw. „Bühnenbild“) repräsentiert.

Mikrostrukturen

<sp>: Die Absätze bzw. Bühnenbilder des Dramas haben wiederum selbst Untereinheiten, die entweder durch einen Absatz mit hängendem Einzug und vorangestellten, in Kapitälchen geschriebenen, Figuren- bzw. Figurengruppennamen oder durch einen kursiv geschriebenen, umklammerten Absatz ohne hängenden Einzug typografisch markiert sind. Im ersten Fall handelt es sich um Handlungs- und oder Sprechanweisungen, die jeweils einer oder mehreren Figuren zugeordnet sind, im zweiten um figurenunabhängige Szenenanweisungen. Während TEI-P5 zwischen figurenbezogenen Anweisungen (<sp>) und figurenunabhängigen Anweisungen (<stage>) unterscheidet, werden im vorliegenden Datenmodell sowohl figurenbezogene als auch figurenunabhängige Einheiten jeweils mit dem Element <sp> gefasst. Hinter dieser universalen Verwendung des Elements <sp> steht eine dramaturgische Lesart der Dramentexte, nach der sowohl das figurenbezogene als auch das figurenunabhängige Spiel auf der Bühne eine zeitliche Ausdehnung haben. Das Element <sp> repräsentiert demnach den jeweils enthaltenen Textabschnitt als Ereignis mit zeitlicher Ausdehnung. Durch die Unterteilung des gesamten Dramentextes in <sp>-Elemente wird das Stück für die digitale Edition als Abfolge einzelner Ereignisse mit zeitlicher Ausdehnung repräsentiert. Die zeitliche Ausdehnung der jeweiligen <sp>-Elemente wird dabei nicht genauer quantifiziert.

@who, @xml:id, @corresp: Mithilfe von Attributen werden die Ereignisse (<sp>) genauer spezifiziert. Handelt es sich um figurenbezogene Ereignisse, wird im Attribut @who die entsprechende Figur (bzw. Figuren) aus der <castList> referenziert. Jedes figurenbezogene Ereignis kann somit einer bzw. mehreren Figuren des Stückes eindeutig zugewiesen werden. Jedem Ereignis wird darüber hinaus im Attribut @xml:id ein eindeutiger Identifikator zugewiesen, der sich u. a. aus einem Fassungskürzel (z. B. „k4“ für die Fassung in sieben Bildern als Endpunkt der Genese von Konzeption 4, „k5“ dementsprechend für die Fassung in drei Teilen in Konzeption 5) und der fortlaufend vergebenen Ereignisnummer zusammensetzt. Mithilfe einer Referenz im Attribut @corresp auf den Identifikator eines anderen Ereignisses können verschiedene Ereignisse aufeinander bezogen werden. Mithilfe einer systematischen Verknüpfung von Ereignissen unterschiedlicher Fassungen lassen sich die Beziehungen zwischen verschiedenen Textstufen codieren und textgenetische Prozesse abbilden. Auf dieser Grundlage ist z. B. für die Geschichten aus dem Wiener Wald ein Vergleich der 7-Bilder-Fassung und der 3-Teile-Fassung realisiert worden.

<speaker>, <stage>, <p>: Innerhalb der Ereignisse lassen sich in der historisch-kritischen Ausgabe aufgrund von typografischen Markierungen drei unterschiedliche textstrukturelle Phänomene ausmachen. Die in Kapitälchen geschriebenen Figurennamen eines figurengebundenen Ereignisses werden in der Regel durch eine Referenz im @who Attribut repräsentiert. Handelt es sich um eine Neben-Figur, die keinen Eintrag in der <castList> hat, wird deren Name jeweils im Element <speaker> erfasst. Handelt es sich um Figurengruppen (z.B. „Alle“), werden die in der Gruppe enthaltenen Figuren einzeln im Attribut @who referenziert und ihr Gruppenname im Element <speaker> erfasst. In der Vorlage der HKA sind innerhalb eines Ereignisses sowohl figurengebundene als auch figurenungebundene Bühnenanweisungen durch Kursivschrift und Klammerung markiert. Im Datenmodell werden in dieser Weise gestaltete Struktureinheiten jeweils mithilfe des Elements <stage> erfasst. Figurenbezogene Ereignisse können darüber hinaus Sprechakte enthalten, die durch regulären Schriftschnitt markiert sind. Diese Struktureinheit wird durch das Element <p> erfasst.

Sprachlich repräsentierte Struktureinheiten

Viele Ereignisse weisen neben den oben genannten typografisch markierten Struktureinheiten bestimmte Merkmale und Mikrostrukturen auf, die sprachlich gebunden sind. Diese Merkmale und Mikrostrukturen werden im Datenmodell wie folgt expliziert:

Ereignismerkmale

<move type=„onStage“>, <move type=„entrance“>, <move type=„exit“>: Ereignisse, in denen die Anwesenheit, der Auftritt oder der Abtritt einer Figur beschrieben werden, erhalten das Element <move> mit dem Attribut @type. Die Anwesenheit einer Figur wird im Attribut durch den Wert „onStage“, ein Auftritt mit „entrance“ und ein Abtritt mit dem Wert „exit“ ausgedrückt. Auf der Grundlage der in dieser Form ausgezeichneten Figurenauftritte und -abtritte lassen sich die sich im Laufe des Stückes auf der Bühne ergebenden Figurenkonstellationen errechnen und in Form von Netzwerkgraphen visualisieren.

<milestone unit=„music“>, <milestone unit=„non-music“>: Viele Ereignisse enthalten Bühnenanweisungen, die einen musikalischen Bezug haben. Sofern diese Anweisungen den Beginn von Hintergrundmusik implizieren, erhält das entsprechende Ereignis (<sp>) das leere Element <milestone unit=„music“/>. Im Sinne der oben beschriebenen dramaturgischen Lesart der Dramentexte markiert ein Ereignis, das das Element <milestone unit=„music“/> enthält, den Beginn eines musikalischen Geschehens, das solange parallel zu den folgenden Ereignissen anhält, bis in einem weiteren Ereignis sein Ende beschrieben wird. Das Ende des hintergrundmusikalischen Geschehens wird im Datenmodel durch das leere Element <milestone unit=„non-music“> repräsentiert. Auf der Grundlage dieser Auszeichnung lässt sich für jedes Ereignis bestimmen, ob es Hintergrundmusik hat, oder nicht.

Mikrostrukturen

Die Untereinheiten von Ereignissen (<stage>, <p>) weisen bestimmte Merkmale auf und enthalten bestimmte Untereinheiten. Diese Merkmale und Untereinheiten werden im Datenmodell wie folgt expliziert:

Bühnenanweisungen

<stage type=„business“>, <stage type=„modifier“>, <stage type=delivery>: Alle figurengebundenen Bühnenanweisungen <stage> können Texteinheiten enthalten, die die non-verbale Handlung einer Figur beschreiben (repräsentiert durch: <stage type=„business“>), die das Aussehen einer Figur beschreiben (repräsentiert durch: <stage type=„modifier“>) oder die die Prosodie des folgenden Sprechaktes (<p>) beschreiben (repräsentiert durch: <stage type=„modifier“>).

<name>, @ref: In den non-verbalen Handlungen einer Figur selbst können wiederum dritte Figuren als passive (in der Regel Objekt des Satzes) oder aktive (in der Regel Subjekt eines Relativsatzes) Akteure auftreten. Dieses Auftreten wird durch die Auszeichnung des jeweiligen Figurennamens (Eigenname oder Pronom) mittels des Elements <name>, das im Attribut @ref eine Referenz auf den Identifikator der Figur enthält, repräsentiert. Die so ausgezeichnete Figur ist der übergeordneten Handlung als Akteur zugeordnet. Die Handlung selbst bleibt jedoch derjenigen Figur zugeordnet, der die Handlung als Ganzes zugeordnet ist. In der Regel sind Handlungen als Ganzes denjenigen Figuren zugeordnet, denen auch das jeweilige Ereignis zugeordnet ist. Ausnahmen bilden diejenigen figurenungebundenen Ereignisse (dem Absatz ist kein Figurenname bzw. Figurengruppenname vorangestellt), die figurengebundene Bühnenanweisungen enthalten.

<stage type=„Stille“>, <stage type=„Pause“>, <stage type=„Affekt“>: Alle figurenungebundenen Bühnenanweisungen können Texteinheiten enthalten, die die Horváthsche Stille beschreiben (repräsentiert durch: <stage type=„Stille“>), die explizit eine „Pause“ beschreiben (repräsentiert durch: <stage type=„Pause“>) oder die einen figurenungebundenen Affekt auf der Bühne beschrieben (repräsentiert durch: <stage type=„Affekt“>).

<sound>, @type: Sowohl in figurengebundenen als auch in figurenungebundenen Bühnenanweisungen können akustische Phänomene beschrieben werden. Diese werden im Datenmodell mit dem Element <sound> erfasst. Handelt es sich um ein akustisches Phänomen mit musikalischer Ausprägung, erhält das Element <sound> das Attribut @type=„musikalisch“.

Sprechakte

<p type=„musikalisch“>: Sprechakte, deren prosodische Beschreibung in der vorherigen Bühnenanweisung auf eine musikalische Ausprägung hinweisen, werden im Datenmodell mit dem Element <p type=„musikalisch“> repräsentiert.