Grazer didaktisches Textportal zur Literatur des Mittelalters

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Philipp von Seitz

Die dichterische Mission des Kartäusermönchs Philipp von Seitz auf das Anagramm Belichtender zu reduzieren, mag auf den ersten Blick zu kurz gegriffen wirken. Versteht man jedoch seine bis heute europaweit bekannte, weil in so vielen verstreuten Handschriften erhaltene Dichtung „Marienleben“ als einen Beitrag zur vielleicht strahlendsten und in all ihrer Buntheit reinsten Marienverehrung, die je verfasst wurde, so hat er tatsächlich auf besondere Weise eine Art von überirdischem Lichtstrahl auf die Welt des Mittelalters geworden. Im Stift Admont war er willkommen, da dort jene Handschrift mit Auszügen aus seinem umfangreichen „Marienleben“ aufbewahrt wird, die schon in der Ausstellung im Landesarchiv zu bestaunen war. Außerdem beginnt beim Stift bekanntlich unser Literaturpfad zum „Admonter Bartholomäus“, und das passt wunderbar: Denn während dieser Pfad rund ums Stift hauptsächlich für das körperliche Wohlergehen zuständig ist, kümmert sich Bruder Philipp im Stift um die literarische Seelsorge.

Standort:
Admont
Stift Admont, Admont 1, 8911 Admont
https://www.stiftadmont.at/

Öffnungszeiten: Museumssaison 2018: 25. März - 4. November 2018 tägl. 10 - 17 Uhr geöffnet

Ansprechperson: MMag. Prior Maximilian Schiefermüller O.S.B.

Kurzbiographie

Über Bruder Philipps Leben ist nur wenig bekannt. Er war Kartäusermönch und lebte um 1300 in der Kartause Seitz in der Untersteiermark (heute Žiče in Slowenien). Im Jahr 1316 gründete er mit sechs anderen Seitzer Mönchen die Kartause Mauerbach bei Wien, wo er 1345 oder 1346 verstarb. Über seine Herkunft ist nichts bekannt, Untersuchungen seiner Reime haben ergeben, dass er vermutlich aus dem mittel- oder norddeutschen Bereich kam.

Bruder Philipp ist der Verfasser des Marienlebens, einer 10.000 Verse starken „Biographie“ der Gottes­mutter. Das Marienleben ist vermutlich zwischen 1300 und 1316 in Seitz entstanden. Er hat das Werk den Rittern des Deutschen Ordens gewidmet, die auch für dessen Verbreitung gesorgt haben. Heute kennen wir noch über 100 Textzeugen des Marienlebens, womit es die überlieferungsstärkste Dich­tung des deutschsprachigen Mittelalters ist. Im Marienleben werden Stoffe aus der Bibel, aber auch apokryphe Inhalte wiedergegeben. Philipp orientiert sich frei an einer lateinischen Vorlage, wobei er die einzelnen Episoden der Vorlage zu einem zusammenhängenden Handlungsverlauf formt. Philipp erzählt das gesamte Leben: Von Marias Eltern Joachim und Anna über Marias Vermählung mit Josef, zur Geburt Jesu. Er erzählt von der Flucht der Familie nach Ägypten, der Rückkehr und dem Wirken Jesu bis zu dessen Passion und Auferstehung. Er schließt mit Marias Lebenswandel nach der Himmelfahrt ihres Sohnes und ihrem eigenen Tod, ihrer Himmelfahrt sowie ihrer Krönung zur Himmelskönigin. Das Marienleben war ein mittelalterlicher „Bestseller“, neben den rund 100 Handschriften sind auch spätmittelalterliche Prosaauflösungen und viele Teilüberlieferungen bekannt.

Materialien

Videos

„Schwer erziehbar“ – Trashiges Videoexperiment, was passieren würde, wenn man die Erziehungsvorstellungen von Philipp von Seitz und Hugo von Montfort in die Gegenwart transponieren würde (Vorsicht: Satire!)