1. Warum Fabeln?

Wer kennt nicht die ‚sauren Trauben‘? Nicht nur die Fabel vom Fuchs, der die Trauben nicht erreicht und sie dann als sauer und somit unattraktiv bezeichnet, ist wohl bekannt; Fabeln sind überhaupt weit verbreitet. Doch wo stammen sie her? Welche Funktion hatten sie in der Antike? Wie verwenden wir sie heute? Lassen sie sich auf heute übertragen? Das Projekt führt SchülerInnen (SuS) der Fächer Latein und Altgriechisch an literatur- und kulturwissenschaftliches Arbeiten heran. Fabeln eignen sich, da die Texte kurz und sprachlich relativ leicht sind; ferner fordern sie durch ihre Bildhaftigkeit zur Interpretation auf. Zugleich kann man an ihnen besonders gut die produktions- wie rezeptionsgebundene Kontextualisierung erkennen. Denn Fabeln waren in der Antike zunächst rhetorische Argumentationsmittel, die als Bilder einen Sachverhalt verdeutlichen sollten. Wenn Fabeln jedoch in Sammlungen zusammengestellt oder als Einzelgedicht- oder Prosaerzählung vorlegt werden, fehlt den Rezipienten der Kontext. Hier lässt sich mit SuS deutlich herausarbeiten, wie man Texte einerseits lesen kann unter der – völlig berechtigten – Frage „Was sagt mir das heute?“ oder wie man sich als (angehende) WissenschaftlerInnen fragen muss, was der Text, den man oft erst mühsam erstellen muss, wohl damals für die Rezipienten ausgesagt haben könnte.

2. Ziele

In der wissenschaftlichen Forschung werden antike Fabeln erst in der neueren Forschung als ausgefeilte Kunst wahrgenommen. In der fachdidaktischen Literatur gab es zwar kontinuierlich Schulausgaben; was jedoch fehlt, sind Werke, die die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse rezipieren. Das übergeordnete Forschungsziel des Projekts war daher eine Synthese fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Forschung. Die SuS konnten aktuelle literaturwissenschaftliche Forschung hautnah miterleben und wurden durch die gemeinsame Erstellung einer digitalen Schulausgabe (GRaF) unmittelbar miteinbezogen. Ferner wurde das Projekt durch empirische Untersuchungen fachdidaktisch ausgewertet.

3. GRaF

Das Webportal GRaF ist das Herzstück des Projekts. GRaF versteht sich nicht als Lernplattform, sondern bietet einen innovativen Ansatz, der die Prinzipien einer kommentierten und annotierten wissenschaftlichen Digitalen Edition in TEI-XML mit dem neuen Konzept des Digitalen Schulbuchs verbindet. Die Ausgabe wird auf GAMS (Geisteswissenschaftliches Asset Management System; Graz) als dynamische Repräsentation aus langzeitarchivierten Daten verfügbar gemacht. Im Einzelnen bietet das Portal den NutzerInnen Folgendes: Zum Einstieg finden sich unter „Einführende Artikel“ fachwissenschaftlich fundierte Beiträge, die speziell für das Portal verfasst wurden und eine erste Einführung in folgende Themen bieten: Fabel, Phaedrus, Aesop, Babrios, Textkritik, Metrik. Eine umfassende „Bibliographie“ bietet vielfältige Recherchemöglichkeiten (z.B. Fabel, Phaedrus, Avian, Babrios).

Zu den einzelnen Fabeltexten (zu finden unter „Fabel-Texte“) gibt es folgende Informationen:

„Metadaten“: Sämtliche aufgeführten Fabeln wurden verschlagwortet, um den NutzerInnen unter verschiedensten Gesichtspunkten passende Fabeln zur Verfügung zu stellen. Die Fabeln wurden anschließend verschiedenen Modulen des österreichischen Lehrplans zugeordnet. Zu jeder Fabel findet sich die Angabe der wissenschaftlichen Textausgabe sowie weiterführende Sekundärliteratur. Schließlich werden weitere Informationen geliefert wie etwa ein Zitiervorschlag.

Im Zentrum steht die Bearbeitung der jeweiligen Fabel:

Unter „Text & Übersetzung“ ist der lateinische oder griechische Text nach der angegebenen textkritischen Ausgabe wiedergegeben. Eine Übersetzung kann nach Wunsch eingeblendet werden. Jede Fabel wurde neu und eigenständig übersetzt. Die Übersetzung ist ausgangssprachenorientiert und dem dokumentarischen Übersetzen verpflichtet. Ziel war es dabei, zum einen die besondere Sprachstruktur der Gedichte abzubilden, zum anderen aber auch verständliches Deutsch zu liefern. Die Übersetzungen sollen nicht so sehr der vergnüglichen Lektüre dienen als vielmehr die Nachvollziehbarkeit des fremdsprachigen Textes gewährleisten. Die Fabeln wurden mit Vokabelangaben versehen, die wahlweise am Rand angezeigt werden oder einzeln durch Cursor-Berührung aufscheinen. Grundlage war hierfür der im Lehrbuch ‚Medias in Res!‘ vermittelte Grundwortschatz. Beigegeben wurden entsprechend Grammatikangaben, ebenfalls auf der Grundlage des von ‚Medias in Res‘ (‚Mediam in Grammaticam!‘) vermittelten Basiswissens. Die Angaben wurden durch Sacherklärungen ergänzt. Sämtliche Fabeln wurden mit einer metrischen Analyse versehen, die durch Anklicken über dem lateinischen Text eingeblendet wird. Schließlich kann auch die Gliederung der Fabel im lateinischen Text angezeigt werden.

Unter „Interpretation“ sind Arbeitsaufgaben mit entsprechenden Lösungsvorschlägen zu finden. Ziel ist es hierbei, die Literaturkompetenz der SuS zu stärken und sie mit wissenschaftlichen Ansätzen vertraut zu machen. Es soll vor allem der subjektiven Deutung und allzu leichtfertigen Transferleistung eine gewisse Objektivität gegenübergestellt werden. Vorsichtig wird auch das Augenmerk auf die Textüberlieferung gerichtet und jeweils eine Frage zur Textkritik gestellt. Zu den Aufgaben gehört i.d.R.

1. Paraphrasieren Sie den Ausgangstext!

2. Gliedern Sie den Ausgangstext nach dem (typischen) Aufbau einer Fabel! Nennen Sie auffällige Gemeinsamkeiten und Unterschiede!

3. Erläutern Sie, welche Deutung durch das Promythion/Epimythion nahegelegt wird!

4. Finden und kennzeichnen Sie folgende Stilmittel: z.B. Hyperbaton, Anapher, Alliteration! Welche Bedeutung haben sie für die Interpretation der Fabel?

5. Nehmen Sie Stellung zu dem textkritischen Problem: Die wichtige Handschrift A bietet xxx, für eine andere Handschrift, B, ist yyy bezeugt! Inwiefern ist die Entscheidung hier bedeutungstragend? Wie lässt sich welche Variante als Fehler erklären?

Hieran schließen sich je nach Fabel Fragen zur Charakterisierung der Protagonisten, zum Vergleich mit entsprechenden Fabeln bei Aesop, Babrios, Avian, La Fontaine oder Lessing oder zur Bedeutung von intertextuellen Bezügen an. Hierzu sind die entsprechenden Texte jeweils im Original sowie in einer neu erstellten Übersetzung unter „Vergleichsstellen“ zu finden.

Gefragt wird ferner, wie die Fabel wohl von einem zeitgenössischen Publikum verstanden werden sollte bzw. wurde; dazu werden entsprechende Parallelstellen oder Belege aus der Sekundärliteratur bereitgestellt. Ferner wird zumeist eine These aus der Sekundärliteratur durch ein Zitat präsentiert, zu dem man auf Grund der Erarbeitungen Stellung nehmen soll.

Unbekannte antike Autoren sind markiert; durch Anklicken wird auf ein Glossar verwiesen, in dem knapp über die wichtigsten Daten informiert wird.

Sämtliche Fragen sind so formuliert, dass die SuS mit dem bereitgestellten Material eine eigenständige Lösung erarbeiten können. Auf weiterführende oder offene Fragen (z.B. Informieren Sie sich zu ...) wurde bewusst verzichtet. Verzichtet wurde auch auf Transferleistungen; diese sind unbestritten sinnvoll; sie hätten jedoch den Rahmen des Projekts gesprengt und sind, wenn gewünscht, leicht zu ergänzen. Das gleiche gilt für kreative Umsetzungen. Im Projekt selbst wurden diese durchaus verlangt und bei einem SchülerInnenkongress (s. Events) vorgeführt und prämiert.

Die Lösungsvorschläge geben entsprechende Antworten, möglichst präzise auf relativ knappem Raum. Diese Antworten sollten i.d.R. keine weiteren Informationen bringen. Texte wie Fragen lassen sich als PDF ausdrucken.

Photo from the GRaF project

4. Ablauf

Auf dem Grazer Lateintag im Oktober wurden alle Beteiligten durch Vorträge und Workshops auf das Thema eingestimmt. Studierende wurden in einem fachwissenschaftlich-/fachdidaktischen Seminar für ihre Aufgabe an den Schulen vorbereitet. Die SuS bearbeiteten mit ihnen gemeinsam in den folgenden Monaten einzelne thematisch abgestimmte Fabeln. Diese Ergebnisse wurden von den FachwissenschaftlerInnen aufgegriffen und in vereinheitlichter Form auf dem Webportal zugänglich bemacht. Auf einem SchülerInnenkongress im Mai erhielten die SuS Gelegenheit, ihre Ergebnisse kreativ zu gestalten und vorzustellen. Durch die Beteiligung einer Schule aus Brandenburg und die Kooperation mit KollegInnen der Universität Potsdam war das Projekt international.

Wiss. MitarbeiterInnen

Fachwissenschaftl. Betreuung: Lukas Spielhofer

Fachdidaktische Betreuung 2017-2018: Lukas-Florian Werzer

Fachdidaktische Betreuung 2018-2019: Alexander Praxmarer

Betreuung der digitalen Ausgabe: Sarah Lang

Stud. MitarbeiterInnen (Betreuung der Schulprojekte)

Schuljahr 2017/18: Lukas Großegger, Martina Hütmeyer, Nora Kohlhofer, Theresa Offner, Florian Lienhart, Anne Mader, Martin Passiny, Anna Petutschnig.

Schuljahr 2017/18, aus Potsdam: Laura Schievink, Lisa Weinberg.

Schuljahr 2018/19: Sophie Hollwöger, Nora Kohlhofer, Florian Lienhart, Christopher Poms, Clemens Wurzinger.

Schuljahr 2018/19, aus Potsdam: Franz Ivan Jaß, Laura Schievink.

Weitere Mitglieder des Projektteams

Dr. Renate Oswald (Univ. Graz; fachdidaktische Begleitung, zugleich Direktorin Bundesgymnasium Rein; Partnerschule)

Prof. Dr. Eveline Krummen (Univ. Graz; fachwissenschaftl. Zuarbeit Gräzistik)

Dr. Ulrike Kaliwoda-Bauer (Univ. Graz; fachwissenschaftl. und fachdidaktische Zuarbeit; Latinistik; zugleich betreuende Lehrerin an Partnerschule)

Dr. habil. Claudia Englhofer (Univ. Graz; fachwissenschaftl. und fachdidaktische Zuarbeit)

Laufzeit

01.10.2017 - 30.09.2019

Kontakt

Institut für Antike

Fachbereich Klassische Philologie

Universitätsplatz 3/II, 8010 Graz

Tel: +43 (0)316 380 - 2430

Fax: +43 (0)316 380 - 9775

Email: ursula.gaertner(at)uni-graz.at