Phaedrus – Person, Werk, Überlieferung

Ursula Gärtner


1 Phaedrus gilt gemeinhin als Schöpfer des lateinischen Fabelbuchs, d.h. der Fabel als lateinischer Literaturgattung in Buchform. Umstritten ist allerdings, was man über die historische Person des Dichters feststellen kann. Lange Zeit hat man versucht, aus den wenigen Fakten und vor allem aus Rückschlüssen aus den Fabeln eine Biographie zu rekonstruieren, die zur vermeintlichen Aussage der Fabeln passen sollte. Heute ist man zumindest z.T. vorsichtiger.1

1. Versuch einer Biographie

2 Schlägt man eine Schulausgabe zu Phaedrus auf, liest man i.d.R. Folgendes:

3 Phaedrus wurde ca. 20–15 v.Chr. geboren, stammte aus Griechenland, genauer Makedonien, und kam als Sklave nach Rom. Er war wohl als Lehrer am Hof des Augustus tätig und wurde von diesem freigelassen; er verfasste zwei Fabelbücher, wurde unter Seian, dem mächtigen Prätorianierpräfekt unter Tiberius, angeklagt, weil sich dieser wie viele andere von seinen Fabeln angegriffen fühlte, und verfasste nach dessen Tod im Jahr 21 bis ins Alter drei weitere Fabelbücher. In diesen späteren Büchern löste er sich immer weiter vom Vorbild Aesop, zeigte aber eine zunehmend pessimistische Weltsicht und wachsende Enttäuschung über die mangelnde Anerkennung als Dichter. Üblicherweise wird betont, dass Phaedrus in den Fabeln schonungslose Moralkritik übe; man spricht dann von der Stimme des ‚kleinen Mannes‘, der sich als Freigelassener der plebs, dem Volk, verbunden fühle und die Fabel als einzige Möglichkeit des – verhüllten – Protests einsetze; Phaedrus rufe dabei aber nie zum Aufstand auf, sondern predige hinter dem Spott bitter die Anpassung. Das liest man übrigens auch in großen Nachschlagewerken so. Hinterfragt man aber diese Angaben einmal, muss man Erstaunliches feststellen.

4 Verlässliche Dokumente zum Leben des Autors gibt es nämlich nicht. Wir haben nur die Fabeln selbst, in denen das Ich sich aber nicht konkret zu seinem Leben äußert. Die älteste Handschrift, die uns den Text überliefert (P), stammt aus dem 9. Jh. Erst dort ist zum ersten Mal angegeben, Phaedrus sei ein Freigelassener des Augustus gewesen. Dann gibt es einen rätselhaften und textkritisch unsicheren Hinweis bei dem Epigrammdichter Martial aus der zweiten Hälfte des 1. Jh.s n.Chr. auf die improbi iocos Phaedri „Witze des unanständigen Phaedrus“ (3,20,5) und die Tatsache, dass Seneca und Quintilian, beide auch Autoren aus der zweiten Hälfte des 1. Jh.s n.Chr., das Thema ‚Fabeln in der lateinischen Literatur‘ behandeln, aber Phaedrus nicht erwähnen. Eindeutige Rezeption zeigt erst der um 400 n.Chr. schreibenden Dichter Avian, der ebenfalls Fabeln in Gedichtform schrieb und sich dabei auf Phaedrus als Vorlage beruft. Dieser (mangelnde) Befund lässt verschiedene Deutungen zu.

5 Zumeist wird in der älteren, aber auch in der neueren Forschung nicht zwischen dem Ich der Fabeln und dem realem Autor getrennt; man nimmt alles wortwörtlich, was das Ich der Gedichte äußert. Dabei ist dies eigentlich zu trennen, wie wir das ja auch bei anderen Gedichtinterpretationen gewohnt sind.

6 Die Aussage, dass Phaedrus Freigelassener des Augustus gewesen sei, ist wie gesagt nur in den Handschriften vermerkt. Es wird aber nicht gefragt, wieso das erst in den Handschriften steht, vielmehr sehen sich die meisten Forscher dadurch veranlasst, die Gedichte aus der Sicht dieses Freigelassenen zu interpretieren und im Anschluss daraus Informationen über das Leben des Autors zu erhalten. So meinte beispielsweise der einflussreiche italienische Altphilologe La Penna: „La schiavitú [...] è il primo dato biografico essenziale per capire l’opera“. 2 Auch in neuerer Literatur wird Phaedrus meist unhinterfragt als Freigelassener angesehen und seine Gedichte aus dieser Sicht, d.h. als Sprachrohr der Unterdrückten, interpretiert.

7 Dazu muss zunächst darauf verwiesen werden, dass wie gesagt nahezu sämtliche Angaben zu Person und Leben aus den Gedichten erschlossen sind, wobei man m.E. sehr vorsichtig sein sollte, da sich so manches ‚Faktum‘ als literarisches Motiv erweist (s.u.). Die Angabe der Handschriften, Phaedrus sei ein ‚Freigelassener‘ des Augustus gewesen, kann eine in der antiken Biographie so beliebte Folgerung aus den Texten selbst sein, da Augustus in einer Fabel (3,10) als ein sehr fairer und kluger Richter in einem Prozess dargestellt wird. Die Angabe ist zudem textkritisch unklar; am Ende könnte eine Verwechslung mit der Abkürzung von lib. für liber oder libertus am Anfang gestanden haben. Wenn Phaedrus Lehrer am Hof des Augustus und dann noch dessen Freigelassener gewesen wäre, wäre es eigentlich unumgänglich gewesen, dass er diesem in seinen Proömien dankt und ihm ein Buch widmet.

8 Ferner ist die Methode, ‚biographische‘ Fakten aus der Dichtung zu erspüren, immer schwierig, bei der Fabel aber extrem, denn Fabeln sind ja Bilder, die i.d.R. einen übertragenen Sinn haben. Der Vorbehalt gegen eine biographische Deutung ist also gerade diese Gefahr des Zirkelschlusses: Dass Phaedrus Freigelassener ist, ist aus Fabeln erschlossen, dient aber dann als Grundlage der Interpretation eben dieser Fabeln, in der dann weitere ‚Beweise‘ für das Leben und die soziale Einordnung des Dichters und seines Publikums gezogen werden.

9 So handelt z.B. die Fabel, die heute am Ende der Sammlung steht (5,10), von einem alten Hund, der sich verteidigt, dass er die Beute mit seinen cariosis dentibus nicht habe halten können – ein Hund, der nicht mehr bissig ist, was könnte dies, so die biographische Deutung, anderes sein, als eine Selbstaussage eines alten Dichters, der nicht mehr so angriffslustige Gedichte schreibt. Ähnlich phantasievoll vermutete de Lorenzi3, dass Phaedrus von seiner leiblichen Mutter, vermutlich einer Prostituierten, verstoßen worden und dann von einer Sklavin eines Griechischlehrers aufgezogen worden sei. Wie kam er darauf? Weil in 3,15 ein Schaflamm in einer Ziegenherde seine Mutter sucht; als ein Hund es deshalb als dumm bezeichnet, antwortet es, dass nicht die leibliche Mutter die wahre sei, sondern die, die einen liebevoll und gütig aufzieht.

10 Dass Phaedrus aus Griechenland stammt und Sohn eines Griechischlehrers war, wird gefolgert aus einer Aussage im Prolog zum dritten Buch. Dort klagt das Dichter-Ich darüber, dass es in Rom nicht so wie gewünscht Anerkennung findet (3 prol. 17–23):

ego, quem Pierio mater enixa est iugo,
in quo tonanti sancta Mnemosyne Iovi
fecunda novies artium peperit chorum,
quamvis in ipsa paene natus sim schola
curamque habendi penitus corde eraserim
et laude invita vitam in hanc incubuerim,
fastidiose tamen in coetum recipior.
Ich, den die Mutter auf dem pierischen Berg [Berg in Makedonien, Sitz der Musen] gebar, auf dem die heilige Mnemosyne dem donnernden Iuppiter, neunmal schwanger, den Chor der Musen zur Welt brachte, obwohl ich beinahe in der Muße selbst geboren bin, die Sorge um Besitz gänzlich aus meinem Herzen getilgt und unter unwilligem Lob mich auf dieses Leben verlegt habe, werde dennoch nur hochmütig im Dichterkreis aufgenommen.

11 Was man bei einer biographischen Deutung dieser Verse vergisst, ist die Tatsache, dass seit Beginn der antiken Literatur Dichter für ihre Inspiration eine Weihung durch die Musen oder eine entsprechende Gottheit erhalten. So lesen wir schon bei Hesiod, einem griechischen Dichter etwa um 700 v.Chr., dass ihm auf dem Musenberg die Musen erschienen seien (Hes. theog. 52–61); dass sich Dichter auf ihre Museninspiration berufen, wird zu einem feststehenden Motiv in der Dichtung, sei es bei Kallimachos, Vergil, Horaz, Ovid usw.4 Die Dichter Properz und Ovid behaupten sogar, ihre Jugend auf dem Musenberg verbracht zu haben (Prop. 3,5,19–20; Ov. trist. 5,3,9–10), und Catull macht sich über einen Möchtegerndichter lustig, den Musen mit Gabeln vom Musenberg hinabstoßen (Catull. 105). Waren das alles Griechen? Sicher nicht. Nur weil wir sonst nichts über den Fabeldichter wissen, nimmt man diese Aussage eines literarischen Motivs wörtlich wie etwa Currie:5

„17-19 are to be interpreted literally; he was born in Pieria – that is, in Thessaly in the Roman province of Macedonia. The plain sense of 20 is surely that he was born in the vicinity of a school (or lecture-room), which implies that his mother was the wife (or servant?) of a schoolteacher, probably a litterator. We cannot say for sure whether his birth was legitimate.“

12 schola (3 prol. 20) ist sicher nicht mit ‚Schule‘ zu übersetzen, sondern bezieht sich auf das griechische σχολή, die Muße; dies ist auch daran zu erkennen, dass der Dichter zuvor von otium/negotium spricht (3 prol. 2 u. 13), wobei er auf σχολή/ἀσχολία bei Platon (Plat. Phaidr. 227b8–10) anzuspielen scheint. Für Dichter ist die Muße die Voraussetzung des Dichtens; so spricht etwa Catull vom otium (Catull. 51,13–16) oder Tibull von der vita iners (Tib. 1,5). Nur wenn man schola wortwörtlich nimmt, wird aus der inspirierenden mußevollen Umgebung eine Schule samt Griechischlehrer.

13 Auch die übrigen aus den Fabeln erschossenen ‚Fakten‘ lassen sich in gleicher Weise entkräften.6 Verwiesen sei nur noch auf den Prozess, in den das Dichter-Ich nach seiner Aussage durch Seian verwickelt war (3 prol. 41–50). Geschlossen wird daraus meist, dass Seian sich angegriffen gefühlt habe und der Dichter daher erst nach dessen Tod im Jahr 31 n.Chr. wieder gedichtet habe. Nicht nur ist die Formulierung unklar. Auch ließen sich die Vorwürfe gegen Seian an den Fabeln der ersten beiden Bücher nicht festmachen. Es ist daher denkbar, dass hier wieder ein literarisches Motiv vorliegt: Berühmte Dichter leiden unter Widersachern und werden zu Opfern ihrer Werke; vergleichbar ist der Angriff des Tigillinus bei Iuvenal (1,150–152), und Ovid ist wohl das prominenteste Opfer für missverstandene Dichtung.

14 Das mag hierfür genügen. Wir wissen nicht, wer sich hinter dem Namen Phaedrus verbirgt. Selbst der Name, der nur ein einziges Mal in der Gedichtsammlung auftaucht, und zwar an prominenter Stelle zu Beginn des Prologs des dritten Buchs, also gleichsam die Mitte der Sammlung markierend, wirft Fragen auf. Dass es ein durch den platonischen Dialog Phaidros geadelter Deckname ist, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Denn auch die Namen seiner Gönner, ‚Eutychus‘, ‚Particulo‘ und ‚Philetus‘ scheinen mit ihren sprechenden Bedeutungen ‚Glückstreffer‘, ‚Liebhaber kleiner Dinge‘, ‚Freund‘ in den Bereich der Fiktion zu verweisen. Was wir den Fabeln entnehmen können, ist, dass der Dichter höchst gebildet war, denn er spielt in seinen Gedichten auf zahlreiche griechische und lateinische Autoren an, und zwar nicht nur auf Fabelautoren, sondern auf Komödiendichter, Lyriker, Elegiendichter, Satiriker, Epiker u.v.a. Ferner war er auch mit dem römischen Recht bestens vertraut; in den Fabeln gibt es nämlich zahlreiche Bezüge darauf. Dafür, dass er Sklave war, der dann freigelassen wurde, finden sich keine stichhaltigen Argumente. Vielleicht war hier das Vorbild des angeblichen Sklaven Aesop eine zu verführerische Vorlage, die zu einer Gleichsetzung anregte.

15 Ferner muss man das Publikum in Betracht ziehen. Wenn Phaedrus sich angeblich an das niedere Volk mit seinen Fabeln wandte, wo sollte er das tun? Seine Fabeln waren schriftliche Gedichte, und Bücher waren so kostbar, dass nur die reiche Oberschicht sie sich leisten konnte. Soll man sich vorstellen, dass er Lesungen hielt oder bei passender Gelegenheit seine Buchrolle zückte? Wohl kaum; er betont ferner, dass er sich kein ungebildetes Publikum wünscht: illitteratum plausum non desidero (4 prol. 20). Publikum war also der reiche, gebildete Leser der Oberschicht, der die Fabeln wohl eher zur Unterhaltung als zur moralischen Belehrung las.

16 Hat Phaedrus ferner wirklich deshalb die Fabel gewählt, weil er somit verhüllt die Wahrheit sagen konnte? Wie müssen wir dann seine zahlreichen Aussagen einordnen, in denen er darauf verweist, dass er in seinen Fabeln etwas verberge? Denn dadurch werden die Leser ja erst neugierig gemacht und geradezu aufgefordert, nach Anspielungen zu suchen?

17 Was bleibt von der Faktensammlung am Anfang? Kaum etwas. Wir haben es hier mit einem höchst gebildeten römischen Dichter zu tun, der Gedichte vorlegt, die auf den ersten Blick leicht oder niedrig erscheinen, die sich aber durch ihre vielen geistreichen Anspielungen als witzige Texte zu erkennen geben. In der Überschrift dieses Artikels taucht der Ausdruck ‚Person‘ auf; Hintergedanke war, dass man an die lateinische persona denken sollte, die Maske der Theaterspieler: Hier spricht ein Dichter, der sich hinter der Maske eines einfachen Fabeldichters verbirgt. Wann er gelebt hat, ist schwer zu sagen; erwähnt werden Augustus, Tiberius und Seian; danach gibt es keine Zeitbezüge mehr. Das heißt aber nur, dass er danach geschrieben hat. In der Art des geistreichen literarischen Witzes ist eine Nähe zu Martial und Petron zu spüren, was für eine Datierung in die zweite Hälfte des 1. Jh.s n.Chr. sprechen könnte; doch das muss Spekulation bleiben.

18 Das ist vielleicht unbefriedigend, denn es ist wohl ein Bedürfnis, dass man sich als Leser ein genaueres Bild und eine Vorstellung über das Leben des Autors macht, aber es ist wenigstens ehrlich und öffnet hoffentlich die Augen dafür, wie vorsichtig man bei der ‚Rekonstruktion‘ einer antiken Dichterbiographie sein muss.

2. Werk

2.1. Die Fabel

19 Die Phaedrusfabeln sind in der Form vielfältig. In etwa kann man sich an dem modernen Schema orientieren. In der Regel steht ein Pro- oder Epimythion, doch spielt der Dichter erheblich mit der Länge und der inhaltlichen Deckungsgleichheit. Die Exposition ist meist knapp gehalten; Actio- und Reactio-Teil können wiederholt werden. Am weitesten vom üblichen Fabelschema entfernen sich naturbedingt die Anekdoten und Novellen, deren Anteil im Lauf der Bücher zunimmt.

2.2. Das Buch

20 Die Phaedrusfabeln sind nur sehr schlecht überliefert. Erhalten sind 5 Bücher, allerdings mit sehr unterschiedlicher Gedichtzahl: Buch 1: 31 Fabeln; Buch 2: 8 Fabeln; Buch 3: 19 Fabeln; Buch 4: 26 Fabeln; Buch 5: 10 Fabeln. Hinzukommen Pro- und zu Buch 2, 3 und 4 auch Epiloge, deren Stellung in den Handschriften jedoch anders überliefert ist als heutzutage angenommen. Ferner gibt es 32 Fabeln aus der sogenannten Appendix (s.u.). Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Fabeln jeweils als Buch konzipiert waren; d.h. aber auch, dass viele Fabeln verloren gegangen sein müssen, damit jedes Buch von etwa vergleichbarer Größe war. Bisweilen lassen sich noch Spuren der ursprünglichen Anordnung vermuten, z.B. wenn inhaltlich verwandte Fabeln hintereinander oder nur durch wenige andere getrennt erscheinen oder wenn sich durch Anfang- und Endstellung Ringkompositionen ergeben.7

2.3. Das Gesamtwerk

21 Vielleicht waren auch die fünf Bücher insgesamt als ein Wurf geplant. Folgendes könnte dafür sprechen: Das dritte Buch mit seinem auffälligen und inhaltlich bedeutsamen Pro- und Epilog nimmt dann eine Mittelstellung ein; hier taucht auch zum einzigen Mal der Name Phaedrus auf. Ferner kündigt der Dichter am Ende von Buch 3 an, der brevitas, der Kürze, wegen aufhören zu wollen, und erhofft sich von seinem Patron Lohn dafür; allerdings schreibt er dann noch zwei weitere Bücher; das wirkt wie eine Umkehrung der Vorgehensweise Ovids, der zu Beginn seiner 3 Bücher Amores behauptet, diese seien ursprünglich 5 gewesen, aber der Dichter habe sie auf 3 gekürzt, um den Leser zu schonen. Phaedrus hätte wieder einmal ein literarisches Motiv erheiternd auf den Kopf gestellt. Auch die fortschreitende Emanzipierung von seinem Vorbild Aesop von der Versifikation zur ‚Fälschung‘ (s.u.) würde sich gut in dieses Gesamtkonzept fügen.

2.4. Die Vorbilder

22 Das Dichter-Ich verweist dezidiert auf Aesop, den auctor, als Vorbild (1 prol. 1). Dieser habe die materia, den Stoff, gefunden, wobei repperit offen lässt, ob Aesop den Stoff nur gefunden, d.h. gesammelt, oder erfunden, d.h. geschaffen hat; auch auctor bleibt hier schillernd: Verfasser, Urheber, Schöpfer, Vorgänger. Als Eigenleistung des Phaedrus wird die Versifikation genannt (1 prol. 2); im zweiten Buch ist nur mehr von Aesopi genus (2 prol. 1) die Rede, dem der Dichter zum Zwecke der Abwechslung einiges beigefügt habe (2 prol. 9–11); in Buch 3 spricht er von Aesopi stilo (3 prol. 29); ferner habe er aus dessen Pfad eine Straße gemacht (3 prol. 38) – hier liegt eine geistreiche Umkehrung der Forderung des Kallimachos vor, der von der Dichtung verlangte, dass sie fein sei und ein Dichter gerade die ausgefahrenen Wege meiden und die unbetretenen Pfade suchen solle (Kallim. ait. 25–31). In Buch 4 unterscheidet der Dichter zwischen ‚aesopischen Fabeln‘ und ‚Fabeln des Aesop‘ (4 prol. 11), bis er schließlich in Buch 5 behauptet, den Namen Aesop bisweilen einzuschieben, wie ein Künstler, der seine Kunstwerke mit falschem Namen besser verkaufen kann.

23 Leider können wir nicht mehr rekonstruieren, auf welche Sammlung aesopischer Fabeln Phaedrus zurückgriff; die uns vorliegende Augustana-Sammlung ist in jedem Falle später anzusetzen. Bei Vergleichen ist hier also methodische Vorsicht geboten. Dass sich für zahlreiche Phaedrusfabeln keine stofflichen Vorlagen bei den aesopischen Fabeln finden lassen, mag z.T. an Verlusten liegen, viel spricht jedoch dafür, dass Phaedrus viele Fabeln neu erfand oder Motive neu kombinierte.

24 Deutlich sind allerdings Anspielungen auf zahlreiche antike Autoren vor ihm, vor allem auf die lateinische Literatur des 1. Jh.s v. und n.Chr. Es lässt sich zeigen, dass der Dichter nicht nur sehr gelehrt auf diese Werke Bezug nimmt, sondern auch dass er fast alle Topoi der berühmten Vorgänger über die Neuheit und Exklusivität ihrer Dichtung aufgreift, übersteigert und sich somit geistreich über sie lustig macht.8 Dies wirkt umso stärker, als er die bis dahin eher gering geschätzte Fabel zu einer eigenen Literaturgattung erhebt und an ihr die Dichtungsansprüche vorführt.

3. Überlieferung

25 Die Phaedrusfabeln sind ausgesprochen schlecht überliefert. Auf folgende Quellen kann man zurückgreifen:

26 Codex Pithoeanus (=P): Der Codex stammt aus dem 9. Jh., war lange in Privatbesitz und ist nun wieder in der Pierpont Morgan Library zugänglich.

27 Codex Remensis (=R): Der Codex stammt ebenfalls aus dem 9. Jh. und ist mit P verwandt. Leider verbrannte er 1774, doch war er zuvor von Herausgebern kollationiert, d.h. abgeschrieben oder ausgewertet worden.

28 Scheda Danielis (=D): Die Handschrift stammt auch aus dem 9. Jh., ist aber wohl von P und R unabhängig und beinhaltet nur die Fabeln 1,11–13 und 17–21.

29 Appendix Perrotina: Der Humanist Niccolò Perotti erstellte in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s eine Sammlung, die 158 Fabeln umfasste; hierin lassen sich 64 Phaedrusfabeln finden, von denen 32 aus den Büchern 2–5 bekannt, 32 jedoch unbekannt waren. Da sie sich den Büchern nicht mehr zuordnen lassen, werden sie in den modernen Ausgaben als Appendix angehängt. Die Handschrift (=N) ist heute kaum mehr zu entziffern. Doch erstellte J. Ph. D’Orville (=Dorv.) im Jahr 1727 eine Abschrift. Der Codex Vaticanus (=V; Vat. lat. Urb. 368) aus dem 15. Jh. enthält nur die Seiten 100–147 der Perotti-Sammlung.

30 Der jüngste Fund einer Humanistenhandschrift (=Vat. lat. 5190) mit 23 Phaedrusfabeln brachte leider keine neuen Fabeln an Licht, bietet aber abweichende Lesarten.9

31 Die Erstausgabe der Phaedrusfabeln erfolgte durch Petri Pithou im Jahr 1596.

32 Umstritten ist bisweilen das Verhältnis der Handschriften untereinander und besonders die Frage, welche Bedeutung den Prosafassungen wie Romulus und dem sogenannten Ademar zukommt, einer Fabelsammlung, die nach dem Presbyter Ademar von Chabannais, der die Sammlung um 1025 schrieb (=Cod. Vossianus lat. 8° 15 Leiden), benannt ist und in der sich 30 Fabeln als Prosaauflösungen der Phaedrustexte zu erkennen geben.

Literatur

Primärliteratur:
Phaedri Augusti liberti liber fabularum, recensuit A. Guaglianone, Torino 1969
Sekundärliteratur:
v. Albrecht 2012 v. Albrecht, M.: Phaedrus, in: ders., Geschichte der römischen Literatur. Von Andronicus bis Boethius und ihr Fortleben. II, Berlin/Boston 2012, 847–851
Baeza Angulo 2011 Fedro. Fábulas esópicas. Introducción, edición crítica, traducción y notas de E. Baeza Angulo, Madrid 2011
Cancik 1974 Cancik, H.: Die kleinen Gattungen der römischen Dichtung in der Zeit des Prinzipats, in: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Bd. 3. Römische Literatur, hrsg. v. M. Fuhrmann, Frankfurt 1974, 261–289
Champlin 2005 Champlin, E.: Phaedrus The Fabulous, JRS 95, 2005, 97–123
Currie 1984 Currie, H. MacL.: Phaedrus the Fabulist, ANRW 2,32,1, 1984, 497–513
de Lorenzi 1955 de Lorenzi, A.: Fedro, Firenze 1955
Edwards 2015 Edwards, R.M.: Caesar Telling Tales. Phaedrus and Tiberius, RhM 158, 2015, 167–184
Gärtner 2007 Gärtner, U.: levi calamo ludimus. Zum poetologischen Spiel bei Phaedrus, Hermes 135, 2007, 429–459
Gärtner 2011 Gärtner, U.: Maske, Perle, Feile, Lyra. Phaedrus, die literarische Gattung und die klassische Bildung, Hermes 139, 2011, 216–248
Gärtner 2015 Gärtner, U.: Phaedrus. Ein Interpretationskommentar zum ersten Buch der Fabeln, München 2015 (Zetemata 149)
Gärtner 2017 Gärtner, U.: Phaedrus 1975-2014, Lustrum 57, 2015 [=2017], 7–97
Herrmann 1950 Herrmann, L.: Phèdre et ses fables, Leiden 1950
Holzberg 2012 Holzberg, N.: Die antike Fabel. Eine Einführung, Darmstadt 2012
La Penna 1968 Fedro. Favole. Versione di A. Richelmy. Aggiunte le trenta „Favolae novae“ a cura di A. La Penna. Testi latini a fronte. Introduzione di A. La Penna, Torino 1968
Mordeglia 2014 Mordeglia, C.: Aldo Manuzio il Giovane e un nuovo manoscritto umanistico di Fedro. Indagini preliminari, in: Lupus in fabula. Fedro e la favola latina tra antichità e medioevo. Studi offerti a Bertini, F., a cura di C. Mordeglia, Bologna 2014, 131–161
Park 2017 Park, J.: Interfiguralität bei Phaedrus. Ein fabelhafter Fall von Selbstinszenierung, Berlin/Boston 2017 (Millenium-Studien 66)
Pieper 2010 Pieper, C.: Phaedrus’ Ironie. Anmerkungen zum Prolog des dritten Fabelbuches, Gymnasium 117, 2010, 33–48
Renda 2012 Renda, C.: Illitteratum plausum nec desidero. Fedro, la favola e la poesia, Napoli 2012 (Studi Latini 80)
Schmidt 2000 Schmidt, P.L.: Art. Phaedrus, in: DNP, Bd. 9, Stuttgart 2000, 708–711
Zago 2015 Zago, G.: Per la storia e la costituzione del testo delle Favole di Fedro. Un nuovo manoscritto, il Vat. lat. 5190, e un nuovo testimone indiretto, gli Hecatomythia di Lorenzo Astemio, MD 74, 2015, 53–118

Fußnoten

1. Zum Forschungsstand s. Gärtner 2017, 32–35; einen traditionellen biographischen Ansatz bieten z.B.: v. Albrecht 2012; Baeza Angulo 2011; Cancik 1974; Currie 1984; La Penna 1968; Renda 2012; Schmidt 2000; zurückhaltend z.B.: Edwards 2015; Gärtner 2007; Gärtner 2015; Holzberg 2012; Park 2017; Pieper 2010. Champlin 2005 wandte sich ebenfalls gegen einen biographischen Ansatz; hinter dem Dichter-Ich vermutete er nicht einen Freigelassenen aus Makedonien, sondern einen aus Rom selbst stammenden Aristokraten aus der 2. Hälfte des 1. Jh.s. n.Chr. Dieser sei nicht nur literarisch gebildet, sondern seine großen Rechtskenntnisse ließen auf einen Rechtsgelehrten schließen. Letzten Endes liegt hier auch ein biographischer Ansatz vor, nur mit anderem Ergebnis. [zurück]

2. La Penna 1968, VIII-IX. [zurück]

3. Vor allem Herrmann 1950 und de Lorenzi 1955 (hier: 35–41) waren bei der geradezu romanhaften Ausgestaltung der Phaedrusbiographie besonders phantasievoll. [zurück]

4. Vgl. z.B. Kallim. ait. 2–4 A. (= 1a 18-26. 41-5; 2a; 2 Pf.); Hor. carm. 3,4,5–40; Prop. 3,3; Verg. georg. 3,11; Prop. 3,1,17–18. [zurück]

5. Currie 1984, 501. [zurück]

6. Zu den übrigen Motiven vgl. ausführlich Gärtner 2015, 21–58. [zurück]

7. Z.B. 1,1–1,31; 1,2–1,30. [zurück]

8. Vgl. Gärtner 2007; Gärtner 2011; Gärtner 2015, 41–47. [zurück]

9. Vgl. Mordeglia 2014; Zago 2015. [zurück]