Babrios – Person, Werk, Überlieferung

Lukas Spielhofer


1 Babrios ist heute wohl einer der am wenigsten beachteten Fabeldichter der Antike. Während sein Werk die einzige erhaltene Versfabelsammlung in griechischer Sprache darstellt und in der Spätantike gerne gelesen wurde, erreichte er in der Rezeption des Mittelalters und der Neuzeit weder den Status noch den Bekanntheitsgrad von Aesop oder Phaedrus. Dies steht in Verbindung mit der Verfügbarkeit seines Werks, das erst um die Mitte des 19. Jh.s wiederentdeckt wurde und wertvolle Einblicke in die Versfabelkunst bietet – zum Verständnis des nach wie vor ‚verschollenen‘ Verfassers tragen die Fabeln jedoch nur wenig bei.1

1. Versuch einer Biographie2

2 Eine Biographie des Autors der Mythiamboi – so der Titel der Fabelsammlung – zu erstellen stellt die Wissenschaft vor eine besonders große Herausforderung. Denn über die Person des Autors selbst ist uns heute nahezu nichts bekannt. Ein Hauptgrund dafür ist die Tatsache, dass die Mythiamboi im Oströmischen Reich zwar über die Kaiserzeit hinaus bis in die Spätantike und die Byzantinische Zeit nachwirkten und sowohl den Schul- als auch den Literaturbetrieb beeinflussten, in Westeuropa jedoch bereits im Mittelalter und besonders in der Neuzeit vergessen waren. Tatsächlich galt das Werk des Fabeldichters mit Ausnahme einiger weniger Einzelgedichte bis zur Mitte des 19. Jh.s als verschollen und mit dem Werk verschwand auch das Wissen über den Autor aus dem Bewusstsein der Leserschaft, die gerade in der Renaissance die Literatur der Antike wieder neu kennen und schätzen lernte.

3 Erst in den 40er-Jahren des 19. Jh.s änderte sich dies, als große Teile der bis dahin verschollenen Fabelsammlung in einem Kloster auf dem Berg Athos (daher die Bezeichnung Codex A) in Griechenland entdeckt wurden. Der Entdecker, ein Grieche, der im Auftrag der französischen Regierung in Klosterbibliotheken nach Handschriften antiker Werke suchte, sandte seinen Fund nach Paris, wo 1844 die Editio princeps, also die erste Ausgabe der Versfabeln des Babrios, herausgegeben wurde.3 Mit diesem Fund erhöhte sich das Interesse am Autor und seinem Werk bis zum Ende des 19. Jh.s signifikant, und bereits kurze Zeit später begann man, Biographien über Babrios zu verfassen. Der Inhalt dieser Biographien hat sich bis in die jüngste Vergangenheit kaum verändert, obwohl er zu weiten Teilen einem methodischen Problem unterliegt: Da die Biographinnen und Biographen wenig bis keine antiken oder byzantinischen Quellen zum Autor der Mythiamboi zu Verfügung hatten, gingen sie dazu über, das lyrische Ich, das sich in der Fabelsammlung präsentiert, als die Stimme des historischen Autors zu interpretieren und biographische Hinweise in den Fabeln als Quellen für dessen Biographie zu heranzuziehen. Eine solche biographische Interpretation seines Werks ist zwar verlockend, sie scheitert allerdings an einigen zentralen Punkten, auf die im Folgenden noch eingegangen werden wird.

4 Wirft man einen Blick auf die Quellen, die den Autor der Mythiamboi zum Thema haben, jedoch nicht dem Werk selbst entstammen, so erhält man lediglich ein unklares Bild:4 Gesichert ist, dass der Fabeldichter Avian sowie der römische Kaiser Julian im 4. bzw. 5. Jh. n.Chr. die Mythiamboi kannten: Avian führt Babrios' Fabelsammlung als eine der Hauptquellen für sein eigenes Fabelbuch an und Kaiser Julian gibt einen Hinweis darauf, dass die Fabeln der Mythiamboi zu seiner Zeit zumindest in Ostrom allgemein bekannt gewesen sein dürften. Darüber hinaus ist aus der Antike nichts über Babrios bekannt. In der byzantinischen Zeit5 mehren sich die biographischen Verweise auf Autor und Werk wieder: Sein Name sei Babrios oder Babrius und er sei der Verfasser der Mythiamboi, einer Versfabelsammlung in zwei oder zehn Büchern. Folgende Beschreibung findet sich in der Suda, einem weitverbreiteten byzantinischen Lexikon:

Βαβρίας ἢ Βάβριος· Μύθους ἤτοι Μυθιάμβους. εἰσὶ γὰρ διὰ χωλιάμβων ἐν βιβλίοις ι'. οὗτος ἐκ τῶν Αἰσωπείων μύθων μετέβαλεν ἀπὸ τῆς αὐτῶν λογοποιΐας εἰς ἔμμετρα, ἤγουν τοὺς χωλιάμβους. 6
Babrias oder Babrios: [Er schrieb] Fabeln oder ‚Mythiamben‘. Denn sie sind in Choliamben (= Hinkjamben) [verfasst] in zehn Büchern. Von den aesopischen Fabeln veränderte er sie, indem er sie von ihren Prosafassungen ins Metrum, genauer gesagt in Choliamben, setzte.

5 Aus dem Eintrag in der Suda wird ersichtlich, dass zwar der Titel der Sammlung in byzantinischer Zeit bekannt war, der Name des Autors aber bereits damals nicht eindeutig zugeordnet werden konnte, was auch eine Vielzahl an abweichenden Schreibweisen in anderen Quellen belegt.

6 Bei der zeitlichen Einordnung helfen uns die bereits angeführten Erwähnungen bei Avian und Kaiser Julian: Die Datierung dieser beiden legt nahe, dass die Mythiamboi vor dem 4. Jh. n.Chr. entstanden sein müssen.7 Zwei weitere Quellen präzisieren diese Datierung weiter: Die erste ist eine Sammlung von Wachstafeln, die vermutlich im Schulunterricht eingesetzt und in der antiken Handelsstadt Palmyra im heutigen Syrien gefunden wurden. Der darauf überlieferte Text umfasst neben Auszügen aus Hesiods Schriften auch eine Auswahl von Babrios' Fabeln. Da die Zerstörung Palmyras auf das Jahr 272 n.Chr. datiert werden kann, müssen die Fabeln also bereits davor in Umlauf gewesen sein. Eine frühere Datierung legen außerdem eine Reihe von antiken Unterrichtsmaterialien für den lateinisch-griechischen Sprachunterricht nahe, die auf das Jahr 207 n.Chr. datiert werden. Da sich unter diesen Unterlagen auch einige Babrios-Fabeln befinden, wird in der Babrios-Forschung angenommen, die Mythiamboi müssen vor dem Anfang des 3. Jh.s n.Chr. entstanden sein. Allerdings ist die Datierung dieser Unterrichtsmaterialien weitgehend spekulativ und daher nicht völlig aussagekräftig.

7 Zur Herkunft des Autors können anhand einiger Hinweise weitere Aussagen getätigt werden: Sein Name ist vermutlich ursprünglich nicht griechisch, er findet sich hingegen als römischer Gentilname (nomen gentile) in lateinischen Inschriften. Dies legt den Schluss nahe, der Autor Babrios sei kein Grieche, sondern vielmehr Römer gewesen. Beobachtungen zu seiner Verstechnik, die sich stark an die römische Jambendichtung anlehnt, sowie zu lexikalischen Besonderheiten, die den Eindruck erwecken, der Autor habe lateinische Wendungen und Begriffe wortwörtlich in die griechische Sprache übersetzt, stützen dieses Argument.

8 Schließlich ist es auch möglich, die Verbreitung von Babrios' Werk in der antiken Welt zu rekonstruieren, was Rückschlüsse auf seinen Wirkungsbereich zulässt: Sowohl die bereits erwähnten Wachstafeln – sie stammen aus der wichtigen oströmischen Handelsstadt Palmyra – als auch die antiken Materialien für den lateinisch-griechischen Sprachunterricht weisen auf einen Einflussbereich im östlichen Römischen Reich hin. Bestärkt wird dies durch Papyrusfunde des 3. und 4. Jh.s aus derselben Region, die ebenfalls auf eine Verwendung der Fabeln im schulischen Kontext hinweisen. Gefunden wurden hier Auszüge aus den Mythiamboi, denen jeweils – teils sehr fehlerhafte – lateinische Übersetzungen beigefügt wurden.

9 Alles, was darüber hinaus in neuzeitlichen Darstellungen über Babrios' Leben geschlussfolgert wurde, ist den Gedichten selbst entnommen, so etwa die Annahme, er habe an einem Königshof im Oströmischen Reich gelebt und sei Lehrer eines dortigen Prinzen gewesen. Vor allem die beiden Prologe der Mythiamboi wurden gerne als Informationsquelle zum Leben des Autors herangezogen. In ihnen präsentiert ein Dichter-Ich seine Fabeln dem Lesepublikum und gibt indirekt einiges über sich preis. Dass es sich dabei jedoch nicht zwangsläufig um den ‚echten‘ Babrios handeln muss, zeigt eine literaturwissenschaftliche Analyse der Prologe: Die Figur, die sich in diesen Texten präsentiert, kann nicht den Eindruck einer realen Person erwecken, da sie Facetten verschiedener Dichterfiguren in sich vereint, die nicht immer miteinander in Einklang zu bringen sind – so stellt das Dichter-Ich sich als gelehrten und genialen Dichter dar, vergisst aber im selben Atemzug auf wichtige Inhalte eines bekannten Mythos, den es gerade erzählen möchte. Diese Art der Selbstdarstellung als schillernde Figur spricht also dagegen, dass sich dahinter wirklich eine historische Person, der Verfasser der Mythiamboi, verbirgt.

10 Schlussendlich bleibt als gesichertes Wissen über die Person des Babrios nur wenig übrig. Überdauert hat jedoch die Versfabelsammlung, mit der der Name ‚Babrios‘ untrennbar verbunden ist und dank der dieser in der Nachwelt Beachtung gefunden hat.

2. Das Werk

2.1. Die Fabel

11 Die einzelnen Fabeln erweisen sich hinsichtlich ihrer äußeren Gestalt als höchst wandelbar. Sämtliche Gedichte sind im Versmaß des Hinkjambus verfasst, doch sie unterscheiden sich ganz erheblich in ihrer Länge – von prägnanten Tetrasticha (Vierzeilern)8 bis zu beinahe hundertzeiligen Fabelepyllien (Kurzepen)9 wird ein sehr breites Spektrum an Texten abgedeckt. Diese beträchtlichen formalen Differenzen erwecken den Anschein, der Autor nähere seine Fabeln anderen Genres an10 und versuche zu erkunden, wo die Grenzen der Gattung ‚Fabel‘ liegen.

12 Babrios' Fabeln sind grundsätzlich ohne Promythien überliefert; die Rolle der Epimythien wird in der Forschung kritisch gesehen, da ihre Echtheit großteils unklar bleibt – viele sind angesichts metrischer oder inhaltlicher Fehler nachweislich interpoliert (später hinzugefügt).11 Dies bedeutet jedoch nicht, dass jedes Epimythion in den Mythiamboi zwangsläufig als unecht einzustufen ist. Vor allem bei Fabeln, deren finale Rede bereits die Funktion eines Epimythion übernimmt, kann aber angenommen werden, dass ein zusätzlich vorhandener Nachtrag zu einem späteren Zeitpunkt angefügt worden ist.

2.2. Das Buch

13 Die Sammlung in ihrer heutigen Form könnte unvollständig überliefert worden sein; antike und byzantinische Zeugnisse schreiben dem Werk zwei oder auch zehn Bücher zu, wobei die meisten Nennungen sowie die beiden überlieferten Prologe eher auf die erste Annahme hindeuten. Wenn die Stellung des Prologs zum zweiten Buch innerhalb der Sammlung korrekt ist, so enthält das erste Buch 107 Fabeln (Α bis Λ)12, während das zweite Buch unvollständig überliefert ist und 36 Fabeln (ab Μ) umfasst. Lediglich die ersten 16 Fabeln dieses Buchs (bis einschließlich Babr. 123) sind im Hauptcodex A belegt. Die restlichen Fabeln wurden im Laufe der Zeit durch vereinzelte Handschriftenfunde hinzugefügt, ihre Echtheit bleibt allerdings weiterhin umstritten. Auf das zweite vollständige, aber jüngere Gedichtbuch wird in Kapitel 3 (Die Überlieferung) näher eingegangen.

2.3. Die Sammlung

14 Eine der wenigen belegbaren Informationen, die sich mit der Person des Babrios verbinden lassen, ist die Tatsache, dass sein Name mit einer Fabelsammlung in Zusammenhang gebracht wird. Dieses Werk, in den Handschriften gemeinhin als Mythiamboi betitelt, stellt die einzige erhaltene griechischsprachige Versfabelsammlung der Antike dar. Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von zumindest 143 griechischen Fabeln im Versmaß des Hinkjambus. Auf die Wahl dieses vor allem in der griechischen Spottdichtung verbreiteten Versmaßes geht das Dichter-Ich vor allem in den beiden Prologen, die den Fabeln vorangestellt sind,13 näher ein.

15 Einzigartig bei einem Werk dieser Art ist das Ordnungsprinzip der Mythiamboi: Mit Ausnahme des ersten Prologs sind die Fabeln sowie der zweite Prolog nach den Anfangsbuchstaben des jeweils ersten Wortes jeder Fabel alphabetisch angeordnet. Die ältere Forschung sah darin den Eingriff eines byzantinischen Redaktors, der die Fabelsammlung zur leichteren Handhabung – Fabelsammlungen wurden häufig als rhetorische Hilfsmittel verwendet – in alphabetischer Reihenfolge ordnete. Jedoch spricht nach neueren Analysen einiges dafür, dass der Lexikoncharakter, der durch eine solche Anordnung entsteht, nicht die primäre oder einzige Intention der Person war, die die Sammlung in diese Form gebracht hat. Es liegt aus mehreren Gründen sogar der Schluss nahe, dass die Anordnung der Fabeln nicht (nur) auf pragmatischen Überlegungen beruht, sondern schon bei der Erstellung der Sammlung als Gesamtkomposition durch den Autor selbst mitbedacht worden sein dürfte. Darauf weist die Tatsache hin, dass die alphabetische Reihung nicht überall streng eingehalten ist, sondern Anordnungen ermöglicht, die als die poetische Intention des Verfassers gedeutet werden können. Des Weiteren finden sich Fabeln, die mit den vorangehenden oder nachfolgenden Fabeln eine inhaltliche Einheit bilden, sodass sie nur durch die gemeinsame Lektüre Sinn ergeben. Schließlich gibt es auch bestimmte Schlüsselwörter, Wendungen oder Begriffe, die verschiedene aufeinanderfolgende Fabeln miteinander verbinden. Eine willkürliche Anordnung scheint angesichts dieser Beobachtungen unwahrscheinlich, jedoch bedarf es weiterer Untersuchungen, um diese Frage endgültig zu klären.

2.4. Die Vorbilder

16 Das Dichter-Ich selbst führt in den beiden Prologen der Sammlung seine Vorbilder an:

μαθὼν δ' ἄρ οὕτω ταῦτ' ἔχοντα καὶ γνοίης
ἐκ τοῦ σοφοῦ γέροντος ἧμιν Αἰσώπου
15 μύθους φράσαντος τῆς ἐλευθέρης μούσης
ὧν νῦν ἕκαστον ἀνθίσας ἐμῇ μνήμῃ
μελισταγές σοι νοῦ τὸ κηρίον θήσω
πικρῶν ἰάμβων σκληρὰ κῶλα θηλύνας.
14
Nachdem du erfahren hast, dass sich dies so verhält, [15] so mögest du es auch vom weisen Alten Aesop erkennen, der uns Erzählungen der freien Muse gezeigt hat, von denen ich nun eine jede mit meinem Talent kunstvoll ausgeschmückt habe und sie dir als honigtriefende Wabe eines Geistes vorsetze, nachdem ich die harten Füße bitterer Jamben weich gemacht habe.
πρῶτος δέ, φασίν, εἶπε παισὶν Ἑλλήνων
Αἴσωπος ὁ σοφός, εἶπε καὶ Λιβυστίνοις
5 λόγους Κυβίσσης. ἀλλ' ἐγὼ νέῃ μούσῃ
δίδωμι καθαρῷ χρυσέῳ χαλινώσας
τὸν μυθίαμβον ὥσπερ ἵππον ὁπλίτην.
15
Als Erster, so sagt man, erzählte sie dann den Kindern der Griechen [5] Aesop der Weise und auch den Libyern erzählte sie Kybisses. Ich aber gebe sie euch in neuer Muse, der ich den Mythiambos wie ein Kriegspferd mit reinem Gold aufgezäumt habe.

17 Das Bestreben, an die bereits bestehende Tradition der Fabeldichtung, die durch die Figur Aesops repräsentiert wird, anzuknüpfen, ist in beiden Prologen deutlich sichtbar. Im ersten Prolog spricht das Dichter-Ich darüber, die Prosastoffe Aesops aufgegriffen und in eine eigene poetische Form gebracht zu haben, und auch im zweiten Prolog betont es seine neue poetische Gestaltungsweise im Gegensatz zur bisherigen Tradition. Darüber hinaus findet in Babrios' Überblick über die Geschichte der antiken Fabel ebenso die außergriechische Fabel Erwähnung, wenn das Ich auf die libysche Fabeltradition Bezug nimmt (siehe oben); bereits am Beginn des zweiten Prologs wird der Ursprung der antiken Fabel dargelegt:

μῦθος μέν, ὦ παῖ βασιλέως Ἀλεξάνδρου,
Σῦρων παλαιῶν ἐστιν εὕρεμ' ἀνθρώπων,
οἳ πρίν ποτ' ἦσαν ἐπὶ Νίνου τε καὶ Βήλου.
16
Die Fabel, Sohn des Königs Alexandros, ist eine Erfindung der alten Syrer, die einst zur Zeit des Ninos und des Belos lebten.

18 Dies deckt sich erstaunlich genau mit den Quellen, aus denen sich die Fabelsammlung speist: Während der Großteil der Fabeln Stoffe aus der aesopischen Fabeltradition behandelt, finden sich auch Gedichte, die auf nichtgriechische, vor allem orientalische, Fabelsammlungen zurückgehen.

19 Die Beziehung der Mythiamboi zu den übrigen Fabelsammlungen der Antike ist vielschichtig und weitestgehend unklar. Insbesondere jene zur aesopischen Fabelsammlung, der Collectio Augustana, ist umstritten: Abhängig davon, welche Datierung man für jede der beiden Sammlungen annimmt – die Version der Collectio Augustana, die heute vorliegt, stammt aus dem 2. oder 3. Jh. n.Chr. – könnten diese voneinander abhängig oder sogar zeitgleich entstanden sein. In jedem Fall beziehen sich beide Sammlungen auf Stoffe, die einander ähnlich oder sogar ident sein dürften. Welche Abhängigkeiten zwischen ihnen bestehen, lässt sich allerdings aufgrund der unsicheren Datierung nicht eindeutig feststellen.

20 In diesem Zusammenhang ist die Beziehung der Mythiamboi zur Fabelsammlung des Phaedrus erwähnenswert: Auch hier erschwert die unsichere Datierung der beiden Sammlungen eine Klärung der Abhängigkeitsverhältnisse. Bereits ein Vergleich der jeweiligen Prologe zeigt jedenfalls verblüffende Ähnlichkeiten auf, sodass mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Beeinflussung ausgegangen werden kann. Nach der derzeit gängigen Datierung dürfte Babrios also das Werk des Phaedrus gekannt haben, als er seine Mythiamboi verfasst hat.17 Wie weit dessen Einfluss reicht, kann allerdings momentan noch nicht gesagt werden. Hier bedarf es weiterer Untersuchungen.

21 Ferner finden sich in den Mythiamboi Anspielungen auf andere Autoren der Antike: Besonders die Bezüge zu den Vertretern der hellenistischen Dichtungstradition (3.–1. Jh. v.Chr.) sind deutlich ausgeprägt. Auch Babrios greift – ähnlich wie sein Vorgänger Phaedrus – gängige Dichtungstopoi dieser Zeit auf und setzt sich kritisch mit ihnen auseinander.

3. Überlieferung18

22 Wie bereits erwähnt, waren die Mythiamboi den größten Teil der Neuzeit über verschollen. Bis auf wenige Einzelfabeln, die im Rahmen anderer Textsammlungen überliefert worden waren, konnte man das Werk lediglich aus Inhaltsangaben und Prosaparaphrasen rekonstruieren. Die Auffindung der Fabelsammlung war dafür umso spektakulärer:

23 Im Jahre 1842 entdeckte der Grieche Minoides Mynas, der von der französischen Regierung beauftragt worden war, griechische Manuskripte für die Sammlung der französischen Nationalbibliothek zu erwerben, eine Abschrift der Fabelsammlung im Kloster Megisti Lavra auf dem Berg Athos in Griechenland. Sie befindet sich heute im British Museum in London (Mus. Brit. Addit. 22087). Der sogenannte Codex Athous (A) stammt aus der Mitte des 10. Jh.s und enthält die ersten 123 Fabeln der Fabelsammlung in alphabetischer Reihenfolge nach dem Anfangsbuchstaben des jeweils ersten Wortes.

24 Aufgrund des Erfolgs, den Mynas mit dem Vertrieb dieser Fabelsammlung hatte (eine Abschrift des Manuskripts konnte er an die französische Regierung verkaufen, später verkaufte er den Codex selbst an das British Museum), sowie aufgrund der mangelnden Bekanntheit von Babrios und seinem Werk verkündete Mynas bereits wenige Jahre später, einen weiteren Band der Fabelsammlung entdeckt zu haben, der 95 neue Fabeln enthalte. Dieser Band wurde 1857 gemeinsam mit dem ersten Codex an das British Museum verkauft (Mus. Brit. Addit. 22088), die Editio princeps erschien kurz darauf, im Jahre 1859. Bald jedoch mehrten sich die Hinweise darauf, dass es sich bei diesem zweiten Band um eine Fälschung handeln könnte. In einem Artikel aus dem Jahre 1861 analysierte der Philologe John Conington die Fabeln des zweiten Bandes und verglich sie mit dem ersten – und kam zu dem Ergebnis, dass es sich beim zweiten Band um eine Fälschung und allem Anschein nach um das Produkt von Mynas' eigenem poetischen Schaffen handelt.19 Somit war Mynas des Betrugs überführt und sein Band geriet in Vergessenheit. Dass es sich dabei allerdings um einen besonderen Fall der Pseudepigraphie20 und ein spektakuläres Beispiel für die rezeptionsgeschichtliche Wirkung eines antiken Autors handelt, hat die Babrios-Forschung seit damals kaum beschäftigt.

25 Neben Codex A werden noch zwei weitere Codices zur Erstellung des Textes herangezogen:

26 Codex Vaticanus (V)21 (=Vat. gr. 777): Papiercodex aus der zweiten Hälfte des 15. Jh.s. Er enthält Prosa- und Versfabeln verschiedenen Ursprungs. 30 Fabeln des Babrios werden darin überliefert, von denen 18 auch in Codex A vorhanden sind und zwölf neu zur Sammlung hinzukommen.

27 Codex Cryptoferratensis (G)22 (=Cryptoferratensis A 33 [=Morgan gr. 397]): Pergamentcodex aus dem 10./11. Jh. Er enthält ebenfalls Vers- und Prosafabeln verschiedenen Ursprungs (neben babrianischen auch aesopische sowie die vita Aesopi). 31 Fabeln des Babrios werden darin überliefert, von denen 27 auch in A und V enthalten sind und vier neu zur Sammlung hinzukommen.

28 Daneben finden sich Einzelfabeln in anderen Handschriften, Prosaparaphrasen der Fabelsammlung (beispielsweise der Handschrift Bodl. miscell. 2906), die Rückschlüsse auf den Inhalt von heute verschollenen Fabeln zulassen, sowie Zitate in byzantinischen Werken, beispielsweise im oben erwähnten Lexikon, der Suda. Die bereits erwähnten Papyrusfunde fördern zwar keine neuen Fabeln zutage, sie bieten aber alternative Lesarten zu bereits vorhandenen Fabeln.

29 In allen Quellen finden sich teilweise stark verstümmelte und verunstaltete Formen, was neben der dünnen Beweislage der Codices die textkritische Erschließung der Fabeln zusätzlich erschwert. Dies stellt mithin auch einen Grund dafür dar, wieso sich die Babrios-Forschung in der Vergangenheit fast ausschließlich auf Probleme der Textkritik beschränkt hat.

30 Die erste moderne textkritische Edition stammt von Crusius aus dem Jahr 1897,23 die heute gängige Ausgabe stammt von Luzzatto/La Penna aus dem Jahre 1986.24

Literatur

Primärliteratur
Babrii Mythiambi Aesopei, ed. M.J. Luzzatto et A. La Penna, Leipzig 1986
Suidae Lexicon, edidit A. Adler, Pars I, Leipzig 1928
Sekundärliteratur
Becker 2006 Becker, M.: Gefälschtes fabula docet in der Fabeldichtung des Babrios, RhM 149, 2006, 168–184
Boissonade 1844 Boissonade, J.-F.: Babrii fabulae iambicae CXXIII nunc primum editae. Ioh. Fr. Boissonade recensuit latine convertit annotavit, Paris 1844
Conington 1861 Conington, I.: De parte Babrianarum fabularum secunda, RhM 16, 1861, 361-390
Crusius 1879 Crusius, O.: De Babrii aetate. Dissertatio inauguralis quam ad summos in philosophia honores ab amplissimo philosophorum ordine Lipsiensi rite impetrandos scripsit O. Crusius, Leipzig 1879
Crusius 1896 Crusius, O.: Art. Babrios, in: RE, Bd. 2, Stuttgart 1896, 2655–2667
Crusius 1897 Babrii fabulae Aesopeae. Recensuit Otto Crusius. Accedunt fabularum dactylicarum et iambicarum reliquiae. Ignatii et aliorum tetrasticha iambica recensita a Carolo Friderico Mueller, Leipzig 1897
van Dijk 2000 van Dijk, G.-J.: Art. Babrios, in: Encyclopedia of Greece and the Hellenic Tradition, Bd. 1 A-K, London/Chicago 2000, 209–210
Holzberg 2012 Holzberg, N.: Die antike Fabel. Eine Einführung, Darmstadt 2012
Husselman 1935 Husselman, E.M.: A lost manuscript of the tales of Babrius, TAPhA 66, 1935, 104–126
Keydell 1964 Keydell, R.: Art. Babrios, in: Der Kleine Pauly, Bd. 1, Stuttgart 1964, 795–796
Knöll 1878 Knöll, P.: Neue Fabeln des Babrius, SAWW 91, 1878, 659–690
Luzzatto/La Penna 1986 Luzzatto, M.J./La Penna, A.: Babrii Mythiambi Aesopei, ed. M.J. Luzzatto et A. La Penna, Leipzig 1986
Nøjgaard 1967 Nøjgaard, M.: La fable antique. II. Les grands fabulistes, København 1967
Perry 1965 Perry, B.E.: Babrius and Phaedrus. Fables, translated by B.E. Perry, Cambridge, MA/London 1965
Spielhofer 2020 Spielhofer, L.: (Re-/De-)constructing identity in Babrius's Mythiambi, Hermes (in Druck)
Vaio 2001 Vaio, J.: The Mythiambi of Babrius. Notes on the constitution of the text, Hildesheim/Zürich/New York 2001 (Spudasmata 83)
Wagner 1977 Wagner, F.: Art. Babrios, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 1, Berlin/New York 1977, 1123–1128

Fußnoten

1. Fabelübergreifende Gesamtdarstellungen des Werks sind selten. Rutherford 1883, die Arbeiten von Crusius (Crusius 1879; Crusius 1896; Crusius 1897) sowie Perry 1965 und Nøjgaard 1967 bieten die wichtigsten Überblicksdarstellungen. [zurück]

2. Gängige Biographien zur Person des Babrios stammen von Crusius 1896; Keydell 1964; Perry 1965; Wagner 1977; Luzzatto 1997; van Dijk 2000; Holzberg 2012. [zurück]

3. Boissonnade 1844. [zurück]

4. Einen Überblick über die Testimonien bieten Luzzatto/La Penna 1986. [zurück]

5. Die Quellen stammen hauptsächlich aus der Zeit zwischen dem 9. und dem 11. Jh. [zurück]

6. Suda s.v. Βαβρίας ἢ Βάβριος. [zurück]

7. Kaiser Julian regierte von 360 bis 363 n.Chr. Die Lebenszeit Avians ist umstritten, allgemein wird er auf das späte 4. oder frühe 5. Jh. n.Chr. datiert. [zurück]

8. So beispielsweise Babr. 8; 14; 39; 40; 41; 73; 80. [zurück]

9. Vor allem Babr. 95, die Fabel um Löwe, Fuchs und Hirsch. [zurück]

10. In ihrer Kürze scheinen die obengenannten Tetrasticha mit dem antiken Epigramm verwandt zu sein, während teils umfangreichere Erzählungen Anklänge an das Genre des Epos erkennen lassen. Das Versmaß selbst, der Hinkjambus, stellt außerdem eine Verbindung zur antiken Lyrik, genauer zur Spottdichtung, her. Auch Holzberg weist darauf hin, dass in Babrios' Fabeln eine Mischung literarischer Gattungen stattfindet (Holzberg 2012, 64). [zurück]

11. Siehe hierzu Becker 2006 als neuesten Beitrag. [zurück]

12. Zum Ordnungsprinzip der Fabeln siehe Kapitel 2.3 (Die Sammlung). [zurück]

13. In der aktuellen Textgestalt sind die Buchgrenzen des Werks nicht mehr erkennbar, sodass nicht ersichtlich ist, ob der zweite Prolog am Beginn eines (theoretischen) zweiten Buchs steht oder ob er willkürlich zwischen die übrigen Fabeln gestellt wurde. Prolog 1 steht der Sammlung in jedem Fall voran. [zurück]

14. Babr. 1 prol. 14–19. [zurück]

15. Babr. 2 prol. 4–8. [zurück]

16. Babr. 2 prol. 1–3. [zurück]

17. Zur Datierung der Fabeln des Phaedrus siehe den ihm gewidmeten Artikel. [zurück]

18. Eine Übersicht der Überlieferungsgeschichte liefern Luzzatto/La Penna 1986 sowie Vaio 2001. [zurück]

19. Conington 1861, 389–390. [zurück]

20. Darunter versteht man den Fall, wenn ein Text bewusst unter einem falschen Namen veröffentlich wird bzw. wenn ein Text einer falschen Person zugeschrieben wird. [zurück]

21. Zu Codex V siehe Knöll 1878. [zurück]

22. Zu Codex G siehe Husselman 1935. [zurück]

23. Crusius 1897. [zurück]

24. Luzzatto/La Penna 1986. [zurück]