|
|
|
|
|
|
|
| Dieser Abschnitt befasst sich mit der
Entwicklung, Ausformung und Problematik
wissenschaftlicher Institutionen (in einem weiten Sinne
des Begriffs Wissenschaft) von den ersten Anfängen bis
zur Gegenwart. Es geht damit um die Darstellung von
Prozessen, die in untrennbarer Wechselwirkung
integrierende Elemente der Entwicklung von Wissenschaft
sind und in wissenschaftliche Institutionen münden oder
um Institutionen, die aus externen Bereichen in den
Erkentnisprozess eingeführt werden und an diesem in der
einen oder anderen Form teilhaben. |
| Wissenschaftliche Institutionen sind als
äußerliche Formen wissenschaftlicher Arbeit oft von
kurzer Dauer; andernfalls unterliegen sie – wie etwa die
Universitäten – stetem Wandel, der wesentliche Elemente
auch des Entwicklungsprozesses von Wissenschaft
abbildet. Indem die Institutionen sowohl Ergebnis als
auch mitweirkende Faktoren in diesem Prozess sein
können, ist die Betrachtung ihrer Entwicklung im Rahmen
der Wissenschaftsgeshcichte unabdingbar notwendig. |
| Es wird im Folgenden eingegangen auf die
Entwicklung von Bibliotheken, auf die Philosophenschulen
und Akademien der klassischen Altertums, das pagane
Schulwesen, die byzantinischen und die muslimischen
Institutionen, die Entwicklung des christlich-kirchlich
organisierten Schulwesens im lateinischen Bereich bis
hin zu den Universitäten, die Universitäten, die neueren
wissenschaftlichen Akademien und schließlich die
bedeutendsten Formen neuzeitlicher wissenschaftlicher
Institutionalisierungen im Zusammenhang mit
Wissenschaft. |
|
|
| Bibliotheken1 als
Akkumulierungen von Informationsträgern, ursprünglich
von Schriftträgern, d.h. Tontafeln, Papyrusrollen,
Pergament- oder Papiercodices, sind Akkumulierungen von
Wissen und Orte des Studiums, der Wissenserweiterung.
Als solche haben sie unter dem Aspekt ihrer
Verwendbarkeit früh das Bestreben nach Ordnung und damit
nach Systematik aufkommen lassen, ja notwendig gemacht.
|
| Da sich im Verlaufe der Jahrtausende die
äußere Form der schriftlichen Überlieferung und
schließlich der Informationsspeicherung sehr verändert
haben, veränderte sich auch die Struktur dessen, was wir
als Bibliothek bezeichnen – handelte es sich bei den
mesopotamischen Bibliotheken noch um polsterförmige
Tontafeln, so bestanden die
ägyptischen, griechischen, hellenistischen und frühen
römischen Bibliotheken aus Papyrusrollen, bis diese Form durch
den Codex abgelöst wurde und erst das
bedeutend teurere Pergament neben den Papyrus trat und
wesentlich später das Papier Papyrus wie Pergament
verdrängte2. Diese Veränderungen haben
natürlich auch wesentliche Konsequenzen für den
Erkenntnisprozess, weil etwa die Umstellung auf den
Codex das vergleichende Arbeiten wesentlich erleichtert
hat (ein nützliches Instrument war das Bücherrad3) und weil
auch das Kopieren von Codices wesentlich einfacher ist
als das von Rollen – man kann Codices unschwer in Lagen
zerlegen und diese gleichzeitig abschreiben lassen.
Gravierende Veränderungen traten ein durch die
Entwicklung des Buchdrucks, anfangs und wenig verbreitet
durch Blockbücher, dann aber eine Revolution auslösend
durch Gutenberg mit beweglichen Lettern.
Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert bahnte sich
durch die rapide Ausweitung der elektronischen Medien im
Zusammenwirken mit der Kostenfrage eine Entwicklung von
ähnlicher Tragweite an, deren Folgen sich noch nicht
absehen lassen. |
|
|
| Frühe Nachrichten über große Bibliotheken
stammen aus dem 3. Jahrtausend – wir wissen von der
Bibliotheken Assurbanipals mit einer Unzahl von
Keilschrifttäfelchen, deren Texte relativ kleine
Einheiten darstellten und eher unübersichtlich
waren4. Die in Mesopotamien
entwickelte Katalogisierungstechnik hat noch in das
Museion Eingang gefunden. In Ägypten wurden „Bücher“ im
Tempelbezirk aufbewahrt, z.T. vermischt mit Archivalien.
Konkreter werden unsere Informationen hinsichtlich der
Bibliotheken im alten Griechenland ab dem 6. Jh
(Bibliotheken der Tyrannen), im 5. Jh kommt es zur
Entstehung von Privatbibliotheken – Euripides ist von Aristophanes wegen seiner
Büchersammlerei verspottet worden. Platon dürfte in der Akademie eine
beachtliche Bibliothek aufgebaut haben, manches um einen
enormen Preis, so vermutlich die Lehren des Pythagoras in der Aufzeichnung von
dessen Schüler Philolaos. Aristoteles hat als erster Grieche –
so bezeugen es Strabon und andere Autoren – planmäßig
und mit dem Ziel der Vollständigkeit Bücher gesammelt
und besaß, das ist sicher bezeugt, eine hervorragende
Bibliothek5. |
| Die bedeutendsten Großbibliotheken des
Altertums waren zweifellos jene im hellenistischen
Alexandreia und in Pergamon. |
| Die Bibliotheken in Alexandreia – die des
Museions zusammen mit der des Serapeions (die einer
breiteren Öffentlichkeit gewidmet sein dürfte) –
bildeten gemeinsam den größten bekannten
Bibliothekenkomplex des Altertums. Wohl noch Ptolemaios I.
Soter (323–280) gründete spätestens um 288 das Museion =
Haus der Musen6 als ein Haus der
wissenschaftlichen Forschung und Lehre, eine Akademie
gewissermaßen, für das ein eigener großer Gebäudekomplex
errichtet wurde. Das neben dem königlichen Palast
situierte Museion besaß einen Peripatos, eine edexra (Katheder resp.
Hörsaal) und einen großen Speisesaal für die Mitglieder,
die laut Strabon vom König zu einem Musenkult
verpflichtet, stipendiert und von der Steuer befreit
waren; der König selbst bemühte sich um sorgfältige
Auswahl der an diese Anstalt zu Berufenden. Das Museion
war die direkte Fortsetzung des Lykeion des Aristoteles, auf den man sich anfangs
auch stützt, man betreibt jedoch weniger beschreibende
Naturwissenschaften als Mathematik und die
astronomischen, optischen und mechanischen Bereiche der
Physik, die Lehre vom Luftdruck und die Hydrostatik. Die
Ptolemaier luden führende Gelehrte ein, nach Alexandreia
an das Museion zu gehen, gewährten ihnen großzügige
Gehälter und überließen sie ihren wissenschaftlichen
Neigungen. Der Bibliotheksaufbau in Alexandreia begann
vermutlich bereits mit dem ersten Ptolemäer, die
Hauptleistung aber erbrachte Ptolemaios II.
Philadelphos (280–247), der unter dem Einfluß
der Peripatetischen Schule den Plan fasste, die gesamte
griechische Literatur komplett zu sammeln. Zu diesem
Zweck ließ er durch Beauftragte im gesamten
Mittelmeerraum systematisch Texte aufkaufen – zuerst in
Athen und in Rhodos als den Hauptplätzen des Buchhandels
jener Zeit. Ptolemaios III.
Euergetes (247–221) zwang alle Ankömmlinge im
Hafen von Alexandreia, ihre mitgeführten Bücher ihm
gegen rasch angefertigte Abschriften zu überlassen, wozu
ein Heer von Abschreibern nötig war; in Athen borgte er
das Staatsexemplar der großen Tragiker aus und ließ das
Pfand von 15 Talenten verfallen7.
Hinsichtlich der Erwerbungen rief man konkrete Projekte
ins Leben; der Versuch, sämtliche Schriften des Aristoteles zu erwerben, scheiterte
allerdings an der Konkurrenz eines Privatsammlers, der
schneller war. Es sind unter den Ptolemaiern
Übersetzungen aus dem Ägyptischen, Phönizischen,
Hebräischen, Aramäischen in das Griechische angefertigt
worden und sogar ägyptische und mesopotamische Autoren
haben historiographische Werke zu ihren
Nationalgeschichten in griechischer Sprache verfasst.
|
| Die Bibliotheken in Alexandreia waren – die
des Museions zusammen mit der des Serapeions (die einer
breiteren Öffentlichkeit gewidmet sein dürfte) –
bildeten gemeinsam größte des Altertums und sie wuchs,
bis sie im Jahre 48/47 im Zusammenhang mit Caesars
Ägyptenfeldzug teilweise verbrannte. Wohl noch
Ptolemaios I. Soter (323–280) gründete spätestens um 288
das Museion = Haus der Musen8 als ein Haus
der wissenschaftlichen Forschung und Lehre, eine
Akademie gewissermaßen, für das eine eigener großer
Gebäudekomplex errichtet und eine große, bald riesige
Bibliothek aufgebaut wurde. Das neben dem königlichen
Palast situierte Museion besaß einen Peripatos, eine
edexra (Katheder) und einen großen Speisesaal für die
Mitglieder, die laut Strabon vom König zu einem Musenkult
verpflichtet, stipendiert und von der Steuer befreit
waren; der König selbst bemühte sich um sorgfältige
Auswahl der an diese Anstalt zu Berufenden. Das Museion
war die direkte Fortsetzung des Lykeion des Aristoteles, auf den man sich anfangs
auch stützt, man betreibt jedoch weniger biologische
Naturwissenschaften als Mathematik und die
astronomischen, optischen und mechanischen Bereiche der
Physik, die Lehre vom Luftdruck und die Hydrostatik. Die
Ptolemaier luden führende Gelehrte ein, nach Alexandreia
an das Museion zu gehen, gewährten ihnen großzügige
Gehälter und überließen sie ihren wissenschaftlichen
Neigungen. Der Bibliotheksaufbau in Alexandreia begann
vermutlich bereits mit dem ersten Ptolemäer, die
Hauptleistung aber erbrachte Ptolemaios II.
Philadelphos (280–247), der unter dem
Einfluss der Peripatetischen Schule den Plan fasste, die
gesamte griechische Literatur komplett zu sammeln. Zu
diesem Zweck ließ er durch Beauftragte im gesamten
Mittelmeerraum systematisch aufkaufen – zuerst in Athen
und in Rhodos als den Hauptplätzen des Buchhandels jener
Zeit. Ptolemaios III.
Euergetes (247–221) zwang alle Ankömmlinge im
Hafen von Alexandreia, ihre mitgeführten Bücher ihm
gegen rasch angefertigte Abschriften zu überlassen, wozu
ein Heer von Abschreibern nötig war; in Athen borgte er
das Staatsexemplar der großen Tragiker aus und ließ das
Pfand von 15 Talenten verfallen9.
Hinsichtlich der Erwerbungen rief man konkrete Projekte
ins Leben; der Versuch, sämtliche Schriften des Aristoteles zu erwerben, scheiterte
allerdings an der Konkurrenz eines Privatsammlers, der
schneller war. Es sind unter den Ptolemaiern
Übersetzungen aus dem Ägyptischen, Phönizischen,
Hebräischen, Aramäischen in das Griechische angefertigt
worden und sogar ägyptische und mesopotamische Autoren
haben historiographische Werke zu ihren
Nationalgeschichten in griechischer Sprache verfasst.
|
| Das allgemeine Ziel der Bibliothek war
nicht nur die Sammlung griechischen Autoren, sondern von
Texten aus aller Welt. Werke inländischer und
ausländischer Autoren wurden ins Griechische übersetzt;
als erstes begann man mit den Hieroglyphenschriften im
eigenen Land. Das diente nicht nur dem Wissenstransfer,
sondern sollte auch der Stärkung der königlichen Macht
dienen. Erkannte man eine abweichende Version eines
schon vorhandenen Werkes, so wurde diese ebenfalls
erworben, um den Text kritisch zu bearbeiten. |
| Sehr schnell Aufnahme fanden Übersetzungen
der heiligen jüdischen Texte (das Alte Testament). Ptolemaios II. schickte eine
Delegation nach Jerusalem und erbat sich Schriftgelehrte
zur korrekten Übersetzung. Sie sollte von der Mitte des
3. bis Anfang des 2.Jh.v.Chr. dauern. Einige der auf uns
gekommenen Bibeltexte basieren auf dieser Arbeit, so die
Septuaginta. Plinius d. Ä. berichtete über den
breiten Raum, den auch orientalische Kulte, einnahmen.
Hermippos, ein Schüler des Kallimachos, soll ein Buch über den
Zoroastrismus mit mehr als zwei Millionen Zeilen
verfasst haben, was nur auf breiter Literaturgrundlage
denkbar ist. Ptolemaios II. ließ sich vom indischen
König Ashoka buddhistische Werke senden.
|
| Eine derart organisierte Einrichtung
benötigte zahlreiches qualifiziertes Personal:
Bibliothekare ordneten die Bücher ein, katalogisierten
sie; Schreiber kopierte die Texte, wobei auch zur
Erneuerung kopiert wurde (Papyrus ist ein wenig
haltbares Material); Hilfskräfte besorgten die sonstigen
nötigen Arbeiten. – Die Leiter der Bibliothek wurden vom
König ernannt und waren manchmal auch als
Prinzenerzieher tätig. |
| Die Bibliothek des Museions war wohl nicht
öffentlich zugänglich. Die Institution als Ganzes hatte
den Charakter einer Akademie oder eines
Forschungsinstituts, dessen zentrales Instrument die
Bibliothek war. Alexandria war im Hellensimus das
geistige Zentrum schlechthin und stellt den Höhepunkt
der antiken wissenschaftlichen Arbeit dar. Viele
Entdeckungen wurden in den Peristylen und Exedren des
Gebäudes gemacht. Von Herophilos von Chalkedon sollen hier
die ersten medizinischen Obduktionen durchgeführt worden
sein. Der Mechaniker Ktesibios entwickelte raffinierte
Wasseruhren und andere Mechanismen, Aristarch
von Samos erkannte
das heliozentrische Weltbild und Hipparch katalogisierte die Sterne.
Bekannte Grössen wie Archimedes von Syrakus und Euklid nutzen die anregende Atmosphäre
für ihre Werke. Neben den Naturwissenschaften kamen auch
Malerei, Philosophie, Literatur und philologische Arbeit
nicht zur kurz: Zenodotos von Ephesos war vermutlich
der erste, der das Werk Homers in 24 Gesänge gliederte steht
somit und am Beginn der kritischen Auseinandersetzung
mit dem Werk; die Zusammenführung zahlreicher
verschiedener Texte eines Werkes – etwa der Ilias –
wirkte auslösend und fördernd für die Entwicklung der
Textkritik und der philologischen Arbeit überhaupt;
Aristophanes von Byzanz begründete die
wissenschaftliche Lexikographie und führte das heute
noch gültige Akzentsystem im Altgriechischen ein. Aristarch von Samothrake entwickelte
seine ebenfalls immer noch gültige Grammatik. Insoferne
kommt dem Museion auch der Charakter einen Akademie der
Wissenschaften zu. |
| Über den Umfang der Bibliothek des Museions
gibt es unterschiedliche Auffassungen, da zwischen
Rollen, die nur ein Werk enthalten und
Sammelhandschriften zu unterscheiden ist.
Historisch-kritisch belangvoll sind Aussagen über
400.000 (weniger wohl jene über 700.000) Rollen. |
| Die Reihe der Leiter der Bibliothek des
Museions (die nicht identisch waren mit den Leitern des
Museions an sich, welche Priester waren) ist durch
Papyri bis zum Jahr 145 vChr genau
überliefert10.
145 vChr hat Ptolemaios VII. die Mitglieder des
Museions aus der Stadt vertrieben und einen Offizier als
Bibliothekar eingesetzt. Als Caesar 48/47 feindliche Schiffe im
Hafen von Alexandreia in Brand setzen ließ, griff das
Feuer auf eine Reihe von Gebäuden über und zerstörte
auch Bestände der Bibliothek des Museions – Caesar selbst hat dieses eindeutig
belegbare Ereignis in seinen Schriften verschwiegen. Für
die Folgezeit wird eigentlich nur mehr die Bibliothek
des Serapeions erwähnt – spätere Autoren wie Ammianus Marcellinus übertrugen die
Brand-Geschichte auf das Serapeion, weil sie von der
Existenz des Museions gar keine Kenntnis mehr hatten.
|
| Die alexandrinische Katechetenschule baut
auf der Bibliothek des Serapeions auf. 391 nChr gab es
unter dem Patriarchen Theophilos einen Tempelsturm, bei dem
auch das Serapeion gestürmt und wohl auch die Bibliothek
schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde11. Die Reste der vermutlich
durch die Christen wieder vermehrten (zeitweise aber
auch als heidnisch bekämpften) Bibliothek dürften bei
der Eroberung Alexandreias durch die Perser 619 und vor
allem durch die Muslime 642 untergegangen sein12) – ein ungeheurer und in
seiner Tragweite letztlich unabschätzbarer Verlust!
Festzuhalten ist, dass Alexandria immer eine griechische
Stadt, letztlich außerhalb Ägyptens, gewesen ist. |
| Der alexandrinische Bibliothekenkomplex war
eine der wichtigsten kulturerhaltenden Institutionen der
Weltgeschichte – erhebliche Teile unseres Wissens über
die Antike sind durch die Konservierung von Texten im
Museion innerhalb der Antike – indem sie dann von
anderen bearbeitet wurden – und durch die nach dem
Vorbild des Museions in Analogie aufgebauten kleineren
Sammlungen zustandegekommen. |
| Die zweite große Bibliothek des klassischen
Altertums war die der Attaliden im kleinasiatischen
Pergamon13, die aber an Bedeutung
wohl nicht an die Bibliotheken im Museion und Serapeion
herankam. Ihr Gebäude ist im Unterschied zum Meuseion
durch Ausgrabungen relativ gut bekannt; es handelte sich
um einen 40 m langen Bau mit drei Magazinsälen und einem
großen Lesesaal. Dem Bau nach schätzt man das
Fassungsvermögen auf 160-195.000 Rollen (Plutarch gibt 200.000 an). |
| Materialmassen wie jene in Alexandreia –
neuere Einschätzungen belaufen sich auf 400.000
„Bücher“14 – waren natürlich nur
durch systematische Ordnung brauch- und benutzbar.
Zuerst wurden alle Eingänge hinsichtlich ihrer Herkunft
markiert, es wurde der Ursprungsort, d.h. die Stadt der
Erwerbung der Schrift, vermerkt; im Hafen requirierte
Bücher erhielten die Bezeichnung „vom Schiff“; dann
folgten – insofern bekannt – der Name des früheren
Eigentümers, der Name des Verfassers und eines
allfälligen Kommentators, Verlegers oder Korrektors
sowie eine Angabe zum Umfang des Werkes in Zeilen.
Vermutlich gab es dazu einen alphabetischen Index. Unter
Ptolemaios
Philadelphos bereits wurde eine systematische
Feineinteilung erstellt. Kallimachos aus Kyrene 300–240, ein
Dichter, erhielt den Auftrag, einen Katalog zu
erstellen: die Pinakes.
Dieser Katalog bot ein Sachverzeichnis in 120 Bänden,
die sich – soweit aus dem Überlieferten erschlossen
werden kann – auf 6 poetische und 5 prosaische
Abteilungen (Epos, Elegie, Jambos, Melos, Tragödie,
Komödie – Geschichte, Rhetorik, Philosophie,
einschließlich Mathematik, Naturwissenschaften u.ä.,
Medizin und Gesetze) aufteilten. Zu jedem Autor gab es
eine kurze Biographie mit Lebensdaten und ein
Werkverzeichnis, jedes Werk wurde durch Titel, Incipit,
Zahl der Rollen und Gesamtzahl der Zeilen gekennzeichnet
– es sind dies die Anfänge der genauen Buchbeschreibung
im bibliothekarischen Sinne, wie sie wahrscheinlich aus
Mesopotamien übernommen worden sind – dasselbe System
findet sich im Prinzip bereits in der Bibliothek des
Assurbanipal.
Diese Organisationsform ist zum Vorbild für die späteren
Bibliotheken geworden. |
| Neben den erwähnten Großbibliotheken
bestanden kleinere an Fürstenhöfen, durch Stifter
finanziert an Gymnasien und an den diversen
Philosophen-Schulen, auch bei Tempeln; von
Privatbibliotheken finden sich bei den Griechen kaum
Spuren. Später, unter römischer Herrschaft finden sich
auch Bibliotheken als selbständige Anlagen – z.B. die
Celsus-Bibliothek in Ephesos15. Bei den Römern wurde
eine erste öffentliche Bibliothek durch Asinius Pollio eingerichtet. Im
weiteren entstehen große Privatbibliotheken mit
vornehmlich griechischen Schriften. Caesar fasste den Plan einer großen
öffentlichen Bibliothek in Rom, realisiert wurde das
allerdings erst durch Augustus mit der sogenannten Octaviana und
dann der Bibliotheca Palatina16, eine Reihe
von kaiserlichen Bibliotheken in Rom ist abgebrannt.
Später gehörte es zum guten Ton, eine Bibliothek im
eignen Haus zu haben. Die Einrichtung eines römischen
Bibliothekszimmers lassen uns Vitruv und Plinius d. Ä., aber auch die
Ausgrabungen in Herculaneum erkennen17. Im
4. Jh soll es in Rom 29 öffentliche
Bibliotheken gegeben haben, die gut frequentiert worden
sein sollen. Gab es schon im Athen des 5. Jhs
Buchhandlungen, so entstanden in Rom dann Verlagshäuser,
in denen hunderte Librarii (= Handschriften kopierende
Sklaven) beschäftigt waren, sodass von einem Werk auch
1000 Exemplare zum Verkauf standen, was überhaupt erst
den Aufbau der zahlreichen großen Privatbibliotheken
ermöglichte, die in der Kaiserzeit existierten18. |
| Der Aufbau früher christlicher Bibliotheken
wird vor allem durch die Bibliothek des Origines in Caesarea (nahe dem
heutigen Tel Aviv) markiert, wo Origines als Verbannter von 231 bis zu
seinem Tod 253 lebte. Die Bibliothek ist bis gegen 380
nachweisbar, über ihr weiteres Schicksal wissen wir
nichts. Ab dem 4. Jh kommt es dann zur Entwicklung
von Kirchenbibliotheken, bald auch von
Klosterbibliotheken. |
|
|
| In Byzanz19 gab es eine Reihe von
bedeutenden Bibliotheken, und es sind auch
Katalogfragmente überliefert – dennoch wissen wir
relativ wenig. Die kaiserliche Bibliothek in
Konstantinopel wurde 1203 von den flämischen
Kreuzfahrern in Brand gesteckt, 1204 gab es weitere
Verluste im Zuge der Eroberung – die Soldaten zogen mit
auf den Lanzen aufgespießten Codices durch die Straßen;
1453 existierte die Bibliothek noch. In steigendem Maße
gewannen auch im byzantinischen Reich kirchliche
Bibliotheken an Bedeutung – die Patriarchatsbibliothek
ab 610, dann zahlreiche Klosterbibliotheken. Nicht als
selbstverständlich sind eigene Bibliotheken an den
„Hochschulen“ anzunehmen. In den byzantinischen
Provinzen sind natürlich auch die Bibliotheken auf dem
Berg Athos bedeutend, doch sie enthalten praktisch nur
kirchliche Handschriften, kaum ältere klassische,
weltliche Manuskripte. Zweifellos sind 1453 enorme
Bücherschätze verlorengegangen. Enea Silvio
de
Piccolominibus
schreibt dazu an den damaligen Papst Nikolaus V am
12. Juli 1453: " Quid de libris
dicam, qui illic erant innumerabiles, nondum
Latinis cognit? Heu quod nunc magnorum nomina
virorum peribunt. Secunda mors ista Homeros est,
secundus Platoni obitus. Ubi nunc philosophorum
aut poetarum ingenia requiremus? Extinctus est
fons Musarum." Der Kardinal Isidor, Erzbischof von Kiew, hat als
Augenzeuge davon gesprochen, daß 120.000 Bücher
verlorengegangen seien. Die Zahl mag übertrieben sein,
tatsächlich ist aber vieles vernichtet worden, die
Edelmetallbeschläge der wertvolleren
Handschrifteneinbände wurden abgerissen und verkauft.
Vermutlich war die spätere Bibliothek im Serail eine Art
Sammelbecken der alten Bibliotheken des eroberten
Konstantinopel. Zwischen 1574 und 1593 sah der damalige
Leibarzt des Sultans, der Jude Dominico Yerushalemi, im
Topkapi-Serail in
Konstantinopel noch eine Reihe sehr wertvoller alter
Handschriften: Altes Testament, Neues Testament,
Historiographie etc. – In der Neuzeit sind, z.T. schon
im 15. Jh, zahlreiche Manuskripte von westlichen
Gelehrten, oft auch von Diplomaten im Auftrag ihrer
Konstituenten, aufgekauft worden, die letztlich aus den
alten byzantinischen Bibliotheken stammten (so
beispielsweise die berühmte, heute in der
Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindliche
Dioscurides Handschrift). |
| Bedeutende Bibliotheken existierten auch im
syrischen Raum (Antiochien, Beirut, Edessa), wo syrische
Gelehrte als Mittler zwischen der griechisch-antiken
Kultur und den Persern auftraten und zahlreiche Werke
übersetzten. Als 641 die Araber das persische Reich
eroberten, gerieten die Syrer natürlich unter arabische
Oberhoheit und nahmen dort in bezog auf die geistigen
Aktivitäten eine wichtige Position als Mittler und
Übersetzer gegenüber Byzanz bzw. zum alten Griechenland
hin ein. |
|
|
| Im muslimischen Raum haben sich bedeutende
wissenschaftliche Zentren herausgebildet20 – es sind hier nicht
allein die Bibliotheken in Betracht zu ziehen, sondern
auch die großen Observatorien und hinsichtlich der
Medizin wohl auch die großen Spitäler, denen mitunter
Klinikcharakter zukam. Die Mehrzahl dieser Einrichtungen
befand sich anfangs (in der Abbasidenzeit) in Bagdad,
dann aber in den großen Zentren des Ostens: in Rayy,
Isfahan, Shiraz, Sarmakand, aber auch in Kairo und im
syrischen Raum, insbesondere in Damaskus. |
| Im Islam galt stets der Grundsatz, daß die
Bildung nicht ein Monopol bestimmter Schichten und
Kreise sein dürfe. So haben auch die hohen arabischen
Würdenträger ihre Privatbibliotheken den Gelehrten
offengehalten und die Errichtung öffentlicher
Bibliotheken betrieben, die nicht selten aus Stiftungen
von Privatbibliotheken hervorgegangen sind. Neben diesen
öffentlichen Bibliotheken entstanden in weiterer Folge
die Bibliotheken in den den Moscheen angeschlossenen
Schulen, den Medresen21, die
allerdings thematisch nie jene Reichhaltigkeit
entwickelten wie große Bibliothek des „Hauses der Weisheit“22 (oder „Schatzkammer der Weisheit“,
bayt al-hikma) im
abbasidischen Bagdad23; diese
Institution wurde, noch als Privatbibliothek des
Herrschers, bereits in der Regierungszeit Harun al-Raschids angebahnt und in der Folge
von al-Mamun, dem Nachfolger al-Raschids; intensiv gefördert und
für wissenschaftlich Interessierte zugänglich gemacht.
Der Begriff hikma in der
Bezeichnung dieser Einrichtung ist nicht nur mit
„Weisheit“ oder „Philosophie“ zu übersetzen, sondern
bezieht sich auf alle Erkenntnisbereiche, wie man sie
rezipiert hat, also auch die „rationalen“, „empirischen“
Wissenschaften. Die Bibliothek dieser Institution soll
sehr viele Handschriften besessen haben; die spätere
Überlieferung bezüglich des Erwerbs von Manuskripten aus
Byzanz im Wege von vertragsabschlüssen und anderen
Staatsaktionen dürfte wohl zutreffen, letztlich aber
inferiorer Bedeutung sein gegenüber dem Umstand, dass im
hellenistischen Raum des Vorderen Orients einschließlich
Ägyptens zahlreiche Institutionen, vielfach christliche
Klöster, noch immer existierten, die über wesentliche
Teil des alten Wissengutes verfügten und oft auch
ihrerseits, in das Syrische vor allem, übersetzten,
sodass Übersetzungs- und Arbeitsunterlagen wohl
schneller und leichter von dort denn aus Byzanz zu
beschaffen waren. |
| Die Bedeutung des Bayt al-hikma für das
arabisch-muslimische Übersetzungswerk ist nicht wirklich
klar erkennbar; es waren wohl etliche der Übersetzer
dort beschäftigt, die Mehrzahl der Übersetzer aber
bezieht sich auf konkrete Anregungen oder Aufträge durch
den Kalif oder hochrangige Mitglieder des Hofes. Die in
einer neueren Arbeit entworfene Organisation der
Institution, derzufolge ein Sekretär einen richtigen
Übersetzungsbetrieb organisiert haben sollte, kann nicht
verifiziert werden. Die Aufgabe der Einrichtung war
offenbar nicht mehr, als Manuskripte und Übersetzungen
zur Verfügung zu stellen. Vermutlich hat das Bayt
al-hikma eine bedeutendere Rolle bei der Entwicklung der
Mutazila, der rational orientierten Auffassung des
Islam, gespielt, die allerdings im 10. Jh der
mittlerweile wieder erstarkten Orthodoxie unterlegen
ist24. Wahrscheinlich hat das
Bayt al-hikma die sunnitisch-orthodoxe Reaktion des
Nachfolgers von al-Mamun, al-Mutawakkil (847–861), der die
Richtung der Mutazila verdammte, wenn überhaupt, nur mit
Mühe überstanden. |
| Das wissenschaftliche Leben ist allerdings
nicht schlagartig erlahmt: 967 wurden im Hause eines
aufmüpfigen Abassidenprinzen 17.000 Bücher
beschlagnahmt. Um 1000 gab es in Bagdad 100 Buchhändler,
und am Ende der Blütezeit, als die Stadt 1258 von den
Mongolen erobert wurde, existierten in Bagdad 36
Bibliotheken, von denen viele öffentlich zugänglich
waren und in denen der Benützer einen Schreibplatz und
–material vorfand. Bedeutende Bestände waren aber
bereits 1058/59 bei der Eroberung Bagdads durch den
Seldschukensultan Tughrul
Beg
zugrundegegangen; andere bedeutende Bibliotheken
überdauerten aber auch. Sukzessive sind aber offenbar
die großen Privatbibliotheken an die Medresen
(Koranschulen) oder auch an Spitäler übergegangen. |
| Die Palastbibliothek der Fatimiden in Kairo weist im
10/11. Jh 200.000 Handschriften auf, die geordnet
in Kästen mit innen angeschlagenen Verzeichnis
untergebracht waren. 1005 richtete al-Hakim in Kairo ein
Haus der Wissenschaft – dar
al-hikma, mitunter auch als dar al-ilm bezeichnet –
ein, mit einer großen Bibliothek und freier
Schreibgelegenheit samt erforderlichem Material für
jedermann (etliche Jahresabrechnungen mit allen Details
sind heute noch vorhanden). 1068 ist die
Fatimidenbibliothek im Zuge der Eroberung Kairos durch
die Seldschuken weitgehend vernichtet worden25. Diese Bibliothek soll
wie andere in gewisser Hinsicht auch als ein
Propagandazentrum gewirkt haben. |
| Als die Araber 711 über die Straße von
Gibraltar setzen und bei Xerez de la Frontera die
Westgoten besiegten, wurde Cordoba
innerhalb kurzer Zeit eine Rivalin von
Damaskus und Bagdad; es entsteht eine hervorragende
Schule; die Palastbibliothek des Umajjaden-Kalifen
al-Hakam al-Mustansir (961-976) von Cordoba26 soll im 10. Jh angeblich
über 400.000 Handschriften verfügt, der Katalog 44
Bücher gefüllt haben27. |
| Die Bibliothek der Banu [Brüder] Ammar im
syrischen Tarabulus
(Tripolis im Libanon) soll 3 Millionen Einheiten
besessen haben, was wohl nicht denkbar ist, sie muß aber
doch außerordentlich groß gewesen sein. In Tripolis
bestand eine „Handschriftenfabrik“ mit 180 Schreibern,
die 1109 von den Kreuzfahrern geplündert wurde. Avicenna schildert eine große
Bibliothek in Buchara, die allerdings durch einen Brand
vernichtet wurde. Einzelne Bibliotheken im Osten zeigten
bereits die Grundstruktur moderner, neuzeitlicher
Bibliotheken – Leseraum, Depot etc. Differenzierung bzw.
Spezialisierung im Personal. |
| Zu den großen muslimischen
wissenschaftlichen Institutionen sind auch die großen
Observatorien in Maragah, Rayy und Sarmakand zu zählen,
die Zentren mathematischer wie astronomischer und
physikalischer Arbeit gewesen sind, an der sich
Fachleute aus verschiedenen Völkerschaften
beteiligten28. |
| Insgesamt muß festgehalten werden, dass in
den frühen Jahrhunderten des Islam ein relativ freier
Wissenschaftsbetrieb große Bedeutung erlangt hat;
ähnlich wie in der Frühphase der Universitäten fanden
sich Interessierte zusammen, die unter der Aufsicht
eines Erfahrenen ihre Studien betrieben: lasen,
kommentierten, diskutierten. So ist es auch zu
verstehen, wenn in vielen Biograpien muslimischer
Wissenschaftler erwähnt wird, der Betreffende habe mit
(d.h. bei) einem bestimmten Gelehrten studiert. Dies
änderte sich allerdings nach der Eroberung Bagdads durch
die Seldschuken, als eine rigorosere Einhaltung
einheitlicher, religiös dominierter Auffassungen
durchgesetzt wurde, und damit die Vielfalt des geistigen
Lebens eingeschränkt wurde. Es setzte nun die
Entwicklung der Medresen ein, deren Aufgabe es war, auf
der Basis des Korans Beamte für die Verwaltung, den
religiösen wie den juridischen Bereich auszubilden, die
den weltanschaulichen Ansprüchen der seldschukischen
Herrscher entsprachen – die erste Medrese wurde 1092
gegründet. Unter diesen Aspekten wurde der im
schulischen Bereich angebotene Stoff reduziert auf das,
was für die konkreten Zwecke unbedingt notwendig und
theologisch akzeptiert war, und das wieder wurde auf die
Vermittlung und Handhabung einfacher Verfahren
konzentriert. |
| Die Entwicklung und Installierung der
Medresen veränderte auch die Situation der bis dahin
zahlreichen unabhängigen Bibliotheken – sie verschwinden
bzw. werden an die Medresen angeschlossen und verlieren
damit ihren säkularen Charakter. Die Entwicklung wurde
auch durch die Rechtsform der Stiftung29 mitbestimmt. Gleichzeitig
nahm die Zahl der Stiftung von Spitälern zu. Das
bestimmende Prinzip war: die Medresen wirkten für die
Seele im Sinne der Rechtgläubigkeit und die Spitäler für
den Körper. Die Zunahme der Spitäler fördete den
klinischen Unterricht im Bereich der Medizin, und
führende Kliniker in Syrien haben ihre Privathäuser als
Lehrzentren der Medizin gestiftet, worauf auch der
Begriff „Medizin-Medrese“ geprägt worden ist. Auf diese
Weise ist die Entwicklung der Medizin weiter
vorangegangen als manch anderer Wissenschaftsbereiche.
|
| Freier vollzog sich die Entwicklung im
persischen und transoxanischen Bereich bzw. unter den
Mongolen in Sarmakand bis zum Tode Ulug Begs 1449. Die Entwicklung auf
der iberischen Halbinsel setzte hinsichtlich der
Spitäler erst um 1366, also Jahrhunderte später, ein.
|
|
|
| Im christlichen Mittelalter entstehen
Bibliotheken in den Klöstern und natürlich an den ab dem
11. Jh entstehenden Universitäten sowie später auch
an Fürstenhöfen. Vor allem in der Frühzeit überwiegt das
theologische Schrifttum bei weitem. Obgleich Origines und Augustinus die Meinung vertraten, daß
das Wissen ein Schatz der Heiden sei, den sie
unrechtmäßig besäßen und der ihnen abzunehmen sei, so
vertraten andere in der Folge eine entgegengesetzte
Ansicht. |
| Im Frühmittelalter ist es zuerst vor allem
Cassiodor, der in seinem Kloster Vivarium30 an der kalabrische Küste das Ideal des den Studien gewidmeten
Mönchs entwickelte, der sich mit Hingabe dem
Abschreiben, der Mehrung der überlieferten Handschriften
widmet – das Studium tritt neben das Gebet. Cassiodorus libripotens
organisiert das Abschreiben, die Textkritik,
die Korrektur und Kommentierung der Texte. Die
Bibliothek in Vivarium ist in griechische und
lateinische Autoren gegliedert, die nach Gruppen in den
einzelnen Armarien (Bücherschränken) untergebracht sind.
Die Bibliothek von Vivarium ist allerdings offenbar bald
nach Cassiodors Tod untergegangen. Mehr
Kontinuität ergab sich in Monte Cassino, dem 529 von Benedikt von Nursia gegründeten
Stammkloster der Benediktiner, weiters in Bobbio, dem
614 von Columban von Luxeuil gegründeten und
1803 aufgehobenen Kloster in Oberitalien, wohin auch
wertvolle irische Handschriften gelangten, darunter das
berühmte Antiphonar von Bangor (nahe Belfast). Ein
Zentrum der Handschriftensammlung blieb trotz allen
Niedergangs auch Rom, wo ab dem 4. Jh langsam eine
päpstliche Bibliothek
entsteht, deren Leiter im 8. Jh auch
als „Staatssekretär“ des Papstes fungierte; diese frühe
Bibliothek ging jedoch aus unbekannten Gründen verloren.
Auch die folgende Bibliothek musste aus politischen
Gründen häufig transferiert werden – nach Perugia, nach
Asissi und dann nach Avignon, wo mit dem Tod von Papst
Bonifaz VIII.
1303 neuerlich der größte Teil der Bibliothek
verlorenging; erst 1447 kam es zu einem organisierten
Neubeginn, es wurden damals 350 Werke in verschiedenen
Sprachen registriert, die den Grundstock der jetzigen
Bibliotheca Vaticana bildeten. Sehr bald wurde ein
Bestand von 1500 Werken erreicht – damals eine der
größten Bibliotheken in Europa. Es folgte ein rascher
Ausbau und dementsprechend ein eigener, 1587 begonnener
Bau. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die
Archivalien ausgegliedert, und es wurde die Bibliothek
nach dem heute noch verwendeten System aufgestellt.
Zahlreiche Schenkungen erweiterten die Bibliothek – u.a.
1623 die Bibliothek von Heidelberg, die Bibliotheca
Palatina (s.w.u.). Zu Ende des 19. Jahrhunderts
setzte eine Modernisierung und Öffnung ein. |
| Im Westen muss Isidor von Sevilla über eine große
Bibliothek verfügt haben, er ist der letzte, der das
antike Wissen wohl noch weitgehend zur Verfügung hat,
seine Bedeutung für das Mittelalter ist kaum zu
überschätzen. Eine sehr eigenwillige und besondere
Stellung nimmt Irland ein, wo ebenso wie in England und
im schottischen Bereich bedeutende Skriptorien entstehen: auf der Insel
Iona, in Bangor, in Lindisfarne Castle (auf der
gleichnamigen Insel, auch als Holy Island bezeichnet), Canterbury,
Wearmouth-Jarrow (Beda Venerabilis) und in York (Alkuin). In Frankreich sind Corbie,
Luxeuil, im deutschen Raum später Echternach und
Reichenau, auch Fulda und St. Gallen bedeutende Zentren
des Schriftkultur31. Alle diese
Zentren können aber keineswegs mit den zeitgleichen
Zentren im muslimischen Raum verglichen werden. In der
karolingischen Periode ist die Hofbibliothek Karls des Großen das
Zentrum – über diese Bibliothek wissen wir nur wenig,
zumal unklar ist, ob ein überliefertes Verzeichnis
wirklich ihr zuzuordnen ist. Karl der Große hat
sich aber auch um die Errichtung von Bibliotheken in den
Provinzen seines Reiches gekümmert und hatte vermutlich
die Absicht, einen Gesamtkatalog der in seinem
Einflußbereich befindlichen Handschriften erstellen zu
lassen. Leider verfügte er, dass die Bücher nach seinem
Tod an Meistbietende zu verkaufen seien und der Erlös
mildtätig verwendet werden sollte32.
Der inhaltliche Rahmen der in den erwähnten Bibliotheken
gesammelten Literatur ist naturgemäß sehr bescheiden und
ebenfalls in keiner Weise mit den muslimischen
Bibliotheken jener Zeit vergleichbar. |
| Im Kloster St. Gallen – gegründet von
Gallus 613 – entstand mit irischer
Hilfe eine große Bibliothek und ein bedeutendes Zentrum
der Gelehrsamkeit, das seinen Höhepunkt im 9. und
10. Jh erlebte und in dem eine enorme
Abschreibtätigkeit geleistet wurde. Die Ausgestaltung
der Bibliothek wurde von Abt Gozbert (816-836)
eingeleitet und übertraf bald alle christlichen
Bibliotheken ihrer Zeit, enthielt jedoch an profanen
Schriften nur solche zu Recht, Geschichte und
Schulliteratur, aber praktisch keine Klassiker. |
| Stärker ist der Anteil profaner Literatur
auf der Reichenau (724 gegründet), wo man über
geschichtliche Werke, Arbeiten zu Computistik und
Medizin sowie über Klassiker als Schulliteratur
verfügte. Weitere wichtige Klosterbibliotheken waren
Lorsch, Echternach, Hersfeld, Korvey – herausragend aber
Fulda und Cluny33. Die neuen
Orden wie Zisterzienser, Kartäuser, Augustiner
Chorherren haben die Tradition der Literaturarbeit
übernommen. Im 11. und 12. Jh entwickelt sich ein
reger Leihverkehr zwischen den Klöstern, auch im
bayrischen und österreichischen Raum – es kommt zu einem
starken Anwachsen der Handschriftenbestände, aber ohne
wesentliche inhaltliche Erweiterung; diese wird erst
durch das Übersetzungswerk bewirkt. |
| Im 12. und 13. Jh werden die
Klosterbibliotheken in ihrer Bedeutung langsam von den
Bibliotheken im Bereich der
Universitäten abgelöst – es handelt
sich dabei freilich um Bibliotheken einzelner Bereiche,
zumeist der Kollegien, nicht einer Universität
insgesamt. Maßgebliche Veränderungen werden durch die
Verwendung des Papiers bewirkt, die eine Steigerung und
Verbilligung der Produktion erlaubt – professionelle,
zunftmäßig organisierte Schreiber treten gegenüber den
klösterlichen Skriptorien in den Vordergrund34: Maßgeblich für die
weitere Entwicklung ist, daß Anselm von Canterbury und nachfolgend
andere – im Unterschied zur etwa gleichzeitigen
gegenläufigen Entwicklung im Islam – der Vernunft einen
gewissermaßen ebenbürtigen Platz neben dem Glauben
zuweisen bzw. sie in eine konkrete Beziehung zum Glauben
setzen. Die profanen Disziplinen werden so neben der
Theologie anerkannt und nehmen ihre mehr und mehr
eigenständige Entwicklung. Im 12. Jh kommt es zu
einer großartigen Blüte der Pariser Schulen – die
älteren Schule der Chorherren von St. Victor und andere
werden durch die Schule nahe Notre-Dame auf der
Seine-Insel überflügelt und noch vor 1200
zusammengeschlossen und durch ein Immunitätsprivileg
Philipp Augusts
begünstigt: es entsteht das Studium Parisiense, das eine
öffentliche Schule ist, ein studium
generale35. Gegenüber
den bereits bestehenden Universitäten zu Salerno und
Bologna verfügt Paris im Prinzip bereits um 1200 um die
Struktur der vier Fakultäten (wenn auch ohne weltliches
Recht). Das älteste Pariser Kollegium wird um 1180
gegründet; um 1250 erfolgte die namensgebende Stiftung
seitens Robert de
Sorbonas, die zum Zentrum der theologischen
Studien wird und wo – wesentlich durch die Schenkungen
der Mitglieder des Kollegs, von denen 170 wenigstens
ihre Bücher dem Kollegium vermachten – sehr schnell eine
große Bibliothek aufgebaut wird, die später mit der
päpstlichen Bibliothek in Avignon konkurriert und die
bedeutendste Universitätsbibliothek des Mittelalters
überhaupt wird36. In den übrigen
romanischen Ländern blieb die Entwicklung der
Universitätsbibliotheken zurück, da dort die stationarii viel größere
Bedeutung erlangten als in Paris – in Bologna z.B. hatte
jeder Stationarius 117 Werke vorrätig zu haben, die bei
ihm zu entlehnen oder zu kaufen waren. In England und
auch in Deutschland schloß man sich dem Pariser Usus an,
und die Stationarii erlangten keine besondere
Bedeutung37. |
| Ihrer äußeren Form nach waren die frühen
mittelalterlichen Bibliotheken Armarien, also
„Schrankbibliotheken“ – die Bücher lagen in Schränken
(dazu die Abbildung #m#), was die Bindung schonte;
deshalb waren auch die Einbände vielfach mit Beschlägen
armiert, die sie schützten, und nicht selten befand sich
eine Kurztitel auf der dem Benützer zugewandten Seite
des Buchblocks. Diese Schränke standen vielfach an den
Wändern der Kreuzgänge, also noch nicht in eigenen
Räumlichkeiten. |
| Erst später bildet sich der Usus heraus,
Bibliotheksräume mit Schränken und vor allem mit Pulten auszustatten, die entweder
einzeln oder gegenübergestellt, doppelseitig, im rechten
Winkel zu den Fenstern aufgestellt wurden. Die
Sorbonne-Bibliothek besaß 1289 28 Pulte, an denen 1017
Bände angekettet waren. Die Räume waren in der Regel
lang und relativ schmal sowie von beiden Längsseiten her
beleuchtet („Long Room“ im Trinitity College in
Dublin). |
| Erst in der Neuzeit bilden sich dann mehr
oder weniger abgegrenzte nischenartige Benützereinheiten
heraus. |
|
|
| Die Entstehung größerer Bibliotheken geht
nicht nur Hand in Hand mit einer Intensivierung des
Wissenschaftsbetriebes, sondern fördert auch die
Entstehung großer Enzyklopädien. So wird das 13. Jh
wieder ein Jahrhundert der allgemeinen Zusammenfassungen
des Wissens, der Enzyklopädien38 –
dies macht deutlich, wie sehr man sich in einem als
wesentlich erachteten Stadium angelangt fühlte. Führend
war Vinzenz von Beauvais († 1264),
ein Dominikaner, der auf Verlanlassung Ludwigs des Heiligen
das riesige „Speculum maius“ oder „Speculum
universale“ (auch
„Speculum quadruplex“) schuf, das alle Gegenstände zu
allen Zeiten behandeln sollte und in vier Teile
gegliedert war: naturale,
doctrinale, morale, historiale. Vinzenz von Beauvais verfügte über
beste Bibliotheken und über eine Schar von Mitarbeitern
(das Werk kann in dieser Hinsicht mit den riesigen
chinesischen Enzyklopädien verglichen werden), die aus
rund 450 lateinischen, griechischen, hebräischen und
arabischen Autoren exzerpierten, die auch zitiert
werden; Vinzenz von Beauvais selbst kannte nur
die lateinischen; der Text wurde in den Jahren 1244-1254
erstellt, später überarbeitet und mit zahlreichen
Zitaten aus Albertus Magnus und Thomas von Aquin angereichert. Das
Werk ist mehr bezüglich seines Umfanges als ob seiner
Qualität bedeutend; es handelt sich um eine eher
anspruchlose Kompilation, die auch nichts Neues enthält
und (begreiflicherweise) auch nicht immer am neuesten
Stand war; die Zielgruppe war, was man heute als das
"Bildungsbürgertum" bezeichnen würde. |
| – |
Das Speculum naturale hat die
Form eines riesigen Kommentars zur Genesis – 32
Bücher mit 3718 Kapiteln – Meteorologie,
Geographie, Geologie, Astronomie, Chemie, Botanik,
Zoologie, Anatomie, Physiologie, Psychologie (mit
langer Erörterung der Natur der Träume) und
Astrologie, die aber nicht mit der Astronomie
vermengt wird. |
| – |
Das Speculum doctrinale hat
17 Bücher mit 2374 Kapiteln und faßt die
theoretische und praktische Kenntnis im Bereich
Literatur, Moral, Mechanik, Physik, Mathematik und
Theologie zusammen und enthält auch ein
Wörterbuch. Grammatik, Logik, Landwirtschaft,
Recht und Regierung, Handel, Medizin, Chronologie,
Astronomie und Astrologie, Musik, Maße und
Gewichte, Entdeckungen. |
| – |
Das Speculum historiale ist
eine Universalgeschichte vom kirchlichen
Standpunkt aus bis 1244, später bis 1254. 31
Bücher mit 3793 Kapiteln. 1244 schrieb er eine
kürzere Fassung Memoriale omnium temporum, 80
Kapitel. |
| – |
Das Speculum morale stammt
nicht mehr von ihm selbst, sondern wurde von einem
unbekannten Autor erst 1310-1325 zusammengestellt,
also nach Vinzenz von Beauvaiss Tod; es ist
eigentlich eine Zusammenfassung des Thomas von Aquin, wird aber immer im
Rahmen des Gesamtwerkes gedruckt und angeführt. Es
besteht aus 3 Büchern mit 381 Abschnitten:
Leidenschaften und Tugenden, Inkarnation und
Leiden Christi, Tod, Purgatorium, Jüngstes
Gericht, Auferstehung, Hölle, Paradies, Sünden und
Strafen. |
|
| Das gesamte Werk, das für eine wirklich
weite Verbreitung viel zu umfangreich und damit zu
kostspielig war, wurde 1473 in sieben Foliobänden
gedruckt (es stellt die größte bekannte Inkunabel dar)
und blieb für Jahrhunderte die Enzyklopädie im abendländischen
Bereich. |
| Im kirchlichen Bereich fundamental war
Guilelmus Durandus (1230-1296) aus der
Languedoc, Bischof von Mende und die meiste Zeit an der
Kurie tätig, als Verfasser dreier wichtiger
enzyklopädischer Werke: |
| – |
Speculum iudiciale =
Speculum iuris, 1271, überarbeitet 1287, eine
Synthese von Römischem und Kanonischem Recht, die
erste ihrer Art, ungeheure Verbreitung, oft
kommentiert, ist in 4 Bücher gegliedert: 1 Richter
und ihre Gewalt, Anwälte, Zeugen, Prozeßgegner
etc., 2 Zivilverfahren und kanonisches
Prozeßrecht, 3 Strafprozeßrecht, 4 Sammlung von
Formularen etc. |
| – |
Repertorium
iuris canonici
(auch „Breviarium aureum“), ein Verschnitt des
kanonischen Rechts mit vielen Glossen |
| – |
Rationale divinorum
officiorum, begonnen vor 1286, ist eine
der fundamentalsten Quellen zur katholischen
Liturgie, es ersetzte alle bis dahin verfassten
Schriften zu diesem Thema, die sorgfältig zitiert
werden, zerfällt in 8 Bücher: 1 Symbolismus der
kirchlichen Architektur und Kunst, 2 der Klerus, 3
kirchliche Kleidung, 4 Messe, 5 andere religiöse
Verrichtungen, 6 Sonntag und Feiertage, 7
Heiligentage (mit Argumenten gegen die unbefleckte
Empfängnis), 8 Computus (d.h. kirchliche
Zeitrechnung). |
|
| Das Rationale ist als erstes Buch nach der
Bibel gedruckt worden (1459), unzählige Ausgaben
folgten. |
|
|
| Im 14. und 15. Jh haben die neueren
klösterlichen Gemeinschaften – die Brüder vom
Gemeinsamen Leben des Geert Grote vor allem (fratres non verbo, sed scripto
praedicantes) – durch besonders
hochstehende Schreibleistungen die Reproduktion des
klassischen bzw. nichtuniversitären Schriftgutes
neuerlich gesteigert39. Noch im
15. Jhs begannen sich Klöster sehr früh für das
Drucken zu interessieren. Bereits 1466 ist in
St. Ulrich und Afra in Augsburg eine
Klosterdruckerei eingerichtet worden – berühmt und
wichtig war später die Druckerei der Benediktiner in
Tegernsee. |
| Neben den Klöstern und den Universitäten
treten im Spätmittelalter die Fürsten und dann
schließlich reiche Bürgerliche als bibliophile Sammler
und Bibliotheksgründer auf. Im 14. Jh entwickelten sich
die französischen Könige einen Hang zur Bibliophilie,
und das Übersetzen in die Nationalsprachen kommt in
Mode, womit eine neuerliche Erweiterung des Buchwesens
eingeleitet wird. Es entstehen zahlreiche hochwertige
und mitunter kleinformatig gehaltene Handschriften – z.B. für den Duc Jean de Berry, die
burgundischen Herzöge, Prunkhandschriften, meist
Stundenbücher, d.h. Gebetbücher u.ä., die nach den
insularen Buchmalereien gewissermaßen den unüberbotenen
Höhepunkt der Buchmalerei bzw. –herstellung
darstellen40. Für die
Wissenschaftsentwicklung ist dies von marginaler
Bedeutung. Wichtiger ist, daß im 15. Jh mit dem
Sammeln auf breiterer Ebene und unter humanistischen
Gesichtspunkten eine neuerliche Ausweitung einsetzt, die
durch den Buchdruck nochmals entscheidend gesteigert
wird: der Humanismus bewirkte eine Intensivierung der
Akkumulierung von Büchern resp. Handschriften, ja es
setzte eine professionalisierte Jagd auf besonders
wichtige und interessante Handschriften vor allem
klassischer Autoren durch die italienischen Humanisten
ein41, und es entstanden
zahlreiche Bibliotheken. Sehr bald folgten Fürsten wie
die Medici, die in
Florenz mit der Biblioteca Medicea Laurenziana (die von
Cosimo de Medici
(1389-1464) begründet wurde und nach Lorenzo de Medici
(1449-1492) benannt ist; eine reiche Bibliothek mit bald
rund 150.000 Büchern, darunter zahlreiche Inkunabeln,
und rund 11.000 Manuskripte aufbauten. Aber auch Matthias Corvinus sammelte Bücher;
seine Bibliothek von an die 50.000 Bände in Ofen – eine
der größten und wertvollsten Bibliotheken der
Renaissance – ist allerdings 1541 durch die Türken
vernichtet worden; nur geringe Teile sind im Topkapi
Serail in Istanbul aufbewahrt, und einige wenige Werke
sind im 19. Jh als Geschenke zurückgestellt worden.
Reiche Patrizier begannen ebenfalls, wertvolle
Bibliotheken zu akkumulieren – im bürgerlichen Bereich
wird ein erster Höhepunkt durch die Angehörigen des
Hauses Fugger42 erreicht, die ab 1500 mit
enormem finanziellen Einsatz durch die führenden
Mitarbeiter ihrer Handelsfilialen Handschriften und
Literatur in der ganzen Welt aufkaufen lassen43. |
| Eine enorme Ausweitung der Buchproduktion
und Verbreitung von Texten bewirkte natürlich die
Einführung eines praktisch handhabbaren Druckverfahrens,
wie es mit dem Namen Johannes Gutenberg44 verbunden
ist. Es gab zwar im europäischen Raum schon zuvor
sogenannte Blockbücher und im chinesischen Bereich schon
lange auch Bücher mit beweglichen Lettern, doch bewirkte
erst Gutenberg den großen Durchbruch – bis
Ende des Jahres 1500 sind rund 29.000 Werke im Druck
erschienen, von denen etwa 500.000 Exemplare heute noch
erhalten sind45. In der
Folge nahm die Buchproduktion exponentiell zu, und dem
entsprechend wuchsen auch die Bibliotheken an Größe und
Zahl. Viele fielen dann allerdings dem Dreißigjährigen
Krieg zum Opfer – gewaltige Bestände mit wertvollsten
Handschriften wurden vernichtet oder wechselten – im
Glücksfall – den Besitzer. Der Codex argenteus, die Wulfila-Bibel, befindet sich heute in
Upsala und nicht mehr in Prag; und die großartigste
Bibliothek ihrer Zeit, die Bibliotheca Palatina in Heidelberg,
wurde 1622/23 vom Herzog von Bayern als Kriegsbeute zum
Dank für die Hilfe des Papstes im 30jährigen Krieg dem
Vatikan geschenkt, wobei man der Erleichterung des
Transportes halber fast alle Einbände entfernte… |
|
|
| Im 17. und 18. Jh entstehen durch
Akkumulierungen im Kauf-, Schenkungs- und Erbschaftswege
große Herrscherbibliotheken, die später in
Nationalbibliotheken übergeleitet werden46 (z.B. alte kaiserliche
Hofbibliothek, nunmehr Österreichische Nationalbibliothek;
eine der berühmtesten frühen Bibliotheken dieser Art,
die auch heute noch nahezu unverändert besteht, ist die
Herzog
August Bibliothek Wolfenbüttel, die eine der ältesten
unversehrt erhaltenen Bibliotheken der Welt ist; sie
wurde 1572 von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründet
und durch Herzog August den Jüngeren (1579-1666) als eine
systematisch zusammengetragene Büchersammlung von
135.000 kostbaren Handschriften und Drucken die
angeblich größte Bibliothek ihrer Zeit. Mit ihren heute
über 160.000 Drucken des 17. Jahrhunderts stellt
sie eine der reichsten Sammlungen der gedruckten
Überlieferung dieser Epoche dar; die Bibliothek besaß
2005 rund 1 Million Bände, davon etwa 415.000 aus
der Zeit vor 185047. Ihr
berühmtester Bibliothekar (neben Gotthold Ephraim Lessing) war Leibniz, der für den Neubau (die Bibliotheksrotunde) 1706-1710 sorgte,
der der erste prophane Bibliotheksbau in Europa war.
|
| Universitätsbibliotheken im
heutigen Sinne gab es Mittelalter nicht. Es gab
Bibliotheken einzelner Colleges und wohl auch von
Fakultäten, aber nicht mehr. Erst am Beginn der Neuzeit
entstehen an besonders gut ausgestatteten Universität
Bibliotheken. In den reformierten Ländern bildeten
vielfach eingezogene Bibliotheken aufgelöster Klöster
den Grundstock des Bücherbestandes, ähnlich später in
Österreich im Zusammenhang mit der Aufhebung des
Jesuitenordens bzw. den josephinischen
Klosteraufhebungen. So blieben bis in das 18. Jh
die Universitätsbibliotheken meist klein und unbedeutend
– private Mäzene bestifteten lieber Colleges oder
religiöse Orden. Eine Ausnahme war die 1602 von Thomas
Bodley (1545-1613) in Oxford
begründete öffentliche Bibliothek, die mit Hunderten
Handschriften und einem anfänglichen Bücherbestand von
2000 Bänden, der aber bald erweitert wurde, Benutzer
auch vom Kontinent anzog; ab 1650 ist die Bodleian Library48
aber in finanzielle Schwierigkeiten geraten, als die
Gelder aus den gestifteten Einkünften nicht mehr flossen
und zudem auch noch die wichtige Gewährung eines
Freiexemplars aufgehoben wurde. Die meisten
Universitätsbibliotheken erhielten sich aus Schenkungen
und Bußgeldern, auch griff man zu Zwangsmaßnahmen, z.B.
dass jeder Absolvent ein Buch von bestimmtem Mindeswert
zu stiften habe etc. Die Idee des Pflichtexemplars hat
zuerst Francois I. 1537 für die königliche
Bibliothek in Paris eingeführt; dieses Modell ist auch
in England übernommen worden, der Press Licensing Act
von 1662 stützte die königliche Bibliothek in London und
auch die Bibliotheken von Oxford und Cambridge, 1708
wurde durch den Copyright Act die Zahl der
Pflichtexemplare auf neun erhöht, womit auch die
schottischen Universitätsbibliotheken bedient werden
konnten. Auch in Preußen funktionierte dieses System
recht wirksam, ansonsten blieb es meist auf dem Papier.
Die Abhängigkeit von Schenkungen und vom Copyright
führte zu einer eher zufallsgesteuerten Akkumulierung
von Büchern, nicht zu systematischer Erwerbung, wie sie
die mittlerweile erfolgende Entwicklung der Wissenschaft
dringend erheischte und wie sie durch Petrus Lambeck (1628-1680) in Wien, den
Begründer der Bibliothekswissenschaft, und dann durch
Leibniz so sehr gefordert worden ist.
Ein weiterer Faktor war häufig die Einbringung von
anderer Bibliotheken – in der Aufklärung jener
aufgelassener Klöster – in die Universitätsbibliotheken
(die UB Graz verdankt diesem Umstand ihren
außerordentlichen Altbestand, der u.a. die Handschriften
einer ganzen Reihe von innerösterreichischen Klöstern
akkumuliert). |
| Die erste moderne Universitätsbibliothek
wurde die der Universität Göttingen, sie ist mit der
Universität zugleich eingerichtet und systematisch
geplant und bestückt worden; sie war über lange Zeit hin
das – von Goethe
ausdrücklich gelobte – Ideal einer
Universitätsbibliothek, auch in
baulich-organisatorischer Hinsicht49. –
Die Qualität der Bibliotheken in den Kollegien etc. hing
natürlich stark von der der Bibliothekare und deren
Einsatz ab – hervorzuheben ist neben Bodley der Kurator Janus Dousa (1545-1604), der die Bibliothek
an der Universität Leiden50 aufbaute
und zu einer der führenden im 17. Jh machte. Viele
Bibliotheken haben aber erst im 19. oder gar erst im
20. Jh eigene, hauptberufliche Bibliothekare
erhalten und wurden vorher nebenher von Professoren
betreut. |
| Die Bücher selbst wurden ursprünglich (wie
die Rollen) liegend aufbewahrt und waren bis in die
2. Hälfte des 16. Jh vielfach libri catenati, die auf Pulten lagen;
erst als man auf diese Weise mit dem Platz nicht mehr zu
Rande kam, begann man die Bücher senkrecht aufzustellen,
wie dies heute gebräuchlich ist, nach und nach man auch
das Anketten zu verzichten und die Bücher in mehreren
Reihen über den Pulten aufzustellen; daraus entwickelten
sich die dann bald raumhohen Bücherstellagen, denen man
dann im 17. Jh eine Galerie anbaute; durch das
Herausbrechen hoher Fenster wurden genügend Licht
eingelassen – so bewerkstelligt durch Christopher Wren (1632-1723) im Trinity College in Cambridge,
nachgebaut im Long Room des Trinity College in
Dublin. So entstehen im 17. und 18. Jh Bibliotheken
in einem modernen Sinne. |
| In neuerer Zeit sind natürlich auch
Spezialbibliotheken entstanden – wie etwa die
Wolfenbütteler Bibliothek oder die Beinecke Rare Book Library in Yale.
Andererseits sind an den meisten größeren Bibliotheken
auch spezifische
Sammlungen – Karten, Gemälde, Münzen,
Globen, Kunstgegenstände, astronomische Instrumente,
zoologische und botanische Besonderheiten etc. –
angeschlossen worden. |
| Auch die gelehrten Gesellschaften; die
Akademien, haben mitunter Bibliotheken aufgebaut. Wie
die Universitätsbibliotheken verdankten auch sie häufig
große Bestände der Stiftung durch Gelehrte, die auch die
Ausweitung stimulierten. |
| Im 19. und 20. Jh entstehen dann die
modernen Großbibliotheken, von denen hier nur einige
wenige erwähnt seien: die Library of Congress in
Washington D.C., die British Library in London, die
Bibliotheken in Moskau und St. Petersburg u.a. –
Bibliotheken, die derzeit bei einer Dimension von über
20 Millionen Bänden halten. |
| Die Library of Congress ist im Jahr 1800,
als die Hauptstadt der USA von Philadelphia nach
Washington verlegt wurde, ursprünglich zur Unterstützung
des Congresses eingerichtet worden und ist die älteste
föderale Kulturinstitution der USA. Es handelte sich
erst um eine kleine, tatsächlich auf die Bedürfnisse des
Congresses ausgerichtete Bibliothek, bis Jefferson seine Privatbibliothek
hinzustiftete, was die Ausweitung von einer
Amtsbibliothek zu einer Universalbibliothek zur Folge
hatte. Ainsworth Rand Spofford, der 1864–1897 die Bibliothek
leitete, regte 1870 das US-amerikanische
Copyright-Gesetz an, das jedermann, der den Schutz des
Copyright in Anspruch nehmen wollte, verpflichtete, der
Bibliothek zwei Exemplare seines Druckwerkes zu
übermitteln, was innerhalb kürzester Zeit ein
Bibliotheksgebäude notwendig machte, das 1897 als das
größte Bibliotheksgebäude der Welt eröffnet wurde. Die
Bibliothek soll über 80 % der Weltbuchproduktion
beinhalten und gilt als größte der Welt51 – derzeitiger (2007)
Stand rund 29 Millionen Bände und eine Fülle weiteren
Materials, in 460 Sprachen; die Regallänge soll bei
knapp 1000 km liegen. |
| Die British Library ist aus der
gleichzeitig mit der Gründung des British Museum 1753
eingerichteten Bibliothek des Museums hervorgegangen und
erst 1973 als eigenständige Institution aus dem British
Museum herausgelöst worden. Sie ist die
Nationalbibliothek des United Kingdom und profitiert(e)
vom Pflichtexemplar in England und Schottland sowie von
zahlreichen, z.T. sehr großen nationalen Bibliotheken,
die in ihr aufgingen. Sie zählt ebenfalls zu den größten
Bibliotheken der Welt und beherbergt eine ungeheure
Fülle verschiedensten Materials von Handschriften bis zu
Briefmarken und natürlich auch elektronischen
Datenträgern. Der berühmte British Library Lesesaal wurde 1857 in
Betrieb genommen. |
| Die Russische Staatsbibliothek – vormals
Lenin-Bibliothek
– ist die größte russische Bibliothek und nach der
Library of Congress wohl die zweitgrößte der Welt – 42
Mio Titel in 247 Sprachen. Die
Saltikow-Schtschdrin-Bibliothek in St. Petersburg wurde
1795 von Zarin Katharina der Großen als eine russische
Nationalbibliothek gegründet. Mit mehr als 30 Mio
Einheiten in 85 Sprachen ist sie die zweitgrößte
Bibliothek Russlands. Etwa halb so groß ist die 1714 von
Peter dem Großen
gegründete Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in
St. Petersburg |
| Die Österreichische Nationalbibliothek ist
aus der alten habsburgischen Hofbibliothek entstanden,
in die zahlreiche, auch größere Bibliotheken eingebracht
worden sind (darunter umfangreiche Fuggersche Bestände
sowie die Bibliothek des Prinz Eugen, die sich heute
im Prunksaal der ÖNB befindet). Auf Grund der guten
Kontakte der Habsburger nach dem Vorderen Orient und
einer regen Erwerbstätigkeit durch die Diplomaten
früherer Jahrhunderte in diesen Ländern verfügt die ÖNB
über einen außerordentlich umfangreichen und wertvollen
Handschriftenbestand. |
| Derzeit befinden sich die Bibliotheken in
einem Übergangsstadium, indem den elektronischen
Informationsträgern eine weit höhere Bedeutung als
bisher zuwächst, gleichzeitig sich aber auch wesentliche
Fragen der Kontinuitätssicherung erheben52. |
|
|
| Die Bibliotheken, die ja immer auch Orte
des Studiums waren, haben, wie bereits erwähnt, zur
Ordnung, zur Klassifizierung angeregt; dies setzte
bereits in Mesopotamien ein, wo man (wohl nicht zuletzt
wegen der Unübersichtlichkeit der Informationsträger)
früh Ordnungsprinzipien einführte. Im Altertum und im
Mittelalter kam hinzu, dass sehr bald verschiedene
Sinneinheiten zu größeren übergeordneten Einheiten
zusamengefasst wurden. Auch aus diesen Gründen kommt den
Bibliotheken in Zusammenhang mit der Entwicklung einer
systematischen Erkenntnisarbeit früh große Bedeutung zu,
da die Klassifizierung bzw. Bibliothekssystematik einen
hohen Grad der Reflexion des gesamten Wissenschatzes und
seiner Struktur erfordert und dokumentiert. Die anhand
der Überlieferungen über die alten Bibliotheken
erschlossenen Gliederungs- und Strukturierungsprinzipien
des Wissens in früher Zeit sind natürlich teilweise
Rekonstruktionsversuche, also mit Vorsicht zu bewerten,
zumal sie sich zumeist zwangsläufig der neuzeitlichen
Terminologie bedienen müssen. Sie vermitteln aber
dennoch eine gewisse Vorstellung von den frühen
Versuchen, Wissen zu organisieren bzw. zu
strukturieren53. |
| Von Ordnungsvorstellungen (um nicht von
einem „Wissenschaftsbegriff“ zu sprechen) der ältesten
Zeit, im Alten Orient können wir uns insofern eine vage
Vorstellung machen, als der Bibliothekskatalog für die
berühmte Bibliothek des Assurbanipal (668–626),
1849–1854 von Sir Austen Henry Layard und Hormuzd Rassam in Ninive ausgegraben wurde und
uns somit vorliegt; er läßt eine gewisse Rekonstruierung
der Grundstruktur des etwa 20.000 Tontafeln umfassenden
Bestandes zu. Nach Meinung der Fachleute war die
Bibliothek gegliedert in: |
| Geschichte |
| Recht, Gesetz, Brauchtum |
| Naturkunde – Tiere, Pflanzen,
Mineralien |
| Geographie |
| Mathematik |
| Astronomie |
| Magie |
| Dogmen – Religion |
| Legenden und Sagen |
| Soweit es sich feststellen ließ, war der
Bestand Grammatik (Sprache) relativ stark, die Bestände
der beschreibenden Naturwissenschaften ebenfalls
ziemlich umfangreich, und die Astronomie nahm dabei die
erste Position überhaupt ein. man nimmt weiters an, dass
die astrologischen Werke von denen der Astronomie
separiert im Bereich Magie untergebracht waren. |
| Bezüglich klassifikatorischer Angaben im
alten Ägypten ist auf
ein im Tempel von Edfu als Wandinschrift überliefertes
„Verzeichnis der Kästen“, die Bücher auf großen
Pergamentrollen enthalten, zu verweisen, das neben
magischen, rituellen, dynastischen etc. Aspekten
partiell disziplinenbezogene Felder ausweist wie etwa
die Astronomie und die Geographie. Der Ägyptologe
Heinrich Karl Brugsch hat daraus eine Klassifikation
zu erarbeiten gesucht, die prinzipiell zwischen heiliger
und profaner Literatur unterscheidet, wobei in der
profanen Literatur drei Gruppen aufscheinen: |
| – |
Wissenschaftlich Verwertbares: Astronomie,
Kalender, Mathematik, Geographie, beschreibende
Naturwissenschaften, Medizinisches und
Architekturgeschichtliches |
| – |
Schöne
Literatur |
| – |
praktisches
Schrifttum: Urkunden, Kontrakte etc. – also eher
Juridisches. |
|
| Für China lässt sich für die Zeit um
Christi Geburt aus überlieferter Literatur eine
Gliederung des Schrifttums in folgende Gruppen erkennen:
|
| – |
Sammelwerke |
| – |
Die sechs
Künste – |
| – |
Philosophie |
| – |
Schöne
Literatur |
| – |
Militaria |
| – |
Wahrsagerei |
| – |
Medizin |
|
| Später – im 5. Jh – ging man zu vier
Gruppen über: |
| – |
Klassische
Literatur |
| – |
Philosophie,
Militaria, Mathematik, Theologie |
| – |
Geschichte,
Staatsschriften, Juridisches |
| – |
Schöne
Literatur |
|
| Diese Vierer-Gliederung hat sich in
chinesischen Bibliotheken bis heute erhalten. |
| Bei den Griechen ging die
Wissenschaftssystematik von der Philosophie aus, als dem
Überbegriff, unter dem alle Wissenschaften in unserem
Sinne begriffen werden. Solche Gliederungen kennen wir
von Platon54: |
| – |
Dialektik
= Reine Begriffe = begriffliche
Erkenntnis |
| – |
Physik
= Sinnlich-empirische Wahrnehmungen =
sinnliche Wahrnehmung |
| – |
Ethik
= Äußerungen d.menschl. Willens und Handelns
= Wille und Begehren; |
|
| und von Zenon in der Stoa, auf den wohl die von Epikur überlieferte ganz ähnliche Gliederung in
die „stoische Triade“ stammt: Physik, Logik, Ethik.
|
| Aristoteles hat keine Systematik
hinterlassen; aus seinen Werken glauben manche jene
Systematik erschließen zu können, in
der traditionell die Werke des Aristoteles angeführt werden. |
| Diese drei Systemisierungsmodelle – Platon,
Stoiker und Aristoteles – haben bis weit in die
Neuzeit hinein großen Einfluß ausgeübt. Sie orientieren
sich an den Erkenntnismethoden. |
| An der Bibliothek von Alexandreia
erstellte, wie bereits erwähnt, der Bibliothekar Kallimachos (310-240) mit den Pinakes eine über alles
sich erstreckende Systematik. Leider kennen wir diese
Gruppierungen nur bruchstückhaft55.
|
| In römischen Bibliotheken gliederte man
offenbar in: |
| Sammelwerke |
| Spezielle Sammlungen wie etwa die
Sibyllinischen Bücher |
| Poesie |
| Gesetze |
| Biographien |
| Rhetorik |
| Grammatik |
| Arbeiten zu Einzelfragen |
| öffentliche Dokumente – Juridisches |
| Ganz anders ist die Systematik bei Plinius d. Ä. in seiner
Enzyklopädie Naturalis historiae
libri XXXVII: |
| Erde und ihre Teile – Astronomie, Geophysik
etc. |
| Lage der Länder, ihre Einwohner, Meere,
Städte – Geographie |
| Entwicklung des Menschen, seine
Beschaffenheit und Eigenheit |
| Tiere |
| Pflanzen |
| Arzneien aus Tieren und Pflanzen |
| Metalle und ihre Gewinnung |
| Malerei |
| Mineralien |
| Diverses |
| Diese Systematik orientiert sich an den
Objekten, wobei die Anordnung in etwa der des
Aristoteles entspricht und als absteigend und
anthropozentrisch bewertet werden kann. Am Ende der
Darstellung über den Menschen sagt Plinius d. Ä.: „Und nun gehen wir zu den anderen Tieren über“.
Weiters erfolgt eine Zusammenfassung nach
der Bedeutung und dem Nutzen für den Menschen unter
stark praktischer Orientierung (Weinbau folgt auf die
Weintrauben als Pflanzen, weiters Rausch und Mittel
gegen Rausch; Hunde, Erziehung von Hunden, Hunde im
Krieg, Tollwut, Mittel gegen die Tollwut, etc.). |
| Das bedeutendstes Prinzip im Bereich der
didaktischen Zielsetzungen ist aber das der septem artes liberales (im Gegensatz zu den artes illiberales, den mechanischen
und handwerklichen Künsten): |
| Die septem artes
liberales werden bei Martianus Capella in seinem Werk "Satura“ = „De
nuptiis Philologiae et Mercuriis"
(nicht wirklich datierbar, 3./4. Jh) von Apollo der
Braut Philologia als Dienerinnen des Merkur vorgestellt,
wobei jede dieser Dienerin ihren Zuständigkeitsbereich
darstellt, womit sich eine Art Encyclopädie ergibt, die
im Mittelalter lange als Lehrbuch gedient hat. Vor Martianus Capella gab es neun artes, da auch Architektur
und Medizin mitgezählt wurden. Bei Capella schlägt Apoll
vor, auch die Dienerinnen Medizin und die Architektur
anzuhören, doch wird das von den anderen Göttern
verworfen, weil diese Bereiche „ihre
Sorgen auf vergängliche Gegenstände und die
Erfindungsgabe auf das Irdische
richten"56. |
| Die Gliederung des Martianus Capella ist von Flavius
Magnus Aurelius Cassiodor (490-583) übernommen worden in seiner
Enzyklopädie „De institutione
divinarum et humanarum litterarum“, wo
wir auch die Gruppierung in Trivium und Quadrivium und
den Oberbegriff Mathematik antreffen. Cassiodor leitet übrigens den Begriff
liberalis nicht von
liber = frei, sondern
von liber = Buch ab.
|
| Im Mittelalter haben sich die Inhalte
dieser Disziplinen relativ weit von dem entfernt, was
man in der Antike und heute darunter versteht: |
| – |
Grammatik war
in der Unterrichtspraxis Latein, Lektüre einiger
weniger Autoren und Verfassen dürftiger Reime.
|
| – |
Rhetorik war
Abfassen von Briefen, Urkunden, Geschäftsstücken,
eventuell auch etwas Kanonisches Recht. |
| – |
Dialektik ist
bald formale Logik, um " alle
Spitzfindigkeiten der Ketzer zu sehen und imstande
zu sein, ihre gefährlichen Sophismen zu widerlegen
" (Hrabanus Maurus). |
|
| Eine bedeutende Zusammenfassung des Wissens
mit enormer Verbreitung durch Jahrhunderte sind die
Etymologiae des: Isidor von Sevilla, ihre Gliederung
ist relativ differenziert57, zumeist
aber ohne logische Begründung. Als Grobgliederung kann
man sehen: |
| Trivium 1-2 |
| Quadrivium 3 |
| Philosophie 4-16 |
| Medizin 4 |
| Jurisprudenz 5 |
| Theologie 6-8 |
| Physik 9-16 |
| Mechanische und Schöne Künste 17-20 |
| In diesem Werk treten somit bereits die
septem artes
liberales als tragende Struktur hervor.
Den septem artes kommt fundamentale
Bedeutung zu, indem sie als unangefochtener Kanon die
Kontinuität einer weltlich orientierten Ausbildung
sicherten, deren Struktur heute noch maßgeblich ist.
|
| Im Prinzip ist bei den Klassifikationen zu
unterscheiden zwischen solchen: |
| 1) |
mit
wissenschaftlicher, erkenntnistheoretischer
Zielsetzung |
| 2) |
mit
pädagogisch-didaktischen Zielsetzungen |
| 3) |
mit
anwendungsorientierten Zielsetzungen. |
|
| Die relativ „moderne“ Enzyklopädie De proprietatibus rerum (in
19 Büchern) des Minoriten Bartholomaeus Anglicus (fl. 1230), in der die
Naturwissenschaften vorherrschen und die ins
Französische, Englische und Spanische, also in die
damals wichtigsten Vernacularsprachen übersetzt wurde
und in der sehr viel aus arabischen Autoren übernommen
ist, weist erste Anzeichen einer empirischen
Betrachtungsweise auf und enthält eine für ihre Zeit
sehr gute Anatomie; interessant ist auch die neuartige
Gliederung, die bald von anderen Autoren übernommen
wird: |
| 1 |
Gott und körperlose
Geister
|
| 2 |
Mensch – Seele und
geistige Fähigkeiten |
|
Physische
Natur des Menschen |
|
im gesunden
Zustand |
|
im kranken
Zustand |
| 3 |
Welt – Himmelskörper und
-zeichen |
|
Zeit |
|
Materie und
Form |
|
Luft, ihre
Eigenschaften und Wesen, Vögel |
|
Wasser,
seine Eigenschaften und Wesen |
|
Land, mit
seinen Eigenschaften und Wesen, Festland, Länder,
Mineralien, Pflanzen, Tiere |
| 4 |
Technik und
Künste. |
|
| Die interessantesten, weil
fortschrittlichsten Systematiken schufen jedoch Brunetto Latini und Roger Bacon. |
| Brunetto Latini (1230-1294) gliederte sein "Buch
vom Schatz", dessen Inhalt er unter den Oberbegriff
„Philosophie“ stellt,: |
| 1 |
Theoretische
Philosophie – Theologie (Gott, Engel, Seele),
Göttliches und menschliches Gesetz und Geschichte;
Physik, Mathematik (Arithmetik, Musik, Geometrie,
Astronomie und Meteorologie |
| 2 |
Praktische
Philosophie = zweite
Wissenschaft der Philosophie (Ethik,
Ökonomik, Politik, Alle für das Leben des Menschen
notwendigen Künste und Handwerke „in der Arbeit“
und „in Worten“ [Grammatik, Dialektik, Rhetorik]
|
| 3 |
Logik = Dritte Wissenschaft der Philosophie
– Dialektik, Ephidik (Nachweis der
Wahrheit bzw. des Zutreffens von Aussagen),
Sophistik |
|
Zur
ausführlicheren Fassung s. folgendes Gliederung |
|
| Nicht minder interessant ist die eingehende
Systematik
Roger Bacons, die folgende
Hauptbereiche vorsieht |
| 1 |
Grammatik und
Logik |
| 2 |
Mathematik –
rein und angewandt |
| 3 |
Physik |
| 4 |
Metaphysik
und Moralphilosophie inkl. Rechtssprechung |
| 5 |
Theologie |
|
| Im Spätmittelalter und natürlich dann in
der Neuzeit entwickeln sich zunehmend differenziertere
Bibliotheks- und Wissenschaftssystematiken, die sich
jedoch stets an die Struktur der septem artes anlehnen. |
| Natürlich haben auch im muslimischen
Bereich Systematisierungen herausgebildet, wobei die
sich mit der eigenen (als direkt von Allah stammend
angenommenen) Sprache und mit der Religiongslehre
einschließlich der zugehörigen Rechtsvorstellungen und
der Historie sich befassenden Bereiche als genuin
muslimisch eingestuft wurden, während die aus der
griechischen Geisteswelt rührenden Bereiche der Logik
wie der Physik (d.h. der naturwissenschaftlichen
Aspekte) eher als (in ihrem Verhältnis zu den religiös
bestimmten Bereichen) kritisch zu betrachtende
Erkenntnisbereiche eingestuft worden sind. |
| Eine gute Übersicht über die
Systematisierungsbemühungen bis in das 13. Jh gibt Kedrow58, wobei die dort
widergegebene Systematik Avicennas nicht unwidersprochen
geblieben bzw. im muslimischen Raum letztlich nicht
akzeptiert worden ist, wie natürlich überhaupt
hinsichtlich der theoretischen Positionen und der
Umsetzung zu unterscheiden ist, die dem steten
Wechselspiel der Meinungen und Aspekte folgt. |
|
|
|
|
| Ausschlag- und beispielgebend waren die
Philosophenschulen im klassischen Athen; auf sie folgten
die großen Bibliotheken in Alexandreia und in Pergamon,
die ja zugleich Forschungs- und (unausgesprochenermaßen)
auch Ausbildungsstätten, gewissermaßen Akademien waren –
sie „gehörten“ entweder führenden geistigen
Persönlichkeiten, die auch lehrten, oder wurden als
Zentren einer gewollten Akkumulierung von
Wissenschaftlern von Herrschern finanziert. |
|
|
| In Griechenland entstanden im 5. Jh
Philosophenschulen, indem wandernde Sophisten in
Städten, oft in Häusern besonders angesehener Bürger,
aber auch auf öffentlichen Plätzen lehrten, des öfteren
dann auch länger an einem Ort blieben und dabei Schüler
um sich scharten, die die Lehrmeinung
weiterverbreiteten. Der Schulbegriff ist im Bereich der
Philosophie bereits sehr früh in der Antike angewendet
worden: Diogenes Laertios schreibt in seiner
Philosophiegeschichte „Leben und Meinungen berühmter
Philosophen“ um 275 vChr bereits, die Philosophie
habe ihren Ausgang von zwei Schulen genommen, nämlich
von der ionischen des Thales von Milet und von der
italischen des Pythagoras. Unter Schule verstand er
dabei eine Gemeinschaft, die sich an feste Lehrsätze
hält oder zumindest eine bestimmte Auffassung von der
Welt der Erscheinungen hat59. |
| Manche Schulen haben sogar
Sektencharakter60
angenommen, wie jene des Pythagoras, und erwiesen sich als
langlebig, andere wieder waren nur lokale kurzlebige
Erscheinungen. Oft zeichneten die Schüler die Lehren
auf, der Lehrer geht den Text mit ihnen durch und
diskutiert ihn mitunter mit ehemaligen Schülern, sodaß
eine stete Veränderung und Verbesserung der Lehre
bewirkt wird. Die besten unter den Schülern traten oft
in den Familienverband des Lehrenden ein. Dieser Prozeß
mündete dann nicht selten in eine lokale Stailisierung
im Haus eines angesehenen Bürgers oder gar des
Philosophen selbst. |
| Der mitunter recht exaltiert gestaltete
sophistische Unterricht umfasste Astronomie, Geometrie,
Linguistik, Grammatik, Theologie und Literatur und
sorgte zweifellos für ein recht hohes Bildungsniveau,
das in öffentlichen Diskussionen vor großem Publikum
demonstriert wurde und nicht selten für erhebliche
Aufregung sorgte, wenn es um die Abgrenzung gegenüber
der Götterlehre ging, was ja noch Sokrates zum Verhängnis wurde – und
auch Aristoteles hat sich einem solchen
Schicksal prophylaktisch durch Flucht entzogen. |
|
|
| Parallel zu den Philosophenschulen
entstanden Medizinerschulen, die zumeist
„Familienbetriebe“ waren, indem die Lehre vom Vater auf
den Sohn überging. Auch hier wurde die Lehre
niedergeschrieben und in steter Fortführung ausgeweitet
und verbessert. So entstand beispielsweise auf der
ionischen Insel Kos, wo neben anderen Medizinern vor
allem Hippokrates von Kos lehrte, das Corpus Hippokraticum , in dem sich zu
einzelnen Fragen durchaus unterschiedliche Standpunkte
finden. |
| Die berühmtesten und wirkungsmächtigsten
Philosophenschulen neben der der Pythagoräer waren jene
in Athen: |
|
|
| Nach seiner Rückkehr von der ersten
Sizilienreise gründete Platon die nach ihm benannte
Akademie61, die
anfangs ein lockerer Verband „im Garten am Kolonos“ war.
Diogenes Laertios schreibt dazu,
Platon sei der Baumeister gewesen und habe die Aufgaben
gestellt, seine Anhänger aber (im Unterschied zu Pythagoras) nicht auf ein Dogma
verpflichtet. Lange hat man die Auffassung vertreten,
dass die Akademie Platons bis zu ihrer Aufhebung durch
Justinian I. im
Jahre 529 durchgehend bestanden habe. Dies ist heute
nach neueren Forschungen nicht mehr haltbar, die
ursprüngliche Akademie dürfte im 1. Jh vChr
erloschen sein. Man unterscheidet in Bezug auf die
Nachfolge zwischen der älteren, der mittleren und einer
neueren Akademie62. Die
Akademie Platons ist aber das Vorbild der Akademien des
Humanismus geworden und reicht so in ihrer prinzipiellen
Konzeption herauf in unsere Zeit. |
|
|
| Die zweite große Schule in Athen begründete
Platons Schüler Aristoteles um 334 mit dem Lykeion63), dessen offizielle
Verfassung wie bei der Akademie die eines religiösen
Vereins zum Zwecke des Musenkults war. Das Schwergewicht
dieser Philosophenschule lag im Gegensatz zur Akademie
in der naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre. Das
Lykeion war das Wissenschaftszentrum seiner Zeit, muß
über beträchtliche Hilfsmittel verfügt haben und war
zweifellos hervorragend organisiert, denn Aristoteles kann unmöglich alle
Untersuchungen allein durchgeführt haben. Trotz der
unausbleiblichen Entfremdung hat Aristoteles vermutlich materielle
Förderung durch Alexander den Großen erhalten (auch wenn es
dafür keine konkreten Belege gibt), der sich der
Bedeutung seines Lehrers bewusst gewesen sein soll; so
verfügte Aristoteles über eine bedeutende, für
die damalige Zeit ungewöhnliche Bibliothek64. Ihm folgte eine Reihe
von Scholarchen, und wir wissen aus den Testamenten
dieser Männer recht gut Bescheid über den Zustand der
Institution. |
| Diese beiden führenden Philosophenschulen
von Athen haben einen berühmten Niederschlag gefunden in
Raffaels Gemälde „Die Schule von Athen“. |
|
|
| Zenon aus Kition (auf Zypern) gründet
um 300 in der Stoa poikile65 an der
Nordwestseite der Agora in Athen eine dritte
Philosophenschule, die der „alten Stoa“. |
|
|
| Die vierte wichtige Schule war die des
Epikur66., der an
der Akademie gehört hatte; sie entstand um 307/305 in
einem Haus in einem Garten etwas außerhalb der Stadt. Zu
seiner Schule, die eine enge Gemeinschaft bildete,
zählten auch Frauen. |
| Eine räumliche Vorstellung von der Lage
dieser Schulen gibt diese Skizze. |
|
|
| Einen zwar an die Philosophenschulen
angelehnten, letztlich aber neuen Typus stellte das
Museion in Alexandreia dar, das ja nicht nur Bibliothek
war, sondern als Schule einen Peripatos besaß, eine
Exedra (Hörsaal) und einen großen Speisesaal für alle
Mitglieder. Neben dem Museion als „Schule“ bestanden in
Alexandreia auch andere Schulen, insbesondere im Bereich
der Medizin, an denen Ausbildung gegen Bezahlung
erfolgte, aber auch im Bereich der Technik, dessen
Schule zu Anfang des 6. Jhs nach Konstantinopel
verlegt worden ist und führend am Wiederaufbau der
(durch Brand zerstörten) Hagia Sophia beteiligt war. |
| Bei all ihrer Wirksamkeit sind diese
Schulen nicht als Vorstufe der Universität oder der
modernen Akademien zu sehen. Es handelt sich um Schulen
in dem Sinne, dass „eine von einem
Meister oder einer Gruppe von Meistern
ausgegangene Richtung in Wissenschaft oder
Kunst“ gemeint ist, keineswegs eine
Institution, die irgendwelche Abschlüsse verlieh o.ä.
Bemerkenswert ist aber zweifellos, dass an diese Schulen
länger dauernde, konsequent verfolgte
Diskussionsprozesse letztlich wissenschaftlicher Natur
stattfanden; und dies verfehlte seine Wirkung nicht.
|
| Die Tradition der Philosophenschulen
reichte natürlich zeitlich wie räumlich über das
klassische Athen hinaus bis weit in die römische
Kaiserzeit. Nachdem man anfangs die griechischen
Philosophen in Rom zurückgewiesen, ja sogar die
Philosophen-Gesandten Athens im Jahre 155 vChr
ausgewiesen hatte, veränderte sich die Einschätzung sehr
bald, und führende Politiker nahmen sich griechische
Philosophen aus den großen Schulen zu Ratgebern.
Philosophenschulen entstanden im römischen Bereich aber
nur in den ehemals griechischen unteritalischen Städten.
Athen blieb nach wie vor das Zentrum, und Marc Aurel richtete
dort 176 eine Reihe von Lehrstühlen für alle
Wissenschaftsbereiche und alle philosophische
Lehrrichtungen ein, die großzügig besoldet auf
Lebenszeit vergeben wurden. Viele junge Leute, die es
sich leisten konnten, besuchten mehrere Schulen
hintereinander, um sich so einen Überblick zu
verschaffen, und sie wiesen damit einen allfälligen
Anspruch von Schulen, jeweil die „richtige“ Lehre zu
vertreten, zurück. Im Neuplatonismus des 3. Jhs
wurde diese Tradition durch Plotin fortgesetzt. Immer noch war
Athen das Zentrum der Philosophenschulen, auch wenn auch
anderswo im östlichen Mittelmeerraum ähnliche Schulen
gegeben hat. |
| Erst das Christentum in seiner
sektiererischesten Zeit setzte den Schulen in Athen bzw.
im oströmischen Reich ein Ende, als Justinian I. 529
ein Verbot erließ, Philosophie (als eine pagane, als
eine weltlich Disziplin) zu unterrichten. Ein Teil der
Lehrenden ist offenbar an den Hof des König Chosroes I. in
Jundischapur (östlich von Bagdad im Iran) gegangen,
kehrten aber später zurück, weil es ihnen dort zu
fremdartig war. In Alexandria hatte sich die Lage schon
im 4. Jh wesentlich verschlechtert, was u.a. 415
zum Tod der Hypatia geführt hatte. Doch übernahmen
christliche Lehrer die Schulen, deren Häupter sich nun
aber nicht mehr Philosophen, sondern Grammatiker (grammatikos) nannten. Im 6.
und 7. Jh erlöschen – überhaupt im abendländischen
und im byzantinischen Bereich – die paganen Schulen, und
das Schulwesen gerät für mehr als ein Jahrtausend unter
der Oberaufsicht der Kirche, die über die einzigen
organisatorischen Grundlagen dafür verfügt. |
|
|
| Im oströmischen Reich entstanden
eigenständig Schulen, die eine Fortführung der antiken
Ausbildungstradition darstellten und keine
Binnengliederung aufwiesen. Sie waren privater Natur und
standen unter der Leitung eines Gelehrten; theologischen
Unterricht gab es nicht. Sie folgten dem Kanon der septem artes. Diese Schulen blieben
allerdings in in ihrer höheren Ausformung auf die Stadt
Byzanz beschränkt. |
| Einen Versuch der Installierung einer
staatlichen Bildungseinrichtung gab es nur, als Kaiser
Theodosios 425 eine staatliche
Aufsicht über die Magistri und die Zusammenfassung des
Unterrichts in einer Institution am Rande der Stadt
anordnete. Diese staatliche Bildungskontrolle sah 31
Lehrstühle (darunter neben den lateinischen und
griechischen Grammatikern auch zwei Juristen und ein
Philosoph) vor, die allerdings nie alle besetzt wurden;
unter Justinian
bestand die Schule noch, um 600 wurde sie unter Kaiser
Phokas stark
eingeschränkt, möglicherweise auch aufgehoben. 610
belebte Kaiser Heraklaios das Projekt der Bildungsaufsicht
durch die Einsetzung eines oikumenikos didaskalos als
Organisator und Koordinator der höheren Schulen wieder.
Über die folgende Zeit fehlen genaue Informationen; im
Bilderstreit wird Kaiser Leo III. vorgeworfen, er habe die
„Hochschule“ und ihre Bibliothek 726 wegen der Haltung
der Lehrer anzünden lassen, was immerhin ein Beleg für
ihre Existenz zu dieser Zeit ist. Wahrscheinlich ging
die Schule irgendwann im 8. Jh ein. |
| 842/3 folgte ihr die sogenannte
„Bardas-Universität“ des Staatskanzlers Leon Bardas, der einer einflussreichen
Familie entstammte und zeitweise die Regierungsgeschäfte
führte. Der Anlass der Gründung dieser Schule war die
Entdeckung des Mathematikers Leon (Leon d. Mathematiker) durch den
Politiker. Ein Schüler Leons war in arabische
Gefangenschaft geraten und hatte den Kalifen mit seinen
mathematischen Fähigkeiten beeindruckt, worauf dieser
den byzantinischen Kaiser um die Entsendung Leon d. Mathematikers nach Bagdad bat.
Stattdessen gründete Leon Bardas eine private Hochschule
mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt für
40-50 Schüler und bestellte Leon d. Mathematiker zum Leiter. Die
in der Forschung behauptete Lehrtätigkeit des ebenfalls
zu dieser Zeit lebenden Patriarchen Photios an der Bardas-Schule ist
nicht zu belegen, tatsächlich betrieb Photios wohl
seinerseits eine Privatschule und wirkte als
Privatlehrer der kaiserlichen Kinder. Die Geschichte der
Bardas-Schule endete mit dem Tod des Leon Bardas. |
| Im 10. Jahrhundert überlieferte ein
Hofgeschichtsschreiber die Gründung einer „Universität“
am Magnaura-Palast durch den Kaiser Konstantin III.
(† 958). Angeblich wurden an ihr Philosophie,
Rhetorik und Geometrie gelehrt. Nicht nur diese seltsame
Mischung, sondern auch das Fehlen jeder weiteren Angabe
über Lehrpersonal und Gründungsdatum lassen die Existenz
dieser Schule zweifelhaft erscheinen. Die nächste
gesicherte Gründung geht auf das Jahr 1043 und den
kulturbeflissenen (wenn auch nicht sehr gebildeten)
Konstantin IX. zurück. Er schuf eine Rechts- und
eine Philosophieschule, die er durch den Juristen Johannes Xiphilinos bzw. den
Universalgelehrten Michael Konstantinos Psellos leiten ließ. Mit dem Tod oder
der Entmachtung der Leiter endeten auch die
Institutionen. |
| Im 12. Jahrhundert etablierten sich viele
kleinere Schulbetriebe in baulicher Verbindung zu
Kirchen und Klöstern in Konstantinopel. Allerdings waren
diese Schulen keine Kloster- oder Domschulen, auch die
sogenannte Patriarchalakademie wurde zwar vom
Patriarchen unterstützt, ging aber eher auf kaiserliche
Initiative zurück. |
|
|
| Im arabischen, muslimischen Raum
entwickelte sich Ausbildung, indem sich Studienwillige
um anerkannte Meister versammelten und offenbar in einer
Art „Familienverband“ – ähnlich den späteren
Magisterfamilien im Okzident – ihren Studien nachgingen.
Eine bedeutende Rolle spielten dabei zweifellos die
zahlreichen privaten und öffentlichen Bibliotheken in
den Städten. Eine Veränderung trat ein, als im
Zusammenhang mit der Eroberung Bagdads durch die
Seldschuken das System der Medresen eingeführt wurde,
die häufig mit Bibliotheken bestiftet und an Moscheen
eingerichtet wurden. Die Medresen – Medrese, Madrasa
bedeutet Schule, Lehrstätte – boten jedoch nur die
traditionell koranorientierte Ausbildung der
Schriftauslegung, d.h. Theologie, der Jurisprudenz im
Sinne des islamischen Rechtes abgeleitet aus Koran und
Sunna67 (fiqh)68. Indem
dieser Typus von Schule relativ rasch für den gesamten
muslimischen Raum typisch und bestimmend wurde und damit
die Ausbildung durchwegs theologisch bestimmt wurde,
konnte sich eine Entwicklung wie im lateinischen
Abendland, wo der aus der römischen Zeit durchgehend
tradierte weltliche Kanon der septem artes dominierte und die
Grundausbildung und mit der Artesfakultät auch die Basis
der universitären Lehre beherrschte, nicht vollziehen.
Die Muslime haben den artes-Kanon, der erst in der
spätrömischen Zeit voll entwickelt und direkt tradiert
worden ist, nicht rezipiert. |
| Für die wissenschaftliche Entwicklung
erwiesen sich allerdings das bereits erwähnte und
weiterhin bestehende Modell der
Lehrer-und-Schüler-Gemeinschaft, die von Herrschern
finanzierten Zentren – vor allem im Bereich der
Astronomie und der sie flankierenden Bereiche wie
Mathematik und Optik, wie sie in Maragha und in
Sarmakand bestanden69 – und im
medizinischen Bereich die Existenz bedeutender Spitäler,
die den Charakter von Lehr-Kliniken hatten, von großer
Bedeutung. |
| „Erziehung (arab.
tarbîya) bzw. die Bildung der Muslime wird sowohl
vom Koran als auch von der Prophetentradition
(Hadîth) ausdrücklich gefordert. Inhalte islam.
Erziehung sind u. a. der Koran, der in frühem
Lebensalter auswendig gelernt wird, die
überlieferten Aussprüche und Taten des Propheten
(Sunna), Recht, Theologie sowie die arab. Sprache,
in der alle Grundtexte des Islams abgefaßt
sind.“70 |
| In der Blütezeit des 9. Jhs und danach
scheint es bereits ein allgemeines Schulwesen gegeben zu
haben. Erziehung und Ausbildung waren allerdings im
Islam stets eng mit religiöser Erziehung gekoppelt. Dem
entsprechend waren und sind heute noch Schulen vielfach
als elementare Koranschulen oder auch als Lehranstalt
für Studierende der islamischen Wissenschaften
(Theologie, Recht und Philologie) an eine Moschee
angeschlossen (sie führen die Bezeichnung Medrese) bzw.
in enger Verbindung mit geistlichen Institutionen. Die
Wohnzellen der Lehrer und Studierenden sind um einen
rechteckigen offenen Hof zweigeschossig angelegt. Die
ältesten Medresen entstanden in Amol, Nishapur und
Bagdad. |
| Wie im Kapitel Universitäten auszuführen
sein wird, wurde verschiedentlich die Auffassung
geäußert, dass die Universitäten zuerst im muslimischen
Bereich entstanden sein. Dies wird heute nicht mehr
vertreten, wohl aber kann eine solche Priorität für
Colleges behauptet werden, indem eben im Umfeld der
Moscheen derartige Zentren entstanden. Vor allem in
Kairo, wo während der Herrschaft der Fatimiden 971 an
der al-Azhar-Moschee eine
Bildungsinstitution gegründet wurde, für die heute ab
988 der Status einer Universität beansprucht wird und
von der sich die seit dem Untergang der ersten
derartigen Institutionen in Bagdad (Medrese Mustansirs in Bagdad 1234) im
Mongolensturm im islamischen Raum Führungsanspruch
erhebende al-Azhar-Universität ableitet; diese
Institution war, wie im Islam üblich eine Anstalt für
theologische, arabisch-philologische und
rechtswissenschaftliche Studien zum besseren Verständnis
des Korans. Gründer war ein jüdischer, zum Islam
konvertierter Großwesir; die Anstalt, die unter der
Leitung eines Scheichs steht, wurde ab 1961 reformiert
und es wurden technische, pädagogische und medizinische
Fakultäten eingerichtet und dann auch Frauen zugelassen;
die Universität ist allerdings nur Muslimen zugänglich
(2004 gab es 375.000 Studierende). Eine weitere
bedeutende frühe Institution war die ab 862 an der
Freitagsmoscheee Karaouyine in Fes (Marokko), die heute
noch das wichtigste Bauwerk der Stadt ist, eingerichtete
Medrese, die heute noch als Universität mit zwei
Fakultäten besteht; hier hat Ibn Khaldun gelehrt. |
| Es darf nicht übersehen werden, dass der
Horizont des islamischen Raums um 1300 einen gewaltigen
geographischen Raum umfasste. Im
Unterschied zu den abendländischen Universitäten sind
die analogen Institutionen im muslimischen Raum unter
geistlicher Führung und Zielsetzung geblieben. |
| „Das traditionelle
islamische Erziehungswesen lag bis zum 19. Jh
nahezu ausschließlich in den Händen islamischer
Gelehrter. Koranschulen bildeten die Grundlage
religiös-islamischer Allgemeinbildung der Kinder,
während höhere Bildung an Medresen oder
Moschee-Universitäten wie der Azhar in Kairo, der
Zaitûna in Tunis oder der Qarawîyîn in Fes
vermittelt wurde. Unter dem Eindruck europäischer
Fremdherrschaft und Überlegenheit kritisierten die
Vertreter der Salafîya-Bewegung die Erstarrung der
islamischen Lehre und sahen in einer Reform des
Bildungswesens den Schlüssel zum Wiedererstarken
muslimischer Gesellschaften. Sie unterhielten
unabhängige Reformschulen, die islam.
Bildungsideale mit modernen Unterrichtsmethoden
und -inhalten zu verbinden wußten. Nach
Wiedererlangung staatlicher Unabhängigkeit rückten
traditionelle Erziehungskonzepte in den
Hintergrund. Aufgrund enormer Anstrengungen im
Bildungswesen, welche die staatliche Entwicklung
fördern sollten, verfügen heute alle muslimischen
Staaten über ein Bildungswesen, das sich stark an
westlichen Vorbildern orientiert. Islamischer
Religionsunterricht ist in allen muslimischen
Staaten an staatlichen Schulen ein Pflichtfach.
Traditionelle Institutionen bestehen zwar weiter,
sind aber nicht mehr die Basis des allgemeinen
Schulsystems. Nicht nur Absolventen reformierter
islamischer Universitäten finden schwer eine
angemessene Beschäftigung, auch Studienabgängern
moderner Universitäten bietet der nationale
Arbeitsmarkt nur geringe berufliche Perspektiven.
Islamisten (Fundamentalisten) kritisieren die
direkte Kontrolle des Staates hinsichtlich der
vermittelten Lehrinhalte und bemühen sich, ein
ihren Idealen entsprechendes Bildungswesen zu
etablieren. Unter dem Eindruck dieser Kritik wird
in den meisten muslimischen Staaten gegenwärtig
islamischen Erziehungsidealen wieder ein breiterer
Raum im Erziehungswesen
eingeräumt“.71
|
|
|
| Neben den paganen Schulen entstanden im
christlichen Bereich ab etwa 500 – alter Tradition
zufolge auf Cassiodor und auf Benedikt von Nursia zurückgeführt – an
den sich entwickelnden Klöstern Schulen, die
ursprünglich nur der Unterrichtung der Klosterinsassen
(den pueri oblati)
dienten. Als Ausbildungsgrundlage dienten die septem artes, auf die dann das
Bibelstudium folgte. Eine Ausweitung erfolgte im
fränkischen Reich unter Karl dem Großen bzw. durch Benedikt von Aniane. Damals begann man
zwischen scholae
exteriores, die auch für solche
zugänglich waren, die Laien bleiben wollten, und den
scholae interiores
für künftige Mönche zu unterscheiden. Die ältesten
deutschen Klosterschulen, die ihren Höhepunkt in
ottonischer und salischer Zeit erreichten, waren Reichenau, St. Gallen, Fulda, Kremsmünster, Melk, St.
Florian, Corvey, Hirsau, Prüm und Hersfeld. Die Öffnung
nach außen wurde allerdings in Zusammenhang mit den
Klosterreformen im 11. Jh wieder zurückgenommen,
sodaß die Wirksamkeit der Klosterschulen abnahm. Daran
änderte nichts, dass die neuen Orden – Dominikaner,
Franziskaner u.a. –die von den Benediktinern entwickelte
Tradition fortgeführt und ausgebaut haben, sodaß
bedeutende „Hausstudien“ entstanden, die hinsichtlich
der Lehrinhalte auch höhere Ausbildungsebenen aufbauten,
denn sie waren wieder nur Ordensmitgliedern zugänglich.
|
| In der karolingischen Zeit entstanden auf
Weisung Karls dG im Jahre 789 neben den
Klosterschulen Ausbildungsanstalten an Bischofssitzen:
die Dom- oder Kathedralschulen, deren Organisation auf
der Synode von Aachen 802 verpflichtend vorgeschrieben
wurde; sie waren generell auch für Laien zugänglich und
wurden bald zu bedeutenden Zentren, die die
Klosterschulen ablösten. Die Entwicklung der
Universitäten steht mitunter in Zusammenhang mit der
Existenz von derartigen Kathedralschulen. |
| Aus dem Umstand, dass die Kathedralschulen
dem Bischof unterstanden und kirchliche Institutionen
waren, resultierte, dass ursprünglich potestas docendi, aus der dann im
weiteren die licentia
oder venia docendi an den
Universitäten hervorgeht, vom Bischof verliehen wurde
und nicht wenige Äußerlichkeiten der Universität dem
kirchlichen Bereich entlehnt sind. |
| Von kaum zu überschätzender Bedeutung ist
der Umstand, dass sowohl an den Kloster- als auch an den
Kathedralschulen der Kanon der septem artes den Grundstock der
Ausbildung darstellte, auf dem das gesamte
abendländische Bildungswesen aufbaut. |
| Ab dem 8. Jh entstehen neben den
Klosterschulen auch Domschulen – sie können in gewisser
Hinsicht als Vorläufer der Universitäten betrachtet
werden. |
|
|
| „Der Lehrer muß alles,
was er sagt, vor den Zuhörern entstehen lassen; er
muß nicht erzählen, was er weiß, sondern sein
eigenes Erkennen, die Tat selbst, reproduzieren,
damit sie nicht etwa nur Kenntnisse sammeln,
sondern die Tätigkeit der Vernunft im
Hervorbringen der Erkenntnis unmittelbar anschauen
und anschauend nachbilden.“ |
| Schleiermacher, Gelegentliche Gedanken über
Universitäten im deutschen Sinn. Nebst einem Anhang über
eine neu zu errichtendee, Berlin 1808, 63 (nach Rüegg 3/
Rüegg 33) |
| Im Unterschied zu den Akademien und zu den
Lyzeen haben die Universitäten keinen namensgebenden
Vorläufer im Altertum. Sie sind als die ersten
Forschungs- und Lehreinrichtungen zu betrachten, die
akademische Grade verliehen, die sich allgemein
durchsetzten und bis heute fortgeführt werden – die
Titel Bakkalaureus, Magister und Doktor sind aus der
Frühzeit der Universitäten überliefert. |
| Die Ausführungen über die Universitäten
bauen wesentlich auf der von der Europäischen
Rektorenkonferenz getragenen und im Erscheinen
begriffenen vierbändigen Geschichte der Universität in
Europa auf, deren Zustandekommen ein enormes Verdienst
ihres Herausgebers Walter Rüegg ist72.
|
|
|
|
|
| Über die Anfänge der Universitäten weiß man
eigentlich im Grunde genommen nahezu nichts. Ein
„Gründungsdatum“ von Bologna ist ebenso unbekannt wie
für Paris oder Oxford – das Jahr 1088 als
Gründungsdatums Bolognas wurde erst 1886/87 von einem
dazu berufenen Komitee willkürlich festgestellt, um ein
Jubiläum feiern zu können – es gibt kein Ereignis des
Jahres 1088 in der Geschichte Bolognas. |
| Eine andere Frage ist, was man als
konstituierendes Element einer Universität bezeichnet –
auch diesbezüglich können ganz unterschiedliche
Vorstellungen entwickelt werden. |
| Es gibt nicht wenige Spezialisten, die dazu
neigen, die „Erfindung“ der Universitäten überhaupt den
„Arabern“ zuzuschreiben73, was
allerdings nicht haltbar ist, wohl aber für die Colleges
gelten mag, ohne dass deshalb eine bewusste, direkte
Übernahme stattgefunden habe. |
| Man kann hinsichtlich des Entstehens der
Universitäten um die Mitte des 12. Jhs (das ist
unbestritten) drei Theorien ausmachen: |
| – |
eine
Traditionstheorie, die die Ansicht vertritt, die
Universitäten hätten sich aus den im
arabisch-orientalischen Raum, in Byzanz und im
christlichen Abendland zuvor herangebildeten
Institutionen entwickelt, |
| – |
eine
„Intellekt-Theorie“, die die Intensivierung
wissenschaftlichen Interesses für den auslösenden
Faktor hält, und |
| – |
eine
„Sozialtheorie“, die in der neuen Form des
Zusammelebens und gemeinsamen Arbeitens das
auslösende Element sieht. |
|
| Vermutlich haben alle diese Elemente
zusammengespielt und man geht heute keiner dieser
Theorien im speziellen nach – Walter Rüegg formuliert
diesbezüglich: „Dies sind allerdings
nur Annahmen, еine schlüssige Begründung,
warum in London gar keine, in Rom 1303, Köln 1388
und Mainz 1476 später als in Bologna, Oxford,
Montpellier, Salamanca Universitäten entstanden,
kann – wenn überhaupt – erst die Aufarbeitung
weiterer Quellen erbringen"74. |
| Universitäten entstanden offensichtlich in
sehr komplexen und hochspezifischen Situationen –
Angebot und Nachfrage von Wissen, Gegebensein spezieller
sozialer Gefüge und Zwänge. Von Anbeginn an formen die
Universität, „ohne es eigentlich zu
wollen“, den neuen akademischen Stand
und verändern das gesamte Gefüge der Gesellschaft,
machen es reicher und komplizierter"75. Ausschlaggebend für die
Gründung als solche ist oft der ungesicherte Status der
zu Lehre und Lernen vereinten Magister und Scholaren
innerhalb größerer sozialer und rechtlicher Gefüge,
nicht unbedingt das wissenschaftliche Streben – die
äußeren Umstände erfordern die Definierung äußerer
Formen, d.h. die Definierung einer bestimmten universitas zum Zwecke der
Realisierung des eigentlich interessierenden Zwecks;
dabei haben sicherlich auch Anlehnungen an die
existierenden genossenschaftlichen und zunftmäßigen
Organisationen eine Rolle gespielt. Der Begriff „universitas“ ist
ursprünglich leer, wird aber relativ rasch mit der
Bedeutung gelegt, die man auch mit „studium generale“ und auch mit
„academia“ umschrieb,
was einen überterriteritorialen, überregionalen
Charakter beansprucht. |
| Die ersten Universitäten können als solche
„ex consuetudine“,
also kraft Gewohnheitsrecht existierend, die weiteren
als „ex privilegiis“
existierend bezeichnet werden, also als bewusst
gegründete und privilegierte Institutionen. (Gründungsliste der Universitäten)
|
| Diffus war der Übergang zwischen Schulen
und Universitäten. Es gibt Schulen, die in ihrer
Kompetenz die Artesfakultäten übertreffen und höchst
angesehen sind, deren Besuch sich also für die jungen
Leute eher lohnen mochte als der einer Universität
(Humanistenschule in Schlettstadt im Elsaß, Erfurt in
Thüringen, Kathedral- und Stiftsschulen in Exeter und
Winchester, Reims und Soissons, Deventer in den
Niederlanden (Brüder vom gemeinsamen Leben), ähnlich in
Spanien und in Italien. Echte Alternativen waren für
manche Bereiche außerdem die Generalstudien der Orden.
|
| Ein konstituierender Vorteil der
Universitäten lag in der Erteilung akademischer Grade
und der licentia docendi,
der Lehrbefugnis. |
| Im 13. Jh kam es nach der
Konsolidierung der ersten Universitäten zu einer rapiden
Zunahme von willentlichen Universitätsgründungen: Padua
1222, Neapel 1224, Rechtsschulen in Orleans und Angers,
Cambridge 1209, Salamanca, Valladolid, Siena, Oxford,
Merton College76. Bezüglich
der beiden englischen Universitäten ist zu bemerken,
dass sie sehr rasch in Colleges zerfielen, die de facto
mehr Bedeutung erlangen als das Ganze, obgleich die
akademischen Grade nicht vom College, sondern stets von
der Gesamtuniversität vergeben werden77. |
|
|
| Die frühen Universitäten sind wesentlich
Personenverbände, die in einer bestimmten Stadt dem
Studium oblagen. Der Personenverband wird als solcher
näher definiert: universitas
scholarium, universitas
magistrorum et scholarium oder nur universitas magistrorum. Im Wesentlichen sind
zwei Haupttypen zu unterscheiden: |
| 1 |
Die
Magister-Universitäten, wie sie typisch in Paris
und Oxford:sich entwickelten und an denen nur
Magister Vollmitglieder waren, die die autonomen
Rechte des Personenverbandes genossen; es handelt
sich im Idealfall um Universitäten mit vier
Fakultäten78 und es
bestehen Studenten-Nationen, die sich über alle
Fakultäten hin erstrecken. – Die meisten
kontinentaleuorpäischen Universitäten im Norden
folgten dem Pariser Modell – so auch Wien. An
nicht wenigen deutschen Universitäten wurde ein
studentischer Rektor gewählt, der eher
zeremoniellen Charakters war, häufig ein junger
hoher Adeliger oder ein Prinz; während die
eigentlichen Amtsgeschäfte durch einen Vizerektor
geführt wurden, der oft auf Lebenszeit amtierte.
Daraus resultierte später auch, daß der regierende
Landesherr eo ipso Rektor seiner Landesuniversität
war und diese de facto von einem Vizerektor
geführt wurde (z.B. Heidelberg). |
| 2 |
Die
Studenten-Universitäten, wie sie sich in Italien
(Bologna, Padua etc.) ausformten, an denen nur die
Studierenden die Universität bildeten, die die
Professoren besoldeten und anstellten (freilich
bildeten sich hier bald Dokorenkollegien der
Professoren). Als Überbegriff wird häufig der des
studium generale verwendet, das aus
eine Fülle von universitates (für die einzelnen
Fachgebiete) besteht (universitas legistarum, universitas artistarum et
medicorum); dabei meint universitas die
studentische Gemeinschaft, die ihrerseits zugleich
in eine universitas
citramontanorum (=Italiener) und eine
universitas
ultramontanorum (= Nichtitaliener)
gegliedert erscheint79. |
|
| Einen Mischtypus gab es in Südfrankreich,
wo die Studierenden sich gewisse Ämter sicherten
(Rektor, Rat etc.). Auch gab es die Möglichkeit, daß
sich eine Fakultät im heutigen Sinne als eigene
Universität begriff und gewissermaßen separierte (so
1372-1415 die Rechtsfakultät in Prag). |
| Manche Universitäten zerfielen
studierendenbezogen in Nationen (bis zu 20, meist
geographisch und nicht ethnisch bestimmt), andere wieder
fachbezogen in Fakultäten (wobei es z.B. in Toulouse
eine Grammatik-Fakultät neben der der Artes gab!).
Andere Universitäten waren überhaupt auf nur ein Fach
ausgerichtet und bedurften deshalb keiner
Fakultätsgliederung: Bologna (nur Juristen), Padua,
Montpellier (nur Medizin). |
|
|
| Die von den Päpsten privilegierten studia generalia erteilen
die licentia ubique
docendi, die Befugnis, an jedem Studium
generale lehren zu dürfen (nicht nur an jenem, an dem
man sie erworben hatte). Ihre Bedeutung ist zuerst von
Papst Alexander III erfaßt worden, der in
Frankreich die florierenden Kathedralschulen erlebt,
aber auch gesehen hatte, daß die licentia docendi dort nur gegen die
Entrichtung einer Gebühr verliehen wurde. Als Papst
erließ er in einem Dekretale, daß die licentia an alle Geeigneten
kostenlos und ohne Auflage zu erteilen sei, da das
Wissen nicht Gegenstand von Schacher sein könne. 1173
und 1179 auf dem III. Laterankonzil neuerlich hat
er dies festgelegt: es bedürfe lediglich der Zustimmung
der maior et sanior pars
des Kollegiums; damit bewahrte er die licentia davor, bewahrt sie
damit davor, zur Pfründe zu verkommen. Weiters verfügte
er, dass die Lehrenden durch Benefizien für ihre Mühe
entschädigt werden sollten, womit ein wesentliches
Finanzierungsmodell geschaffen wurde, das zugleich der
Kirche enormen Einfluss sicherte. Durch diese Maßnahmen
und durch seine Unterstützung des Zugangs fähiger (und
nicht nur reicher) Studenten zu den Studien, indem er
auf Leistung setzte, hat Papst Alexander III.
wesentlich die Grundlage der Studien in Paris und damit
allgemein im Mittelalter gelegt. Die Kostenlosigkeit der
Lehre bleibt bis in die Neuzeit hinein wesentliches
Element des kirchlichen Unterrichts (z.B. an den
Jesuitenuniversitäten). |
| Die licentia ubique
docendi, auch als venia docendi bezeichnet, erweist
sich als ganz wesentliches Element, indem sie der
Universität eine universale, die gesamte universitas scholarum
umfassende Aufgabe und Verpflichtung zuweist. Diese
Bedeutung hat auch nicht zu mindern vermocht, dass die
Regelung immer wieder durchbrochen wurde, um die
Bedeutung der eigenen Institution zu heben und
abzusichern bzw. wenn später Stifter sie nicht
gewährten, um Lehrende an die eigene Universität zu
binden. |
| Mit der licentia sind die ursprünglich
gleichwertigen Titel magister,
licentiatus, doctor, professor
verknüpft, die – schon vor der Existenz der
Universitäten – nichts anderes ausdrückten, als daß ihr
Träger die vollkommene Meisterschaft in einem bestimmten
Wissensgebiet erlangt habe80. Erst
später – im 15. Jh – kommt es zur Differenzierung
dahingehend, daß das Magisterium auf die Artesfakultät
beschränkt und das Doktorat den höheren Fakultäten
vorbehalten blieb, womit man zuerst das Magisterium
erlangen mußte, ehe man das Doktorat erwerben konnte.
Der Begriff licentiatus
hingegen ist abgesunken unter das Magisterium, konnte
aber ebenso wie das Bakkalaureat81 an
allen Fakultäten erworben werden. |
|
|
| Von Beginn an erfuhren die Universitäten
Privilegierungen, die gewissermaßen ihre Rechtmäßigkeit,
ihre Anerkennung sicherten. |
| Diese Privilegierungen erfolgten einerseits
durch den Papst, und zwar
letztlich auf der Grundlage der bischöflichen
Oberaufsicht über die Lehre im zuvor praktisch gänzlich
der Kirche eingegliederten Bildungswesen. Der Bischof
hat die potestas magisterii
inne, der Papst als Bischof von Rom und
Oberhaupt der Kirche nimmt diese Potestas in universaler
Hinsicht wahr; sie bleibt bezüglich der
(katholisch)-theologischen Fakultäten bei ihm bis zur
Gegenwart; hinsichtlich der weltlichen Fakultäten zieht
die weltliche Macht – Kaiser, dann Landesfürst – die
konstituierende Privilegierung an sich. |
| Andererseits erfolgen sehr früh
Privilegierungen durch den Kaiser. Grundlegend war das
Privileg „Authentica Habita“ Friedrichs I.,
konkret für Bologna 1155/115882,
aber nicht nur für diese Universität. Sehr bald folgten
1180 und 1186 Kolleggründungen für Studierende zur
Behebung der Wohnungsnot durch Ludwig VII. von
Frankreich (1131/37-1180) und seinen Nachfolger Philipp II. August (1180-1223). In
diesem Zusammenhang ist wesentlich, daß der Student
definitionsgemäß als ein (schutzloser) Fremder begriffen
wurde – in Bologna gehörten einheimische Studierende
nicht zur Universität, da sie ja ihre Rechte und
Freiheiten als Mitglieder der Kommune beanspruchen
konnten! |
| Bis in die Neuzeit strebten die
Universitäten die Bestätigung ihrer Errichtung durch den
jeweiligen Landesherrn (bzw. wurden schließlich von
diesem überhaupt errichtet) und – in den katholischen
Ländern – durch den Papst an, wenngleich die päpstliche
Bestätigung mehr und mehr an Bedeutung verlor. |
|
|
| Wesentliche Rolle des Papstes; die Päpste
waren interessiert an: |
| 1- |
Sicherung
einer rational einsichtigen Doktrin im Wirrwarr
der unterschiedlichen Lehren verschiedener
Richtungen und vor allem im Kapf gegen die
Häresie, |
| 2- |
Stärkung der
päpstlichen-Zentralgewalt gegenüber weltlichen
Machtansprüchen und regionalen feudalen Interessen
|
| 3- |
Rekrutierung
der für 1 und 2 erforderlichen Kader. |
|
| Die Kirche hatte schon im 12. Jh die
Bedeutung rationaler Verfahren, wissenschaftlicher
Bildung für die Lösung dogmatischer und rechtlicher
Probleme im Interesse einer kohärenten Kirchenpolitik
erkannt. Wissenschaftlich Ausgebildete waren Päpste
geworden, so zwei Schüler Abaelards83, und Alexander III.
(1159-1181) wird nicht erst heute als der erste
Juristenpapst angesehen, der eine neue Epoche der
Geschichte des Papsttums eingeleitet hat; ihm kommt, wie
bereits erwähnt, hinsichtlich der Universitäten enorme
Bedeutung zu. |
| Innozenz III. (1198-1216) setzte die
Politik Papst Alexanders III fort, weitet und festigt
Privilegien u.a. um die licentia.
Honorius III. führt dies fort,
als er sogar die vom Bischog von Paris über die
Universität verhängte Exkommunikation aufhebt und die
Angehörigen der Universität als seine „tamquam filios speciales" unter
persönlichen Schutz nimmt; außerdem gestattet er – was
außerordentlich wichtig ist –, daß im Zusammenhang mit
Studien die Einkünfte von Pfründen auch außerhalb des
eigentlichen Bestimmungsortes verwendet werden dürfen,
d.h. er hebt die stabilitas
loci auf, gestattet die Absenz vom
Pfründenort. Im 13. Jh setzt sich überhaupt der
Prozeß der Professionalisierung in der Kirche immer
intensiver fort. |
| Ganz besonders hat Papst
Gregor IX.
(1227-1241) die licentia ubique
docendi, das regere
ubique, gefördert, ganz speziell am
Fall der von ihm protegierten Universität Toulouse;
energischer Widerstand der Universität Paris zwingt ihn
allerdings später, anzuerkennen, daß die diesbezüglichen
Rechte von Paris unberührt bleiben sollten. |
| Als Friedrich II. seine Gründung
Neapel forciert und dort der geistlichen Macht jegliche
Beteiligung versagt, beginnt das Papsttum – Gregor IX., Innozenz IV.
(1243-1254) – sich um die Gründung neuer Universitäten
außerhalb des kaiserlichen Einflussbereiches zu bemühen.
In einer Reihe von Privilegierungen erhalten einzelne
Universitäten durch den Papst die Verleihung der libertas ubique docendi
privilegiert84
und 1303 wird durch Bonifaz VIII (1295-1303) in
Anagni der Beschluß zur Gründung eines Studium generale in Rom gefasst,
und trotz der Intensivierung der weltlichen Bemühungen
um die Universität und trotz des Niederganges der
Position der Kurie hält das päpstliche Interesse an den
Universitäten im 14. Jh weiterhin an: es werden
Titel als Studia
generalia verliehen und die Errichtung
bzw. der Ausbau Theologischer Fakultäten betrieben
(Padua, Toulouse, Florenz, Bologna), drei Fürsten wird
für ihre Universitäten zwar ein Studium generale und die Licentia ubique docendi
anerkannt, nicht aber eine Theologische Fakultät85. Urban V. bemühte
sich als strikter Anhänger des Thomismus den Ockhamismus
in Paris zu schwächen und die kirchliche Position bei
der Erteilung der akademischen Grade zu stärken. Das
Schisma von 1378 führt zur Spaltung des Lehrkörpers der
Universität Paris, zum Exodus eines Teiles der Lehrenden
z.T. nach Wien und zur Entwicklung des Konzilsgedankens
in Paris. Insgesamt hat das Papsttum im 12. und
13. Jh energisch die universitären Formen anerkannt
und mit dem Ziel der Reformierung gefördert und im
14. Jh eine zunehmend aktive Politik verfolgt.
|
| An französischen Studien wie Reims, Orange,
Montpellier, Orleans bestimmte der Bischof zur
Wahrnehmung seiner bischöflichen Gerichtsbarkeit ein
Mitglied des Kapitels zur Wahrnehmung diverser
universitärer Verpflichtungen in seiner Vertretung –
häufig wurde der Kanzler dazu bestimmt, weshalb die
französischen und englischen Universitäten auch als
„Kanzler-Universitäten“ bezeichnet werden und woher auch
der heutige Begriff „Universitätskanzler“ rührt. Der
Kanzler vergab im Namen des Bischofs die licentia docendi. An den
englischen Universitäten kam es hingegen um 1300 dazu,
daß die Professoren ihrerseits den Kanzler als Vertreter
des Bischofs wählten – er mußte lediglich Doktor der
Theologie sein und der Theologischen Fakultät angehören.
Damit wurde der Kanzler an den englischen Universitäten
ein intern eingesetzter Amtsträger, der auch seine
Befugnisse nicht an einen Rektor weitergab und damit
schließlich abtrat (wie im französischen Bereich),
sondern allenfalls an einen Vicechancellor, der gegen
1500 hin der eigentliche Leiter einer englischen
Universität wird. Das Gericht des Kanzlers bzw. des
Vicechancellors erstreckte sich im 14. Jh schon auf
alle Prozesse, an denen irgendein Kleriker beteiligt
war, dadurch beherrschte das als universitär angesehene
Gericht praktisch die Stadt Oxford. |
|
|
| Im 13. Jh bereits suchte auch der
Kaiser, das Phänomen Universität seinerseits zu nützen:
Friedrich II gründet 1224 eine
Universität in Neapel und sucht Bologna aufzulösen, um
Neapel zur führenden Rechtsuniversität zu machen. Neapel
erhielt alle Privilegien, aber alles auf rein weltlicher
Ebene, und wurde damit zur ersten echten
Staatsuniversität – der allgemeinen Entwicklung um
Jahrhunderte voraus. Die Universität Neapel ging
allerdings nach wenigen Jahren ein, Bologna arbeitete
weiter; eine unbeabsichtigte Folge der Bemühungen Friedrichs II. war aber, daß die
Kirche ihrerseits ihre Bemühungen um die Universitäten
intensivierte (s.o.). |
| Die englischen Könige haben im 13. Jh
die Universitäten Oxford und Cambridge tatkräftig durch
Privilegien unterstützt: hinsichtlich der akademische
Gerichtsbarkeit, aber auch der Aufsicht über den
Lebensmittelhandel in Oxford, die dem Kanzler der
Universität übertragen wird. Diese beiden Universitäten
haben es ihrerseits bis in das 19. Jh verstanden,
weitere konkurrierende Universitätsgründungen in England
zu verhindern. |
| Die Universitäten werden auch als
ökonomische Faktoren im Gefüge von Städten erkannt und
gefördert. Vor allem Handelsstädte erkannten ähnlich wie
das französische Königtum sehr früh den Bedarf an
Juristen, die Probleme zu lösen vermögen, die mit Hilfe
des Gewohnheitsrechtes nicht mehr behandelt werden
können – z.B. Bologna. In Basel kommt es 1432 zur
Gründung einer Konzilsuniversität.Vor allem in Italien
besoldeten vielfach die Städte die Professoren und
nahmen damit Einfluss auf die Studenten-Universitäten.
Ähnlich verhielt es sich in Kastilien und in Leon. |
| Im 14. Jh kommt es zu einer
Intensivierung der weltlich-staatlichen
Universitätspolitik. Philipp der Schöne greift in die
inneren Rechte der Universität Paris ein, wobei er
Vorstellungen realisiert, die seine Hofjuristen und die
Rechtsschule in Orleans entwickelt haben. Ähnliches
geschieht in Aragon und auch in italienischen Städten,
die sich im Wege der Kommunalverwaltung um die Berufung
berühmter Professoren zu kümmern beginnen. |
| Wirkliche Eigenständigkeit im weltlichen
Bereich begannt Karl IV zu entwickeln, der 1347 die
Universität Prag gründet und ab seiner Kaiserkrönung
1355 auch anderen Städten Studia generalia bewilligt:
Pavia, Florenz, Lucca und Orange, wobei seine
diesbezüglichen Diplome jenen der Päpste nachgebildet
sind. |
| Als es in England 1355 zu einem schweren
Massaker der Bürger von Oxford an Studenten kommt;
unterstellt der König (ähnlich wie viel früher schon
Honorius III.)die Universität seinem
Schutz, bestätigt und ergänzt ihre alten Rechte durch
eine neue Regia Carta vom
27. Juni 1355 und verurteilt die Stadt zu schweren
Bußen gegenüber der Universität. |
| In England und dann auch in Frankreich
steigt die Einsatzrate von Akademikern in der zentralen
königlichen Verwaltung rasch an. In Deutschland hingegen
bestand in der adeligen Führungsschicht kein
sonderliches Interesse; hier war das Auslesekriterium
Adel offensichtlich noch wichtiger als die sachliche
Autorität von Bewerbern für diverse Ämter. |
| Die de facto Entwicklung der Universitäten
hing natürlich stets von der Unterstützung durch die
lokalen weltlichen Machthaber ab. Blieb diese aus, so
vermochten die schönsten Privilegien nichts, wenn sich
niemand um sie kümmerte. |
|
|
| Im 14., mehr noch im 15. Jh beginnt
sich der Typus der Landesuniversität zu entwickeln. Die
einzelnen Landesherren (nicht nur, aber vor allem im
Reich) streben darnach, für die von ihnen beherrschten
Gebiete eigene, von Papst (und im Reich natürlich auch
vom Kaiser) privilegierte, im wesentlichen aber ihnen
direkt unterstellte Universitäten zur Verfügung zu
haben. Klassisches Beispiel ist die Wiederbelebung der
Universität Neapel durch die Könige von Aragon: die
starke Position der Zentralgewalt und der Stadt läßt den
bischöflichen Kanzler, den Lehrkörper wie die Studenten
praktisch zur Bedeutungslosigkeit absinken, es handelt
sich um eine staatliche Ausbildungsanstalt geradezu im
Sinne der Aufklärung. Ein weiteres typisches Beispiel
ist die Universität Wien (1365). Beschleunigt wurde die
Entwicklung hin zur Landesuniversität auch durch das
Schisma von 1378, durch das universalistische
Vorstellungen insgesamt in den Hintergrund zu treten
beginnen. |
| Auf Grund der spezifischen Situation in
Italien vermögen die dortigen städtischen Universitäten
ihre relativ eigenständige Position und ihre Qualität zu
erhalten: auf Grund der Kleinräumigkeit gibt es viele
„ausländische“ Studierende, denen man bestmögliche
Bedingungen bieten will, was wiederum eine starke
Konkurrenzierung um die besten Professoren zur Folge
hat, denen hohe Gehälter bezahlt werden und die dafür
auch sorgfältig beaufsichtigt werden, aber dennoch
häufig zwischen den Universität wechseln; so entwickelt
sich ein bereits sehr kompetives und effizientes System. |
|
|
| Die Ausbildung wurde anfangs wesentlich von
Mitgliedern kirchlicher Orden, insbesondere der
Reformorden Dominikaner und Franziskaner getragen, und
das im Sinne des aristotelischen Thomismus, der ja
offizielle Lehrauffssung der katholischen Kirche wurde
und mit dem Aufkommen des Nominalismus als via antiqua gegenüber der
William von Ockham folgenden via moderna bezeichnet wurde. |
| Die Studierenden, anfangs fast durchweg
Kleriker in einem weiteren Sinne, erhofften sich primär
die Anwartschaft auf eine geistliche Pfründe und dann
eine Position im sich auf den verschiedenen Ebenen
herausbildenden Verwaltungswesen. Im 15. Jh nimmt
dann die Zahl der – schon im 14. Jh vorhandenen –
Laienstudenten zu; sie erhoffen sich höhere Ämter durch
bessere Qualifikation. |
| Die Universität bilden aber dennoch – von
ihrer Intention her – ausschließlich in Hinblick auf
künftige Universitätslehrer aus. Das Bakkalaureat
gestattet lediglich, in einem bestimmten Gebiet die
Kunst des Lehrens unter Aufsicht eines Magisters zu
üben. Die (ursprünglich gleichwertigen) Grade eines
Magisters und eine Doktors gewähren die licentia ubique docendi, mit der
die Verpflichtung verbunden ist, zuerst zumindest einmal
zwei Jahre an der Universität zu lehren, an der man die
licentia erworben
hat86. Der Inhaber des Grades
tritt in die Gruppe der Magistri oder Doctores87 ein und genießt die ihnen
seitens der Gesellschaft zugebilligten Privilegien, hat
aber keine Beraufsausbildung – das Doktorat der
Theologie ist für das Priesteramt keine Voraussetzung,
das der Rechte nicht für das Richteramt; ein Richter hat
zwar das Studium der Rechte nachzuweisen, lange aber
nicht in einem universitären Sinne durch einen
akademischen Grad, sondern durch den Nachweis des
Besitzes der wichtigsten Rechtsbücher. Erst im Übergang
vom 14. zum 15. Jh beginnt das Studium mit dem
akademischen Grad für die Erlangung bestimmter
Positionen unabdingbar zu werden,
das Doktordiplom beginnt einem Adelstitel
gleichzukommen. |
| Für die Universitäten war es aber von
grundlegender Bedeutung, daß sie die wissenschaftliche
Bildung um ihrer selbst willen vertraten (die
aristotelische bios theoretikos des berühmt-berüchtigten
Elfenbeinturms), wie dies Walter Rüegg formuliert hat: "Daß die ihre latente Funktion, die
Bereitstellung professioneller Kader und
Fertigkeiten für das praktische Leben, bios
praktikos, auf eine derartige Nachfrage stieß,
spricht nicht gegen, sondern für die
gesellschaftsliche Relevanz des reinen
Erkenntnisstrebens, des amor
sciendi. Als bloße Korporationen
zum Schutze materieller Interessen und Freiheiten,
hätte die Universität das Schicksal anderer
mittelalterlicher Institutionen geteilt und wäre
längst untergegangen. Erst die gemeinsame
Verantwortung für die Organisation und Kontrolle
des systematischen Erkenntnisstrebens, des
Studiums, gaben den Freiheiten und Privilegien der
Scholaren und Magister einen Sinn, der ihre
unmittelbaren Interessen überstieg und so der
Autonomie der Universität auf ihrem ureigenesten
Gebiet, der wissenschaftlichen Lehre und
Forschung, Dauer verlieh"88
|
| Eine für die Entwicklung der Universitäten
wichtige Zäsur war der Ausbruch des Großen Schismas
1378, der das definitive Ende der Einheit des Glaubens
in Europa bedeutet und das Zurücktreten der
universalistischen Vorstellungen gegenüber dem Aufkommen
nationaler Identitäten bewirkte. Damit beginnt auch der
universalistische Anspruch der Universitäten an Boden zu
verlieren, und ihre Zahl beginnt rasch anzuwachsen89.
|
|
|
|
|
| Der Begriff facultas, aus dem unsere
Bezeichnung Fakultäten abgeleitet ist, bezeichnet im
Lateinischen eigentlich die Befähigung, die Anlage, das
Vermögen zu etwas (worauf der heutige Gebrauch für eine
Personengruppe gleicher Befähigung im Englischen, im
Sinne von „Gruppe der Befähigten“, zurückgeht) und im
übertragenen Sinne dann eben jenes Fachgebiet, auf das
sich jenes Vermögen bezieht. |
| Die Universitäten bauen im Grunde genommen
in klassischer Weise auf den septem artes auf, deren Vertretung
auch die Basis-Fakultät (bis in das 18./19. Jh
propädeutischen Charakters) bildet; Theologie und
Jurisprudenz konnten als Teile der Philosophie
(Metaphysik und Praktische Philosophie) verstanden
werden. Von allen artes mechanicae oder illiterales gelang es nur der
Medizin, auf Fakultätsebene in den universitären Kanon
einzudringen; dies geschah via
facti, einmal weil bereits spezifische
Medizinschulen existierten und auch Versuche unternommen
wurden, die Medizin als ars
liberalis oder sogar über den artes liberales diesen
stehend zu dokumentieren – Dominicus Gundissalinus erklärte um 1150, dass
es in allen Wissenschaftsbereichen theoretische und
praktische Aspekte gebe, die Medizin befasse sich mit
dem Menschen als dem Gipfel der Natur und deshalb stehe
sie über allen artes
liberales soweit sie sich mit der Natur
beschäftigten; dies setzte sich nicht durch, zumal Thomas von Aquin in Anlehung an Martianus Capella in seinem Kommentar
zu des Boethius „De Trinitate“ formulierte,
die mechanischen Wissenschaften hätten nicht Erkenntnis,
sondern praktischen Nutzen zum Ziel; die Medizin befasse
sich mit dem unfreien irdischen Leib des Menschen und
sei deshalb nur eine ars
servilis. – Für die Beibehaltung der
Medizin im universitären Verband und das Ausblenden der
anderen artes mechanicae
wie etwa der Architektur und der Agrikultur, gibt es
keine plausiblen Gründe, sie ist via
facti geschehen bzw. akzeptiert worden.
|
| Die Universitäten setzten aus Fakultäten
zusammen, die anfangs sicherlich einen stärkeren
Zusammenhalt hatten als das Ganze. Aus der grundlegenden
Funktion der septem artes resultierte, daß sie von
allen studiert werden mußten und deshalb eine
propädeutische Funktion hatten, die zu einer „unteren“
Fakultät machten, das heißt einer den im Studiengang
nachfolgenden und deshalb „höheren“ Fakultäten
Theologie, Jurisprudenz (lange ein Studium utriusque iuris, also des
weltlichen wie des kanonischen = kirchlichen Rechtes)
und Medizin nachgereihten Fakultät machten, woraus das
„klassische Vierfakultätenmodell“ entsteht, wobei die
Artes-Fakultät über die „Philosophischen Studien“ des
17.-18. Jhs zur Philosophischen Fakultät wird, die
erst spät ihren propädeutischen Charakter verliert – in
Österreich erst mit den Reform von 1848ff. |
|
|
|
Rektor
|
| Er wird im Modell Bologna aus den
Studenten, im Modell Paris aus den Magistern gewählt
(ursprünglich wurde die von ihm auszuübende Funktion vom
Bischof wahrgenommen). Seine Aufgaben sind die Leitung
der Verwaltung, die Durchführung der in Kollegien
gefassten Beschlüsse, die Führung des Siegels, d.h. die
Vertretung der Universität nach außen, und die
Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin, wozu er den
Vorsitz im Universitätsgericht führt, dem die
Studierenden, die Professoren und deren Familien (samt
Personal90), die
Verwaltungsbeamten der Universität, die von ihr
beschäftigten Schreiber, Illuminatoren, Buchhändler,
Papier- und Pergamenthersteller unterstellt sind. |
| In Bologna gab es in der Frühzeit zeitweise
zahlreiche Rektoren, die einander gegenseitig vertreten
konnten. Der Rektor von Bologna hatte später den
Vortritt gegenüber Erzbischöfen und Kardinälen und
Papstlegaten, nicht aber gegenüber dem Bischof von
Bologna! Rektor war normalerweise ein Kleriker, damit
die Universität die Gerichtsbarkeit auch gegenüber
Klerikern ausüben zu konnte. |
| In Paris wurde ursprünglich je ein Rektor
aus den Magistern der vier Nationen der Artistenfakultät
gewählt. 1249 beschloss man, einen Rektor der gesamten
Artistenfakultät zu wählen, der auf Grund von deren
Größe praktisch Rektor der Gesamtuniversität sein mußte.
Bis 1300 dehnte sich seine Amtsgewalt tatsächlich auf
alle Fakultäten aus, und er erlangt, indem der Kanzler
als Stellvertreter des Bischofs nach und nach seine
Amtsbefugnisse dem Rektor überträgt, schließlich auch
dessen Funktion. |
| Es ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß
es unzählige Schattierungen und Variationen der beiden
Grundmodelle an den einzelnen Universitäten bzw. im
Laufe der Jahrhunderte gegeben hat. |
|
Der Konvent, die
Universitätsversammlung
|
| Diesem Gremium gehörten je nach Statuten
Studenten oder Magister an. Mit der Zeit werden die
Geschäfte schließlich einem kleineren Gremium leitender
Beamter überlassen. |
| In Bologna nahmen alle Studenten an der
Universitätsversammlung teil, sie alle hatten ein
Mitsprachrecht, die Entscheidungen fielen
Ballotieren91. Die
Statuten durften allerdings klugerweise nur einmal in 20
Jahren abgeändert werden. In Paris erfolgten
Abstimmungen nach Fakultäten im Wege der Dekane, wobei
ursprünglich nur einstimmige Beschlüsse Gültigkeit
erlangten, ab 1350 bürgern sich auch Mehrheitsbeschlüsse
ein. In Oxford gab es drei Konvente92.
|
|
|
| Mit der Zeit bildete sich an allen
Universitäten ein Gruppe von Verwaltungsbeamten heraus,
die unter der Oberhoheit des Rektors bzw. der Dekane,
die die Fakultäten leiteten, die Geschäfte führten.
Erwähnt seinen hier der notarius und der bedellus. |
|
|
| Kollegien – um Mißverständnisse zu
vermeiden, sei im Folgenden der englische Begriff colleges verwendet – waren
ursprünglich bescheidene fromme Stiftungen zur
Unterbringung einer kleinen Zahl (einem collegium) von Studenten, oft arme
Kleriker. Vorbilder dafür waren die Klöster der
Bettelorden, die ab 1220 zur Unterbringung ihrer eigenen
Studenten in Universitätsnähe gegründet wurden. Die
Colleges waren auch gleich organisiert. Die Insassen
(Kollegiaten) unterwerfen sich den im Kollegium
geltenden Regeln93. Derartige
Gründungen setzen zwar schon im 12. Jh ein, die
Colleges im heutigen Sinne entstehen aber erst ab
125094. |
| Colleges sind mit Landbesitz,
Renteneinkünften etc. ausgestattet; dazu kamen oft
spezielle Privilegien für die Herstellung oder zollfreie
Zufuhr von Lebensmitteln und Getränken hinzu. Die
Kollegiaten erhalten freie Kost und Logis, oft auch noch
ein wöchentliches Handgeld und mitunter sogar einen
Zuschuß zur Kleidung bzw. zur akademischen Tracht. Die
Verweildauer war stets limitiert, es gab aber zahlreiche
Ausnahmen. Nach klösterlichem Vorbild regeln die
Statuten den Tagesablauf. |
| Die französischen Colleges waren
mehrheitlich bescheidener als die englischen; das größte
war aber lange das College de Navarra in Paris (für 70
Studenten), erst 1379 zieht das New College in Oxford
gleich. Im 14. Jh gab es dann auch
Colleg-Gründungen an den südlichen Universitäten,
darunter auch Gründungen von Magister-Colleges (collegium maius). Die Zahl
der Kollegs im Süden bleibt vergleichsweise geringer,
weil es an den dort häufigeren Rechts- und
Medizinuniversitäten weniger Artisten, sondern eben weit
mehr reichere Studenten der Rechte und der Medizin gab,
die sich private Quartiere zu leisten vermochten und
sich auch nicht den Regeln der Colleges unterwerfen
wollten95. |
| Im 14. und 15. Jh beginnen die
Colleges von der Beherbergung armer Studenten dazu
überzugehen, als privilegierte Institutionen ihren
Mitgliedern um den Preis einer gewissen Disziplin und
Leistung besonders günstige Arbeitsbedingungen und
Studienmöglichkeiten zu schaffen, um so die Elite
anzuziehen. Es werden Gelder benützt, um Bibliotheken
auszubauen und eigene Professoren am Colleg anzuheuern,
so dass gewissermaßen eigene Lehranstalten entstehen,
die nicht nur den Kollegiaten offenstehen, sondern
allgemein, und deshalb die Fakultäten und ihr
Lehrangebot im Universitätsgefüge zu verdrängen
beginnen, die sich mehr und mehr auf die Verleihung der
akademischen Grade zurückziehen. In England war der
Student primär Mitglied eines College und erst durch
dieses Angehöriger einer der beiden Universitäten (bis
in das 19. Jh existierten in England nur Cambridge und
Oxford). |
| Mitunter spezialisieren sich derartige
Colleges auf spezielle Bereiche der Lehre und erreichen
darin höchstes Niveau (z.B. das Merton College in Oxford
im Bereich der Mathematik). |
| Das Kollegwesen strahlt auch auf andere
Bereiche aus, es löst z.B. in England die Entwicklung
der Public Schools (Winchester 1382, Eton 1440) aus,
ähnliche Erscheinungen sind auch in Südfrankreich und in
Spanien nachweisbar. |
|
|
| Von Anbeginn an führten die Universitäten
eigene Siegel und Insignien wie Szepter, Amtsstäbe,
Ring, Kette, Talare und Barette. |
| Die Talare entwickelten sich aus den
Gewändern der Weltgeistlichen (ein großer Prozentsatz
der Studenten bestand anfangs aus Weltgeistlichen), die
im Verlauf der 14. Jhs einen besonderen, dann
traditionsweise fortgeführten Schnitt erhielten.
Standardgewand ist die Supertunica, das lange Kleid des
Klerikers. Im 15. Jh kam dann weltlicher
Modeeinfluss mit Schärpen, Schulterstücken, Baretten
etc. hinzu und ab dem 16. Jh spezielle Farben für
die Fakultäten96. besondere
Auszeichnungen sind Pelze: Hermelin- oder Fehpelze. Die
Rektoren treten im 15. Jh häufig schon in
scharlachrot (heute noch in Prag) und häufiger noch in
gold auf. |
| Parallel dazu entfalten sich heraldische
Ausformungen an Gebäuden und materiellen Gegenständen,
die Statuten- und Matrikelbücher werden prunkvoll
gestaltet, auf sie werden wie auf die Bibel Eide
abgelegt. |
|
|
| Der Titel eines Magisters – lat. Vorsteher,
Lehrer – ist bereits im 12. Jh nachweisbar, und
zwar meist für solche Personen, die eine Schule
leiteten, sei es aus eigener Initiative oder mit Lizenz
der Aufsichtsbehörde, z.B. des Vertreters des lokalen
Bischofs. Magister nannnten sich auch jene, die länger
studiert und von ihrem Lehrer eine mehr oder weniger
förmliche Bestätigung ihres Wissensstandes erlangt
hatten. Solche magistri
traten bereits im 12. Jh in den Domkapiteln, an der
Kurie, in fürstlichen Kanzleien auf. |
| Mit dem Aufkommen der Universitäten wird
der Titel Magister seitens der Universitäten einer
strengen Reglementierung und Monopolisierung
unterworfen: der Kandidat, der ihn zu erwerben trachtet,
meldet sich, sobald ihn sein Magister für examensreif
hält, bei den Universitätsbehörden, beim Rektor und vor
allem beim Kanzler, der die Erfüllung der formalen
Kriterien überprüft (Vorliegen des Bakkalaureats,
Absolvierung bestimmter Übungen, Vorlesungen etc.); es
folgt das private oder rigorose Examen als eine
Disputation über eine am Vortag ausgemachte Frage. Im
Falle der positiven Absolvierung wird der Kandidat vom
Kanzler zum Lizentiaten befördert, was lediglich die
Bescheinigung des intellektuellen Niveaus bedeutet. Für
die Erlangung des Lehramtes ist eine dritte Prüfung
erforderlich: das examen
publicum (auch „inceptio" genannt), ein eher
zeremonieller Akt, der oft in einer Kirche stattfindet,
bei dem ein Scheitern ausgeschlossen war und der in die
Überreichung der Insignien mündete: Barett, Handschuhe,
Buch. Anschließend tritt der Magister sein Amt an, indem
eine Disputation mit Studenten über ein Thema seiner
Wahl durchführt. Das examen
publicum ist der eigentlich
universitäre Akt, der Kanzler ist zwar anwesend, aber er
agiert nicht mehr, er übt sein Recht der Graduierung
nicht aus, es erfolgt nun die Aufnahme des neuen
Magisters in den Kreis der Lehrenden. |
| Nur sehr wenige Studenten gelangten bis zum
Lizentiat bzw. Magisterium. Nach Zahlen aus dem
15. Jh steht zu vermuten, daß 30-40 % das
Bakkalaureat erlangten und weniger als 10 % das
Magisterium. Die Gründe liegen in der langen
Studiendauer und den sehr hohen Kosten für das
Magisterium, die viele nicht tragen konnten; anderseits
konnten sich viele Reiche das Magisterium auch
erschwindeln, und es gab Universitäten, die akademische
Grade auch schon nach wenigen Tagen der Anwesenheit am
Universitätsort verliehen.. |
| Die ursprünglich gültige Verpflichtung des
neuen Magisters, nämlich zunächst einmal zwei Jahre an
der Heimatuniversität zu lehren, bewirkte zwar eine
ständige Erneuerung des Lehrkörpers, wurde aber als sehr
lästig empfunden; sie wurde in der 1. H. des
15. Jhs wohl allgemein aufgegeben, sicherlich
jedenfalls in Paris. Einersets wollten die neuen
Magistri hinaus in die Welt oder eine Stellung annehmen
und andererseits waren die ortsansässigen, eingeführten
und dominierenden, oft auch stipendierten (besoldeten)
Magister (magistri
regentes) keine Nebenbuhler. |
| Das Doktorat war jener akademische Grad,
der zwar ursprünglich identisch war mit dem Magisterium,
der aber im 15. Jh vermehrt und dann zeitweise
ausschließlich an den höheren Fakultäten verliehen
wurde, sodaß das an der Artesfakultät veliehene
Magisterium eine Vorbedingung für das Doktorat wurde.
Erst in der späten Aufklärung kann auch an den
Artesfakultäten (in eher seltenen Fällen) ein Doktorat
(und nicht nur ein Magistertitel) erlangt werden. |
| Während der Doktortitel aufgestiegen ist,
ist der anfangs als Zulassungstitel der Magister
dienende Titel eines licentiatus abgesunken. Er bezeichnet
bald, wie auch der Titel eines baccalaureusDer Titel baccalaureus ist
etymologisch problematisch: er wird von manchen
von „bas chevalier“ („kleiner Ritter“), von
anderen von „baca/bacca laureatus“ (Lorbeerkranz)
abgeleitet., eine niedrige
Ausbildungsstufe. |
| Es gibt in all diesen Fragen viele lokale
Besonderheiten. |
|
|
|
|
| Professor, also regulär vortragender,
„regierender“ Magister, wurde man durch Kooptierung
durch die etablierten Magistri innerhalb einer Fakultät
wie in Paris, innerhalb des Generalkonvents aller
Magistri der Universität wie in Oxford, oder im
Dokorenkolleg (z.B. wie in Avignon). Früh entwickelte
sich aber auch eine andere Form, nämlich die des
Vertrages zwischen dem Magister und der Universität oder
dem Träger der Universität, z.B. einer italienischen
Stadt. Es wurde ein detailliertes, alles regelnder,
meist auf ein Jahr befristeter Vertrag geschlossen. Von
Italien ausgehend ist das Vertragssystem vor allem nach
Südfrankreich und Spanien übernommen worden. Die Auswahl
der Professoren ist damit mehr und mehr an die Städte
übergegangen, die dafür mitunter sogar eigene Beamte
einsetzten (reformatores sive
tractores studii). In Coimbra berief
der König die Professoren, in Salamanca blieb es das
ganze Mittelalter hindurch der studentische Rektor.
|
| Jedenfalls bildet sich im Spätmittelalter
langsam ein Stand von hauptberuflichen
Universitätslehrern heraus, der durchaus nicht homogen
war, in dem vielmehr verschiedene Guppen erkennbar sind:
|
| – |
die Gruppe
der Kleriker, vor allem an den Theologischen
Fakultäten zumeist Ordensmitglieder, die als
solche leben und in nur geringem Kontakt zur
Universität stehen, indem sie ihre Vorlesungen
halten, sonst aber kaum am Leben der Universität
teilnehmen. |
| – |
die Gruppe
jener, die ordinarie
die wichtigsten Lehrinhalte des
Curriculums vortragen, d.h. besonders eingehend,
ordentlich, und zu den besten Stunden am frühen
Vormittag, den magistralen oder doktoralen
Stunden; sie stellen die Vorform der ordentlichen
Professoren dar, |
| – |
die Gruppe
jener, die die weniger wichtigen Materien extraordinari, d.h.
weniger genau, kursorisch behandeln, und zwar am
Nachmittag, jedenfalls nicht zu den doktoralen
Stunden; mitunter waren diese Stoffe auch nicht
einmal Prüfungsgegenstand; diese Lehrenden stellen
die Vorform der Extraordinarien dar. |
|
| Dieses System führte rasch zu einer
Verfestigung der Gruppe der Ordinarien, die sich
außerdem allein für das Studium zuständig und
verantwortlich bezeichneten, die entsprechenden Akte an
sich zogen und dem entsprechend auch eine höhere
Bezahlung beanspruchten. So entsteht auch an einer
studentisch dominierten Universität wie Bologna ein
starkes Gegengewicht. Die Doktorenkollegien der
einzelnen Fakultäten setzten eine zahlenmäßig exakt
definierte Gruppe ein (16 Professoren im Zivilrecht, 12
im Kanonischen Recht etc.), der sie alle Befugnisse
hinsichtlich der Überwachung der Erteilung der
akademischen Grade, der daraus resultierenden Einnahmen
etc. übertragen. Diese Entwicklung vollzieht sich an den
Magister-Universitäten wie Paris gleichermaßen. |
| Allerdings wird die Herrschaft der
Ordinarien nie vollständig, stets haben die
Extraordinarii und andere ihre Beteiligung an den
universitären Gremien aufrecht zuerhalten vermocht.
|
| Auch ist die Entwicklung an den Fakultäten
unterschiedlich: an den Rechts- und Medizinfakultäten
des Südens vor allem gibt es früh weltliche,
verheiratete Professoren, die mit ihren Familien eine
ganz andere Lebensabsicherung benötigen als die
Geistlichen in den Theologischen Fakultäten oder im
Kanonischen Recht. An den Artesfakultäten wiederum ist
der Anteil der festen Professoren am Lehrkörper sehr
gering; hier erscheint im 15. Jh eine neuer Typ:
der des Magisters, der eine feste Stellung in den Artes
einnahm und zwar als Professor eines Kollegs, dies war
zwar weniger geachtet als an den höheren Fakultäten,
bedeutete aber doch eine Sicherung; dieser Status findet
sich häufig in Paris, Oxford und Cambridge, also an
Universitäten mit vielen Kollegs. Fachprofessuren sind
bis weit in die Renaissance sehr selten (Johann von Gmunden wird ab 1417 in
Wien zugestanden, daß er nur Mathematik lesen müsse),
lange haben die Magistri im Gesamtbereich ihrer Fakultät
zu lehren; noch im 18. Jh wird an den
Jesuitenuniversitäten in den Artesfakultäten die Lehre
semester- oder zumindest jahresweise zugewiesen, sodaß
ein Professor einmal Mathematik, dann Grammatik etc. zu
lehren hatte. |
|
|
| Die Professoren hatte ihre Vorlesungen an
den dies legibiles der
Woche (das sind die Werktage ohne den allenfalls geübten
Wochenferialtag) zu halten. Nach Abzug aller Feiertage,
Prüfungstage, Disputationstage etc. waren dies meist
nicht mehr als 130-150 dies
legibiles, also ca. 25 Wochen, was
ziemlich genau den heute noch zumeist üblichen
Semesterwochen entspricht. Allerdings hielt der
Professor täglich eineinhalb bis zwei Stunden Vorlesung,
d.h. er las in etwa 10-12stündig. Die Vorlesung wurde
jährlich wiederholt. Dies hatte zeitweise eine starke
Erstarrung zur Folge. Professoren teilten sich mitunter
den Stoff einer Materie auf und belebten die Sache von
sich aus. Wichtig war auch, daß häufig junge Bakkalare
versuchten, zusätzliche, eingehendere, persönlichere
Unterweisungen in der Materie zu geben, auf diese Weise
dringen oft modernere Unterrichtsformen und geistige
Strömungen ein, z.B. der Humanismus. |
| Außerdem wurden Disputationen abgehalten –
an eingen Institutionen einmal pro Woche, an deren nur
einmal im Semester oder gar im Jahr. |
| Zunehmend wurden Professoren auch zu
anderen Diensten herangezogen: zur Teilnahme an
Gesandtschaften, für die Erstellung von Gutachten, für
Begehungen etc., sodaß sie mitunter ihre eigentliche
Lehrtätigkeit kaum mehr ausübten und sich vertreten
ließen, worüber heftige Beschwerden geführt wurden.
Hinzu kommt, daß die Universitäten auch in den großen
Auseinandersetzungen der Politik Stellung bezogen:
Schisma., Konziliarismus etc. |
| Schwere Auseinandersetzungen gab es
mitunter um die Lehrmeinungen: die antqui, d.h. die Thomisten und
Scotisten, stellten sich gegen die moderni, d.h. gegen die
Nominalisten; beide vertraten ja grundsätzlich
unterschiedliche Ausbildungmodelle, nämlich die via antiqua als die
herkömmliche Lehre in der Tradition der
aristotelisch-thomistischen Auffassung und die via moderna, die eben den
revolutionären Auffassungen der Occamistae, den errores Occanicae folgte. An
einzelnen Universitäten wurden sogar eigene
Studienrichtungen für die via
antiqua neben anderen für die via moderna eingerichtet
(so in Heidelberg, Freiburg, Ingolstadt,
Tübingen). |
| Das Ansehen der Professoren war generell
sehr hoch. Im 14. und 15. Jh entwickeln sich auf
dieser grundlage sogar Professorendynastien – 1317 schon
läßt der berühmte Jurist Giovanni d’Andreae in den
Statuten der Universität Bologna ein unbeschränktes
Vorrecht seiner Nachkommen auf eine besoldete Professur
festschreiben. Tortz des Ansehens entschwinden die
Professoren aber sofort, wenn ihnen lukrative kirchliche
oder staatliche Posten angeboten werden. |
|
|
| Universitäten waren prinzipiell jedem
offen, der getauft war und den allgemeinen moralischen
Vorstellungen folgte; für den akademischen Grad war die
Ehelichkeit der Geburt nötig oder wenigenst der Glaube
daran, ehelich geboren zu sein; es spielte dies aber in
der Praxis für die Studenten kaum eine wesentliche
Rolle, da die meisten ohnedies nicht so weit kamen.
|
| Wesentlich war eine starke Bindung des
Studenten an einen, „seinen“ Magister; es entwickeln
sich Magisterfamilien, d.h. Gruppen von Studierenden,
die enem bestimmten Magister zugeordnet sind. In Paris
galt: niemand ist Pariser Scholar, der nicht einen
bestimmten Lehrer habe. Die Bindung an einen Magister
war das eigentliche Kriterium der Aufnahme: der Student
mußte einen Magister finden, der ihn aufnahm in seine
familia. |
| Ursprünglich war für die Aufnahme an der
Universität bzw. in eine Magisterfamlilie keinerlei
Vorbildung erforderlich, es ist nicht einmal sicher,
dass alle, die an die Universitäten kamen, auch schon
Lesen und Schreiben konnten, sicherlich konnten längst
nicht alle Latein, die ein Studium begannen. |
| Formaler Aufnahmeakt war die Immatrikulation mit Eid,
Gebühr und Eintragung in die Matrikel.
Ursprünglich handelte es sich die Magister-Matrikel –
der Magister notiert die Namen der ihm anhängenden
Studenten, für die er verantwortlich war. Diese Listen
werden später nach Fakultäten zusammengetragen; so
entwickelt sich um 1350 der Typus der Fakultätsmatrikel.
Daneben wurden auch Nationenmatrikeln geführt. An den
zentraleuropäischen Universitäten entstehen um 1350 die
Rektoratsmatrikeln, älteste war vermutlich die 1367
begonnene (verlorene) Prager Matrikel
(Theologen/Mediziner/Artisten-Universität Prag), die
älteste erhaltene ist die 1372 begonnene Matrikel der
Juristen-Universität Prag. |
| Grundlage für die Aufnahme ist der Eid mit
zumeist vier Punkten: |
| - |
Gehorsam dem
Rektor oder dem Kanzler gegenüber, |
| - |
Anerkennung
der Statuten |
| - |
Förderung des
Wohls der Universität nach Kräften, gleichgültig,
in welcher Stellung |
| - |
Anerkennung
der Gerichtsherrschaft des Rektors bzw. Kanzlers
zur Wahrung des Friedens innerhalb und außerhalb
der Universität (Verzicht auf Selbsthilfe). |
|
| Im 14. und 15. Jh beinhaltet der
Eide mitunter an erster Stelle Gehorsam dem König
gegenüber, dann erst dem Rektor. Später treten
konfessionelle Eide hinzu – etwa auf die unbefleckte
Empfängnis; an einigen Universitäten, die auch
Nichtkatholiken zuließen, gab es spezielle Eide oder den
Eidverzicht für Juden und andere Nichtkatholiken; auch
gab es Eidesbeschränkungen für Ordensmitglieder, bei
denen der Eid u.U. mit dem Profeßeid kollidieren konnte;
in derartigen Fällen gab es seitens der Universität oder
seitens des Ordens enstprechende Dispens; ähnliches galt
für Adelige in unterschiedlichen universitäre Usuancen:
einen eigenen Adelseid gab in Köln, spezielle,
differenzierte Formen in Tübingen und Basel. An den
italienischen Juristenfakultäten hatten alle den Eid zu
leisten bis auf legitime Königssöhne und -brüder. |
| Die Eidesleistung setzt Eidmündigkeit
voraus, nach dem kanonischen Recht trat diese mit der
Vollendung des 14. Lebensjahrs ein. Dennoch gab es
viele Minderjährige an den Universitäten: sie bzw. ihre
Väter etc. hatten zu versprechen, daß sie den Eid bei
Erlangung der Volljährigkeit ableisten würden. 14/15
Jahre ist das klassische Eintrittsalter für die Artes.
Die in die höheren Fakultäten Eintretenden sind dann
etwa 4-5 Jahre älter, also etwa im heutigen
Eintrittsalter. Die Taxen waren sozial differenziert –
Adelige leisten Übersoll und zusätzlich Spende etc.
|
| Nach Schwinges können fünf Typen von
Studenten unterschieden werden: |
| 1 |
scholaris simplex – Etwa
die Hälfte aller Studenten an den klassischen
Vierfakultäten-Universitäten, oder sogar mehr als
50 %, sind 14-16jährige Artesstudenten, die
im Schnitt 1,8 Jahre an der Universität
bleiben und keine einzige Prüfung ablegen. Diese
Studenten haben zuvor eine Lateinschule absolviert
und betreiben Grammatikstudien, kaum mehr. Sozial
ziemlich ausgewogen. |
| 2 |
Bakkalar =
Artesstudenten – Ganz ähnlich wie 1, aber im
Schnitt deutlich ärmer, will seine Studien
abschließen, verbindet damit Aufstiegshoffnungen,
will in 2-2,5 Jahren das Bakkalaureat schaffen und
ist dann etwa 16-19 jahre alt. Machen etwa
20-40 % der Gesamtstudentenzahl aus. Für etwa
zwei Drittel von ihnen bleibt das Bakkalaureat der
einzige Titel, den sie erwerben. |
| 3 |
Magisterstudent = Artesstudenten – die nach 2-3
Jahren das Magisterium erlangen und dann etwa
19-21 Jahre alt sind. Der Anteil der Armen hat
sich gegenüber Typ 2 wieder stark verringert.
Diese Studenten studieren an einer höheren
Fakultät weiter und unterrichten gleichzeitig an
der Artesfakultät. Sie machen etwa 10-20 %
der Gesamtstudentenzahl aus und finanzieren ihr
Studium als Zentren eine schola, einer familia magistri, aus ihrer eigenen
Lehrtätigkeit, indem sich Studenten der Typs 1 und
2 um sie scharen; der Magister kann Dekan oder
Rektor werden. |
| 4 |
Standesstudent, "Der Student, der bereits jemand
ist", entweder adelig oder sehr reicher
Bürgerstand, hohe Kirchenpfründe, bezieht die
Universität im Kreise seiner famliares, also
seines eigenen Hofstaates (Diener, Privatlehrer,
bis zum Pferdeknecht), breites Spektrum im Alter,
hat keine universitäre, sondern nur private
Vorstudien, praktisch nur an der Juristenfakultät
(klassischerweise Bologna) zu finden, es hängt von
seinem Status ab, ob er überhaupt noch einen
akademischen Grad anstrebt oder diesen als hoher
Adeliger nicht bereits als nichts standesgemäß
verwirft. Sozialen Aufstieg sucht er nicht, kann
er an der Universität nicht mehr erlangen.
Besonders häufig in Südeuropa, in Deutschland vor
allem in Erfurt, Basel, Freiburg oder Ingolstadt
(das als Sprungbrett für die Italienreise dient).
Die Universitäten gewähren diesen
prestigeträchtigen Studenten nahezu alle
Privilegien und Freiheiten. Prüfungen werden so
gut wie nicht absolviert. |
| 5 |
Fachstudent
der höheren Fakultäten, der sein Studium mit dem
Lizenziat der Fakultät oder gar mit dem Doktorat
abschließt. Er steht altersmäßig in den
Zwanzigern, wenn nicht schon in den Dreißigern.
Macht nur 2-3 % der Gesamtstudentenschaft
aus. Sozial hochrangig: ritterbürtig oder
städtische Oberschicht oder reiche obere
Mittelschicht. Er hat seine Karriere bereits
gemacht, ist in städtischen oder anderen Diensten
und erlangt nur mehr zusätzliches Ansehen. |
|
|
|
| Alle diese Studenten waren in der
Anfangszeit Kleriker; der Klerikeranteil nimmt dann
laufend ab, gegen 1500 hin sind die Klerikerstudenten
europaweit vermutlich bereits die Minderheit. |
| Der hier zur Anwendung kommende
Klerikerbegriff ist aber höchst problematisch. Als clericus wurde an der
Universität praktisch jeder bezeichnet, die Hinwendung
des Begriffes zum Wortsinn Beamter (clerk) setzt früh ein, heißt:
einer, der des Schreibens kundig ist. Clericus ist also nicht mit
Geistlicher gleichzuzsetzen. An den deutschen
Universitäten unterschied man Pfaffen, Studenten und
Laien; Studenten wurden mitunter auch als halfpapen („halbe Pfaffen“)
bezeichnet. Es gab ja clerici
uxorati, verheiratete „Kleriker“. |
|
|
| Weibliche Studierende gab es praktisch
nicht. Allerdings wurden, im Süden, vereinzelt auch
Frauen wissenschaftlich ausgebildet98.
Bekannt sind: |
| – |
Magdalena
Buonsignori,
wurde Juristin |
| – |
Novella d'Andreae, Tochter des
berühmten Bologneser Juristen Johannes
Andreae99, wurde
selbst eine bekannte Juristin |
| – |
Beatriz Galindo "La Latina" (174-1534) wurde
in Salamanca zu einer hervorragenden Latinistin
ausgebildet und dann an den Königshof berufen, um
Königin Isabella die Katholische Lateinuntericht
zu geben. Sie lehrte an der Universität Salamanca
auch Medizin und gründete Krankenhäuser und
Schulen. |
|
|
|
| Ihrer sozialen Herkunft nach waren die Studenten
mehrheitlich städtischer Abkunft, nur in England scheint
es eine ländliche Mehrheit gegeben zu haben. Im
Wesentlichen spiegelt die Zusammensetzung der
Studentenschaft einer Universität die soziale Ordnung
der Welt wider, in die sie eingebettet ist. Und man hat
dies auch bewußt so gesehen und darnach gehandelt, die
von außen in die Universität getragene Ordnung
respektiert und peinlichst eingehalten. So ergab sich
beiden Prozessionen etc. ein ordo
ratione gradus aut status, eine
Rangordnung nach akademischem Grad und sozialem Rang
(Wien). D.h. die sozialen Unterschiede bleiben bestehen:
Prälaten und Söhne des Geburts- und Geldadels sitzen in
der ersten Reihe, für die Plätze auf den einzelnen
Rangreihen der Bänke wird bezahlt. Auch ein
Städtisch-Bürgerlicher kann sich einen Preis auf der
Adelsbank erkaufen. Ein armer Scholar konnte aber kaum
jemals über die vierte Bank hinaus vorrücken. Im
Wesentlichen unterschied man an praktisch allen
europäischen Universitäten hinsichtlich der Studenten:
nobiles, divites
(breite Mittelschicht an den Universitäten), pauperes. |
| Pauperes:
der Begriff meint nicht Mittellose, sonder jene, die
nicht in der Lage waren, die Kosten des Studiums zu
tragen. Der Begriff ist schüsslnd. Die Lage der pauperes hat sich an den
Universitäten zwischen 1200 und 1500 eher
verschlechtert. Die Taxatoren, die die Erhebungen
hinsichtlich eines Armutszeugnisses und des Erlasses der
Gebühren zu führen hatten, gingen immer perfekter und
rigoroser vor; in Erfurt galt die Devise: Nulli parce – niemanden zu
schonen. Die Rektoren, Taxatoren etc, die z.T. von den
Einnahmen aus den collectae und den Gebühren lebten,
bewerteten durchaus eigennützig. Andererseits waren die
Armenstiftungen großteils belegt mit Leuten, deren
Eltern sehr wohl bezahlen hätten können. Erst um 1500
ändert sich dies und es werden tatsächlich die Armen der
ihnen geltenden Stiftungen teilhaftig. – Nicht wenige
Arme haben ihr Studium in Diensten einer famlia eines reicheren
Patrons finanziert. |
| Der Laienadel strömt erst ab 1450 vermehrt
an die Universitäten, um den mittlerweile aufgebauten
Vorsprung des wirtschaftlich selbstbewußten und nun auch
zunehmend universitätsgebildeten Bürgertums abzubauen.
|
| Die Universitäten sind von einem dichten
Netzwerk von familialen Beziehungen umgeben. Der
klassische Weg in die Universität ist der der
Protegierung durch
jemanden innerhalb der Universität, durch Professoren,
Beamte, Standesstudenten – sie alle ziehen weitere
Studenten nach, d.h. es werden jene bevorzugt
aufgenommen und einbezogen, die bereits über Beziehungen
in die Universität verfügen. D.h. die Masse des
Nachschubs rekrutiert sich aus Bereichen, die
gewissermaßen bereits Universität sind bzw. der
Universität nahestehen. |
| Eine privilegierte und protegierte Schicht
innerhalb der Studentenschaft bildeten die Kollegiaten, die etwa bis
maximal 15 % der Gesamtzahl erreichen konnten. Der
Rest wohnte entweder einzeln oder zu mehreren privat zur
Miete oder in einem von der Universität angemieteten und
kontrollierten Studentenhaus, das von einem Magister
geleitet wurde und meist als bursa, Burse, bezeichnet wurde; an
einzelnen Universitäten herrschte Bursenzwang bis in das
16. Jh. Am unteren Ende stand – z.B. in Wien – die
Zwei-Groschen-Burse. Die Universitäten suchten die
Mietpreise zu kontrollieren und in Grenzen zu halten.
1413 gab es in Wien 29 Bursen. In Oxford gab es 1313
bereits 123 Halls, 70 waren es noch um 1425, 50 gegen
1500 hin. Die Dimension der Bursen war höchst
unterschiedlich – die Besetzung konnte zwischen 3 und 70
schwanken; in Oxford waren es durchschnittlich 18
Studenten, in Krakau gab es hingegen ein Kollegium mit
100 Plätzen. |
| Die Studenten in den Studentenhäusern waren
zum Gebrauch des Latein als Umgangssprache verpflichtet,
Verstöße wurden durch den lupus
überwacht und mit empfindlichen Strafen
geahndet100. |
|
|
|
| Zu den familiares der Universitäten zählten
aber auch alle jene, die in irgendeiner Verbindung zu
Universität standen; in den Anfängen waren es vor allem
die Buchhändler, Schreiber etc., sie geben die von den
Professoren korrigierten und authorisierten Fassungen
der Vorlesungstexte ungebunden in Bogen (peciae) aus zum Studieren
oder Abschreiben etc. genau überwacht101. An den
zentraleuropäischen Universität und auch in Paris baten
die Studenten die Professoren häufig, ihnen die
Vorlesungstexte zu diktieren, damit sie das Geld für die
peciarii sparten (=
pronunciatio). |
| Aber auch die Köchinnen, Diener und
sonstige Angestellte, später auch die Ehefrauen und
Kinder der Professoren wurden zur Universität gezählt.
|
|
|
| Interne Einnahmen aus den Immatrikulationsgebühren und Prüfungstaxen, Abgaben der
Nationen und die Kollekte
oder Burse, auch Bußgelder durch verurteilte
Universitätsmitglieder (umfangreiche Bußgeldkataloge:
Aufheben eines Steiner, in der Absicht, ihn auf einen
Magister zu werfen, 10 Groschen, Fehlschuß acht Gulden,
Treffer noch weit mehr etc.). |
| Externe Einnahmen aus Stiftungsgütern und die Gehälter, soweit diese vom
Landesfürsten oder der Stadt gezahlt wurden. |
| Ausgaben meist nur für Feiern,
Verwaltungskosten, Prozesse, Mieten allenfalls. |
| Die Collectae wurden ein- oder zweimal
jährlich von allen Studenten eingehoben, um die Beamten,
Pedelle, mitunter auch Lehrende bezahlen zu können. Im
Spätmittelalter ist sie für die Studenten nur mehr wenig
belastend. |
| Sehr belastend waren hingegen die
Geschenke, Feste etc. anläßlich der Graduierung, wobei
die Magister freizuhalten waren – der Aufwand uferte
dermaßen aus, daß er gesetzlich eingeschränkt wird.
|
| Besoldung:
Ursprünglich bezogen die Lehrenden an den
privaten Schulen des 12. Jhs nach zuvor
ausgehandelten Abmachungen Einkünfte von den Studenten.
Dem stellte die Kirche die Auffassung entgegen, daß das
Wissen ein Geschenk Gottes sei, das kostenlos
weitergereicht werden müsse, wie sie es in den
Kathedralschulen tat, wo die Lehrer durch Pfründen
gesichert wurden. |
| An den Universität erhielten nun die
Lehrerenden, soweit sie Geistliche waren, auf Grund der
päpstlichen Verfügungen Pfründen
(wobei sie von der Residenzpflicht
befreit waren). Nicht galt dies für die Weltlichen,
häufig Mediziner und Juristen und mitunter auch für
junge geistliche Artistenmagister. Sie waren auf die
collectae angewiesen;
da diese aber niedrig waren und die Studenten schlecht
zahlten, mußten sich die Lehrenden an die
Prüfungsgebühren halten, die deshalb vom 14. Jh an
ständig stiegen. Eine dritte Variante war der Vertrag mit Gehalt, wie
sie sich im 13. Jh in Italien entwickelt und auch
in Spanien geübt wird. In Frankreich aber nicht vor
1480; in Oxford einige kurzlebige Philosophie-Lehrstühle
des Herzogs von Gloucester 1437. |
| Die Höhe der Einkünfte war höchst
unterschiedlich zwischen den einzelnen Universitäten,
innerhalb dieser hinsichtlich der Fakultäten etc.
Phantastische Gehälter einzelner Juristen stehen
Gehältern von Grammatik- und Logikprofessoren gegenüber,
die denen ungelernter Arbeiter entsprechen. |
| Im Reich sorgten von Anfang an die Gründer
und Mäzene für Gehälter. Dies belastet die Kassen
dermaßen, daß man sehr bald soweit irgend möglich auf
"ewige Stiftungen" zurückgriff, d.h. Pfründen für die
Besoldung heranzog bzw. der Universität zur Nutzung zur
Verfügung stellte (Löwen erhält 1443 29 Pfründen!). In
Deutschland übernehmen im 15. Jh die Fürsten mehr
und mehr die gesamten Finanzen "ihrer" Universitäten,
was natürlich auch Kontrolle bedeutete. da die
Universitäten aber nicht mehr in der Lage waren, den
Betrieb in der notwendigen Weise aufrecht zu erhalten,
konnten sie sich dem nicht widersetzen. |
| Erhalten ist die Gesamtgebarung der
Universität Krakau für die Zeit um 1420; die Universität
verfügte über sehr erhebliche Mittel: sie konnte 80
Magister besolden, eine sehr gute Bibliothek zu halten,
eine prächtiges Gebäude zu errichten und darüber hinaus
noch der Krone Darlehen geben. |
|
|
| Im 12. und 13. Jh werden die
Klosterbibliotheken in ihrer Bedeutung langsam von den
Universitätsbibliotheken
abgelöst. Maßgebliche Veränderungen
werden durch die Verwendung des Papiers bewirkt, die
eine Steigerung und Verbilligung der Produktion erlaubt
– professionelle, zunftmäßig organisierte Schreiber
treten gegenüber den klösterlichen Skriptorien in den
Vordergrund: die stationarii (Buchhändler) übernehmen
die Organisation der professionellen Vervielfältigung
der Vorlesungsmitschriften und werden von den
Universitäten als
familiares, suppositi
etc. eidlich verpflichtet und einer aus
den Reihen der Lehrenden gebildeten Kommission
unterstellt, die gewissermaßen für die Korrektheit der
Inhalte bürgte. Die Manuskripte wurden lagenweise zum
Abschreiben zur Verfügung gestellt (per petias, petiatim). Dabei
standen die Universitäten in Konkurrenzkampf
untereinander: die Bologneser Rechtstexte wurden in ganz
Europa vertrieben, Medizin kam meist aus Salerno,
Scholastisches aus Paris. Alles um 1200 in Gang
gekommen. |
| Erst nach und nach entstanden auch die
Büchersammlungen an den Universitäten, aus denen die
Universitätsbibliotheken hervorgeangen sind. Das älteste
Pariser Kollegium wird um 1180 gegründet. Um 1250
erfolgte die namensgebende Stiftung seitens Robert de Sorbonas,
die zum Zentrum der theologischen Studien wird und wo –
wesentlich durch die Schenkungen der Mitglieder des
Kollegs, von denen 170 wenigstens ihre Bücher dem
Kollegium vermachen – sehr schnell eine große Bibliothek
aufgebaut wird, die später mit der päpstlichen
Bibliothek in Avignon konkurriert – die bedeutendste
Universitätbibliothek des Mittelalters überhaupt (sie
ist ob der guten Überlieferungslage von Leopold Delisle genau untersucht). 1290 gibt
es 1017 Hdss, 1338 bereits 1722 Hdss. – Teile des
Katalogs aus dieser frühen Zeit noch erhalten. |
| Die Bibliothek der Sorbonne wurde früh in
eine libraria magna und
eine libraria parva
unterteilt. Die Magna enthielt alle für das
Studium nötigen Handschriften als libri catenati102
war also eine Präsenzbibliothek; die Parva war die
Entlehnbibliothek mit vielen Dubletten und mit den
weniger verlangten Werken. 1338: 330 catenati, 1090 in
der Parva. Eine zu liberale Entlehnpraxis verursachte
große Verluste, obgleich Nichtmitglieder des Kollegiums
ein Pfand im Wert der entlehnten Handschrift zu erlegen
hatten, was wohl nicht wenig war. Man erkannte nahezu
augenblicklich die Bedeutung des Buchdrucks und berief
Drucker aus Deutschland an die Sorbonne, für die man
1481 ein eigenes Gebäude errichtete. – Ähnliche
Verhältnisse herrschten an den anderen Kollegien der
Universität Paris. |
| In den romanischen Ländern blieb die
Entwicklung der Universitätsbibliotheken zurück, da dort
die Stationarii viel größere Bedeutung erlangten als in
Paris – in Bologna z.B. hatte jeder Stationarius 117
Werke vorrätig zu haben, die bei ihm zu entlehnen oder
zu kaufen waren. In England und auch in Deutschland
schloß man sich dem Pariser Usus an, die
Stationarii103 erlangten
keine besondere Bedeutung. |
|
|
| Anfänglich mieteten sich die Magister in
privaten Häusern ein. Im 14. Jh werden ganze
Gebäude gemietet, im 15. Jh auch gekauft. |
| Mit der Stiftung von Kollegien erscheinen
eigene, mitunter eigens für den speziellen Zweck
errichtete Gebäude. In Norditalien entsteht – nach dem
Typus des Collegio di Spagna in Bologna (1365-67) der
Typus der Sapienza: ein Gebäude mit rechteckigem
Innenhof, ein Kolleg mit Lehrbetrieb,
also primär Wohngebäude. Im 16. Jh verändert es
seinen Charakter hin zum offiziellen Universitätsgebäute
mit Hörsälen, Bibliothek, Verwaltungsräumen, Archiven
etc.: Palazzo della
sapienza genannt. |
| Zu den ersten, die eigene Gebäude
errichteten, zählten die Engländer, zumeist auf Kosten
einzelner Mäzene. Der Typus der School quadrangles ist auch
anderweitig, vor allem in den USA übernommen worden. In
der Neuzeit ist gerade der Universitätsbau von hoher
Symbolkraft gekennzeichnet. |
| Gut erhalten ist heute noch einiges in den
im 15. Jh errichteten Gebäuden der Universität
Salamanca104. In
Deutschland wird vor allem im 15. Jh gebaut, gegen
1500 besitzen alle Universitäten eigene Gebäude, zumeist
monumentale Bauten – die Zeit des Drohens mit dem Auszug
von Studenten wie Magistern ist vorüber, die Bauten
spiegeln die Stellung der Universitäten in der
Öffentlichkeit. Die Gebäude enthalten in der Regel eine
Universitätskapelle oder -kirche und zumindest eine
Bibliothek und ein Archiv (mit Kasse und Matrikeln
etc.). |
|
|
|
|
|
| Der Humanismus entsteht in Italien außerhalb der
Universitäten, seine Träger sind hohe
städtische, päpstliche, königliche Beamte, Notare,
Pädagogen, Könige, Kirchenfürsten, Ordensleute, Bankiers
und Großkaufleute, Verleger. freilich waren sie zumeist
auch Universitätsabsolventen. Es entwickelt sich eine
neue Qualität des geschriebenen und des gesprochenen
Wortes. Colluccio Salutati wurde nachgesagt, daß seine
humanistische Feder den Gegnern der Signorie von Florenz
mehr geschadet habe als tausend Reiter. |
| Erst zwischen 1400 und 1450 vermag sich das
humanistische Programm mit den studia humanitatis, die eine
Ausweitung der septem artes mit sich bringen, an den
italienischen Universitäten fest zu verankern. Poetik,
Geschichte und Moralphilosophie treten nun zu den
älteren Disziplinen der septem
artes und den drei Philosophien105 hinzu. Im 16. Jh
dringt der Humanismus auch außerhalb Italiens langsam in
die Universitäten vor, nachdem es bereits in der 2.H.
des 15. Jhs verschiedentlich starken Widerstand
gegen die überkommenen Formen des als scholastisch, als
erstarrt empfundenen Wissenschaftsbetriebes gegeben
hatte (z.B. an der Universität Wien). Es besteht
natürlich ein Unterschied zwischen der humanistischenn
Auffassung und Ausbildung einzelner führender
Persönlichkeiten und der Umgestaltung des Curriculums in
einem humanistischen Sinne. Man hat früh den deutschen
Universitätsgründungen von der Gründung der Universität
Prag (1348) an eine humanistische Beeinflussung
zugeschrieben, doch dürfte das zu hoch gegriffen sein.
|
| Die Installierung von Professuren des
Griechischen wie anderer alter Sprachen ist ein guter
Indikator für die Entwicklung: 1511 inauguriert Erasmus von Rotterdam in Cambridge das
Studium des Griechischen
an einem von der Königinmutter
gestifteten theologischen Lehrstuhl, 1517 stiftete sein
Freund Hieronymus van
Busleyden in Löwen
das Collegium
trilingue106, das zu
einem europäischen Schwerpunkt humanistischer
Universitätsstudien werden sollte; 1530 gründete Francois I. von
Frankreich auf Anregung des Guilleaume Budé nach dem Vorbild des Collegium
trilingue das Collège des Lecteuers
Royaux für Latein, Griechisch und
Hebräisch, die Vorläuferinstitution des Collège de
France; 1540 erhält Cambridge königliche Professuren für Griechisch und
Hebräisch, 1546 auch Oxford. |
| An der 1499 von Kardinal Ximenes de Cisneros gestifteten und 1508 eröffneten
Universität von Alcalá wird von Beginn an in
humanistischem Sinne gearbeitet: eines der Ergebnisse
ist die 1517 gedruckte und wegen der Langsamkeit der
Zensur erst) 1523 ausgelieferte Polyglottenbibel mit der
Vulgata samt ihren hebräischen, syrischen und
griechischen Quellen107 (1516
erscheint das Neue Testament des Erasmus!). |
| Die humanistische
Auffassung war von größter Bedeutung für die
weitere Entwicklung der bis dahin unverändert
gebliebenen Artes-Fakultäten. Melanchthon hat seine Auffassung in
den Programmen der Universität Marburg (1529) und
Wittenberg (1536) zum Ausdruck gebracht, wo er nicht
weniger als 10 Professuren für die Artistenfakultät
vorgesehen hat, während die oberen Fakultäten sich mit
1-3 Lehrkanzeln zufriedengeben mußten. Zu den
traditionellen Artes-Lehrstühlen Grammatik, Dialektik,
Mathematik, Physik und Astronomie traten Professuren für
Hebräisch, Griechisch, Geschichte und Poesie sowie zwei
Lehrkanzeln der Eloquenz. |
| Nicht zu den
studia humanitatis
gezählt wurden ursprünglich die Logik,
Naturphilosophie und Metaphysik, Mathematik, Astronomie
(alles Teile der septem artes), Medizin, Jurisprudenz und
Theologie. |
|
|
| Die Universitäten haben an des skizzierten
Entwicklung praktisch nur in reformierten Ländern
profitiert – die Sorbonne wurde immer wieder als
verzopfte, der alten Scholastik, in ihrer mittlerweile
perhorreszierten Form verbundene Universität abgelehnt,
die wirklichen Kapazitäten gingen nach England und nach
1574 vor allem nach Leiden, das zu einer der ersten
Universitäten Europas wird. |
| Es kommt zu einem enormen Aufschwung der
Philologie und der erkentnistheoretisch höchst wichtigen
und interessanten Diskussion der Sinnhaftigkeit und
Nützlichkeit historischer Forschung. Beides ist
gewissermaßen konstituierend für die späteren
Geisteswissenschaften. Die Historia-Diskussion hat
zweifellos Auswirkungen darüber hinaus gezeitigt.
Insgesamt bewirkt der Humanismus an den Universitäten im
Zusammenhang mit der Säkularisierung und der Entwicklung
von Kritik, neuen Rechtsvorstellungen u.ä. eine enorme
Ausweitung der Studien wie ihrer Anwendungen. |
|
|
| 1502108 wird von
Kurfürst Friedrich
von Sachsen die
Universität Wittenberg gegründet. Die Anfänge waren
freilich sehr bescheiden: es wurden der Wittenberger
Schloßkirche mit Erlaubnis des Papstes eine etliche Zahl
Pfarren inkorporiert und dadurch in ein Stift
umgewandelt. Die damit gewonnenen Pfründen wurden mit
Professoren besetzt: Probst, Dechant, Scholaster und
Syndikus bildeten die juristische Fakultät, Kantor und
Kustos die theologische Fakultät. Die fünf Kanonikate
wurden der Artistenfakultät zugeordnet. Hintergrund war
das Bestreben Friedrich des Weisen, die Alleinherrschaft
der Scholastik zu brechen. Ein neues wissenschaftliches
Gebäude sollte sich entwickeln. 1512 holte der Kurfürst
Martin Luther nach Wittenberg, der die
Professur für Bibelexegese erhielt, 1518 kam Philipp
Melanchthon als Professor des
Griechischen nach Wittenberg – Melanchthon und Luther waren bald freundschaftlich
verbunden und setzten den Prozess der Reformation in
Gang. 1536 wurde durch Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen
der Universitätsbetrieb erweitert und neu
geordnet: die Artistenfakultät wurde mit zehn
Professuren, zwei davon für Mathematik, ausgestattet.
Die Universität bezeichnete sich als Academia
Vitebergensis und bekannte sich damit zum Humanismus und
dazu, daß die Lehrenden und die Studierenden gemeinsam
den studia humanitatis
nachgehen wollten und nach der via antiqua. Der Begriff
Academia
signalisierte zudem die Einführung der
philologisch-historischen Methode in Forschung und
Lehre. |
| Sukzessive verlor nun im Reich die Kirche
ihre aus dem Mittelalter stammende Herrschaft über die
Universität, und es erfolgte eine Reihe von
Neugründungen: |
| 1527 |
gründet der
Landgraf von Hessen in Marburg eine Universität
ohne päpstliches und ohne kaiserliches Privileg
(dieses folgt erst 1541). |
| 1575 |
gründet die
holländischen Aufständischen die Universität
Leiden; sie fabrizierten zwar eine angebliche
kaiserliche Bestätigung, doch wurde diese ebenso
wenig wie die Universität je anerkannt; dennoch
hat sich die Universität Leiden zu einer der
führenden Universitäten Europas entwickelt. |
| 1783 |
wird die
katholische Universität Bonn, auf erzbischöflichem
Terrain und durch den Erzbischof von Köln
begründet, man verzichtet bewußt auf ein
päpstliches Privileg. |
| 1781 |
die Universität
Stuttgart gegründet wurde, nannte sie sich
lediglich „Hohe
Schule“, um nicht mit Tübingen in
Konflikt zu kommen, und lehrte reine und
angewandte Wissenschaften ausschließlich für die
Bedürfnisse des Staates und des Gemeinwohl; sie
wies keine Fakultätengliederung auf, sondern eine
Abteilungsgliederung (Recht, Militärwissenschaft,
Kameralwissenschaft, Forstwesen, Medizin,
Ökonomie). |
|
| Der Begriff Universität wird nur mehr im
Westen allgemein angewendet. Im Osten tritt mehr und
mehr der Begriff Akademie
hervor, bzw. es tritt eine Art
Begriffsverwirrung ein: 1578 gründet Stephan Bathory in
Wilna eine katholische „Akademie“, 1594 gründet der
polnische Kanzler Jan Zamoyski in Zamocs ebenfalls eine
katholische „Akademie“, ähnliche weitere Gründungen
folgen in Rußland; es handelt sich um Anstalten, an
denen Artes, Sprachen und Theologie unterrichtet werden;
sie hatten zwar keinen Universitätsrang, nahmen aber –
in Ermangelung von Universitäten in diesem Raum –
praktische die Funktion von Universitäten wahr. |
| Perfekt wird das terminologische
Durcheinander durch die Gründungen im 18. Jh,
insbesondere als Zar Peter der Große (1672-1725) im Jahr 1724 die
Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg
gründet, welche Anstalt bestand aus |
| – |
einer
Akademie der Wissenschaften nach westlichem
Muster, |
| – |
einer
Universität, an der die Mitglieder der Akademie
auf hohem Niveau lehrten, |
| – |
einem Lyzeum,
an dem die Schüler der Akademiemitglieder
wissenschaftlichen Elementarunterricht erteilen.
|
|
| Als sich die Universität 1747
verselbständigte, wurde sie aber weiterhin als Akademie
bezeichnet. |
| Die erste russische Universität mit der
Bezeichnung Universität wurde erst 1755 von Peters Tochter Elisabeth (1709-1761)
auf Vorschlag von Michael V. Lomonossow begründet. Sie durfte aber
anfangs keine akademischen Grade verleihen und bestand
ihrerseits aus |
| – |
einem Lyzeum
für den Adel, |
| – |
einem Lyzeum
für die übrigen Stände |
| – |
und
Fakultäten für Philosophie, Recht und Medizin
(eine theologische Fakultät gab es nicht, da die
theologische Ausbildung in Rußland immer in der
Hand der orthodoxen Kirche geblieben ist; ihr
Einfluß auf die Universitäten ist deshalb auch nur
sehr gering gewesen). |
|
| Im Reich haben die Kaiser allen
reformierten Akademien die Anerkennung als Universität
versagt und ihnen das Recht auf die Erteilung
akademischer Grade verweigert109.
Tatsächlich kommt es im 17. Jh zu einer
Zersplitterung des Hochschulwesens, indem
universitätsähnliche Institutionen entstehen, die von
aller Privilegierung unabhängig sind und gleichwohl
mitunter sehrwohl universitäres Niveau erreichen. |
|
|
| Verschiedentlich haben alte Universitäten
die Begründung neuer verhindert, oder sie doch in
strenger Abhängigkeit gehalten – so waren diverse
Universitäten in polnischen Städten nichts anderes als
Außenstellen von Krakau. Andererseits sind
Nichtuniverstäten in ihren Absolventen problemlos als
de-facto-Universitäten anerkannt worden, wenn sie
entsprechende Qualität aufwiesen; dies gilt für
akademische Ausbildung an der berühmten Straßburger
Akademie des Johann Sturm, für die 1584 gegründete Hohe
Schule in Herborn, dann in Steinfurt und überhaupt für
die Gymnasia academica,
wie man diese Universitäten ohne Anerkennung
bezeichnete, aber auch für die Schulen in Amsterdam und
Deventer, diverse Jesuitenhochschulen in Mailand,
Messina, Palermo etc. und auch reformierte Akademien.
Diese Institutionen entstanden aus dem Bedürfnis, dem
Adel eine standesgemäße Erziehung zu garantieren,
reformierte Geistliche sowie Beamte für die regionale
Verwaltung auszubilden. Grundlage dieser Schulen war
meist eine Ramus verpflichtete Schulphilosophie, die als
Überwindung des Aristotelismus forciert wurde. Diese
Bewegung erreichte in der Zeit nach dem 30Jährigen Krieg
einen Höhepunkt. |
| Während in Schottland neue Universitäten
entstanden110,
scheiterten in England alle Neugründungen am Monopol von
Oxbridge111 und an
der anglikanischen Kirche – noch die Gründung der
University of London unterlag ernsten Auflagen112. |
| Diese Entwicklung der Diversifizierung
beschränkte den Geltungsbereich und den Besuch der
klassischen Universitäten auf ihre engere Umgebung; die
alten universalistischen Vorstellungen gingen unter.
Vielfach wurden in den einzelnen Territorien der Besuch
auswärtiger Universitäten überhaupt untersagt, wie dies
schon Friedrich II. zugunsten Neapels getan
hatte und wie dies später oftmals geschehen ist, so etwa
1559 in den spanischen Ländern generell, aus denen nur
wenige noch unter bestimmten Bedingungen nach Rom,
Coimbra, Neapel oder Bologna gehen durften. |
| Eine weitere Schwierigkeit, die zur
Zersplitterung des Hochschulwesens beitrug, bestand
darin, daß die uns heute so selbstverständliche klare
Stufengliederung der Ausbildung noch nicht wirklich
vorhanden war. Die alten Universitäten hatten das
vermittelt, was wir als Gymnasialbildung bezeichnen und
was die Universität vermittelt, mitunter aber gab es
wohl auch noch Elementarunterricht. Die Zahl der
Artesstudenten überwog im Spätmittelalter weitaus die
der anderen Fakultäten zusammen. Als nun durch den
Einfluß des Humanismus ein sekundäres Schulwesen sich zu
entwickeln beginnt, bewirkt dies innerhalb relativ
kurzer Zeit einen drastischen Rückgang der Hörerzahlen
der Universitäten, da nämlich ein erheblicher Teil der
potentiellen Artesstudenten dorthin geht, also von der
Universität fernbleibt. Die Vermittlung allgemeiner
Bildung wanderte von den Universitäten ab, diese aber
beschränkten sich auch von sich aus mehr und mehr auf
die Produktion dessen, was seitens des Staates gefordert
wurde: Beamte, Pfarrer, Ärzte, Juristen, also praktische
Berufsausbildung für eine Elite. 1440 schon haben die
Cortes von Toledo im Einvernehmen mit den katholischen
Königen festgestellt, daß die Krone die Qualität der
akademischen Zertifikate eigens überprüfen dürfe, wenn
jemand eine Position im Dienst der Krone anstrebe.
Später sind diesbezüglich Staatsprüfungen eingeführt
wordn (noch die Lehramtsprüfung in Österreich war bis
zum AHStG eine Staatsprüfung, die von einer
bundesstaatlichen Prüfungskommission abgenommen wurde,
die sich aus (nicht allen) Mitgledern des
Professorenkollegiums zusammensetzte. |
| Im 16. Jh und 17. Jh entstehen
einige wenige und im 18. Jh, ab 1750 zahlreiche
Spezialschulen, die den Universitäten partiell den Rang
ablaufen. In ganz besonderem Maße ist das in Frankreich
der Fall, dessen Universitätssystem damals bereits
völlig verknöchert und erstarrt gewesen ist und ja auch
bald darauf in der Revolution 1793 mit einem Federstrich
vom Tisch gewischt wurde. |
|
|
|
|
| Hier mußten
die beiden nach wie vor einzigen Universitäten – Oxford
und Cambridge –, die sich seit dem 15. Jh als
eigenrechtliche Korporationen verstanden, die
Konsequenzen des Act of Supremacy von 1534 akzeptieren,
die daraus erflossen, daß die Kirche, die immer noch den
Haupteinfluß auf die Universitäten ausgeübt hatte, dem
Staat unterstellt wurde. Das bedeutete, daß das
kanonische Recht gestrichen wurde und daß dadurch, daß
sukzessive das Common Law die englische Rechtswelt zu
bestimmen begann und die erforderlichen Juristen
diesbezüglich in den Londoner Inns of Court ausgebildet
wurden113, die Juridischen
Fakultäten stark schrumpften und zur Bedeutungslosigkeit
verkamen – es wurde zwar noch römisches Recht gelehrt,
aber es blieb ohne praktische Bedeutung. Gleichzeitig
verstärkte sich der Wille des Staates, zusammen mit der
ihm unterstellten Kirche die Oberaufsicht über die
Universitäten auszuüben; diese wurden wie alle anderen
privilegierten Korporationen offiziell der Krone
unterstellt und erhielten 1604 auch Sitze im Parlament.
Angehöriger der Anglikanischen Kirche zu sein, wurde in
Oxford schon 1581 statutarisch zur Pflicht gemacht und
analog in Cambridge praktiziert. Die englische
Renaissance entwickelte sich erst nach der Reform so
recht, so stieg der Universitätsbesuch, der geradezu zur
Mode wurde, um 1550 stark an, das Studium verlagerte
sich wesentlich in die Colleges, wo regent masters,
Tutoren, die Hauptrolle spielten, während die
Professoren in den Hintergrund traten (und erst im
18. Jh wieder an Bedeutung gewannen). Die einzelnen
Colleges verfolgten zwar ihrem Stifterwillen
entsprechend unterschiedliche Ziele, doch beeinflußte
dies den Hauptzweck, nämlich die Erziehung
rechtgläubiger und gebildeter Untertanen, nicht; die
Kleidung der Studenten wie der Professoren hatte
geistlich zu sein und den Professoren war das Heiraten
(im Unterschied zu den Geistlichen am Lande) untersagt,
weil die Universitäten nicht in der Lage gewesen wären,
Gehälter zu bezahlen, die auch Familien hätten ernähren
können. So sind die beiden englischen Universitäten im
17. Jh ziemlich herabgekommen – Professuren wurden
praktisch erblich wie Pfarrerstellen; im Act of
Uniformity wurde 1662 Nichtanglikanern der Besuch der
Universitäten untersagt. Karrieremöglichkeiten außerhalb
der geistlichen Sphäre boten die Universitäten praktisch
nicht mehr, am eigentlichen geistlichen Leben nahmen sie
aber auch nicht mehr teil. |
| Der Niedergang der englischen Universitäten
hatte natürlich zur Folge, daß diverse private
nonkonformistische Lehranstalten, Akademien unabhängig
von Staat und Kirche gegründet wurden, doch vermochten
diese keinen Einfluß zu erlangen. Nonkonformisten gingen
nach Schottland, und die Katholiken gingen auf den
Kontinent. Insgesamt aber nahm die Bedeutung der Grand tour, der peregrinatio der gentry und der oberen
Bürgertums nach dem Kontinent zu. |
|
|
| Hier vollzog sich die Entwicklung deutlich
anders als in England. Hier hatte man sich seitdem der
Hundertjährige Krieg das traditionelle Studium
schottischer Kleriker in Frankreich oder Italien
erschwert bzw unmöglich gemacht hatte, um den Aufbau
eigener Ausbildungsstätten bemüht; so kam es im
15. Jh zur Gründung von Colleges und
universitätsähnlichen Institutionen – 1411
St. Andrews wird gegründet, 1415 Glasgow, 1493
Aberdeen (erneuert 1593?), Edinburgh aber erst 1582/83.
Der schottische Reformator John Knox (1513-1572) entwickelte in seinem
First Book of
Discipline die Vorstellung, dass jeder
Begabte freien Zugang zur Bildung haben sollte, da nur
ein gebildeter = aufgeklärter wahrer Christ wisse, was
und warum er glaube und dem Gemeinwesen wirklich nützen
und dienen könne. Bei der Gründung der Universität
Edinburgh wurden die Statuten zusätzlich durch das
schottische Parlament sanktioniert; die Oberaufsicht
wurde allerdings dem städtischen Rat überlassen.
Insgesamt hat sich der kirchliche Einfluß auf die
Universitäten in Schottland in Grenzen gehalten. Das
Schwergewicht lag auf der moral
education und damit im Bereich der
artes, abstrakte, an
Theorie orientierte Gelehrsamkeit war nicht das Ziel der
schottischen Universitäten. Die Universitäten waren
nicht in dem Maße wie die englischen in Colleges
strukturiert, aber es gab eine klare aufbauende
Gliederung der Studien nach Altersjahrgängen, ein
exaktes Prüfungswesen. Es gab
regents, allzuständig aber war der master (magister) Katholiken blieben auch
in Schottland vom Studium ausgeschlossen,
nichtschottische Studenten unterlagen aber ansonsten
keinen religiösen oder politischen Überprüfungen, es
genügte die Westminster Confession114
zu unterschreiben. Insgesamt vermochten sich die
schottischen Universitäten zwar mehr Offenheit und
Gelöstheit zu wahren als Oxbridge, doch konnte ein
Niedergang im 17. Jh nicht ausbleiben, als die
Universitäten in die Auseinandersetzung zwischen
Episkopalisten und Presbyterianer verwickelt wurden.
Doch schon im 18. Jh erfolgte ein Wiederaufleben:
muttersprachliche Vorlesungen wurden eingeführt, das
regents-System aufgehoben, neue Lehrbereiche wie
Öffentliches Recht, ius patrium, ius
civile, Medizin bewirkten eine Öffnung
der Anstalten, Nonkonformisten aus England , Aufklärer,
Moralisten etc. strömen nach Schottland, die Universität
Edinburgh rückt so im 18. Jh nahe an Leiden heran,
wird ein modernes Zentrum fortschrittlichen,
aufgeklärten Studienbetriebes, an dem viele Ausländer
partizipieren. Eine gewisse Auswirkung hatte wohl auch,
daß die Universitäten in weltoffenen Handelsstädten
gelegen waren und nicht wie Oxbridge auf dem Dorfe.
Insoferne bestand ein erheblicher Unterschied zwischen
den englischen und den schottischen Universitäten. |
|
|
| Hier kam es bereits im 15. Jh dazu,
daß die einzelnen Territorialfürsten im Wege
spezifischer Konkordate ihre eigene Kirchenpolitik
betrieben und auch die Auffassung entwickelten, daß sie
über eigene territoriale Universitäten verfügen müßten –
diese Entwicklung begann bei den Kurfürsten und weitete
sich dann enorm aus. Die Fürsten gründeten
Universitäten, ließen sie vom Papst und/oder Kaiser
privilegieren und finanzierten sie auch. Dementsprechend
ist die Zahl der Universitäten angestiegen – das Reich
ist jenes europäische Land, indem im 16. Jh am
meisten Universitäten gegründet werden: 1506 bestehen
15, 1700 sind es 40 und eine nicht geringe Zahl von
Gründungsprojektion ist gescheitert115;
von den 40 sind 22 protestantisch, 18 katholisch. Nicht
wenige dieser Universitäten sind ausgesprochen klein
(100-300 Studenten) und haben nie überregionale
Bedeutung entfaltet116:
Rinteln117 in
Friesland, Altdorf bei Nürnberg etc. Im 18. Jh
treten fünf weitere Universitäten hinzu. Vergleichsweise
verfügt um 1700 England über 2 Universitäten, Schottland
über 4, Frankreich über 24, Spanien über 28 und Italien
etwa 18. |
| Die traditionelle Auffassung von Friedrich
Paulsen und anderen war, daß die
Reformation die Schulen und Universitäten habe veröden
und niedergehen lassen und sie durch die
Konfessionalisierung zu territorialstaatlichen
Unternehmen, Landesausbildungsstätten habe degenerieren,
die Weite der mittelalterlichen Universität habe
verlieren lassen, da man im Bestreben um die Abgrenzung
und Sicherung der eigenen kleinen Welt weiterführender
wissenschaftliche Ansprüche kaum zur Geltung gelangen
habe lassen. Notker Hammerstein tritt dieser Auffassung
entgegen und meint mit Peter Baumgart u.a., daß die deutschen
Universität trotz des gewaltigen Einbruchs in der
Frühzeit der Reformation118 (ein
Zeichen der Unruhe, der Angst) ab 1535/40 bereits wieder
einen raschen Aufschwung genommen hätten, ja gegenüber
früher noch an Bedeutung gewonnen hätten119, was die Gründungswelle
der Territorialuniversitäten erst ausgelöst habe. Wohl
gab es einen Einbruch in den 1520er Jahren mit raschem
Rückgang der Inskriptionszahlen, dann aber wieder ein
rasches Ansteigen und in der Folge in den Jahrzehnten
1580-1620 geradezu eine Blütezeit. Der Dreißigjährige
Krieg bringt nur partiell und vielfach nur
verhältnismäßig kurzfristig neuerlichen Niedergang –
Grobianismus, Pennalismus120 etc. –,
dann erfolgt eher rasch eine Wiederherstellung des
Systems. Mit der Gründung der 1694 und dann der
(1734/37) wird überhaupt eine neue Epoche eingeleitet.
|
| Bezüglich der Lage im Reich ist aber
festzuhalten, daß die Universitäten durchgehend – anders
als etwa in Frankreich oder Italien – als Ort der
geistigen Tätigkeit und Produktivität in führender
Position sind und bleiben – dabei ist natürlich darauf
zu verweisen, daß es bis zur Akademiegründung in
Göttingen und der Aktivierung von Berlin121 keinen anderen dafür
geeigenete Institution gegeben hätte und daß
gleichzeitig wegen der Zersplitterung in Territorien die
Entstehung großer glanzvoller Höfe, die den
Universitäten diese Rolle hätte streitig machen können,
unterblieben ist – die Formulierung „Extra academias [= universitates] non esse vitam“ ist nicht nur
negativ zu sehen.. Umgekehrt hat eben die
Territorialisierung den Universitäten ihrerseits eine
besondere Rolle verschafft, indem sie alle territoriale
oder städtische Gründungsuniversitäten sind und als
solche ja auch als geistige Zentren des Territoriums
geschaffen und gepflegt worden sind. Die
Verfassungsentwicklung und die Organisation des Reiches
kommt insoferne den Universitäten entgegen. Die
Universitäten des Reiches erleben nicht den
langandauernden Niedergang, den die Universitäten in
anderen Ländern erfahren, wo sie – wie in Frankreich in
klassischer Weise – durch andere Institutionen, nämlich
die Akademien überspielt werden. |
| Ein wesentliches Moment für diese
Entwicklung ist die Ausformung des Humanismus in
Deutschland, der hier auf eine weit weniger streng
scholastische, sondern im Wege der Duldung der via moderna neben der via antiqua weit liberalere
Auffassung trifft und in besonderer Weise – weit mehr
als in Italien oder Frankreich – auf das Staatswohl und
das Gemeinwohl, ja sogar auf das Wohl des Individuums
abzielt. Typisch ist die Formulierung des
württembergischen Grafen und ersten Herzogs Eberhard im Barte 1477
anläßlich der Gründung der Universität Tübingen: |
| "Wir haben uns deshalb
überlegt, auf welchem Weg wir es denn am ehesten
versuchen sollen, daß unserem Schöpfer
Dankbarkeit, dem Staat und dem Heil und dem Nutzen
unserer Untertanen ein allgemeines Wohlergehen
verschafft werde: endlich stieg in uns kein
beserer, für die Erlangung eines glückseligen
lebens geeigneterer und dem unsterblichen Gott
angenehmerer gedanke auf, als Studien und schöne
Künste und Disziplinen, durch die wir Gott zu
erkennen, den Boden zu bestellen und der Sonne zu
gehorchen gelehrt werden, mit fleißiger Sorgfalt
und Bemühung zu verfolgen". Die
Menschen würden "durch die Bildung
aus den Wissenschaften" am ehesten zu
einem Gott wohlgefälligen Leben veranlaßt, mehr als
durch Kunst oder Kirchenbauten. Weit mehr als die immer
noch in der scholastischen Tradition stehenden
Universitäten Frankreichs waren die deutschen
Universitäten Staat, Individuum und Kirche verbunden und
angehalten, im engeren Rahmen eines Reichsterritoriums
zu wirken. Dem entspricht auch die vom Straßburger
Reformer Johannes Sturm aufgestellte Formel: „Optime et pulcherrima rempublicarum
armamentaria sint scholae
philosophorum“. Gegen diese von den
Landesfürsten getragene Entwicklung stellten sich
vielfach die Stände, oder sie versuchten zumindest, sich
eine Mitwirkung zu sichern. |
| Aber auch auf der Ebene des Reiches ist die
Bedeutung der Universitäten in der 1. Hälfte des
16. Jhs gewürdigt worden: auf dem Augsburger
Reichstag hat Karl V. verfügt: "Scholae seminaria sunt, non praelatorum tantum
et ministrorum ecclesiae, verum etiam magistratum
et eorum qui consiliis suis Respublicas gubernant
[...] propterea de earundem instauratione magna
cura habenda est" – die Schulen hätten
nicht nur der Kirche, sondern auch den die Regierung und
Verwaltung Ausübenden zu dienen und es sei ihnen deshalb
Sorgfalt angedeihen zu lassen. |
| Luther wetterte fürchterlich gegen die
Universitäten, vor allem gegen die Theologischen
Fakultäten und gegen die Artisten, auch die Juristen:
man habe „viel Doctores,
Praedicatores, Magistros, Pfaffen und Mönche, das
ist große, grobe, faule Esel mit roten und braunen
Baretten geschmückt [=Artisten und
Theologen], wie die Sau mit
einer güldenen Kette und Perlen erhalten und uns
auf uns selbst geladen, die uns nicht Gutes
lehreten und dafür all unser Gut fraßen
[...] Schandjuristen, Büttel,
Henker, Juristen Fürsprecher und was des Gesindels
mehr ist“. Nicht weniger zog er über
den Heiden Aristoteles her. Und doch hat Luther zusammen mit Melanchthon auch eine neue, die
protestantische Universität geschaffen – 1526/7 erfolgte
die Gründung der Philipps-Universität Marburg, bald
darauf die Reformierung der 1502 gegründeten Universität
Wittenberg, 1574 die Gründung von Helmstedt unter
Einfluß eines Melanchthon-Schülers122. 1524 empfahl Luther in einem Sendschreiben den
Ratsherren der deutschen Städte, daß es eines
Gemeinwesen „bestes und ihr
allerprächtigstes Gedeihen, ihr Wohl und
Kraft [sei] , daß sie
viele gute, gebildete, vernünftige, ehrbare,
wohlerzogene Bürger hat, die dann sehr wohl
Schätze und alle Güter sammeln können, sie
erhalten und recht gebrauchen“ und daß
"die Wissenschaften und
Sprachen, die für uns kein Verlust, vielmehr ein
größerer Schmuck und Nutzen, Ehre und Gewinn sind,
um die heiligen Schriften zu verstehen und auch um
die weltliche Herrschaft auszuüben" zu
pflegen seien – „Das sollen wir uns
gesagt sein lassen, daß wir das Evangelium nicht
sicher bewahren werden ohne die Sprachen. Die
Sprachen sind die Scheiden, in denen das Messer
des Geistes steckt“123. Aber auch das Recht
müsse gepflegt und gelehrt werden, ohne das keine
gottgefällige Ordnung in der Welt aufrecht zu erhalten
sei. Und ebenso die Medizin, die das leibliche Wohl
befördere. |
| Für Luther selbst steht dabei die
Absicherung des Glaubens im Vordergrund. Anders ist es
beim Humanisten Melanchthon, dem Luther letztlich bei der Umsetzung,
der Reformierung der Universitäten, freie Hand gelassen
hat. In der berühmten Nürnberger Schulordnung von 1526
schreibt Melanchthon, daß es Aufgabe der
Schulen sei, die Lehre des Glaubens zu sichern, was aber
nicht möglich sei ohne die rechte Lehre der Artes (litterae) und der Sprachen.
Den Studienanfängern wird sogar verboten, höhere
Vorlesungen zu hören, ehe sie nicht die fehlerfreie
Beherrschung der lateinischen Sprache (und die
Anfangsgründe der Mathematik) nachgewiesen hätten; Cicero, Erasmus, Terenz und Vergil
waren die vorgeschriebenen Autoren. Erst auf der
nächsten Stufe sollten die naturwissenschaftlichgen
Materien des Quadrivium angegangen und die beiden
heiligen Sprachen Griechisch und Hebräisch erlernt
werden. Und: es wurden auch Disputationen
vorgeschrieben, nachem sich herausgestellt hatte, daß
die Unterlassung dieser als scholastisch verachteten
Übungen sich sehr negativ ausgewirkt hatte. In der
Theologie wurde nun natürlich den Texten des Alten und
des Neuen Testaments der erste Rang eingeräumt, die bis
dahin dominierende Lektüre der Kommentare wurde mehr
oder weniger abgeschafft. In der Jurisprudenz wurde nun
das kanonische Recht als Ausgeburt päpstlicher Tücke
gegenüber dem Jus civile
vernachlässigt, lediglich im Prozeßrecht und
im Familienrecht konnte man nicht ganz darauf
verzichten, sodaß es in der Lehre doch noch
berücksichtigt werden mußte. |
| Wittenberg wurde gewissermaßen die
protestantische Ideal-Universität: 4 Theologen, 4-5
Juristen, 2 Mediziner, 10-11 Professoren in der
Artistenfakultät. Noch gab es keine strikte
Fachzugehörigkeit, alle sollten nach wie vor innerhalb
ihrer Fakultät wenigstens alles können, doch sollten die
einzelnen Professoren sich möglichst einem Fach als
Hauptgebiet widmen. In den Artes wurden Grammatik,
Rhetorik, Dialektik, Griechisch und Hebräisch wurden
häufig von Theologen gelehrt; dazu kamen Geschichte,
Geographie, Mathematik, Astronomie, Physik, Poetik,
Philosophia practica. Für diese Fächer sollte es in der
Folge besoldete Professuren geben. Dies ist realisiert
worden und hat natürlich die Gegebenheiten an den
Artes-Fakultäten stark verändert, ja der
Artistenfakultät größere Bedeutung zugemessen und ihren
für Deutschland typischen Aufstieg zur Dominanz – zuerst
in Göttingen, dann voll ausgebildet in Berlin –
eingeleitet; darin entwickelt sich ein wesentlicher
Unterschied zu den französischen und angelsächsischen
Universitäten. Die Lehre wurde durch die Konzentrierung
auf eine Professur konzentrierter und professioneller,
damit natürlich auch die Ausformung der Fächer an sich.
|
| Dies war aber auch die einzige wesentliche
bewußt gesetzte institutionell-organisatorische
Veränderung. Im übrigen behielten die Universitäten der
reformierten Länder die überkommenen Strukturen bei, sie
behielten auch ihre Privilegien als eigenständige
Institutionen mit eigenen Statuten, Lehrplänen,
Berufungsvorschlägen und dem überkommenen Zeremoniell.
|
| Sehr wohl gab es aber Veränderungen im
Gesamtsystem der Wissenschaft in Hinblick auf die
Gewichtung einzelner Disziplinen. Und auch dadurch, daß
die Universität viel von ihrem alten klerikalen Gepräge
verlor. Die Professoren , die nun auch als Kleriker
nicht mehr dem Zölibat unterlagen, bildeten nicht mehr
wie früher einen abgeschlossenen eigenen Stand. Ähnlich
verhielt es sich auf der studentischen Ebene: die alten
Kollegien wurden aufgelöst, übrig blieben lediglich
Studentenwohnheime. der bis dahin im Reich ohnedies
nicht so stark wie im Westen geübte "Bursenzwang" (den
man als Verschulung tadelte) entfiel, die Studenten
lebten "im Freien", in der Stadt, unter den Bürgern, was
bis dahin in dem Maße nicht der Fall gewesen war; das
Ideal der studentischen Freiheit in einem neueren Sinne
nimmt hier seinen Ausgang. Akademiker wurde nun ein
Berufsstand wie andere auch – aber dennoch verstand man
sich im Reich (im Unterschied zu Italien etc.) als eine
eigene ständeunabhängige und ständefreie Gemeinschaft
und hielt auch damit an einem humanistischen Ideal fest
– wenn etwa die Humanisten sogar dem Kaiser und dem
Papst gegenüber das „tu“
des klassischen Lateins gebrauchten und nicht das damals
selbstverständlich „vos“
(Ihr = Sie). |
| Überhaupt entwickelt sich langsam und
natürlich nach Luther und Melanchthon, die an derlei
nicht gedacht hatten124, ein
anderer Begriff von akademischer Freiheit für Lehrende
und Lernende als zuvor. Er wendet sich hin zur Freiheit
in der Lehre, wie sie für die evangelischen
Universitäten typisch und konstituierend geworden ist:
1737 wird die Freiheit der Lehre zu einem grundlegenden
Eckpfeiler der neuen Universität Göttingen, dann für die
Universität Berlin. Dies macht einen bedeutenden
Unterschied zu den katholischen Universitäten, vor allem
zu jenen unter jesuitischer Führung aus, wo das sehr
rigide Jahrgangs-System nach der Ratio studiorum einen Freiraum für
die Studierenden nicht zuließ. |
| Inhaltlich unterschied sich das
Studienprogramm unterscheidet sich im übrigen kaum von
den katholischerseits vertretenen Ansichten. Tatsächlich
haben ja beide Seiten dies auch durch Anerkennung und
Übernahme einzelner Bereiche dokumentiert: die Jesuiten
haben das von dem Calvinisten Johannes Sturm (1507-1589) propagierte Programm
der Universität Straßburg als ein dermaßen brauchbares
und nachahmenswertes befunden, daß es sogar die Ratio studiorum beeinflußt
hat, und vice versa hat Sturm 1565 in einem Brief an den
brandenburgischen Markgrafen Albrecht selbst anerkannt,
daß die Jesuiten ein Unterrichts- und Erziehungsmodell
entwickelten, das eigentlich eine Verbesserung und
Weiterführung seiner eigenen Ansichten darstelle: „ut a nostris fontibus derivata esse
videatur“125. |
| Die Konfessionalisierung hat letztlich auf
beiden Seiten – Katholizismus und Reformierten aller
Spielarten – einen recht einheitlichen neuen
Universitätstyp zur Folge gehabt. Allen gemeinsames Ziel
ist die sapiens et eloquens
pietas. |
| Beide Seiten legten allerdings Wert auf die
geschlossene konfessionelle Ausrichtung ihrer
Universitäten. Auf der Seite der Reformierten ergaben
sich allerdings sehr bald unterschiedliche Auslegungen,
und erbitterte Streitigkeiten waren die Folge, nicht nur
zwischen Lutheranern, Calvinisten und Zwinglianern,
sondern auch innerhalb der lutherischen Sphäre. Hier
gelang es zwar 1574-1577, eine Reihe von
protestantischen Universitäten auf die sogenannte Konkordienformel126
festzulegen, doch schlossen sich andere wiederum dieser
Formel nicht an – was natürlich neuerliche Zerwürfnisse
und Schwierigkeiten auslöste. De facto betrafen sie aber
nur einen relativen kleinen Teil der
Universitätsangehörigen, sodaß sich das Institut der
peregrinatio academica erhalten konnte und
die protestantischen Universitäten nicht wirklich aus
der sich entwickelnden Respublica literarum
ausgeschlossen wurden; nicht wenige Protestanten haben
im Zuge ihrer Reise auch die katholischen Universitäten
Frankreichs und Italiens besucht. Dafür haben auch die
Landesfürsten gesorgt, die bei der Auswahl der Bewerber
für die höheren Beamtenstellen auf einen weiteren
Bildungshorizont Wert legten – „wird
hier keiner ästimiert, der nicht gereist ist und
seine exercitien gelernt hat“). Die
neben der Glaubensforderung gleichwertige Forderung nach
der Arbeit und dem Nutzen für das Gemeinwohl, wie es
z.B. in der von David Chyträus mitverfassten Verfassung der
Universität Rostock 1576 ausdrücklich festgeschrieben
worden ist, haben einer allfälligen negativen Auswirkung
der Konfessionalisierung gegengesteuert. Melanchthon hat
die Forderung nach dem Gemeinnutz bereits aufgegriffen,
1622 schreibt ein Georg Engelhard Löhneys in seiner "Hof-, Staats- und
Regierungskunst" folgendes: „Denn es
ist dem gemeinen Nutzen viel schädlicher, wenn ein
Fürst unverständige, böse Räte und Offiziere um
sich hat, ob schon er verständig und fromm, als
wenn der Fürst für seine Person unverständig, die
Räte und Offiziere aber vorsichtig und aufrichtig
seind“. |
| Die Schwierigkeiten und Differenzen
zwischen den einzelnen lutherischen Landeskirchen und
Universitäten haben eine viel uneinheitlichere,
differenziertere Entwicklung im universitären Bereich
dieser Länder geführt und auch eine vielfach polemische
Konkurrenzierung und Befehdung bewirkt, die ihrerseits
wissenschaftlich höchst befruchtend war. Die betraf vor
allem die Artistenfakultäten und die Theologen, weniger
naturgemäß die Mediziner und die Juristen. der damit
verbundene Vorteil offenbarte sich erst mit dem
Einsetzen der Aufklärung, der die Offenheit,
Diskussionsfähigkeit und freiere Auffassung der
protestantischen Wissenschaftler sehr entgegenkam, sodaß
die Aufklärung hier natürlich viel rascher sich
durchsetzte als an den zumeist jesuitisch geführten
katholischen Universitäten. |
| Die konfessionelle Kontrolle in den
territorialstaatlichen Universitäten der reformierten
Länder ist in der Praxis bei weitem nicht so streng
ausgefallen, wie sie theoretisch zu erwarten gewesen
wäre. De facto haben die 15-20 Professoren der vielfach
einen territorialen Universität in diesem Territorium
eine höchst bedeutsame und angesehen und damit auch
meinungsbildende Stellung eingenommen: die Theologen
saßen in der Kirchenleitung, die Juristen in den
Gerichtshöfen und arbeiteten auch als Diplomaten und
nahmen damit Anteil an der kontrollierenden Macht.
Vielfach haben sich Professorenkollegien auch als
Faktoren zur Verhütung staatlicher Willkür und
obrigkeitlichen Mißbrauchs bewährt. Ein Negativum lag
natürlich darin, daß die Professoren überfordert wurden
und zeitweise ihre Lehrtätigkeit darunter litt, sie
überhaupt abwesend waren. Auf der Seite der Studenten
gab es keine Gründe, aus dem Land wegzugehen – nirgendwo
in Deutschland gab es einen großen glanzvollen Hof wie
etwa in Paris oder London, an dem man große Erfahrungen
machen konnte, und im Landesdienst (wenn man in diesen
zurückkehren wollte), wurden ohnedies die Absolventen
der eigenen Universität bevorzugt, außerdem war die
Ausbildung in der Polizey und bei den Juristen etc.
ohnedies auch auf die lokalen Gegebenheiten
abgestimmt127. Außerdem
blieben die Universitäten durch diese Anbindung an die
Praxis lebendig und wirklichkeitsnahe. Insgesamt ist die
soziale Rolle der Universität durch die
Territorialisierung und die Konfessionalisierung
wesentlich angehoben worden – es wird eine Art
„Funktionalisierungsschub“ wirksam. Unter dem Einfluß
des Humanismus bleibt aber das Ideal der Respublica litteraria
erhalten! |
| Nach dem Dreißigjährigen Krieg, vereinzelt
schon während des Krieges, beginnen die Universitäten –
unter dem Druck auch des Entstehens von
Ritterakademien128 wie der
bereits erwähnten Gymnasia
academica – ihren Fächerkanon zu
modernisieren, die Lehrinhalte zu durchforsten und zu
verjüngen, und man versucht auch, für den Adel
attraktiver zu werden. Dies gelang vor allem jenen
calvinistisch reformierten Universitäten, die besonders
gute Beziehungen zu den niederländischen Universitäten
hatten wie Frankfurt/Oder, aber auch Jena und Helmstedt.
Unter den katholischen Universitäten des Reiches nahm
Salzburg eine führende Position in der Modernisierung
ein. |
| In dieser Zeit verändern sich die
Universitäten im Reich auch äußerlich: die immer noch
der Tracht des mittelalterlichen Klerikers angeglichene
akademische Tracht verschwindet und weicht der
Aufmachung des Kavaliers und man beginnt nach der Phase
des Grobianismus auch wieder auf gute Sitten großen Wert
zu legen. Um 1700 heißt es in einem Reformpapier zur
Universität Halle: „Auf gute
Aufführung der Lehrer ist vorzüglich zu sehen. Ich
verachte das göttlichste Genie, wenn es auf
öffentliche grobe Laster fällt“. Auch
Münchhausen hat in Göttingen sehr viel
Wert darauf gelegt, daß die Universitätsangehörigen
insgesamt eine gesittete Gesellschaft abgeben129. |
| Eine ganz außerordentlich bedeutende
Wendung nimmt das Universitätswesen im Reich durch die
Gründung der Universität Halle 1694 und das Wirken des
Christian Thomasius an ihr und dann durch die
Gründung der Universität Göttingen 1734/37; sie bringen
die Gewährung völliger Lehrfreiheit – so heißt es für
Halle „Denken mag jeder in
Religionssachen, über Gegenstände der
Staatsklugheit und Moral, wie er will, aber alle
seine Gedanken darf er nicht öffentlich vortragen,
besonders, wenn er sich darin verrufenen Sekten
nähern sollte. Denk-, Red- und Pressfreiheit nährt
und erhebt die Seele; der kriechende despotisch
behandelte Gelehrte wird in Ewigkeit nichts Großes
liefern. Unsern Professoren ist ohne Rücksicht
erlaubt, selbst das teutsche Staatsrecht bloß nach
ihrer Überzeugung vorzutragen, ohne darauf zu
sehen, ob ihre Lehrsätze mit dem Interesse
derjenigen Klasse von Reichsständen, zu welcher
unser Regent gehöret oder mit denen noch
spezielleren Interessen unseres Hofs
übereinstimmen oder nicht". |
| In der 2. Hälfte des 18. Jhs
haben sich die protestantischen Universitäten dermaßen
entwickelt, daß Johann David Michaelis 1768 feststellt, daß man
lediglich England gegenüber vielleicht das Nachsehen
haben werde, allen anderen aber voran sei, obgleich es
in Deutschland keiner Akademie gebe, deren Mitglieder
allein für die Wissenschaft leben könnte, außer in
Berlin. |
|
|
| In der Schweiz
entwickelte sich die Universität Basel im
wesentlich wie die Universitäten im Reich – die
Konzilsuniversität war 1449 mit dem Konzil erloschen,
doch war 1460 eine neue Universität gegründet worden.
1532 wurde die Universität dem quasi autonomen Stadtrat
unterstellt, der ihr im 16. Jh auch unter
konfessionellen Gesichtspunkten ihre Freiheit beließ; im
17. Jh allerdings kippte man in eine kleinlich,
streng orthodoxe Zucht des Stadtrates, die alle
Freiheiten beschnitt und die Universität sehr rasch ihre
alte überregionale Bedeutung verlieren ließ. |
| Die reformierten calvinischen und
zwinglianischen Universitäten (natürlich ohne jede
Privilegierung) besaßen keine Fakultäten, sondern
bestanden nur aus einer Akkumulierung von Lehrstühlen,
waren aber straff organisiert (stärker als die
lutherischen, ja sogar als die jesuitischen) und in
vieler Hinsicht Vorbild für die Universitäten anderer
reformierter Gebiete. Es gab zwar sehr detaillierte
kirchliche Richtlinien, daneben aber anfangs doch auch
einen gewissen Freiraum für humanistische Studien. Im
17. Jh hat die Bedeutung dieser Universitäten rasch
abgenommen. |
|
|
| Ganz anders entwickelten sich die
Universität in den reformierten Niederlanden. Hier
hatten Leiden (1575), Groningen (1612) und Utrecht
(1632) von Beginn an überregionale Bedeutung erlangen
können und allgemein anerkannte Grade verliehen, ohne
daß sie je ein Privileg erhalten hätten. Obgleich
strenge Kirchenzucht herrschte, beließ man den
Universitäten einen gewissen Spielraum, zumal ja aus
Frankreich und auch aus anderen Ländern nicht wenige
Gelehrte aus konfessionellen Gründen nach den
Niederlanden emigriert waren und man sich dort der
Bedeutung dieser Leute und der Wirksamkeit dieser
Internationalität auch für das Überleben der kleinen
Republik bewußt war. So haben die Stadtväter und
regierenden Politiker trotz aller kirchlichen Aspekte
diese Universitäten weitsichtig unterstützt und
gefördert – was aber nicht immer verhindert konnte, daß
Männer wie Hugo Grotius aus religiösen Gründen zu
lebenslanger Haft verurteilt wurden. Die Tolerierung
wurde noch verstärkt, als die Niederlande 1648 in ihrer
Selbständigkeit anerkannt wurden. Den kirchlichen
Stellen waren die Anstalten allerdings zu wenig orthodox
und in gewisser Hinsicht ein Dorn im Auge, doch
vermochten sie sich nicht gegen die weltlichen
Interessen der Regierenden der Generalstaaten130 durchzusetzen, was den
niederländischen Universitäten eine enorme Stellung und
Bedeutung sicherte131. |
|
|
| Die 1477 gegründete Universität
Uppsala132 folgte
nach der Reformation zunächst dem Wittenberger Modell,
geriet dann im ausgehenden 16. Jh unter
ramistischen Einfluss, bis sie von Gustav Adolf in
strengem Luthertum reformiert. Einen eigenständigen
Charakter gewinnt Greifswald133 –
gegründet 1456 – als Universität des Ostseeraums vor
allem durch seine Juristenschule. |
|
|
|
|
| An den französischen Universitäten ist vor
allem die Theologie erstarrt, die unerhört starke
scholastische Theologie in Paris, die ja gewissermaßen
mitbestimmte, was Kirche und kirchliche Lehrmeinung sei,
hat sich dem humanistischen Einfluß weitestgehend
entzogen, und mehr und mehr entwickelten sich die
Pariser Theologen zu Hütern der Orthodoxie, die an den
Grundmustern der alten scholastischen Theologie
festhielten. Dies hat maßgeblich zum Niedergang der
franzlösischen Universitäten während der Religionskriege
beigetragen. Vereinzelte Reformierungsansätze – 1679,
1700, 1707 – seitens der Krone blieben erfolgslos. Die
laufende Verstärkung der Zentralisierung hat die
Ausdünnung der Sorbonne gefördert, da diese am Ende
eines cursus honorum
stand bzw. sich mehr oder weniger aus sich selbst bzw.
aus die Universität umgebenden Zirkeln rekrutierte.
|
| 1530 ist beispielsweise das Collège des
lecteurs royaux – die Vorläuferinstitution des College
de France – nicht der Universität Paris eingegliedert
worden, weil diese es ablehnte. Die 1425 gegründete
Universität Löwen (Leuven, Louvain) hat hingegen 1517
die Inkorporierung der Collegium trilingue
akzeptiert134. |
|
|
| Eine ähnlich Erstarrung wie in Frankreich
ist an den spanischen Universitäten eingetreten. Sie
ging Hand in Hand mit dem Bemühen um eine besondere
Absicherung des eben erst abgeschlossenen
Missionierungswerkes nach dem Fall von Granada (1492)
durch einen rigoroseren Katholizismus, als es etwa das
erasmische Christentum war. Nach und nach gerieten die
Universitäten in die Hand von Orden – der Dominikaner
und der Jesuiten. Die Fakultäten verkümmerten und wurden
zusammengefaßt in Ordensstudien. Einzelne Universitäten
monopolisierten die Vergabe bestimmter Posten,
Lehrstühle wurden als Pfründenbesitz betrachtet, ebenso
die Kollegienstellen, die z.T. als Pfründen von
Professoren eingenommen wurden. Reformversuche seitens
der Krone scheiterten, zumal die königlichen Räte ja
selbst aus diesem System hervorgegangen waren. Das
Studium im Ausland wurde 1559 überhaupt verboten – nur
wenige durften noch unter bestimmten Bedingungen nach
Rom, Coimbra, Neapel oder Bologna gehen. Das System
erstarrte in Traditionalismus. |
|
|
| In Bezug auf das Reich ist bereits
festgestellt worden, daß der Unterschied zwischen den
reformierten Gebieten und den katholischen Gebieten
nicht so gewaltig war. |
| Im katholischen Bereich bediente man sich
häufig des Jesuitenordens, dessen Lehrmonopol ja auch im
Reich galt, und so entstanden vielfach Universitäten mit
einer Artesfakultät mit drei Jahrgängen und einer
Theologischen Fakultät (wie beispielsweise die
Universität Graz); kaum eine dieser Universitäten ist
voll ausgebaut worden, da die Jesuiten keinen
Lehrauftrag für Jurisprudenz oder Medizin hatten; und
wenn diese Universitäten vervollständig wurden, dann
nahmen die juridischen und medizinischen Fakultäten eine
ganz andere Stellung ein (wie das Beispiel Wien
erweist), da sie im spezifischen territorialen Interesse
lagen. Die Universitäten wurden im katholischen wie im
reformierten Bereich zunehmend Instrumente einer
landesfürstlichen Meliorationspolitik, und sie sind
diesen utilitaristischen Zielsetzungen vielfach auch
erfolgreich nachgekommen, vor allem als im 18. Jh
eine rege Reformtätigkeit einsetzte, die von Halle über
Göttingen ihren Ausgang nahm und sehr rasch zu einer
Erneuerung der Universitäten unter staatlicher Dominanz
führte (die freilich dann in den Jahren nach 1789 sehr
rasch weitgehend zunichte gemacht worden ist). |
|
|
| Hier existierte praktisch nur Krakau mit
verschiedenen Dependencen. |
|
|
| An den Universitäten Italiens blieb die
traditionell starke Jurisprudenz auch im 16. Jh
dominierend, zunehmend kamen deshalb auch Ausländer, die
allerdings auch an die Medizin gingen – mitunter machten
die Ausländer die Hälfte der Immatrikulierten aus. Zu
Erhaltung dieses ökonomisch interessanten
Ausländeranteils drangen die Universitätserhalter auf
exakter organisierte, kürzere Studien. Die traditionell
vernachlässigte Theologie spielte weiterhin kaum eine
Rolle, ja manche Universitäten besaßen nicht einmal eine
theologische Fakultät. Im Zuge der Gegenreformation
haben sich diese offenen Verhältnisse allerdings etwas
verhärtet. 1564 versuchte Papst Pius IV mit seiner
Bulle In Sacrosancte die „leichtsinnigen“ Promotionen
ausländischer Protestanten an italienischen
Universitäten abzustellen, doch hat man sowohl an den
Universitäten wie bei den Universitätserhaltern (wie
etwa in Venedig) mit allerlei Tricks versucht, diese
Einschränkungsversuche zu umgehen, indem man z.B. eigene
Prüfungsbehörden außerhalb der Universitäten einrichtete
u.ä. An der Universität Padua umging man sogar den
geforderten Eid auf die Rechtgläubigkeit, so konnten
dort sogar Juden aufgenommen werden. Auf grund dieser
Verhältnisse hielt sich der Zustrom nichtkatholischer
Studenten bis in das 17. Jh hinein. Gleichzeitig
ging aber ab dem 16. Jh die Freizügigkeit der
italienischen Studenten zurück, weil die Landesherren
die Absolventen der eigenen Universitäten bei der
Einstellung vorzuziehen begannen. Dies leitete eine
gewisse Verprovinzialisierung ein, die im 18. Jh zu
einem Nachlassen des Besuches durch Ausländer führte. Da
insgesamt der Markt im 17. Jh enger geworden war
(es waren ja auch die Jesuiten hinzugekommen), begannen
die Professoren sogar Privatvorlesungen zu geben, sodaß
inoffizielle Privatuniversitäten neben den offiziellen
Universitäten entstanden (womit sich die Professoren
selbst Konkurrenz machten), was verschiedentlich zu
einer Verkümmerung zu reinen Berufsvorbereitungsschulen
führte. Andererseits entstanden gleichzeitig
hochspezialisierte Fachhochschulen, wie etwa eine solche
für die Naturwissenschaften in Verona 1669. In den
habsburgischen Gebieten setzte unter Maria Theresia 1753 die Reform ein.
|
| Insgesamt ist festzustellen, daß die
Reformen stets von den Landesfürsten angeregt wurden,
die Lebensfähigkeit durch den Landesfürsten garantiert
werden mußte; aber auch, daß dennoch die Universitäten
immer wieder bemerkenswerten Freiraum behielten. |
|
|
| Von der Typologie her dominierte im
16.-18. Jh das Pariser Modell, das allerdings drei
spezifische Varianten ausbildete: |
| 1 |
Professoren-Universität mit einem nach Fakultäten
gegliederten und in Professuren organisierten
System, speziell zur Ausbildung von Spezialisten,
|
| 2 |
College- oder
Tutorien-Universität nach dem Modell Oxford mit
primär dezentralem Lehrbetrieb und einer Vielzahl
von Gemeinschaften, in denen Lehrer und Studenten
zusammelebten und neben der Fakultätsstruktur der
Schwerpunkt eher auf der Allgemeinbildung lag,
|
| 3 |
Kolleg-Universität, ein Zwischenmodell, das die
Vorteile zentraler Organisation mit dem
Kollegsystem in überschaubarer Größe verband und
eine bessere Kontrolle des Studiums und des
studentischen Lebens ermöglichte. Es war dies ein
hauptsächlich in den Randgebieten realisierter Typ
(Schottland, Spanien, Deutschland, Osteuropa), der
den Wunschtypus jedes Fürsten darstellte, der die
Universität unter seine Kontrolle zu bringen
suchte. |
|
| Großen Einfluß entwickelte auch das 1538
von Johannes Sturm für Straßburg entwickelte
Modell, bei dem auf eine humanistische Schule mit
Alterklassen ein halbuniversitäres System mit
Lehrstühlen aufbaute, die den Stoff im Turnus der
Lehrveranstaltung anboten. Dieses Modell ist sowohl von
der reformierten, als auch dann von den Jesuiten
übernommen worden. |
| Melanchthon hat das Lehrstuhlsystem
vertreten, das an allen lutherischen Universitäten
beibehalten worden ist. |
| Eine spezielle Gruppe bildeten die
Jesuitenuniversitäten, die 1556/61 von Paul IV das
Recht zur Verleihung der unteren akademischen Grade
erhalten hatten. Diese Universitäten bestanden in der
Regel nur aus einer Artistenfakultät mit einem
dreijährigen Turnus und einer Theologischen Fakultät;
nur wneige entwickelten sich zur Volluniversität – und
wenn dann meist erst in der 1. H. des 18. Jhs.
Graz ist ein typisches Beispiel für diesen Typ. |
| Dem Bereich Hochschulen sind für den
Zeitraum 16.-18. Jh korrekterweise noch zahlreiche
Institutionen zuzurechnen, die nicht als Universitäten
akzeptiert waren, aber als solche wirkten: die bereits
erwähnten humanistischen Schulen, gymnasia illustria oder academica, und eine Fülle
von Ordensseminarien unterschiedlichster
Organisationsform. |
| Es tritt im 16.-18. Jh eine
unglaubliche Vielfalt von Universitätsgründern auf.
Dennoch nimmt die Freiheit der Gründungsinitiativen
laufend ab, indem die Landesfürsten die Dinge an sich
ziehen und ihrer Kontrolle unterwerfen. |
| Hinsichtlich der Konfessionalisierung ist
zu bemerken, daß es einzelnen Laienuniversitäten
erstaunlich gut gelungen ist, sich der geistlichen
Kontrolle durch die Kirche zu entziehen, ganz besonders
trifft dies für die niederländischen Universitäten zu,
obgleich sie sich zur reformierten Kirche bekannten und
auch deren Pfarrer ausbildeten. Die Auseinandersetzungen
zwischen einzelnen, konfessionell unterschiedlich
orientierten Hochschulen in einer Stadt sind spätestens
im 18. Jh abgeflaut, als der Staat alles an sich
zog. |
| Vor allem in den katholischen Ländern, wo
nur die via antiqua
beschritten wurde, blieb es bis weit in das
15./16. Jh hinein bei den alten Fächern, die z.T.
noch immer aus Autoren des 13. Jhs vorgetragen
wurden – dies war aber auch an den klassischen, den
Ockhamismus ablehnenden Universitäten nicht anders: in
Oxford und Cambridge wurden die drei Philosophien135 (Metaphysik, Moral,
Naturphilosophie) im 15. Jh im wesentlichen gelehrt
nach: Aristoteles, Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Duns Scotus, Thomas Bradwardine, Averroes, Giles von Rom und Walter Burleigh, was
in England eine realistische (im Sinne des
Universalienstreites) und sterile Fortsetzung des
scholastischen Philosophie bewirkte. Vor allem in Oxford
regierte der Scotismus. Ockham wurde nicht gelesen. |
| Am stärksten veränderte sich in der Zeit
16.-18. Jh die Artesfakultät, indem nämlich das
propädeutische Element mehr und mehr an neue, immer
höherwertigere Schulformen – gymnasia illustria, colleges de plein
exercice, oft auch nur verselbständigte
Colleges und auch an die dreisprachigen Kollegien in
Alcalá de Henares, Löwen und Paris, die ja sehr bald
nicht mehr nur Sprachen, sondern auch Mathematik und
andere Fächer lehrten – überging, sodaß sich der
Übergang von der Artesfakultät zur Philosophischen
Fakultät anzubahnen begann. Parallel dazu boten ab dem
17. Jh die neu aufkommenden Ritterakademien einen
stark technisch und angewandt ausgerichteten, sehr
komplexen Unterricht in geradezu militärisch straffem
Stil an; meist handelte es sich um Schulen samt
Internat, also geschlossene Systeme mit perfekter
Kontrolle über die Schüler, was den Eltern wilkommen war
und auch den landesfürstlichen Intentionen nicht
zuwiderlief. |
| Wie altertümlich diese Struktur aber
anfangs sogar an einer reformierten Universität aussah,
lässt sich am Beispiel der Universität Basel zeigen. Ähnlich
verhielt es sich an den anderen Universitäten. |
| Zu Beginn des 17. Jhs erhielten die
englischen Artesfakultäten einige neue Professuren bzw.
es wurden alte Lehrstühle neuen Fachbereichen gewidmet,
wobei die Geschichte eine besondere Rolle spielte, die
ja keinen eigenständigen Platz im Kanon der an der
Universität gepflegten Fächer einnahm136; in Oxford wurden
innerhalb kurzer Zeit bedeutende Professuren
eingerichtet: |
| 1618 |
durch Sir William
Sedley der
Sedleian Chair of Natural Philosophy |
| 1619 |
durch Sir Henry
Savile der
Savilian Chair of Geometry (dessen erster Inhaber
Henry Briggs wurde, dessen Logarithmen allgemeine
Verbreitung fanden) und der Savilian Chair of
Astronomy |
| 1621 |
eine Professur
der Moral Philosophy durch Dr. White |
| 1622 |
eine Professur
für Geschichte durch William Camden als Stifter137 |
|
| In Cambridge wurde lediglich 1627 eine
Professur für Geschichte (mit Fulke Greville als Stifter)
installiert. Die Anregung dazu war von der 1586
gegründeten Society of Antiquaries in London, also von
privater nichtakademischer Seite (Rechtsanwälte, Herolde
und hohe Beamte) ausgegangen, die das Defizit erkannt
hatten und ihm zu begegnen suchten. |
| In den Ausmaß, in dem die Universität die
alte Universalität verloren und unter dem Druck der
Landesfürsten die Zersplitterung der
Universitätslandschaft bewirkt wurde, eine
Territorialisierung, ja Regionalisierung eintrat,
vollzog sich auch eine langsame, aber permanente
Einengung der Studienprogramme. |
| Weiters verlagert sich die Dominanz
innerhalb der Universitäten von den im Mittelalter
weitaus überwiegenden Artistenfakultäten zu den Rechts-
und Medizinfakultäten. Allerdings wurden in einzelnen
Ländern Zulassungsprüfungen – Konkurse – zu einzelnen
Positionen in der Verwaltung eingeführt, die dem
Bewerber das teure Studium der Rechte ersparten und
zudem exakter auf die Bedürfnisse zugeschnitten waren
und somit sehr rasch einsetzbare Beamte lieferten. |
| Wirklich erfolgreich waren die
Universitäten lediglich in der Verteidigung des
Promotionsrechtes. |
| An der eigentlichen
Wissenschaftsentwicklung nahmen die Universitäten so gut
wie keinen Anteil – die lief außerhalb der Universität;
diesbezüglich ist auch der Akademien zu gedenken. |
| Lediglich die Universität Leiden kann um
1600 eine Sonderstellung für sich beanspruchen – sie
vefügte über eine erhebliche Anzahl hervorragender
Wissenschaftler, die den Ton angaben und mit ihren
Arbeiten eine Spitzenstellung einnahmen; doch handelte
es sich dabei mehrheitlich um geisteswissenschaftliche,
philologische und wissenschaftstheoretische Arbeiten,
von experimenteller Arbeit ist noch keine Spur, die
setzt erst um 1660 ein – Basel ist ein frühes und
schönes Beispiel dafür. |
|
|
| In der inneren Struktur bringt diese Zeit
16.-18. Jh auch den Niedergang der Nationen, die
praktisch ihre Bedeutung verlieren (in Wien schon zu
Beginn des 16. Jh) und z.T. auch de iure untergehen
(1619 hat Ludwig XIII die Nationen in Frankreich
aufgehoben), die Studenten lassen sich erst gar nicht
mehr in die Nationen eintragen bzw. es werden mitunter
völlig willkürlich Matrikeln geführt, soweit noch eine
Zwangsmitgliedschaft besteht (wie etwa in Leipzig bis
1620). Am längsten bestanden die Nationen wirksam in
Padua, weil sie dort bei dem hohen Ausländeranteil ihre
ursprüngliche Funktion der Aufrechterhaltung des
Kontaktes zum Heimatland noch einigermaßen erfüllten.
|
| Die im Mittelalter maßgeblichen päpstlichen
und kaiserlichen Privilegien allgemeinerer Natur haben
im 16. Jh an Bedeutung verloren. Dafür kamen neue
Privilegien hinzu, die sich als sehr bedeutsam erweisen:
das Druckmonolpol, das Anrecht auf Pflichtexemplare
einer Druckerei, eine bestimmte Kleidung zu kultivieren
oder sich Statuten zu geben (die dann allerdings in der
Regel von der übergeordenetn Instanz zu genehmigen waren
– z.B. Marburg, Gießen 1629, behält dieselben Statuten
bis 1879!). Mitunter betrafen derartige gesetzliche
Regelungen nur eine Universität, mitunter aber auch alle
in einem Herrschaftsbereich, sodaß diese Gesetze
allgemeineren Charakter annahmen. Ab 1600 kommt es
vermehrt vor, daß Landesfürsten Universitäten, deren
Betrieb ihnen gegenüber beanstandet wird, visitieren und
durch Verordnungen zu korrigieren suchen – 1607 hatte
ein solches Verfahren durch den Habsburger Erzherzog
Albrecht der
Universität Löwen gegenüber ein grundlegendes
Studiengesetz zur Folge. Ähnlich haben die französischen
Provinzparlamente ab etwa 1500 ihre Universitäten immer
wieder reformiert (bis zu deren Aufhebung 1793). |
| Hinsichtlich der Universitätsorgane ist
hervorzuheben, daß die Generalversammlungen im
16. Jh an Bedeutung zu verlieren zu beginnen. Sie
führen nun meist unter humanistischem Einfluß die
Bezeichnung senatus,
zählen aber in Frankreich, im Reich und in Schweden nach
und nach nur mehr die ordentlichen Professoren zu ihren
Mitgliedern. In Oxford und Cambridge blieb man im
wesentlichen noch bei der alten Zusammensetzung, wobei
sich jedoch eine Zweiteilung in eine Kammer der lesenden
und eine Kammer der nichtlesenden Magistri ergab; im
18. Jh ist die Macht dieser Great Congregation oder
Great Convocation in Oxford und des Senats in Cambridge
stark zugunsten des Vizekanzlers eingeschränkt worden.
In Bologna und Padua gab es nach wie vor noch die
Generalversammlung, die ausschließlich aus Studierenden
bestanden, doch gab es mittlerweile daneben auch die
Fakultätsversammlungen der Professoren. |
| Da sich die Wirksamkeit der riesigen
Kollegialorgane sehr in Grenzen hielt, entstand in der
Regel ein kleiner Senat, dessen Zusammensetzung
natürlich sehr unterschiedlich sein konnte – Rektor,
Vizekanzler, deputierte Senatoren, Dekane, Leiter von
Colleges. In Cambridge und dann auch in Oxford
entwickelte sich überhaupt ein eigenes, tatsächlich die
Geschäfte führendes Gremium, der Hebdomadal Council (der
wöchentliche Rat), der in Oxford heute noch besteht. In
Bologna und anderen italienischen städtischen
Universitäten und vor allem dan auch in den Niederlanden
sind auch außeruniversitäre Personen in den Senat
aufgenommen worden, Vertreter der Stadt, von den
holländischen Provinzstaaten ernannte Kuratoren etc. –
Ähnlich verlief die Entwicklung auf der Fakultätsebene.
|
| Wenige Veränderungen gab es hinsichtlich
des Rektors, seine Aufgaben blieben dieselben. Im Reich
wurde es allerdings – mit Ausnahme der Universität Köln
– üblich, die Rektorswürde einer königlichen Hoheit oder
einem hochadeligen Studenten zu verleihen; man erhoffte
sich davon eine besondere Protegierung der Universität.
Das eigentliche Rektorsamt wurde dann von einem
gewählten Prorektor ausgeübt. Die Amtsperioden für das
Rektorat waren ursprünglich kurz: ein Semester, maximal
ein Jahr, die Professoren durchliefen vielfach das Amt
turnusmäßig. Das längst nicht mehr ernstgenommene
studentische Rektorat in Bologna fand ein Ende, als sich
1604 kein Kandidat mehr fand. |
| Eine Besonderheit des Rektorsamtes war die
Wahrnehmung des akademischen Gerichtes, für das mitunter
zusätzlich auch ein eigener Disziplinarbeamter
angestellt wurde. Die verhängten Strafen waren: Tadel,
Geldstrafe, körperliche Züchtigung oder Gefängnis.
Laufende Querelen zwischen den Universitäten und den
Bürgerschaften der Städte waren die Regel; die Bürger
bezichtigten den Rektor der unlauteren Bevorzugung der
Universitätsmitglieder, mitunter wurden deshalb auch
Nicht-Universitätsmitglieder beigezogen. Dies führte
auch dazu, daß im späten 17. und mehr noch im
18. Jh das akademische Gericht an Bedeutung verlor,
ja in nicht wenigen Ländern sogar aufgehoben wurde, so
in Österreich durch Josef II. Ein anderer
wesentliche Agende des Rektors war die Wahrnehmung der
Finanzen der
Universität; auch dafür gab es meist einen eigenen
Beamten, eine Art Schatzmeister, der die gesamte
finanzielle und ökonomische Verwaltung unter
Oberaufsicht des Rektors zu besorgen hatte; in Uppsala
mußte dieser Beamte einen akademischen Grad besitzen und
wurde vom König eingesetzt. |
| Die Einkünfte der Universitäten bzw. der
Kollegs setzten sich in der Regel aus zwei Gruppen
zusammen: Eigentum und Nutznießungen. Eigentum waren
meist die ursprünglich gestifteten Immobilien und
Mobilien; Mäzene tätigten meist Stiftungen in Form von
Nutznießungen. Dazu traten die Einkünfte der Universität
oder des Kollegiums aus der Immatrikulation und den
Prüfungsgebühren sowie Bußgeldern der Studenten und
kleineren Stiftungen, die meist zu ganz bestimmten
Zwecken getätigt wurden (z.B. für den Ankauf von Büchern
für eine bestimmte Lehrkanzel etc.). Die Hochschulträger
unterstützten die Universitäten zunehmend mit direkten
und festen Geldbeträgen und auch mit der Umwidmung von
festen Pfründen zugunsten der Universität, meist
speziell zur Besoldung einer bestimmten Professur – die
Universität Krakau verfügte gegen 1800 hin über
insgesamt 300 Pfründen. Aber nur wenige Universitäten
sind dermaßen reich begabt worden wie Krakau oder wie
die schwedischen Universitäten, wo König Gustav Adolf II.
große Summen und ganze Landschaften der Universität
Uppsala stiftete, um sie auf europäisches Niveau zu
heben – ganze Landschaften, dazu 264 freie Bauernhöfe,
Anteile an weiteren Höfen, an Mühlen, Einkünfte aus
Pfarreien etc.etc. Die Universität Uppsala konnte sogar
Rücklagen bilden und erlebte infolgedessen eine etwa
200jährige Blütezeit. |
| Den größten Teil der Ausgaben verschlangen
in der Neuzeit (anders als im Mittelalter) die Gehälter
der Professoren und die der Beamten. In England schufen
im 16. Jh die regius
professorships soziale Sicherheit, in
Salamanca unterschied man zwischen catedraticos de regencia und catedraticos de
propriedad, deren Gelder aus weniger sicheren
Quellen stammten. Eine dritte Ausgabenart waren die
Stipendien für Studenten. Generell ist zu sagen, daß die
Kollegien finanziell viel besser gestellt waren als die
Universitäten, da sie meist von Stiftern zur Gänze
ökonomisch abgesichert wurden. Mißstände in der
Verechnung haben im 17. und 18. Jh dazu geführt,
daß staatliche Kontrollen vorgenommen wurden, die
Gelegenheit zur Einflußnahme seitens des Staates boten.
|
| Wie bei den Zünften auch gab es an den
Universitäten Kassen für kranke Mitglieder, Witwen und
Waisen, die immer stärker institutionalisiert wurden;
bei der Gründung der Universität Halle 1693 wurde eine
derartige Kasse uno actu errichtet und aus speziellen
Mitteln gespeist. |
| Neben den bis dahin üblicherweise
vorhandenen Beamten stellten die moderneren Universität
im 17. Jh eine Reihe von Lehrern an, die es bis
dahin an den Universitäten nicht gegeben hatte:
Zeremonienmeister, besoldete Redner, Reit-, Tanz- und
Fechtlehrer etc. im 18. Jh treten dann die ersten
Lehrer lebender Fremdsprachen hinzu und auch der
jeweiligen Nationalsprache (z.B. in Wien, Frage des
Beamtendeutsch, d.h. Deutsch als normalisierte
Verwaltungssprache). Auf der Ebene der Handwerker traten
die Buchdrucker, die Buchbinder und Gärntner hinzu.
|
| Die Funktion einer Aufsichtsbehörde haben
vielfach noch die Kanzler (ursprünglich als beauftragte
Stellvertreter des Bischofs) wahrgenommen, in einzelnen
Fällen haben sie dies mit großem Einsatz getan, meist
aber nur im Sinne eines leeren Ehrenamtes. Die
tatsächliche Aufsicht verlagerte sich mehr und mehr auf
Regierungsbeamte und im 18. Jh wohl auch auf
Kommissionen wie die von Maria Theresia eingesetzte
Studienhofkommission. In Spanien haben Karl V. und
Philipp II.
zu wiederholten Malen Universitäten visitiert, ähnlich
fanden derartige Inspektionen in England ab 1535 statt.
Die Inspektionen, Visitationen veränderten nach und nach
das Verhältnis zwischen Staat und Universitäten, trugen
zur Vermehrung der staatlichen Einflußnahme bei. In
Italien und Deutschland konnten derartige Visitation
auch durch gewählte Vertreter von Bürgerschaften,
Städten, sogenannte "Kuratoren", durchgeführt werden.
|
| Als eine spezielle Sonderform war immer
noch die Institution der Pfalzgrafen und der Doctores
bullati vorhanden. Der Pfalzgraf hatte aus
karolingischer Zeit das Recht, bestimmte Rechte im Namen
des Herrschers auszuüben, z.B. Notare zu ernennen,
Adelstitel zu verleihen oder eben Doktoren zu
promovieren138. Im
Spätmittelalter gab es zusätzlich zu den kaiserlichen
auch noch päpstliche Pfalzgrafen, die Lateranenses; diese Pfalzgrafen
haben natürlich mitunter ziemlichen Abusus getrieben,
weshalb sie auf der päpstlichen Ebene unter Papst Pius V.
(1566-1572) das Promotionsrecht verloren. Die doctores legitime promoti
haben die von den Pfalzgrafen, den Päpsten
oder den Kaisern selbst promovierten doctores bullati nie als ebenbürtig
anerkannt. |
| Ausdruck der Universität waren stets die
Insignien, die sich unterschiedlich zusammensetzen
konnten: in Wien zählte das Matrikelbuch dazu, in Basel
der "Bülgen" = Geldsack, in Krakau der Ring, der im
Reich und in Italien in besonderer Weise eine insignia doctoralis war (in
Österreich heute noch der sub-auspiciis-Ring). Allgemein
zählte das Siegel dazu – Siegel der Universität und die
Siegel der Fakultäten, oft mit Gottesmutter als Patronin
der Gesamtuniversität und einzelnen Schutzpatronen auf
den Fakultätssiegeln. Das Szepter symbolisiert die
rechtliche Unabhängigkeit. Vielfach wurde auch eine
reiche Heraldik entwickelt. Im 16. Jh begannen in
Prag die Rektoren, Amtsketten zu tragen – das Tragen von
Ketten war ursprünglich ein Recht allein des hohen
Adels. An anderen Universitäten wie Wien wurden die
Ketten wohl erst im 18. Jh eingeführt, als die
Talare abgeschafft wurden. Die Talare entwickelten sich
in der Neuzeit immer auffälliger in den verschiedensten
Formen. 1784 hat Josef II die "Mantelkleider",d.h.
die Talare verboten, in denen er ein Überbleibsel des
finsteren Mittelalters erblickte, in dem sich die Päpste
das Recht zur Gründung von Universitäten angemaßt
hätten; nicht verboten wurde die alte Tracht der Prager
Universitätspedelle, weil sie als Bedientenlivree
eingestuft wurde. In Österreich wurden die Talare als
Symbole der Hochschulautonomie 1927 wieder
eingeführt139. Die
einzelnen Universitäten entwickelten spezifische
Zeremonielle und Rituale, in denen meist aus dem
Mittelalter überlieferte Gewohnheiten eine zentrale
Stellung einnahmen – Prozessionen, Festessen, Eröffnung
des akademischen Jahres etc. Von der Renaissance an
bürgert es sich ein, daß Bildnisse der Rektoren und
berühmter Professoren angefertigt werden. Insgesamt
vollzieht sich vom 15.-18. Jh der Übergang von
einem kirchlich bestimmten Gepräge zu einer adeligen,
aristokratischen Repräsentation. |
| Die College-Universitäten des Mittelalters
verfügten kaum über eigene Gebäude, meist war der Rektor
mit der Verwaltung in irgendeinem College untergebracht.
Typisch dafür ist auch, daß einzelne Colleges ganzen
Universitäten ihren Namen gaben: Sorbonne, Sapienza,
Karolinum. Es gab wohl einen eigenen Baustil der Kollegien (rechteckiger Hof, Kapelle,
Speisesaal etc., nicht aber der Universitäten. Im 16.
und 17. gibt es auch den Typus der
<wissg-i-jesuitenkollegium:Jesuitenkollegien>. Es
gibt zwar keine Universitätsarchitektur, die sich
durchgesetzt hätte, wohl aber gab es eine Reihe von
Entwürfen idealer Kollegien- bzw.
Universitätsgebäude.140 Die
universitären Einrichtungen wurden aber in der Regel
gerne innerhalb einer Straße, eines Stadtviertels
zusammengefasst; dies hat die Ausweitung, die Erneuerung
und die Errichtung von Neubauten enorm erschwert, siehe
etwa in Paris, Wien und Oxford. Die Universitätsgebäude des
18. Jhs spiegeln nicht mehr die Universitas der
Lehrenden und Lernenden wider, sondern werden mehr und
mehr Ausdruck der staatlichen Macht wie der
utilitaristischen Nutzung von Wissenschaft. |
| Im 16. Jh entstehen die ersten
spezifischen räumlichen und institutionellen
Universitätseinrichtungen: Botanische Gärten (zuerst
1544 in Padua und Pisa, 1563 Bologna, Leipzig 1580,
Leiden 1581, dann Basel, Heidelberg etc.; in Paris nie,
man benützte den Jardin du Roi). Eine andere neuartige
Einrichtung war das anatomische Theater (1566
Montpellier, Padua 1594/95, Leiden 1597, Delft 1614,
Amsterdam 1617, Paris 1617; in Halle wurde ein
anatomisches Theater 1727 vom Professor der Anatomie
privatim errichtet und an den Nachfolger verkauft, der
es dann ebenso hielt). |
| Im Grunde genommen müssen sich die
Universitäten bis in das 18. Jh mit völlig
unzulänglicher gebäudemäßiger Ausstattung und mit
Anmietungen behelfen. Nicht einmal die 1693 als
Reformuniversität begründete Universität Halle erhielt
eigene Gebäude, sie hauste in Privathäusern, Vorlesungen
mußten räumlich mit Hochzeitsgesellschaften und
Theaterveranstaltungen konkurrieren und erst 1731
erhielt die Universität von der Stadt die Räume einer
Bäckerei für die Verwaltung zur Verfügung gestellt.
|
| Universitätsbibliotheken im eigentlich Sinn
gab es Mittelalter nicht. Es gab Bibliotheken einzelner
Colleges und wohl auch von Fakultäten, aber nicht mehr.
Erst am Beginn der Neuzeit entstehen an besonders gut
ausgestatteten Universität Bibliotheken. Darüber ist im
Kapitel „Bibliotheken“ gehandelt worden. |
| Die Archive der Fakultäten und
Universitäten wurden früh in entsprechend gesicherten
Truhen aufbewahrt, die häufig in der Bibliothek standen
und bei Kriegsgefahr etc. in Sicherheit gebracht wurden.
In Frankreich sind die Universitätsarchive im Zuge der
Auflösung der Universitäten 1793 zerstreut und z.T.
völlig zersplittert worden, heute liegen Teile in den
Departmentsarchiven etc. Ähnlich in Italien, wo die
Universitätsarchive teilweise in städtischen Archiven
oder in Staatsarchiven liegen. Für Oxford wurde in einem
neu ausgearbeiteten Statut 1636 das Amts eines Keeper of the Archives neu
geschaffen. |
| Eine wichtige Position nahmen die
Buchdrucker ein, die wie seit den Anfängen der
Universitäten alle jene, die mit Büchern zu tun hatten,
als suppositi, als
cives academici galten. Ihnen zur
Seite standen die Buchhändler und die Buchbinder. Wer
eine officina typographica academica
besaß, war verpflichtet, zu besonderen,
festen Preisen für die Universität zu arbeiten.
1470-1473 betrieben Guilleaume Fichet und Heynlin vom Stein an der Sorbonne eine
eigene Druckerei, John Siberch führte 1521-1523 eine
Druckerei an der Universität Cambridge – diese beiden
Druckereien führten die Humanistenschrift in die
Druckerei ein! Doch ebenso wie in Padua, Pavia, Siena
und Pisa vermochten sich diese Druckereien nicht lange
zu halten. Ähnlich war es im Reich in Leipzig, Rostock
und Wittenberg. Die Druckereien hingen zu stark vom
Einsatz wissenschaftlicher Verleger ab. Besser lief es
lediglich in Bologna und in Löwen, wobei hier die
Druckerei nicht allein eine Universitätsdruckerei war;
ähnlich war es in Leiden, wo sich die nachmals berühmte
Druckerei des Christoph Plantin (1520-1589) eng an die
Universität anschloß; in der Folge ist der Verlag in
Zusammenhang mit dieser Druckerei durch Isaak Elzevier (1596-1651)
übernommen worden, womit eine legendäre Zusammenarbeit
begann (der Vertrag zwischen Elzevier und der
Universität Leiden aus dem Jahr 1620 ist erhalten und
bietet einen sehr guten Einblick in die Verhältnisse);
der Verlag Elzevier
besteht heute noch und ist im Zeitschriftenwesen ein
weltweiter Marktführer. Die wissenschaftlichen Verlage
entwickelten sich vielmehr in großen Handelsstädten wie
Venedig, Amsterdam, Paris und Basel. Eine ganz spezielle
Entwicklung ergab sich in England, weil dort Druckereien
überhaupt nur für London, Oxford (1584) und Cambridge
(1583) zugelassen wurden – für jede Universität nur
eine. 1632 wurde in Oxford eine eigene University Press gegründet, die durch die
Convocation kontrolliert und vom Vizekanzler und zwei
Prokuratoren geleitet wurde. In Cambridge gründete die
Universität 1698 ein Press Syndicate
für ihre University Press. Beide
Universitätsdruckereien und -Verlage überlebten nur dank
des Monopols für den Druck aller jener Bücher, die seit
1534 dem King's Printer vorbehalten waren. |
| So wurde im Verlaufe der Neuzeit das
Buchwesen ein immer wichtigerer Teil der
Universitäts-Organisation. |
|
|
| Hinsichtlich der Struktur des Lehrkörpers
tritt in der Neuzeit (16.-18. Jh) eine deutliche
Differenzierung und Spezialisierung ein. Während man im
Mittelalter die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden
nicht genau zu ziehen vermochte – wenn der Bakkalar
lernte und lehrte zugleich –, so trat mit der Lockerung
der Lehrverpflichtung für die eben graduierten Magistri
im 16. Jh eine Verringerung der Zahl der Lehrenden
ein bzw. es wurden Lehrende eigens zur Lehre bestimmt:
1550 werden in Oxford neun Magister zur Lehre abgeordnet
und mit bestimmten Lehrveranstaltungen beauftragt. Damit
wurde aber auch erst der Weg zur Gewinnung
hochqualifizierter Lehrer frei, die gewissermaßen eine
Monopolstellung innerhalb eines bestimmten Bereiches
voraussetzten. Gleichzeitig werden aber auch Lehrstühle
für fest besoldete lectores
oder professores
gestiftet: den ersten stiftete die
Königinmutter Margaret, die 1497-1502 einen Lehrstuhl für
Theologie sowohl in Oxford als auch in Cambridge
einrichtete; weitere Legate von hohen Würdenträgern und
des Königs führten innerhalb von nur 25 Jahren zu
insgesamt 18 derartigen Lehrstühlen für alle Bereiche an
beiden englischen Universitäten. Weitere Lehrstühle
folgten. Gleichzeitig bemühen sich weiters die Colleges
ihrerseits um eigene Lehrkräfte; die Statuten des
Magdalen College von 1479 bestimmten ausdrücklich, daß
das Colleg für Lehrkräfte und Vorlesungen zu sorgen
habe. |
| Neben den Vorlesungen gab es noch den
individuell gestalteten Unterricht der Tutoren, über
deren Arbeit im 16. Jh man nicht sehr viel weiß;
für das 17. Jh wissen wir, daß an den Colleges ein
sehr dichter Stundenplan geboten wurde, weitaus
kompakter, tiefergehend und zusammenhängender als an der
Universität. Auch am Kontinent gewann an nicht wenigen
Universitäten der Anteil der Colleges immer größere
Bedeutung. |
| Im 17. Jh existierte an den meisten
Universität ein kleiner Kern mächtiger festbesoldeter
Professoren, die von einem Kranz von Lehrenden in weit
weniger festen Verhältnissen umgeben waren, die ihnen
z.T. assistierten, z.T. als Tutoren arbeiteten. In Löwen
unterschied man z.B. zwischen den professores regentes und den professores legentes – die legentes hatten nur zu
lehren, die regentes
saßen auch in den Gremien, bestimmten den Studienplan,
prüften die Studenten und strichen die Gebühren ein; so
erweckten die regentes
den Neid aller anderen und die legentes strebten nur danach,
selbst regentes zu
werden. Ähnliche Verhältnisse gab es auch an anderen
Universität. Außerdem unterschied man noch zwischen
ordinarii (catedra mayores, docteurs
regents) und extraordinarii (catedras minores, docteurs agrégés)
– die ersten lehrten am Morgen die wichtigen Materien,
die letzteren eher am Nachmittag die sekundären
Materien. Eine dritte Gruppe waren die "Privatdozenten"
(docteurs
honoraires), also gewissermaßen die alten
freien Magistri, sie lehrten ohne jede Besoldung. Eine
gewissermaßen außenstehende, sehr kleine Gruppe waren
die Ehrendoktoren, die aber kaum als Lehrer in
Erscheinung treten. |
| Hinsichtlich der Lehrtätigkeit waren die
Professor an manchen Universitäten inhaltlich völlig, an
anderen hatten sie sehr konkret Aufgaben innerhalb des
Curriculums zu erfüllen und am Beginn der Woche die
Themen bekanntzugeben und am Ende der Woche die
Studenten über das Vorgetragene zu prüfen (so am Christ
Church College in Oxford). Als problematisch erwies
sich, daß die Professoren vielfach durch andere Aufgaben
von der Lehrtätigkeit abgezogen wurden, vor allem an
Universitäten in Residenzstädten, wo sie permanent
Gutachten anfertigen, an allen möglichen Sitzungen
teilnehmen oder auch nur wie in St. Petersburg
Feuerwerke ausrichten und Gratulationsadressen etc.
dichten mußten; mitunter wurden derlei Verpflichtungen
sogar in der Statuten unter den Amtspflichten der
Professoren genannt; einige Universitätserhalter haben
das Problem allerdings gesehen, so wie der Pfalzgraf
Otto Heinrich (1502-1559), der ausdrücklich verfügte,
daß die Heidelberger Professoren in keiner Weise durch
seine Kanzlei oder seinen Gerichtshof belastet werden
dürften. Ein anderes, immer gravierender werdenden
Problem war das der häufigen Abwesenheit der Professoren
von der Universität. |
| Die Berufung zum Universitätslehrer bzw.
Professor setzte vor allem in früheren Zeiten das
Doktorat nicht voraus; oft wurde allerdings festgesetzt,
das der zu Ernennende das Doktorat innerhalb bestimmter
Frist zu erwerben habe. An der Universität Löwen gab es
zwischen 1501 und 1797 339 Professoren, von diesen haben
nur 104 (30,7 %) vor und 103 (30,4 %) nach
ihrer Berufung ein Doktorat erworben; 132 (40 %)
sind also ohne Doktorat geblieben; der Zugang zum collegium strictum als
zentralem Verwaltungsgremium blieben diesen verwehrt.
Für die Durchführung des Berufungsverfahren gab es ehr
unterschiedliche Vorgangsweisen, auch an ein- und
derselben Universitäten je nach Art der Professur (professor regius wird von
der Krone berufen, andere durch ein kleines dafür
eingesetztes Gremium, andere wieder durch die
Fakultätsmitglieder), in Frankreich lag die Entscheidung
immer bei der Fakultät und geschah auf Grundlage der
Durchführung eines
concours, eines öffentlichen Verfahrens –
in Toulous mußte 1742 die Bewerber um eine juridische
Lehrkanzel eine zwölfstündige Vorlesung über Fragen des
Zivil- und des Kirchenrechts halten und sich dann zwei
öffentlichen, jeweils achtstündigen Diskussionen über
rechtliche Streitfragen stellen; lediglich für die
Erstbesetzung eines Lehrstuhles gab es die Form der postulacion, daß die
Fakultät dem König einen Vorschlag machte und dieser
bestätigt wurde. Es gab sehr gefragte Lehrstühle, in
Montpellier bewarben sich 1617 zwölf Mediziner um einen
Lehrstuhl. Bei zeitlich befristeten Lehrstellen gab es
keinen concours. Neuere
Untersuchungen haben allerdings ergeben, daß trotz des
Konkurses von 59 Professoren des französischen Rechts
zwischen 1681-1793 nur 15 % ihre Berufung ihrem Ruf
als Juristen verdankten, 42 % einem dienstlichen
Nahverhältnis zum König, 34 % Beziehungen zu
berühmten Persönlichkeiten, 36 % waren vor ihrer
Berufung bekannte Anwälte gewesen. Ein dem Konkurs
ähnliches Verfahren gab es in Spanien: die oposiciones an denen die
Studenten im entscheidenden Gremium mitbeteiligt waren,
dieses Verfahren ist völlig degeneriert – es gab
Universitäten, die ihren Mitglieder jährlich 100 reals
zum Ankauf studentischer Stimmen vom Gehalt abzogen;
auch andere Kurien führten Mitglieder in die Abstimmung,
die nie vorher an der Universität gewesen waren
(Ordensbrüder) und sogar längst Verstorbene – eine
Professur sei nicht unter einer Million Todsünden zu
erhalten, hieß es in Salamanca im 17 Jh. Philipp IV hat
eshalb 1623 die Auswahl der Professoren dem Kronrat
übertragen, dies ist 1641 definitiv geworden. Ähnliche
Probleme mit dem Stimmenkauf gab es an den englischen
Universitäten. Insgesamt ist festzuhalten, daß die
Auswahl und Ernennung mehr und mehr an die
Universitätsträger gezogen wurde und im 18. Jh
praktisch ausschließlich bei ihnen lag, auch wenn die
staatlichen Stellen vielfach auf die beratende Meinung
von Fachleuten angewiesen waren, was natürlich auch
nicht immer ganz ohne Unregelmäßigkeiten abgegangen sein
dürfte. Die Universitäten verloren ihre
Selbstständigkeit in demselben Maße, in dem sie
Ausbildungsstätte nicht nur von Staatsdienern, sondern
auch des Adels wurden. |
| Gleichzeitig vollzog sich in der Zeit
16.-18. Jh eine permanente Laisierung des
Lehrkörpers an den kontinentaleuropäischen
Universitäten. Damit verlor die Kirche die Kontrolle
über die Universität, und dies hatte wieder wesentlichen
Einfluß auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche
Stellung der Professoren; in Paris waren die Professoren
der Medizinischen Fakultät ab 1452 und der Artistischen
ab dem 16. Jh Laien, 1553 erlaubte Papst Julius III. der
Universität Heidelberg, für kanonisches Recht einen
Laien zu berufen, falls sie keinen Kleriker bekommen
könne. Die Kirche hat sich allerdings keineswegs aus den
Universitäten zurückgezogen, ihre Stellung wurde durch
die Orden gehalten, vor allem die Bettelorden und die
Jesuiten, insbesondere dominierten die Dominikaner die
theologischen Fakultäten; noch um die Mitte des
17. Jhs gab es in Frankreich Geistliche auch auf
weltlichen Lehrstühlen. Andererseits waren viele
Professoren an den protestantisch-theologischen
Fakultäten der reformierten Länder Mitglieder der
Kirchenbehörde. Die staatliche Aufsicht hat freilich auf
beiden Seiten die Rechtgläubigkeit der Lehrenden
überprüft, auch die Studienpläne, und vielfach bedurften
Veröffentlichungen der Professoren einer behördlichen
Genehmigung, der approbatio. Die staatliche Aufsicht
und Lenkung wurde im 18. Jh an den Universitäten
selbst nicht durchwegs und nicht ausschließlich als
Negativum empfunden, weil man die Unfähigkeit der
Universitäten zur selbständigen Regenierung und Lenkung
und Hintanhaltung von Mißständen sehr wohl erkannte – in
Göttingen werden die Professoren zwar von der Regierung
ausgewählt und ernannt, erhalten dann aber völlige
Lehrfreiheit. |
| Die Konfessionalisierung setzte
natürlich mit der Reformation im 16. Jh ein. In
Oxford und Cambridge hatten alle Universitätsmitglieder
auf die 39 Glaubensartikel der anglikanischen
Kirche und den Act of Supremacy, in dem der König als
Haupt der Kirche anerkannt wurde, zu schwören; damit
wurden die bekennenden Katholiken und ab 1662 auch
bekennende Nonkonformisten von den englischen
Universitäten ausgeschlossen. Am Kontinent verlangten
die reformierten Universitäten von ihren Lehrern den
Treueid auf den Landesherrn und die geltende Konfession;
in Kopenhagen wurden ab 1604 keine Lehrer mehr
angestellt, die ein Jesuitenkolleg absolviert hatten.
Die katholische Kirche verlangte hingegen seit dem
Konzil von Trient 1564 die professio
fidei, das
Glaubensbekenntnis, von allen Mitgliedern katholischer
Universitäten. Auch an den holländischen Universitäten
wurden nur Professoren reformierten Bekenntnisses
angestellt. Eine Ausnahme war in den Anfängen die
Universität Leiden; als jedoch einer der Professoren
nach dem katholischen Würzburg ging, wurden die
verbliebenen Professoren genauer überprüft; 1732 wurde
die Berufung eines Lutheraners nach Leiden aus
religiösen Gründen abgelehnt. Konfessionelle Gründen
spielten vor allem bei der Entlassung von Professoren
eine wichtige Rolle. Erst in der deutschen Aufklärung
änderte sich die Lage: in Göttingen verbot der Kurator
Gerlach Adolf von Münchhausen (1688-1770) – um die
verheerenden Streitigkeiten zwischen den verschiedenen
protestantischen Bekenntnissen auszuschalten – in den
Universitätsstatuten, daß Professoren wegen „ketzerischer Meinungen“
angezeigt würden, und bemühte sich um die Berufung
konfessionell eher neutraler Professoren, lediglich die
Theologen mußten gute Lutheraner sein. |
| Viele Universitäten litten im 17. und
18. Jh unter Inzucht, man nahm praktisch nur mehr
Ortsanssäsige als Professoren auf (1664 schreibt ein
päpstlicher Legat, daß der Rückgang der Universität
Bologna dem Mangel fremder Bewerber und der Inkompetenz
der Bologneser zuzuschreiben sei). Einige Universitäten
entwickelten sich geradezu zu Familienuniversitäten:
Kopenhagen, Gießen, Marburg, in Genf gab es innerhalb
von 170 Jahren sieben Professoren Turrettini, 1666 waren (mit einer
einzigen Ausnahme) alle Professoren der Universität
Basel miteinander verwandt, zu Ende des 18. Jhs
gingen innerhalb von 10 Jahren fünf von sechs
medizinischen Lehrstühlen vom Vater auf den Sohn über!
Anders hat man in Preußen um 1700 bereits darauf zu
achten begonnen, daß Verwandtenwirtschaft vermieden
wurde. |
| Politische und konfessionelle
Zersplitterung, Inzucht und Nepotismus haben der
internationalen Zusammensetzung der Lehrkörper der
Universitäten, wie sie im Mittelalter selbstverständlich
war, im 17. und 18. Jh endgültig ein Ende bereitet.
Am Ende dieser Entwicklung stand der „Nationalgelehrte".
|
| Es gab nur ganz wenige Ausnahmen
erfolgreichen Gegensteuerns: Marburg, Gießen und im
18. Jh vor allem Göttingen unter Münchhausen, der in geradezu schon
Althoffschen Stil jenen Professoren,
die er haben wollte, hohe Gehälter, Übersiedlungskosten
und Wohnungen anbot. das erstaunlichste Beispiel eines
Transfers von hervorragenden Wissenschaftlern und des
Aufbaus eines Gymnasiums und einer Universität innerhalb
von nur 20 Jahren stellt St. Petersburg dar. Die
Frage der Berufung von Professoren war fast immer eine
Frage des Geldes, daneben trat als immer bedeutender der
Umstand, daß das Element Forschung mehr und mehr an
Gewicht gewann und die Universitätsprofessoren durch das
weitaus überwiegende Gewicht der Lehre daran immer
weniger partizipieren konnten, weshalb die fähigsten
unter ihnen an die im 17. und 18. Jh entstehenden
Akademien strebten, wo sie nicht mehr oder nur kaum zur
Lehre verpflichtet waren. |
| Zur Frage der Höhe des Gehaltes der
Universitätslehrer ist zu bemerken, daß hier höchst
unterschiedliche Verhältnisse herrschten, von
Universität zu Universität, innerhalb der Universitäten
je nach Charakter des Lehrstuhls (professor regius, Pfründe, eigene
Einnahmen, collecta und
Prüfungsgebühren etc.) und auch je nach Fach – an
französischen Universitäten gab es um 1750 Professoren,
die bis zu 8000 livres bezogen (400 waren das
Existenzminumum für eine Familie); in Italien gab es im
15. Jh schon Professoren mit vielfach nur 50
fiorini (das weniger, als ein Handwerker verdiente),
während gleichzeitig andere bis zu 2000 fiorini bezogen;
später wurden die Differenzen noch gewaltiger; in
England standen Professoren mit 6-12 Pfund solchen
mit 160 Pfund gegenüber; etwas ausgewogener waren
die Verhältnisse an vielen deutschen Universitäten,
teilweise sehr gut an den reicheren spanischen
Universitäten Salamanca, Valladolid und Alcalá (dort
bezogen die Professoren häufig das Fünffache eines
Handwerksmeisters), günstig auch an den schwedischen
Universitäten. |
| Die Frage war aber auch, welche
Nebeneinkünfte mit der Professur verbunden waren; diese
waren mitunter dermaßen, daß sie beim Gehalt bereits in
Rechnung gestellt wurden; freilich haben solche
Nebenbeschäftigungen die Professoren vom eigentlichen
Geschäft abgezogen, sodaß sie durch Abwesenheit
glänzten: 1586 äußerten Studenten in Ingolstadt, sie
würden gerne den einen oder anderen Professor wenigstens
einmal sehen (wenn er schon nicht Vorlesung halte); in
Salamanca hieß es 1648, daß nur an wenigen Lehrstühlen
das ganze Jahr über gelesen würde, viele Professoren
läsen nur ein Monat, andere nur zwei Tage; viele
Professoren ließen sich durch Leute vertreten, die dann
auch nicht hingegangen sind... Nicht wenigen Professoren
ist es aber tatsächlich nicht gut gegangen. Es ist aber
eindeutig festzustellen, daß jene Universitäten eine
bedeutende Entwicklung genommen haben, an denen
geregelte und akzeptable finanzielle Verhältnisse
geherrscht haben, die Lehrenden von finanziellen
Problemen verschont blieben. |
| Hinsichtlich der Laufbahn der Professoren
ist zu bemerken, daß noch bis in das 17. Jh hinein
einzelne Professoren im Bereich der Theologie, Medizin,
Jurisprudenz und Artes gelesen haben; dennoch ist
generell natürlich die Spezialiserung allgemein, sie ist
umso stärker, je größer und besser ausgestattet eine
Universität ist, geringer an kleinen Universitäten, wo
eine ganze Fakultät aus vielleicht nur 2-3 Professoren
besteht. Mehrheitlich wurden die Professoren auf
Lebenszeit ernannt, obgleich es dagegen verschiedentlich
starke Vorbehalte gab: Die spanischen Cortes fordern
1528, es mögen die Lehrstühle in Salamanca und
Valladolid nicht auf Dauer besetzt werden, weil die
Ernannten nach der Ernennung jegliche weitere Tätigkeit
einstellen und sich nicht wie Professoren in Italien,
die nur auf Zeit ernannt seien, sich um die Studenten
bemühten und nach Verlängerung und höherem Einkommen
strebten. |
| Es gab auch relativ starke
binnenuniversitäre Laufbahnen: Aufstieg von den Artes in
die höheren Fakultäten (erst im 18. Jh wird eine
Artesprofessur überhaupt erst als vollwertige Professur
anerkannt), von Exraordinarius zum Ordinarius, zum
Professor regius, in ein besser besoldetes Fach etc. In
Spanien gab es auch das System des ascenso, das 1716 gesetzlich
verankert wurde: die Dozenten rückten beim Ausscheiden
der Spitze in einem Fach einfach um eine Position weiter
nach oben, so wure das Prinzip der Anciennität
maßgeblich – „Um Professor in
Salamanca zu werden, muß man nicht studieren,
sondern länger leben als die anderen; die Jahre,
nicht Verdienste führen zum Lehrstuhl“.
– Während ein Teil der Professoren die Professur als
Beruf verstand und bis zu 50 Jahren auf einer Lehrkanzel
ausharrte, war die Professur für andere lediglich ein
Sprungbrett in höhere öffentliche Ämter und sie
schwarwenzelten entsprechend bei Hof herum, dies galt
ganz besonders für die an den Kollegien Lehrenden – die
Universität Salamanca schrieb an König Philipp V. "die collegiales betrachten ihren
Lehrstuhl als einen Ehrentitel und als ein
Sprungbrett für ein öffentliches Amt. Dies hat zur
Folge, daß heute von sechs Rechtsprofessoren nur
ein einziger lehrt. Die anderen, alle collegiales
mayores, halten keine Vorlesungen, die einen weil
sie dazu nicht imstande sind, andere mit allerlei
Ausflüchten". Die Verhältnisse waren
zweifellos an den Rechtsfakultäten am ärgsten. Viel
besser stand es an den Artes- und an den
Theologiefakultäten. Ganz ähnlich verhielt es sich
übrigens in England mit den Tutoren, für die sich
überhaupt keine Aufstiegschancen mehr eröffneten und die
deshalb mehr oder weniger versumperten. Die Professoren
haben generell den Nachwuchs zu verhindern gesucht, in
Orleans sollen über 100 Jahre lang keine Doktoren
graduiert worden sein, die nicht mit Gerichtsbeschluß
ihre Promotion durchsetzten; ähnlich war es einige Zeit
hindurch in Löwen. |
| Relativ unterschiedlich war die Stellung
der Professoren innerhalb der Gesellschaft; der soziale
Status hing maßgeblich von der Besoldung ab; war einmal
eine höhere Stufe erreicht, so wurde sie in der Regel
auch bei wirtschaftlicher Verschlechterung gehalten.
Anfangs kamen die Professoren eher aus mittleren
Schichten, oft aus intellektuellen Familien, in Rußland
anfangs aus ausgesprochen armen Familien –für den Adel
war eine Professur noch nicht standesgemäß. Generell
versuchten die Professoren, in die soziale Stellung des
Adels einzudringen. Der Ring und die Kette, typische
Adelssymbole, als Insignie des Doktors symbolisierten
seine Stellung im Geistesadel. Ingolstädter Doktoren
erhielten zusätzlich zu Ring, Handschuhen, Buch und Hut
noch ein cingulum, einen
Gürtel, der den Stand der Ritterschaft, dignitatem et ordinem equestrem,
symbolisierte. Es gab bis in das 18. Jh hitzige
Dioskussionen, ob ein juristisches Doktorat den Träger
adle und ob dieser Adel dem Geburtsadel gleichzustellen
sei. Die Erhebung von Professoren in den Adelsstand geht
bis in die Antike zurück – in Konstantinopel wurden
Professoren mit Absolvierung des 20. Dienstjahres
geadelt, indem sie die dignitas
vicaria erhielten, die im 15. Jh
dem Status eines Grafen oder gar Herzogs gleichgesetz
wurde (von Juristen!). In den in der Wormser
Reichsreform 1499 festgelegten Rechtsvorstellungen sind
die Doktoren/Professoren wie Adelige etc. von der Folter
und von der Zeugenladung zu Gericht ausgenommen: der
Richter mußte sich zur Vernehmung zu ihnen in die
Wohnung verfügen. – Vielfach wurde die Stellung eines
Professors als sehr bequem erachtet: „Ich würde mich als Krösus fühlen, wenn ich
Professor der Geschichte wäre. Wenn die
Vorlesungen ausgearbeitet sind, gibt es nichts
Leichteres und nichts Angenehmeres als eine
Professur“, schrieb 1767 jemand, der es
gerne gewesen wäre, an einen Professor der Universität
Utrecht; der meinte darauf hin, daß die ersten Jahre
einer Professur mit der Zwangsarbeit in einem Zuchthaus
zu vergleichen seien. |
| Im Verlaufe der Jahrhunderte haben die
Professoren eine immer kompaktere und geschlossenere
Gruppe gebildet, die sich völlig von der der Studenten
gelöst hat, sodaß das ehemals demokratische Miteinander
an den mittelalterlichen Universitäten einer Spaltung in
zwei und dann später drei Gruppen gewichen ist. |
|
|
|
|
| Es ist verschiedentlich betont worden, daß
die Curricularforschung noch in den Kinderschuhen
steckt141. Die enorme Vielfalt der
Kombinationsmöglichkeiten in der Lehre, die z.B. bei den
Jesuiten auf die Spitze getriebene Mobilität der
Professoren, die im 17. Jh immer noch jederzeit
jedes Fach zu vertreten imstande sein sollten, und nicht
zuletzt die unterschiedliche Benennung der Inhalte
einzelner Wissenschaftsbereiche erschweren die
Feststellung der konkreten Lehrinhalte und der dazu
bestellten Professoren mit ihren jeweiligen – in den
Ernennungen zumeist gar nicht konkret benannten –
Nominalbereichen, soferne solche überhaupt gegeben
waren142. Es gälte auch, mit
einiger Sorgfalt das Verhältnis zwischen Benennung und
Inhalt eines Faches festzustellen, wenn man heute – und
das wohl zu Recht – den Universitäten wieder mehr Anteil
und Mitwirkung an dem zugestehen will, was man als scientific
revolution
bezeichnet143. Es
scheint evident zu sein, daß die traditionellen
Fachbezeichnungen über inhaltliche Wandlungen und
Ausweitungen hin sich gehalten haben, solange nicht
äußere Einflüsse Veränderungen erzwangen. In diesem
Zusammenhang ist auch die Differenzierung zwischen
Fachprofessuren einerseits und Vorlesungs- bzw.
Prüfungsgegenständen im Sinne des Curriculums
andererseits notwendig144. |
| Und dies alles gilt für die Vielfalt der
territorialen Universitäten unter unterschiedlichen
konfessionellen Bedingungen, die in der weiten Spanne
zwischen striktem Dogma und großzügigem aufgeklärten
Liberalismus sehr beachtliche inhaltliche, nicht aber
unbedingt auch terminologisch manifest werdende
Differenzierungen gestatteten; so ist die Forschungslage
in strikt zentralistisch organisierten Bereichen wie
etwa Österreich günstiger. Die klassischen
Universitätsgeschichten geben über die uns hier
interessierenden Belange so gut wie nicht oder
allenfalls kursorisch Auskunft. |
|
|
| Waren die Universitäten im Mittelalter
nicht auf berufsspezifische Ausbildung hin orientiert,
so zwangen sie die Territorialisierung und dann die
Verstaatlichung eben dazu. Ausbildung für den
Staatsdienst, im aufgeklärten Sinne für das Gemeinwohl,
ist etwas anderes als die Einführung in die
Erkenntnisarbeit an sich. Daraus ergab sich für die
Universitäten im Übergang zur Neuzeit bereits ein
seither offenes Problem, inwieweit nämlich die
Universitäten in die Arbeit am Utile einzubinden seien.
Daraus resultierten schließlich im 18. Jh zwei
diametral-extreme Positionen: |
| - |
der rigorose
Standpunkt der Reduzierung der Universität auf das
Utile zur Förderung des Gemeinwohls, zur
Perfektionierung des Staates, wie sie im
Josephinismus in Österreich durchgeführt wurde und
bei welcher der aufgeklärter Herrscher mit seinen
Ratgebern in Anspruch nimmt zu wissen, worin das
Gemeinwohl bestehe und was ihm förderlich sei,
|
|
und |
| - |
die bei der
Begründung der Universität Halle schon, dann in
Göttingen und schließlich in Berlin zum Ausdruck
kommende Vorstellung der reformierten Aufklärung,
daß dem Gemeinwohl am wirksamsten gedient werde im
Wege der Liberalisierung, in der freien Entfaltung
der Meinungen, womit eben zum Ausdruck gebracht
wurde, daß auch der Herrscher und seine Ratgeber
nicht definitiv wüßten, welches der wahre Weg
sei145. |
|
| Es darf aber nicht übersehen werden, daß in
beiden Sphären die Universitäten hinsichtlich der
Etablierung von Fächern und Professuren dem Staat
unterworfen waren; die Freiheit in Göttingen betraf nur
den Inhalt der Gefäße146. |
| Bis in das 18. Jh hinein finden wir an
den Philosophischen Studien Fächer, die sich direkt aus
den alten septem artes der Anfänge der
Universitäten heraufentwickelt haben; neben ihnen stehen
die durch den Humanismus forcierten Disziplinen der
studia
humanitatis147. |
| Vom 16. Jh an sahen sich – vor allem
die reformierten Universitäten – immer wieder seitens
der Gesellschaft, der Universitätserhalter zumeist, aber
auch seitens der "Nutznießer", dem Druck ausgesetzt,
weitere Disziplinen aufzunehmen; geschah dies nicht –
wie im Falle der Jesuitenuniversitäten -, so erwuchsen
Defizite und es entstanden kompensierende Institutionen.
|
| Die Veränderungen vollzogen sich primär in
der inhaltlichen Wandlung bereits etablierter Fächer und
in der Neuübernahme von Disziplinen. |
|
|
| Die Mathematik ist ein klassisches
Artes-Fach. Ihre Anreicherung mit konkret
bedarfsbezogenen praktischen Elementen (solche standen
ja am Anbeginn Pate) unter kameralistischen Aspekten
setzt relativ früh ein und fällt bei dem heute zumeist
noch "rein" gedachten Fach mehr ins Auge als bei anderen
Fächern. Wir finden im 18. Jh häufig neben der
"reinen" Mathematik an sich die "Mathesis forensis",
womit in etwa jener Bereich gemeint ist, der zu Ausgang
des 19. Jhs verschiedentlich als "soziale
Mathematik" bezeichnet werden wird: die Anwendung der
Mathematik in der Statistik und in der Nationalökonomie,
später auch im Versicherungswesen. Häufiger noch
begegnen wir der Bezeichnung "angewandte Mathematik",
die in breiter Weise auf die kaufmännischen und die
technischen Bereiche abzielt, wobei letztere mitunter
auch sehr konkret angesprochen werden, wie z.B. in der
Kombination "Mathematik und Maschinenlehre".
"Mathematik" ist in dieser Hinsicht eher ein Modus, eine
Vorgangsweise, denn ein Fach148. Es läßt
sich feststellen, daß um die Mitte des 19. Jhs diese
anwendungsorientierten Aspekte abgestoßen werden, die
theoretischen Teile aber bleiben: die Analytische
Mechanik steht bis in das letzte Drittel des 19. Jhs
zwischen Mathematik und Physik. |
| Hinsichtlich der naturwissenschaftlichen
Fächer ist zu sagen, daß die Physik eine Sonderstellung
einnimmt und daß die anderen naturwissenschaftlichen
Disziplinen sich wesentlich als Hilfswissenschaften der
Medizin und deshalb innerhalb der medizinischen
Fakultäten und damit auch nicht unter genuin
naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten entwickelt
haben. Als sich aber im 18. Jh im Gefolge der
Entwicklung der Physik auch die Chemie als strenger
gefaßte wissenschaftliche Disziplin auszuformen begann,
wurde sie an den Universitäten relativ rasch in die
Philosophischen Studien aufgenommen; und dies zweifellos
auch deshalb, weil sie als wesentlicher
wissenschaftlicher Teil der Technologie verstanden und
gefordert wurde – wir finden deshalb in der
Fachbezeichnung fast immer die Verknüpfung dieser beiden
Bereiche. "Technologie" meinte damals "Gewerbskunde",
also die Lehre von der künstlichen Verarbeitung
natürlicher Stoffe für die Bedürfnisse der menschlichen
Gesellschaft; und diese Technologie, die zugleich ein
wesentlicher Teil der Kameralwissenschaften war, zerfiel
in eine höhere und eine niedere Technologie, welch
letztere ihrerseits in eine mechanische und eine
chemische Technologie unterteilt wurde149. |
|
|
| Um die Mitte des 18. Jhs findet ein
Komplex von Gegenständen Eingang in die Philosophischen
Fakultäten, den Max Lenz bezeichnete als "Summe von Einzelerkenntnissen, welche, ohne
rechte innere Verbindung untereinander zu
besitzen, für die Verwaltung wichtig erschienen
und deren Erlernung daher von der Regierung
wiederholt dringend eingeschärft
wurde"150. In
Österreich ist die Kameralistik ab 1750
bezeichnenderweise ursprünglich in Zusammenhang mit der
Ethik an der Philosophischen Fakultät angesiedelt worden
– Inhalt dieser in Wien 1763 an den Aufklärer Sonnenfels verliehenen Lehrkanzel für
die Politischen Wissenschaften waren die "Staatslehre oder Politica von der
Glückseligkeit und guter Einrichtung der
menschlichen Gesellschaften in verschiedenen
Regierungsformen" und die "Staatsökonomie"151. Wenig später – 1775 –
erfolgte die separierte Einführung der Ökonomie an der
Universität Ingolstadt152, um 1800
waren die staatswissenschaftlichen Fächer wohl ziemlich
allgemein vorhanden – in Deutschland an den
Philosophischen Fakultäten, in Österreich aber bereits
1784 an die Juridischen Fakultäten transferiert153. |
| Christian Jakob Kraus154, der die
Staats- oder Kameralwissenschaften in Königsberg noch
unter dem Titel „praktische Philosophie“ vortrug und
eines der richtungsweisenden Handbücher vorlegte,
gliederte sie in einen material-technischen und einen
formal-theoretischen Teil155. Der
materiale Teil bestand aus: Gewerbekunde,
Landwirtschaftskunde, Technologie und
Handlungswissenschaften; der formale Teil umfaßte die
Staatswissenschaften in einem engeren Sinne als "die Analyse der Natur und der Ursachen
des nationalen und Staatsvermögens und -einkommens
samt" den sich ergebenden anderweitigen
Zusammenhängen156. Als
Hilfswissenschaften der Kameralistik galten ihm weite,
in bezug auf das Landwirtschafts-, Forst- und Bergwesen
orientierte Bereiche der Naturwissenschaften und der
Mathematik157. |
| Diese kameralwissenschaftlichen
Nachfolgefächer haben sich an deutschen, aber auch an
englischen und US-amerikanischen Universitäten, seltener
anderweitig bis in das 20. Jh im alten
Philosophischen Fakultätsverband gehalten158. An anderen
Universitäten, früh in Österreich, sind die abstrakten
Disziplinen dieses Bereiches an den juridischen
Fakultäten fortgesetzt, die naturwissenschaftlich
orientierten aber an die mittlerweile entstandenen
Technischen Hochschulen und speziellen
"Fachhochschulen"159
übertragen worden, wo sie weit kompetenter, da
praxisorientiert, gepflegt wurden und werden. |
|
|
| Die Ästhetik ist ein Fach, das nicht so
vordergründig wie die Staatswissenschaften zu jenen
Fächern zählt, die im letzten Drittel des 18. Jh
unter Einfluß des Staates in den Kanon der
Philosophischen Studien eintraten. Die Ästhetik war
damals eben von Baumgarten160 als
Theorie der „schönen Wissenschaften“ neu begründet
worden; sie erscheint in allerlei Kombinationen161, mehrheitlich aber doch
in Zusammenhang mit der Literatur. Das wesentliche Movens für die so rasche
Installierung der Ästhetik an den Universitäten – und
vor allem an den katholischen – scheint weit weniger in
ihrer wissenschaftssystematischen Bedeutung als Theorie
des nicht rational, sondern nur sinnlich Wahrgenommenen
zu liegen, als vielmehr in der ihr zugedachten Position
als Schlußstein der philosophischen Sittenlehre: "Wenn also die philosophische
Sittenlehre vollständig sein soll, so muß man
wissen, wie man den sinnlichen Teil der Seele
verbessern soll, dieses aber lehrt uns die
Ästhetik" – so Kants Vorbild Georg Friedrich Meier162. Mit Hilfe der Ästhetik
sollten die "unteren
Seelenkräfte" direkt und über die
Gestaltung der Äußerlichkeit auch indirekt zum Nutzen
des Gemeinwohls, zum Schönen und Guten, zum Besseren hin
gewendet werden. Während die Ästhetik an den
protestantischen Universitäten der Philosophie
einverleibt wurde, steht sie an den katholischen
Universitäten im weiteren meist in Verbindung mit den
"schönen Wissenschaften", und zwar zumeist mit den
klassischen Studien163, nicht
selten bis in die Mitte des 19. Jhs in einer
Professur mit den klassischen Sprachen verbunden, da die
klassischen Texte und Statuen (als vollendeter Ausdruck
des Schönen) als das ideale Material für die Erörterung
ästhetischer Probleme angesehen wurden164. |
|
|
| Den kameralistischen bzw.
administrativ-organisatorischen Interessen des Staates
zufolge kam es ab der Mitte des 18. Jhs auch zur
Ernennung von Lehrern der "neueren", also der lebenden
Sprachen: Italienisch, Französisch, Englisch, aber auch
Spanisch und an den westeuropäischen Universitäten noch
andere, im Zusammenhang mit dem Kolonialhandel
erforderliche Sprachen. Begreiflicherweise haben diese
Lehrer bald auch Literaturgeschichte betrieben, Dante, Shakespeare, Milton u.a. interpretiert. Obgleich es seit
dem 17. Jh eine deutsche Rhetorik gab und die
Pflege der jeweiligen Nationalsprache an sich unter rein
praktischen Gesichtspunkten (neben den viel höheren
Intentionen der Akademien), wie der Schaffung einer
einheitlichen, gleichsam normierten Staats- und
Verwaltungssprache, im Interesse des Staates gelegen
sein musste, gingen derlei Ansätze im 18. Jh ins
Leere165. Die Etablierung der
Nationalphilologien vollzieht sich erst im 19. Jh;
die der deutschen Philologie 1805 in Göttingen und 1810
dann in Berlin, freilich nicht mehr unter den hier zu
diskutierenden Aspekten, sondern in Analogie zu der
mittlerweile voll entfalteten Klassischen Philologie.
|
|
|
| Neben den erwähnten eher allgemeinen
Erscheinungen fand auch die Berücksichtigung
spezifischer gesellschaftlicher wie staatlicher
Bedürfnisse Eingang in die Philosophischen Studien.
Hierher sind vor allem die intensiven Bemühungen um die
Instrumentalisierung der sich als akademisches Fach
etablierenden Geschichtswissenschaft zu zählen: die
Geschichte des jeweiligen Territoriums wird von
staatswegen in den Fächerkanon eingebracht166 und ebenso sein
spezifisches Staatsrecht. |
| Der Druck der staatlichen Interessen hat
neben sehr positiven und selbst die eigentliche
Erkenntnisarbeit der Universitäten in einem engeren
Sinne fördernden Konsequenzen aber auch deutlich
negative und schließlich gegen den Staat selbst sich
wendende Erscheinungen gezeitigt, indem sich in den
Naturwissenschaften bereits im 17. Jh die Kluft
zwischen den, eben zunehmend dem Druck des Utile
ausgesetzten und deshalb eng begrenzten Lehrinhalten
einerseits und den aus dem Fortschreiten der Erkenntnis
heraus sich rapide ausweitenden Forschungsinhalten
andererseits zu öffnen begann. Dies und die ebenfalls
aus dieser Haltung begründete Verweigerung der für die
apparative Ausstattung notwendigen Finanzierung der
Naturwissenschaften haben maßgeblich dazu beigetragen,
daß die naturwissenschaftliche Forschung aus den
Universitäten gewichen ist oder besser gesagt: sich dort
erst gar nicht wirklich etabliert hat. |
|
|
| Von größter Bedeutung für die
Disziplinenentwicklung sollte sich das Voranschreiten
der zunehmend systematischen Auffassung und
Strukturierung der Erkenntnisbereiche erweisen. Die
Diskussion der Theorie der Naturerkenntnis einerseits
und nachfolgend der aus der Betrachtung der Geschichte
erzielbaren Erkenntnisleistung andererseits sind als
Beiträge einer allgemeinen wissenschaftstheoretischen
Diskussion zu betrachten. Francis Bacon hat die
klassifikatorischen Überlegungen, wie sie schon seit dem
Hellenismus angestellt worden waren, um 1600 neu
gefaßt167 und mit seiner
Prolongierung des Systems der drei Philosophien168 enormen Einfluß
ausgeübt; er hat dabei das Schema der septem artes aufgegeben. Gleichzeitig
bemühten sich andere Autoren wie etwa Bartholomäus Keckermann (1573-1609) in Danzig um
die Erstellung logisch in sich geschlossener
Wissenschaftssystematiken im Detail; der Begriff
"Methodologie, Methodenlehre" stammt nicht umsonst aus
dem reformierten Bereich dieser Zeit169. In der ersten Hälfte
des 18. Jhs erschien nun das riesige, von Johann
Heinrich Zedler verlegte Universal-Lexicon mit
seiner der Leibniz–Wolffschen Philosophie entlehnten
Wissenschaftssystematik170
und wenig später – 1751-1772 – die Encyclopedie Diderots und d'Alemberts, in der das System Francis Bacons im wesentlichen
fortgeführt wurde. |
| Unverkennbar ist das enorme Bedürfnis nach
einer gesamtheitlichen, strukturellen Erfassung des
Erkenntnisprozesses, aber auch nach einer
rational-ökonomischen Umsetzung der aus den Systemen
resultierenden Aufgaben für den aufgeklärten
Staat171. Universitärer Ort der
Realisierung des allergrößten Teils dieser Bemühungen
waren die nunmehr auch so benannten Philosophischen
Studien. Diese umfaßten, unter systematischen Aspekten,
nun die Gesamtheit der Universität, während die ehemals
höheren Fakultäten zur Wahrnehmung spezifischer Bereiche
innerhalb des philosophischen Gesamtsystems abzusinken
beginnen172. |
| Unter diesen Aspekten scheint es
verständlich, daß an Universitäten wie Göttingen
vielfach keine Nominalfächer von Professuren benannt
wurden. Auch im Falle des Gegebenseins von
Fachbenennungen kann kaum ermessen werden, was
tatsächlich vorgetragen worden ist, da die zweifellos
eingetretene Differenzierung noch keinen äußerlichen
Ausdruck erfahren hat. Die äußerliche, nominelle
Differenzierung wurde an den Universitäten erst wieder
notwendig, als die Zahl der Professuren unter
forschungsbezogenen Aspekten erhöht werden sollte und
dazu die wissenschaftsimmanenten
Differenzierungskriterien äußerlich zum Tragen gebracht
werden mußten. |
|
|
| Als ein Bereich, der auf Grund seiner
Errungenschaften, seiner zentralen und dominanten
Stellung enorme systemisierende und Vorbildwirkung
ausgeübt hat, ist die Physik zu nennen. |
| Die Philosophia naturalis, für die sich in
der Mitte des 18. Jhs der Begriff Physik in einem
neueren Sinne einbürgert, wurde im ausgehenden
17. Jh bereits auch an den Universitäten als eine
"philosophia
experimentalis" aufgefaßt173 und diesbezüglich, dem
Stand der Entwicklung nach, justiert – und gerade die
Jesuiten entwickelten eine Vorliebe für theatralische
Vorlesungsexperimente und richteten recht umfängliche
Instrumenten- und Modellensammlungen ein174. |
| Hinsichtlich der Theorie war man weit
vorsichtiger: die Rezipierung der Newtonschen Physik vollzieht sich, an
den reformierten Universitäten nicht viel früher als an
den katholischen, erst ab 1740. Newtons in seinen „Principia“
erhobenen und an Ockham orientierten prinzipiellen
Forderungen175 und seine
gegenüber der deduktiv-spekulativen Physik des Descartes lucide Naturerklärung
markieren eine außerordentliche Belebung im Bereich der
kontinentalen Naturwissenschaften. Hinsichtlich der
Lehre ist festzustellen, daß sie um systematische
Zusammenfassung, auch im Detail um Strukturierung bemüht
ist – in den Lehrbüchern der Physica
generalis et specialis werden die
Naturerscheinungen nach ihrer allgemeinen Natur und in
ihren speziellen Erscheinungsformen dargestellt. Dabei
war man einerseits um die größtmögliche Einheitlichkeit
der Erklärung, der Theorie bemüht176,
andererseits vergaß man aber nicht auf die praktische
Anwendbarkeit, die nun ihrerseits einen höheren
intellektuellen Anspruch erlangte. |
| Im ausgehenden 18. Jh umfaßt die
Physik die Mechanik, die Akustik, die Hydraulik, die
Optik und die Anfänge der Elektrostatik, weiters die
physikalische Geographie, die Meteorologie und in
Verbindung mit ihr die wichtigsten Erscheinungen der
Erdoberfläche (also der sublunaren Welt des Aristoteles), darüber hinaus die
Astronomie und – unabdingbar – die Grundlehren der
Chemie, da diese ja zumeist noch als
Vorbereitungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät
beheimatet war. |
| Auf den erwähnten Grundlagen beginnt die
Physik im 19. JH als die zentrale Naturwissenschaft
zu formieren. Sie unterliegt aber ihrem Wesen
entsprechend keiner besonderen institutionellen
Differenzierung; die bereits im 18. Jh formierten
Bereiche verselbständigen sich erst ab 1850 – die
Meteorologie und später die Kosmische Physik, aus der
die moderne Geophysik hervorgeht. Als gewissermaßen
nächste Stufe bildet sich ab 1860 heraus, was anfangs
als „mathematische“, dann bald in einem neueren Sinne
als "theoretische" Physik bezeichnet wurde177; dieser Bereich stand
anfangs als nicht gleichwertig im Schatten des deshalb
bald als "Allgemeine und experimentelle Physik"
bezeichneten Mutterfaches. |
|
|
| Die Fülle der freien Entwicklung
demonstriert die reiche Entfaltung der
geisteswissenschaftlichen Disziplinen in einem engeren
Sinne. Im Gegensatz zur Physik entfaltet sich der
philologisch-historische Bereich seiner Natur gemäß
differenzierend in Zeiten und Räumen178. |
| Sprachwissenschaft per se wurde seit dem
klassischen Altertum, seit Platon und Aristoteles betrieben und auch in
weiterer Folge in Fortsetzung dieser Tradition sowie in
engem Zusammenhang mit den Artes bzw. mit der Logik in
eher abstrakter Form im Wege der Grammatik und der
Sprachlogik gepflegt179. Die in
Alexandria entwickelte philologische Richtung ist erst
im Humanismus wieder aufgegriffen worden, aus dem heraus
sich unter dem Einfluss orientalischer Sprachen eine
vergleichende Betrachtung entwickelt, die im Zuge der
Erfassung des Sprachenspektrums erst des eurasischen
Raumes und später auch exotischer Sprachen zur
Entwicklung der (historisch-)vergleichenden
Sprachwissenschaft führt, die sich Hand in Hand mit der
klassischen Philologie und der klassischen
Altertumswissenschaft entwickelt – es seien nur die
Namen Friedrich August Wolf und August Boeckh erwähnt –, die mit der
Verwissenschaftlichung der älteren Orientalistik
verknüpft erscheint. Die Entfaltung der Klassischen
Philologie, die Entstehung der Vergleichenden
Sprachwissenschaft wie der neueren Philologien nach dem
Vorbild der Klassischen Philologie (und unter dem
Vorangehen der Deutschen Philologie) stellten in ihrer
Gesamtheit einen nahezu unvergleichlich reichen
wissenschaftlichen Prozeß dar, der ein ganzes
Jahrhundert mitgeprägt hat und auf den hier nur
summarisch verwiesen werden kann; seine tiefgehende
Wirkung wird durch die um 1900 gegebene Dominanz der
philologischen Lehrkanzeln180 nicht nur
an deutschen Universitäten, sondern auch in England und
in den Niederlanden, bezeugt. |
|
|
| Den Wandel eines Faches im Laufe der Zeit
und der Entwicklung von Wissenschaft demonstriert keines
besser als das Mutterfach aller Disziplinen der
Artesfakultäten und der Philosophischen Fakultäten.
Philosophie als akademisches Fach erweist sich auch im
18. und im 19. Jh als ein Baum, von dem immer wieder
neue fruchttragende Äste abzweigen: aus dem Nominalismus
heraus die spätscholastische Naturphilosophie, dann
empirisch-rationale Naturbetrachtung als philosophia
naturalis des 17. und
18. Jhs, die sich zur Physik erst und dann zu den
übrigen Naturwissenschaften konkretisiert, während
gleichzeitig aus dem alten Stamm schon wieder eine neue
philosophia naturalis
erwächst, nämlich die Naturphilosophie des ausgehenden
19. Jhs, die aus dem Ungenügen der klassischen
Philosophie unter naturwissenschaftlichen Aspekten
resultiert181. Aus der
praktischen Philosophie der Aufklärung hingegen sind die
Kameralwissenschaften, die Politik(wissenschaft), die
Staatswissenschaften in einem neueren Sinne
hervorgegangen. Im Verlaufe des zweiten Drittels des 19.
Jhs wird sich in einem neuerlichen
Differenzierungsprozeß die Verselbständigung neuer
ausdifferenzierter Teilbereiche anbahnen – der
Psychologie samt Experimentalpsychologie und
Psychophysik sowie der Pädagogik – und die bereits
erwähnte neue analytische Naturphilosophie entstehen.
|
| Im Zuge dieser wiederholten
Ablösungsprozesse hat sich der Kanon dessen gefestigt,
was unter Philosophie in einem engeren Sinne verstanden
wurde und verstanden wird: Logik, Theoretische
Philosophie und Praktische Philosophie samt ihrer
jeweils historischen Betrachtung. Die zentrale und
strukturelle Bedeutung des Begriffes Philosophie in
seinem eigentlichen Sinne und in seinem systematischen
Anspruch hat bewirkt, daß das Fach namensgebend geworden
war und es geblieben ist. |
|
|
| Kehren wir zurück zum Idealfall, zum
zweiten, aus dem aufgeklärten Absolutismus
resultierenden, Extremstandpunkt – der inhaltlichen
Freiheit der Lehre, wie sie in Halle und Göttingen
zuerst gewährt worden ist. |
| Welches waren die Konsequenzen? |
| 1 |
Wenn es dem
Erkenntnisstreben des Einzelnen überlassen ist,
womit er sich beschäftigt und worauf er in der
Lehre das Schwergewicht legt, dann ist es
unausbleiblich, daß die Erkenntnisarbeit in ihrer
Intensität und damit zwangsläufig auch ihrem
Umfang nach zunimmt, daß also das an sich
qualitative Moment auch in ein quantitatives
Kriterium umschlägt. Konsequenz der Gewährung der
inhaltlichen Freiheit ist es deshalb, daß ein
Staatswesen nach Maßgabe seiner ökonomischen
Möglichkeiten das Substrat für die Realisierung
der Freiheit bereitstellt. Darauf beruht der
faszinierende Differenzierungsprozeß der
wissenschaftlichen Disziplinen, die enorme
Steigerung der Zahl der Professuren im Verlaufe
des 19. Jhs vor allem; ein Prozeß, der
vielleicht noch imponierender ist an jenen
Universitäten, die wie die österreichischen erst
um die Jahrhundertmitte in das Spiel eintreten.
|
| 2 |
Nicht alles,
was den Intentionen des aufgeklärten Staates
zufolge an konkret materiell
anwendungsorientierten Disziplinen außerhalb der
Medizin an den Philosophischen Fakultäten Platz
finden hätte mögen, konnte und wollte von den
Universitäten angenommen werden. |
|
Bereits
Martianus Capella182
hatte die Aufnahme der Architektur und der Medizin
unter die Artes diskutiert, deren es dann neun
gewesen wären; er verweigerte sie mit dem Hinweis,
daß diese Bereiche nicht auf die reine Erkenntnis,
sondern auf die Nützlichkeit abzielten; Thomas von Aquin und auch Kant haben diese Auffassung
prolongiert183. Daß die
Medizin dennoch an den Universitäten Fuß gefaßt
hat, lag daran, daß damals das gesamte System eben
noch in statu
nascendi war. Als sich aber die
"technischen Wissenschaften" – um diesen
problematischen Begriff noch dazu anachronistisch
anzuwenden – aus dem Ingenieurswesen der
Renaissance und unter dem Einfluß der faktischen
Entwicklung sowie den Anfängen der
Mathematisierung auszuformen begannen, war das
System seit Jahrhunderten etabliert. Die
technischen Wissenschaften aufzunehmen hätte noch
weit umfangreichere finanzielle Anstrengungen und
Umstrukturierungen erfordert als die Fortführung
der experimentellen Naturwissenschaften, die ja
eben wegen dieses Defizits nicht an den
Universitäten aufkamen. |
|
Da die
Universitäten der Nachfrage nicht zeitgerecht
nachkamen und auch nicht nachkommen konnten,
begannen sich ab 1700 teils private, teils
ständische Ingenieursschulen zu entwickeln, die
gegen Ende des 18. Jhs in die neuen, immer
noch teils ständischen, Polytechnica übergingen,
welche in ihren Vorformen mitunter als ein mixtum
compositum aus privater Anstalt und einzelnen
Fächern an Philosophischen Fakultäten bestanden,
wie dies in Prag etwa der Fall war184. Mit dem Zunehmen der
Leistungsfähigkeit dieser Polytechnica, den
Vorformen der Technischen Hochschulen,
verschwanden die
technisch-technologisch-anwendungsorientierten
Disziplinen von den Philosophischen
Fakultäten185, die sich
insbesondere in Ländern mit einem gut entwickelten
Fachhochschulwesen ab der Mitte des 19. Jhs
strikte in die "reine", "theoretische"
Wissenschaft zurückzogen und alles
Anwendungsorientierte perhorreszierten186. Die heftigen
Diskrepanzen zwischen Universitäten und
Technischen Hochschulen bis in die jüngste
Vergangenheit zeugen von dieser Entwicklung. |
|
| Über Jahrhunderte waren die Universitäten
mit den Fragen der Anwendung konfrontiert. Auf Grund der
Dominanz der Interessen der Universitätserhalter verlief
diese Auseinandersetzung in der Neuzeit in einer unseren
heutigen Vorgaben zuwiderlaufenden Weise: nämlich als
sukzessive Loslösung vom Dienst am Utile187. Die Freiheit von
Forschung und Lehre und der Gedanke der Autonomie
bewirkten, daß sich die Universitäten jener Staaten, die
die Wissenschaftsdifferenzierung zu finanzieren
vermochten, von der Anwendungsorientierung lösten und
einem neuen, bis in unsere Zeit fortwirkenden – und
neuerlich in Frage gestellten – Ideal von "reiner",
"theoretischer" Wissenschaft zu huldigen begannen. |
|
|
| Bis in die Mitte des 18. Jhs finden man im
Wesentlichen um die Humaniora erweiterte Artesfakultäten
vor. Unter dem Einfluß der wissenschaftlichen Revolution
– vor allem der Rezeption Newtons – erfahren zuerst um die
Jahrhundertmitte Mathematik, Physik, Astronomie eine
bedeutsame Erneuerung, und unter dem Einfluß der
wirtschaftlichen Entwicklung und des weltweit
orientierten Handelns treten die neueren Sprachen in den
Kreis der Disziplinen. Als externer Faktor ist in den
fortschrittlichsten Ländern die in Bezug auf die Inhalte
gewährte Freiheit, die libertas
philosophandi, und als
treibender interner Faktor der Gedanke der umfassenden
Systematik der Erkenntnisarbeit von großer Bedeutung.
Die effektive Entwicklung wird freilich durch die
unterschiedlich hemmenden Wirkungen konfessioneller
Faktoren mitbestimmt. |
| Die Jahrzehnte von etwa 1760 bis 1800/1810
erscheinen geprägt von der rasch zunehmenden Intensität
der kameralistischen Interessen des Staates, man könnte
diese Phase geradezu als eine kameralistische
bezeichnen; sie ist bestimmt von einem quantitativ wie
qualitativ gesteigerten Produktionswillen und einer mit
diesem eng verknüpften systematisch-gesamtheitlichen
Auffassung des Staates, als eines rationalen Gesetzen
unterliegenden Mechanismus. Es kommt den konkreten
Anwendungen – Mechanik, Technologie, Geognosie – primäre
Bedeutung zu, und die Staatswissenschaften im
kameralistischen Sinne entfalten sich – mit Ausnahme
Österreichs – innerhalb der Philosophischen
Studien188. Die
treibende Kraft ist die Vorstellung "Fortschritt durch
Anwendung des Wissens". Hemmend wirkten die äußeren
Umstände – der beinahe ein Vierteljahrhundert währende
Kriegszustand behindert die Realisierung der leitenden
Vorstellungen, ja bringt sie um 1800 praktisch zum
Erliegen. |
| Die um 1800/1810 nahezu allgemein
zutagetretenden Erneuerungsbestrebungen wurden vielfach
durch das neuerliche Wirksamwerden der in den 1770er und
1780er Jahren bereits einflußreichen freimaurerischen
erkenntnisorientierten Bemühungen katalysiert und
weltanschaulich mehr und mehr getragen von der
idealistischen Philosophie und dem aufkommenden
Neuhumanismus, die beide eine neue Vorstellung vom Staat
und von der sinngebenden Bedeutung und Wirksamkeit der
geistigen Werte entwickelten, wie sie in der Entwicklung
der klassischen Altertumswissenschaft und allgemeiner
des Historismus unter dem Aspekt des Pluralismus der
Individualitäten und damit auch der Meinungen sich
manifestieren und mit einer neuen Auffassung vom Staate,
einer "höheren Kameralistik" gewissermaßen, verknüpft
sind189. Andererseits bewirkte
ab 1830 die Überwindung des Vitalismus eine neue,
geschlossenere Auffassung vom Wesen der
Naturwissenschaften, die ihrerseits eine Transformierung
nun auch der beschreibenden Disziplinen dieses Bereiches
wie auch der Medizin zur Folge hatte. So entsteht bald
ein sehr breiter Fächerkanon, der freilich vorerst kaum
irgendwo in seiner Idealform realisiert werden
konnte190. Hand in Hand mit dieser
Entwicklung geht die zunehmende Auslagerung der
anwendungsbezogenen Bereiche in die seit dem 18. Jh sich
entwickelnden und ab 1800 sich als staatliche
Institutionen konstituierenden Polytechnica und noch
später in die bereits erwähnten "Fachhochschulen". Indem
dadurch an den Universitäten eine Reduzierung auf den
Kernbereich der Wissenschaft bewirkt wird, ergibt sich
geradezu folgerichtig die Verwirklichung der "reinen"
Wissenschaft wie noch nie zuvor. |
| Zentraler Ort aller dieser Bemühungen und
Neuerungen wird nun im Sinne der systematische
Auffassung des Erkenntnisstrebens tatsächlich die neue
Philosophische Fakultät, „die
eigentlich schon jetzt alle übrigen Fakultäten in
sich enthalte, nur mit Weglassung alles dessen,
was eigentlich nicht Wissenschaft sei“
und deren Bezeichnung als „untere Fakultät“ bereits
Kant in seinem „Streit der
Fakultäten“191 mit allem
Nachdruck zurückgewiesen und ins Gegenteil verkehrt hat.
So wie Kant seine Hoffnungen in eine neue
Universität gesetzt hat, so haben auch die führenden
Köpfe in Berlin, die das Wort "Universität" vorerst gar
nicht benützen wollten (so wie Leibniz dem Begriff "Akademie"
ausgewichen war) letztlich doch auf den, mittlerweile
mehr eine „universitas
litterarum“ denn eine „universitas magistrorum et
scholarium“, ansprechenden Begriff der
Universität zurückgegriffen. Diese neue Universität ist
der Ort der Wissenschaft in ihrer Gesamtheit; und die
Philosophische Fakultät, in der das System der
Philosophie aus den Zeiten der artes
liberales herauf beheimatet ist, die im
Sinne der Wissenschaftssystematik die Gesamtheit des
Erkennbaren im Auge hat und damit auch das Ganze der
Universität umschließt, ist damit ihr natürliches
Zentrum, während die ehemals höheren Fakultäten nun
umgekehrt nur der Wahrnehmung spezifischer Bereiche
innerhalb des philosophischen Gesamtsystems dienten.
Tatsächlich haben seither die wesentlichen Neuerungen in
dieser Philosophischen Fakultät sich vollzogen oder
wenigstens langehin von hier ihren Ausgang genommen.
|
| Von 1830 an, in den katholischen Ländern
vielfach erst durch das Jahr 1848, kehrt auf Grund
dieser Entwicklung die Wissenschaft auch in den
Naturwissenschaften wieder an die Universitäten zurück,
oder besser: sie beginnt sich an den Universitäten zu
entfalten wie nie zuvor, und die Universitäten erlangen
die Hegemonie über die Akademien, indem sich deren
Mitglieder bald nahezu ausschließlich aus
Universitätsprofessoren rekrutieren. |
|
|
| Preußen hat aus seiner totalen Niederlage
gegen Frankreich im Jahre 1809 heraus zu einer
tiefgehenden Reform und Erneuerung angesetzt: 1810, also
nahezu noch während der Katastrophe, ist in Berlin eine
Universität begründet worden, deren Konzeption, Struktur
und Organisation im wesentlichen von Wilhelm von Humboldt bestimmt worden ist. Die
Humboldtsche Universität in Berlin ist
– erst nach geraumer Zeit – das große Universitätsideal
des deutschsprachigen Raumes bis weit in das 20. Jh
hinein geworden192 – wenige
Konzeptionen haben so stimulierend gewirkt und sind
lange nach ihrem Entstehen zu einem weltweit anerkannten
Ideal hochstilisiert worden. An diesem Modell
orientierte sich die österreichische Reform nach der
Revolution von 1848. |
| Die preußischen Reformen hatten ihre
Frühphasen vor dem Krieg – und die Ideen, die gemeinhin
mit Wilhelm von Humboldt identifiziert werden, sind
von Schleiermacher; Schelling und Fichte vorweggenommen worden. Schelling hat im Grunde genommen den
neuen Wissenschaftsbegriff als erster formuliert und
Fichte hat ein Programm für „eine zu Berlin zu errichtende Höhere
Lehranstalt“ schon 1807 vorgelegt,
wobei die ersten konkreten Planungen für die neue
Universität bereits 1802 erstellt worden waren. |
| Humboldt hat seine Ernennung zum Chef
des Ressorts für Kultus und Unterricht im November 1808
erfahren – er war damals Gesandter in Rom. Gefreut hat
er sich darüber nicht, er versuchte abzulehnen: „was läßt sich jetzt im preußischen
tun; wo man so wenig Mittel hat? Gelehrte zu
dirigieren ist nicht viel besser, als eine
Kömödiantentruppe unter sich zu haben“
– schließlich hat er der Aufgabe sich gestellt, soweit
er als „Genießer“ und Egoist dazu in der Lage war. |
| Die neue Lehranstalt in Berlin war nicht
von vornherein als „Universität“ geplant; dies deshalb,
weil der Begriff Universität als veraltet negativ
belastet war. Humboldt hat aber auf der Bezeichnung
„Universität“ bestanden, denn „Schulen und Gymnasien sind vom wichtigstem
Nutzen für das Land, in dem sie sich befinden.
Allein nur Universitäten können demselben Einfluß
auch über seine Grenzen hinaus zusichern und auf
die Bildung der ganzen, dieselbe Sprache redenden
Nation einwirken“. Eine bloß praktische
Anstalt – wie etwa die österreichischen Lyzeen und
Universitäten – hielt er, weil Theorie und Praxis
geschieden wären, für gefährlich. In seiner undatierten
Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der
wissenschaftlichen höheren Anstalten in Berlin“ (aus dem
Sommer 1809) hat Humboldt jene Maximen festgelegt, die
bis heute mit seinem Namen verbunden sind. |
| Humboldt hat nicht mehr wie vor ihm
die Aufklärung, wie Kant und viele andere, den Staat als
Instrument der Meisterung der Unzulänglichkeiten der
menschlichen Natur über alles gestellt, sondern den
Menschen. Geprägt vom oder besser als eine der
Führungsfiguren des Neuhumanismus in Deutschland hat er
die Entwicklung des menschlichen Individuums im Zentrum
gesehen. Euphorisch vertrat er dir Ansicht, daß das
Menschengeschlecht nun eine Entwicklungsstufe erlangt
habe, auf der es sich nur durch die Ausbildung der
Individuen höher emporschwingen könne. Dementsprechend
wendet er sich gegen die Nationalerziehung im Sinne
einer Erziehung durch und für den Staat: das Kind sei
nicht zum Bürger, sondern zum Menschen im eigentlichen
Sinne zu erziehen, denn der Staatbegünstigte eine
bestimmte Form, präge und verhindere dadurch die wahre
Entfaltung der Persönlichkeit. – Nation ist Humboldt ein vom Staat losgelöster
Begriff, eine gleichsam menschliche Gemeinschaft. Das
Verhältnis zwischen beiden sah er so, daß der Staat die
Nation dahin zu bringen habe, daß sie selbst Hüterin
ihrer geistigen Schätze werden könne. |
| „Über die Schulen aber
erheben sich“, so beginnt die
Denkschrift, „als die Gipfel, auf
denen alles zusammenkommt, was unmittelbar für die
moralische Kultur der Nation geschieht, die
höheren wissenschaftlichen Anstalten, welche dazu
bestimmt sind, die Wissenschaft im tiefsten und
weitesten Sinne des Wortes zu bearbeiten. In
dieser Region stehen Lehrer und Schüler
gleichergestalt, der Idee der Wissenschaft freien
Auges gegenüber. Vor ihr sind sie alle Lehrlinge,
denn niemand besitzt sie in ihrer vollen Klarheit.
Keiner wird je den Schleier der Göttin völlig
heben. Alle sind Suchende, Mitstrebende,
Mitkämpfer“. Und so „beruht bei der inneren Organisation der
höheren wissenschaftlichen Anstalten alles darauf,
das Prinzip zu erhalten, die Wissenschaft als
etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz
Aufzufindendes zu betrachten und unablässig sie
als solche zu suchen. Sobald man aufhört,
eigentlich Wissenschaft zu suchen, oder sich
einbildet, sie brauche nicht aus der Tiefe des
Geistes heraus geschaffen, sondern könne durch
Sammeln extensiv aneinander gereiht werden, so ist
alles unwiederbringlich und auf ewig verloren für
den Staat, denn nur die Wissenschaft, die aus dem
Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden
kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat
ist es ebenso als der Menschheit um Wissen und
Reden, sonder um Charakter und Handeln zu
tun. |
|
Einsamkeit und Freiheit sind, wo die
reine Idee der Wissenschaft waltet, die leitenden
Prinzipien. Doch gedeiht nur im Zusammenwirken das
geistige Leben der Menschheit. Was dem einen
mangelt, wird der andere ersetzen, die gelingende
Tätigkeit des einen wird den andern begeistern,
und allen die allgemeine, ursprüngliche, in dem
einzelnen nur einzeln oder abgeleitet
hervorstrahlende Kraft sichtbar werden. Also muß
auch die Organisation jener Anstalten
ununterbrochenes, sich selbst immer wieder
belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses
Zusammenwirken hervorbringen und unterhalten. Wäre
es möglich, diese Gemeinschaft von allen Formen
des Staates frei zu erhalten, so wäre die gewiß
das allerbeste. Denn jede Form, die sich annimmt,
kann nie etwas anderes sein als ein Notbehelf.
Aber wie die Menschen nun einmal sind, können sie
ohne feste Formen nicht leben; sie können den
vollen Atemzug der Freiheit nicht ertragen; ihr
eigener wissenschaftlicher Verein, frei von
solchen Fesseln würde entarten. Und so muß der
Staat, es ist seine Pflicht, dafür eintreten und
die äußeren Formen und Mittel herbeischaffen, um
die Bearbeitung der Wissenschaft zu ermöglichen.
Möchte er nur nie vergessen, daß die Sache an sich
ohne ihn unendlich besser gehen würde, daß jene
äußeren Formen und Mittel immer notwendig
nachteilig einwirken und das Geistige und hohe in
die materielle und niedere Wirklichkeit
herabziehen, und möchte er darum stets das innere
Wesen vor Augen haben, um gutzumachen, was er
selbst, wenn gleich ohne seine Schuld, gehindert
hat.“
|
| Wehren gegen die drohenden Eingriffe des
Staates zu bauen: in dem Wall korporativer
Selbständigkeit und Geschlossenheit will er die
ursprüngliche Freiheit des „wissenschaftlichen Vereins“
behaupten. Damit hängt zusammen, daß Schleiermacher die Differenz wischen
Akademie und Universität an einer anderen Stelle sieht,
als Humboldt es, wenigstens in der
Denkschrift, tut. Denn da Schleiermacher alles wissenschaftliche
Leben auf die Ausbildung wissenschaftlicher Vereine
zurückführt, so ist es klar, daß er den Unterschied
zwischen Akademie und Universität nicht in ihrer Form,
sondern nur in dem Inhalt ihrer Tätigkeit suchen kann.
Er faß die Universität als den Kreis der Lehrenden, die
Akademie als den der Suchenden auf: jene dienen der
Verbreitung der Wissenschaft, der Erziehung zur
wissenschaftlichen Arbeit, diese der Entwicklung
wissenschaftlicher Probleme selbst. |
| Auch Humboldt hatte anfangs, vielleicht
unter Schleiermachers Einfluss, diese
Scheidung machen wollen. Dann aber führte ihn das
Bemühen um die Formen der Organisation dahin, die
Abgrenzung beider Korporationen gegeneinander nicht in
ihrer Tätigkeit, sondern in ihrer Gestalt und in ihrem
Verhältnis zum Staate zu suchen. Und darin fand er nun
das innere, das organische Band, welches beide zur
Einheit zusammenschließe, ohne doch ihre Sonderzwecke zu
verwirren, einer jeden ihr eigenes Leben lasse und sie
dennoch zu einem gemeinsamen Endzweck vereinige. „Die Universität nämlich“,
so faßt er jetzt seine Ansicht zusammen, „steht immer in engerer Beziehung auf
das praktische Leben und die Bedürfnisse des
Staates, da sie sich immer praktischen Geschäften
für ihn, der Leitung der Jugend, unterzieht; die
Akademie aber hat es rein nur mit der Wissenschaft
an sich zu tun. Die Lehrer der Universität stehen
untereinander in bloß allgemeiner Verbindung über
Punkte der äußeren und inneren Ordnung der
Disziplin; allein über ihr eigentliches Geschäft
teilen sie sich gegenseitig nur, insofern sie
eigene Neigung dazu führe, mit; indem sonst jeder
seinen eigenen Weg geht. Die Akademie dagegen ist
eine Gesellschaft, wahrhaft dazu bestimmt, die
Arbeit eines jeden der Beurteilung aller zu
unterwerfen“. Darum müsse die Idee
einer Akademie als die höchste und letzte Freistätte der
Wissenschaft und die vom Staat am meisten unabhängige
Korporation festgehalten werden. Keineswegs gibt Humboldt darum die Besorgnis auf, daß
die Akademie ihre Unabhängigkeit mißbrauchen und, wie er
mit einem verständlichen Seitenblick hinzufügt, durch zu
geringe oder einseitige Tätigkeit beweisen könne, daß
das Rechte nicht immer am leichtesten unter den
günstigsten äußeren Bedingungen zustande komme. Aber auf
diese Gefahr, meint er, müsse man es eben ankommen
lassen: „ich sage, man muß es darauf
ankommen lassen, weil die Idee in sich schön und
wohltätig ist, und immer ein Augenblick eintreten
kann, wo sie auch auf eine würdige Weise
ausgefüllt wird.“ |
| Das Korrektiv erblickte er zunächst in der
Wechselwirkung, welche man der Tätigkeit beider
Korporationen geben müsse. Jeder Akademiker müsse
nämlich das Recht haben, Vorlesungen zu halten, ohne
dadurch Mitglied der Universität zu werden. Mehrere
Gelehrte müssen also Universitätslehrer und Akademiker
zugleich sein, aber beide Institute wiederum andere
besitzen, die nur ihr allein gehören. Es geht dies wohl
auf den Einfluß Friedrich August Wolfs zurück, der von
Anfang an eben dies Verhältnis, freilich unter sehr
abweichenden und seinen persönlichen Wünschen angepaßten
Formen und Vorrechten, angeraten hatte. Dies war das
eine. Das andere Korrektiv betraf die Wahlen zu beiden
Korporationen. Der Akademie wollte Humboldt das Recht der Ergänzung,
ihrer Idee gemäß, überlassen und es nur an die
Bestätigung des Königs binden. Denn die Akademie sei
eine Gesellschaft, in der das Prinzip der Einheit bei
weitem wichtiger sei und deren rein wissenschaftlicher
Zweck dem Staat als Staat weniger naheliege. Die
Ernennung der Universitätslehrer aber will er dem Staat
ausschließlich vorbehalten. Es sei, so sagt er, gewiß
keine gute Einrichtung, den Fakultäten darauf mehr
Einfluß zu verstatten, als ein verständiges und billiges
Kuratorium von selbst tun werde. Denn bei der
Universität sei Antagonismus und Reibung heilsam und
notwendig, und die Kollision, die zwischen den Lehrern
durch ihr Geschäft selbst entstehe, könne auch
unwillkürlich ihren Gesichtspunkt verrücken, auch sei
die Beschaffenheit der Universitäten zu eng mit dem
unmittelbaren Interesse des Staats verbunden. Wenn auf
diese Weise Staat und Akademie ungefähr gleichen Anteil
an der Bestellung der Universitätslehrer nähmen, so
werde sich bald der Geist zeigen, in welchem beide, und
die öffentliche Meinung selbst werde beide, wo sie sich
verirren sollten, auf der Stelle unparteiisch richten.
Da aber nicht leicht beide zugleich, wenigstens nicht
auf dieselbe Weise, fehlen würden, so drohe wenigstens
nicht allen Wahlen zugleich Gefahr, und das
Gesamtinstitut sie vor Einseitigkeit sicher. Eine
weitere Garantie erhoffe er von der Institution der
Privatdozenten, welche wenigstens anfangs bloß der
Beifall ihrer Zuhörer hebe und trage. Und endlich wollte
er zur Belebung des Wetteifers noch ein anderes Moment
einfügen: die Veranstaltung von systematisch geordneten
Beobachtungen und Versuchen seitens der Akademie, wovon
einige ihr freigestellt, andere aber ihr aufgetragen
werden müßten; und diese letzteren sollten wiederum von
der Universität in Vorschlag gebracht werden. |
| Wilhelm von Humboldt hat lediglich die großen
Richtlinien festgelegt und die ersten wesentlichen
Ernennungen durchgesetzt – sein Engagement war von
Beginn an nur für die Anfänge ins Auge gefaßt. Die
Organisationsfragen sind einer eigenen, besonderen
Kommission übertragen worden. Als sie zusammentrat, war
Humboldt schon nicht mehr in seinem
Amt, das er ja nur 16 Monate innegehabt hat. Humboldt hat jeden Kompromiß um seine
Stellung innerhalb der staatlichen Administration
abgelehnt und ist um seine Entlassung eingekommen.
Dennoch ist Humboldt mit der Einrichtung der
Universität beauftragt worden, so hat er weitestgehend
die Geschäfte der Kommission begleitet und beeinflußt.
|
| Die neue Universität war aus Humboldts Vorstellungen heraus eine
Korporation, keine Staatsanstalt in engerem Sinne. |
| Die strukturellen Prinzipien stammten vom
Philologen Johann Wilhelm Süvern und auch von Karl von Savigny – und entstanden in nur zwei
Monaten zwischen dem 20. Juni und dem 24. August, an dem
Schleiermacher die Endfassung der
Kommission vorlegte. Sie enthalten die Gliederung in
vier Fakultäten, Ordinarien und Extraordinarien und
Dozenten nach Habilitation sowie eine akademische
Gerichtsbarkeit in der es sogar eine studentische Jury
gab. Man faßte sogar ein eigenes Universitätsviertel
(ganz nach mittelalterlichem Vorbild), die Sicherung der
Quartierfragen und des billigen Mittagstisches ins Auge.
|
| Am 22. September 1809 wurde alles dem
König übergeben, am 28. alles bewilligt, am
2. Oktober erfolgten die Ernennungen von Rektor und
Dekanen, am 6. Oktober 1809 begann die
Immatrikulation. |
| Weit tritt der Staat für Humboldt in den Hintergrund: „Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt
für den persönlichen Wohlstand der Bürger und gehe
keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung
gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde
notwendig ist; zu keinem anderen Endzweck
beschränke er die Freiheit“; – ähnlich
hat es Schleiermacher formuliert: „Schulen und Universitäten leiden je
länger je mehr darunter, daß der Staat sie als
Anstalten ansieht, in welchen die Wissenschaften
nicht um ihret-, sondern um seinetwillen betrieben
werden“, zumal er (der Staat)
befürchte, daß (wenn er sie) die Universitätensich
selbst überließe, bald alles „im
Kreise eines unfruchtbaren, vom Leben und von der
Anwendung weit entfernten Lernens und Lehrens
herumdrehen, vor lauter reiner Wißbegierde würde
die Lust zum Handeln vergehn, und niemand würde in
die bürgerlichen Geschäfte
hineinwollen“. |
| Wissenschaft war den Reformern nach den
Ausführungen Schellings ein nie abschließbarer,
unablässiger geistiger Prozeß, etwa in einem geistigen
Prozeß Werdendes in einer organischen Einheit (es gibt
keine Wissenschaften!). Es liegt also ein in sich
einheitlicher Organismus vor, in dem jeder kleinste Teil
die Organisation des Ganzen widerspiegelt. – Darin ist
die theoretische Absicherung der Spezialisierung ohne
stringenten Verlust der Wissenschaftlichkeit gegeben.
|
| Dementsprechend hat Schleiermacher die Zielsetzung der
Universität definiert: |
| „Die Idee der
Wissenschaft in den edleren, mit Kenntnissen
mancher Art schon ausgerüsteten Jünglingen zu
erwecken, ihr zur Herrschaft über sie zu verhelfen
auf demjenigen Gebiete der Erkenntnis, dem jeder
sich besonders widmen will, so daß es ihm zur
Natur werde, alles aus dem Gesichtspunkt der
Wissenschaft zu betrachte, alles einzelne nicht
für sich, sonder in seinen nächsten
wissenschaftlichen Verbindungen anzuschauen, und
in einen großen Zusammenhang einzutragen in
beständiger Beziehung auf die Einheit und Allheit
der Erkenntnis, daß sie lernen, in jedem Denken
sich der Grundgesetze der Wissenschaft bewußt zu
werden, und eben dadurch das Vermögen, selbst zu
forschen, zu erfinden und darzustellen, allmählich
in sich herausarbeiten, dies ist das Geschäft der
Universität“. |
| Für das Verständnis der weiteren
Entwicklung wesentlich, ja unentbehrlich ist es, sich
bewußt zu werden, daß diese Anschauungen Weltanschauung
waren – daß damit eine Identität von
Wissenschaftlichkeit und Weltanschauung gegeben war, und
daß die Wissenschaft in Herstellung dieser Identität
auch noch Metaphysik in sich eingeschlossen hat. |
| Es ist nun die Forschung nach der Freiheit
der Wissenschaft im Verlaufe des 19. Jhs zu einer
Selbstverständlichkeit geworden. Die postulierte
Abstinenz des Staates von den Universitäten war jedoch
nicht von langer Dauer. Der Staat mußte wohl seine
Forderungen erheben und die Universitäten als
Staatsanstalten betrachten. |
| Zur Verknüpfung von Forschung und Lehre
formulierte Spranger: „In der
Wissenschaft liegt eigentlich nichts fertig da,
alles will angeeignet, innerlich verarbeitet und
eingesehen sein. Wissenschaftlichkeit
unterscheidet sich vom Drill und Einpauken eben
dadurch, daß das auch hier der Prozeß des Lernens
immer den Charakter des Selbstschaffens,
Selbstfinden, Selbsterwerbens trägt“.
|
| Die enorme Spannung innerhalb des Dualismus
von Forschung und Lehre ist wesentlich verursacht durch
die Lehre im Sinne des Staates – schon 1913 meinte Spranger, daß die Seminare „einen besser oder schlechter
gelungenen Kompromiß zwischen den
wissenschaftlichen Idealen des Leiters und seinen
Pflichten als Lehrer künftiger“
Lehramtskandidaten darstellen. |
| Humboldts Vorstellungen sind Ausdruck jener Epoche des
Aufbruchs in den politischen Liberalismus im Gefolge des
Jahres 1789, wie er sich in Preußen im Unterschied zu
Österreich vollzogen hat. Freiheit in jeglicher Hinsicht
war die Devise: Lehrfreiheit, Lernfreiheit,
Pressefreiheit etc. |
| Frei sollte auch das Erkenntnisstreben
sein; eben deshalb ist die Humboldtsche Universität ja eine
Struktur geworden, die einzig und allein aus dem freien
Trieb nach Erkenntnis heraus bestimmt sein sollte, und
damit dem Staat, den man als Zwangsanstalt empfand,
diametral gegenüberstand. |
| Es ist diese Anschauung nicht ganz so neu,
wie dies das immer wieder behauptet wird. Im Grunde
genommen handelt es sich ja doch in vielen um
Wiederherstellung schon seinerzeit gegebener Zustände
auf der Grundlage neuer geistiger Entwicklungen. Die
mittelalterliche Universität (und auch die humanistische
gerade noch) war im Wesentlichen frei vom Staat, frei
von weltlichen Belangen. Erst dann hat der Staat sich
entwickelt, erst dann ist der Staat in der Theorie und
Staatsphilosophie zu jenem Instrument geworden, dem man
in der Aufklärung die absolute Suprematie zugesprochen
hat. Die Wende hin zum politischen Liberalismus, mit der
die neue Universität engstens verknüpft erscheint und
ohne die sie unmöglich gewesen wäre, war eine Reaktion
auf den Absolutismus. Auch die neue Universität ist eine
Reaktion gewesen. |
|
|
| Die Entwicklung der Universität wird im
19. Jh zunehmend vom deutschen Modell, das gegen
Ende des Jahrhunderts erst als „Humboldt-Modell“
bezeichnet wird, bestimmt, dessen Vorbildwirkung nicht
allein in Europa – in Österreich, dann in Einzelheiten
bald auch in Frankreich., sondern auch in den USA
erhebliche Bedeutung zukommt193. |
| Allerdings bestanden im 19. Jh zwei
unterschiedliche Universitätsmodelle, nämlich |
|
|
| In Frankreich wurden die 24 bestehenden
Universitäten in der Zeit von 1789 bis 1794 durch eine
Reihe von Gesetzen und Dekreten aufgelöst – 1808 wurden
die Güter der Sorbonne endgültig eingezogen – und durch
ein in rigider Weise dirigistisches, zentralistisches
System von selbständigen Fakultäten und
Spezialhochschulen in zwölf Städten ersetzt194, dessen Mängel bereits
um 1830 deutlich und öffentlich angegriffen wurden. Was
in der Folge als Université neu eingerichtet wurde,
hatte mit Universität im herkömmlichen Sinne nichts zu
tun, es handelte sich dabei um eine die Lehrenden der
Gymnasien wie der Hochschulformen umfassende, in die
Beamtenhierarchie eingegliederte Korporation195. Dieses System wurde
erst im ausgehenden 19. Jh unter deutschem Einfluß
wieder dem deutschen Modell angenähert; 1868 wurde durch
Victor Duruy vier Sektionen der École
pratique des Hautes Études eingerichtet, die wieder zu
Forscungs- und Lehranstalten in einem universitären
Sinne wurden (und nicht mehr einem allgemeinen breiteren
Publikum zugänglich waren wie dies zuvor üblich geworden
war). Die Lehrkörper wurde wesentlich ausgeweitet und
ebenso die materiellen Aufwendungen einschließlich der
Gebäude – man begann sich wieder den deutschen
Verhältnissen anzunähern. Ab 1895 wurde das
Universitätssystem wieder eingeführt, doch behielt der
Staat eine rigide Oberaufsicht über die Universitäten,
und die alten grandes
écoles – die Spezialschulen und
Spezialhochschulen für die unterschiedlichsten, vielfach
technischen und wirtschaftlichen Bereiche – verloren
ihren Einfluss, maßgeblich auch die Zugangskontrolle zu
den Führungspositionen, nicht. Nach Auffassung
französischer Historiker traten erst nach 1968
Veränderungen zugunsten des „klassischen“
Universitätsmodells ein. |
|
|
| Die Wirren der französischen Revolution und
der nachfolgenden Kriege hatten aber überhaupt die Zahl
der europäischen Universitäten von 143 im Jahr 1789 auf
83 im Jahr 1815 reduziert – mehr als die Hälfte der 34
deutschen Universitäten existierte nicht mehr, 18 waren
abgekommen. Im Vormärz stieg die Zahl wieder an – 1840
gab es in Europa wieder 98 Universitäten. In der
Folgzeit setzte ein bedeutender Ausweitungsprozess ein.
|
| Die Krise um um 1800 und die Karlsbader
Beschlüsse von 1819 bewirkten, dass im Großteil der
europäischen Universitäten das Gegenteil der von Wilhelm
von Humboldt geforderten akademischen
Freiheit realisiert wurde. Erst 1848 fielen die Zensur
und andere Kontrollmaßnahmen wieder. Andererseits
entstand in jenen Jahren die Mehrzahl der zentralen
staatlichen Institutionen – Kommissionen, Ministerien
u.ä. –, denen in der Folge die Oberaufsicht auf die nun
endgültig säkularisierten Universitäten übertragen
wurde; darin kam die bedeutende Aufwertung der
Universitäten innerhalb des Staates zum Ausdruck. Die
Professorengehälter wurden angehoben, sodaß die
Professoren sukzessive auf die zuvor meist unabdingbaren
Nebenbeschäftigungen verzichten und sich auf ihre
wissenschaftliche Tätigkeit konzentrieren konnten.
Sowohl in Frankreich wie auch im deutschen Modell war
der Professor nun definitiv ein Staatsbeamter, wobei im
deutschen Raum auf Grund der Vielfalt der Staaten ein
stark kompetetives System entstand, das zur Entwicklung
eines Professorenmarktes führte, der im Zusammenspiel
mit der durch Telegraphie und Eisenbahn rasch
zunehmenden Mobilität im letztzen Drittel des
19. Jhs ein enormes Ausmaß annahm und
wirtschaftlich kritisch werdende Konsequenzen zeitigte,
indem die Preise für exzellente Wissenschaftler in
ungeahnte Höhen stiegen, sodaß es schließlich
zwischenstaatlichen Absprachen kam, die diesem Prozess
Schranken setzen sollten. Damit entstand aber auch –
sowohl im klassischen Bereich als in den mittlerweile
zahlreich gewordenen Technsichen Hochschulen und
Fachhochschulen des Montanwesens, der Agrikultur etc.
eine übergeordnete virtuelle Einheit, deren zentrales
Element das der Forschung war. |
| Während das deutsche Modell die Entwicklung
der klassischen universitären und damit die
theoretischen Bereiche förderte, wurde in Frankreich die
technische Hochschulbildung – nicht zuletzt unter
militärischen Aspekten – forciert, was insoferne auf den
deutschen Bereich einwirkte, als hier im verlaufe der
zweiten Hälfte des 19. Jhs analoge Institutionen
wie die Polytechnica in den Hochschulrang aufstiegen,
wobei sie allerdings im deutschen Raum nicht (wohl aber
in anderen Ländern wie etwa Rumänien) die französischen
Organisationsformen übernahmen, sondern dem Modell der
Universitäten nacheiferten. Als ein Erbe der
zeitweiligen napoleonischen Herrschaft behielten die
1815 wieder hergestellten Universitäten im deutschen
Raum die Teilung der alten Philosophischen Fakultät in
eine philologisch-literarische und eine
mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät bei,
während andere an der Einheit der Philosophischen
Fakultät bis in die 1960er Jahre, in Österreich bis 1975
beibehielten. |
| Eine wesentliche Neuerung, die sich
letztlich erst im 19. Jh vollzog, war, dass von den
deutschen Universitäten ausgehend der von Humboldt, Schleiermacher, Boeckh und anderen als eigentliche
Zweck der Universität definierte Aspekt der
wissenschaftlichen Erkenntnis und damit der Forschung in
die Universitäten der europäischen Länder einzog. Dies
brachte einerseits im Wege der Einrichtung der
notwendigen Laboratorien etc. eine erhebliche Vermehrung
des mateialiellen Aufwandes mit sich, bewirkte aber
andererseits eine derart enorme Ausweitung des deutschen
Einflusses, dass man den Eindruck gewann, die englischen
Universitäten – immer noch nur Oxford und Cambridge –
seien nach 1845 deutsch geworden; in Frankreich wurden
nach deutschem Vorbild Seminare und Laboratorien
eingerichtet, und 1892 beklagte sich eine französische
wissenschaftliche Zeitschrift „Man will aus uns Deutsche
machen“; im 20. h wird sich die Entwicklung der
Annales am Widerstand gegen die Dominanz des
mittlerweile einseitigen deutschen Historie-Modells
entzünden. Die deutsche Universität zielte damit mehr
als auf die Vermittlung von Lehrstoff auf die
Vorbildwirkung des Lehrenden, die den Lernenden zur
Problemlösung entwickeln sollte – daraus ist auch zu
erklären, weshalb das deutsche Studienwesen in hohem
Maße liberal organisiert war, praktisch ohne
Pflichtlehrveranstaltungen196.
„Freiheit und
Einsamkeit“ waren für Humboldt prägende Elemente und das
Moment der Freiheit hat in verschiedenerlei Gestalt auch
weiterhin das Schicksal der Universitäten und über diese
ganzer Staaten mitbestimmt. |
| Auch in den Ländern Nord- und Osteuropas –
wo sich in Russland vor allem trotz der Dominanz des
deutschen Systems auf Grund des Absolutismus doch
„französische“ Elemente ausgeformt hatten – setzte sich
schließlich das deustche Modell durch, das in Österreich
nach 1848 durch Leo Graf Thun-Hohenstein zum Leitmodell wurde,
das man als Vorbild erachtete, aber nicht unbedingt
kopieren wollte. |
| In England bestanden um 1800 nach wie nur
die beiden alten Universitäten. Erst 1828 kam es zur
Gründung eines ersten nicht anglikanischen Colleges in
London, dem späteren University College, das 1836 mit
einem mittlerweile gegründeten weiteren (anglikanischen)
College zur Universität London zusammengefasst wurde,
die die erst Erweiterung des englischen
Universitätssystems darstellte, das später durch
zahlreiche civic
universities in einzelnen Städten (zuerst
in Birmingham) ausgeweitet wurde. |
| Die Aufwertung des Aspekts der Forschung
erzwang ab der ersten Hälfte des 19. Jhs eine
enorme Ausweitung der materiellen und räumlichen
Ausstattung der Universitäten. Laboratorien mit ihrer
immer reichhaltiger werdenden unterstützenden
Infrastruktur, Seminarräume oder gar Professorenzimmer
waren zuvor kaum vorhanden gewesen; ihre Einführung
erforderte die Konzipierung und die Realisierung neuer
Universitätsbauten, die sich grundlegend von den
früheren unterschieden. Analog zum sich entwickelnden
Forschungsprozess vollzog sich die Ausweitung des
Bibliothekswesens, und die Buchbestände begannen sich zu
vervielfachen. Die Zahl der Studierenden stieg drastisch
an und im Zusammenhang damit und mit der
wissenschaftlichen Differenzierung auch die der
Lehrenden – um 1840 lehrten in Europa an 98
Universitäten rund 5.000 Professoren etwa 80.000
Studierende; am Vorabend des zweiten Weltkrieges gab es
an 200 Universitäten 32.000 Professoren und 600.000
Studierende197. |
| Diesen veränderungen entsprechend stieg
gegen 1900 hin der Finanzbedarf in einem Ausmaß, dass um
1900 die mittlerweile fast durchwegs nahezu vollständig
vom Staat abhängigen Universitäten zunehmend als nicht
mehr finanzierbar erachtet und Auswege gesucht wurden.
Auch argumentierte man vor allem in Deutschland, dass
die Universität, sollte sie ihren eigentlichen Zweck
erfüllen, nicht zum Großbetrieb geraten dürfe. Beide
Faktoren förderten die Entstehung außeruniversitärer
Forschungseinrichtungen bzw. neuer Finanzierungsmodelle.
|
| In den USA entstand noch in der
Kolonialzeit eine Reihe von Bildungsinstitutionen, die
als Colleges gegründet wurden und nach und nach, nicht
selten erst im 19. Jh zu Universitäten wurden. 1638
wurde Harvard gegründet, die älteste universitäre
Einrichtung der beiden Amerika, die 1780 die bezeichnung
Universität führte. Es folgten das William and Mary
College in Virgina, , dann Yale, das nach dem Vorbild
von Oxbridge gestaltet wurde und ab 1861 als erste
US-amerikanische Institution das Doktorat der
Philosophie zu verleihen begann. Benjamin Franklin
gründete die University of Pennsylvania mit dem Sitz in
Philadelphia, welche Universität nach dem Vorbild der
klassischen europäischen Vierfakultäten-Universität
eingerichtet wurde. Es folgte das College of New Jersey,
aus dem Princeton herging, das King’s College in New
York, aus dem 1857 die Columbia University hervorging,
das College of Rhode Island (die heutige Brown
University), das Dartmouth College und im 19. Jh
Cornell und Stanford. Damit sind die Universitäten der
in den Jahren um den Zweiten Weltkrieg auf sportlicher
Basis ausgeformten Ivy League aufgezählt. |
| Die weitaus überwiegende Mehrzahl der
frühen US-amerikanischen Gründungen ist aus kirchlich
orientierten philanthropischen Stiftungen
hervorgegangen198 und
verfügte bzw. verfügt im Zusammenhang mit weiteren
Bestiftungen über vielfach sehr erhebliche materielle
Ressourcen, die auch den Aufbau gewaltiger Bibliotheken
ermöglichten. In der Mitte des 19. Jhs durchliefen
diese Institutionen eine krisenhafte Phase, die in
intensive Reformbemühungen mündeten, die sich nicht
selten an europäischen, oft deutschen Vorgaben
orientierten. Neben den bekannten und immer wieder als
Vorbild zitierten bekannten Universitäten der USA
existiert eine Fülle von rund 4000 Bildungseinrichtungen
des tertiären Sektors, von denen die meisten auch nicht
nur annähernd an die Spitzenreiter heranreichen. Nicht
wenige der philanthropischen Gründungen haben allerdings
eine hervorragende Entwicklung genommen: |
| Eine besondere Entwicklung nahm das
Universitätswesen in Österreich, das nach Jahrzehnten
der Stagnation durch die Reform von 1848ff nach
deutschem Vorbild reorganisiert wurde und recht
erfolgreich innerhalb weniger Jahrzehnte den Anschluß an
das internationale Niveau herstellte. Dazu s. den Exkurs
„Zu den universitären Verhältnissen in Österreich ab
1848“ |
| „Die deutschen Universitäten“ und später
dann „die Universität Berlin“ (nicht Humboldt) waren aus vereinfachender
räumlicher wie zeitlicher Distanz verklärte Ideale erst
progressiver und dan prononciert deutschnationaler
akademischer Elemente in Österreich – zeitweise vermengt
mit romantisch idealisierenden Vorstellungen von „der
mittelalterlichen Universität“. Es hat sich das als eine
sehr gefährliche Mischung erwiesen. Der Hinweis auf den
Umstand, dass Preußen in den Stunden größter Not eine
Universität gegründet habe, findet sich in zahllosen
österreichischen Aktenstücken, in denen es darum geht,
finanzielle Forderungen zu untermauern – dieser Hinweis
ist ein Topos, eine Standard-Metapher. Aber erst um 1900
und im 20. Jh. |
|
|
| Ausbildungsstätten für die Bereiche der
sich seit der Renaissance herausbildenden
Ingenieurswissenschaften begannen im ausgehenden 17. und
beginnenden 18. Jh zu entstanden – privat und auch
ständisch getragen. Militärische Aspekte bewirkten die
Entstehung von tierärztlichen Institutionen und
Ausbildungsgängen, die die Frühform der Veterinärmedizin
bildeten. Sehr bald traten Gesellschaften zur Förderung
der Landwirtschaft hinzu. Diese Institutionen erlangten
in der ersten Hälfte des 19. Jhs konkretere,
teilweise bereits staatliche Organisationsformen und
wurden ab der Mitte des 19. Jhs in den Rang von
staatlichen Hochschulen übergeleitet, als welche sie
nach der Gleichstellung mit Universitäten zu streben
begannen, die ihnen hinsichtlich der Position des
rektors und anderer Faktoren um 1900 auch vielfach
gewährt wurde, wenn gleich sie immer noch klar von den
Universitäten geschieden waren, die sich als Ort der
„reinen“, der „theoretischen“ Forschung betrachteten und
auf die anwendungsorientierten Hochschulen
herabblickten, wenn auch um 1900 längst ein reger
Austausch zwischen beispielsweise
naturwissenschaftlichen Disziplinen an den Universitäten
und an den Technsichen Hochschulen auf dem Gebiet sowohl
der Studierenden als auch der Lehrenden üblich war. Das
französische Beispiel mit den hochentwickelten technisch
orientierten Anstalten hatte seine Wirkung im
deutschsprachigen Raum nicht verfehlt. Weitsichtigere
Wissenschaftler wie der deutsche Mathematiker Felix Klein propagierten entgegen den
von geisteswissenschaftlicher Seite entwickelten und
vertretenen Differenzierungsvorstellungen zwischen
nomothetische und idiographischen Wissenschaften um 1900
bereits den Ausgleich und ein Miteinander von
Universitäten und Technischen und anderen
Fach-Hochschulen. Es ist signifikant, dass die Gründung
der Rektorenkonferenz in Österreich (1911) von einem
Technik-Rektor ausgegangen ist und anfangs von der
führenden Universität Wien boykottiert worden ist. |
| Die Techniker intensivierten den Druck auf
ihre gesellschaftliche Gleichstellung im Zusammenhang
mit dem Ersten Weltkrieg enorm – so vermochten doch
darauf zu verwiesen, dass es ihre Errungenschaften
seien, die den Krieg überhaupt erst ermöglichten bzw.
ermöglichten in ihm zu bestehen. So zogen die Techniekr
neben den Sozialwissenschaftler in die Akademien der
Wissenschaften ein, wo sie noch ausgeschlossen gewesen
waren, weil man nur damit die Einrichtung von Akademien
für die technischen Wissenschaften hintanhalten konnte.
Darüber hinaus entstanden nun vermehrt technischer
Forschung gewidmete Anstalten. |
| Nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Begriff
„Universität“ schließlich in geradezu inflationärer
Weise ausgeweitet und zu Ende des 20. Jhs für eine
Vielzahl von Einrichtungen in Verwendung gekommen, sodaß
er schließlich nur mehr einen Rang bezeichnet. |
| Im Wesentlichen wohl unbeeindruckt von
diesen Vorgängen in Europa, sehr wohl aber unter dem
Einfluß europäischer Vorbilder vollzog sich die
Entwicklung einschlägiger Institutionen in den USA, von
hier nur zwei erwähnt seien, die zur absoluten
Weltspitze aufgestiegen sind: |
|
|
| Das MIT wurde 1861 nach dem Vorbild
deutscher und französischer polytechnischer Anstalten
von William Barton Rogers gegründet, der zuvor an der
University of Virginia Naturphilosophie gelehrt hatte,
und ist eine private nicht-konfessionelle technische
Universität, die als erste Chemie-Ingenieure ausbildete
und die Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften
in die Ingenieurausbildung einbezog. Die um 1900 aus
finanziellen Gründen drohende Vereinigung mit der
benachbarten Harvard University wurde abgewehrt, 1916
erfolgte die Verlegung nach Cambridge, Mass. Derzeit
studieren am MIT 10.253 Studierende (davon 6000
Graduates), denen 10.000 wissenschaftliche Mitarbeiter
gegenüberstehen, das Betreuungsverhältnis Professoren zu
Studierenden liegt bei 1:10. Das MIT rühmt sich für das
hohe Niveau der Ausbildung, wobei die Studenten schon
früh in die Forschungsaktivitäten eingebunden werden.
Rund um das MIT hat sich ein Cluster aus
Hochtechnologie-Kleinfirmen von AbsolventInnen
entwickelt – der als Telecom-Corridor bekannte Bereich
entwickelte sich so zu einem Gegenpol des Silicon
Valleys. Das MIT, dessen Forscher und Institutionen an
zahlreichen Hochtechnologieentwicklungen beteiligt waren
und sind, verzeichnet 63 Nobelpreisträger; allein sieben
von ihnen sind derzeit am MIT tätig. |
|
|
| Dieses Institut wurde 1891 vom
Philanthropen und Bürgermeister Amos Throop in Pasadena in
Kalifornien als Universität gegründet und spezialisierte
sich auf Natur- und Ingenieurswissenschaften. Den
eigentlichen wissenschaftlichen Aufschwung führte der
Astronom George Ellery Hale, der erste Direktor des Mount Wilson
Observatory herbei, den Throop 1907 in den Board of Trustees berief.
Gemeinsam mit dem Chemiker Arthur A. Noyes und dem Physiker
Robert A. Millikan
baute er die Universität zu einer erstrangigen
Institution unter ihrem heutigen Namen aus. – Bis heute
sind 31 Mitglieder mit insgesamt 32 Nobel-Preisen
ausgezeichnet worden (Linus Pauling erhielt 1954 den Nobelpreis für
Chemie und 1962 der Friedensnobelpreis). Das Jet
Propulsion Laboratory der NASA ist Teil der Universität.
Die Struktur ist mit 310 Professoren und 2171 Studenten
(2004-2005) extrem günstig, die Auslese der Studierenden
dementsprechend fordernd. |
|
|
| Hatten sich schon verschiedentlich im
Spätmittelalter Universitäten als gesellschaftspolitisch
relevantes Ferment erwiesen, so gewannen die
Studierenden im 19. Jh zunehmend an politischer
Bedeutung. Sie erwiesen sich als wesentliche Träger der
Revolution von 1848 und im weiteren der
Nationalisierung. Die Erwartung wissenschaftlichen
Aufsteigens, Antiklerikalismus und Führungsanspruch in
nationaler Hinsicht führten im letzten Drittel im
deutschen Sprachraum zu einer Nationalisierung der
Universitäten, die sich im multiethnischen Österreich in
besonderem Maße entwickelte und in der Teilung der
Universität Prag 1882 ihren sichtbarsten Ausdruck fand.
Mit dem deutschnationalen Führungsanspruch der
Studierenden – verdeckter, aber nicht weniger wirksam
auch der Professoren – Hand in Hand ging der
Mitbestimmungsanspruch der Studierenden, deren
deutschnationale Gruppierungen der
Alleinvertretungsanspruch aller Studierenden gegenüber
den akademischen Behörden erhoben und dies mit der
Forderung nach dem Volksbürgerschaftsprinzip verbanden.
Es war dies eine Entwicklung, die aus dem ausgehenden
19. Jh direkt in die Jahre 1933 und 1938 führte.
|
| Auf der Ebene der Professoren entwickelten
sich in Österreich unter dem Druck der
Budgetierungsansprüche zugunsten der
nicht-deutschsprachigen Bildungsanstalten einschließlich
der Universitäten und fachbezogenen Hochschulen
Differenzen. Innerhalb der Universitäten sorgte ab 1890
in Österreich wie in Deutschland die
Nichtordinarienfrage für Spannungen, da mittlerweile die
Zahl der Extraordinarien, der Dozenten und der
Assistenten erheblich angestiegen war und diese
Gruppierungen nicht nur ihre besoldungsmäßige
Besserstellung, sondern wie die Studierenden ein
Mitsprachereht zu fordern und sich in unterschiedlichen
Gruppierungen zu organisieren begannen. Gleichzeitig
entstanden im deutschen Sprachraum Rektorenkonferenzen,
die allerdings in erheblichem Maße mit
standespolitischen und – im Zusammenhang mit der
Entwicklung und der Folgen des Ersten Weltkrieges – in
erheblichem Maße mit allgemein politischen Fragen
befasst und unter dem Aspekt, dass die Rektoren an die
Entscheidungen der Akademischen Senate gebunden waren,
in erheblichen organisatorischen Problemen ausgesetzt
waren. |
| Diese Erscheinungen und die zeitweise
enormen wirtschaftlichen Einbrüche haben die Entwicklung
der Universitäten bis zur Machtübernahme des
Nationalsozialismus wesentlich beeinflusst. Die Ära des
Nationalsozialismus, den nicht wenige an den
Universitäten herbeigesehnt haben, um dann sehr bald
Enttäuschung und Entsetzen zu registrieren, hatte für
die Universitäten allein schon im Wege der Nürnberger
Rassengesetze einen personellen Aderlass sondergleichen,
schwerste materielle Einbußen und lange Anstrengungen
des Wiederaufbaus zur Folge. Darüber hinaus erwies sich
in den 1960er und 1970er Jahren, dass man bedeutende
Entwicklungen in den Sozial- und
Gesellschaftswissenschaften zu rezipieren hatte, denen
man sich zuvor aus unterschiedlichen ideologischen
Gründen verweigert hatte. So setzten in den 1960er
Jahren, als auch die Zahl der Studierenden rapide auf
ein Vielfaches anzusteigen begann, Reformen ein, die zu
Ende des 20. Jh unter dem Einfluss der
Kostenexplosion eskalierten und die Überleitung der
Universitäten zu partiell oder gänzlich unternehmerisch
struktrierten und zu führenden Einheiten bewirkten und
darüber hinaus in Hinblick auf die
Wissenschaftsentwicklung prinzipielle Struktur- und
Organisationsfragen eröffneten, deren tatsächliche
Lösung und Auswirkung noch nicht absehbar ist199. |
| Um das Jahr 2000 existieren in Europa 634
Universitäten, die in 34 nationalen Rektorenkonferenzen
zusammengefasst erscheinen200. |
|
|
| "Die Ordnung der
menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst
gab es die Wälder, dann die Hütten, darauf die
Dörfer, später die Städte und schließlich die
Akademien." |
| Giambattista Vico (1669-1744), Principii di una
scienza nuova d'intorno alla commune natura delle
nazioni, 1725, 1730, 1744 (zitiert nach C. Grau) |
| Die Entstehung der neueren, auf die frühen
humanistischen folgenden Akademien im 17. und
18. Jh ist ein Fanal der Aufklärung. Man hat sie –
wohl überzeichnend – unter organisatorischen Aspekten
auch als einen wesentlichen Faktor in der scientific revolution bezeichnet. |
|
|
| Die Bezeichnung leitet sich von Platons
Versammlung im Hain Akademos bei Athen ab und wurde in
der Renaissance wiederbelebt als Bezeichnung für
Gelehrtenversammlungen, dann für die
Institutionalisierung solcher Versammlungen. Der Begriff
Akademie wird primär angewendet auf wissenschaftliche
Gesellschaften – wenn er auch zeitweise nahezu ident mit
dem Wort Universität verwendet worden ist, was eine
ziemliche Begriffsverwirrung bewirkt hat, Leibniz verwendet gerade deshalb den
Begriff "Sozietät", was auch die Versammlung von
Gleichrangigen gut zum Ausdruck bringt, um die es
eigentlich geht und die den Unterschied zur Universität
ausmacht. Die Royal Society führt bis heute nicht den
Begriff "Akademie" in ihrer bezeichnung, während im
Französischen der Begriff Academie durchwegs in Sinne
der Akademie der Wissenschaften verwendet wurde und
wird. Auf der Ebene des Adjektivs wird die Sache nicht
einfacher. |
| Noch im Anfang des 18. Jhs herrscht
diese Unklarheit – ein schönes Beispiel dafür sind die
Nachweisungen bei Zedler, wo unter dem Lemma Akademie
praktisch alles durcheinander subsummiert erscheint,
allerdings hebt er hervor: „Gleichwie verschiedene Gesellschaften in dem
17 Seculo lediglich zu dem Ende aufgerichtet
worden, damit die Wissenschaften und Künste
emporgebracht würden, und man alsdann die
gesellschaften mt dem Namen Akademie
belegt“. |
| Klarer sind die Verhältnisse rund 20 Jahre
später in der französischen Encyclopedie 1751: der
Begriff Akademie stehe für eine Gesellschaft von
Gelehrten, eingerichtet für die Pflege und die Förderung
der Künste und der Wissenschaften; manche Autoren
vermischten den Begriff der Akademie mit dem der
Universität, aber wenn es sich auch um eine Sache im
Lateinischen handle, so seien es im Französischen doch
zwei verschiedene. |
| 1778 heißt es in dem in Berlin
erscheinenden Akademischen Korrespondenzblatt201: die Akademien sind
eingerichtet, damit sie sich mit der Erweiterung der
Erkenntnis, der Bildung des Geschmacks und der
Vervollkommnung der Wissenschaften und Künste befassen.
|
| Immer herrschte der Gedanke vor, daß bei
Exklusivität der Mitglieder der Akademien diese einen
Nutzen für die Gesamtgesellschaft entwickelten202. |
|
|
| Es gibt einen älteren humanistisch
bestimmten Typus der Akademie, der ab etwa 1400 sich
entwickelt und ursprünglich eher allgemeinen Charakters
war – keine Einschränkung des Betätigungsfeldes. |
| Tatsächlich ergeben sich zwei Typen: die
eher philologisch-literarisch-schöngeistigen Akademien
und jene, die sich naturwissenschaftlicher Arbeit
verschreiben – Conrad Grau spricht vom dualen System. |
| In Frankreich erfolgt eine Steigerung
dahingehend, daß praktisch jeder wissenschaftliche und
künstlerische Bereich seine eigene Akademie erhält,
sogar die Pariser Oper entsteht aus einer Academie de
Musique. |
| Als der Akademiegedanke im 17. Jh
wieder belebt wird, ist er getragen immer noch, ja mehr
als je zuvor von der Vorstellung des allgemeinen Nutzens
für die Gesellschaft, aber auch eingeengt auf bestimmte
Bereiche – diese sind einmal die "vulgärhumanistische"
Vorstellung von der Entwicklung der Nationalsprachen und
dann die Entwicklung der Naturwissenschaften. |
| Auch in der Geschichte der Akademien
spielen die initiierenden Individuen und dann vor allem
die vielfach ständigen Sekretäre eine enorme Rolle. Von
ihrer Qualität, ihrem Eifer und ihren Fähigkeiten hängt
das Schicksal dieser Institutionen wesentlich ab. Die
Royal Society wird 20 Jahre lang von Newton geleitet, die Academie des
Sciences über 40 Jahre lang von Fontenelle. |
| Um 1500 wird der klassische Humanismus in
Frankreich von einem sogenannten "Vulgär-Humanismus"
abgelöst, der von der Pflege der klassischen Sprachen
übergeht zur – sehr bald national bestimmten – Pflege
der Nationalsprachen. Aus dieser Bewegung entstehen die
Accademia della Crusca und nachfolgend die
Sprachreinigungsgesellschaften in fast allen Ländern und
insbesondere die französischen Institutionen. Als
gängiger Topos wird das Begriffspaar "Waffen –
Wissenschaft" entwickelt. |
| So entsteht eine bald sehr stark national
getönte Akademie- und Wissenschaftsauffassung. Ansätze
zu internationalen Institutionen – wie bei Leibniz – ersticken an der
Undurchführbarkeit und werden in national orientierte
Modelle umgeformt. Erst im 18. Jh wird durch das
Göttinger Modell Albrecht von Hallers diese Phase
erstmals wieder überwunden. |
|
|
|
|
|
| Bis gegen das Ende des 16. Jhs sind rund 17
Akademien entstanden, die sich
vornehmlich mit sprachlich-literarischen Fragen
befaßten. Die Zahl ist deshalb nicht exakt anzugeben,
weil bezüglich einiger dieser Akademien ungewiß ist, ob
sie überhaupt jemals existierten. |
| Der Prozess, um den es hier geht, setzte
gegen das Jahr 1400 hin ein, als Coluccio Salutati Mittelpunkt eines regelmäßig
sich zu gelehrten Gesprächen treffenden Kreises von
Florentiner Bürgern, Geistlichen und Universitätslehrern
wird. 1433 kam es offenbar zu einer konkreten Gründung,
nämlich der der Academia Pontaniana in Neapel, so
benannt, weil Giovanni Pontano ihr Mitglied war; sie löste
sich 1523 auf. Von 1439 bis 1521 soll die berühmteste
frühe Akademie bestanden haben, nämlich die Platonische
Akademie des Marsilio Ficino in Florenz, die es allem
Anschein nach nie aber gegeben hat (es handelt sich
vermutlich um eine hochstilisierte Mystifikation im
Sinne der humanistischen Platon-Verehrung). Ab Dezember 1454
ist eine Akademie im Hause des Alamanno Rinuccini (1419-1499) nachweisbar, in
der sich nach festen Regeln Bürger zu gemeinsamer
Lektüre und Interpretation antiker Autoren sowie zu
Vorträgen und Diskussionen über allgemeine gelehrte
Themen zusammenfanden; diese Vereinigung dürfte sich als
erste tatsächlich „Achademia" (die Bezeichnung dürfte
aus Cicero übernommen sein, da man
möglicherweise Platon noch gar nicht gelesen hatte
und sich unter der Anleitung des Johannes Argyropulos weit mehr für Aristoteles interessierte). |
| 1460 kreierte Pomponio Leto (1428-1497), ein Schüler von
Lorenzo Valla, in einem mit
Antquitäten vollgerammelten Haus auf dem Quirinal seine
"Accademia Romana" (auch Accademia Pomponia); die Feier
heidnischer Riten, Versammlungen in den Katakomben etc.
führten zu seiner Einkerkerung und Folterung, und die
Akademie wurde aufgelöst; 1471 wurde sie neu begründet,
ging dann aber im Sacco di Roma 1527 unter. Letos Bedeutung liegt in der
archäologischen Sammeltätigkeit und in seinem
begeisternden Unterricht, weniger in philologischer
Arbeit. |
| Celtis gründete in Krakau eine Sodalitas literaria (Danubiana), die er 1498
nach Wien verlegte. Bedeutender ist Aldus Manutius, der in Rom und Ferrara die
studia humanistica
betrieben und auch Griechisch gelernt und gelehrt hatte
und 1490 als Vierzigjähriger in Venedig eine Druckerei
eröffnete; um die griechischen Klassiker korrekt drucken
zu können, umgab er sich mit einem Kreis griechischer
und des Griechischen mächtiger Gelehrter, der 1502 den
Namen und das Statut einer "Neuen Akademie" (Neakademias
Nomos) annahm; diese Akademie erlosch mit dem Tod des Manutius 1515; sie ist wohl identisch
mit der 1508 von Erasmus besuchten Sodalitas
Philhellenon in Venedig. |
| Unter der Bezeichnung Accademia degli Orti
Oricellari laufen Zusammenkünfte im Hause des
Florentiner Adeligen Bernardo Rucelai; hier diskutierte man weniger
literarische als vielmehr historische und auch
politische Probleme; Macchiavelli hat hier seine "Discorsi
sulla prima deca di Tito Livio" und seine Abhandlung
"Dell'arte della guerra" vorgetragen; als Zentrum
politischer Opposition wurde die Akademie 1522
aufgelöst. |
| Nach 1517 entstanden in Italien zumindest
zwei Akademien, die Luthers Lehren annahmen und über kirchliche
Intervention aufgelöst wurden. |
| 1540 trat die Accademia degli Umidi ins
Leben, die ab 1541 als Accademia Fiorentina figuriert
und ursprünglich ein freier Zusammenschluß von Dichtern
in Florenz war; Herzog Cosimo II de'Medici proklamiert sie 1541 als eine
feste, unter seinem Schutz stehende Organisation. Die
Mitglieder dieser Akademie kommentieren und feiern Dante und Petrarca und beschäftigen sich mit der
toskanischen Gegenwartssprache. Cosimo erhebt – wie
schon 80 Jahre zuvor Lorenzo de'Medici il Magnifico – die Pflege
der Muttersprache zur patriotischen Pflicht und schafft
dafür eine staatlich privilegierte Institution mit
eigenem Statut: indem der consolo an der Spitze der Akademie
in Personalunion auch das Amt des Rektors der
Universität versah, waren beide Institutionen mit
einander verbunden; es entwickelte sich ein relativ
umfänglicher Verwaltungsapparat. Die internen Sitzungen
wurden an der Universität, die öffentlichen in der
Kirche Santa Maria Novella an Sonn- und Feiertagen
abgehalten. In den öffentlichen Sitzungen dominierten
maroalische und philosophische Exegese, in den internen
Sitzungen ging es meist um linguistische Probleme:
Regelung der italienischen Orthographie, Ausarbeitung
einer Grammatik. Trotz einer relativ großen Vielfalt von
Themen konzentrierte man sich doch auf die
Interpretation der drei großen Klassiker des Trecento:
Dante, Petrarca und Boccaccio. Einer der führenden Köpfe
war der Schuster Giovan Battista Gelli, der nicht weniger als 101
Vorlesungen über Dante hielt und 1551 sein
"Ragionamento sopra le difficoltà di mettere in regola
la nostra lingua" vorlegte. |
| Um 1550 gründete Antoine de Baif, ein Mitglied der Plejade203, die Académie de Poesie
et de Musique in Paris – eine Platonische Akademie
enzyklopädischen Zuschnitts, ohne Einengung, die Musik
sollte gewissermaßen eine Art Dachfunktion haben. Die
Akademie schien in den 1570er Jahren zu erlöschen,
wurden dann aber von Henri III. fortgeführt, der
sie an seinen Hof zog, weshalb sie die Bezeichnung
Academie du Palais erhielt. Aus ihr ging dann später
eine weitere Akademie hervor, die sich vor allem
religiösen Themen widmete. In der Folge kam sie unter
starken kirchlichen Einfluss – Carlo Borromeo mit seiner
Accademia delle Notte vaticane, Jesuitenakademien im
Dienste der Gegenreformation etc. |
| Die 1582 begründete Accademia della
Crusca204 besteht heute noch (sie
erfuhr nur eine kurze Unterbrechung um 1800), sie
widmete sich der Reinigung und Veredelung der Sprache
und erlebte starke Nachahmung durch Sprachgesellschaften
im Reich und auch in anderen Ländern; sie begann als
eine Versammlung von Dichtern, von denen Antonfrancesco
Grazzini, genannt Lasca, bereits ab
1540 mit Akademiegedanken umging. Da das Problem der
Nationalsprache Zentrum der Tätigkeit der Akademie war,
vermochte sie sich zu halten: 1591 beschloß man die
Erarbeitung eines großen italienischen Wörterbuchs und
verzettelte zu diesem Zweck Dantes Divina Comedia, Boccacios Decamerone
und die Canzoniere, von den nichtflorentinischen Autoren
übernahm man nur "schöne, bedeutsame
und in den florentinischen Sprachgebrauch
eingegangene Worte"; so entstand das
"Vocabulario degli Accademici della Crusca", das eine in
seiner Zeit hervorragende Leistung darstellte und ein
Vorbild für viele analoge Unternehmungen geworden
ist205; 1595 erschien eine
Dante-Ausgabe206.
|
| Ganz andere Zielsetzungen verfolgte die
Society of Antiquaries in
London, die von 1586 bis 1607 bestand. Diese Bewegung ging von London,
vom Haus des Herolds William Dethick und später auch von Robert
Cotton aus, in deren Häusern von 1586
bis 1607 die Society of Antiquaries ihre Seminare zur
Geschichte englischer Einrichtungen abhielten. Nach der
Auflösung der Society hielt man während der Regierung
von James I.
(1603-1625) informelle Treffen ab. Unter den Mitgliedern
befanden sich keine Akademiker, aber Rechtsanwälte,
Herolde und hohe Beamte. 1602 hat diese Society bei
Elisabeth I
um die Anerkennung als "Academy for the study of
Antiquity and History" angesucht, wobei man betonte, daß
man keiner Konkurrenz für die Universitäten sein werde,
ihnen in keiner Weise schaden wolle, weil man auch gar
nicht alle die dort betriebenen artes und Philosophie pflegen
wolle, sondern nur jene Bereiche, die an der Universität
kaum beachtet werden. Das Ansuchen von 1602 wurde nicht
genehmigt – der Bedarf aber war artikuliert und blieb
aufrecht. 1614 wurden die Bemühungen um die
Wiederherstellung der Society of Antquaries wieder
intensiviert und Edmund Bolton, Verfasser des Buches "A Rile
of Judgement for Writing or reading our History",
versucht über über ein Jahrzehnt lang vergeblich, eine
Akademie der Heraldik und historischer Studien zu
begründen – auch unter deren Proponenten finden sich nur
wenige Akademiker. Zentrum einer historischen Akademie
mußte eine Bibliothek sein – 1602 schon hatten die
Mitglieder der Königin angeboten, ihre eigenen
Bibliotheken mit jener der Königin zu verschmelzen, um
eine brauchbare Spezialbibliothek zu schaffen. Denn, die
Universitäten waren tatsächlich nicht hinlänglich
ausgestattet, selbst die Bodleian Library207 besaß nur eine wenige
Bücher in historischen Belangen. Einige Colleges besaßen
etwas mehr, aber der Zugang war sehr schwierig. Erst als
1626 der Herzog von Buckingham seine Handschriften der
Universität Cambridge schenkte und Oxford 1629 die
Sammlung Barocci aus Venedig ankaufte, besserte sich die
Situation. Die besten Sammlungen waren aber noch jene
der Mitglieder der Society, namentlich jene von Sir
Robert Cotton und von William Camden, der 1622 die erste Professur
für Geschichte an der Universität Oxford stiftete; auch
die besten Historiker lebten in London im Freundeskreis
der beiden und hatten zu deren Bibliotheken Zutritt.
|
|
|
| 1560 entstand erstmals eine Akademie, deren
Bemühungen naturwissenschaftlichen Studien galten. Es
war die die Academia secretorum naturae, die 1560 in
Neapel von Giambattista della Porta gestiftet wurde und deren
Mitglieder sich vor allem optischen und physikalischen
Studien widmeten, auch ein Museum und einen botanischen
Garten in Neapel begründeten; wer ihr Mitglied werden
wollte, mußte ein "Naturgeheimnis" entdecken, Grundidee
war die gemeinsamer Arbeit und die Anregung auch nicht
wissenschaftlich Gebildeter zu wissenschaftlicher
Arbeit. Della Porta
gab 1560-1589 eine 20bändige "Magia naturalis" heraus.
Die Akademie konnte sich freilich nicht lange halten,
sie wurde offenbar durch die Kirche unterdrückt. |
| Zwar nicht als Akademie organisiert oder
beabsichtigt, dennoch aber eine außerordentlich
effizient der Wissenschaft gewidmete und de facto
akademieähnliche Institution war Uraniborg auf der
dänischen Insel Hven; es war dies Tycho Brahes Privatobservatorium Uraniborg,
wo Tycho Brahe in seinen Diensten fähige Leute
versammelte und alle Mittel für die astronomisch
wissenschaftliche Arbeit bereitstellte:
Beobachtungsinstrumente, Bibliothek, Druckerei, Personal
etc.208. |
| 1603 wurde in Rom die Academia dei Lincei
(der Luchsäugigen, als Ausdruck des Forscherdranges)
gegründet, sie ist 1630 mit dem Tod Cesis und wohl auf kirchlichen Druck
hin eingegangen, später verschiedentlich wieder belebt
worden bzw. eingegangen, bis sie 1870 in Gestalt eines
königlichen und eines päpstliches Instituts wiederbelebt
wurde, heute figuriert sie als Academia Nazionale dei
Leincei. Zentrum der Gründung und Financier war der
Fürst Federico Cesi, der einen botanischen Garten
anlegen, ein Naturalienkabinett und eine Bibliothek
einrichten ließ. Die Mitglieder versammelten sich
zeitweise dreimal wöchentlich zu gemeinsamen
Experimenten, zu Vorträgen und Diskussionen. Ihr
berühmtestes Mitglied war wohl Galileo Galilei, hinter den sich die Akademie
stellte und dessen Werk sie fortzusetzen trachtete.
Diese Akademie entwickelte enorme Wirkung durch
Publikationen und durch die Förderung von ersten
mikroskopischen Untersuchungen. Mit dem Tod Cesis ging die
Akademie – nicht zuletzt durch kirchlichen Druck – ein.
|
| Die Accademie della Crusca und die
Accademia dei Lincei gingen über die früheren auf
Nachahmung beschränkten Unternehmungen hinaus und
entfalteten Einfluß auch jenseits der Alpen, wo bald
eine Reihe von Akademien entstand. |
| Nur für kurze Zeit, 1622-1625, bestand die
Societas ereneutica des Joachim Jungius in Rostock209 – möglicherweise nach
dem Vorbild der Accademia dei Lincei gegründet, die
Jungius auf Reisen kennengelernt
hatte. Jungius, der mit dem Begründer der
Didaktik, Wolfgang Ratke (Ratichius) zusammenarbeitete,
stand zeitweise mit Amos Comenius in Kontakt. Die Devise der
Societas ereneutica lautete in klassisch Baconscher
Formulierung: „Per inductionem et
experimentum omnia!“ – „Der Zweck unseres Vereins soll einzig
der sein: die Wahrheit aus der Vernunft und aus
der Erfahrung sowohl zu erforschen als sie,
nachdem sie gefunden ist, zu erweisen oder alle
Künste und Wissenschaften, welche sich auf die
Vernunft und die Erfahrung stützen, von der
Sophistik zu befreien, zu einer demonstrativen
Gewißheit zurückzuführen, durch eine richtige
Unterweisung fortzupflanzen, endlich durch
glückliche Erfindung zu vermehren."
|
|
|
| Von etwa 1650 bis 1667 bestand in Florenz
die Accademia del Cimento
(= Akademie des Experiments). Diese Gesellschaft geht
auf Galileis Mitarbeiter Evangelista Toricelli und Vincenzo Viviani zurück, die im Geiste ihres
Lehrers Galilei in Florenz arbeiteten und die
toskanische Herzöge für die Wissenschaft interessierten
und veranlaßten, daß an verschiedenen Orten Europas
barometrische Messungen durchgeführt und in Florenz ein
physikalisches, botanisches und zoologische Kabinett
eingerichtet wurde. Maßgebliche Mitglieder waren der
Pisaner Astronom Giovanni Alfonso Borelli, Niels Steno, Robert Boyle und Henry Oldenbourg in London. Der Kontakt
bestand lediglich brieflich. Die Devise lautete „Provando e riprovando"
(Prüfen und wieder prüfen). Erst im Auflösungsjahr 1667
erschienen die berühmten „Saggi di naturali esperienze
fatte nell'Accademia del Cimento“, mit sehr bedeutenden
Untersuchungen zu Luftdruck, Veränderungen durch Wärme
und Kälte, Dampf, Magnetismus, elektrische
Erscheinungen, Akustik und Optik. Das Werk war praktisch
eine Einführung in die Physik und ist noch 1684 ins
Englische und noch später auch in andere Sprachen
übersetzt worden; 1731 hat Muschenbroek das Werk auf Lateinisch
noch herausgegeben, wobei er ausdrücklich auf die
anregende Wirkung der Accademia del Cimento für die
Akademien in Frankreich, England, Deutschland und
Rußland verwies. |
|
|
| 1652 Academia Naturae
Curiosorum in Schweinfurt = Leopoldina – Diese Akademie
wurde am 1. Jänner 1652 von vier Ärzten in
Schweinfurt gegründet, Initiator und erster Präsident
war der Arzt und Schweinfurter Stadtphysikus Johann
Lorenz Bausch, dessen Mediziner-Vater in
Italien – u.a. in Padua gemeinsam mit William Harvey – studiert hatte, der
seinerseits in Jena, Marburg und Padua Medizin studiert
hatte und der selbst in Italien mit den dortigen
Akademien bekannt geworden war, insbesondere mit der
Accademia dei Lincei. Als er Ende 1651 mit seiner Epistola invitatoria zur
Gründung einlud, berief er sich ausdrücklich auf die
italienischen Vorbilder. Ein Einfluss von Bacons „Nova Atlantis“ war
wohl nicht gegeben, da dieses Werk erst 1665 – dem
Todesjahr von Bausch – in Deutschland bekannt wurde;
wohl aber hat Bausch die früheren Schriften Bacons gekannt.Die
Gründer selbst empfanden sich als Argonauten und legten
sich auch Namen aus der Argonautensage zu. Das Wappen
zeigte ein offenes Buch, auf dessen einer Seite ein Auge
abgebildet ist, auf das Strahlen leuchten, die aus einer
Wolke hervorbrechen, auf der anderen Seite ist eine
Pflanze abgebildet. Die Devise war: "nunquam otiosus". – Der Zeitpunkt
der Gründung war an sich denkbar ungünstig. Zielsetzung
war Forschung in den drei Reichen der Natur – Zoologie,
vor allem Botanik, Mineralogie. Bausch argumentierte, daß ein
Einzelner auf Grund seiner kurzen Lebensdauer keine
Chance habe, die Erforschung des menschlichen Lebens
sinnvoll zu betreiben, weshalb der Zusammenschluß
Gleichgesinnter notwendig sei. Jeder sollte seinen
speziellen Bereich pflegen und alles nur Erreichbare
dazu zusammentragen. Gemeinsames Experimentieren scheint
in den Statuten nicht auf und kam auch kaum in Frage, da
die Mitglieder – 1665 zählte man 19 lebende Mitglieder;
bis 1700 sind 250 Mitglieder aufgenommen worden (die
aber nie gleichzeitig existierten) – eher verstreut
lebten; so hat die Akademie auch nie ein inneres Leben,
eine eigene Struktur entwickelt. Während sich das erste
Statut primär um die Sammlung bereits vorliegender
Kenntnisse bemühte, wurde im zweiten Statut von 1677
eher die Forschung in den Vordergrund gestellt. |
| Die Schwierigkeit der Akademie lag anfangs
darin, daß sie tatsächlich rein privat war und
eigentlich keinen Kontakt zur Hochschulmedizin besaß; so
fehlten auch alle finanziellen Mittel, Publikationen
konnten nicht erscheinen. Auch gab es keine gemeinsamen
Sitzungen mit den außerhalb Schweinfurts lebenden
Mitgliedern. Leibniz hat 1671 in seinem Entwurf
einer deutschen Sozietät auf die Schweinfurter
Gesellschaft hingewiesen und gemeint, es sei mehr ein
Zeichen unseres Willens, daß „wir,
wie junge Vögel, gleichsam zu flattern angefangen.
Aber auch unseres Unvermögens und daß denen
Wollenden nicht unter die Arme gegriffen
worden". |
| Diese Anfangsschwierigkeiten wurden von
Philipp Jakob Sachs von Lewenhaimb, der als
17. Mitglied eingetreten und in Padua promovierter
Mediziner war, überwunden: Sachs von Lewenhaimb (der als erster
den Statuten entsprechend die Ergebnisse seiner
Untersuchungen, über den Weinstock auf 700 Seiten,
veröffentlicht hatte) hatte gute Beziehungen zum Wiener
Hof, insbesondere zum Feldherrn Graf Montecuccoli, der auf
diesem Wege der erste Protektor der Akademie wurde und
der 1672 zum 20jährigen Bestehen der Akademie die
Bestätigung als Reichsakademie – „Sacri Romani Imperii
Academia Naturae Curiosorum“ – durch Kaiser
Leopold I. erreichte; da die finanzielle Lage der
Akademie aber außerordentlich schlecht war, vermochte
man erst fünf Jahre später die (teuer zu bezahlende)
Ausfertigung der kaiserlichen Diploms zu erlangen. In
dieses Diplom ist eine neuere Fassung der Statuten
aufgenommen, in der auch von Experimenten die Rede ist.
|
| 1670 schaffte es Sachs von Lewenhaimb, orientiert am
Journal des Savants und an den Philosophical
Transactions, eine eigene Schriftenreihe der Akademie,
die „Miscellanea curiosa sive Ephemerides
Medico-physicae Germaniae Academiae Naturae Curiosorum“
herauszubringen, die der schnellen Information der
Mitglieder (hinsichtlich neuer Medikamente, Instrumente,
Behandlungsweisen etc.) und überhaupt der Intensivierung
des Kontaktes der europäischen Wissenschaftler dienen
sollten und die heute (nach mehrfacher Änderung des
Titels) als „Nova Acta Leopoldina“ die älteste
medizinisch-naturwissenschaftliche Fachzeitschrift der
Welt sind. Der erste, dem Kaiser gewidmete Band von 1670
enthielt 160 Arbeiten von 36 Autoren. So setzte ein
allgemeiner Aufschwung der Akademie ein, der Erfolg der
Zeitschrift muß enorm gewesen sein, da 1683 bereits ein
eigener Direktor Ephemeridum eingesetzt wird. Die
Schaffung einer eigenen Bibliothek und einer eigenen
Naturaliensammlung gelang nicht. |
| 1687 erfolgte die Anerkennung als
Kaiserliche Akademie. Der Präsident und der Direktro
Ephemeridum wurden zu kaiserlichen Leibärzten ernannt
und zu Pfalzgrafen vom Lateran erhoben und mit allen
Rechten von Pfalzgrafen ausgestattet210. Die Akademie genießt
nun Steuerfreiheit und ein Privileg zum Schutz gegen
Nachdruck. Nun nahm man den Namen Sacri Romani Imperii
Academia Caesareo-Leopoldina Naturae Curiosorum an. Der
spätere Name "Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinische
Deutsche Akademie der Naturforscher“ erinnert an
Karl VI., der 1712 die Akademie finanziell
gefördert hat, und an Karl VII., der 1742 das
Leopoldinische Privileg erneuerte. |
| Sitz der Akademie war das jeweilige Wohnaus
des Präsidenten, was durch den ständigen Ortswechsel
enorme Verluste an Aktenmaterial hinsichtlich der
Frühgeschichte bewirkte. Erst 1878 bestimmte man Halle
zum bleibenden Sitz. |
| Leibniz, der nie Mitglied wurde, hat
der Akademie 1700 vorgeworfen, lediglich der curiositas, der Neugierde,
und nicht auch dem gemeinen Nutzen zu dienen: „Solche Sozietät müßte nicht auf bloße
Curiosität
oder Wißbegierde und unfruchtbare
Experimenta gerichtet sein [...] Denn reale Ministri werden unnützer
Curiositäte bald überdrüssig“. |
| So stehen sich um 1700 zwei Auffassungen
gegenüber: die Ausrichtung auf die utilitas und jene auf die curiositas. |
|
|
| Mit der Renaissance entwickeln sich, wie
verschiedentlich schon angedeutet, Idealvorstellungen in
nahezu allen Bereichen, und es entsteht eine
umfangreiches Schrifttum. Eine besondere Stellung nehmen
die Idealvorstellungen in Bezug auf den Staat und die
Wissenschaft ein, die wir unter der Bezeichnung
„Utopien“211
zusammenfassen, welcher Begriff von der Schrift „Utopia“
des Thomas Morus abgeleitet wird – „De optimo rei
publicae statu, deque nova insula Utopia“. |
| Im 17. Jh kommt es zur Ausformung
bedeutender Wissenschaftsutopien. Am wirkungsmächtigsten
war wohl Francis Bacons "Nova Atlantis" mit der
Vision vom Haus Salmonis212. Weniger
intensiv wird der Aspekt Wissenschaft bei Tommaso Campanella, in dessen „Citta del Sol“
– Die Sonnenstadt – behandelt, wo primär über Bildung
und Ausbildung gehandelt wird. Amos Comenius skizziert ein "Kollegium des
Lichts", das eine Besserung der Bildung durchsetzen
sollte, er widemete die erst 1668 gedruckte Schrift den
Mitgliedern der Royal Socienty. |
| Generell erhoben die Akademien Anspruch auf
Freiraum und strebten ja auch deshalb die
landesfürstliche Privilegierung an. 1750 hat Maupertuis in einem Vortrag die
Mitglieder der Akademie als „hommes
libres“ und als „Citoyens de la République des
Lettres“ bezeichnet. |
|
|
| 1662 nahm die Royal
Society (= RS) ihren Anfang– Die Frage, ob die RS auf
das Gresham College in London in den 1640er Jahren
zurückgehe oder auf Oxforder Grundlagen in den 1650er
Jahren, wird von der neueren Forschung eher zugunsten
Oxfords beantwortet, doch neigt man dazu, die
allgemeineren Grundlagen doch im Gresham College ab 1645
und die konkrete Vorstufe im Oxford Club zu sehen –
Boyle bezieht sich 1646 bereits auf ein „invisible college“. |
| Die konkrete Gründung der Royal Society
geht auf den am 28. November 1660 in Anschluß an
eine Astronomie-Vorlesung Christopher Wrens gefaßten Beschluß von zwölf
Wissenschaftlern zurück, ein „College for the promoting of
physico-mathematical experimental
learning“ zur gründen. Dies geschah also
bereits nach der Abschaffung der Republik und während
der Restauration der Stuarts213. |
| Die neue Gesellschaft wurde durch eine
Charta Charles II. vom 15. Juli 1662
bestätigt. In einer zweiten Charta vom April 1663
erklärte sich Charles II zum Gründer und Patron der
Akademie und verlieh ihr die Bezeichnung „Royal Society of London for Improving
Natural Knowledge“. Erster Präsident
wurde der Mathematiker William Brouncker, ein Royalist.
Zum Sekretär der neuen Gesellschaft wurde der
Mathematiker und Philosoph John Wilkins bestellt, seit 1648 Vorsteher
des Wadham College in Oxford und Schwager Cromwells seit 1656, ab 1668 dann auch
Bischof von Chester. Unter den ersten Mitgliedern fanden
sich etliche Anhänger des Parlaments, unter ihnen der
aus Bremen stammende Henry Oldenbourg, der dann bis zu seinem Tod
Sekretär war und sich besonders um ihre internationalen
Beziehungen verdient gemacht hat; über den Schotten John
Dury (der als Johann Duräus 1668 in
Berlin Verhandlungen um die Kirchenunion führte) und die
beiden Deutschen Samuel Hartlib und Theodore Haak hatte Oldenbourg Verbindungen zu Comenius, der seine 1641/42 verfaßte,
aber erst 1668 veröffentlichte Schrift "Via Lucis" den
Mitgliedern der Royal Society gewidmet hat. |
| Da man ursprünglich auf eine Begrenzung der
Mitgliederzahl verzichtet hatte, stieg diese bis
November 1667 auf 131. 1663 wurde das erste Statut
erlassen, das die regelmäßige Versammlung der Mitglieder
zur Durchführung von Experimenten etc. festlegte.
Bereits 1667 erschien die erste Geschichte der RS von
Thomas Sprat – weniger eine Geschichte der
Institution als eine Verteidigungsschrift gegen diverse
Angriffe. |
| Die meisten Gründer der RS waren
Absolventen von Oxford und Cambridge, etliche hatten
auch am Kontinent studiert – so Boyle in Genf, der Ökonom und
Statistiker William Petty in Frankreich und in den
Niederlanden, der „Embryologe“ Kenelm Digby in Italien, Frankreich und
Spanien. |
| Durch Robert Boyle und Robert Hooke vor allem gewann die RS, die das
Motto „Nullius in verba“
angenommen hatte, eine stark experimentelle Seite. Die
Protokolle der RS zeigen, daß in den ersten
27 Jahren kaum theoretische Probleme erörtert
wurden; Experimente – anfangs oft genug dubiosester
Natur – bildeten die wesentliche Beschäftigung der
Mitglieder: Analyse von Verbrennungsprozessen (in
Zusammenhang mit der damals diskutierten
Phlogiston-Theorie), Gewichtsbestimmung von Wasser und
Luft unter Wärmeeinfluß, Blutuntersuchungen unter
Einsatz von Mikroskopen, man schloß an Leuwenhoek und Swammerdam an, Boyle publiziert bereits 1664 die
zweite Auflage seines Buches über
„Experimentalphilosophie“. Große Aufmerksamkeit schenkte
man praktischen Fragen: Bildung von Gasen in
Kohlenbergwerken, Farbstoffe, Bodenuntersuchungen zum
Thema Fruchtwechsel, Kartoffelanbau, Seidenraupenzucht,
Weinherstellung etc.etc. Verschiedentlich hat man auch
an anderen Akademien angestellte Experimente
nachvollzogen und überprüft. In den 1670er und 1680er
Jahren ist die Zahl der Experimente allerdings, bei den
anderen Akademien auch, zurückgegangen. Regelmäßig wurde
über die internationale Korrespondenz berichtet – Huyghens, Mariotte, Picard aus Frankreich, aus Danzig der
Astronom Hevelius, aus Rom und Florenz Nils
Steno, aus Amsterdam Swammerdam, aus Bologna Marcello Malpighi. Engländer, die im Ausland
weilten, berichteten häufig an die RS aus Amerika,
Grönland, Rußland etc. So wurde die RS sehr bald zu
einem weltweiten wissenschaftlichen Netzwerk und zum
Vorbild für zahlreihe analoge Gründungen vor allem im
britischen Raum (1782 Dublin, 1783 Edinburgh). |
| 1672 wurde Isaac Newton in die RS aufgenommen und bald
zu einem dominierenden Mitglied – es wurden in den
Sitzungen viele von ihm bearbeitete Probleme behandelt.
Newton war von 1703 bis zu seinem Tod
1727 Präsident der RS. Sein Nachfolger war 1727-1741
Hans Sloane214. Unter
der langen Präsidentschaft von Joseph Banks215 1778-1820 wurde eine
gewisse Stabilisierung erreicht. |
| 1710 kam das 1675 geschaffene Observatorium
von Greenwich unter die Aufsicht der RS; sein Direktor,
der königliche Astronom John Flamsteed, war bereits 1676
aufgenommen worden – er schuf das erste moderne
Fixstern-Verzeichnis. Flamsteed stand mit Newton auf schlechtem Fuß und
goutierte die Unterstellung seines Observatoriums unter
die RS nicht, die ihm zu wenig zu leisten schien.
Greenwich hat tatsächlich stets eine gewisse
Unabhängikeit erhalten können. |
| Die RS ist bis heute eine
naturwissenschaftliche Akademie; im Vergleich zur
Academie des sciences in Paris verfügte sie allerdings
kaum über vergleichbare Forschungsmöglichkeiten. Anfangs
hatte es auch Zeichen für eine Bearbeitung auch
sprachlich-literarischer Fragen gegeben, nicht zuletzt
unter dem Einfluß der Publikation von Paul Pellisons Schrift „Histoire de
l'Academie Francaise jusqu'en 1652“, durch die Fragen
der Sprachreinigung und der Sprachnormierung auch in
England Eingang fanden. 1664 bildete die RS für diese
Frage ein Komittee (ihre normale Organisationsform),
doch kam man trotz diverser weiterer Vorstöße zu keinen
definitiven Ergebnissen – auch Daniel Defoe schlug 1698 in seinem „An Essay
on Projects“ die Gründung einer derartigen
Sprachakademie vor. |
|
|
| In Frankreich haben auf Grund des
Umstandes, daß praktisch alle Bereiche durch
Akademiegründungen abgedeckt wurden, die Akademien die
Rolle einer obersten Instanz in ihrem jeweiligen Bereich
übernommen und sie wurden auch dadurch gewissermaßen
Regierungsorgane. So sind sie – anders als im Reich und
in Italien – dominierende Staatsinstitutionen, Teil des
Herrschaftsapparates geworden
216. Und dem entsprechend
sind die Akademiemitglieder auf hohe Posten – als
staatliche Inspektoren, Direktoren etc. – in ihren
spezifischen Bereichen berufen worden und man erwartete
von ihnen die Umsetzung des wissenschaftlichen Denkens
und Vorgehens in der "Industrie, in der Produktion, im
Bergbau, im Hüttenwesen etc. Diese Entwicklung ist im
18. Jh maßgeblich gefördert worden durch eine
Denkschrift des hervorragenden Metallurgen und
Insektenforschers Rene-Antoine Ferchault de
Reaumur217. Im
weiteren haben diese Akademiker auch untergeordnete
Sozietäten für spezifische Bereiche ins Leben gerufen,
so z.B. 1787 die Vereinigung der Instrumentenmacher. Und
natürlich haben die Akademien auch wesentlichen Einfluß
genommen auf die Besetzung zahlreicher Positionen in
ihrem Aufgabenbereich. – Begreiflicherweise hat es gegen
diese starke Einvernahme der Akademie durch den Staat
auch Widerstand gegeben – vor allem in den ersten
Jahrzehnten des 18. Jhs war man sehr um eine
gewisse Balance zwischen staatlichem Auftrag und innerer
Freiheit im Sinne der steten Erneuerung und der
wissenschaftlichen Unabhängigkeit bemüht. |
|
|
| 1626 hat der französische Schriftsteller
Valentin Conrart, der als bedeutender Stilist
im Bereich des Französischen, Spanischen und
Italienischen galt, etwa 10 literarisch interessierte
Persönlichkeiten um sich versammelt. 1634 stieß mit
Boisrobert ein Vertrauter des
Arman-Jean Duplessis, Herzog von Richelieu, seit 1622
Kardinal und seit 1624 leitender Minister Ludwigs XIII., zu dieser
Gruppe und erstattete Richelieu Bericht. Richelieu dürfte sich
bereits seinerseits mit dem Plan der Installierung einer
Akademie getragen haben und schlug nun der Gruppe um
Conrart vor, sich als feste
Organisation mit eigenen Statuten unter seinem Schutz zu
konstituieren. Die Gruppe um Conrart war davon wenig begeistert,
weil sie damit die Zwanglosigkeit ihrer Treffen aufgeben
mußte; andererseits erkannte man, daß man das Angebot
Richelieus nicht
abschlagen konnte, ohne sich selbst zu gefährden, da
dieser das als Affront auffassen und sie als
widerrechtliche Organisation verfolgen würde. So vollzog
sich der Übergang von einem Freundeskreis zu einer
Institution im Dienste der absolutistischen
Kulturpolitik Richelieus, die mit einem 1634 vom Mitglied
Nicolas Faret entworfenen Lettre patente König
Ludwigs XIII. im Jänner 1635
die Bezeichnung „Academie francaise“ erhielt. In der
Diskussion um die Namensgebung hatte die belletristische
Ausrichtung überwogen und man wollte keinen
„hochfahrenden“ Namen, wie ihn viele der italienischen
Akademien trügen. Die Zahl der Mitglieder wurde mit 40
bestimmt, und es traten auffallend viele sehr hohe
Staatsbeamte ein. |
| Es war dies die direkte Fortsetzung der
Vorstellungen des Budé, die sich schon bei Leon Battista
Alberti, bei Bembo und Sperone Speroni findet und die formuliert
worden war: Sprachmacht, Kulturmacht,
ökonomisch-militärische Macht nach dem vermeintlichen
Vorbild der Römer, die ihre Sprache am Vorbild des
Griechischen hochstilisiert hätten. Diese Vorstellung
war 1549 bereits von Joachim du Bellay218
als dem Wortführer der Plejade, einer siebenköpfigen
Schriftstellergruppe, in seiner im Februar 1550
erschienen „Défense et illustration de la langua
francaise“ vorgelegt worden. Es handelte sich also um
Vorstellungen durchaus ähnlich jenen in der Accademia
della Crusca und in den deutschen
Sprachreinigungsgesellschaften. Die Wissenschaften und
Künste (= auch Wissenschaften) seien eines der
ruhmreichsten Zeichen für das Glück eines Staates und es
verdiene daher die Literatur (= auch Wissenschaften)
nicht minder geehrt zu werden als die Waffen; die neue
Gesellschaft sollte das Französische zur modernsten und
vollkommensten aller lebenden Sprachen machen und feste
Regeln für ihren Gebrauch erarbeiten etc.
219. Auf diese Vorstellung
wird im königlichen Lettre patente von 1635, der Vorlage
Nicolas Farets folgend, ausführlich
eingegangen. Die französische Sprache sei vom Schmutz
und von Verderbtheit zu reinigen, habe feste Regeln zu
erhalten und müsse allen Ausdruck des Künste und der
Wissenschaften fähig werden (die wissenschaftliche
Literatur war ja immer noch lateinisch verfaßt). |
| Conrart wurde auf Lebenszeit Sekretär
der neuen Akademie, die die Bearbeitung eines
Wörterbuches, einer Grammatik, einer Rhetorik und einer
Poetik beabsichtige. Das Farets Zielsetzung durch entsprechende
"Dictionnaire de la langue francaise" ist nach
Vorbemerkungen – den nachmals berühmten und bis heute
wirkungsmächtigen "Remarques sur la langue Francaise"
von Claude Favon de Vaugelas im Jahre 1647 – erstmals 1694
erschienen, weitere Ausgaben folgten 1718, 1745, 1762,
1798, 1835, 1878 und 1935. Die Grammatik ist erstmals
1932/35 erschienen, also 300 Jahre nach Errichtung der
Akademie, und galt bei ihrem Erscheinen bereits als
veraltet; eine Poetik und und eine Rhetorik sind nie
erschienen. |
| Obgleich es nicht geringe Anfechtungen
gegen die neue Akademie gab220,
vermochte sie sich durchzusetzen. Wesentlich war dabei
die Diskussion um Pierre Corneilles „Cid“ von 1638. Corneille ist 1647 Mitglied geworden,
1673 wurde auch Jean-Baptiste Racine aufgenommen. 1672 übernahm
Ludwig XIV
das Protektorat über die Académie Francaise, die nun ein
Sitzungszimmer im Louvre erhielt und damit erheblich
aufgewertet wurde. Die Mitglieder – die vierzig
Unsterblichen – erhielten nun auch pro Sitzung einen
Jeton, der vom König gegen 30 Sous umgetauscht wurde,
Colbert der mit der Reorganisation
beauftragt war, ließ eine Standuhr im Sitzungszimmer
aufstellen, die Mitglieder erhielten das Privileg, sich
direkt an den obersten Gerichtshof im Staate wenden zu
dürfen etc.221 |
| Von Interesse ist die "Querelle des anciens
et des modernes", die 1687 durch Charles Perraults eine Preisrede auf Ludwig XIV. ausgelöst
wurde, in der er meinte, man könnte das Zeitalter Ludwigs XIV mit
dem des Augustus
vergleichen, und die sich bis in das 18. Jh hinein
fortsetzte. Eine bedeutende Rolle spielte dabei auch
Bernard le Bovier de Fontenelle aus der Academie des
sciences, der 1691 auch in die Académie francais gewählt
wurde. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiß,
was letztlich doch auf eine Zurückdrängung des
Antikekultes (hauptsächlich propagiert von Nicolas Boileau-Despréaux) hinauslief. |
| 1713/14 erfolgte nach dem Vorbild der
Academie Francaise die Gründung der Real Academia
Espanola, die wie ihr unmittelbares Vorbild und die
Accademia della Crusca als ihr Hauptarbeitsgebiet ein
spanisches Wörterbuch betrachtete, das ab 1726 in
Bearbeitung genommen wurde und ab 1780 als „Diccionario
de la lengua castellana“ zu erscheinen begann. |
| In rascher Folge sind in Frankreich in
weiterer Folge die wichtigsten Bereiche von Kunst und
Wissenschaft in Frankreich in Akademien organisiert
worden; bald gab es für fast jeden Zweig eine eigene
zentrale Akademie, und es entstand auch ein Netz von
Provinzialakedemien – 1710 gab es deren 12, 1789 waren
es 32. So entstanden als zentrale Institutionen |
| 1648 |
die Académie
Royale de Peinture et Sculpture in Paris – |
| 1661 |
die Académie de
Danse |
| 1663 |
die Académie des Inscriptions des
Medailles, die 1701 zur Academie des
Inscriptions et Belles Lettres in Paris reformiert
wird; sie wurde von Colbert gegründet und sollte
ursprünglich Inschriften auf Monumenten und
Medaillen etc. erforschen, wurde aber 1701 zur
Forschungsstätte im Bereich
Altertumswissenschaften, Klassische Philologie,
Archäologie und Mediävistik bestimmt; sie erlangte
im 18. Jh große Bedeutung, vor allem durch
ihre Rolle in der Querelle des anciens et de
modernes; Mitglieder entdeckten u.a. den
Wandteppich von Bayeux, der durch Jahrhunderte
verschollen war. 1786 wird die Geschichte als
solche und in toto als Arbeitsgebiet bestimmt und
zwar mit folgender Arbeitsverteilung: |
|
| - |
Studium der
Sprachen, insbesondere der orientalischen, des
Griechischen und der romanischen Sprachen |
| - |
Studium der
Münzen und Inschriften des Altertums und des
Mittelalters |
| - |
Erforschung
der Titel, Diplome und Altertümer der Geschichte
Frankreichs, |
| - |
Chronologie
und Geographie sind die beiden Grundlagen der
Geschichtsforschung. |
|
|
Im Gefolge
der Académie des Inscriptions des Medailles ist
die 1732 Society of Dilettanti
in London zu sehen, die 1762 mit der
Herausgabe von Foliobänden mit Zeichnungen
griechischer Kunstwerke beginnt, was für den
englischen Klassizismus mit geprägt hat. |
|
| 1669 |
Academie Royale
de Musique in Paris – Eine Initiative Lullys, entwickelt
sich zur Pariser Oper |
| 1671 |
Academie Royale
d'Architecture in Paris – Damit hatten in
Frankreich praktisch alle Künste ihre Akademie.
|
|
| Die wissenschaftlich bedeutendste Gründung
in diesem Zusammenhang war aber wohl die der |
|
|
| 1666 trat die von Colbert gegründete
Academie des sciences in Paris ins Leben. Ihr erster
Sekretär Fontenelle hat die Gründung
ausdrücklich mit Marin Mersenne (1588-1648) in Verbindung
gebracht, einen Geistlichen mit umfassenden
naturwissenschaftlichen Kenntnissen und größtem
Interesse für die jeweils neuesten Entwicklungen, der
Zentrum eines bedeutenden Wissenschaftlerkreises war und
als Statthalter des Cartesianismus in Paris galt. Mersenne schwebte – wie dann auch
Leibniz – internationale
Zusammenarbeit über die Disziplinen hinweg vor und er
forderte die Wissenschaftler in Frankreich, Spanien,
Italien etc. auf, Akademien zu gründen und keine
Experimente, Mühe und Kosten zu scheuen, um alle
Erscheinungen der Natur auf ihre Herkunft, ihre
Bestimmung, Zusammensetzung und Eigenschaften zu
befragen. Nach Mersennes Tod 1648 wurden diese
Bemühungen fortgesetzt; im Haus des Cartesianers Henri
Louis Habert de
Montmor trafen sich
Naturwissenschaftler, die sich 1657 in der „Academie
Montmor“ förmlich zusammenschlossen und ein Statut
gaben, Sekretär wurde Samuel Sorbière. Infolge von Streitigkeiten
löste sich die Gruppe aber 1664 auf. |
| Neben dieser Gruppe bestand in Paris ein
Kreis von Naturwissenschaftlern um den Physiker Nicolas
Melchisédech Thévenot, der gemeinsam mit den
Astronomen Auzuot
und Petit im Winter 1664/65 für seine
Gruppe in 26 präzisen Paragraphen festgelegt hat, was
ihre Aufgabe sein sollte bzw. was anzuschaffen sei:
Laboratorien, ein Observatorium, Expeditionen zur
systematischen Sammlung von Daten, Übersetzer sollten
fest angestellt werden, Korrespondenten im Ausland
gewonnen, auch Kommissionen sollten eingerichtet werden.
|
| Darüber hinaus gab es in Paris eine Reihe
ähnlich Kreise, die sich auch als Akademien bezeichneten
und meist beim Tod ihres Initiators eingingen und sich
nicht viel von späteren Salon unterschieden haben mögen;
sie wiesen auch ganz unterschiedliche Formen des
Agierens auf – von ganz informell, leger bis relativ
streng strukturiert. |
| Nach etwa dreijährigen Verhandlungen mit
reichlicher Unklarheit zwischen den Gruppen um De Montmor und Sorbière gründete Jean Baptiste Colbert, der damals bereits (seit
1661) Oberintendant der staatlichen Finanzverwaltung wie
der Handels und Verkehrs war und ab 1662 über ein
engeres wissenschaftliches Beratergremium verfügte, 1666
die Académie royale des sciences222,
von der er sich eine vermehrte Nutzung der
Naturwissenschaften für die merkantilistische Wirtschaft
erhoffte. Colbert war aber darüber hinaus an der
Wissenschaft interessiert. Was Colbert und den König
besonders faszinierte, war aber wohl auch die Chance,
die Wissenschaft des Königreiches zu zentralisieren und
um den Monarchen zu konzentrieren. Wissenschaft zählte
wie die Poesie – mit den poetae
laureati! – und die Künste zu den epitetha ornantia eines
Königs. Im April 1666 wurde – mit einer jährlichen
Pension von exorbitanten 6.000 livres – Huyghens angeheuert und nach Paris
geholt, um die Akademie aufzubauen; letztlich war aber
alles unklar, und den beteiligten Wissenschaftlern mag
nun klar geworden sein, in welchem Ausmaß sie von den
willkürlichen persönlichen Entscheidungen des Königs
bzw. Colberts abhängig waren. Ursache der
langen Verzögerung war die Diskussion um den Charakter
der Institution: einerseits die Idee, eine Akademie der
Wissenschaften und Künste mit Praxisorientierung für die
Zwecke des Staates (die Vorstellung der Wissenschaftler)
und andererseits die Vorstellung einer Allgemeinen
Akademie, wie sie vom Dichter Charles Perrault verfochten wurde und dem
König und Colbert als Instrument zur Kontrolle
der gesamten französischen Kultur zweifellos zugesagt
hat – in diesem Entwurf wurde der Begriff science ganz weit gefasst
und sollte alle weltlich orientierte Erkenntnisarbeit
umfassen, was natürlich eine totale Zentralisierung des
geistigen Lebens unter Colberts Direktion bedeutet hätte. Vermutlich ist das
Journal des Savants 1665 als Teil dieses Plans
entstanden. Auf Grund des daraus resultierenden
Anspruchs erhob sich gegen diesen Plan einer Allgemeinen
Akademie massiver Widerstand, vor allem im Bereich der
Kirche (es musste sogar das Journal des Savants
kurzfristig sein Erscheinen einstellen), weil die
bereits etablierten Institutionen und Personen sich
gegen ihre Entmachtung zu wehren begannen. Unter dem
Eindruck dieser Reaktionen musste Colbert das Perraultsche Vorhaben als utopisch
abschreiben – er setzte nun auf die Umformung bereits
bestehender Institutionen und auch auf die Einrichtung
jener Institutionen, die er von sich aus zu realisieren
vermochte. |
| Die nun realisierte Akademiekonzeption in
ihrer Gesamtheit stelte auch eine erste explizite
Differenzierung zwischen Wissenschaft und Kunst dar.
1667 hat Colbert dazu festgehalten, dass die
Wissenschaften gelehrt würden, um das Verstehen (der
Natur) zu erweitern, die Künste aber, um die Imagination
des Menschen zu fördern – es ist in diesem Zusammenhang
darauf hinzuweisen, dass die Wissenschaftsklassifikation
jener Zeit Francis Bacon folgend im Bereich der
nicht glaubensbedingten Erkennntnis jene aus der Ratio,
jene aus der Memoire und jene aus der Imagination kennt.
|
| Ende 1666 kristalliert sich heraus, daß die
Akademie zwei Klassen haben würde: eine mathematische
für die exakten Wissenschaften und eine physikalische
für die eher experimentellen Wissenschaften. Die
mathematische Klasse sollte jeden Mittwoch und die
physikalische jeden Samstag tagen, es wurde aber
erwartet, daß alle Mitglieder an allen Sitzungen
teilnähmen. Neben ihnen waren als reine Zuhörer noch die
den Pensionären unter den Mitgliedern zugeordneten
Associées, Assistenten, Studenten zugelassen; ihnen hat
man wohl im Falle entsprechenden Fortschreitens eine Art
Nachfolge in der Akademiestelle zuerkannt. Die Sitzungen
waren nicht öffentlich. Die erste Sitzung fand am
22. Dezember 1666 in der Bibliothek des Königs (in
der Rue Vivienne) statt223; erster
ständiger Sekretär wurde Jean-Baptiste Duhamel, zu den ersten Mitgliedern
zählten Christaan Huyghens, Edme Mariotte, Claude Perrault, die Mathematiker Pierre
Carcavi und Gilles-Personne Roberval, die Astronomen Adrien Auzout und Jean Picard. |
| Ausgangspunkt der positiven Entwicklung in
wissenschaftlicher Hinsicht war Christaan Huyghens , der die wesentlichen
Vorgaben machte: „die Sozietät soll
sich zusammensetzen aus den gelehrtesten Personen,
die in den wahren Wissenschaften wie Geometrie,
Mechanik, Optik, Astronomie, Geographie etc., in
der Physik, Medizin, Chemie, Anatomie etc. aber
auch in den angewandten Bereichen wie Architektur,
Festungsbau, Bildhauerei, Malerei, Zeichnen,
Kanalbau, Wasserkünste, Metallurgie, Ackerbau,
Navigation etc. […]
Bei den Treffen sollen niemals die Mysterien der
Religion oder die Staatshändel diskutiert werden.
Und falls Zeit erübrigt werden sollte, um
Metaphysik, Moral, Geschichte oder Grammatik zu
sprechen, dann soll dies nur in Zusammenhang mit
der Physik oder als Austausch von Meinungen
zwischen Männern geschehen“.
|
| Bedeutende Gehälter lockten auch andere
führende Naturwissenschaftler an: Giovanni Domenico Cassini, Ole Roemer u.a. Man hatte Colbert davor gewarnt, allzu
hochrangige Adelige etc. in die Akademie einzuführen, da
diese auf Grund ihrer Reputation dort alles
durcheinander bringen würden. Nicht aufgenommen werden
sollten Cartesianer und Jesuiten, weil man sie als
Gegner der wahren Naturphilosophie einschätzte. |
| Am Anfang steht eine Diskussion um den
eigentlichen Zweck des Unternehmens –
Naturwissenschaften und Handwerke, ausgerichtet auf
praktische Bedürfnisse, als eine der erwogenen
Ausrichtungen oder eine Wissenschaftlergemeinschaft als
geistig-wissenschafliche Repräsentanz Frankreichs; man
entschließt sich zum ersteren. Huyghens fordert die Schaffung einer
„Naturphilosophie, etwa nach dem
von Bacon vorgelegten Plan, um zu erfahren, was
Schwere, Wärme, Kälte, magnetische Anziehung,
Licht und Farbei ist, woraus Luft, Wasser, Feuer
und alle Körper bestehen, woher die Atmung der
Lebewesen kommt, wie Metalle, Sterne und Gräser
wachsen". Tatsächlich wurde neben dem
Sitzungszimmer ein Laboratorium eingerichtet und die auf
die Gründung geprägte Medaille formulierte die Aufgabe,
die Natur zu erforschen und die Künste (= Handwerke) zu
vervollkommnen. Ein Teil der Mitglieder wurde sogar
besoldet. |
| Die meisten Mitglieder der Akademie waren
schließlich doch Cartesianer – zu einer Zeit, da die
Lehre Descartes' in Paris noch verboten war;
dies hatte eine eher kritische Einstellung zum
Experiment und damit eine gewisse Differenz zur Royal
Society zur Folge. Dennoch war Newton eines der ersten auswärtigen
Mitglieder. |
| Nach außen hin ist in den ersten Jahren
nichts geschehen, tatsächlich war man aber recht emsig.
Colbert hat die Akademie
verschiedentlich in ihn interessierenden Fragen befragt.
Jedes Mitglied hatte jährlich Listen wichtiger Fragen zu
erstellen, die es behandelt wissen wollte. Solange Colbert lebte, florierte die Akademie;
er hat auch die Publikationstätigkeit gefördert: die
Mitteilungen über die Aktivitäten erschienen im Journal
des Savants. 1676 erschienen erstmals „Receuils de
Plusieurs Traitez de Mathematiqu de l'Academie“. Bald
wurden auch wissenschaftliche Expeditionen ausgesandt:
nach der Insel Hven (Brahes Observatorium) und nach den
Kanarischen Inseln. |
| Ein anderes bedeutendes Signal für die
positive Entwicklung war der Bau eines Observatoriums:
das von Auzout geforderte Gebäude sollte nicht
nur das Observatorium, sondern auch die Akademie und
diverse Laboratorien und mechanische Modellensammlungen
beherbergen224. |
| Als Mathematiker wirkten Michel Rolle, Pierre Varignon und
Guillaume-Francois-Antoine de l'Hospital, Anatomie betrieb ab 1674
Joseph-Guichard Duverney, Botanik und
Pflanzenphysiologie betrieb Pitton de Tournefort, der gemeinsam mit dem
deutschen Mediziner Andreas Gundelsheimer Griechenland und
Kleinasien bereiste und das vor Linné erfolgreichste
Klassifikationssystem entwickelte. Insgesamt wurde eine
Fülle von Untersuchungen durchgeführt. |
| Der Großteil der Akademieaktivitäten betraf
aber die Prüfung von vorgelegten Erfindungen und
Maschinen: zur Hafenreinigung, Getreidemühlen, Pumpen
etc. In diesem Zusammenhang ergab sich bald eine sehr
enge Zusammenarbeit zwischen einzelnen Ministerien und
der Akademie. Die ab 1685 in den Akademiegutachten
standardmäßig verwendete Formel "approuvé par l'Académie" ist im
Französischen sprichwörtlich geworden und wurde
natürlich auch in der Werbung für derartige Produkte
benützt. 1699 ist im Zuge der Erneuerung diese Aufgabe
der Akademie im Artikel 31 des Statuts
festgeschrieben worden: die Akademie ist verpflichtet,
für den König alle neuen Erfindungen auf ihre Neuheit
und Tauglichkeit zu überprüfen, und jeder Erfinder ist
dazu verpflichtet, der Akademie ein Modell seiner
Maschine etc. zu überlassen. So wurde die Akademie
innerhalb relativ kurzer Zeit die in allen Technologie-
und Wissenschaftsfragen entscheidende Autorität in
Frankreich. Bezüglich der Publikationsweisen bzw. der
Zeichnung der Akademiepublikationen wurden sehr präzise
Regeln eingeführt225. |
| So entwickelte sich die Akademie in der
2. H. des 17. Jhs auf die Position eines
phänomenologischen Positivismus hin. Man kam – im
Zusammenhang mit dem Skeptizismus der Zeit – mit der
Auffassung klar, daß die wissenschaftliche Erkenntnis
nur in einem langwierigen, stetig fort- und
voranschreitenden Prozeß gewonnen werde, im Zuge der
Akkumulierung von unangreifbaren Aussagen (dies hat auch
Perrault 1687 in seinem Poem auf „Das
Jahrhundert Ludwigs des Großen“ ausführlich dargelegt
und als einen der wesentlichen Gründe für die
Akademiegründungen hervorgehoben). Skeptizismus
bedeutete nicht mehr das Ende des Erkenntnisstrebens,
Resignation, sondern wurde zum Instrument der Gewinnung
gesicherter Erkenntnis. In diesem Zusammenhang ist dem
langjährigen Akademiesekretär Bernard le Bovier de Fontenelle große Bedeutung zugekommen,
denn er hat die Förderung dieses kritischen
Erkenntnisprozesses betrieben, die Akademie war ihm das
Instrument dazu. Im Zuge der Diskussion der Erneuerung
der Akademie 1699 hat er dies folgendermaßen
ausgedrückt: |
| "Wir müssen auf die
Wissenschaft unserer Tage, unserer Zeit blicken,
zumindest auf die Physik, die noch in den Windeln
liegt. Die Akademie ist ein weites Lagerhaus gut
fundierter Beobachtungen und Tatsachen, die eines
Tages die Grundlage für ein System werden werden.
Denn die systematische Physik muß sich enthalten,
ihr Gebäude zu errichten, ehe die
Experimentalphysik imstande sein wird, es mit den
nötigen Materialien auszustattetn. |
| Sozietäten – und nur
Sozietäten, die von Herrschern protegiert werden –
können diese Anhäufung von Material meistern.
Weder die Weisheit, noch die Sorgfalt, noch das
Leben, noch die Fähigkeiten eines Einzelnen können
hinreichen. es sind zu viele Experimente und zu
unterschiedliche Experimente durchzuführen
[...] |
| Bis jetzt hat die
Akademie die Natur nur stückweise angegriffen. Sie
hat ein generelles System der Forschung
angewendet, weil sie Angst hatte, einem System zu
verfallen, die man nur allzugerne
annimmt [...] Heute
stimmen wir einer Tatsache zu, morgen einer
anderen, und zwischen beiden besteht keine
Beziehung. Wir aber schrecken nicht davor zurück,
Kausalverbindungen anzunehmen – aber es sind eben
lediglich Annahmen [...]". |
| Nach Colberts Tod 1683, nach der
Vertreibung der Protestanten aus Frankreich durch das
Edikt von Nantes 1685, als Huyghens, sein Mitarbeiter Denis Papin und Roemer Paris verlassen mussten, trat
unverkennbar ein Rückgang ein, weshalb es 1699 zu einer
Reorganisation kam, die erstmals ein Statut der Akademie
brachte226: vier
Mitgliederkategorien, wichtigste die 20 Pensionaires
(die ordentlichen Mitglieder, mit 800-2000 livres
Gehalt, Spitzenleute wie Giovanni Domenico Cassini I kamen auch
auf 9000 livres), ihre Wahl bedurfte der Bestätigung
durch den König; daneben gab es zehn Ehrenmitglieder
(Honoraires), weiters außerordentliche (Associés) und
designierte Mitglieder (Eléves, ab 1716 Adjunctes).
Präsident wurde jeweils ein Ehrenmitglied. Das Statut
bestimmte eine feste Anzahl von Stellen pro Fachbereich:
von den Pensionaires mußten je drei Mathematiker,
Astronomen und Mechaniker, Anatomen, Chemiker und
Botaniker sein. Bei den Associes mußten 12 Franzosen
sein und zwar je zwei für jedes Fachgebiet. 1753 wurde
zusätzlich der Status der Korrespondierenden Mitglieder
eingeführt. Das Statut von 1699 benannte erstmals auch
die Verpflichtungen der Akademiemitglieder: jedes
Mitglied sollte für sich forschen, seine Ergebnisse aber
der Gesamtakademie vorlegen und zur Diskussion stellen.
Ergebnisse von Experimenten sollten gemeinsam überprüft
werden. Die Sitzungsberichte wurden ab 1699 unter dem
Titel "Histoire de l'Academie Royale des Sciences"
veröffentlicht, womit eine weitere Publikation dem
Journal des Savants, das seit 1666 erschien, zur Seite
trat; die Histoire erwies sich als ein ganz wesentlichen
Instrument der Wirksamkeit der Academie des sciences.
1699 erschien aus der Feder von Jean Baptiste Du Hamel, der von der Gründung bis 1697
Ständiger Sekretär der Akademie gewesen war, die
Geschichte der Akademie – auf Lateinisch und nicht
Französisch aus der Feder Fontenelles, erschienen in Leipzig –
es sollte wohl besonders das Ausland auf die Akademie
aufmerksam gemacht werden. |
| Im 18. Jh folgten weitere
Reorganisationen, die die Akademie in zentraler Position
fester in das entstehende komplexe System der Akademien
in Frankreich einfügten. Ungeachtet dieser
organisatorischen Veränderungen hat die Akademie in
weiterer Folge bedeutenden Anteil an der
Wissenschaftsentwicklung genommen: Reaumur beschäftigte sich mit den
Insekten und brachte 1734-1742 seine mehrbändigen
„Memoires pour Servir … l'Histoire des Insectes“, Buffon veröffentlichte seine 15bändige
Histoire naturelle générale et particulière“ – allesamt
höchst bedeutende und umfangreiche Werke, die die
Forschung auf neue Grundlagen stellten. In den 1760er
Jahren begann man mit intensiver Arbeit zu den
elektrischen Erscheinungen, der Mesmerismus blühte, 1783 starteten die
Gebrüder Montgolfier erstmals einen
Heißluftballon etc. Darüber hinaus arbeitete man
natürlich an der von Diderot und d’Alembert
herausgebenen Encyclopedie mit. Eine ganz
außerordentliche Blüte erlebte die Mathematik, dies ging
so weit, daß in der Mitte des 18. Jhs sogar am
College de France Lehrstühle für Sprachen (dem
eigentlichen Einsatzbereich dieser Institution) in
solche für Mathematik umgewandelt wurden. Tatsächlich
hat die französische Mathematik international die
Führung übernommen. Insgesamt wurde eine Fülle von
Untersuchungen durchgeführt. |
|
|
| 1795 wurden die damals in Paris bestehenden
Wissenschaftsakademien – oder genauer: die 1793 bereits
aufgelösten Akademien – in dem heute noch bestehenden
Institut de France zusammengefaßt, bzw. es wurden im
Institut de France Klassen geschaffen, deren
Bezeichnungen sich an die der alten Akademien anlehnten,
1816 wurde für diese Klassen sogar die Bezeichnung
Akademie (wieder) eingeführt. – Diese Form ist später
auch in Italien und 1939 auch in Spanien übernommen
worden. |
|
|
| Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) verfolgte sein
ganzes Leben hindurch Pläne zu Akademiegründungen und
zur Wissenschaftsorganisation. In Frankreich (1672-1676
lebt er in Paris) und in England (Reisen 1673 und 1676)
lernte er die dort eben entstandenen Akademien kennen
und verfolgt ab 1668/69 selbst den Plan einer allerdings
übernationalen, universalen „Societas philadelphica“,
demzufolge eine bestimmte Anzahl frommer Wissenschaftler
eine Sozietät der Erkennenden und als solche eine erste
rein rationale Gesellschaft bilden sollten – Mönche der
Wissenschaft und doch zugleich moderne Technokraten.
Ziel ist die Vervollkommnung des Menschen durch Weisheit
und Macht im Sinne einer imitatio
Dei, Leibniz spricht von der Civitas Dei. Als er
erkennen mußte, daß die Chancen auf eine Realisierung
„inter chimaeras“ zu
zählen waren, wandte er sich national orientierten
Varianten zu.. Als er 1676 in Hannoversche Dienste
tritt, erstellt er den Plan für eine „Societas Germana“,
in dem eine „Societas Caesarea“ fordert; Leibniz nennt damals 50
Wissenschaftler mit Namen, die nicht nur aus der
Literatur, sondern vor allem „aus
der Natur und aus den Sinnen“ arbeiten
sollten. Erfolg hatte Leibniz freilich nur 1700 in Berlin.
Auch seine Bemühungen in Wien – dort hatte er 1681 seine
Pläne für eine kaiserlich-deutsche historische Sozietät
vorgelegt227 – blieben
vergeblich. In Verbindung zu Leibniz ist Ehrenfried Walter von
Tschirnhaus zu sehen, dessen Dresden
Akademiepläne allerdings scheiterten. |
| In Deutschland festigte sich zu Beginn des
18. Jhs die Vorstellung, daß die Universität lehre
und die Akademie forsche – so hat dies Christian Wolf 1721 in seinen „Vernünftige
Gedanken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen“
vorgeführt und Albrecht von Haller hat dieses Modell
am Beispiel Göttingen zu realisieren gesucht. |
|
|
| Erfolgreich war Leibniz nur in einem Fall, nämlich mit
der Grundlegung der Akademie in Berlin.1700 wird die
Kurfürstlich Brandenburgische Sozietät der
Wissenschaften in Berlin228
gegründet. Auf dem Begriff Societät hatte Leibniz bestanden, um so
Verwechslungen mit dem Begriff Universität vorzubeugen.
Diese Gründung hatte eine längere Vorgeschichte: |
| In Brandenburg war verschiedentlich der
schwedische Freiherr Benedikt Skytte aufgetreten, der Beziehungen zu
den Akademien in Paris und London unterhielt und auch
mit Comenius bekannt war, der ja ebenfalls
einen Akademieplan verfolgte. 1667 erreichte Skytte in Brandenburg, daß in
Tangermünde eine "Universitas
Brandenburgica Gentium, Scientiarum et
Artium", gewissermaßen eine eigene
Gelehrtenstadt, gegründet werden sollte, für die der
Kurfürst Fachleute aus ganz Europa zusammenziehen
wollte229 und die Steuerfreiheit
und Neutralität genießen sollte. Der Plan erregte
einiges Interesse, ist dann aber als zu utopisch
gescheitert. |
| Ab 1668 trat Leibniz mit seinem Akademieplan auf,
den er immer wieder variierte, der aber immer auf eine
internationale Akademie der Wissenschaften oder
wenigstens eine Reichsakademie, nicht aber eine Akademie
nur eines Territorialstaates des Reiches abzielte. Als
er 1676 in hannoversche Dienste trat, verfolgte er – der
nun die Akademien in Paris und London aus eigener
Anschauung kannte und seit 1673 Mitglied der Royal
Society war (in Paris wurde er erst 1699 aufgenommen) –
seine Akademiepläne weiter und strebte nach einer Societas Germana bzw. einer
Societas Caesarea,
deren Mitglieder ihr Wissen nicht aus Büchern, sondern
aus der Natur und den Sinnen gewinnen sollten. Leibniz nennt auch bereits 50
potentielle Mitglieder (Hevelius, Steno, Tschirnhaus [seit 1672 erstes
deutsches Mitglied der Academie des sciences], Swammerdam, Leuwenhoeck, Guericke etc. – kein einziger der
Genannnten war Mitglied der bereits bestehenden
Leopoldina (die ja die mathematisch-physikalischen
Wissenschaften, die den Hauptbereich der
Naturwissenschaften bildeten, nicht berücksichtigte,
außerdem war Leibniz dort nicht Mitglied). Später
strebte Leibniz nach einer Akademiegründung in
Hannover und auch nach der Gründung eines Collegium
Historicum Imperiale in Frankfurt am Main. 1694 knüpft
er Beziehungen nach Brandenburg an230.
|
| In Brandenburg war 1506 in Frankfurt/Oder
eine Universität gegründet worden (Brandenburg erhielt
damit als letzter deutscher Territorialstaat eine solche
Einrichtung) – die Universitas Viadrina231, die für Brandenburg
eine sehr wichtige Ausbildungsstätte war und insoferne
für die Vor- und Frühgeschichte der Sozietät in Berlin
wichtig ist; führende Persönlichkeiten waren im
17. Jh der reformierte Hofprediger Daniel Ernst
Jablonski, ein Enkel des Jan Amos
Comenius und Cartesianer wie der
Minister und Kurator der brandenburgischen
Universitäten, Paul von Fuchs. 1544 erfolgte die Gründung
der Universität Königsberg, die eine Hochburg des
Aristotelismus wurde und lange blieb. 1654 wurde
Duisburg gegründet, welche Universität sich gegen die
Jesuiten in Emmerich und Düsseldorf richtete und sich
ausgeprägt cartesianisch entwickelte. 1661 wurde die
kurfürstliche Staatsbibliothek zu Cölln an der Spree
gegründet, die eine besonders wichtige Voraussetzung für
die Sozietät werden sollte – geplant war ein für
damalige Verhältnisse ausnehmend großer Bau für 40.000
Bände. 1667 stellte der Kurfürst die Gründungsurkunde
für die Universität Halle aus (also zugleich mit Leibnizens ersten Plänen und dem Skytte-Plan für Tangermünde), die
allerdings erst 1694 realisiert wurde (1688 war
mittlerweile eine Ritterakademie in Halle gegründet
worden, an der Christian Thomasius lehrte und die nun
umgewandelt wurde); die Universität Halle wurde ein
Zentrum der deutschen Aufklärung und des Pietismus (in
der Stadt waren ja auch die Franckeschen Stiftungen), u.a. lehrten
dort neben Thomasius, Christian Wolff und Georg Ernst Stahl; Tschirnhaus vermochte man nicht zu
gewinnen. |
| Neben der Existenz einer Reihe
hervorragender Gymnasien wurde die Aufnahme der
Hugenotten bedeutsam: Als 1685 das Edikt von Nantes die
Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich bewirkte und
Kurfürst Friedrich
Wilhelm sich bemühte, einen Teil der
Flüchtlinge nach Brandenburg zu lenken (die Kurfürsten
von Brandenburg waren 1613 vom Luthertum zum Calvinismus
übergetreten), und als damals eben auch aus fünf Städten
langsam Berlin zusammenwuchs, verbesserte sich die Lage
für eine Akademiegründung – 1696 erfolgte die Gründung
einer Akademie der Künste und der mechanischen
Wissenschaften in Berlin (die 1699 im zweiten Stock des
Marstalls unter den Linden untergebracht wurde) und
1696/97 begann das von dem Hugenotten, Cartesianer und
Philosophieprofessor am College francais in Berlin,
Etienne Chauvin, herausgegebene "Nouveau Journal des
Savants, dressé a Berlin" zu erscheinen. Leibniz korrespondierte 1696/97 mit
Chauvin und verstärkte seine
Bemühungen neuerlich. Als 1696/97 in Berlin der Plan
ventiliert wurde, an dem eine Sternwarte einzurichten
sei (eine Sache, die die Kurfürstin zu der ihren
machte), stieß Leibniz im November 1697 sofort mit
dem Hinweis nach, daß man doch auch anderer Gegenstände,
die nicht weniger bedeutsam und schön seien als die
Astronomie, mit einbeziehen sollte, denn diese könnten
ebenso sehr Zweck einer kurfürstlichen Akademie der
Wissenschaften in Berlin sein. Ein weiterer fördernder
Faktor war, daß die Evangelischen Stände des Reichs am
23. November 1699 die Umstellung auf den
Gregorianischen Kalender für Jahresanfang 1700
beschlossen hatte, was umfangreiche Arbeiten nötig
machte232 und Leibniz auf den Gedanken brachte, die
künftige Akademie durch ein Kalendermonopol zu
finanzieren. Auf Grund der Kalenderfrage drängte die
Sache: am 19. März 1700 unterzeichnete der Kurfürst
in Berlin den Entschluß zur Errichtung der Akademie und
einer Sternwarte. Treibende Kraft war mehr als Kurfürst
Friedrich III.
dessen Frau, die Kurfürstin Sophie Charlotte, gewesen. Den
Stiftungsbrief und die Generalinstruktion, die am
11. Juli 1700, dem damit offiziellen Gründungstag,
gebilligt wurden, hat Leibniz erstellt; in diesem
Schriftstück ist der Arbeitskreis der Sozietät, der bis
dahin sich ausschließlich auf die Naturwissenschaften,
Mathematik und Medizin erstreckt hatte, auf Wunsch des
Kurfürsten auf die philologisch-historischen Disziplinen
erweitert. Das Kalendermonopol ist realisiert worden
(man erwartete sich daraus jährlich 2500 Taler), dazu
kamen andere Privilegien wie das der Seidenraupenzucht
(das sich aber finanziell als nicht ergiebig erweisen
sollte). Leibniz wurde am 12. Juli 1700
erster Präsident der Akademie und blieb es auf
Lebenszeit. Er hatte bereits im Frühjahr 1700
wesentlichen Einfluß auf die Ausgestaltung der Sozietät
im Detail genommen und hat auch weiterhin ihr Schicksal
bestimmt. |
| Die vorbereitenden Arbeiten nahmen auch
nach dem Juli 1700 viel Zeit in Anspruch, eigentlich
dauerten sie ein Jahrzehnt. 1710 wurde das erste Statut
mit der Einteilung in vier Klassen erstellt und
genehmigt; 1711 erst erfolgte die feierliche Eröffnung
der Sozietät – Leibniz war nicht anwesend233. |
| Die Mitglieder der Akademie konnten sich
mit jenen in London oder Paris an wissenschaftlicher
Bedeutung in keiner Weise messen und die Realisierung
der Akademie dauerte sehr lange, zumal Leibniz die Sache von Hannover aus
lenkte, kaum jemals in Berlin war und auch nach und nach
mit den anderen Mitgliedern der Sozietät in Streit
geriet. So erschien erst 1710 die erste Publikation, die
"Miscellanea Berolinensia" mit 60 Abhandlungen, darunter
35 von ordentlichen (anwesenden) Mitgliedern und einige
von sehr bedeutenden abwesenden (= auswärtigen)
Mitgliedern wie Roemer, Scheuchzer, aber auch von Flamsteed, der gar nicht Mitglied war.
|
| Erst 1710 erhielt die Akademie ihr erstes
Statut, 1711 wurde sie offiziell eröffnet. Ab 1710 gab
es vier Klassen; außer der Sternwarte, die 1708
fertiggestellt und 1709 übergeben wurde, gab es keine
Forschungseinrichtung. |
| Als man 1711 mit den Sitzungen begann,
definierte man etliche Arbeitsvorhaben – Übersetzung der
Germania des Tacitus als Vorarbeit für ein deutsches
Wörterbuch, Einrichtung eine anatomischen Theaters,
eines physikalischen, eines chemischen Kabinett,
Übersetzung der Bibel – realisiert wurde nahezu nichts.
Selbst der zweite Band der Miscellanea erschien erst
1723. Die Ergänzung der Akademiemitglieder lief fast
ausschließlich auf die Aufnahme von Berlinern hinaus,
die "allermeisten Namen sind heute
mit Recht vergessen" (Grau). |
| Die Jahre ab dem Regierungsantritt König
Friedrich
Wilhelm I., des Soldatenkönigs, im Jahre
1713 waren für die Sozietät nicht günstig; als einziger
preußische König hat er sich nicht als ihr Protektor
bezeichnet, ja hat ihre Mitglieder verhöhnt. 1718 hat er
Paul Jakob Gundling, einen Gelehrten, der im
Tabakskollegium eine Art Hofnarrenfunktion ausübte, zum
Sozietätspräsidenten ernannt. 1731 folgte ihm David
Fassmann „aus der
Unterhaltungszunft" des Königs, der das
Ansehen der Sozietät innerhalb eines Monats schwer
schädigte. Die Sozietät überlebte aber dennoch. 1733
trat mit der Übernahme der Ehrenpräsidentenschaft durch
Adam Otto von Viereck eine Wendung zum Besseren
ein: die Miscellanea begannen wieder zu erscheinen, 1735
überwies Friedrich
Wilhelm I der Sozietät 3000 Bände aus
seiner Bibliothek und 300 Objekte aus seiner
Naturaliensammlung, und bei den Wahlen wurden nun mehr
Nicht-Berliner berücksichtigt, unter ihnen Reaumur, Celsius und Maupertuis. |
| Mit dem Regierungsantritt Friedrich II.
brach für die Sozietät eine neue Zeit an: am
31. Mai 1740 war der alte König gestorben, am
6. Juni schon (!) forderte Friedrich II bereits
den Bericht der Sozietät an, auf den er am 11. Juni
bereits antwortete! Innerhalb weniger Wochen hat der
König die Erneuerung der Sozietät betrieben: Sofort lud
er Voltaire, dem er indirekt die Präsidentschaft antrug,
nach Berlin ein; Leonhard Euler kam 1741 nach Berlin und nahm
sofort die Arbeit in enormer Intensität auf. |
| Doch: Friedrich II sammelte einen Kreis von
jüngeren Wissenschaftlern um sich und die schlossen sich
1743 zu einer festeren Vereinigung zusammen, die den
Namen „Nouvelle Société Littéraire“ annahm, am
1. August 1743 ihre erste Sitzung abhielt und sich
Statuten gab, denen zufolge man Philosophie, Mathematik,
Naturwissenschaften, Geschichte und Literaturgeschichte
pflegen wollte. Innerhalb eines halben Jahres fanden 21
Sitzungen statt, und die Vortragenden waren durchwegs
Mitglieder der alten Sozietät, auch ein Verzeichnis der
86 abwesenden Mitglieder nennt praktisch nur Namen der
alten Sozietät. Im November 1744 forderte Friedrich II die
Societé auf, über ihr Verhältnis zur Sozietät zu
berichten und setzte dann sofort eine Kommission ein,
die die Vereinigung der beiden Institutionen zu einer
neuen klären sollte. So wurden bereits am
24. Jänner 1744 die vereinigten Sozietäten als
Königliche Akademie der
Wissenschaften konstituiert. Als ihre
Aufgabe wurde die Pflege aller Wissenschaftsbereiche wie
sie in der Royal Society, in der Academie Royal des
Sciences und in der Academie des Inscriptiones et Belles
Lettres behandelt wurden, definiert: also Ausschluß der
"geoffenbarten Theologie, der
bürgerlichen Rechtsgelehrsamkeit, der bloßen
Poesie und Beredsamkeit"; ausdrücklich
wurden als Aufgaben genannt: die Pflege der Geschichte
Preußens und des Reiches sowie die Erhaltung der
deutschen Sprache in ihrer anständigen Reinheit. Man
richtete vier Klassen ein: Physik, Mathematik,
Philosophie und Philologie, die von Direktoren geleitet
wurden und deren Mitglieder sich wöchentlich treffen
sollten. Die Leitung hatten vier Kuratoren, ein
Vizepräsident, ein Sekretär und ein Schatzmeister inne –
einen Präsidenten gab es nicht. Die Publikationen
sollten in lateinischer, deutscher oder französischer
Sprache erscheinen234 – sehr
bald wurde für die betreuung ein eigener Posten
geschaffen, der des Historiographen der Akademie.
Außerdem wurde festgelegt, daß die neue Akademie
Preisaufgaben stellen sollte. Friedrich II scheint
nicht als Protektor auf. Direktor der Mathematischen
Klasse war Euler, der gleichzeitig Direktor des
Observatoriums war. |
| Desgleichen bemühte sich der König, Maupertuis235 zu
gewinnen, der auch tatsächlich nach Berlin kam, den
König im ersten schlesdischen Krieg begleitete und dabei
in österreichishce Gefangenschaft geriet, aus der er in
Wien rasch wieder freigelassen wurde. Erst nach der
Beendigung des Zweiten Schlesischen Krieges 1746
entschloss sich Maupertuis zur Übersiedlung nach
Berlin, wo er von Friedrich
II unter dem 1. Februar zum Präsidenten
der Akademie ernannt wurde, wobei in der
Bestalltungsurkunde ausdrücklich auf Maupertuis Mitgliedschaften in Paris,
London, Petersburg, Schweden und Italien hingewiesen
wurde. Maupertuis blieb bis zu seinem Tod
1759 Präsident, obgleich er ab 1752 wegen diverser
Streitigkeiten nicht mehr in Berlin lebte. Damit trat
eine wesentliche Wendung ein: am 10. Mai 1746
erhielt die Akademie ein neues Statut, das ganz auf
Maupertuis zugeschnitten war, der das
alleinige Recht für die Erstellung von Vorschlägen für
die Gehälter und damit praktisch auch für die Zuwahlen
erhielt. Die Akademie wurde nun als „Academie Royale“
bezeichnet und erhielt eine neue Klassengliederung:
|
| - |
die erste
Klasse beinhaltete unter dem Oberbegriff
"experimentelle Philosophie" die Disziplinen
Chemie, Anatomie, Botanik und " alle Wissenschaften, die sich auf das
Experiment gründen ", |
| - |
die zweite =
mathematische Klasse umfaßte Geometrie, Algebra,
Mechanik, Astronomie und "alle Wissenschaften,
deren Gegenstand die abstrakte Ausdehnung oder die
Zahlen sind", |
| - |
die dritte =
spekulativ-theoretisch-philosophische Klasse
vereinigte Logik, Metaphysik und Moral, |
| - |
die vierte
Klasse vereinigte unter dem Oberbegriff Belles
Lettres die Altertumswissenschaften, die
Geschichte und die Sprachen. |
|
| Neu war auch, daß es keine
Klassensitzungen, sondern nur mehr Gesamtsitzungen geben
sollte; dadurch wurde das Schwergewicht auf die
Wissenschaft als Gesamtes gelegt. Es gab nun
Ehrenmitglieder, maximal 16 Ordentliche Mitglieder,
Auswärtige Mitglieder und 12 – auf die Klassen verteilte
– besoldete Pensionäre und 12 unbesoldete Associés (=
unbezahlte Adjunkten), wobei die Pensionäre und die
Adjunkten die eigentliche akademische Arbeit zu leisten
und jährlich mindestens zwei Abhandlungen vorzulegen
hatten. |
| Die Qualität der Mitglieder stieg nun
sprunghaft an; zahlreiche berühmte Wissenschaftler der
Aufklärung wurden ohne bestimmte Fachzugehörigkeit
aufgenommen: Voltaire, d'Alembert, Montesquieu (alle 1746), Fontenelle, Diderot, Holbach, Helvetius, La Mettrie, La Condamine, Daniel Bernoulli und Johann II Bernoulli, Muschenbroek, Lagrange (1756), der von 1766-1787
Nachfolger Eulers war, Buffon, Linné, Albrecht von Haller, Morgagni, die Cassinis, Bradley, Lalande. Zu ihnen tritt eine Fülle von
Deutschen und Schweizern, die heute weniger bekannt
sind, aber doch in ihrer Zeit Bedeutendes geleistet
haben. |
| 1749/50 erhob sich um das von Maupertuis entdeckte und publizierte
Prinzip der kleinsten Wirkung eine die Akademie
erschütternde Auseinandersetzung236,
die dazu führte das Voltaire Berlin verließ und Maupertuis’ Stellung stark geschwächt
wurde, womit mehr und mehr Euler, der größte Mathematiker seines
Jahrhunderts, als die wissenschaftliche Zentralgestalt
der Akademie hervortrat; Euler führte eine ungeheure
Korrespondenz und war unglaublich aktiv.
Auffassungsmäßig war Euler ein Vertreter der klassischen
Aufklärung, der Newton gegen den ohnedies bereits
besiegten Descartes und vor allem auch gegen die
Leibniz-Wolffsche Philosophie vertrat. Da
Euler gute Kontakte sowohl zu Maupertuis als auch zu Friedrich II hatte,
spielte er ab 1752 die Rolle eines de-facto-Präsidenten
der Akademie. Friedrich II aber verfolgte den Plan,
den Initiator der Encyclopedie, d'Alembert, als Präsidenten zu
gewinnen, was Euler wenig behagt haben wird. d’Alembert kam nicht
nach Paris. Friedrich II zog daraufhin – da es
keinen Präsidenten gab, das Ernennungsrecht für neue
Mitglieder gänzlich an sich – daran bzw. an seiner
Unkenntnis scheiterte die Gewinnung Winckelmanns für Berlin, da Friedrich II die
geforderten 2000 Taler mit der berühmt gewordenen
Bemerkung nicht genehmigte, „für
einen Deutsche sind 1000 Taler genug“.
|
| 1765 veranlaßte Friedrich II die
Einsetzung einer Akademie-Kommission zur Reorganisation
der Akademie (vor allen financialibus) – sie ist als
Ökonomische Kommission eine Dauereinrichtung geworden;
ihr eigentliches Ziel hat sie nie erreicht237. 1766 verließ Euler Berlin und kehrte nach
St. Petersburg zurück. Das Interesse von Friedrich II. an
der Akademie hat in der Folge stark nachgelassen, der
Anteil der Deutschen innerhalb der Akademie ist laufend
angestiegen. |
| Von Interesse sind allerdindgs die
Preisfragen jener Zeit: 1771 hat die Akademie eine
Preisfrage nach dem Ursprung der Sprache gestellt; den
Preis gewann Herder, der die Sprache nicht als
göttliches Geschenk oder als menschliche Erfindung sah,
sondern als etwas Gewordenes, etwas, was im Laufe der
Zeit genetisch entwickelt habe. 1780 kam eine besonders
heikle außerordentliche Preisfrage zur Diskussion, die
ihren Hintergrund in der Korrespondenz zwischen Friedrich II und d'Alembert hatte: darf das Volk zu
seinen Gunsten betrogen werden? Es gingen 33 zu
akzeptierende Antworten ein: 20 verneinend, 13 bejahend,
11 davon – 4 verneinende und 7 bejahende – erhielten
einen Preis. Die ordentliche Preisfrage von 1780 über
den Einfluß der Regierung auf die Wissenschaft
behandelte und gewann Herder mit seiner berühmten
diesbezüglichen Abhandlung „Vom Einfluss der Regierung
auf die Wissenschaften und der Wissenschaften auf die
Regierung“. |
| Mit dem Tod Friedrich II am 17. August 1786
trat die Akademie neuerlich in ein kritisches Stadium,
als es zu einer deutschen Reaktion gegen die Dominanz
des französischen Elements kam und eine Deputation
deutscher Mitglieder der Akademie Anstrengungen zur
Vervollkommnung und Ausbildung der deutschen Sprache
forderte und mit dem Versuchs, eine eigene Klasse der
deutschen Sprache zu installieren, scheiterte. Der
Französischen Revolution gegenüber verhielt man sich
eher zurückhaltend. Friedrich Wilhelm III tendierte eher zu
praktischen Zielsetzungen, und es wurde 1798 sogar
gemunkelt, er wolle die Akademie aufheben, dies ist aber
nicht geschehen, im Gegenteil, der König bestätigte die
Statuten von 1746, monierte aber doch, man möge sich
mehr um „wirklich nützliche
Dinge“ kümmern. |
| 1806 setzt dann die Reorganisation unter
Humboldt ein, die in ein neues Statut
von 1812 mündete, durch das vier Klassen – für Physik,
Mathematik, Philosophie und Historisch-philologisches –
eingerichtet wurden und die reorganisierte Preußische
Akademie entstand, die ab 1809 staatliche finanziert
wurde und ihre im verlaufe des 18. Jhs entstandenen
wissenschaftichen Einrichtungen – Botanischer Garten,
Observatorium, Theatrum anatomicum, Collegium
medico-chirurgicum – an die neugegründete Universität
Berlin abtreten musste. Sie hat ihre weitere Arbeit in
Gestalt von Kommissionen und in personeller Kooperation
letztlich mit der Universität abgewickelt. 1939 wurde
das Führerprinzip eingeführt, 1946 ging aus der
Institution die Deutsche Akademie der Wissenschaften
bzw. (ab 1972) die Akademie der Wissenschaften der DDR
hervor. 1992 entstand die Berlin-Brandenburgische
Akademie der Wissenschaften; 1993 gründeten 60
Mitglieder der alten DDR-Akademie die Leibniz-Sozietät.
|
|
|
| 1724 traf Zar Peter (der Große) die Entscheidung, in
seiner Hauptstadt St. Petersburg eine Akademie der
Wissenschaften zu errichten, die seine langfristig
angelegte Reformpolitik krönen sollte. |
| Der Prozeß der Modernisierung in
Ausbildung, Bildung und Wissenschaft in Russland lief
bereits seit etwa 1700 mit der Errichtung von
Fachschulen, 1708 wurde eine Schriftreform vorgenommen,
und 1718 liefen die Vorbereitungen zur Akademiegründung
an; gleichzeitig gab es eine modernisierende
Verwaltungsreform, in der neue Behörden die
absolutistische Herrschaftsstruktur Peters sicherten. Der
bedeutende kulturpolitische Mitarbeiter Peters war sein
Leibarzt, der Schotte Robert Areskin238, der auch
Präsident des Aptekarski Prikaz239
war und gute Verbindungen zu westlichen Wissenschaftlern
unterhielt, die ihm auch Materialien zukommen ließen;
Areskin stellte Vergleiche mit den
russischen Einrichtungen an und begann wissenschaftliche
Forschungsreisen zu organisieren (Untersuchung von
Thermalquellen, Erkundung des Nordkaukasus, der
Kaspischen See hinsichtlich Flora und Fauna etc.,
Erkundung Sibiriens mit Mammut-Funden, Reise nach
Peking) und begann auch, westliche Wissenschaftler für
Petersburg zu interessieren, wobei ihn Leibniz unterstützte, der 1711 in
Torgau mit dem Zaren zusammentraf. 1713 wurde Areskin auch Leiter der Kunstkammer
und der Bibliothek in Petersburg – beides wichtige
Institutionen, für die er Bedeutendes geleistet hat und
die 1724/25 in die Akademie übertragen wurden240. Zar Peter selbst wurde
1717 in die Pariser Académie des Sciences aufgenommen
(Anlaß war eine neue Karte der Kaspischen See). Die
Royal Society und die Academie des Sciences waren die
ersten Akademien, die russische Mitglieder aufnahmen. Um
1717 war Rußland bereits weitgehend in den westlichen
Wissenschaftsbetrieb einbezogen. |
| Die Realisierung der Akademie – nach Areskins Tod 1718 wesentlich durch
Lawrenti Lawrentjewitsch Blumentrost (1692-1755) – geschah im Wege
des Importes aller erforderlichen Wissenschaftler, denen
in St. Petersburg hervorragende Bedingungen geboten
wurden. Die Akademie übernahm die bestehenden
wissenschaftlichen Einrichungen: die Kunstkammer, die
Bibliothek, das Observatorium, das anatomische Theater,
das Geographische Department, den Botanischen Garten,
das Physikalische Kabinett, die Instrumentenwerkstatt,
die Druckerei und andere Institutionen. Bereits ab 1728
begannen die "Commentarii Academiae Scientiarum
Imperialis Petropolitanae" zu erscheinen, die auch im
Ausland Beachtung fanden. Das Leben der Akademie vollzog
sich in der Konferenz der Akademiemitglieder in der
Regel zweimal wöchentlich. |
| Als Mathematiker waren Daniel Bernoulli, Leonhard Euler (1727-1741 und 1766-1783, geht
dann nach Berlin) und J. Hermann in Petersburg tätig. Als
Physiker waren G.B. Bülffinger, Georg Wolfgang Krafft und G.W. Richmann tätig. Astronom war J.-N.
Delisle; es wurde eine Generalkarte
von Rußland vorbereitet, 1745 erschien der erste
russische Atlas. Botaniker war J.G. Gmelin, der nach Linné auf einer Sibirienexpedition
Berings mehr neue Pflanzen entdeckte,
als alle Botaniker vor ihm, und in seiner „Flora
sibirica sive Historia plantarum Sibiriae“ (4 Bde
1747-1769) veröffentlichte. Es wurden auch historische
Forschungen eingeleitet. Besonders wichtig war die Lehr-
und Übersetzungstätigkeit, durch die eine russische
Wissenschaftlergeneration herangebildet werden sollte.
Die Erforschung Sibiriens, Kamtschatkas und auch des
Westens von Alaska stellten wesentliche Einsatzbereiche
dar. Als Historiker wirkte 1762-1769 der Göttinger A.L.
Schlözer in St. Petersburg. |
| Das bedeutendste russische Mitglied der
Akademie im 18. Jh war Michail W. Lomonossow, der nach seiner Ausbildung
in St. Petersburg nach Marburg und nach Freiberg
(wo er bereits vor der Gründung der Akademie
unterrichtet wurde) ging und anschließend wieder in
St. Petersburg arbeitete, wo er 1748 das chemische
Laboratorium einrichtete, das er bis 1757 leitete. Er
formulierte als erster den Satz von der Erhaltung der
Materie und der Bewegung, war auch Historiker,
Sprachforscher und Dichter; von seinen
wissenschaftsorganisatorischen Leistungen zeugt der
Aufbau der Universität Moskau ab 1755. |
| Obgleich mehr und mehr russische
Wissenschaftler an der Akademie arbeiteten und an den
diversen Institutionen unterrichteten, mußte noch
längere Zeit Gelehrte aus dem Westen nach
St. Petersburg berufen bzw. junge Wissenschaftler
nach dem Westen entsandt werden; diesbezüglich intensive
Beziehungen nach dem Westen, insbesondere nach
Deutschland und in der Medizin auch nach Österreich
wurden das gesamte 19. Jh hindurch aufrecht
erhalten. |
|
|
| Diese Akademiegründung von 1739 geht auf
den Hauptmann-Mechanicus Marten Triewald zurück, der in England
gelernt hatte und in Schweden Vorträge über Physik
hielt. Seinem Ideal einer Akademiegründung kam er näher,
als er sich mit Carl von Linné verbündete, der noch den
Staatsmann Freiherr Anders Johan von Höpken gewann. Sie und drei weitere
"Stifter" gründeten im Juni 1739 die Vetenskaps
Akademie, deren erster Präsident Linné wurde. 1739 erschienen die
ersten Abhandlungen, 1741 billigte die Regierung die
Statuten, die wesentlich auf praktische Zwecke
ausgerichtet waren. 1746 gab es 100 Mitglieder, unter
denen nur wenige Wissenschaftler waren – so der Astronom
Anders Celsius. Die Finanzierung erfolgte
durch den Verkauf des privilegierten „Schwedischen
Almanachs“ ab 1747. 1750 wurde eine Sternwarte eröffnet,
deren Direktor Peter Wilhelm Wargentin wurde, der gleichzeitig
Sekretär der Akademie war. Ihre Modernisierung erfolgte
1820 durch den bahnbrechenden Chemiker Jöns Jacob Berzelius, auf den
u.a. die neuere chemische Schreibweise zurückgeht. |
|
|
| In Dänemark ging die Anregung zur Akademie
gleichzeitig von Wissenschaftlern und vom Hof aus. König
Christian IV., sein Premier Graf Johan
Ludvig Holstein von Ledreborg und der
Hofhistoriograph Hans Gram veranlassten 1742 die Gründung
eines Collegium Antiquitatum. Auf der
Gründungsversammlung erfolgte jedoch die Ausdehnung auf
alle Wissenschaftsbereiche mit entsprechender
Namensgebung „Kiøbenhavske Selskab af Laerdoms og
Videnskabers Elskere". Die ersten Mitglieder wurden
ernannt, erst 1776 wurde ein Statut erlassen, ab 1745
bereits erschienen Abhandlungen. 1776 begann eine
Kommission mit der Erarbeitung eines dänischen
Wörterbuchs, dessen erster Band 1793 erschien. Eine
bedeutende Leistung wurde auch der dänische Atlas sowie
die Berichte von nach Nubien, Island und nach dem Orient
durchgeführten Expeditionen. Aus dieser Institution ist
die heutige Königlich Dänische Akademie der
Wissenschaften hervorgegangen. |
|
|
| Göttingen ist ein ganz besonderer Fall.
Hier regierte de facto – im Namen des in London
sitzenden Landesfürsten, König Georg II. von
England – Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen, ein Althoff des 18. Jhs. Als 1734-37
die Universität Göttingen gegründet wurde (nach dem
Vorbild von Halle ein Prototyp der Staatsanstalt), war
der Hauptzweck der Universität, daß „der Staat vor allem in Blüte
komme", sie sollte ein „als ein fruchtbarer Pflanz-Garten"
dienen, „in welchem fähige und
muntere Ingenia, jeder nach seiner Art und nach
denen von der Natur empfangenen Neigungen und
Kräften zur Erlernung dessen, wozu es am besten
sich schicket, gelangen können“, und
zwar „ohn Unterschied der Religionen
und Nationen“ und „zu ewigen Zeiten vollkommen unbeschränkter
Freiheit zu lehren, was beliebe“241 – „Salus Academiae suprema lex esto!“.
Der Theologischen Fakultät kam hier keinerlei Vorrecht
mehr zu, die Überwachung und de facto nicht geübte
Zensur übernahm der Staat, die Theologische Fakultät war
eine wie die anderen. Die auf die Praxis und den Nutzen
des Staates ausgerichtete Zielsetzung wurde evident
durch die Ersetzung der alten Fächer aus dem Kanon der
Artes, wie Rhetorik, Dialektik und Poetik, durch moderne
Disziplinen: Staatsrechtslehre, Staatsgeschichte,
Cameralistik, praktische Medizin und Chirurgie,
Geometria practica, Experimentalphysik. Eine moderne
Bibliothek (Urbild der Universitätsbibliothek bis in das
20. Jh), ein Observatorium, ein anatomisches
Theater und ein botanischer Garten rundeten die
Lehrmittel ab. – Von Erweiterung und Vermehrung der
Wissenschaften, von Forschung ist im General-Statut der
Universitas Georgia Augusta vom 7. Dezember 1736
nicht die Rede. |
| Schon 1734 bei der Gründung der Universität
hatte Münchhausen auf Anregung des Kanzlers
Mosheim erwogen, der Universität eine
Sozietät zur Seite zu stellen, doch langten die Mittel
dafür nicht und der Plan wurde aufgegeben. Als jedoch
Albrecht von Haller durch den an sich
unbedeutenden Andreas Weber nach Göttingen kam und
von diesen Plänen erfuhr, nahm er den Gedanken sofort
auf und stellte Münchhausen das Ultimatum, ihn
(Haller) an diesen Plänen erst gar nicht zu beteiligen,
oder ihm die ganze Sache zu übertragen. Tatsächlich hat
Münchhausen
Albrecht von Haller – den er damit
weiter an Göttingen zu fesseln hoffte – die
Organisation, den Aufbau, das Vorschlags- und
Berufungsrecht und das Präsidium der Neugründung
überlassen. Die Sache wurde im Dezember 1750 in Angriff
genommen, und am 23. April 1751 fand die erste
Sitzung der Sozietät statt – niemals ist eine Akademie
schneller gegründet und eingerichtet worden. |
| Andreas Webers Vorstellungen hatten
sich ganz an Leibniz' Grundgedanken orientiert:
|
| 1. |
„propagatio fidei mittelst der
Scienzen“ |
| 2. |
„Cultura et augmentum
scientiarum“ |
| 3. |
„Ruhm, Wohlfahrt und Aufnahme
[= Zunehmen, Verbesserung] der teutschen Nation, Gelehrsamkeit
und Sprache“. |
|
| Der von Münchhausen eingesetzte Begutachter
Günther von Bünau eliminierte aus der langen Liste
der bei Andreas Weber aufscheinenden
Wissenschaften die „schönen Wissenschaften“, die
Theologie und die Rechtsdogmatik und formte vier
Klassen: Mathematik, Physik, Historie und Politik. Albrecht von Haller hat dieses äußere
Gehäuse übernommen, hat der Sozietät aber
revolutionierende Grundgedanken unterlegt: |
| 1. |
Er erklärt,
dass die Förderung der Forschung zur öffentlichen
Aufgabe erhoben werden müsse. Der Flor der
Universität wird Nebensache, die Hauptsache wird:
Erweiterung der Wissenschaft. |
| 2. |
Er reduziert
die Sozietät strenge auf „diejenigen Wissenschaften, welche neue
Erweiterungen der Erkenntnis und neue Entdeckungen
durch Wahrnehmungen, Verscuhe, tiefere Einsicht in
die Natur, Verfolgung und Anwendung des bereits
Bekannten auf das noch nicht Bekannte"
gestatten und versprachen. |
|
| Damit macht Albrecht von Haller die Göttinger
Sozietät zu einem reinen Forschungsinstitut, das sich
nur mit jenen Wissenschaften beschäftigt, die einer
„beständigen Erfindung fähig
sind“ – Theologie, Philosophie und
ander sonst nützliche Künste und Wissenschaften bleiben
ausgeschlossen, „weil ihre Absicht
mehr auf die Sammlung und die Erläuterung einer
Vorschrift zielt und der Erfindung selten fähig
ist“. So gibt es schließlich nur drei
Klassen: physikalische, mathematische und historische.
Diese Klassen werden mit den besten Vertretern ihrer
Disziplinen an den Universitäten besetzt, die sich an
den monatlichen Sitzungen im Hause des Präsidenten
(Albrecht von Haller) zu beteiligen und
jährlich Abhandlungen im Umfang von zumindest zehn
Druckbogen Umfang abzuliefern haben; für ihre
Forschungsarbeit erhalten sie (Albrecht von Haller musste
diesbezüglich massivsten Widerstand niederkämpfen) eine
Sonderbesoldung. |
| Damit ergänzten sich – wie Albrecht von Haller in seiner Rede zum
Geburtstag des Königs am 10. November 1751 durch
den Sekretär der Gesellschaft, Michaelis, vortragen ließ –
Universität und Sozietät, die eine lehre die Jugend, die
andere erfinde. In einem langen historischen Exkurs
machte er deutlich, daß allein die Forschung, die
Entdeckung von Neuem die Menschheit weiter bringen könne
und nicht Autoritätsgläubigkeit und scholastische
Philosophie und Tradition, wie sie jahrhundertelang die
Universitäten bestimmt hätten. „Doch
endlich erschien der Tag, da die Kenntnis der
Natur wieder zu ihren alten Ehren gelange. Es
gereicht dem nächst vergangenen
[17.] Jahrhundert zu
einem Ruhme, dem unseren aber zum Vorzug, daß man
in jenem angefangen, in diesem aber zum Gesetze
gemacht hat, zur Betrachtung der Natur
zurückzukehren." Nach dieser
historischen Ableitung der Naturforschung als allein
dringender und notwendiger Aufgabe der Wissenschaft und
nach der Feststellung, daß Anatomie, Botanik, Chemie und
Experimentalphysik nun auch an Deutschlands Hohen
Schulen wenigstens gelehrt würden („wiewohl ziemlich spät“), geht Albrecht von Haller zur Definierung
von Forschung und Lehre und zur Erläuterung ihrer
Verbindung über: „Kraft der
natürlichen Beschaffenheit ihrer auf sich habenden
Pflicht, sind die Lehrer der hohen Schulen
verbunden, den größten Teil ihres Lebens und ihrer
Muße auf den Unterricht der Jugend zu
verwenden“ – die stete Wiederholung des
Stoffes und die notwendige Einfachheit des Vortrages
bewirken leicht, daß es der Lehre an Tiefe ermangle. Das
eigentliche Argument Albrecht von Hallers ist aber, dass
die Wissenschaft durch die Lehre keinen Zuwachs erhalte,
„Wenn der Professor nur die
älteren Erfindungen sammelt und sie bloß in eine
geschickte Ordnung bringt, so stiftet er zwar bei
der Jugend Nutzen, die Schranken der Kunst selber
aber erweitert er nicht“, was dem
Studenten nützt und genügt, genügt nicht der
Wissenschaft, denn Wissenschaft ist nach Albrecht von Haller nicht nur Sammeln
und Ordnen und Beschreiben der Vorhandenen, sondern auch
und mehr noch die Erweiterung des Reiches der Erfahrung,
die Vermehrung des Wissens durch Beobachtung und
Experiment. Diese Notwendigkeit der Forschung ist für
Albrecht von Haller die Motivation zur
Gründung der Sozietät: „Ein
Academiste muß erfinden und verbessern oder seine
Blöße unvermeintlich verraten“, die
Forschung stelle höhere Anforderungen als die Lehre.
|
| Die Sozietät stelle nicht nur die Mittel
zur Forschung zur Verfügung, sondern sie ermögliche die
unumgänglich nötige Spezialforschung, weil der Einzelne
ja „nicht eine ganze Kunst über sich
nehmen [..., sondern nur] sich ein kleines Gebiet“
aussuchen kann, „dessen Hügel und
Bäche, Flecken und Dörfer, und fast die einzelnen
Häuser er zu bemerken übernimmt“. |
| Albrecht von Haller hat allerdings
bereits 1753 Göttingen verlassen; sein Weggang löste
sofort eine schwere Krise in der Sozietät aus, die aber
– eine Ironie in der Entwicklung – nicht durch
Naturwissenschaftler, sondern durch die beiden
Altertumswissenschaftler Michaelis und Heyne bewältigt wurde (beide haben
übrigens ihre philologisch-historische Klasse lediglich
als „ein Accesorium bei dem
eigentlichen Plan der Sozietät“
aufgefaßt). Albrecht von Hallers Konzeption
bewährte sich aber und wurde zum Vorbild für die
Reorganisation der Berliner Akademie und des
Studienwesens in Preußen nach dem Zusammenbruch von
1807. |
|
|
| Sie entstand ab 1720 aus dem Land und den
Klöstern, nicht vom Hof her, Gründer war ein Wirtssohn
aus dem Pfaffenwinkel, Johann Georg Lori, der als Professor für
Kriminalrecht an der Universität Ingolstadt eine Art
Loge der Wolffianer unterhielt, dann nach
München kam und in stetem Kampf gegen die Jesuiten den
Gedanken einer Akademie verfolgte. 1759 konnte er mit
einer stattlichen Liste von geistlichen und weltlichen,
höfischen und bürgerlichen Mitgliedern an den Kurfürsten
herantreten, dem er auch gleich die Statuten vorlegte
(Zensurfreiheit, Bierpfennig als Einnahmequelle,
Einrichtung einer Arbeitsstätte etc.). Vor allem wegen
oder unter dem Titel der Zensurfreiheit liefen die
Jesuiten Sturm, dennoch gab der Kurfürst Max Joseph im Mai
seine Zustimmung, Bereits am 25. Juni 1759 erfolgte
die offizielle Bekanntgabe der Gründung, am
21. November 1759 die glanzvolle
Gründungsversammlung, Protektor wurde der Kurfürst
selbst. Die Zielsetzungen waren: Pflege vor allem der
historischen Wissenschaften und der Naturwissenschaften,
keine Theologie, wenig Theorie und Philosophie – mehr
Messen und Wägen im Sinne Galileis und Forschen der Historiker
im Sinne der Mauriner. Die Akademie umfaßte eine
Historische und eine Philosophische Klasse (in der
letzteren waren auch die Naturwissenschaftlen
angesiedelt) und entwickelte sich trotz anfänglicher
Schwierigkeiten sehr gut; ab 1763 erscheinen
Abhandlungen, ab 1761 gibt es eine Sternwarte, ab 1759
Preisfragen. Seit 1763 erscheinen die Monumenta Boica
(bayerische Klosterurkunden). Die Bayerische Akademie
war im 18. Jh die rührigste aller deutschen
Akademien. |
|
|
| Nur kursorisch seien hier aus der großen
Zahl der Gründungen einige weitere wenigstens
listenförmig erwähnt: |
| 1753 |
Kurfürstlich
Mainzische Akademie nützlicher Wissenschaften in
Erfurt – gegründet vom Mainzer Statthalter
Freiherr von Lincker; sie existierte bis in die
Mitte des 20. Jhs. |
| 1763 |
Kurpfälzische
Akademie der Wissenschaften in Mannheim, gegründet
von Kurfürst Carl Theodor auf Initiative von Georg
von Stengel und unter Beteiligung des
Straßburger Historikers Johann Daniel Schöpflin, der Mitglied in Paris,
Petersburg, London und Brüssel war; sie ist in den
1790er Jahren untergegangen. |
| 1769 |
American
Philosophical Society Held at Philadelphia for
Promoting Useful Knowledge in Boston; ihre Anfänge
reichen in das Jahr 1683 zurück. Ihr erster
Präsident war bis zu seinem Tod 1790 Benjamin
Franklin. Die Gesellschaft nahm 1769
an der Beobachtung des Venusdurchganges teil,
Organisator in America war David Ritenhouse, der wie Franklin auch Mitglied der Royal
Society war. |
| 1772 |
Académie
Impériale et Royale des Sciences et belles Lettres
de Bruxelles – ab 1769 bestand bereits die Societé
Littéraire in Brüssel; 1772 genehmigte Maria Theresia die Aufwertung; 1773
fand die erste Sitzung statt, der erste Band der
"Memoires" erschien 1777 aus der eigenen
Druckerei, 1781 erhielt die Akademie sogar ein
eigenes Observatorium. Aus ihr ging die heutige
Königliche Akademie der Wissenschaften und Schönen
Künste von Belgien hervor. |
| 1773 |
(Königlich)
Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften in Prag
– ins Leben gerufen von Ignaz Born, der seit 1773 Mitglied in
Stockholm, 1776 in Petersburg und 1786 in Berlin
war. 1775-1784 erscheinen von ihm herausgegeben
sechs Bände ihrer "Abhandlungen einer
Privatgesellschaft in Böhmen zur Aufnahme der
Mathematik, der vaterländischen Geschichte und der
Naturgeschichte" |
| 1779 |
Academia das
Ciensias in Lissabon, aus der die heutige
portugiesische Akademie hervorgegangen ist. |
| 1780 |
American Academy
of Arts and Sciences in Boston – sie entstand
unter Beteiligung des späteren Präsidenten der
USA, John Adams, und hatte die Pflege aller
Wissenschaftsbereich zum Ziel. Mitglieder waren
u.a. Franklin, Lalande, Buffon und Euler. Sie nahm an der Beobachtung der
Sonnenfinsternis von 1780 teil. |
| 1783 |
Accademia Reale
delle Scienze de Torino – sie ging aus einer in
den 1750er Jahren in Turin begründeten
Gesellschaft hervor und gibt seit 1759
international beachtete
philosophisch-mathematische Schriften heraus.
|
|
|
|
| Obgleich es zahlreiche Anläufe zur
Errichtung einer Akademie der Wissenschaften im
Habsburgerbereich gegeben hat, erfolgte die Gründung
einer Akademie in Wien erst sehr spät. |
| Erste Versuche unternahm Leibniz; sie
blieben trotz Hartnäckigkeit und schließlich auch ab
1713 der Unterstützung durch den Prinzen Eugen ergebnislos.
Ähnlich erging es weiteren Ansätzen242,
und auch Klopstock scheiterte, als er 1765
seinen Plan, die Unterstützung der Wissenschaft durch
den Kaiser im Wege einer Akademie zu gewinnen, in Wien
vorlegte.243 – die
Deutschen sollten nun Dank kaiserlicher Munifizenz sich
in der Wissenschaft und in den schönen Künsten über alle
anderen Nationen sich erheben und direkt mit den
Griechen sich messen244. Maria Theresia hat die
verschiedentlich an sie herangetragene Gründungspläne
mit der Begründung von sich gewiesen, es mangle ihr an
geeigneten, international angesehenen Gelehrten – „was schlechters als andere schonn
existirende accademieen lohnte weder deren kosten
noch mühe“. Und in der Folge erwies
sich eben die Begründung analoger Institutionen in Prag,
Budapest, Agram, Venedig und Mailand als Hemmnis, weil
sich die Frage erhob, welchen Charakter letztlich die in
Wien zu begründende Akademie haben sollte, ob sie sich
über die gesamte Monarchie oder nur auf die
österreichischen Länder erstrecken sollte. |
| Daß die Akademie schließlich – mit
gewaltiger Verspätung – ins Leben trat, ist maßgeblich
das Verdienst einer Gelehrtengruppe, in der der
Orientalist Josef von Hammer-Purgstall, der Astronom Josef
Johann von Littrow und der Physiker Andreas
von Baumgartner eine bedeutende Rolle
spielten und die ihr Ziel trotz widriger Umstände über
Jahrzehnte mit Hartnäckigkeit verfolgte. Die effektive
Einleitung der Gründung setzte allerdings, den
Wissenschaftlern zuvorkommend, Metternich ins Werk, der mit seinem
Vorschlag einen neuen "Centralpunct
für die Monarchie" ins Leben rufen
wollte; die neue Akademie sollte neben den anderen
stehen und aus ihrer zentralen Lage ein natürliches
Übergewicht gewinnen. Dieser Vorschlag, dem eine
praktisch gleichzeitig erarbeitete neuerliche Eingabe
der Gruppe um Hammer-Purgstall beigelegt war, wurde
am 5. Februar 1846 vom Kaiser genehmigt. Am
30. Mai 1846 erfolgte die Gründung durch
kaiserliche Entschließung und tags darauf ihre
Veröffentlichung. Eine Fülle von Entscheidungen war
notwendig, sodaß die Akademie, zu der „Gelehrte aus allen Teilen der Monarchie
Zutritt haben sollen“, erst mit der
Genehmigung aller erforderlichen Anträge einschließlich
der Ernennung der ersten 40 wirklichen Mitglieder, von
denen 17 der mathematisch-naturwissenschaftlichen und 23
der historisch-philologischen Klasse angehörten, 18 in
Wien ansässig waren und die übrigen einigermaßen
proportional aus den Ländern des habsburgischen
Kaiserstaates stammten, durch den Kaiser am 14. Mai
1847 ins Leben trat. Zum ersten Präsidenten wurde Hammer-Purgstall gewählt, der in der
ersten feierlichen Sitzung (im Niederösterreichischen
Landhaus) die Akademie „als
Richterstuhl wissenschaftlicher Leistungen in
letzter Behörde“ bezeichnete, „als solche beantwortet sie
wissenschaftliche Fragen, welche ihr die
Staatsverwaltung vorlegt, hilft keimenden Talenten
zu ihrer Entwickelung und reifenden zu ihrer
Vollendung; sie sendet Reisende zur Erforschung
der Natur oder der Geschichte in wenig bekannte
Länder und Archive aus, prüft die von
schöpferischen Geistern gemachten Versuche und
stellt in Entdeckungen mit anderen Anstalten
dieser Art rühmlichen Wettlauf an“ und
sei das Organ „des
wissenschaftlichen Verkehrs“ der
Reiche. |
| Die effektive Arbeit wurde aufgenommen, als
sich ab dem November 1847 in den Klassen Kommissionen
als speziellen Vorhaben gewidmete Ausschüsse bildeten.
Zuerst war dies im Bereich der Geschichtswissenschaft
der Fall, wo sich Josef Chmel außerordentlich initiativ erwies
und im Rahmen der vom ihm geleiteten Kommission, der
ersten, die die Arbeit aufnahm, binnen kürzester Zeit
die Fontes rerum Austriacarum und andere Unternehmungen
ins Leben rief und ihre effektive Erarbeitung in Gang
setzte. |
| Nach und nach verstanden sich die
Mitglieder über die bloße Präsentierung von
Publikationen mehrheitlich zur wissenschaftlichen
Gemeinschaftsarbeit wie sie Chmel forcierte und wie sie in der
Folge die Aktivitäten der Akademie micht nur in der
Historischen Kommission geprägt haben. In den
Naturwissenschaften legte der Geologe Wilhelm Karl von
Haidinger ein umfassendes Projekt
einer geologischen Landesaufnahme vor und Vizepräsident
von Baumgartner stellte sein
Funktionärsgehalt für den Aufbau eines meteorologischen
Beobachtungssystems zur Verfügung. Bald lief auch die
Publikationstätigkeit in den Denkschriften der Akademie
an. |
| 1857 wurde der Akademie das seit 1848
besetzt gewesene mariatheresianische Universitätsgebäude
übergeben, das sie freilich erst nach dem Einzug der
Universität in ihr neues Gebäude am Ring 1884 ganz für
sich zu gewinnen vermochte. |
| Die Arbeit der Akademie vollzog und
vollzieht sich in ihren Kommissionen, wie solche für
Agenden der Gesamtakademie und jeweils für die Aufgaben
auf Klassenebene eingerichtet sind, und zwar
gleichermaßen für reine Verwaltungsaufgaben, für
organisatorische Aufgaben im Rahmen der Zusammenarbeit
mit anderen wissenschaftlichen Institutionen oder für
die Verwaltung von Legaten und Stiftungen wie auch für
wissenschaftliche Unternehmungen im eigentlichen Sinne.
Kommissionen haben von sich aus Forschungskonzepte
entworfen und langfristig verfolgt oder aber bereits
existierende Forschungsprojekte übernommen. |
| Unter den Kommission der Gesamtakademie
seien die 1886 eingesetzte Prähistorische Kommission und
die 1899 eingesetzte Phonogramm-Kommission erwähnt, die
beide durch viele Jahrzehnte eine reiche Tätigkeit
entfaltet und wertvollstes Material der Nachwelt
erhalten haben. Die Kommission für die Ausarbeitung
eines österreichischen biographischen Lexikons ist seit
1946 am Werk und nähert sich der Vollendung ihres
Werkes. |
| Viel häufiger sind die Kommissionen auf
Klassenebene mit konkreten wissenschaftlichen
Unternehmungen befaßt. In der
mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse war das
erste derartige Unternehmen die bereits erwähnte
Errichtung eines meteorologischen und geophysikalischen
Stationsnetzes, dessen Errichtung durch den Prager
Meteorologen Carl Kreil bereits vor Einrichtung der
Akademie ins Auge gefaßt und dann vom Vizepräsidenten
Andreas von Baumgartner unter Verwendung
seines Funktionärsgehaltes tatkräftig unterstützt worden
ist; 1851 bereits mündeten diese Aktivitäten in die
Errichtung der Zentralanstalt für Meteorologie und
Erdmagnetismus, die langehin eng mit der Akademie
verbunden war und sich einen international
hochangesehenen Ruf als Zentrum meteorologischer
Forschung erwarb; von ihren Mitgliedern seien nur zwei
namentlich genannt: der weltweit führende Meteorologe
Julius von Hann und der vielleicht bedeutendste
Theoretikers der Meteorologie, Max Margulies. |
| Zu den breiteren Kreisen bekanntgewordenen
Unternehmungen zählte die Weltumsegelungsexpedition mit
der Fregatte "Novara", deren wissenschaftliche
Vorbereitung und Auswertung in den Jahren 1856-1888 zwei
Kommissionen beschäftigte, wie die Akademie auch die
Ergebnisse der Polarexpedition unter Peyer und Weyprecht (1872-1874) publizierte und
sich 1882/83 am Internationalen Polarjahr beteiligte,
indem sie – mit Geldern von Johann Graf Wilczek – für ein Jahr eine Station
auf der Jan Mayen Insel besetzte; auch zum Zweiten
Internationalen Polarjahr 1932/33 hat die Akademie
beigetragen. Besonders ertragreich gestaltete sich ab
1901 die Arbeit der Kommission für die Untersuchung der
radioaktiven Substanzen, die 1938 übergeleitet wurde in
das Kuratorium des Institutes für Radiumforschung, der
das erste Akademieinstitut, das Radiuminstitut, die
international vielleicht angesehenste wissenschaftlichen
Institution Österreichs in der Zwischenkriegszeit,
unterstand, das auf Anregung und mit Hilfe von Mitteln
Carl Kupelwiesers eingerichtet wurde und
aus der unter der Führung Stefan Meyers Hunderte von wichtigen
wissenschaftlichen Arbeiten hervorgegangen sind und mit
dem berühmte Namen verbunden sind wie u.a. Victor F.
Hess. Die Arbeit
im Bereich der Physik war geprägt von Christian Doppler, Josef Stefan, Josef Loschmidt, Ernst Mach, Ludwig Boltzmann, Fritz Hasenöhrl und Erwin Schrödinger, um nur die berühmtesten
Vertreter dieses Bereiches zu nennen. Eine Spezialität
der Naturwissenschaften war auch die systematische
Forschung im hochalpinen Bereich. |
| So wie das Radium-Institut waren in der
Zwischenkriegszeit (und sind z.T. heute noch)
Institutionen der Akademie: das 1900 gegründete
Phonogramm-Archiv, die Biologische Station Lunz (deren
wissenschaftliche Leitung die Akademie 1923 übernahm),
die Biologische Versuchsanstalt Prater (1945 zerstört
und mit Ende 1946 aufgelassen). Weiter standen bzw.
stehen mit der Akademie in Verbindung: die bereits
erwähnte Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik,
das Observatorium auf dem Sonnblick (das 1926 der
Akademie und der Zentralanstalt für Meteorologie
unterstellt wurde), die Diplomata-Abteilung am Institut
für österreichische Geschichtsforschung, das
Österreichische Historische Institut in Rom und das
Österreichische Archäologische Institut. |
| Bei der philosophisch-historischen Klasse
bestand und besteht eine relativ große Anzahl von sehr
langfristig arbeitenden Kommissionen sowohl im
historischen als auch im philologischen Bereich; unter
ihnen als älteste Kommission überhaupt die bereits
erwähnte Historische Kommission (vor 1878 Kommission zur
Herausgabe österreichischer Geschichtsquellen), aus der
weitere Kommissionen und Subkommissionen hervorgegangen
sind und die direkt und indirekt eine Fülle von
Unternehmungen betreut hat, darunter die Fontes rerum
Austriacarum, die Babenberger-Regesten, das Babenberger
Urkundenbuch, die Regesta Habsburgica, die Monumenta
Habsburgica, die Nuntiaturberichte und die Mitarbeit an
den Monumenta Germaniae historica, den Historischen
Atlas der Alpenländer u.a.m. Rechtshistorischer
Forschung widmete sich die Kommission für die
Savigny-Stiftung. Reich ist auch die Vielfalt der
verfolgten Aufgaben im philologischen Bereich, der eng
verknüpft ist mit der Altertumskunde, mit der
Ägyptologie, der Entwicklung der Islamkunde und auch mit
archäologischer Forschung: 1864 wurde die Kommission zur
Herausgabe eines Corpus kritisch berichtigter Texte der
lateinischen Kirchenväter eingerichtet, die seit ihrem
Bestehen gewaltige Editionsarbeit geleistet hat. In der
seit 1890 bestehenden Kleinasiatischen Kommission hat
die traditionsreiche österreichische Kleinasienforschung
ihre Heimstätte. Mehrere Kommission wurden der
Erarbeitung von Wörterbüchern gewidmet: des Thesaurus
linguae latinae (seit 1893), eines
Österreichisch-Bayerischen Wörterbuches (seit 1911),
eines mittellateinischen Wörterbuches (seit 1911), eines
Thesaurus der griechischen Sprache (seit 1926), für die
Neubearbeitung des mittellateinischen Wörterbuches von
du Cange (1936), eines Wörterbuches
des Altsüdarabischen (1943). Weitere Schwerpunkte von
Kommissionsarbeiten waren u.a. Quellenschriften zur
indischen Lexikographie, die Arabienforschung mit der
Arbeit am Corpus Glaser, der Edition der von diesem
bedeutenden österreichischen Orientreisenden in
Südarabien gesammelten Materialien; weiters, die
Erforschung amerikanischer, asatischer und afrikanischer
Sprachen sowie illiterate Sprachen außereuropäischer
Völker, Musikforschung, die Herausgabe eines
historischen Atlas der Alpenländer Österreichs und die
historisch-archäologische und
philologisch-ethnographische Durchforschung der
Balkanhalbinsel (seit 1897), in deren Rahmen die
Albanologie eine besondere Rolle spielte. Im 20. Jh
wurde auch der Bereich der Philosophie stärker in die
Akademie integriert, und die Geschichte des
Erziehungswesens gepflegt. |
| Damit ist aber nur jener Teil der
wissenschaftlichen Unternehmungen angesprochen, die im
Rahmen von Kommissionen oder spezifischen Instituten der
Akademie betrieben worden sind und betrieben werden. Zu
ihnen tritt noch eine Fülle von Arbeiten Einzelner, die
in der einen oder anderen Weise im Wege der Akademie
unterstützt werden. |
| Der Erste Weltkrieg bzw. die mit ihm
verbundene Aufwertung der Technik, die noch während des
Krieges in der Forderung nach einer Akademie der
technischen Wissenschaften gipfelte – bewirkte eine
strukturelle Änderung, indem nun nämlich zwar nicht die
geforderte dritte Klasse eingerichtet, wohl aber 1925 im
Zusammenhang mit einer Erhöhung der Mitgliederzahl für
die Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse die
Aufnahme von Technikern und für die
Philosophisch-historische Klasse die Aufnahme von
Juristen und Staatswissenschaftlern beschlossen wurde.
|
| Gegen Ende des 19. Jh trat die damals
als außerordentlich rührig geschätzte Akademie in die
Sphäre systematischer Zusammenarbeit mit anderen
Akademie und gelehrten Gesellschaften ein. Anlaß für für
die konkretere Fassung der Beziehungen zu anderen
Institutionen war eine Fülle von Arbeitend er Akademie,
die im Ausland betrieben wurden, was rein
organisatorische und mehr noch schließlich auch
inhaltliche Abstimmungen erforderlich machte. Waren
zuvor schon einzelne Forschungsunternehmen auf Grundlage
zwischenstaatlicher Abkommen betrieben worden (so etwa
seit 1872 die Fortführung der Monumenta Germaniae
historica), so trug Wilhelm von Hartel 1892 den Plan eines
Zusammenschlusses der Akademie in Wien mit den Akademien
des Deutschen Reiches vor; tatsächlich ist dieser
Kartell der deutschen Akademien und gelehrten
Gesellschaften 1893 ins Leben getreten; seine ersten
Mitglieder waren neben der Akademie in Wien die analogen
Institutionen in Berlin, München, Göttingen und Leipzig;
später traten Berlin und Heidelberg hinzu. |
| Auf der Ebene des Kartells wurden in der
Folge so große Unternehmungen wie der Thesaurus linguae
Latinae, die Mathematische Enzyklopädie, die Mitwirkung
an weltweiten Bemühungen um die systematische
Schweremessung, die Erdbebenforschung und die
Erforschung der tropischen Vegetation an der Station
Buitenzorg auf Java betrieben. |
| Die Schaffung des Kartells und der damit
verbundene Eintritt in eine noch höhere Dimension der
Forschungsorganisation brachten die Akademien des
Kartells im Wege des geplanten Katalogs der
mathematisch-naturwissenschaftlichen Literatur mit der
Royal Society in engeren Kontakt, und es empfahl sich
die Schaffung eines internationalen Verbandes der
Akademien und gelehrten Gesellschaften; diese Gespräche,
an den Wilhelm von Hartel maßgeblich beteiligt war,
mündeten bereits 1899 in die Gründung der
Internationalen Assoziation der Akademien, die der
Betreibung wissenschaftlicher
Gemeinschaftsunternehmungen größten Stils dienen sollte.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, gehörten der
Assoziation 24 Institutionen aus 16 Staaten an. An
mathematisch-naturwissenschaftlichen Projekten seien die
Gradmessung in Afrika, die Kommission für
Gehirnforschung, für die Mondnomenklatur und
Sonnenforschung sowie für die festlegung einer
internationalen Zeit erwähnt. Im
geisteswissenschaftlichen Bereich plante man eine Fülle
von Unternehmungen, u.a. ein Lexikon der Pali-Sprache,
einen griechischen Thesaurus, Übersetzungen wichtiger
wissenschaftlicher Werke der Länder des Fernen Ostens in
westliche Sprachen, die Herausgabe des Mahabharata sowie
der Werke von Leibniz. |
| Während die Assoziation im Ersten Weltkrieg
untergegangen ist, bestand das Kartell weiter; es wurde
1940 in den Reichsverband der deutschen Akademien der
Wissenschaften umgewandelt und ist in dieser Form 1945
erloschen. |
| Nach 1918 ist der Gedanke einer
internationalen Assoziation französischerseits
aufgegriffen und für die Geistes- und
Sozialwissenschaften mit der Begründung der Union
Académique Internationale realisiert worden; die
Akademie ist wie die deutschen Akademien auch erst 1935
in diese Union getreten, hat ihr also nur wenige Jahre
angehört und an den dort angesiedelten Unternehmenungen
mitgearbeitet. |
| Die enormen finanziellen Schwierigkeiten,
die die Akademiearbeit nach dem Ende des Ersten
Weltkrieges schwerstens behinderten, konnten mit Hilfe
privater Geldgeber – so etwa des Ehepaars Jerome und
Margereth Stonebourough-Wittgenstein – in der Mitte
der 1920er Jahre im Wesentlichen zwar überwunden werden,
haben aber doch das Volumen der Akademiearbeit in der
Zwischenkriesgzeit erheblich beeinträchtigt. Nachdem
langehin sich eine enge und immer enger werdende Bindung
an den Wissenschaftsbetrieb in Deutschland entwickelt
hatte, strebte die Akademie ab 1934 – den damaligen
staatlichen Zielsetzungen entsprechend – eine
Verstärkung ihrer anderweitigen internationalen
Kooperationen an; gleichzeitig übernahm man es auch,
öffentliche Vorträge anzubieten. |
| Im Jahr 1938 erfaßte der
Nationalsozialismus auch die Akademie der Wissenschaften
in Wien: sie wurde in den Reichsverband der Akademien
eingegliedert, und „man" veranlaßte eine Reihe von
Mitgliedern zum „freiwilligen Austritt", andere wurden
einfach aus den Mitgliederlisten gestrichen – bedeutende
Persönlichkeiten wie Franz Boas, E. F. Th. von Brücke, Karl Bühler, Victor F. Hess, Erwin Schrödinger schieden so aus den Reihen
der Mitglieder. Stiftungen, die die Namen nun nicht mehr
konvenierender Familien bzw. Persönlichkeiten trugen,
wurden umbenannt. |
| Wurden zuerst noch einzelne Bereiche
gezielt gefördert – u.a. die Balkan-Forschung im Rahmen
der nunmehrigen "Südost-Kommission" – und konnten auch
vereinzelt österreichtypische Unternehmungen (wie das
Archiv für österreichische Geschichte und die Fontes
rerum Austriacarum) fortgeführt werden, so wurde die
praktische Arbeit doch bald durch den Krieg mehr und
mehr beeinträchtigt. Erhebliche Bombenschäden am
Akademiegebäude und an diversen Akademieinstitutionen
bildeten das Finale dieser Periode der
Akademiegeschichte. |
| Die ersten Jahre nach 1945 waren von den
Anstrengungen des Wiederaufbaus und der Restaurierung
geprägt, die einer geregelten und wirksamen
Akademiearbeit vorangehen mußte; dies erforderte den
Einsatz der gesamten verbliebenen Stiftungsgutes, der
das Überleben der Akademie ermöglichte. |
| Nach dem Akademiejubiläum im Jahre 1947, zu
dem Richard Meister seine umfassende Geschichte
der nunmehrigen „Österreichischen Akademie der
Wissenschaften“ vorlegte, entfaltete sich die
Kommissionsarbeit wieder in der Fortführung teils alter
Unternehmungen, teils in der Inangriffnahme neuer
Projekte. In der Philosophisch-historischen Klasse wurde
neben den traditionellen Unternehmungen wie etwa den
archäologischen Unternehmungen in Kleinasien vor allem,
den Monumenta Germaniae historica und den Regesta
imperii – in deren Rahmen in der Folge bedeutende
Leistungen erbracht werden sollten – auch neue Bereiche
eröffnet wie etwa die Theaterforschung oder die
mittelalterliche Realienkunde bzw. bis dahin weniger
gepflegte Bereiche einer neuen Blüte zugeführt wie z.B.
die Byzantinistik. |
| In den 1960er und 1970er Jahren kam es – im
Zuge einer allgemeinen Förderung des Wissenschaftswesen
in Österreich – neben der wieder voll entwickelten
Kommissionsarbeit zur Gründung einer Reihe von
Akademie-Instituten für spezifische, vornehmlich
besonders investitionsintensive naturwissenschaftliche
Arbeitsbereiche, die teils an ältere Unternehmungen
anschlossen wie das Institut für vergleichende
Verhaltensforschung (Konrad-Lorenz-Institut) oder
Bereiche neu eröffneten wie beispielsweise das Institut
für Röntgenfeinstrukturforschung oder das Institut für
Weltraumforschung; in zunehmendem Maße wurden auch
Fragen der Umwelt und der Technikfolgen berücksichtigt.
|
| Hatte man schon in der ersten Hälfte des
20. Jhs zeitweise die internationale
wissenschaftliche Zusammenarbeit zu intensivieren und
auf diese Weise große, allgemeiner interessierende
Projekte zu finanzieren und zu organisieren gesucht, so
hat dieser Aspekt der allgemeinen Entwicklung seit den
1960er Jahren ganz außerordentlich an Bedeutung
zugenommen, die die Akademie ist heute in eine Fülle
großer internationaler Projekte und Organisationen
eingebunden, denen vor allem im naturwissenschaftlichen
Bereich ganz außerordentliche Bedeutung zukommt. |
| Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Akademie
nach einer Phase des Wiederaufbaus die unvollendeten
großen Unternehmungen der Vergangenheit wieder
aufgenommen und sich einer Fülle neuer Aufgaben
zugewendet. |
|
|
| Ein bedeutendes Instrument der Akademien
waren die Preisaufgaben, in denen sie aktuelle Probleme
der Wissenschaftsentwicklung und auch solche von
praktischer Bedeutung in der gesamten Gelehrtenwelt
öffentlich zur Diskussion stellten. |
| Die erste Preisaufgabe ist offensichtlich
von der Académie Francaise 1671 gestellt worden. Ab 1732
stellte auch die Académie des Inscriptions et Belles
Lettres Preisaufgaben. Die erste derartige Aufgabe
lautete: " Welches war der Zustand
der Wissenschaften unter Karl dem
Großen?". In der Folge wechselten Fragen
aus den Altertumswissenschaften mit solchen der
Mediävistik. Einsendungen und Preisträger kamen aus ganz
Europa. Der Berner Altertumswissenschaftler Samuel von
Schmidt zu Rossen hat ab 1757 neunmal
den Preis der Académie des Inscriptions et Belles
Lettres gewonnen. Die Académie des sciences stellte ab
1719 Preisfragen und setzte jeweils 100 Dukaten aus.
Sehr bald haben die Aufgaben und die Antworten
international laufende Diskussionen widergespiegelt – so
die Auseinandersetzung zwischen Cartesianern und Newton-Anhängern, eine
Auseinandersetzung, die bis 1740 anhielt, wobei sich in
den 1730er Jahren bereits der Sieg Newtons abzeichnete; 1740 gab es noch
eine Preisfrage über Ebbe und Flut, wobei neben den
Arbeiten der Newtonianer Daniel Bernoulli, Leonhard Euler und Colin Maclaurin F.R.S. auch eine
cartesianische Arbeit prämiiert wurde – zweifellos lag
hier eine gewisse Affinität zu dem Franzosen Descartes vor; der Durchbruch in der
Frage wurde durch die Expeditionen der Académie des
sciences in den Jahren 1735-1744 zur exakten Gradmessung
in maximaler Nähe zum Pol und zum Äquator herbeigeführt,
durch die die cartesianische Theorie über die Gestalt
der Erde245 bewiesen werden sollte;
die Untersuchungsergebnisse erwiesen aber genau das
Gegenteil, nämlich die Richtigkeit der Vorstellungen
Newtons. Inhaltlich ging es bei den
Preisfragen etwa zur Hälfte um theoretische und
praktische Probleme der Mechanik sowie um praktische
Fragen zu Schiffbau und Seefahrt; weiters um Probleme
wie Ursache der Schwerkraft (1728) und Ausbreitung des
Lichts (1735). – Wesentlich ist zweifellos, daß man
mitunter auch Antworten einen Preis zuerkannte, die
inhaltlich von den in der Akademie vorherrschenden
Meinungen abwichen. Andererseits publizierte man bereits
1720 mit der ersten Preisschrift die Mitteilung, daß sie
sich nicht über den Inhalt etc. der ausgezeichneten
Schriften verantwortlich fühle. |
| In Deutschland stellte Göttingen in den
Altertumswissenschaften und der Geschichte 17, in den
beiden naturwissenschaftlichen Klassen 120 Fragen (davon
38 naturwissenschaftlicher Natur, 57 aus der Ökonomie,
der Rest Kameralistik). Berlin stellte nur 40 (10
Geschichte, 20 Mathematik/Physik). Erfurt 16 Preisfragen
(3 Geschichte, 13 Naturwissenschaften), Mannheim 27 (15
Geschichte, 12 Naturwissenschaften), Prag 5 (davon 3
Naturwissenschaften), München 56 (32 Geschichte, 24
Naturwissenschaften). |
| Der Anreiz zur Lösung von Preisaufgaben war
natürlich auch stark finanzieller Natur. Während München
und Berlin 50 Dukaten aussetzten, gab Petersburg 100,
Paris aber 2.500 Livres in Gold für Fragen in der
Astronomie und 2000 für Fragen bezüglich Handel und
Schiffahrt. Mitunter wurden die Fragen auch vom
Geldgeber (Kurfürst, Kanzler) formuliert. Relativ hoch
waren zeitweise die Preisgelder in Prag: 1794 für eine
umfassende Naturgeschichte Böhmens 450 fl, 1795 für
die beste Methode der Eisenverhüttung 150 Dukaten.
Bei schwierigen Fragen wurde zuweilen bei Wiederholung
der Preis verdoppelt. 246 |
|
|
| Zu den frühen Institutionen, die
wissenschaftliche Arbeit, insbesondere das Beschreiben
und Klassifizieren förderten, gehören die Sammlungen,
aus denen letztlich die modernen Museen hervorgegangen
sind.. |
| Die Sammlungen entstanden in ihrer
frühesten Phase, indem besondere Erscheinungen in der
Natur – seltene Tiere, Pflanzen oder Mineralien, ganz
besonders im Falle von Missbildungen oder sonstigen
Besonderheiten – einer höherrangigen Persönlichkeit
dargebracht und von dieser in das eingereiht wurden, was
man sehr unscharf als „Schatz“ zu bezeichnen pflegt.
Bald zählten auch Kunstgegenstände und natürlich
religiöse Reliquien, von denen es eine unglaubliche
Fülle gab, da sie sich als gutes Geschäft erwiesen,
zumal ihre Echtheit leicht zu behaupten war – Herrscher
beschenkten einander oft mit derlei Gegenständen. |
| Im Spätmittelalter und zunehmend dann in
der Renaissance entstehen an europäischen Fürstenhöfen
Sammlungen, die als Kunst- und Wunderkammern bezeichnet
werden. Zu den wohl berühmtesten derartigen
Einrichtungen zählten die Sammlungen der frühen
Habsburger, vor allem jene Rudolfs II., die allerdings zu großen
Teilen im Zusammenhang mit dem Schwedeneinfall nach
Böhmen verloren gegangen ist. Daneben existierten
allerdings auch Sammlungen von Privaten, die wie etwa
die Fugger über die erforderlichen Mittel verfügten.
Indem die Sammlungen der Herrscher ab dem 16. Jh in
einem Konzentrationsprozess – durch Schenkungen,
Erbschaften, im Zusammenhang mit von ihnen finanzierten
Entdeckungsreisen u.ä. aber immer wieder auch
Eroberungen – immer größeren Umfang annahmen, entstanden
an den Höfen der großen Dynastien besonders bedeutsame
Sammlungen, in die sukzessive viele der größeren
privaten Sammlungen eingingen und die schließlich in
heute staatliche Museen übergeführt wurden. Ein Beispiel
dafür sind die österreichischen Bundesmuseen, die
großteils aus habsburgischen Hofsammlungen
hervorgegangen sind und heute vor allem im Bereich der
Kunst zu den bedeutendsten Sammlungen der Welt. |
| Für die Wissenschaft liegt die Bedeutung
dieser Sammlungen darin, dass sie Orte des Vergleichens
und dann im Zusammenhang mit der Anzahl und Ordnung der
Objekte auch Orte des Klassifizierens wurden, indem man
auch schon im 18. Jh nach Vollständigkeit strebte, also
unter systematischen Gesichtspunkten nach
Vollständigkeit strebte. Dies betrifft vor allem die
Sammeltätigkeit im Bereich der alten beschreibenden
Naturwissenschaften hinsichtlich der drei Reiche der
Natur – Mineralien, Pflanzen, Tiere –, aber auch in dem
materieller Quellen wie etwa Münzen und Medaillen, wenn
beispielsweise in Wien Hilarius Eckhel im 18. Jh
begann, die Münzen systematisch nach Ländern, Münzherren
und Prägestätten zu ordnen und nicht mehr nach ihrem
Edelmetallgewicht. |
|
|
| Eines der ältesten öffentlichen Museen ist
das Ashmolean Museum, das
auf Elias Ashmole (1617–1692), einen englischen
Historiker und Sammler von Altertümern zurückgeht, der
1677 seine, um Gaben seiner Freunde angereicherte
Sammlung der Universität Oxford vermachte und damit den
Gerund zu dem nach ihm benannten Museum legte. Als er
dann auch seine Bibliothek der Universität schenkte,
wurde für die Unterbringung ein eigenes Gebäude
errichtet, das von Christopher Wren gestaltet wurde. Das Museum wurde
1683 öffentlich zugänglich gemacht. Heute ist es in
einem Bau aus dem Jahre 1840 untergebracht und enthält
heute eine Vielzahl von Sammlungen zu britischer,
europäischer, ägyptischer und vorderasiatischer
Altertümer, europäischer und asiatischer Kunst in dne
verschiedensten Formen. |
|
|
| Eines der bedeutendsten Museen überhaupt
ist das British Museum.
Es hat seinen Ursprung in den testamentarischen
Verfügungen des Naturforschers und Mediziners Sir Hans
Sloane (1660-1753); der in der
Karibik, Jamaika vor allem, gesammelt hatte und auch als
Arzt in London Karriere machte (u.a. förderte er die
Pockenimpfung) und schließlich übe seine eigene Samlung
hinaus Sammlungen zu erwerben und zu akkumulieren
begann, sodass er bei seinem Tod 1753 rund 71.000
vornehmlich naturwissenschaftlich interessante Objekte
hinterließ, wozu noch 50.00 Bücher, 23.000 Münzen und
Medaillen und ein großes Herbarium kamen. Dieses
Material bildete auf Grund eines Angebots an König George II. (um
den Preis von 20.000 Pfund) den Grundstock der British
Museum (andernfalls wäre die Sammlung an Akademien in
Übersee zu übergeben gewesen, wie dies Smithson getan hat,
der damit den Grundstein zur Smithsonian Institution
legte). Der König war wenig interessiert, wohl aber das
Parlament, das unverzüglich, noch 1753, das British
Museum einrichtete (das weiterhin dem Parlament
unterstellt blieb), dem sofort andere Sammlungen
angeschossen wurden. Die Masse des Materials waren
Bücher (aus dieser Sammlung entstand innerhalb des
British Museum die British Library), naturkundliche
Objekte und etliche Antiquitäten (auch Münzen,
Medaillen, Zeichnungen und Gemälde). 1757 stiftete der
König die “Old Royal Library” und damit das Recht auf
ein Pflichtexemplar. 1759 bereits wurde das British
Museum der Öffentlichkeit, für jedermann frei zugänglich
gemacht – insbesondere für Wissenschaftler und
Studierende; der erste spezifische Benutzerraum (für
Zeichnungen und Gemälde) wurde 1808 eingerichtet. 1802
kamen bedeutendste Aegyptiaca, darunter der Stein von
Rosette, 1816 die nicht minder berühmten Elgin Marbles vom
Parthenon in Athen in das Museum. Im 19. Jh wurde
der große Gebäudekomplex errichtet, der das Museum
beherbergt und die British Library mit dem berühmten
Lesesaal von 1854-1857. In der Folge wurden natürlich
immer wieder Erweiterungen notwendig: 1880 wurden die
naturkundlichen Bestände in das neue Natural History
Museum in South Kensington ausgelagert, neue
Teilbereiche mussten disloziert eingerichtet werden,
1998 wurde die mittlerweile verselbständigte British
Library in ein neues Gebäude in St Pancras übersiedelt.
|
|
|
| Ein neuartiges und in vieler Hinsicht
vorbildliches Museum entstand mit dem 1852 in
Marlborough House eröffneten Victoria and Albert Museum, das
sich seit 1857 in South Kensington, London, befindet, wo
es 1899–1909 das heutige Gebäude und zeitgleich auch
seinen heutigen Namen erhielt. Es handelte sich hiebei
anfänglich zwar noch um ein allgemeineres Museum,
wesentlich aber bereits um das erste Kunstgewerbemuseum
der Welt und war aus einer großen Ausstellung in London
im Jahre 1851 hervorgegangen, deren Exponate großteils
übernommen wurden. Die Sammlung wurde rasch erweitert,
1909 allerdings durch Übertragungen in andere Museen auf
primär gewerblich-künstlerische Objekte aller Art und
aus allen Teilen der Welt reduziert. Zu den größten
Schätzen zählen Raffael Kartons für die Tapisserien der
Sixtinischen Kapelle. |
|
|
| Die Smithsonian Institution ist heute eine
Sammlung von 19 Museen und neun Forschungszentren247, die sich größtenteils
in Washington befinden; die gesamte Sammlung wurde
unlängst mit 142 Millionen Einheiten angegeben. Es ist
dies der wohl weltweit größte Komplex musealer Natur.
Die Einrichtung geht zurück auf den britischen
Naturforscher James Smithson (1765–1829), der seine Sammlungen
seinem Neffen vermachte und für den Fall von dessen
erbenlosen Tod verfügte, dass alles den USA zu übergeben
sei, um ein „Establishment for the increase and
diffusion of Knowledge among men“ einzurichten. 1835 ist
dieser Fall eingetreten; nach Verhandlungen im Kongress
verabschiedete dieser 1846 ein Gesetz, mit dem
Einrichtung, Organisation und Finanzierung der
Smithsonian Institution erfolgte. 1855 wurde das heute
als „Castle“ bezeichnete ursprüngliche Gebäude der
Institution fertiggestellt, die nunmehr zentraler Ort
für alle Sammlungen aller Art wurde, die aus zivilen wie
militärischen Unternehmungen der USA weltweit
resultierten. |
|
|
| Bereits im Altertum – man denke an
Alexandria oder an Pergamon – und im Übergang vom
Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit – man denke vor
allem an die Observatorien im muslimischen Bereich, auch
an Uraniborg – hatten sich Zentren herausgebildet, die
primär der Forschung in bestimmten Bereichen dienten.
Zeitweise übernahmen die Akademien, dann im 19. Jh
die Universitäten und diese Funktion. Als der
Differenzierungsprozess und mit ihm die personellen,
räumlichen und vor allem finanziellen Dimensionen der
für Forschung nötigen Gegebenheiten ein Ausmaß annahm,
das die bislang üblichen Finanzierungsmodelle im Wege
von Universitäten und in seltenen Fällen von speziell
finanzierten Kommissionen oder Gesellschaften (ein
Beispiel sind die Monumenta
Germaniae historica) nicht mehr zu
leisten vermochte, kam es zur Einrichtung von
spezifischen Forschungsinstitutionen, die gewissermaßen
staatliche Anstrengungen zur Förderung spezifischer
Forschungsbereiche waren, die allerdings nur vor dem
Hintergrund eines hoch entwickelten Universitätswesens
entstehen bzw. betrieben werden konnten. |
| Die Entstehung von Forschungsinstitutionen
vollzog sich in allen hoch entwickelten
Industrienationen, aber nicht auf durchwegs gleiche Art.
In den USA und in Westeuropa entstanden derartige
Institutionen vielfach als staatsunabhängige, außerhalb
der Akademien und der Universitäten bzw. der Hochschulen
auf Grundlage privaten Mäzenatentums entstehende
Einrichtungen – als solche sind zu nennen das Institute
Pasteur in Paris 1888248, das
Rockefeller
Institute for Medical Research in New York 1901, die
Stiftungen Andrew Carnegies und unter diesen insbesondere die
auf Grundlagenforschung ausgerichtete Carnegie
Institution of Washington for Fundamental and Scientific
Research im Jahre 1902249. In
Deutschland geschah dies auf staatlicher Ebene, in
Österreich (mit Kupelwiesers Radium-Institut) und in
Schweden (mit der Nobel-Stiftung) gab es private Anstösse, die
innerhalb oder angelehnt an Akademien realisiert wurden.
Lediglich die 1889 errichtete Carl-Zeiss-Stiftung mit
ihrer Förderung der Universität Jena entsprach in etwa
den US-amerikanischen Vorbildern. Erst in den 1890er
Jahren entstanden in Preußen und im Reich einige
Forschungsinstitute, unter den das vielleicht
bedeutendste, das für Robert Koch eingerichtete
preußische Institut für Infektionskrankheiten war, das
vielfach, von Japan bis in die USA, nachgeahmt worden
ist. Vor allem waren es die Bereiche Chemie, Biologie,
Serologie und Therapie, die so gefördert wurden. Nach
1900 folgte eine weitere Gründungswelle, in der u.a. in
Preußen eine Biologische Reichsanstalt und eine
Chemische Reichsanstalt entstanden bzw. geplant wurden.
Beschleunigt wurde all das durch die raschen Gründungen
von Forschungsinstituten innerhalb der Carnegie
Institution, die allein zwischen 1903 und 1907 zehn
Forschungseinrichtungen für den anden Universitäten
nicht hinlänglich betreute Fächer (großteils für
Naturwissenschaften, aber auch für Geschichte, Ökonomie
und Soziologie) einrichtete und damit genau jenes Feld
abdeckte, das sich die Kaiser-Wilhelm-Institute und
später in der Zwischenkriegszeit die Deutsche
Notgemeinschaft zum Einsatzbereich machten. |
|
|
| Ein klassisches Beispiel für den oben
beschriebenen Prozess ist die Einrichtung der
Kaiser-Wilhelm-Institute250,
aus denen 1948 die heutigen Max-Planck-Institute
hervorgegangen sind. |
| 1906 überreichten sieben Berliner
Professoren dem Kaiser eine Immediateingabe, die von
niemandem anderen stammte als von dem ungenannt
bleibenden Friedrich Althoff und die auf die Errichtung
einer civitas academica
von Forschungsinstituten in Berlin-Dahlem
abzielte251; ihr
Inhalt gibt ziffernmäßigen Aufschluß über die enorme
Expansion der wissenschaftlichen Betriebes, vor allem in
den Naturwissenschaften. Im Weiteren hat der Kaiser
Althoffs Pläne gewissermaßen zu seinen
eigenen gemacht und sie durch Althoff, dessen vormaligen Mitarbeiter
Friedrich Schmidt-Ott und andere vertreten lassen.
|
| Im Oktober 1910, bei der Hundertjahrfeier
der Universität Berlin, verkündete Kaiser Wilhelm II. die
Begründung einer Gesellschaft unter seinem Protektorat
und Namen „zur Errichtung und
Erhaltung von Forschungsstätten“, für
die er bereits über Zusagen über rund 10 Millionen
verfüge; die Universität Berlin sei zwar eine
international erstrangige Institution, doch „der Plan Humboldts, der über die
Universitä hinaus die Gesamtheit
wissenschaftlicher Veranstaltungen umfasste, ist
nich noch voll zur Wirklichkeit geworden, und
diese weihevolle Stunde“ scheine „vorzugsweise dazu berufen, die
Vollendung dessen anzubahnen, was ihm als Endziel
vorgeschwebt hat“. Die Wissenschaft
bedürfe neben Akademie und Universität selbständiger
Forschungsinstitute, „unbeeinträchtigt durch
Unterrichtszwecke“. Bei dieser rede
handelte es sich um zweckentsprechende Interpretation
Adolf Harnacks, der bereits 1909 den Kaiser auf dieses
Unternehmen festgelegt hatte, von ihm stammte auch die
Rede. Im Jänner 1911 fand die Konstituierung der
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft statt252.
Die Mitglieder rekrutierten sich aus den ersten Rängen
von Banken, Industrie und Wirtschaft, die Leitung setzte
sich aus erstrangigen Wissenschaftlern zusammen. |
| Zentrale Ideen waren die Entlastung von der
Lehre, die Althoff bereits verschiedentlich
praktiziert hatte und die in der Gestalt von
Akademieprofessuren, wie etwa Einstein eine innehatte, gehandhabt
wurde253, und die Herstellung
bestausgestatteter Forschungsinstitute254. |
| Es hatte bis dahin nur in speziellen Fällen
staatliche Institutionen gegeben, die nur der Forschung
bzw. der Wahrnehmung wissenschaftlicher Aufgaben dienten
– in Deutschland das preußische Meteorologische Institut
und astronomischer Forschung dienende Einrichtungen
sowie das auf Althoffs Initiative zurückgehende
Preußische Historische Institut; in Österreich die
Zentralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus,
deren Direktorat aber stets mit einem Ordinariat an der
Universität Wien gekoppelt war, sodaß dadurch nur eine
Mehrbelastung eintrat. Im Reich war die 1887 errichtete
Physikalisch-Technische Reichsanstalt ein
Musterbeispiel, die 1911 bereits enorme Dimensionen
angenommen hatte255. |
| Der erste Präsident der neugegründeten
Gesellschaft wurde Adolf von Harnack, der dieses
Amt bis 1930 innehatte; auf ihn folgte Max Planck bis 1937, dann von 1937 bis
1940 Carl Bosch, der
vom NS-Exponenten Albert Vögler, einem Stahlindustriellen, abgelöst
wurde. Als erstes Institut wurde für den Chemiker Fritz
Haber das
Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische und
Elektrochemie eingerichtet. Zahlreiche weitere Institute
folgten256. |
| Die Einrichtungen der KWG erwiesen sich als
höchst erfolgreich; die von jeglicher Lehre
freigestellten Wissenschaftler verfügten über
erstrangige Ausrüstung und über die für zielführende
Forschung unabdingbare Konzentration auf das
Wesentliche, wie das an den Universitäten nicht möglich
war. Auf diesen grundlagen entfaltete sich nach
Überwindung der Krise nach 1918 ab 1924 wieder ein reges
und höchst erfolgreiches wissenschaftliches Leben mit
vielfach wegweisenden Ergebnissen. Von den Anforderungen
des Nationalsozialismus hat man sich nach 1933 nicht
freihalten können. |
|
|
| Im Februar 1948 wurde in Göttingen die
Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften
e. V. (MPG) gegründet. Damit wurde eine schwierige
Situation beendet, da nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges nur die Institute der KWG (die großteils
nach dem Westen verlagert worden waren) wieder eröffnet
worden waren, die Kaier-Wilhelm-Gesellschaft als solche
jedoch zur Auflösung bestimmt war. Nach dem Selbstmord
Vöglers sah sich der 87jährige Max Planck gezwungen, neuerlich die
Leitung der KWG zu übernehmen, zu deren Präsident Otto
Hahn bestimmt
war, der allerdings in englischer Kriegsgefangenschaft
war. Erst sukzessive gelang es nach Besatzungszonen
Klarheit in das westliche Gefüge der verblliebenen
Einheiten der KWG zu bringen, deren Name fallen musste
unf britische Anregung im Wege einer Neugründung in der
britischen Besatzungszone 1946 in
Max-Planck-Gesellschaft abgeändert wurde. Damit war
jedoch bezüglich der übrigen Besatzungszonen wenig
erreicht. Erst die Ausweitung auf die amerikanische Zone
ermöglichte die Gesamt-Neugründung in Göttingen im
Februar 1948 und schließlich die Übereitung der
Mitglieder der KWG in die MPG. Nun erst stimmte 1949
auch Frankreich zu. Die Eingliederung der Berliner
Institutionen gelang erst 1954, die defintive
Liquidierung der KWG erfolgte erst 1960. Damit erst
wurde die schwierige Übergangsphase bewältigt. |
| Heute ist die MPG eine gemeinnützige
Forschungsorganisation mit Sitz in Berlin und
Verwaltungssitz in München. Ihr gehören (2007) 78
Forschungsinstitutionen (mit etwa 4.100
WissenschaftlerInnen, über 10.000 Dissertanten,
Diplomanden und studentische Hilfskräfte sowie mehr als
8.000 Mitarbeiter im kaufmännischen, technischen und
administrativen Bereich mit einem Jahresbudget von rund
1,3 Milliarden Euro) an, die im Bereich vorwiegend der
natur-, sozial- und geisteswissenschaftlichen
Grundlagenforschung mit Universitäten kooperieren, wobei
sie sich aber auch Bereiche konzentrieren, die
anderweitig nicht bearbeitet werden. Im intenationalen
Ranking nehmen diese Institutionen vorderste Plätze ein.
Seit 1948 gingen 17 Nobelpreise an Wissenschaftler,
die an oder im Umfeld der MPG arbeiteten. |
|
|
| Als private Initiative sei das
Radium-Institut in Wien angeführt. Diese Institut
verdankte seine Gründung der Initiative des Physikers
Franz Seraphin Exner und des Wiener Hof- und
Gerichtsadvokaten Dr. Karl Kupelwieser, der 1908 einen Betrag von
bis zu 500.000 Kronen für die Errichtung und
Erhaltung eines der physikalischen Erforschung des
Radiums dienenden Instituts stiftete, nachdem die
Akademie bereits 1901 eine "Kommission zur Untersuchung
der radioaktiven Substanzen" eingerichtet hatte257. Kupelwieser legte „Wert darauf, soweit dies nur irgend möglich
ist, der Öffentlichkeit gegenüber anonym zu
bleiben"258. |
| Am 28. Oktober 1910 konnte der 1909
begonnene Bau des Radiuminstituts in der heutigen
Boltzmanngasse, d.h. in unmittelbarerer Nachbarschaft zu
den damaligen Neubauten für Physik und Chemie, im
Beisein KUPELWIESERs eröffnet werden. Die Pläne hatten
EXNER und Stefan Meyer erstellt. Das Institut
unterstand der Akademie und – was die Erhaltung, die
Betriebskosten und den Personalstand anlangte – dem
Ministerium für Kultus und Unterricht bzw. dem
Unterrichtsministerium. Sein Personal bestand
ursprünglich aus dem Vorstand, der von der Akademie im
Einvernehmen mit dem Ministerium ernannt wurde und der
"gleichzeitig Vorstand eines der
naturwissenschaftlichen Institute an den Wiener
Hochschulen sein kann", einem
Vorstandsstellvertreter (Adjunkten), einem
Assistenten259, einem
Mechaniker (Laboranten) und eines Aushilfsdiener. |
| Der erste Vorstand des Radium-Instituts war
Exner; die unmittelbare Leitung der
Arbeiten am Institut wurde sofort Stefan Meyer übertragen, der 1920 auf
Exner folgte. Stefan Meyer wurde 1938 entlassen und
aus dem Institut vertrieben. Von 1939 bis 1945 leitete
Gustav Ortner das
Institut, 1945 nochmals kurzfristig Stefan Meyer und dann Berta Karlik. Letzter
Vorstand war Herbert Vonach. Im Jahre 1987 wurde das
Radium-Institut aufgelöst. |
| Die Beschäftigung mit radioaktiven
Substanzen, die durch Becquerels Entdeckung radioaktiver Strahlung
von 1896, die unmittelbar darauffolgenden Entdeckungen
weiterer radioaktiver Substanzen und vor allem die
Arbeiten von Madame Curie initiiert worden war, setzte in
Österreich sehr früh ein. Ein wesentlicher Grund dafür
war, daß der damals einzige Bergbau, bei dem Radium,
Polonium, Actinium und Ionium anfielen, in Österreich,
nämlich im böhmischen St. Joachimsthal lag. Die
österreichische Regierung war es, die den Curies erstmals eine
größere Menge uranhältiger Pechblende und von
Abraummaterial überließ, aus der erstmals Radium
extrahiert werden konnte260. Erste
Experimente in Österreich führten Stefan
Meyer und Egon Schweidler durch, letzterer entdeckte
1905 die nach ihm benannten Schwankungen261. Im Weiteren gelang es,
in Atzgersdorf 4 Gramm Radiumchlorid zu gewinnen,
die 1910 vom Radiuminstitut übernommen wurden. Rutherford und Ramsay haben ihre
bahnbrechenden Arbeiten mit Wiener Präparaten ausgeführt
und deshalb auch mehrere Arbeiten in den Mitteilungen
der Radium-Kommission veröffentlicht. |
| Am Radium-Institut, das anfangs bestens
eingerichtet war, dann aber in der Zwischenkriegszeit
mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und bis etwa
1927 nur durch ausländische Hilfe erhalten werden
konnte, wirkten zahlreiche erstrangige
WissenschaftlerInnen, von denen viele emigrieren mussten
und erst im Ausland sich voll entfalten konnten – wenn
auch oft genug unter den schwierigen Bedingungen der
Emigration. Das Institut war in der Zwischenkriegszeit
im Ausland sicherlich eine der angesehenstens
wissenschaftlichen Institutionen Österreichs; es stellte
nach dem Brüsseler Kongreß für Radiologie im Jahre 1910
international geeichte Radiumstandards, vor allem
sogenante "sekundäre" Standards her, die eine
wesentliche Grundlage für die weitere Erforschung der
radioaktiven Materialien unterschiedlicher Herkunft bzw.
die exaktere Bestimmung der Atomgewichte,
Strahlungswärme etc. bildeten. |
|
|
| In Frankreich, wo damals keine
Universitäten existierten und ein strikter Zentralismus
herrschte, hatte es zwar einen Plan hinsichtlich der
Errichtung eines Netzes von Forschungsuniversitäten in
den provinzen gegeben, doch war er nicht verwirklicht
worden. Es entstanden wohl 1888 das Institut
Pasteur262 in Paris
und – aus dessen Mittel finanziert – das Radium-Institut
der Madame Curie,
doch die Entstehung der KWG löste keine weiteren
aufsehen erregenden Aktivitäten aus263, zumal sich die
Naturwissenschaften in Frankreich seit dem letzten
Drittel des 19. Jhs im Wege von Spezialschulen und
naturwissenschaftlichen Fakultäten gut versorgt fühlten,
obgleich sie sich nur in sehr bedingtem Maße mit dem
sich mehr und mehr ausweitenden Wissenschaftsbetrieb in
Deutschland messen konnten. Dieser Zustand wurde durch
die auf Drängen des Ministers Victor Duruy, der das Defizit erkannte, 1868
eingerichtete Ecol pratique264 des
hautes études als eine Art „Dachverwaltung, deren Aufgabe es war, Gelder
in die Forschung und die Ausbildung zu
leiten“, und durch die üppigen
Preisgelder der Akademien bewerkstelligt. Ein
bedeutender Faktor waren in Frankreich die Preisgelder
der Akademien, die ein Vielfaches vergleichbarer Gelder
in Deutschland oder England ausmachten und die gegen die
Jahrhundertwende hin, bis zum Ersten Weltkrieg noch
erheblich anstiegen. Der Unterschied zum deutschen
Finanzierungssystem bestand jedoch darin, dass der
Gewinner des Preisgeldes dieses für die weitere
Forschung einsetzen konnte, aber nicht musste. Insgesamt
erwies sich das System in Frankreich deutlich unterlegen
und der Druck der Wissenschaftler in Bezug auf eine
Angleichung an Deutschland nahm gegen 1900 hin laufend
zu. Dies führte 1901 zur Gründung der Caisse de
recherches scientifiques, eine
Spendensammelorganisation, die ihre Mittel aus Industrie
und Wirtschaft zu beziehen begann, ihre Einkünfte aber
wesentlich aus dem Glücksspielmonopol des Staates bezog;
die Vergabe dieser Mittel durch eine „Technische
Kommission“ efolgte gegliedert in zwei Bereiche:
Biologie und Nicht-Biologie; allerdings mussten aus den
zur Verfügung stehenden Mitteln auch Zeitrchriften und
Vereinigungen gefördert werden. Insgesamt erwies sich
das Unternehmen nicht als übemäßig erfolgreich, weil die
Mittel zu gering blieben, und es erwies sich trotz
einzelner spezifischer Fianzierungsschübe in den 1920er
Jahren als unausweichlich, dass Abhilfe geschaffen
werden musste – die geschah 1930, als das frnazösische
Parlament je einen Fonds für Geistes- und einen für
Naturwissenschaften schuf, in ihrer Gesamtheit die
Caisse national des sciences, über der bald ein Conseil
supérieur de la recherche“ stand. Die Vergabe der Gelder
erfolgte nun projektorientiert. So verbesserte sich die
Lage in den 1930er Jahren erheblich, wobei ab 1933 auch
militärische Konkurrenzierungszwänge eine Rolle
spielten. Als ein Defizit erwies sich nun, dass es in
Frankreich keine ausschließlich der Forscung gewidmete
akademische Laufbahn gab und die Gehälter der Akademiker
zu niedrig waren, um ihnen die volle Konzentration auf
die Forschung zu ermöglichen. Die deutschen
Finanzierungsgegebenheiten lagen vielfach um ein
Mehrfacher höher. |
|
|
| Institutionen wie das Carnegie-Endowment
entwickelten auf privater Grudnlage internationale
Dimensionen. Die immensen Kosten moderner Großforschung
zwingen Staatengruppen zu gemeinsamen Anstrengungen. Ein
Beispiel für eine Organisation auf europäischer
Gemeinschaftsfinanzierung ist CERN (= Organisation Européenne pour la Recherche
Nucléaire, vormals Conseil Européen pour la Recherche
Nucléaire, nicht Centre [...], was ein häufiger
Fehler ist), die 1953 gegründete Europäische
Organisation für physikalische Grundlagenforschung mit
dem Sitz in Genf. Es handelt sich dabei um eine
Großforschungseinrichtung mit zwei Speicherringen sowie
verschiedenen Beschleunigern in der Nähe von Genf. Die
Dimension derartiger Anlagen mag der Hinweis
verdeutlichen, dass allein die Baukosten für den Large
Hadron Collider am CERN, der am Umfang 27 km misst
und im Frühjahr 2008 in Betrieb gehen und völlig neue
Dimensionen eröffnen soll265, über
3 Milliarden EUR liegen. |
| Ähnliche Anlagen existieren oder entstehen
für andere Bereiche der Naturwissenschaften und auch im
Zusammenhang mit der Weltraumforschung, wie etwa die ISS
(= International Space Station), die seit 1998 errichtet
und durch eine weltweite Staatenorganisation finanziert
wird und das größte zivile Projekt der Geschichte
darstellt. Die Gesamtkosten bis zur Fertigstellung
werden auf 100 Milliarden EUR geschätzt. |
|
|
| In Zusammenhang mit den Diskussionen um
Wissenschaft entwickelte sich im 17. und 18. h ein
Idealbild, d.h. letztlich ein Anforderungsprofil des
Wissenschaftlers, das als eine Weiterentwicklung der
idealtypischen Beschreibungen des Humanismus im 15. und
16. Jh gesehen werden kann: der Wissenschaftler,
der sich nicht um Gesundheit, Wohlergehen, Titel,
soziale und materielle Annehmlichkeiten kümmert, sondern
das geistige Leben über alles stellt, alles dem
Erkenntnisstreben opfert und sich als Teil eines
übergeordneten großen Ganzen sieht, wie dies Erasmus von Rotterdam so treffend
formuliert hat266. Pierre
Bayle, Bernard Fontenelle u.a. haben sich damit
eingehend auseinandergesetzt und sehr treffend gemeint,
man könnte glauben, daß alle die (von Fontenelle eingehend geschilderten)
Eigenschaften mehr dem Wesen der Wissenschaft selbst
angehörten als den Individuen als solchen – was hier um
1700 beschrieben wird267, ist
Wissenschaft als Lebensform und der Auftakt zu jener
Entwicklung, die vom 18. Jh bis in unsere Zeit das
Bild des Intellektuellen, des Wissenschaftlers prägt und
in jener Zeit das ermöglichte, was wir mit dem Begriff
res publica literaria
umschreiben: ein sich verdichtendes Substrat der
geistigen, wissenschaftlichen Kommunikation, in das die
Leistungen der Individuen eingebettet erscheinen, aus
denen die der führenden Köpfe hervorragen. |
| Wissenschaft gewinnt im ausgehenden
17. Jh auf der Grundlage der Akademiebewegung und
der staatlichen Akzeptanz als integrierendes, tragendes
Moment der Aufklärung aber auch einen geradezu
religiösen Charakter: Wissenschaftlichkeit tritt an die
Stelle von Religion, wird eine Art rationaler,
weltlicher Religionsersatz. Auch der Wissenschaftler
wird Ersatz für den Geistlichen: er scheint „ewige
Wahrheiten“ auf der Ebene des Wahrnehmbaren, der Natur
(als Schöpfung Gottes) zu erklären, der Wissenschaftler
wird im 17. Jh zu einem Idealbild stilisiert. Im
ausgehenden 17. Jh aber leben diese Wissenschaftler
(„Philosophen") nicht im Kloster oder in der
Vergangenheit (wie die Humanisten im klassischen
Altertum), sondern in ihrer Zeit, und sie befassen sich
mit den Interessen der Gesellschaft. Der neue Philosoph,
d.h. der Wissenschaftler wird als Mitglied zweier
Gesellschaften gesehen: der wissenschaftlichen und der
allgemeinen Gesellschaft. |
| Scientia-Wissenschaft wird damit zu einem
konstituierenden Element der "civilté", der
Zivilisation. Damit schreiben sich aber die
Wissenschaftler selbst einen wesentlichen, fundamentalen
Anteil an der gesellschaftlichen Entwicklung zu, und es
geht die Vorstellung des Utilitarismus weit über den
rein physischen Bereich hinaus. Leibniz hat 1681 die Erweiterung der
Erkenntnis als das Allheilmittel für alle Defekte der
Menschheit bezeichnet. So gewinnt der Wissenschaftler
eine Rolle, die weit über den bloßen Lehrer einer
bestimmten Klasse hinausgeht – er wird zum wertvollsten
aller Bürger, indem er eine tiefgreifende Erneuerung der
Gesellschaft herbeiführt. |
| Für die spezifische Gesellschaft der
Wissenschaftler kommt die Bezeichnung Res publica litterarum mehr und
mehr in Gebrauch. In dieser Republik werden Talent,
Begabung, Intelligenz die einzig gültigen Kriterien –
die traditionellen Kriterien wie Geburt, Reichtum etc.
sind außer Kraft gesetzt. Sehr rasch erkannte man auch,
daß die Beurteilung des Gegebenseins dieser Kriterien
bzw. die Beurteilung der Leistungen nicht dem breiten
Publikum, der Gesellschaft in einem weiteren Sinne
überlassen werden könne, sondern nur jenen, die – wie
d’Alembert es
formulierte – vom métier
sind, den sie allein verfügen über die zur
Beurteilung nötigen Kenntnisse. |
| Die Wissenschaftler separieren sich von
allen Professionisten und Handwerkern, indem ihre
Möglichkeiten aus anderen Grundlagen entstammen sehen,
Diderot formulierte diesbezüglich
emphatisch: Ein Genius wird geboren und nicht gemacht.
Die überkommenen Professionisten – auch Mediziner,
Rechtsanwälte, Priester etc. – erachteten die Aufklärer
vielfach als für Neuerungen unzugänglich. „Der
Wissenschaftler“ fühlt sich ihnen allen überlegen, weil
er aus Kenntnis und überlegt, reflektiert handle und
nicht aus Gewohnheit, weil er seine Emotionen
kontrolliere und dem korrumpierenden Einfluß mittelbaren
wie unmittelbaren Gewinns ausweiche. Der philosophe – so formuliert
es d'Alembert – urteilt und spricht
weniger, aber er urteilt mit größerer Gewißheit und
Sicherheit und spricht besser. Die Wahrheit – so d'Alembert – sei unwiderlegbar, sie
sei das Wesentliche, die Form ihrer Darlegung sei
unwesentlich; die Wahrheit sei so kostbar und selten,
daß Nachsicht für jene angebracht sei, die sie mit
großem Enthusiasmus verkünden. |
|
|
| Mit der Ausweitung des
Wissenschaftsbetriebes über die vergleichsweise starre
Handhabung des Kanons in der Scholastik hinaus, in der
es nicht für wirklich notwendig gehalten wurde, das
Wissen auszuweiten, sondern vielmehr darnach getrachtet
wurde, bereits früher Erarbeitete besser zu verstehen,
ergab sich die Notwendigkeit der Ordnung des Wissens,
gewissermaßen der Einordnung neuer Erkenntnisse in einem
aus der Logik grundlegender Überlegungen sich ergebenden
System. Die Humanisten haben dem Rechnung getragen durch
idealtypische Zusammenstellungen zu den verschiedensten
Themen, die in gewisser Beziehung in die Utopien
mündeten. Im ausgehenden 16. Jh ist die Diskussion so
weit, dass logische Strukturen aufgebaut werden und
zusammenfassende Darstellungen einzelner Fachbereiche
erscheinen, die dem Rechnung tragen – sie sind oft schon
an ihren Titeln erkennbar, die oft genug das Wort „systema“ beinhalten268. Dies wurde gefördert
durch ein neues Theorieverständnis, das sich über alle
Bereiche hin erstrecken sollte und um das man ja
insbesondere im 16.-18. Jh mit Hartnäckigkeit
gerungen hat. Zugleich ging es damit aber auch um das
Beherrschen der immer größer werdenden Fülle des Wissens
im Wege der Einsicht in dessen Ordnung – es darf in
diesem Zusammenhang nicht übersehen werden, dass auch in
den Naturwissenschaften in jener Zeit gewaltige
Leistungen in diese Richtung erbracht worden sind: Newtons „Philosophiae naturalis
principia mathematica“ sind zugleich ein systema, indem sie Einsicht
in die inneren Zusammenhänge bis dahin isolierter
Bereiche verschaffen. |
| Hatte man im Mittelalter Systemisierungen
zu erstellen versucht, die von der Gliederung der
Philosophie einerseits, andererseits aber von den septem artes und von praktischen
Erfordernissen ausgingen und hatten nur Visionäre mehr
gewollt269, so
werden nun umfassendere Zielsetzungen verfolgt, die den
gesamten Erkenntnisbereich als eine Einheit betrachten
und dem jeweiligen Teilbereich seine
erkenntnistheoretische Position innerhalb des Ganzen
zuzuweisen suchen. Dies wird in dreierlei Hinsicht
verfolgt: für die Erarbeitung einzelner Wissensbereiche,
für die Aufstellung von auf „moderne Ansprüche“
ausgerichteten Bibliotheken und für die orientierende
Zusammenstellung des immer unüberschaubarer werden
Wissens in der Gestalt von Enzyklopädien, die ja schon
früher unter ähnlichen Verhältnissen erstellt worden
sind und die nun im 17. und mehr noch im 18. Jh die
inhaltliche Bewältigung der Fülle der mit dem Aufkommen
des Buchdrucks und der damit verbundenen Intensivierung
gesteigerten „Produktion“ ermöglichen bzw. erleichtern
sollten – sie stellen damit gewissermaßen einen Akt der
„Wissensverwaltung“ dar270. |
| 1630 erscheint Johann Heinrich Alstedts Encyclopaedia, in deren
Einleitung er schreibt: „Ordine
nihil pulchrius, nihil fructuosius esse nemo non
videt“ – „Es gibt nichts Schöneres und
Ertragreiches als die Ordnung [...] Ordnung verschafft
im weiten Schauspiel dieser Welt allem Vorhandenen Würde
und ist gleichsam dessen Seele [...]“271. Alstedts Ordnung der Wissensbereiche
folgt dem Baum des Porphyrios, der Dichotomie Platons. Ausgangspunkt der Ordnung,
oberstes Prinzip, aus dem alles abgeleitet wird, ist die
Philosophie, die René Descartes als das vollkommene Wissen
von allen Dingen, die der Mensch wissen kann, anspricht
und der dem entsprechend alles einzugliedern ist, was ja
auch im Sprachgebrauch des 17. Jhs deutlich wird.
Der Begriff, unter dem dieses Programm verfolgt wurde,
war der der Polymathie, auch Pansophia oder
Universalwissenschaft. Berühmte Exponenten dieses
Programms waren Athanasius Kircher, Gottfried Wilhelm Leibniz und dann die großen
Enzyklopädisten wie Theodor Zwinger, Konrad Gessner, Johann Heinrich Zedler und schließlich Denis Diderot und d’Alembert, aber – als
Kritiker – auch Pierre Bayle. |
| Die frühen Werke dieser Art waren meist
noch Werke Einzelner – das vom Baseler Philologen und
Mediziner Theodor Zwinger (1533-1588) verfasste
„Theatrum vitae humanae“, das 1565 erstmals und 1586/87
in vier Foliobänden mit insgesamt knapp 4500 Seiten
erschienen ist, ist vermutlich die größte jemals von
einem einzelnen Menschen verfasste Enzyklopädie. Im
Unterschied wohl zu den früheren Enzyklopädisten des
13. Jhs ist Verfassern wie Zwinger die unvermeidliche
Unvollständigkeit und Vorläufigkeit ihrer Arbeit
einsichtig, sie betrachten ihre Unternehmungen nur als
einen Anstoß und erhoffen die Beteiligung aller
Interessierten. Das, was sie als bleibend einzubringen
hoffen, ist die Ordnung der Dinge – die Inhalte sollen
nun philosophice, nicht
theologice
entwickelt, einer dispositio folgend in schlüssiger
Ordnung dargestellt werden – dem entsprechend sind die
Inhalte dieser Werke nicht nach alphabetisch
angeordneten Lemmata organisiert; diese Methode, die aus
den aufkommenden Bibliographien („Bibliotheca ...“)
entspringt, kommt erst später auf. |
| Konrad Gessner (1516-1565) legt in der Mitte
des 16. Jhs ein großes zweiteiliges Werk vor,
dessen erster Teil eine „Bibliotheca universalis“ (1545)
ist, die etwa 3.000 Autoren mit 10.000 Werken
präsentiert, wobei nicht nur exakte Literaturzitate (und
deren Quellen) ausgewiesen, sondern auch Angaben zur
Person der Autoren geboten werden. Der zweite Teil
dieses Werkes, die 1548 erschienen „Pandectae“ –
„Pandectarum sive partitionum universalium libri XXI“,
Zürich 1548 – bieten eine ungeheure Fülle von Material
an, das in rund 37.000 „loci
communes“272 und
„tituli“ organisiert
ist. Diese „loci
communes“ als gewissermaßen logisch
nachvollziehbare „Orte“ im Erkenntnisraum sind
abgeleitet aus einer Klassifikation der Wissensgebiete,
die von den um die humanistischen Disziplinen
Geschichte, Rhetorik, Geographie und Magie, aber auch
die artes illiberales und
die Bereiche der praktischen Philosophie (Politik,
Ethik, Ökonomie) erweiterten artes
liberales ausgeht Indem der Benützer
von den Pandectae aus auf die Literaturverweise in der
Bibliotheca universalis zurückgreifen kann, findet er
auch weiterführende Literatur. Wesentlich war, dass die
Pandectae mit einem höchst ausführlichen alphabetischen
Register ausgestattet waren, das im Unterschied zu
früheren, nur grobalphabetischen Indices über alle
Buchstaben des Begriffes hin exakt alphabetisiert war.
|
| Die loci
communes hatten auch noch eine andere
Funktion, sie sollten auch in mnemotechnischer Hinsicht
weiterhelfen, was auch durch neuartige Layouttechniken
in der Drucklegung unterstützt werden sollte273. Johann Heinrich Alstedt betont den Umstand, dass seine
Enzyklopädie nach einem „ordo
methodicus“ organisiert sei. Nach und
nach erst haben diese Bemühungen auch in der
arbeitstechnischen Organisation durchgeschlagen274. |
| Mit der Ausweitung der Wissensproduktion im
17. Jh bahnten sich auch neue Formen der Enzyklopädistik
an. Louis Moréri legte 1674 (dann mehrere
erweiterte Auflagen bis 1759) sein „Grande Dictionnaire
Historique“ vor, das Pierre Bayles Widerspruch erregte und dessen
„Dictionnaire Historique et Critique“ (erstmals 1697,
dann mehrmals, auch in Übersetzungen275) auslöste. Dann aber,
und zwar noch vor der berühmteren „Encyclopédie des arts
et des sciences“ von Diderot und d’Alembert, erschien
von 1732 an bis 1750 Johann Heinrich Zedlers276 „Großes
Vollständiges Universallexikon“ in 64 Bänden mit 288.000
alphabetisch organisierten Artikeln auf 68.000
Folioseiten – die größte Enzyklopädie des 18. Jhs.
Dieses Werk – das ein 24jähriger in Angriff genommen hat
– übertraf alles, was bis dahin je geleistet worden war.
Es war ursprünglich auf 12 Bände konzipiert und stellt
eine logistische Meisterleistung dar. Über die
Entstehung weiß man sehr wenig, da das Archiv
verlorengegangen ist. Es muß jedoch eine sehr
beeindruckende Bibliothek gegeben haben, die den
Mitarbeitern zur Verfügung stand. Die Beiträger blieben
anonym, und man kennt nur wenige von ihnen; vermutlich
handelte es sich meist um Ärzte, Lehrer, Pastoren und
Juristen aus der Umgebung von Leipzig, weniger um
prominente Gelehrte. So wie es sich bei den Verfassern
um Bürgerliche handelte, so war auch das Lexikon primär
auf diesen Bereich ausgerichtet und immer wieder
praxisbezogen. |
| In diesem Zusammenhang der
Institutionalisierung von Wissenschaft in einem
abstrakten, prozesshaften Sinne ist natürlich auch die
Entstehung des Zeitschriftenwesens einzubeziehen. |
|
|
| Wissenschaftliche Zeitschriften sind zwar
keine Institutionen im klassischen Sinne des Wortes,
haben aber in einzelnen Fällen durchaus Funktionen
angenommen, die jenen einer Institution gleichzukommen
scheinen. |
| Die Zeitschriften sind als ein
Informations- und Kommunikationssystem zu sehen, wie es
in der Spätscholastik sich in „Publikations“-Formen wie
den quaestiones, dissertationes etc., d.h.
frühen „Forschungspapieren, in denen nicht gesamthaft
Großbereiche eines Systems dargestellt, sondern
Einzelfragen diskutiert wurden, anbahnte, durch die
vermehrte Heranziehung der Kommunikation in Gestalt des
Briefes intensiviert und schließlich (nach der Schaffung
der Fuggerschen
Zeitungen) durch die
Begründung wissenschaftlicher Zeitungen in seine bis
heute höchst wirksame Form gebracht wurde. So sind die
Zeitschriften als solche und auch in ihrer inneren
Gestaltung und ihrer Organisation Ausdruck der
Entwicklung bzw. der Verdichtung, Intensivierung des
Forschungsprozesses unter dem Aspekt der Kritik und
Transparenz, wofür Institutionen wie Akademien die
anfangs notwendige Basis boten. |
| Am 5. Jänner 1665 erschien in Paris
das erste Heft des „Journal des Savants“, das keiner
wissenschaftlichen Institution zugeordnet war und
mehrmals seine Herausgeber wechselte. Sein Ziel waren
einfach die Information über neue Bücher, Physik,
Mathematik, Erfindungen, Naturerscheinungen und die
Publizierung von wissenschaftlichen Arbeiten. 1701 wurde
die Zeitschrift mit der Academie des Sciences verbunden,
ohne daß sie aber deshalb eine rein
naturwissenschaftliche Zeitschrift geworden wäre. Wenig
später, im März 1665, erschien das erste Heft der
„Philosophical Transactions“, der Zeitschrift der Royal
Society, die bis heute nur von 1677 (dem Tod Oldenbourgs) an für fünf Jahre nicht
erschienen sind. Sie sind bis heute eines der führenden
naturwissenschaftlichen Publikationsorgane. |
| Ab 1670 erschienen die Publikationen der
Leopoldina „Miscellanea curiosa medico-physica Academiae
Naturae Curiosorum […]“ – Latein war immer noch der
sicherste Weg, im Bereich der Wissenschaft international
verstanden zu werden. 1682 beginnen die „Acta
Eruditorum“ des Otto Mencke in Leipzig zu erscheinen,
ein Journal rein privaten Charakters, dessen Herausgeber
aber eine Gruppe höchst namhafter Gelehrter zur Seite
stand, die man auch als „Societas collectorum Actorum
Erudtiorum Lipsiensis“ bezeichnet hat. Das Journal
streute inhaltlich breit über alle Wissensgebiete; einer
der bedeutendsten und eifrigsten Mitarbeit war Leibniz, der dort seine Arbeiten zur
Differential- und Integralrechnung erscheinen ließ.
|
| In rascher Folge entstanden zahlreiche
weitere Zeitschriften, von denen natürlich viele auch
bald wieder eingingen277. Im
Verlaufe des 19. Jhs haben einzelne Zeitschriften
für spezifische Wissenschaftsbereiche prägende
Positionen gewonnen, sind zu zentralen Organen ihrer
Disziplin geworden, was häufig auch in der Namensgebung
zum Ausdruck kommt. In den Naturwissenschaften und in
der Medizin haben die Zeitschriften bereits im
19. Jh die Monographien an Bedeutung überflügelt.
|
| Einen weiteren Schritt der Intensivierung
in diesem Prozess stellt das Internet dar. |
|
|
| Nach Ende des Ersten Weltkrieges entstanden
Einrichtungen, die notleidende Forschungseinrichtungen
und auch Forschungsprojekte unterstützen sollten. Dies
forcierte die Finanzierung im Wege von Projekten, d.h.
der Behandlung von exakt abgegrenzten spezifischen
Fragestellungen, deren Wert durch GutachterInnen
klassifiziert wird, auf welcher Grundlage die
Institution dann Mittel (mitunter eingeschränkt) zusagt.
Dieses Vorgehen ermöglicht einerseits vielerlei
Forschungsaktivitäten, die andernfalls nicht möglich
wären, hat aber unausweichlich dahingehend seine
Auswirkung auf den Forschungsprozess, dass bestimmt
wird, was geforscht wird und dass als Forschungsobjekt
primär gewählt wird, was als Projekthappen paketiebar
ist und bei GutachterInnenn „verkaufbar“ erscheint.
|
| Beispiele für derartige
Finanzierungseinrichtungen sind |
|
|
| Die Deutsche Notgemeinschaft wurde auf
Betreiben des Chemiker Fritz Haber als
„Stifterverband“ 1920 gegründet, um die Fortführung der
wissenschaftlichen Forschung nach dem wirtschaftlichen
Zusammenbruch und in der Inflation zu sichern. Unter der
Leitung von Althoffs ehemaligem Mitarbeiter und
nun letztem Ressortminister, Friedrich Schmidt-Ott, als
erstem Präsidenten schlossen sich am 30. Oktober
1920 fünf wissenschaftliche Akademien, der Verband der
deutschen Hochschulen, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft,
der Verband Technisch-Wissenschaftlicher Vereine und die
Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte zu einer
Notgemeinschaft zusammen, die es übernahm staatliche und
private Mittel für die Grundlagenforschung im Wege der
Nachwuchsförderung sowie der Fortführung der
Bibliotheks- wie Laboratorienausstattung. Dieses Ziel
wurde in der Mitte der 1920er Jahre erreicht, die
Institution, die auch österreichische Anträge förderte,
setzte ihre Arbeit jedoch fort. 1929 änderte sie ihren
Namen in „Deutsche Gemeinschaft zur Erhaltung und
Förderung der Forschung“ (de facto: Deutsche
Forschungsgemeinschaft = DFG). 1934 trat Schmidt-Ott samt dem
Präsidiums zurück, und die Institution wurde unter dem
Physiker Johannes Stark – einem prononcierten vertreter der
„Deutschen Physik“ im Sinne des NS-Staates –
gleichgeschaltet. |
| 1949 erfolgte die Neugründung, 1951 wurde
mit dem ebenfalls 1949 begründeten Deutschen
Forschungsrat unter der Bezeichnung „Deutsche
Forschungsgemeinschaft“ (DFG) fusioniert. Die DFG ist
die größte Institution zur Förderung wissenschaftlicher
Projekte in Deutschland. |
|
|
| Der Fonds zur Förderung der
wissenschaftlichen Forschung (= FWF), das
österreichische Gegenstück zur DFG, wurde nach
langwierigen politischen Grabenkämpfen mit großer
Verspätung, nämlich erst 1967, gegründet. Er ist
Österreichs zentrale Einrichtung zur Förderung der
Grundlagenforschung, allen Wissenschaften in gleicher
Weise verpflichtet und orientiert sich in seiner
Tätigkeit ausschließlich an den Maßstäben der
internationalen Scientific Community. Der FWF ist eines
der beiden Instrumente, die das
Forschungsförderungsgesetz 1967 vorsah – das zweite
Element ist der Forschungsförderungsfonds der
gewerblichen Wirtschaft, beide unter dem Dach des
Österreichischen Forschungsrates. Analog zur DFG fördert
der FWF Forschung im Wege von Projekten. |
|
|
| Im Zuge der fachlichen Spezialisierung, wie
sie im 19. Jh und dann endgültig im 20. Jh
sich vollzogen hat, haben sie fachspezifische und
mitunter auch berufsorientierte wissenschaftliche
Gesellschaft und Vereine in großer Zahl konstituiert.
Sie sind anfangs häufig national oder staatlich
strukturiert, im 20. Jh schließen sie sich dann
auch international zusammen. Frühe Beispiele solcher
Gesellschaften sind: |
|
|
| wurde 1822 von Lorenz Oken278
gegründet. Im gleichen Jahr fand in Leipzig die
erste Versammlung der Gesellschaft statt. Diese
Zusammenkünfte haben in den nachfolgenden Jahrzehnten
die wissenschaftliche Entwicklung der
naturwissenschaftlichen wie medizinischen Disziplinen
und das naturwissenschaftliche Selbstverständnis
maßgeblich bestimmt. Sie fanden zunächst jährlich,
später (und heute noch) in zweijährigem Rhythmus in
verschiedenen Städten statt, wobei es sehr oft
Generalthemata für einzelne Tagungen gibt. |
|
|
| Die British Association bzw. the British
Association for the Advancement of Science ist 1831 auf
Anregung des schottischen Physikers Sir David Brewster von William Vernon Harcourt als Gegengewicht zur elitären
und konservativen Royal Sciety gegründet worden. Sie
tagt jährlich. Die BSAA hat allerdings in einer Sache
sehr negativ gewirkt: sie hat sich 1878 gegen eine
Unterstützung der Vorstellungen ihres Mitbegründer
Charles Babbage ausgesprochen und damit
möglicherweise die Entwicklung von Computern um
Jahrzehnte verzögert279. |
|
|
| Sie wurde 1845 in Berlin von
enthusiastischen jungen Naturwissenschaftlern als Physikalische Gesellschaft zu
Berlin im Haus des Physikers Heinrich
Gustav Magnus unter Mitwirkung von Emil du-Bois-Reymond, E. W. von Brücke etc. gegründet und
ist heute die weltweit älteste und größte Physikalische
Gesellschaft. |
|
|
| Sie wurde 1845 in Leipzig von Heinrich
Leberecht Fleischer zur Pflege der
Kenntnis der Sprachen und Kulturen des Orients gegründet
und stabilisierte eine in England, Frankreich und im
deutschen Sprachraum länger schon bestehende
Forschungsrichtung für Deutschland. |
| Die wissenschaftlichen Gesellschaften
tragen wesentlich – und sehr oft auch auf der wichtigen
„unteren“ Eben – zu wissenschaftlicher Arbeit bei; man
denke beispielsweise an die zahllosen lokalen,
regionalen historischen Vereine, die wesentlich zur
Beschaffung des Grundlagenmaterials für die
Landesgeschichte und damit auf die nächst höheren Ebenen
beitragen. |
|
|
| Vor allem die freien wissenschaftlichen
Gesellschaften wirkten im Wege von Jahresversammlungen
an der Entwicklung des wissenschaftlichen Kongresswesens
mit, wie sie auch eine Fülle von wissenschaftlichen
Zeitschriften bergründeten. |
| Die Bedeutung der wissenschaftlichen
Tagung, wie sie sich im ausgehenden 19. Jh, im
deutschen Sprachraum massgeblich in Gestalt der
„Naturforscherversammlungen“ herausbildete, bewirkte,
dass das Tagungswesen im 20. Jh vielfach durch
Mäzene durch Bereitstellung eines geeigneten Ambientes
und teilweiser Finanzierung gefördert worden ist. |
| Ein Beispiel hiefür sind die berühmten
Solvay-Kongresse: 1910 gewann der Physiker Walther Nernst den belgischen
Großindustriellen Ernest Solvay (1832-1922) dafür, die
Finanzierung internationaler Zusammenkünfte führender
Physiker zu übernehmen. Erste Konferenz fandet vom 30.
Oktober bis zum 3. November 1911 im Hotel Metropol in
Brüssel unter dem Thema „Die Theorie der Strahlung und
der Quanten“ statt; diese Veranstaltung wurde in der
Zwischenkriegszeit fortgeführt. Die bislang letzte (13.)
Solvay-Konferenz (an denen jeweils
maximal 25 Physiker teilnehmen durften) fand 1961 statt.
|
| Zahllos sind die Stiftungen, die feste
Institutionen begründeten, bei denen ganz allgemein,
ohne spezifische Schwerpunktforderung, wissenschaftliche
Tagungen beantragt und abgehalten werden können. Eine
lange Jahre in Deutschland wesentliche Institution war –
um nur eine zu nennen – die Werner Reimers–Stiftung in
Bad Homburg. Neben privaten Mäzenen sind im 20. Jh
auch Großunternehmen in die Förderung von Wissenschaft
durch Kongress- und Stipendienstiftungen eingetreten (in
deutschland etwa die Thyssenstiftung, das Volkswagenwerk
u.a.). |
| In Österreich ist aus gemeinsamen
Anstrengungen – ausgehend von Otto Molden (Paula-Preradovic-Haus) und
Simon Moser,
unter Beteiligung von Karl Popper, Erwin Schrödinger u.a. – nach 1945, erst
unter der Bezeichnung „Internationale Hochschulwochen“
des Österreichischen College, das Kongresszentrum
„Europäisches Forum Alpbach“ gegründet worden. Diese
Institution widmet sich neben anderen Veranstaltungen
jährlich einem großen Generalthema und vergibt für die
Beteiligung auch Stipendien, die
Nachwuchswissenschaftlern die Teilnahme ermöglichen.
|
| Das Kongresswesen hat mittlerweile viele
Differenzierungen und gigantische Ausmaße angenommen: es
gibt im Internet eine Suchmaschine für den Bereich
Kongresse in der Medizin, das behauptet, derzeit 46.037
Veranstaltungen im Griff zu haben. Natürlich bringen
nicht alle derartigen Veranstaltungen bringen wirklich
wissenschaftlichen Gewinn; generell kann vermutet
werden, dass je größer die Veranstaltung ist, desto
geringer auch der wissenschaftliche Gewinn.
Weltkongresse mit Zehntausenden von Teilnehmern sind
eher als touristische Unternehmungen einzustufen. |
|
|
| Das Internet stellt die derzeit technisch
anspruchsvollste und leistungsfähigste Form
wissenschaftlicher Kommunikation dar. Es beruht auf
einem elektronischen Verbund von Rechnern, der über
technisch normierte Internetprotokolle den
Datenaustausch zwischen den einzelnen Internet-Rechnern
(Servern) ermöglicht. Ihren Anfang nahm die Entwicklung
1969 im militärischen Bereich der USA. Der Durchbruch
vollzog sich mit der Entwicklung des World Wide Web
(dieser Begriff wird umgangssprachlich synonym zu
„Internet“ verwendet, bezeichnet aber nur einen von
vielen Diensten des Internets), das ab 1989 von Tim
Berners-Lee bei
CERN in Genf entwickelt, sehr rasch auch öffentlich
zugänglich und kommerziell genutzt wurde280. |
| Im wissenschaftlichen Bereich bewirkte das
Internet in Verbindung mit der e-Mail-Funktion die
praktische Anullierung von Kommunikationszeiten und
schon allein damit eine gravierende Veränderung. Nicht
minder bedeutend sind natürlich die aus der
Zugänglichkeit von Information resultierenden
Konsequenzen. Darüber hinaus werden aus den neuen
technischen Möglichkeiten u.a. gravierende Veränderungen
für das Bibliothekswesen resultieren. |
| Das Internet ist zwar nominell kostenlos,
doch wurde der weltweite Energiebedarf für das Internet
(ohne den Energiebedarf der geräte der Endverbraucher!)
für im Jahr 2005 mit 123 Milliarden Kilowattstunden
berechnet, was der Leistung von 14 modernen
Kohlekraftwerken entspricht. Dieser Wert wird weiter
ansteigen, derzeit liegt er bei 0,8 % der
Stromerzeugung weltweit. |
|
|
| In Österreich erfolgte die längst
überfällige Modernisierung des Universitätswesens nach
der Revolution von 1848. |
| Das österreichische Universitätswesen
befand sich in der Mitte des 19. Jhs in einem
indiskutablen Zustand. Es war zu Ende des 18. Jhs
rigorosesten Restriktionen unterworfen worden. Josef II. hatte
bis auf drei Universitäten (Wien, Prag, Lemberg) alle
Anstalten zu Lyzeen degradiert – seine Aktivitäten
basierten zwar auf einem wohlmeinenden aufklärerischen
Philanthropismus, zeitigten aber im Zusammenspiel mit
nachfolgenden Entwicklungen ziemlich negative
Wirkungen.. Leopold
II. hatte zwar günstigere Vorstellungen entwickelt,
verstarb aber im zweiten Jahr seiner Herrschaft, und in
der Folgezeit ist Franz II./I. von den Eindrücken der
Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und
ihren Folgen geprägt geblieben; sein Nachfolger Ferdinand I. war
praktisch regierungsunfähig und auch seinen alles
entscheidenden adeligen Räten fehlte es bei aller
standesgemäßer Bildung an jeglicher Einsicht in die
Erfordernisse und Auswirkungen von Wissenschaft per se. Daran änderte auch
Metternichs Dilettanten-Interesse an
dem, was er unter Wissenschaft verstand, nichts. |
| Über die leitende Idee des 18. Jhs –
unmittelbare Nützlichkeit der Studien ausschließlich in
Hinblick auf die Ausbildung von Staatsbeamten und
Lehrern und deren Kontrolle durch den Staat – kam man
nicht hinaus. Vorstellungen, wie sie in Halle und in
Göttingen weitaus früher entwickelt worden waren,
blieben fernab. Darüber hinaus betrachtete man die
Universitäten – vor allem nach den Karlsbader
Beschlüssen – als einen Quell revolutionären Übels und
keineswegs als Orte der Wissenschaft – wer
Wissenschaftler werden wollte, sollte nach dem
Universitätsstudium selbst zusehen, wie er diesem Ziele
näher käme. |
| Gleichwohl gab es Reformvorstellungen
hinsichtlich der Entwicklung der Wissenschaft und ihrer
Lehre: |
| 1 |
Vorstellungen
im Bereich von Wissenschaft: In den einzelnen
Fakultätsbereichen entwickelten sich in den 1830er
und 1840er Jahren konkretere Vorstellungen; allein
der Diskussionsprozess mit den staatlichen Stellen
gestaltete sich höchst mühsam, und 1846 wurde eine
Reihe derartiger Vorschläge „vom Kaiser“
abgelehnt. Lediglich in den zentralen
naturwissenschaftlichen Bereichen wie Physik und
Chemie gelang in Wien eine gewisse inhaltliche und
organisatorische Modernisierung281 sie gingen letztlich aus
anwendungsbezogenen Überlegungen hervor, was ihnen
auch die Akzeptanz sicherte. Selbst diese gering
erscheinende Intitiative sollte nach 1848
wertvolle Früchte tragen. Andere Vorstellungen,
wie die des Historikers Chmel, blieben erfolglos282. Eine Sonderstellung
hatte allerdings seit der Mitte des 18. Jhs
die Medizin, die allerdings primär im klinischen
Bereich Format erlangte, der theoretischen Fächer
aber trotz dem Boerhave-Schüler Gerard van Swieten, Anton
de Haens und
Inghenhousz
weitgehend entbehrte. Das verhielt sich anderswo
ja ganz ähnlich. Eine indirekte Wirksamkeit wurde
lediglich damit erzielt, dass im Zuge der
Beratungen bezüglich der philosophischen Studien
der Prager Herbartianer Franz Exner 1844 einen tiefgehenden
Reformentwurf vorlegte, der 1846 zwar ebenfalls
abgeschmettert wurde, aber doch dazu führte, dass
nach dem März 1848 Exner nach Wien geholt und letztlich
zur Seele der Reform wurde. |
| 2 |
Vorstellungen
auf der Regierungsebene: Auf der Regierungsebene
wurde es in den späten 1830er Jahren Männern wie
Franz Anton von Kolowrat-Liebsteinsky, der ein gemäßigt
liberaler Gegenspieler Metternichs war, klar, dass man
zumindest hinsichtlich der Technologie und
insbesondere der Chemie etwas unternehmen müsse.
So förderte er 1838/39 den Versuch, Justus von
Liebig und
dann Wöhler
nach Wien zu berufen, was natürlich nicht
bewerkstelligt werden konnte. Die Konsequenz aber
war, dass Reisestipendien geschaffen wurden, mit
deren Hilfe ausgesuchte jüngere Leute eben zu
Liebig und
anderswohin geschickt wurden, ja als vorbildlich
entwickelt eingestufte Länder und Institutionen
bereisten, um deren Erfahrungen und Kenntnisse
kennen zu lernen und möglichst zu übernehmen. So
ist eine Reihe sehr interessanter Berichte
entstanden283 –
ernsthafte Veränderung trat aber vorerst nicht
ein. |
| 3 |
Organisatorische Neuerungen via facti: In den
1830er Jahren setzte die Ausweitung der
sogenannten „freien Vorlesungen“ ein, und begann
man staatlicherseits die Zulassung von Lehrenden –
„Dozenten“ – neben den Professoren zu dulden, ohne
dass es deshalb ein Habilitationsverfahren gegeben
hätte. So bahnte sich eine Ausweitung der Lehre
über die vorgeschriebenen Studienpläne hinaus,
eine Lockerung des starren Lehrsystems an. |
|
| Es zeugt von der Wirkung dieser zwar
reichlich späten, aber doch vorrevolutionären
Entwicklung, dass die Akademie der Wissenschaften in
Wien noch 1847 eingerichtet worden ist und dass es
maßgeblich die Studierenden an den Universitäten und
anverwandten Institutionen waren, die die Revolution im
März 1848 getragen haben. Aber: Es fehlte an Wagemut zur
Freiheit, an Kenntnis und an Erfahrung. |
| Die Entwicklung der nach der Revolution vom
März 1848 einsetzenden Reformen verlief keineswegs
kontinuierlich und nicht ohne Widerstand. Man kann wohl
folgende Phasen unterscheiden |
| 1 |
Die
stürmischen und nahezu ungebremsten Aktivitäten
vom März 1848 bis in den Sommer 1849 |
| 2 |
Als zweite
Phase den Neoabsolutismus von 1849 bis 1861,
und |
| 3 |
eine dritte
Phase ab der Überwindung des Neoabsolutismus. |
|
| Ad 1: |
| Die Studierenden und die jüngere
Intelligenz – unter ihnen stark vertreten die Mediziner
– haben im und nach dem März 1848 die Erneuerung
gefordert und inhaltlich diskutiert. Weit weniger die
Professoren, denen die Neuerungen über Jahre hin suspekt
und unbequem bleiben sollten. |
| Als bedeutsam und folgenreich erwies es
sich nun, dass man auf die Diskussionen in den 1840er
Jahren zurückgreifen konnte und vielfach schon recht gut
wusste, was man wollte – dazu trug auch wesentlich bei,
dass die Vorbildwirkung der deutschen Universitäten
unbestritten war. So setzte der Reformprozess
erstaunlich rasch ein. |
| Bereits im April 1848 wurde Exner erst als
wissenschaftlicher Beirat, dann als Ministerialrat
wieder aus Prag nach Wien berufen. Exner griff
hinsichtlich der Universitäten auf das seit den 1830er
Jahren bewährte Rezept zurück: „Wir
müssen fremde Erfahrungen … zu Hilfe nehmen, und
zwar diejenigen, welche am gewissenhaftesten und
sorgfältigsten und welche unter Umständen gemacht
worden sind, die den unsrigen am ähnlichsten sind.
[…] der Deutschen, und in Deutschland ist zugleich
das Unterrichtswesen mit einem Ernste und Erfolge
emporgebildet, wie in keinem anderen Lande;
Deutschlands bewährteste Einrichtungen werden uns
allen zumeist als Muster zu dienen
haben“. |
| Dass „die deutschen Universitäten“ das
Vorbild sein sollten, stand so sehr außer Frage, dass es
erst gar nicht sonderlich diskutiert wurde284. Exner als einem Liberalen schwebte als
„deutsche Universität“ wohl die Universität Berlin vor,
ohne dass er diesbezüglich sich mit konfessionellen
Fragen aufhielt. Einem weiteren Publikum und
insbesondere dem späteren Minister Thun-Hohenstein schwebte zweifellos
eine katholische, eine Universität des katholischen
Westens Deutschlands vor. |
| Hinter diesen Vorstellungen und vielleicht
sogar wirkungsmächtiger als das eine oder das andere
konkrete Vorbild, scheint eine Vorstellung von
„deutscher Universität“ zu stehen, wie sie ja
interessanterweise auch bei der Gründung von Berlin
bereits apostrophiert wird. In der Reformdiskussion wir
d Berlin nicht genannt – wohlweislich: es wäre als
protestantisches und preussisches Vorbild zu gefährlich
gewesen. Ir werden die die Problematik der Situation
noch zurückkommen. |
| Eindeutig ist jedenfalls, dass die
Repräsentaivverfassung, die preußische Senatsverfassung
der Universität für die Reform in Österreich außer
Streit stand. |
| Auch Minister Sommaruga formulierte am 30. März 1848 in
der Aula der Universität Wien: „Wir
wollen ein Gebäude aufführen von fester Dauer,
ähnlich jenen blühenden Hochschulen Deutschlands,
die wir als Vorbilder gründlicher
wissenschaftlicher Ausbildung
erkennen“. |
| Die Verantwortlichen wussten, dass Vorsicht
angebracht sei – spätestens ab 1849. Exner meinte diesbezüglich im April
1848 „[…] aber wir werden darauf zu
sehen haben, dass auf allen Punkten, wo unsere
Verhältnisse eine organische Entwicklung von sich
aus gestatten, diese auch möglich bleibe und
eintrete, und nirgends durch gewaltsames
Eingreifen ohne Not, nur der Baum, der in der
Tiefe wurzelt, steht fest. […] Überblickt man das
Gesagte, so dürfte sich ergeben, dass eine
Einrichtung unseres Unterrichtswesens, welche dies
sofort zu einer völlig getreuen Kopie des
auswärtigen deutschen macht, weder stattfinden
kann, noch draf. Sie kann nicht, weil uns für
jetzt die Mittel fehlen; sie draf nicht, weil sie
uns der gefahr aussetzen würde, uns in allerlei
Widersprüche mit unseren fachlichen Verhältnissen
zu versetzen, und manche Kräfte unserer
Individualität zu brechen, statt sie zu entwickeln
und zu stärken“; die „Grund- und Hauptmauern“ sollten den
deutschen Verhältnissen entsprechen, der Innenausbau und
der ornamentale Schmuck des neuen Gebäudes des
Unterrichtswesens, der müsse eigenständig sein. |
| Grundprinzip der Universität war nun die
„allgemeine Bildung“
als Bildung „des ganzen
Menschen“, die maßgeblich aus den
Wissenschaften gewonnen werde, die man in „allgemeine
Grundwissenschaften und spezielle, abgeleitete
Fachwissenschaften“ gegliedert sah. Als
Grundwissenschaften wurden klar definiert „die historischen, die philologischen,
die Naturwissenschaften, Mathematik und
Philosophie“285;
sie bilden in ihrer Gesamtheit „die
Grundlage des Systems der öffentlichen
Geschäfte“. Daraus resultierte das
System der Staatsprüfungen, die im Gegensatz zu den
Rigorosen mehr „die spezielle
Fachbildung zu erproben“ hätten, und
wohl auch der Umstand, dass 1849 die philosophische
Rigorosenordnung nicht reformiert wurde. |
| Ein Kernstück der Reform betraf aber eben
die philosophischen Studien, die nach wie vor
propädeutischen Charakters waren und nun im Mai 1849 in
zwei Teile zerlegt wurden, indem der propädeutische Teil
als 7. und 8. Klasse zum Gymnasium geschlagen und der
Rest als ebenbürtige Fakultät den bislang „oberen“
Fakultäten zur Seite gestellt wurde286. Die Philosophische
Fäkultät als zentraler Ort ist von Beginn an klar
vohanden, auch wenn ihre Ausgestaltung dann noch einge
Zeit dauern sollte. Die Einheit dieser Fakultät ist in
den 1870er Jahren in Frage gestelt, die Teilung aber
erst 1975 vollzogen worden. |
| 1848 sind in rascher Folge wesentliche
Schritte gesetzt worden: Es wurden das Berufungs-287 und das
Habilitationsverfahren288
eingeführt und erste Berufungen aus dem Ausland ohne
viel Erwägens der weltanschaulichen Positionen der zu
Ernennenden vor allem für die Universität Wien
durchgeführt – die Bedeutung dessen sollte erst später
deutlich werden, als man auf dieser Grundlage in den
naturwissenschaftlichen Fächern in den 1860er Jahren
bereits auf eigenen Nachwuchs zurückgreifen
konnte289. |
| Ad 2: Die Phase des Neoabsolutismus |
| Es ist hier zu betonen, dass der
Zusammenbruch der Revolution in Wien im Oktober 1848 mit
dem darauf folgenden Thronwechsel am 2. Dezember 1848,
als Franz Josef die
Regierung übernahm, ebenso wenig einen Einschnitt in der
Reformierung des Universitätswesens bewirkte290 wie der Umstand, dass
Österreich ab dem März 1849 wieder absolutistisch
regiert wurde. Exner überlebte in rascher Folge vier
Ministerwechsel. |
| Eine Veränderung bahnte sich erst mit der
Neugestaltung der Regierung am 28. Juli 1849 an.
Mit Leo Graf Thun-Hohenstein übernahm nun ein Mann
das Ministeramt, der in Prag Exners Schüler gewesen und willens und
fähig war, Taten zu setzen. Thun-Hohenstein war zwar
katholisch-konservativ und verfolgte diesen
weltanschaulichen Grundzug auch, akzeptierte aber
dennoch weitgehend die liberalen Vorstellungen Exners,
vor allem was die Gesamtstruktur anlangte. |
| So entwickelte sich ein Universitätssystem,
das strukturell-organisatorisch nach wie vor dem
deutschen Vorbild folgte, wie es von den Trägern der
Märzrevolution erhofft worden war, das aber inhaltlich
in vergleichsweise gemäßigter Weise weltanschaulich den
Intentionen des nun wieder als staatstragend erachteten
Katholizismus folgte. Es ist diese vielleicht etwas
verwirrende Feststellung wohl am besten verständlich zu
machen mit dem Hinweis darauf, dass Thun-Hohenstein 1855 entgegen seiner
persönlichen Einstellung die Universitäten vom Konkordat
freigehalten und damit eine neuerliche
Konfessionalisierung der Universitäten in einem engeren
Sinne verhindert hat291. – Die
Reform trägt seinen Namen als Thun-Hohensteinsche Reform. Die Seele
ihrer richtungsweisenden Anfänge aber war Franz Exner, der freilich bereits 1852
ausgeschieden und 1853 verstorben ist. |
| Neben vielen anderen Bestimmungen292 wurde Ende September
1849 das provisorische Gesetz über die Organisation der
akademischen Behörden – ein ganz wesentlicher Schritt.
Dieses Gesetz ist in der Folge bis 1858 immer wieder
verlängert worden, bis man schließlich darauf vergaß –
so herrschte rechtlich gesehen von 1858 bis 1873
diesbezüglich ein rechtloser Zustand! Das Gesetz von
1849 ist in seiner Grundstruktur bis zum UOG 1975 gültig
gewesen293. Die
Frage, ob die Universitäten Korporationen oder
staatliche Anstalten seien, wurde 1849 offen gelassen
wurde – weder die provisorische Fassung von 1849 noch
die definitive von 1873 definiert, was eine Universität
sei294. |
| Ein Jahr später – unter dem 1. Oktober
1850 – folgten die allgemeinen Anordungen über die
Fakultätsstudien295. Hier
blieb hinsichtlich der philosophischen Studien ein
gravierendes Manko bestehen, indem die Organisation der
Doktoratstudien den neuen Gegebenheiten nicht angepasst
wurde und es im Prinzip bei der alten josephinischen
Rigorosenordnung von 1786 blieb, derzufolge drei
Rigorosen über die an den Philosophischen Fakultäten
betriebenen Fächergruppen – die von Exner apostrophierten
Grundwissenschaften! - abzulegen waren; eine
Dissertation gab es nicht. Aus diesem Grund haben nicht
wenige Österreicher in Jena und anderweitig ein Doktorat
in absentia
angestrebt und erlangt. Eine Anpassung an die neuen
Verhältnisse ist erst mit der Rigorosenordnung von 1872
durchgeführt worden. |
| Trotz dieser letztlich beeindruckenden
Leistungen müssen die Jahre von 1848 bis zumindest 1860
bzw. bis zum Beginn der liberalen Ära 1867 als eine Art
Vorlaufzeit für die vollständige Umsetzung der
Reformvorstellungen erachtet werden, denn Thun-Hohenstein sah sich von Anbeginn
an schwersten Widerständen ausgesetzt296. Dem Reformvorhaben
hatten sich zwei Gruppen in den Weg gestellt: |
| – |
einerseits
die patriotischen Spätjosephiner des
Vormärz297 in der
Staatsverwaltung, denen jede Übernahme
ausländischer, zumal preußischer Konzeptionen
zuwider war und die von starken staatskirchlichen
antipäpstlichen Tendenzen geprägt waren, und |
| – |
die
Katholisch-Konservativen, die Ultramontanen, die
alle Schuld am Niedergang in den vergangenen
Jahrzehnten den Josephinern in die Schuhe schoben
und nun ein Erstarken katholischen Geistes
ultramontaner Prägung erstrebten und nicht die
Übernahme „protestantisch-preußischer“
Einrichtungen – darin waren sich die Josephiner
und die katholisch-Konservativen einig. Sonst
nicht. |
|
Bedroht
fühlte sich das katholische Lager auch durch das
Erstarken des „heidnischen“ Neuhumanismus, wie er
durch die starke Betonung der Klassischen
Philologie – und hier war schon wieder ein Preusse
am Werk, nämlich Hermann Bonitz – betont
wurde. |
|
| Thun-Hohenstein steuerte (in
gleichzeitiger Würdigung der Vorstellungen Exners wie der Verfolgung seiner
eigenen Weltanschauung) einen Kompromisskurs, der die
radikaleren katholischen Exponenten gleichermaßen in
Zaum hielt wie hitzigere Reformer. Er selbst gehörte in
gemäßigter Weise der zweiten Gruppe an298 und zog den Konvertiten
Karl Ernst Jarcke299
(1801-1852) heran, den Metternich 1832 aus Berlin nach Wien
geholt hatte und der gemeinsam mit Görres die
„Historisch-Politischen Blätter für das katholische
Deutschland“ begründet hatte. Jarcke geißelte früh
das vormärzliche Studiensystem – die Grundgedanken
seines späteren Memorandums für Thun-Hohenstein lassen sich bereits
für das Jahr 1844 feststellen. Jarcke warnte den
Minister vor der geistigen Anarchie eines überstürzten
Reformwerks und sah das Ziel der Reform in der Hebung
des „wissenschaftlichen Sinnes“ durch jedes zur
Verfügung stehende Mittel; unter „wissenschaftlichem
Sinn“ verstand er „Lust und Freude
am Studium als solchem, die Freude an jeder in die
Tiefe gehenden geistigen Beschäftigung, die
Neigung sich an jedweder Erweiterung des Wissens
zu beteiligen“. Der „wissenschaftliche
Sinn“ als solcher schien ihm auch als ein Gegengift
gegen die flache Aufklärung der Gebildeten zu taugen,
die sich ihre Meinung aus Zeitungen und
Kaffehausgeschwätz bilden. – In die Universitäten
Eingang gefunden hat der „wissenschaftliche Sinn“ aber
nicht durch die Reformen, sondern durch das lebendige
Beispiel der jungen 1848/49 aus Preussen berufenen
Professoren. |
| Voraussetzungslose Wissenschaft lehnten
Jarcke und Thun-Hohenstein ab300. Die Universität
Innsbruck wurde damals bereits als besondere
Pflegestätte kirchlich und politisch konservativer
Tendenz ausersehen; ihre Katholisch-Theologische
Fakultät wurde 1857 vom Kaiser dem 1851 wieder
zugelassenen Jesuitenorden übertragen301. Die Zurücknahme einer
Reihe von josephinischen Verordnungen in der ersten
Hälfte der 1850er Jahre stärkte den Einfluss der
katholischen Kirche, der 1855 in einem Konkordat
festgeschrieben wurde302. |
| Unter diesen Aspekten hat Thun-Hohenstein in autoritärer Weise
Berater und Professoren aus dem katholischen Deutschland
geholt; in der Regel waren dies ältere und nicht eben
billige Professoren; sogar solche, die wie Constantin
von Höfler etwa, in
ihrer Heimat Probleme gehabt hatten303; Thun-Hohenstein musste
allerdings sehr bald feststellen, dass der gegebene
Bedarf allein aus dem katholischen Deutschland nicht zu
decken sei; auch scheiterte manche seiner meist teuren
Berufungen aus dem katholischen Deutschland am
Widerstand des Finanzministers; und: Thun-Hohenstein musste sich gegen
seine Ministerkollegen, gegen Vorwürfe, er hole
staatsgefährdende Ausländer ins Land, verteidigen – man
frage sich hinsichtlich der Berufung preußischer
Professoren, „ob Oesterreich denn
nicht schon hinlänglich eigenen Vorrath an
auflösenden und zersetzenden Elementen habe, dass
es sich derlei Stoffe künstlich von außen
importiere und einimpfe“; dies galt dem
protestantischen Altphilologen und Gymnasialreformer
Hermann Bonitz.
Thun-Hohenstein hat sich übrigens in
nobler Weise schützend vor Bonitz gestellt304, wie er
auch Exner in jeder Hinsicht zuvorkommend
behandelt hat. Es lassen diese Umstände erkennen, wie
sehr sich Thun-Hohenstein auf einer
Gratwanderung befand. |
| Hätte Thun-Hohenstein in den Anfängen alles
gesetzeskonform in die Hände der Akademischen Senate und
der Professorenkollegien gelegt, hätten diese die Reform
unausweichlich via facti
rückgängig gemacht. Indem Thun-Hohenstein die
Besetzungsverfahren autoritär übersteuerte und nur jene
Professoren berief, deren weltanschauliche Haltung ihm
zusagte, vermied er unnötige Angriffsfläche für die die
Mehrheit ausmachenden Gegner seiner Reform im eigenen
Lager, um nicht überhaupt zu scheitern. |
| Er selbst erachtete die Rechtsphilosophie,
insbesondere das Naturrecht, als gefährlich, und auch
die Fachphilosophie im engeren Sinne, denn: „eine Philosophie, welche die
öffentliche Anerkennung der Wissenschaft und der
Kirche zugleich genießt, existirt noch
nicht“305. Diesen
Defiziten hoffte Thun-Hohenstein mit der Betonung des
historischen Elements in der Ausbildung zu begegnen, die
der Erwartung entsprang, dass sich die „natürliche“
Überlegenheit der katholischen Position historisch von
selbst erweisen werde – eine Auffassung, die im
katholischen Bereich seit altersher gepflogen worden
ist. |
| Man lief Sturm gegen die Reform306. Stellenweise wurde
wütender Preußenhass offenbar, und Thun-Hohenstein musste
auch schwere persönliche Angriffe hinnehmen. In der
Schwierigkeit dieser Entwicklung lag auch begründet,
dass es kein definitives Organisationsgesetz gab; man
konnte es nicht riskieren, die Debatte darüber neu zu
eröffnen, wollte man nicht das gesamte Reformwerk
gefährden. |
| Im Sommer 1853 unternahm Thun-Hohenstein den Versuch, seine
Position mit einer Schrift bezüglich der „Neugestaltung
der österreichischen Universitäten“307 zu festigen, in der er
auf die strukturell-organisatorisch Aspekte überhaupt
nicht einging, wohl aber in weltanschaulich-inhaltlicher
Hinsicht eine Rückkehr zur Dominanz der katholischen
Weltanschauung signalisierte. Die hervorragend
strukturierte Darstellung reflektierte übersichtlich und
nicht unkritisch die Vergangenheit und bemerkt
hinsichtlich des deutschen Vorbilds: „aber in der längst angewöhnten Abhängigkeit
von dem geistigen Uebergewichte des Auslandes
blickte man eben das Ausländische als Ideal an:
die Universitäten Deutschlands erschienen als die
der Freiheit und der Vernunft, und gleiche
Anstalten auch in Oesterreich rasch zu errichten,
forderte der Ruf des Tages“308. Der hinsichtlich ihrer
wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit uneingeschränkt
positiven Beurteilung der deutschen Universitäten wurden
– nicht zuletzt um der Opposition gleichsam den Wind aus
den Segeln zu nehmen – die Negativa gegenübergestellt:
„Aber es nagt an diesen Blüthen
auch Gewürm und die glänzende Erscheinung hat ihre
düsteren Flecke“. Zügellosigkeit habe
an den protestantischen Universitäten Deutschlands in
Theologie und Philosophie die „Wissenschaft in Monstrositäten“
ausarten lassen, „Alle Schädlichkeit
überbietet die Naturwissenschaft, welche die
Existenz der menschlichen Seele als solcher
leugnet und alles Geistige im Materialismus
erstickt – Dieß sind die Folgen der unbeschränkten
Lehrfreiheit“309.
|
| Ein ausführliches Kapitel befasst sich mit
dem „gehörigen
Verhältnisse [der Universität] zur Kirche und zum Staat“
und stellt eingangs fest, dass die Universitäten (unter
josephinischem Einfluss im Vormärz) der nötigen „schönen Harmonie von Wissenschaft und
Religion“ entbehrt hätten und eben
deshalb gescheitert seien. Allerdings sei es zu wenig,
katholische (d.h. unter kirchlicher Gesamtleitung
stehende) Universitäten zu errichten, denn sie allein
könnten den Erfordernissen der Zeit nicht mehr Genüge
leisten, da die Differenzierung der Wissenschaften ein
Ausmaß angenommen habe, „dass
ausreichende Mittel zu ihrer Pflege in der Regel
nur von Staatswegen aufgebracht werden
können“, deshalb müsse die Zielsetzung
lauten: „Pflege der Wissenschaft im
Einklange mit dem Geiste der Kirche und mit
besonderer Beachtung der Interessen des
Staates“310. |
| Für die Untermauerung der Notwendigkeit von
Berufungen aus dem Ausland zog Thun-Hohenstein
patriotisch-außenpolitische Aspekte heran: Der
politische Einfluss der Berufung von Gelehrten „von österreichischer katholischer
Gesinnung, die in den katholischen Theilen des
deutschen Westens noch mit großer Entschiedenheit
fortlebt“, und die anderweitig
außerhalb Österreichs keine Karrierechancen hätten, sei
nicht zu unterschätzen – ja, es sei dies „ein unentbehrliches Mittel, um dem
einseitigen protestantischen Einflusse ein
Gegengewicht zu schaffen, welchen Preussen
systematisch auf die Wissenschaft in Deutschland
ausübt. Aus diesen Gründen kann offenbar die
Berufung von Ausländern nicht ausgeschlossen
sein“311.
Immerhin verfolgte man damals ja noch weit höhere Ziele
hinsichtlich der Position Österreichs im gesamtdeutschen
Gefüge. |
| Wissenschaftlich-qualitative Argumente
bringt man in dieser Schrift nicht vor – es wäre dies in
Hinblick auf die angesprochene Zielgruppe vermutlich
eher konterproduktiv gewesen312.
|
| Im Sommer 1854 und endgültig in seiner
Entschließung vom 24. Februar 1855 entschied der damals
24jährige und später vielgeschmähte Kaiser Franz Josef zugunsten
Thun-Hohensteins
und gab diesem damit freie Bahn für die Fortsetzung der
Reform. |
| Ad 3: Die Entwicklung ab 1861: |
| An den Universitäten begann man sich in den
späten 1850er Jahren langsam an die neuen Verhältnisse
zu gewöhnen. In Wien wirkten subkutan die in der
Anfangsphase berufenen ausländischen Professoren und die
von ihnen „angesteckten“ jüngeren Wissenschaftler. Der
schon im Vormärz latente Liberalismus im akademischen
Bereich nahm rasch zu, und die von Thun-Hohenstein und anderen erhoffte
Stärkung der katholisch-konservativen Anschauung fand
keineswegs statt, sondern verkehrte sich ins Gegenteil;
in Studenten- und Professorenkreisen mehrte sich die
antiklerikale Haltung, die in den folgenden Jahrzehnten
dominieren sollte. |
| An den „Provinzuniversitäten“, insbesondere
an jenen ohne Medizinische Fakultät (wie Graz und
Innsbruck), brachte erst die Wiederherstellung der
Konstitutionellen Monarchie im Gefolge der Niederlagen
von 1859 mit der nachfolgenden Vervollständigung dieser
Universitäten und schließlich der Umbruch von 1866/67
echten Wandel313. |
| In Wien forderten 1865 anläßlich der
500-Jahr-Feier der Universität 58 Professoren in einer
Denkschrift die Aufhebung der Doktorenkollegien in Wien
und Prag wie des Kanzleramtes des Dompropstes von
St. Stephan an der Universität Wien, was allerdings
erst 1873 gesetzlich geregelt worden ist – noch 1868
stieß die Wahl des protestantischen Physiologen E. W. von Brücke zum Dekan der
Medizinischen Fakultät auf heftigen Widerstand; der
Wiener Satiriker Daniel Spitzer schrieb damals: „Der Lehrer der Physiologie an der Wiener
Universität, Herr Professor Brücke, ist soeben von
einem schweren Unglück heimgesucht worden, das ihn
vor 50 Jahren getroffen hat. Damals nämlich war
es, wo derselbe mit dem bei Neugeborenen leider
zur Regel gewordenen Leichtsinn in religiösen
Dingen in den Schoss der protestantischen Kirche
trat […] Der Herr
Unterrichtsminister v. Hasner, welcher sich gerade
mit der Frage beschäftigte, warum unsere
Universität anderern Universitäten gegenüber so
zurückbliebe, soll die Abweisung des Professors
Brücke damit begründet haben, dass die Universität
‚katholischen Charakter’ habe. Wenn die
Universität ein Kloster wäre, […] hätte sich kaum eine schlagendere
Antwort ersinnen lassen. […] Die Universität ist jedoch kein
Kloster und der Herr Professor Brücke wird
hoffentlich so einsichtsvoll sein, nicht die
Priorswürde anzustreben. Die Universität ist
bekanntlich nichts anderes, als eine
‚Genossenschaft der Lehrer und
Lernenden’!“. |
| Es setzte sich nun der Liberalismus
endgültig und offen durch, und eine stürmische und über
Jahrzehnte hin praktisch unbehinderte Erneuerung und
Ausweitung der Universitäten trat ein. |
| Erst damit vollzog sich der zweite, der
inhaltsbezogene Akt des Aufholens, und die Annäherung an
das deutsche Vorbild314
wurde perfektioniert.315 |
| Hinsichtlich der Erneuerung in Österreich
ist auf eine Reihe von Aspekten zu verweisen, die einen
wesentlichen Unterschied zu Deutschland ausmachten:
|
| 1 |
Das Moment
der Unmündigkeit |
|
Im
Unterschied zu vielen deutschen Universitäten
waren die österreichischen Universitäten nicht in
der Lage, eigenständige, individuelle Position zu
entwickeln, geschweige denn auszubauen. Der durch
die Reformen von 1848/49 und dann in den 1860er
Jahren entwickelte universitäre Impetus und
Optimismus ist in den späten 1880er und 1890er
Jahren abgeflacht, und mehr und mehr Energie ist
absorbiert worden durch die bereits erwähnte
Nationalisierung und damit Politisierung der
Universitäten. Nicht wenige Einrichtungen sind
abhandengekommen – so hat man beispielsweise das
Physikalische Institut einst Dopplers praktisch vergessen. Schlägt
man die Sammlung der österreichischen
Universitätsgesetze von Beck und Kelle aus dem Jahr
1906 auf, so kann man auf der Seite 1 lesen:
„Über die Rechtsstellung der
Universitäten […] wurde anlässlich einer Anfrage [in
einem Ministerialakt 1897] nachstehendes bemerkt: Die österreichischen
Universitäten sind durch die Landesfürsten als
selbständige, mit staatsrechtlichen Privilegien
und Vermögensrechten ausgestattete Korporationen
ins Leben gerufen. Mit der Zeit haben dieselben
jedoch ihre selbständige Stellung zum größten
Teile eingebüßt und sind gegenwärtig als
staatliche Anstalten organisiert, ohne dass jedoch
ihre Stellung als juristische Personen im
gesetzlichen Wege ausdrücklich aufgehoben worden
wäre.“316
|
|
Kaum ein
anderer Text macht so deutlich, welches die
Spätfolgen der Unmündigkeit waren (und sind):
Nicht in der Zeit der Jesuitenuniversität, und
schon gar nicht im Absolutismus haben die
Universitäten in Österreich Individualität und
Identität entwickelt; indem der
josephinisch-zentralistische Staat kontrollierend
für die Universitäten gesorgt hatte, ihnen
keinerlei Spielraum für Eigeninitiative ließ und
die Universitäten über nichts eigenständig
verfügen konnten, haben sie keinerlei planerische
Gestaltungskraft als Universität und
dementsprechend keine institutionelle Initiative
entwickelt. Als sie im 20. Jh aktiv wurden,
galt dies nicht genuin universitären Belangen.
|
|
All das
wirkte fort bis in unsere Zeit. Bis in 1990er
Jahre wurden die österreichischen Universitäten
letztlich akademisch „verwaltet“ eine Ausnahme
bildeten nur die unseligen Jahre der
Hypernationalisierung und -politisierung in der
Zwischenkriegszeit. |
| 2 |
Die
Beibehaltung des Zentralismus des Systems |
|
Für die
Entwicklung des österreichischen Hochschulwesens
von großer Bedeutung war der Umstand, dass in
Österreich das Unterrichtswesen einschließlich der
Universitäten zentralistisch organisiert war und
zentralistisch blieb – der
österreichisch-ungarische Ausgleich von 1867
bewirkte lediglich die Abspaltung des
transleithanischen, d.h. des ungarischen
Reichsteiles317. |
|
Die
Konsequenzen dessen liegen auf der Hand: Während
sich in Deutschland eine Reihe konkurrenzierender
Systeme (die in sich zentralistischer Natur waren)
weiter entfaltete, mit allen Vorteilen, die dies
mit sich brachte, wurde in Österreich das alte
zentralistische System fortgesetzt, das einem
Trichter glich, an dessen unterem Ende sich die
Anstalten der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien
befanden, an die zu gelangen vielen – nicht den
Weiterblickenden! – das oberste Ziel war; und dort
erlahmten sie – „Der Krug geht solange zum
Brunnen, bis er bricht!“ –an der Fülle der Agenden
an Universität, Akademie und Spezialinstituten;
nicht wenige haben sich wehmütig an ihre Zeit in
der Provinz erinnert. Die Konsequenz war, dass
vielfach aktiveres Handeln an den kleineren
Universitäten beheimatet war. |
| 3 |
Die
Nationalisierung der Hochschulen und ihre
Konsequenzen |
|
Ein Element,
das die Entwicklung in Österreich in späteren
Jahren wesentlich mitbestimmt hat, war die
Nationalisierung im Bildungsbereich. Die Madjaren
waren 1867 aus dem System ausgeschieden. Es gab
aber noch viele andere Nationalitäten in der
cisleithanischen Reichshälfte. Für sie alle war
die Nationalisierung der Universität Prag im Wege
der de-facto-Teilung im Jahre 1882 ein Fanal, das
einen Prozess in Gang setzte, der enorme
Kapazitäten binden sollte. Denn nicht nur ging es
darum, die Wünsche einzelner Nationalitäten um
eigene Universitäten in Prag, Brünn, Laibach,
Triest und anderweitig zu berücksichtigen bzw.
sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sondern viel
mehr noch ging es darum, diesen Nationalitäten die
von ihnen geforderten Einrichtungen im Elementar-
und im Sekundarbereich zu gewähren, was enorme
Summen des Budgets verschlungen hat, sodaß um 1900
hin die „alten“ Universitäten in ihrem Ringen um
Gleichwertigkeit gegenüber den führenden deutschen
Universitäten dem Staat gegenüber den Vorwurf
erhoben, sie zugunsten der Nationalitäten zu
vernachlässigen. Es hat dies für enorme Spannungen
mit weitreichenden Folgen gesorgt318.319 |
| 4 |
Wissenschaft
als zentrales Thema |
|
In der Reform
der 1850er Jahre nimmt noch die Lehre in Hinblick
auf Anwendung (auf einer höheren Ebene als zuvor)
die zentrale Position ein. Das ändert sich in der
liberalen Ära radikal. Der durchaus großzügige
Ausbau der Universitäten ist in der liberalen Ära
nach den Erfordernissen des Systems einer
gesamteitlich gesehenen Wissenschaft erfolgt
undnicht nach Frenquenzahlen!!! Es erfolgt im
Staff bis 1914 eine Ausweitung auf das etwa
Zehnfache des Standes von 1860, die
räumlich-materielle Ausgestaltung hatte ähnliche
Dimensionen. |
|
Erst im
Zusammenhang mit dem katholischen
Restaurationsversuch in den 1890er Jahren
versuchte Minister Gautsch die Lehre erheblich aufzuwerten.
|
|
| „Die deutschen Universitäten“ und später
dann „die Universität Berlin“ (nicht Humboldt!) waren aus vereinfachender
räumlicher wie zeitlicher Distanz verklärte Ideale erst
progressiver und dann prononciert deutschnationaler
akademischer Elemente in Österreich – zeitweise vermengt
mit romantisch idealisierenden Vorstellungen von „der
mittelalterlichen Universität“. Es hat sich das als eine
sehr gefährliche Mischung erwiesen. Der Hinweis auf den
Umstand, dass Preußen in den Stunden größter Not eine
Universität gegründet habe, findet sich in zahllosen
österreichischen Aktenstücken, in denen es darum geht,
finanzielle Forderungen zu untermauern – dieser Hinweis
ist ein Topos, eine Standard-Metapher. Aber erst um 1900
und im 20. Jh. |
|
|
|
|
| Rudolf II. war wie viele seiner
Vorfahren ein großer und darüber hinaus auch ein
feinsinniger und an Wissenschaft interessierter Sammler.
|
| Die Anfänge der naturwissenschaftlichen
Sammlungen liegen bei den Curiosa, die im
Spätmittelalter von Fürsten gesammelt wurden:
absonderliche Hirschgeweihe. Mineralienproben, Haifisch-
und Vipernzähne und Vipernhörner (die als
"Natternzungen" als Kredenz dienten); eine besondere
Rarität war das „Ainkhürn“, aus dem das Einhorn der Sage
entstanden ist; es war dies der Stoßzahn des Narwals –
das Stück befindet sich heute in der Schatzkammer in
Wien. Maximilian I. hat es mit dem
burgundischen Schatz übernommen, 1488 hat er es
verpfändet, Rudolf II. hat das Stück nicht
zurückzukaufen vermocht, weshalb es an einen indischen
Fürsten gehen sollte, schließlich hat es der Abt von
Fulda um 6000 fl. erworben und Ferdinand II. in
Regensburg geschenkt. Neben den diversen Zähnen, neben
Elfenbein, Bezoarsteinen (Magensteinen von Ziegen,
Kamelen etc.), Ambra und Nashörnern (die ja heute noch
als Aphrodisiaka eingeschätzt werden) wurden auch
Mineralien besondere magische Wirkungen zugeschrieben.
Derlei zu besitzen und vielleicht einen von insgesamt
Tausend Zähnen des Apostels Petrus oder einen Scherben eines Weinkruges
von der Hochzeit von Kanaan, das war ebenso
erstrebenswert wie auch die Haltung lebender exotischer
Tiere, womit in Österreich im 14. Jh bereits Albrecht III.
angefangen hat, nachdem aber schon Kaiser Friedrich II. mit
Elefanten und Kamelen und Leoparden ins Reich gekommen
war. |
| Das Interesse der Habsburger an Naturalien
hängt zweifellos einerseits mit ihrer über viele
Generationen vererbten und zeitweise hypertrophen
Jagdleidenschaft zusammen und bezüglich der Mineralien
mit ihren Engagement im Bergbauwesen. |
| Von den an den Kunstsammlungen der
Habsburger als Lieferanten beteiligten Kleinkünstlern
(Uhrmacher und Orgelbauer bereits unter Maximilian I.)
wie den Goldschmiede, Ätzern und Schmelzern, Ziseleuren
und Fachleuten für das Artilleriewesen führte eine
natürliche Brücke hinüber in den Bereich der Alchemisten
und deren Bemühungen um den Stein der Weisen und damit
um die Vermittlung unbegrenzten Reichtums (noch im 19.
Jhs sind im Hofmünzamt in Wien italienischen
"Alchemisten" Räumlichkeiten für die Goldherstellung zur
Verfügung gestellt worden!). Förderlich war wohl auch,
dass bei den Habsburgern über viele Generationen hin
handwerklichen Interessen ausgeprägt waren (Albrecht III.
etwa hat gedrechselt und getischlert), was die
Wertschätzung feinmechanischer Wunderdinge wohl auch
förderte. |
| Als durch Ferdinand I. um 1530 Wien de facto die
erste feste Residenz der Habsburger geworden ist, ist
damit auch der Grundstein gelegt worden für eine lokal
stabile Sammlung mit entsprechender Aufstellung. Diese
Ansätze sind gefördert worden, durch das Bestreben der
Habsburger, ausländische Vorbilder – etwa die
italienischer Renaissancefürsten, aber auch die
Wittelsbacher in Bayern - nachzuahmen. Ferdinand I. hat
auch mit der Ernennung des Naturforschers Pietro Andrea
Mattioli zu seinem Leibarzt und mit
der Unterstützung von dessen
naturwissenschaftlich-medizinischen Forschungen
ebenfalls einen Akzent in diese Richtung gesetzt, der
vor allem durch Maximilian II. fortgeführt worden ist.
Ein Ergebnis dieser Bemühungen ist die Entstehung der
riesigen Schlossanlage Neugebäude unter Maximilian II.,
das eigentlich eine Mischung zwischen Lustschloß, Kunst-
und Kuriositätensammlung sowie Menagerie werden sollte,
aber nie vollendet wurde und von dem heute nur noch
Ruinen und nach Schönbrunn transferierte Bauteile
zeugen. Maximilian II. war in Spanien
aufgewachsen, und zweifellos haben die damals schon
berühmten spanischen Lustschlösser mit ihren Sammlungen
und Menagerien sein Interesse besonders gefördert. Er
hat aber darüber hinaus ein ausgeprägtes Interesse an
physikalischen und besonders astronomischen
Angelegenheiten entwickelt – er hat Hofuhrmacher
angestellt, und Wasserkunstwerke für das Neugebäude oder
Tischbrunnen mit Federantrieb haben ihn sehr
beschäftigt. |
| Ähnliches hat sich nach 1564 an den neuen
Residenzen in Innsbruck und in Graz angebahnt. Die
Grazer Sammlung galt mehr der bildenden Kunst und der
Musik (wertvolle Musikinstrumente), in Lipizza bei
Triest hat Karl II.
von Innerösterreich 1580 ein Gestüt eingerichtet. Ferdinand von Tirol
hat in Innsbruck einen eigenen Tiergarten, ein
Alchemie-Laboratorium und in Hall eine eigene Glashütte
unterhalten, für deren Betreiben er eine Familie aus
Murano angesiedelt hat. Die alchemistische Ader seine
Frau, der Philippine Welser, hat nicht nur in einem Kochbuch
ihren Niederschlag gefunden, sondern auch in allerlei
Experimenten auf Schloß Ambras. Die Ambrasser Sammlung,
die Ferdinand
innerhalb kurzer Zeit auf einen höchst beachtlichen
Stand gebracht hat und die sein Sohn 1605 um
170.000 fl. an Rudolf II. verkauft hat, ist rasch eine
Berühmheit geworden. Diese Sammlung ist aus
Pietätsgründen in Ambraß verblieben und erst 1806 vor
den Franzosen nach Wien verbracht worden, wo sie 1814 im
Belvedere aufgestellt und den Teilnehmern am Wiener
Kongreß zugänglich gemacht worden ist. Auf diese Weise
ist dieser berühmten Sammlung (die aus Bibliothek,
Kunstkammer und Rüstkammer bestand) das Schicksal der
Prager Sammlungen Rudolfs II. erspart geblieben, die von
den Schweden in den letzten Kriegstagen erbeutet,
hinweggeführt und auf dem Transport größtenteils
verkommen ist, sodaß heute nur mehr Codex argenteus (die
Wulfila-Bibel)
in Upsala und etliche böhmische Archivalien existieren.
|
| Den Höhepunkt des persönlichen Interesses
an den Sammlungen und der Sammeltätigkeit zugleich
stellte Rudolf II. dar, der nicht nur Hofuhrmacher
und Goldschmiede, sondern auch die besten deutschen und
italienischen Instrumentenbauer beschäftigte; genannt
seien hier nur – neben vielen anderen weniger
bedeutenden – der Augsburger Christoph Schüssler, Wenzel Jamnitzer320 aus Wien bzw. aus
Nürnberg mit seinem Sohn Abraham; Erasmus Habermel (gest. 1606) und vor allem
Jost Bürgi. Sie haben neben Schmuck- und
Dekorationsstücken Bucheinbände mit Sonnenuhren,
Umrechnungsbehelfe zwischen Prager-, Wiener- und
Nürnberger Fuß und römischen Maßen, astronomische
Instrumente, Uhren und – vor allem Jamnitzer – auch
Theodoliten gebaut. Rudolf II. hat in diese seine
Interessen gewaltige Summen investiert. – Unausbleiblich
war, daß der Hof Rudolfs II. auch Gauner und Scharlatane
anzog, um die sich in Prag wie um Rudolf II. selbst
lange manche Legende gehalten hat321.
Die Kunst- und Wunderkammer auf dem Hradschin enthielt
natürlich auch Alraunen, Wünschelruten,
Venedigerhütlein, Krötensteine, Greifenklauen und
Kometeneier etc. |
|
|
| Seit frühesten Zeiten gesammelt wurden
Mineralien. Es war dies eine Sammeltätigkeit, die auch
mit relativ geringen finanziellen Mitteln betreibbar
war. Dem entsprechend gab es früh schon eine Fülle von
Mineraliensammlungen, die sich oft aus den
Edelsteinsammlungen von Fürsten entwickelten, und
Sammlungen von Bergleuten, die besonders schöne „Stufen“
aufbewahrten und auch zum Verkauf anboten. Auch Rudolf II.
verfügte in Prag über eine große und zweifellos
sehr wertvolle Mineraliensammlung, die er im Prager
Belvedere unterbrachte, weshalb Tycho Brahe nach Benatek übersiedeln musste.
Der Wiener Mineraloge Fitzinger führt an, dass es in den
Jahren 1792-1815 in Wien 53 Mineraliensammlungen und 17
Händler gegeben habe. |
| Eine der größten Mineraliensammlung ist die
des früheren Hof-Naturalienkabinetts im heutigen
Naturhistorischen Museum322. |
| Die naturhistorischen Hofsammlungen wurden
auf der Grundlage älterer bereits vorhandener Sammlungen
unter Franz I.
Stephan
gegründet, der 1748 privatim die damals wohl größte
Sammlung der Welt, die des Ritters Johann de Baillou323 erwarb, der u.a. ein
Spezialist für die Anfertigung von Edelsteinkopien war;
seine Sammlung umfasste etwa 30.000 Objekte
mineralogischer, paläontologischer, aber auch
zoologisch-botanischer Natur. Sie ist 1748 nach Wien
gebracht und dort von Baillou selbst nach dessen System
aufgestellt worden, da er das erbliche Direktorat über
die Sammlung zu einer seiner Verkaufsbedingungen gemacht
hatte. Bis zu seinem Tod hat er selbst die Sammlung
betreut, 1759 übernahm sie sein Sohn Ludwig Balthasar
von Baillou, der
zwar dem Vater beim Aufstellen geholfen hatte, ansonsten
aber vollkommen desinteressiert war und deshalb 1802 das
erbliche Direktorat Kaiser Franz II. verkauft hat. |
| Die Hofsammlung insgesamt ist 1765
verstaatlicht worden. 1766 wurde ein Maler für
Publikationsillustrationen eingestellt, und 1776 berief
Maria Theresia Ignaz
von Born zur Neuordnung des Kaiserlichen
Naturalienkabinetts. Mittlerweile war es bereits zu
Bemühungen um die Erweiterung der Sammlungen gekommen,
indem der Hofmathematiker Josef Anton Nagel auf Reise in den
Karst, nach Frankreich, England, die Niederlande, Ungarn
und in die Karpaten gesandt wurde, um wertvolle
Mineralien zu erwerben, was er auch getan hat. |
| Ebenso hat Nikolaus Freiherr von Jacquin im Gefolge seiner
westindischen Expedition324 im
Auftrage Franz I. 1755 auch mineralogische Stücke
mitgebracht – Smaragdstufen aus Kolumbien, das angeblich
erste Platin, das aus Amerika nach Europa gekommen sein
soll325. |
| Franz I. hat enorme Summen für das
Naturalienkabinett aufgewendet: ca. 20.000 fl
allein für Smaragde und 4.000 fl für ein Exemplar
der damals außerordentlich seltenen "Wendeltreppe" –
Scalaria pretiosa, eine seltene Meeresschnecke. Auch
seine Diamantenverschmelzungs- bzw.
Verbrennungsversuche326, die er
1751 mit dem Jesuiten Franz durchführte, waren nicht eben billig.
|
| Die mineralogischen Interessen mündeten in
Österreich in Verbindung mit den ersten Ansätzen in
Richtung Industrialisierung in die 1760 erfolgte
Gründung der Bergakademie in Schemnitz durch Maria Theresia und in die
Installierung einer eigenen Lehrkanzel für theoretische
Mineralogie und Berwerkswissenschaften an der
Philosophischen Fakultät der Universität Prag im Jahre
1763, die mit Johann Thaddäus Peithner von
Lichtenfels besetzt wurde und zu deren
Eröffnung Maria Theresia 1764 einen Blumenstrauß
aus Edelsteinen gestiftet haben soll. |
| Den Übergang von der Sammlung als
Schauobjekt zu einem wissenschaftlichen Instrument
bezeichnet (wenn auch in negativer Weise), dass man, als
Maria Theresia das Naturalienkabinett
gleich nach dem Tode Franz I. 1765 neu aufstellen ließ,
bezüglich der Mineralien noch beim Baillouschen System
blieb und nicht nach dem damals moderneren
wissenschaftlichen System nach Wallerius und Cronstaedt327 vorging – weil angeblich
die, für damalige Begriffe gewaltige, Sammlung für eine
wissenschaftliche Aufstellung zu wenig reichhaltig
gewesen sei.Im Kabinett selbst ist ansonsten wenig
geschehen; man hat es beispielsweise nicht für notwendig
befunden, etwa systematisch die österreichischen
Bergwerke nach mineralogischen Schätzen zu
durchforschen. 1775 hat der neue Oberstkämmerer Franz
Xaver Graf von Orsini und
Rosenberg die Kaiserin auf die traurige Lage
des Mineralienkabinetts aufmerksam gemacht und die
Bestellung eines eigenen Kustos – Johann Baptist Megerle, der freilich
ein Autodidakt war – und die Weisung erreicht, dass
unverzüglich in den Bergwerken nach Mineralien zu
forschen, die Naturaliensammlung nach den modernsten
Gesichtspunkten aufzustellen und ein systematischer
Katalog der Sammung zu erstellen sei. Die Durchführung
dieser Aufgaben wurde dem damals schon international
bekannten Naturforscher und Mineralogen Ignaz Born328
(1742-1791) übertragen, der sich 1777 ans Werk machte,
was eine Flut von Zusendungen und Schenkungen aus dem
In- und Auslande an das Mineralienkabinett auslöste –
die Bergräte in Idrija, Schemnitz, Tirol, Kärnten etc.
sandten nun alle einigermaßen interessanten Stücke nach
Wien ein. Männer wie Buffon und Johann Christan Fabricius329 beschenkten die Sammlung
mit Mineralien; aus Italien kamen Marmorarten, Jaspis
und eine reiche Sammlung von Laven. Vieles hat Born persönlich erhalten, aber an die
Sammlung weitergegeben. Auch Bestände aus den Sammlungen
aufgelassener Klöster traten hinzu. Besonders bedeutend
war die Meteoritensammlung, auch sie wurde bereichert.
1780 wurde die Sammlung des kaiserlichen Hofsekretärs
Joseph von Dam um
10.000fl angekauft. Die Neuaufstellung erfolgte unter
Borns Leitung und unter Mitarbeit
einer Reihe von Fachmännern330 in den
Jahren 1778-1780 nach dem System von Wallerius und Cronstaedt. Mit diesem
Schritt, der das Wiener Mineralienkabinett zur damals
ersten Sammlung der Welt machte und eine derartige
Ausweitung bewirkte, dass bereits 1790 aus Raumgründen
eine Neuaufstellung notwendig wurde, beginnt nach der
vorbereitenden Phase unter Franz I. die Ära der wissenschaftlichen
Mineralogie im engeren Sinne in Österreich, die eben vor
allem mit Borns und Haidingers Namen verknüpft ist331 und dann durch Haidingers Sohn Wilhelm, durch
Friedrich Mohs,
durch Zipper und
Grailich
fortgeführt worden ist. |
|
|
| 1 |
Biblion = beschriebene
Papyrusrolle. Bibliotheca = Gestell, Schrank für
die Aufbewahrung von Schriftrollen; erst später
(4. Jh v.) erfolgt die Ausweitung bzw. Übertragung
des Begriffes auf dieAnsammlung von Buchrollen.
|
| 2 |
Beschreibstoffe waren außerdem
Rinde, Leder, Holztafeln, Wachstafeln, Stein,
Palmblätter. Papyrus ist der erste massenhaft
verwendete Beschreibstoff, seine Einfuhr nach
Griechenland ermöglicht überhaupt erst die für die
geistige Entwicklung erforderliche hohe
Schriftlichkeit. Papyrus wird bis in das
Spätmittelalter verwendet. Die Erfindung des
Papiers erfolgte wohl spätestens im 3. Jh v.
in China – anfangs wurden Seidenreste etc.
verarbeitet, auch Maulbeerrinde etc. später erst
in geringem Umfang neben den Pflanzenfasern auch
Hadern. Das Herstellungsverfahren wurde
geheimgehalten. 751 fallen einem Untergebenen des
Kalifen von Bagdad bei einem Streifzug gegen die
Turkstämme an der chinesischen Grenze zwei
Spezialisten in die Hände, die der (von den
Chinesen geheimgehaltenen) Papiererzeugung kundig
sind. Sofort nahm man in Bagdad und kurz darauf
auch in anderen Städten des arabischen Bereiches
die Papiererzeugung auf. Da man aber nicht über
die in China dafür verwendeten Pflanzen verfügte,
mengte man Hadern, Lumpen und Leim bei, womit das
Baumwollpapier erfunden war. 794 wird in Bagdad
eine "Reichspapierfabrik" eröffnet, wenig später
eine zweite in Damaskus. Aber erst um 1150 wurde
in Spanien eine Papierfabrik eingerichtet, von der
aus die Transferierung in den christlichen
Bereichen – Italien und Frankreich zuerst –
erfolgt. – 1390 wird von Ulmann Stromer die erste,
in Deutschland sicher belegbare Papiermühle bei
Nürnberg eröffnet. – Zur Form des Buches: die
älteste Form ist – sieht man von zusammengehängten
Blättern und Rindenstücken etc. ab – die Rolle
(Buchrolle Homer, Buchrolle Thora). Die Rolle bestand
ursprünglich aus Leder; Pergament ist eine
verfeinerte Form des Leders. Das klassische und
verbreiteste Material ist aber Papyrus – älteste
Stücke aus dem 3. Jt v. erhalten. In
Griechenland vermutlich ab dem 7. Jh, sicher
ab dem 4. Jh. – Lateinisch volumen <
volvere. „Incipit“ und „explicit“ bezeichnen
Anfang und Ende eines Textes (auch innerhalb einer
Rolle, die ja mehrere Texte beinhalten konnte;
„explicare“ = Abrollen einer Rolle). Das Buch –
„codex“ < „caudex“ = Block (bei Seneca überliefert) – entsteht
zweifellos aus den Wachstafelbüchern, wie den
Wachstafel Diptychon, Wachstafel Triptychon, in denen
hölzerne Wachstafeln (mit starkem Außenrahmen)
zusammengehängt wurden. Nach diesem Vorbild wird
wohl im 1. Jh n. erstmals Pergament gefaltet
und in Lagen gelegt bzw. geheftet und beschrieben.
Martial erwähnt eine von ihm selbst
veranstaltete Pergamentausgabe seiner Epigramme in
Kodexform. Im 3. Jh ist die Codexform für
Studierende und weniger Wohlhabende
selbstverständlich, lediglich reiche Bibliophile
halten sich noch an die Rollenform. Die ältesten
erhaltenen Codices stammen aus dem 4. Jh. Im
4. und 5. Jh gibt es vor allem in Ägypten
auch Papyrus-Codices – sogar weit überwiegend
(aber eben nur in Ägypten). – Von
kulturhistorischer Bedeutung ist der
Abschreibprozess als solcher, der anfangs ja auch
ein Wertungsprozeß ist. |
| 3 |
Eine berühmte Abbildung stammt
aus dem Werk von Agostino Ramelli „Le diverse et artificiose
machine“ beschreibt. Es handelt sich dabei um ein
rotierendes Lesepult, welches das
nicht-sequentielle Lesen von etwa zwölf Folianten
erlaubt. Die einzelnen Bücher befinden sich auf
jeweils eigenen Pulten, die durch Planetengetriebe
in ihrer horizontalen Lage gehalten werden. Ob
dieses Bücherrad jemals genutzt wurde ist nicht
bekannt; ein ähnliches Bücherrad findet sich
allerdings in der Herzog August Bibliothek,
Wolfenbüttel. Im 20. Jh ist dasselbe System für
große Karteien (Bibliothekskataloge etc.)
verwendet worden. |
| 4 |
Einen gewissen Einblick in die
Schwierigkeiten der Erfassung dieser Materie gibt
diese Website. Der Bereich der Keilschrift ist viel wichtiger als die
ägyptischen Schriften, da die Keilschrift für die
Schreibung zahlreicher altorientalischer Sprachen
brauchbar war und auch verwendet worden ist.
Keilschrift wurde von den Sumerern als
Bilderschrift entwickelt, durch die Benützung des
Griffels auf dem Ton haben sich die Schriftzeichen
sehr rasch abgeschliffen, sodaß bei nur wenigen
der ursprüngliche Bildgehalt durchschimmert. So
sind sich Keilschrift und Hieroglyphen in ihrem
inneren Aufbau sehr ähnlich, beide bestehen aus 1.
Wortzeichen = ideogrammen, 2. lautlichen Zeichen
und 3. Determinativen. Die Keilschrift drückt
Begriffe unabhängig von der Sprache aus, d.h. ein
und derselbe schriftliche Begriff wird in
verschiedenen Sprachen völlig unterschiedlich
gesprochen. D.h. eine Reihe unterschiedlicher
Sprachen wurde mit Hilfe der Keilschrift gleich
geschrieben. Es gibt auch gemischte Schreibungen:
der Wortstamm wird als Ideogramm geschrieben, die
Endugen phonetisch, also durch lautliche Zeichen.
– Die Keilschrift hat sich in ihrer Spätzeit zu
einer Buchstabenschrift nach dem Vorbild der
mittlerweile ausgeformten semitischen
Buchstabenschriften zu entwickeln begonnen. In
zwei Fällen entstand in anderen politischen
Einheiten auf Grundlage der Keilschrift echte
Buchstabenschriften. In der Zeit der Hochblüte der
Keilschrift gab es aber kein Konkurrenzsystem. –
Bilderschrift als Wortschrift – Wortinhalte
erhalten einen Lautwert, ursprüngliche Herkunft
wird dann vergessen und das Zeichen wird zur
Widergabe auch anderer Inhalte verwendet, die mit
demselben oder einem ähnlichen Lautkomplex
bezeichnet werden. Die nächste Übergangsform ist
die hin zur Buchstabenschrift – das Ägyptische
tritt uns von Anfang an bereits in dieser
Doppelgestalt entgegen. Auf der Ebene der
Bilderschrift stehengeblieben ist die Schrift der
Azteken und der Maya. |
| 5 |
Ihr Schicksal bzw. das der
Schriften des Aristoteles ist ziemlich exakt
verfolgbar: von Aristoteles ging sie auf seinen
Schüler und Nachfolger Theophrast über, dann erfolgte
vermutlich eine Teilung: ein Teil durch Neleus von Skepsis
(dem damals, um 288 vChr, vermutlich letzten noch
lebenden Schüler des Aristoteles) in die Troas, ein Teil
nach Alexandreia. Der von Neleus in Skepsis
verwahrte Teil wurde dann – zum Schutz vor
Bücherfahndungen der Herrscher von Pergamon – in
Kellern versteckt und dort angemodert und
angefressen, bis der reiche Bibliophile Apellikon von Teos sie aufkaufte.
Apellikon ließ Abschriften machen,
ergänzte aber die entstandenen Lücken sehr
willkürlich, sodaß verhängnisvolle Fehler sich
einschlichen, die lange nicht als solche erkannt
wurden. 84 vChr. wurde die Bibliothek des Apellikon als Beute aus dem ersten
mithridatischen Krieg von Sulla als dessen
persönliche Beute nach Rom gebracht, wo dann der
Grammatiker Tyrannion auf sie aufmerksam wurde,
der Abschriften anfertigen ließ, die er dann
seinem Schüler Andronikos von Rhodos zur Verfügung
stellte, der nun eine Gesamtausgabe der
aristotelischen Schriften besorgte, mit der die
Aristoteles-Studien des Altertums
einsetzten (nach Ueberweg, Philosophie der Antike
Bd 3, 191f.). |
| 6 |
Vgl.diese Website
|
| 7 |
Ptolemaios III. Euergetes gelang es, die
Repräsentanten von Athen davon zu überzeugen, ihm
die Originalmanuskripte der drei Tragiker Aeschylos, Euripides und Sophokles,
auszuhändigen. Sie sollten nach Alexandria
gebracht, dort kopiert und dann wieder
zurückgestellt werden. Als Kaution wurden 15
Talente Silber (etwa 400 kg) übergeben.
Zurückgestellt wurden aber lediglich die Kopien;
die Originale blieben in Alexandria. |
| 8 |
Vgl. Bibliotheken in der griechischen und römischen
Zivilisation |
| 9 |
Ptolemaios Euergetes gelang es,
die Repräsentanten von Athen davon zu überzeugen,
ihm die Originalmanuskripte der drei Tragiker
Aeschylos, Euripides und Sophokles,
auszuhändigen. Sie sollten nach Alexandria
gebracht, dort kopiert und dann wieder
zurückgestellt werden. Als Kaution wurden 15
Talente Silber (etwa 400 kg) übergeben.
Zurückgestellt wurden aber lediglich die Kopien;
die Originale blieben in Alexandria. |
| 10 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) Aus späterer Zeit ist noch Onosander von Paphos ist in späterer
Zeit gesichert. |
| 11 |
Bezüglich des Schicksals der
Bibliothek gibt es unterschiedliche Aufassungen.
Vgl. dazu auch Luciano Canfora: Die
verschwundene Bibliothek 1.
Aufl. Berlin 1988, 2. Aufl. 1998 |
| 12 |
Kalif Omar soll dazu
höchst schlüssig erklärt haben: entweder
widerstreite der Inhalt der Bücher dem Koran, dann
seien sie zu vernichten, oder ihr Inhalt stimme
mit dem Koran überein, dann seien sie überflüssig
und deshalb ebenfalls zu vernichten! |
| 13 |
In Pergamon, der Hauptstadt des
Attalidenreiches (282 vom makedonischen Staat
losgesagt) wurde durch Attalos I. (241–197)
die zweite große Bibliothek des Hellenismus
aufgebaut, zu einer Zeit, zu der die Bibliothek
des Museions bereits „vollendet“ war. Starke
Konkurrenzierung zu Alexandreia trieb die Preise
hoch, man versucht auch, die führenden Gelehrten
aufzukaufen. In Pergamon wird ein Katalog – nach
dem Muster der alexandrinischen Pinakes –
aufgebaut. |
| 14 |
Diese Zahl gibt Natali 211 in WdG
an. |
| 15 |
Diese Bibliothek wurde 135 nChr
zu Ehren des Statthalters Celsus Palernaeanus
von dessen Sohn erbaut und unter österreichischer
Leitung ausgegraben. |
| 16 |
Nicht zu verwechseln mit der
Bibliotheca Palatina in Heidelberg. |
| 17 |
Zum römischen Bibliothekswesen
vgl. auch diese Website. |
| 18 |
In der äußeren Form löst in der
Spätantike der Pergament-Codex die Papyrusrolle
endgültig ab. Pergament ist wesentlich teurer als
Papyrus. Der Umschreibprozeß ist gleichzeitig ein
Wertungsprozeß. |
| 19 |
Byzantion ist der ursprüngliche
Name der im 7. Jh vChr gegründeten Siedlung;
nach dem Tod Konstantins I. – 337 – wurde sie ihm
zu Ehren in Konstantinopel umbenannt. |
| 20 |
Dazu Francoise Micheau, The
scientific institutions in the medieval Near East.
In: EHAS III 985-1007. |
| 21 |
Eine Medrese ist eine an eine
Moschee angeschlossene Koranschule. An diesen
wurde ja nicht nur Theologie gelehrt, sondern auch
andere Disziplinen, was zu einer beachtlichen
Reichhaltigkeit der Medresenbibliotheken führte,
welche die zeitgleichen abendländischen
Bibliotheken weit übertrafen. |
| 22 |
Im Haus der Weisheit sollen nach
früher gängiger Ansicht an die 90 Übersetzer
gearbeitet haben; übersetzt wurden vor allem
philosophische und wissenschaftliche Texte, keine
„schöne Literatur“ – Euklid, Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus, Archimedes. Unter der Leitung des
Christen Hunain ibn Ishaq entwickelte man eine
Technik des konzeptionellen anstelle des
wörtlichen Übersetzens. Außerdem gab es am Haus
der Weisheit auch ein Observatorium. Es wurde
Vorbild für ähnliche Einrichtungen später in
Córdoba und Sevilla geschaffen. S. Marie-Genevieve
Balty-Guesdon, Le Bayt Al-Hikma de Baghdad, in:
Arabica. Revue d´études Arabes, 39 (1992) 131 pp.
|
| 23 |
Die Dynastie der Abbasiden hatte
750 die Umayyaden in der Regierung des arabischen
Reiches abgelöst. |
| 24 |
Ein wesentliches Element dieser
Auffassung war, dass der Koran für die Menschen in
einer bestimmten zeitlichen Situation unter
bestimmten Umständen geschaffen worden sei, also
keine absolute ewige Gültigkeit beanspruche. |
| 25 |
Aus den Ledereinbänden sollen
Sandalen und Schuhe gefertigt worden sein, was man
nicht benötigte, soll weggeworfen worden sein.
Angeblich wurden 1171 noch 100.000 vorhandene
Restbände aufgekauft und den Medresenbibliotheken
in Kairo geschenkt. |
| 26 |
Das 756 errichtete Emirat von
Cordoba wurde 929 zum Kalifat erhoben und hatte
als solches bis 1031 Bestand. |
| 27 |
Alle in Nachlässen befindlichen
Bibliotheken im Land werden in diese Bibliothek
eingebracht, es wird (auch aus den Bibliotheken im
Osten) systematisch abgeschrieben und es werden
Bestände erworben. Diese Bibliothek ist allerdings
bereits 1010/1011 z.T. zur Finanzierung der
Verteidigung der Stadt gegen die Berber verkauft
worden, wobei viele Schriften von privaten
Büchersammlern erworben worden sein sollen, und
soll dann vom Wesir des späteren Nachfolgers al-Mansur
Muhammads (1191-1220), Ibn-Abiamir, als ketzerisch vernichtet
worden sein,. Im Zuge der Auflösung des Khalifats
von Cordoba 1031 trat ein Verfall der Bücherkultur
ein. |
| 28 |
S. dazu den Abschnitt zur
Geschichte der Naturwissenschaften. |
| 29 |
Die Stiftungen, als waqf bezeichnet, waren
Güter der toten Hand. Dazu Francoise Micheau, The
scientific institutions in the medieval Near East.
In EHAS III 985-1008, 990. |
| 30 |
Der Name verweist auf die
Lebendhaltung von Seefischen in vom Meer
abgegrenzten Seewasserbecken. |
| 31 |
S. dazu Geschichte der Buchkultur
3/1: Otto Mazal, Frühmittelalter 227ff. |
| 32 |
S. dazu Geschichte der Buchkultur
3/1: Otto Mazal, Frühmittelalter 237ff. |
| 33 |
Hier hatte die Literaturarbeit
ebenfalls einen hohen Stellenwert: Abt Petrus Venerabilis (1122–1155)
schreibt dazu: „Es ist verdienstlicher, seine Hand
an die Feder als an den Pflug zu legen, die
göttlichen Worte in Zeilen auf die Seiten zu
ziehen als Furchen auf die Felder. Säet auf die
Blätter den Samen des göttlichen Wortes, und wenn
die Ernte reif, d.h. die Bücher vollendet sind,
werden die hungrigen Leser gesättigt werden, und
das himmlische Brot wird den tödlichen Hunger der
Seele stillen“. Im 16. Jh besaß Cluny 2000 Handschriften, die meisten
sind bereits von plündernden Hugenotten 1562
vernichtet worden, 1710 waren noch 570
Handschriften vorhanden und der gesamte Katalog.
In der Revolution wurde das Kloster auf Abbruch
verkauft, sodass heute nur noch ruinenhafte Reste
die Anlage erahnen lassen.. Cluny besaß schon im
12. Jh Klassiker in ungewöhnlicher
Reichhaltigkeit: 13 Vergil-Hdss, 4 Juvenals, 3 Ovid-Handschriften, 2 von Horaz-Werken, obgleich die Äbte der
heidnischen Antike strikt ablehnend gegenüber
standen: Mönche die Klassiker entlehnen wollten,
mußte sich zum Zeichen dessen wie Hunde am Ohr
kratzen (als in der Bibliothek noch absolutes
Schweigeverbot herrschte und man sich nur durch
Zeichen verständlich machte). Es sind aus dem
11. Jh noch einige Leihlisten der Mönche aus
der Fastenzeit erhalten. |
| 34 |
Die stationarii (= Buchhändler)
übernehmen die Organisation der professionellen
Vervielfältigung der Vorlesungsmitschriften und
werden von den Universitäten als familiares,
suppositi etc. eidlich verpflichtet und einer aus
den Reihen der Lehrenden gebildeten Kommission
unterstellt, die gewissermaßen für die Korrektheit
der Inhalte bürgte. Die Manuskripte wurden
lagenweise zum Abschreiben zur Verfügung gestellt
(per petias, petiatim). Dabei standen die
Universitäten in Konkurrenzkampf untereinander:
die Bologneser Rechtstexte wurden in ganz Europa
vertrieben, Medizin kam meist aus Salerno,
Scholastisches aus Paris. |
| 35 |
Der Begriff studium generale ist
anfangs mit Universität gleichzusetzen. |
| 36 |
Gute Überlieferungslage, von
Leopold Delisle genau untersucht). 1290 gibt
es 1017 Hdss, 1338 bereits 1722 Hdss. – Teile des
Katalogs aus dieser frühen Zeit sind noch
erhalten. Die Bibliothek der Sorbonne wurde früh
in eine Libraria magna und eine libraria parva
unterteilt. Die Magna enthielt alle für das
Studium nötigen Hdss als libri catenati, war also
eine Präsenzbibliothek (die Ketten durften nur mit
Zustimmung des gesamten Kollegiums geöffnet
werden.); die Parva war die Entlehnbibliothek mit
vielen Dubletten und mit den weniger verlangten
Werken. 1338: 330 catenati, 1090 in der Parva. –
Große Verluste entstanden durch die zu liberale
Entlehnpraxis, obgleich Nichtmitglieder des
Kollegiums ein Pfand im Wert der entlehnten Hds zu
erlegen hatten. Man erkannte dann nahezu
augenblicklich die Bedeutung des Buchdrucks und
berief Drucker aus Deutschland an die Sorbonne,
für die man 1481 ein eigenes Gebäude errichtete. –
Ähnliche Verhältnisse herrschten an den anderen
Kollegien der Universität Paris. |
| 37 |
Im Englischen heute noch:
stationer = Händler für Papier- und
Schreibmaterial. |
| 38 |
Solche Werke hat es bereits im
Hellenismus gegen; aber auch in China und in ganz
besonderem Maße im islamischen Bereich, wo man
eine Vorliebe für gewaltig, vielbändige, freilich
oft reichlich unkritische Akkumulierungen hatte.
|
| 39 |
Ihre Statuten untersagten ihnen
das Betteln, sie hatten ihren Unterhalt durch
eigene Arbeit zu verdienen, also begannen sie
berufsmäßig zu schreiben (1 Bibel = 500 Goldgulden
(1450); hervorragende Organisation,
Jahreseinnahmen von über 1000 fl in Hildesheim)
|
| 40 |
S. detailliertere Informationen zu diesen
Prachthandschriften. In diese Kategorie gehören
aber natürlich auch andere Handschriften, wie etwa
das Stundenbuch der Margarethe von Burgund u.a.m. |
| 41 |
Vgl. dazu die Vorlesung
Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens und
Entwicklung der Geisteswissenschaften II: Die
philologischen Disziplinen. |
| 42 |
S. zu den Fuggern diesen biographischen Überblick
|
| 43 |
Die Fuggerschen Bibliotheken sind später
teilweise in die kaiserliche Bibliothek, die
heutige Österreichische Nationalbibliothek,
gelangt. |
| 44 |
Johannes Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg, um 1400-1468, war
ursprünglich Goldschmied und Schreiber. Dass man
mit einzelnen Metall-Lettern drucken könne, war
schon lange bekannt, Gutenbergs Leistung waren die
technische Umsetzung, die Entwicklung von Lettern,
die leicht und schnell herzustellen und wieder
verwendbar waren und an denen die Farbe haften
blieb, sowie die Erfindung eines
Handgießinstrumentes, mit dessen Hilfe Buchstaben
einzeln, schneller, und feiner gegossen werden
konnten als bis dahin. Die 1453 in etwa 180
Exemplaren gedruckte Gutenberg-Bibel, von der heute noch 49
Exemplare existieren, gilt immer noch als höchste
drucktechnische Leistung. S. dazu auch das Gutenberg-Projekt
. |
| 45 |
Ein Druck aus der Zeit vor 1500
wird als Inkunabel = Wiegendruck bezeichnet. |
| 46 |
Interessante Innenaufnahmen
diverser Bibliotheken finden sich auf dieser Website. |
| 47 |
Seit 1974 wurde die Bibliothek zu
einem internationalen Forschungszentrum für die
Erforschung der Frühen Neuzeit ausgebaut. Sie
vergibt Forschungsstipendien an in- und
ausländische Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler, veranstaltet Symposien und
Arbeitsgespräche und betreut eigene
Forschungsprojekte. |
| 48 |
Ein berühmtes Beispiel ist die
Bodleian Library in Oxford (allerdings nur eine
von 30 Bibliotheken an dieser Universität), die
auf eine Stiftung von 2000 Bänden durch Thomas
Bodley im Jahr 1602 zurückgeht und heute eine
exzeptionelle Bibliothek ist. |
| 49 |
Siehe dazu die Homepage |
| 50 |
Die Universität Leiden wurde 1575
durch Wilhelm I. von Nassau-Oranien als erste
Universität der Republik der Sieben Vereinigten
Niederlande begründet und ist heute somit die
älteste Universität in den Niederlanden. Sie
avancierte rasch zu einem erstrangigen Zentrum der
Wissenschaft und trat gemäß ihrer protestantischen
Prägung sowie ihres Leitsatzes Praesidium
Libertatis (Bollwerk der Freiheit) wesentlich für
die Freiheit der Forschung an den Universitäten
ein. Aus ihren Reihen gingen zahlreiche bedeutende
Gelehrte hervor, wie Hugo Grotius, Christian
Huygens und Willebrord van Roijen Snell;
gleichzeitig wirkten an ihr Persönlichkeiten wie
Joseph Justus Scaliger, Paul Ehrenfest u.a. |
| 51 |
Größenangaben hinsichtlich von
Bibliotheken sind schwer zu vergleichen, da es
unterschiedliche Zählweisen gibt (Titel,
Bucheinheiten, Bände etc.) |
| 52 |
Am haltbarsten erweist sich
Pergament; alte Papiere gelten ebenfalls als
dauerhaft; sehr schlecht steht es um die Papiere
des 20. Jhs (vor allem natürlich der
Kriegszeiten); problematisch sind Mikrofilme (die
vielfach zur Ersetzung von Kriegsverlusten
herangezogen worden sind), weit weniger dauerhaft
als ursprünglich angenommen sind die
elektronischen Datenträger (einer CD werden nur
wenige Jahre zugebilligt), die zusätzlich laufende
Neuadaptierungen in Bezug auf die
Softwareentwickung erfordern. |
| 53 |
Dazu vgl. Evgenij Ivanovič
Šamurin, Geschichte der
bibliothekarisch-bibliographischen Klassifikation,
Bd 1 München-Pullach 1967. |
| 54 |
Für die Wächter des Staates hat
Platon ein Ausbildungskonzept entworfen. Dieses
sah vor: Gymnastik, Musik, Lesen, Schreiben,
Literatur, Musik, Arithmetik, Geometrie,
Astronomie, Dialektik – zur ihr sollten nur die
Besten zugelassen werden. |
| 55 |
Vgl. weiter oben die Ausführungen
zum Museion in Alexandria. |
| 56 |
Zur Frage der septem artes s. auch Michael Stolz,
Artes-liberales-Zyklen. Formationen des Wissens im
Mittelalter, 2 Bde Tübingen–Basel 2004. |
| 57 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck 20.
Buch: Fuhrwerke, Geräte:
Gartenwerkzeuge, Geräte zur Pflege der Pferde etc.
|
| 58 |
Die Fortführung bis in das
17. Jh sieht bei Kedrow
folgendermaßen aus. |
| 59 |
Carlo Natali in WdG 199. |
| 60 |
Mit einer Fülle von z.T. eher
sonderbaren rituellen Vorschriften hinsichtlich
der Ernährung, der Bekleidung etc. bis hin zur
Vorschrift, jeden Gang mit dem rechten Bein zu
beginnen. |
| 61 |
Der Name rührt her vom Genius
loci, dem Heros Akademos. – Zur älteren Akademie
s. Ueberweg 3, 1-174. |
| 62 |
Dazu vgl. Carlos Lévy in WdG
729-747 |
| 63 |
Nach Apollon Lykeion, das
Gymnasium Lykeion war eines der schönsten,
gymnastischen Spielen gewidmetes Gebäude der Stadt
Athen im Hain des Apllon Lykeios – daher Lykeion
(> Lyzeum); nach den Spazierwegen im Hain oder,
weil Aristoteles auch im Spazieren lehrte, heißt
seine Schule Peripatos, auch die peripatetische
Schule. Eine Schule im juristischen Sinne hat
vermutlich erst der Nachfolger des Aristoteles, Theophrast, eingerichtet. |
| 64 |
Darüber w.o. im Kapitel
Bibliotheken. |
| 65 |
Stoa poikile = bunte Halle; wir
wissen sogar, wie sie ausgemalt war – mit diversen
Historiengemälden aus der athenischen Geschichte
von Polygnot.
– Die Stoa hat im weiteren große Bedeutuung für
die Fortführung der Logik (man baut auf der
aristotelischen Logik auf) und der Dialektik sowie
für Entwicklung der Philologie; sie entfaltete
ihren Einfluß vor allem in Pergamon, weniger in
Alexandreia. |
| 66 |
Ziel seiner Philosophie ist die
Erwerbung der Glückseligkeit, Logik, Dialektik
sind entbehrlich, Gefühle sind die Kriterien für
das, was man erstreben solle oder nicht. Pflege
der Freundschaft, Fernhalten vom Staatsleben
werden empfohlen. |
| 67 |
Als Summe der Mohammed
zugeschriebenen Überlieferungen bezüglich zu
beachtender Verhaltensweisen. |
| 68 |
S. dazu Francoise Micheau, The
scientific institutions in the medieval Near East
in EHAS III |
| 69 |
S. dazu das Kapitel zu den
Naturwissenschaftlichen im muslimischen Bereich.
|
| 70 |
S. die nachfolgende Fußnote.
|
| 71 |
So Franz Kogelmann (Deutsches
Orient-Institut Hamburg) in www.bpb.de, unter Verweis auf Tibawi,
A. L.: Islamic Education. Its Traditions and
Modernization into the Arab National System,
21979. Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis
(Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag
- Kultur. München: Beck 2001. Lizenzausgabe Bonn:
Bundeszentrale für politische Bildung 2002. |
| 72 |
Es sind erschienen: Bd I:
Mittelalter; Bd II: 1500-1800. Von der Reformation
zur französischen Revolution; Band III: 1800-1945.
Vom 19. Jahrhundert zum Zweiten Weltkrieg. Das
Erscheinen des durch Ausfälle von AutorInnen
verzögerten vierten Bandes (= Nachkriegszeit) ist
für 2008 zu erwarten. |
| 73 |
Demzufolge wären die ältesten
Universitäten jene in Fes 859, Jundischapur, Kairo
970, dann erst folgen Bologna, Paris, Modena etc.
|
| 74 |
.Rüegg/Rüegg 1,32. |
| 75 |
Classen bei Rüegg 1,29. |
| 76 |
Der anfängliche Betrieb bestand
aus der lectio,
d.h. einer Interpretation des Bibel oder der Libri
quatuor sententiarum des Petrus Lombardus, die kommentiert
werden, und in den disputationes (disputationes ordinariae und disputationes
quodlibetales). |
| 77 |
Nicht unerwähnt soll bleiben,
dass ähnliche Gründungen zur selben Zeit auch in
China unter den Mongolen und in Japan erfolgten.
|
| 78 |
Universitäten mit vier Fakultäten
waren im Mittealter selten: vor 1360 wiesen nur
Paris, Oxford und Cambridge diese Konfiguration
auf. |
| 79 |
(irres System, Erklärung bei
Rüegg-Gieysztor sicherlich falsch bzw. irrig,
Kaufmann ansehen!!!) |
| 80 |
Verger in Rüegg 1,139ff. |
| 81 |
Die Bezeichnung baccalaureus ist
etymologisch nicht wirklich geklärt; sie kann
abgeleitet werden von „bas chevalier“ (kleiner
Ritter) oder von „bac laureus“ (Lorbeerkranz).
|
| 82 |
1158 auf den Roncalischen Feldern
erlassen und zwar ganz allgemein, nicht nur für
Bologna: Friedrich I. bestätigt Bedeutung des
wissenschaftlichen Studiums, befreit Scholaren von
der Haftung für die Schulden ihrer Landsleute und
sichert allen, die des Studiums halber in die
Fremde gehen dort und auf ihrer Reise
Bewegungsfreiheit zu, gesteht ihnen auch das Recht
zu, im Falle ihrer Anklage den Bischof oder einen
Lehrer als Richter zu wählen, jede einem anderen
Richter vorgelegte Anklage ist hinfällig = privilegium fori des
Klerus wird auf die Laienstudenten ausgedehnt =
Beginn der Vorstellung vom akademischen Gericht,
der Gerichtsbarkeit des Rektors = Wiedereinführung
eines antiken Kaisergesetzes, denn Vorbild war die
Konstitution "Omnem", mit der Justinian dem
Bischof und den Professoren von Beirut die
Gerichtsbarkeit über die Studenten übertragen
hatte. Friedrich I. ließ auch die Habita
in den Codex Justinians einfügen. Es stellte dies einen
wesentlichen Akt der Aufwertung des römischen
Rechtes als Instrument im Imperium dar. |
| 83 |
Cölestin II. (1143-1144) und Cölestin III. (1191-1198). |
| 84 |
Nardi in Rüegg 1,98 |
| 85 |
Es betraf dies Kasimir III.
von Polen für Krakau 1364, Rudolf IV. für
Wien 1365 und Ludwig I. von Ungarn für
Pećs 1367. |
| 86 |
Diese Verpflichtung lebte bis in
die Gegenwart fort, wenn in Österreich noch 1975
gesetzlich verfügt wurde, dass die Venia docendi
erlösche, wenn man nicht zumindest alle zwei Jahre
ein Semester lang gelesen habe (es ist dies
allerdings kaum jemals exekutiert woden). |
| 87 |
Wesentliches Ferment für die
Herausbildung der Doktorenkollegien waren aber
wohl die gemeinsam abzuhaltenden Rigorosen. |
| 88 |
Rüegg 1,39. |
| 89 |
Tafeln aus Rüegg 1,70-78. |
| 90 |
Der Begriff familia hat sich ursprünglich eher
auf Bedienstete erstreckt, zumal es kaum
verheiratete Professoren gab. |
| 91 |
Als Ballotage bezeichnete man den
Abstimmungsmodus, bei dem der Abstimmende in eine
in seiner Hand verborgene Kugel in einen Sack
legt; die Farbe – weiß oder schwarz – drückte ja
bzw. nein aus. |
| 92 |
Und zwar die Black or previous
congregation der Magistri artium zur Einsetzung
von Magistern oder Statutenberatungen, die Lesser
Congregation, in der sich alle Lehrer aller
Fakultäten in Fragen der Finanzen, Studienpläne,
Vorlesungen und Examina versammelten, und die Full
or Great Convocation aller amtierenden und
nichtamtierenden Magistri für Entscheidungen über
die Statuten und als höchste Appellationsinstanz
der Universität |
| 93 |
So ordnete Robert de Sorbon, Kaplan König Ludwigs IX, als
Stifter des nach ihm benannten und dann später der
Universität den Namen gebenden Kollegiums an:
vivere socialiter et collegialiter et moraliter et
scholariter! |
| 94 |
Hier die wichtigsten
Errichtungszeiträume bzw. die Gründungsdaten
einiger nachmals berühmter Colleges: in Paris
werden bis 1320 19 Colleges, bis 1400 37Colleges
gegründet (Sorbonne 1257, d'Harcourt 1280), in
Oxford bis 1320 6, bis 1400 weitere 5 Colleges
(Merton 1263/64, Balliol 1261/66, University
College ca. 1280), in Cambridge bis 1400 7
Colleges (Peterhouse 1284). |
| 95 |
Dazu Gieysztor in Rüegg 1. |
| 96 |
In Österreich heute noch (bzw.
wieder seit 1927): schwarze Talare, wobei der
Rektor goldfarbene, der Theologendekan schwarze =
dunkelviolette, der Juristendekan rote, der
Medizinerdekan grüne und der Philosophendekan blau
Aufschläge hat. – Die boshafte Tradition lautet:
schwarz wie die Seele der Theologen, rot wie das
Blut der Gerichteten, grün wie der Rasen, der die
Opfer deckt, und blau wie der Dunst der
Philosophie. |
| 97 |
Der Titel baccalaureus ist
etymologisch problematisch: er wird von manchen
von „bas chevalier“ („kleiner Ritter“), von
anderen von „baca/bacca laureatus“ (Lorbeerkranz)
abgeleitet. |
| 98 |
S. dazu auch die Darstellung Nikolai Wandruszkas |
| 99 |
d’Andreae, Giovanni d' (Johannes Andreae
de S. Hieronymo), Kanonist, * um 1270 in Rifredo
bei Florenz als unehelicher Sohn eines späteren
Priesters von Bologna, † (an der Pest) 7.7. 1348
in Bologna. Er hat sein Hauptwerk „Glossa
ordinaria“, einen Kommentar, nach seiner Tochter
benannt. Die Tochter wurde 1904 noch Gegenstand
eines Schauspiels. |
| 100 |
Zu den Lebensbedingungen in den
Kollegien s. Rüegg/Schwinges 1,210f.f, dort auch
die Aufnahmeriten der Depositio etc. |
| 101 |
Hierher zählen die peciarii, stationarii und librarii. |
| 102 |
Die Ketten durften nur mit
Zustimmung des gesamten Kollegiums geöffnet werden
|
| 103 |
Im Englischen heute noch: stationer = Händler für
Papier- und Schreibmaterial. |
| 104 |
S. die Homepage der Universität Salamanca.
|
| 105 |
Dies ist außer an Abrechnungen
für Vorlesungshonorare auch erkennbar an der 1444
entworfenen Klassifikation für die Bibliothek des
Cosimo de'
Medici. |
| 106 |
In 1517 werd het Collegium
Trilingue opgericht door Hieronymus van Busleyden, kanunnik van Mechelen,
humanist, diplomaat en vriend van Thomas Morus en Erasmus van Rotterdam. Op initiatief
van Erasmus schonk Van Busleyden zijn
fortuin aan een fonds voor de oprichting te Leuven
van een instituut voor de studie van Latijn,
Grieks en Hebreeuws. Alhoewel het Collegium
Trilingue formeel onafhankelijk was van de
Faculteit Theologie, bestond haar voornaamste taak
in het aanbieden van een degelijke kennis van
Latijn, Grieks en Hebreews aan studenten
theologie, en dit als een onontbeerlijk instrument
voor de correcte interpretatie van de Bijbel.
|
| 107 |
„Complutense“ nach der
lateinischen Bezeichnung für Alcalá de Henares.
|
| 108 |
Vgl. zu diesem Kapitel: Rüegg 2/
ex Rüegg/Frijhoff 53ff. |
| 109 |
Lediglich in Duisburg gab 1654 es
aus verwaltungstechnischen Zufällen eine Ausnahme,
weil zwischen der Zusage (1566) und der
Realisierung die Reformierung eingetreten war.
|
| 110 |
Es waren dies: die Universität St
Andrews (1411), die Universität Glasgow (1451),
die Universität Aberdeen (1494) und die
Universität Edinburgh (1583), die allen Männern
offenstanden und deshalb viele Dissidenten unter
ihren Studierenden hatten. |
| 111 |
Mit diesem Begriff werden Oxford
und Cambridge gemeinsam bezeichnet. |
| 112 |
Die 1836 gegründete Universität
London ist eine Konstruktion besonderer Art, indem
sie einerseits Colleges (Listed Bodies), die auf
einen Abschluss der University of London
vorbereiten, andererseits aber auch Institutionen
mit eigenem Prüfungsrecht (Recognised Bodies)
umfaßt – unter letzteren die London School of
Economics and Political Science. Anlaß für die
Gründung der Universität London gab unter anderem
das Insistieren von Oxford und Cambridge auf einer
theologischen Prüfung, die bis 1875 Voraussetzung
für die Graduierung zum Master of Arts war und die
de facto Juden und Dissenter von höheren Studien
ausschloss. |
| 113 |
Inns of Court ist die Bezeichnung
für jene vier Zusammenschlüsse von Rechtskundigen,
die im 14. Jh das Recht erlangten, die Zulassung
zum Anwalt zu vergeben; es waren dies Lincoln's
Inn, Gray's Inn, the Inner Temple und the Middle
Temple. Die Bezeichnung rührt vom ursprünglichen
Sitz dieser Rechtsschulen her. Ihre Bezeichnung
schwindet im 18. Jh, im 19. Jh kommen sie ab.
|
| 114 |
The Westminster Confession of
Faith (1646) ist das für Schottland erarbeitete
reformierte Glaubensbekenntnis auf calvinistischer
Grundlage. |
| 115 |
Zählte man diese Zahl und die der
Gymnasia illustria bzw. academica als
universitätsähnliche Institutionen dazu, so läge
die Zahl beinahe bei 80. |
| 116 |
Man hat in diesem Zusammenhang
von "Übergründung" gesprochen. 22 Universitäten
haben das Ende des Reiches nicht überlebt. |
| 117 |
Die als Alma Ernestina oder
Academia Ernestina bezeichnete Universität von
Rinteln (im niedersächsischen Wesertal) wurde 1619
ausgehend von dem 1610 in Stadthagen
eingerichteten Akademischen Gymnasium gegründet.
Unter Landgraf Wilhelm IV. wurde sie als
lutherische Hochschule ausgebaut und stellte somit
die einzige lutherische Volluniversität in
Nordwestdeutschland dar. Die Hörerzahl war sehr
gering (sie dürfte die Zahl von 120 nie
überschritten haben) und nahm nach Gründung der
Universität Göttingen weiter ab, bis die Alma
Ernestina mit Integration Rintelns in das
napoleonische Königreich Westphalen schließlich
1809 geschlossen wurde. |
| 118 |
1518-1520 Rückgang von 2500
Immatrikulationen auf 600 für das ganze Reich.
Erasmus schreibt: "ubi regnat Lutheranismus, ibi
interitus litterarum". Der Rückgang traf aber auf
alle Universitäten zu. |
| 119 |
Man erreichte wieder den Umfang
von 2-3000 Immatrikulationen im Jahr. |
| 120 |
Es entwickelt sich ein sehr
üppiges und grobes akademisches Leben bei
Studenten, aber auch bei Professoren;
entwürdigende ekelerregende Depositionszeremonien,
Krawalle, Saufereien und Schlägereien (vor allem
mit den Stadtwachen, aber auch mit Bürgern, was
Prozesse nach sich zieht) wurden damals zu
Charakteristika studentischen Lebens. |
| 121 |
Dazu s.w.u. |
| 122 |
1532 Reformierung der Universität
Basel, bald darauf von Rostock und Greifswald,
1535 Tübingen, 1539 Frankfurt/Oder und Leipzig,
1556 Heidelberg. Um 1648 bestehen 13
protestantische Universitäten im Reich, dazu
treten Basel und Königsberg außerhalb des Reiches.
Wichtige protestantische Universitäten über die
genannten hinaus waren Helmstedt (Academie Julia
1576-1810, Jena (1548), Gießen (1607), Straßburg
(1621-1793) und Altdorf (1575/1623-1809. |
| 123 |
Luther steht damit dem humanistischen
Weltbild recht fern, dessen optimistische und
innerweltlich-sittliche Auffassung er nicht teilt.
|
| 124 |
Wie für die katholische Seite
mußte auch auf der protestantischen ein Freiraum
in diesem Bereich als Gefährdung des rechten
Glaubens angesehen werden. |
| 125 |
Zeitweise fühlten sich die
protestantischen Universitätsreformer von den
Jesuiten geradezu bedrängt. |
| 126 |
Formula Concordiae,
Eintrachtsformel, das Bergische Buch sind synonyme
Bezeichnungen. Es ist dies die letzte symbolische
Schrift der lutherischen Kirche, herbeigeführt
über Vermittlung des Kurfürsten August von Sachsen zur Behebung der
Zerwürfnisse zwischen der milderen
melanchthonschen und der schärferen lutherischen
Richtung. Ausgangspunkt wurde die
schwäbisch-sächsische Konkordie von 1574, dann
folgt die Maulbronner Formel von 1576 und das
Torberger Buch, 1577 erfolgte die Überarbeitung
zum Bergischen Buch. Der erste Teil – Epitome –
enthält in elf Artikeln die Beurteilung und
Entscheidung hinsichtlich der strittig gewesenen
Lehrpunkte. Der zweite Teil – die Solida
Declaratio – erörtert dieselben elf Punkte näher.
|
| 127 |
Gleichzeitig war z.B. in England
die Juristenausbildung von den Universitäten
abgezogen, indem sie in London an den Inns of
Court wahrgenommen wurde, sodaß die Juridischen
Fakultäten in Oxford und Cambridge verödeten. –
Die Juristen nahmen in gewisser Hinsicht eine
Sonderstellung ein: ausnahmsweise konnte ihnen
gestattet werden, ihr Studium sofort an der
Juridischen Fakultät zu beginnen, also die
Artistenfakultät zu übergehen. Die geschah nicht
selten, wurde aber doch nicht die Regel. Die
Landesfürsten haben unter diesem Eindruck die
Artistenfakultäten zur vermehrung und Verbesserung
ihres Lehrangebotes stimuliert, insbesondere
Disziplinen vorzutragen, die für die Juristen
bedeutsam seien – das waren die Philosophia
practica (= Politik und Ethik) und Geschichte.
Tatsächlich ergaben sich daraus im ausgehenden
17. Jh Veränderungen. Politik und Ethik
genossen sehr hohen Stellenwert, da sie ja in
säkularer, innerweltlicher Weise die Jurisprudenz
legitimieren konnten und auf das Gemeinwohl
förderlich wirkten. Im "Politischen Weltmann" des
Heinricus Husanus von 1631 heißt es dazu: „denn in
beyden [Politik und Ethik] wird gelehrte, wie man
für sich allein seine Affecten, Begierden und
Bewegungen des Gemüths zu mässigen, zu zwingen,
und im Zaum zu halten, wie wiederumb in gemeinem
Nutz das Regiment zu führen, alles auf Tugend und
Ehrbarkeit zu richten und was dergleichen mehr im
Leben nötig sei". |
| 128 |
Solche gab es in den
habsburgischen (mit dem Theresianum in Wien, aber
auch anderen Anstalten) und in den deutschen
Ländern (Brandenburg, Dresden, Erlangen, Liegnitz
und Lüneburg) zur Ausbildung des Adels für den
Verwaltungs- und Militärdienst; sie sind später
meist in humanistische Gymnasien umgewandelt
worden. |
| 129 |
Das ist sie auch gewesen, und
zwar bis weit in das 20. Jh hat sich ein sehr
strenger Comment erhalten – Vorstellungstour der
neuen Professoren in Frack und Zylinder,
Einladungszeremoniell, Kleidung etc. |
| 130 |
Unter dieser Bezeichnung wurden
die Provinzen Holland, Seeland, Utrecht, Geldern,
Groningen, Overijssel und Friesland, die sich 1581
von Spanien losgelöst hatten, verstanden. |
| 131 |
In den spanischen Niederlanden
gab es die Jesuitenuniverstät Douai, die
allerdings ohne besondere Bedeutung blieb. |
| 132 |
Die Universität von Uppsala wurde
1477 gegründet und ist die älteste Universität
Skandinaviens. 1666 folgte die Universität Lund.
|
| 133 |
Greifswald wurde 1631 von den
Schweden erobert, wurde 1715 dänisch, 1721 wieder
schwedisch und kam 1815 an Preußen. |
| 134 |
P.S. Allen, The trilingual
Colleges of the early Sixteenth Century, in: P.S.
Allen, Erasmus. Lectures and Wayfarin Sketches,
Oxford 1934, 138-163, A. Lefranc, Histoire du
Collège de France depuis ses origines jusqu'a la
fin du Premier Empire, Paris 1893. H. Vocht,
History of the Foundation and the Rise of the
Collegium Trilingue Lovaniense 1517-1550, 4 Bde
Löwen 1951-1955. |
| 135 |
Leader Damian Riehl, Philosophy
at Oxford and Cambridge in the Fifteenth Century,
in: History of Universities 4 (1984) 25-46. |
| 136 |
Sharpe Kevin, The Foundation of
the Chairs of History at Oxford and Cambridge: An
Episode in Jacobean Politics, in: History of
Universities 2 (1982) 127-152 – Die Gründung neuer
Professuren hatte damals einen gewissen Reiz.
Ungewöhnlich aber war die Schaffung von
Lehrstühlen für Geschichte, die ja keinen
eigenständigen Platz im Kanon der an der
Universität gepflegten Fächer einnahm. |
| 137 |
Diese Professur wird in Wikipedia
als die erste Geschichtsprofessur der Welt
bezeichnet. |
| 138 |
Im Reich gab es zwei Pfalzgrafen:
den bei Rhein und den von Sachsen (Landgraf von
Thüringen, später identisch mit dem Herzog). Sie
beanspruchten das Vikariat, d.h. die Vertretung
des Kaisers bei Abwesenheit aus dem Reich und bei
Vakanz. In der Goldenen Bulle von 1356 wurde dies
dahingehend geregelt, daß das Reichsterritorium in
zwei Rechtsgebiete aufgegliedert wurde, eines des
sächsischen und eines des fränkischen Rechts und
jeweils wurde ein Pfalzgraf zur Wahrnehmung der
Agenden bestimmt. Unabhängig von diesen beiden
Pfalzgrafen wurde auch der Titel verliehen – z.B.
waren die Herzöge von Kärntnen Titularpfalzgrafen.
|
| 139 |
Ein wenig mögen auch praktische
Gründe mitgespielt haben – Rektor, Dekan und
Promotor mußten so nicht den ganzen Tag im Gehrock
herumlaufen – unter den Talaren konnte auch
weniger anspruchsvolle Alltagskleidung getragen
werden. |
| 140 |
Dazu s. Konrad Rückbrod,
Universität und Kollegium. Baugeschichte und
Bautyp, Darmstadt 1977. |
| 141 |
Vgl. Laurence Brockliss,
Lehrpläne. In: Walter Rüegg (Hg.), Geschichte der
Universität in Europa, München 1993ff., Bd II: Von
der Reformation bis zur Französischen Revolution
1500-1800, München 1996, 451-494, 451. Zum
Folgenden vgl. Walter Höflechner, Bemerkungen zur
Differenzierung des Fächerkanons und zur Stellung
der philosophischen Fakultäten im Übergang vom 18.
auf das 19. Jahrhhundert. In: Artisten und
Philosophen. Wissenschafts- und Wirkungsgeschichte
einer Fakultät vom 13.-zum 19. Jahrhundert,
hg von Rainer Christoph Schwinges, Basel 1999 (=
Veröffentlichungen der Gesellschaft für
Universitätsgeschichte, in Verbindung mit Rüdiger
vom Bruch, Notker Hammerstein, Walter Höflechner,
Rainer A. Müller, Wolfgang Proß hg von Rainer
Christoph Schwinges, Band 1) 297-317. |
| 142 |
Vgl. dazu Klaus Weimar,
Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis
zum Ende des 19. Jahrhunderts, München 1989,
44. – In konkreten Fällen vermag man sich damit zu
behelfen, daß man aus den Lehrbüchern und
allenfalls vorhandenen Mitschriften das Fach
seinem Inhalt nach rekonstruiert. Dies ist aber
nicht in genereller Weise denkbar. – Auch für
spätere Zeiten erheben sich Schwierigkeiten – wenn
etwa nicht wenige deutsche Universitäten in ihren
Vorlesungsverzeichnissen und Personalständen zwar
die Orden der Professoren und deren Wohnung
angeben, nicht aber deren Nominalfach.
Reformschriften und Statutenänderungen sind häufig
nicht viel mehr als Momentaufnahmen eines
Zustandes, der unter dem Druck der Realität rasch
in vielerlei Gestalt variiert wird. |
| 143 |
Vgl. dazu Roy Porter, Die
wissenschaftliche Revolution und die
Universitäten. In: Rüegg (Hg.), Geschichte der
Universität in Europa II 425-449. – In kaum
verständlicher Ignoranz hat man lange die
Bedeutung der Scholastik für die Entwicklung des
sprachlichen, logischen und begrifflichen
Instrumentariums, die Ausformung des Nominalismus
und damit wohl unzweifelhaft der Grundlagen der
Wissenschaftsentwicklung in der Neuzeit verkannt.
Ebensowenig kann nun den Universitäten
abgesprochen werden, daß sie das mitunter eher
unauffällige Substrat für die weitere Entwicklung
abgegeben haben. Das Eindringen des Humanismus in
die Universitäten vollzog sich primär wohl nicht
in spektakulären Eröffnungen neuer Professuren,
sondern ziemlich sicher recht unauffällig im
Rahmen der Tutoren- und Lektorentätigkeit auf
niedrigerer Ebene (Porter 446 stellt fest, daß es
zu Beginn des 18. Jhs die College-Tutoren in
Cambridge waren, die die
aristotelisch-thomistische Scholastik zugunsten
eines vereinfachten Newtonianismus und einer
moderneren Mathematik und Logik über Bord warfen).
– Wenn die Ansicht vertreten wurde und wird, daß
die Entwicklung der Wissenschaft sich außerhalb
der Universitäten abgespielt habe, so muß
hinzugefügt werden, daß aber doch der Anteil der
Universitätsabsolventen und -angehörigen an der
Gruppe der führenden Köpfe ganz außerordentlich
hoch ist; Porter hat ihn für England für die Zeit
des ausgehenden 17. Jhs mit nicht eben
geringen 80 % festgestellt. Eklatant ist das
Beispiel der Jesuiten, die in der Mathematik und
in der Astronomie Bedeutendes geleistet haben,
weit über das hinaus, was sie in der Regel in der
Lehre umgesetzt haben. |
| 144 |
So läßt sich beispielsweise für
die Philosophischen Studien an der Universität
Innsbruck für das Jahr 1805 feststellen, daß sie
über neun Professuren (Philosophie, Mathematik,
Geschichte, Klassische Studien, Naturgeschichte
und Technologie, Ästhetik, Pädagogik in
Gemeinschaft mit Mathesis forensis, Diplomatik,
Religionslehre) verfügt, durch deren Inhaber 22 im
Curriculum individuell angesprochene Bereiche
versorgt werden sollten: Theoretisch Philosophie,
Praktische Philosophie, Geschichte der
Philosophie, Ästhetik, Pädagogik, Weltgeschichte,
Österreichische Staatengeschichte, Geschichte der
Künste und Wissenschaften, Diplomatik und
Heraldik, Mathematik, Mathesis forensis, Physik,
Naturgeschichte, Technologie, Religionslehre,
Griechische Sprache, Griechische Philologie,
Klassische Literatur, Numismatik, Höhere
Mathematik, Astronomie, Neuere Sprachen. |
| 145 |
Die Bemühungen, in Wien ein
katholisches Göttingen einzurichten, sind an den
Zeitläuften gescheitert. |
| 146 |
Nicht allen Universitäten ist die
große Freiheit Halles, Göttingens und Berlins etc.
widerfahren. In den katholischen Ländern, in denen
sich 1773 einmal das Problem der vollständigen
Ersetzung der Jesuitenprofessoren (bis auf etliche
"Ex-Jesuiten") stellte, vollzog sich der in Halle
bereits um 1700 abgeschlossene Prozeß in sehr
mühseliger und zögerlicher Weise, nachdem man dem
Ziel in den 1770er und 1780er Jahren schon so nahe
gewesen war. |
| 147 |
Die erste Erweiterung des
klassischen Grundmodells der Artesfakultät vollzog
sich durch das Eindringen des Humanismus in die
Universität; die Fächer, die nun im Zuge der
Rezipierung hinzutraten, waren im wesentlichen die
Eloquenz, die Rhetorik, die Historia, das
Griechische und zumeist auch das Hebräische sowie
die Moral, aus der später in der Systematik
Jurisprudenz, Ökonomie und Politik abgeleitet
werden sollten. Die Eröffnung des Collegium
trilingue in Löwen 1540 markiert in aller
Deutlichkeit eine Veränderung, die freilich nicht
alle Universitäten mitgetragen haben, die aber im
westeuropäischen Bereich bis in das 20. Jh
fortwirkt. Nach Melanchthons leitenden
Vorstellungen bestand eine Artesfakultät aus je
einer Professur für Grammatik, Dialektik,
Mathematik, Physik, Astronomie, Poesie,
Griechisch, Hebräisch und zwei Professuren der
Eloquenz. Recht deutlich ausgeprägt treten auch
ein pädagogisches und ein historisches Element
hinzu. – Die Jesuiten, die im katholischen Bereich
Europas das Universitätswesen und ganz besonders
den Bereich der Artisten bis 1750/73 maßgeblich
mitbestimmten, haben diese Neuerungen im
wesentlichen, aber doch nicht zur Gänze akzeptiert
– der Historia haben sie sich bis um 1725
widersetzt, anderes mitunter in die Theologie
verpflanzt, wieder andere Fächer aber mit großer
Hingabe betrieben – so die Mathematik und die
Astronomie mit ihren Randgebieten, dann – ab der
2. H. d. 17. Jh – auch die Physik. Die
klassische Ausformung an Jesuitenuniversitäten
noch um 1730 sah in idealer Ausgestaltung in etwa
vor: zwei Professuren der Philosophie und je eine
für Eloquenz, Mathematik, Physik, Astronomie,
Geschichte, Griechisch und Hebräisch (die Praxis
sah freilich u.U. weit dürftiger aus, indem man
z.B. in Graz in den 1760er Jahren zeitweise auch
mit nur vier Professuren das Auslangen zu finden
suchte: Logik und Metaphysik, Ethik, Mathematik,
Physik). – Freier und daher auch variantenreicher
gestaltete sich die Entwicklung von Professuren
bzw. Lehrfächern an den Universitäten der
reformierten Länder, wenngleich die Systeme der
Jesuiten wie des reformierten Planers Johannes
Sturm (1507-1589) von einander gar
nicht so weit entfernt waren. Wesentlich ist
allerdings, daß Melanchthon die Artesfakultäten
gegenüber den oberen Fakultäten unter dem Aspekt
der Zahl der Professuren mächtig aufgewertet und
damit die spätere Entwicklung gewissermaßen
vorweggenommen hat. Die Vielfalt manifestierte
sich z.T. in einer solchen des Angebots an
Sprachen. Dazu trugen bei die Entwicklung des
Handels im Gefolge der Entdeckungen und des
Aufbaus von Kolonialreichen sowie die Ausweitung
der philologischen Arbeit auf die christlichen
Offenbarungstexte. |
| 148 |
Auffallend stark ist die Position
der Mathematik an italienischen Universitäten,
z.B. in Siena 1803/04, wo in den philosophischen
Studien unter den zehn Professuren nicht weniger
als fünf einen mathematischem Bezug aufweisen:
Ethik+Logik+Metaphysik, Kirchengeschichte, Physik,
Botanik, Naturgeschichte und Chemie, Arithmetik,
Geometrie, Höhere Mathematik, Mathematik,
Philosophie und Mathematik. |
| 149 |
Die höhere Technologie bestand
aus Staatstechnologie, Technischer Rechtskunde und
Gewerbepolizey. |
| 150 |
Max Lenz, Geschichte der
königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu
Berlin, 2 Bde Halle 1910-1918, I 250f. |
| 151 |
Rudolf Kink, Geschichte der
kaiserlichen Universität zu Wien, 2 Bde Wien 1854,
I 459 Anmkg 595. |
| 152 |
Peter Stötter, Vom Barock zur
Aufklärung. Die Philosophische Fakultät der
Universität Ingolstadt in der zweiten Hälfte des
17. und im 18. Jahrhundert. In: Die
Ludwig-Maximilians-Universität in ihren
Fakultäten, hg. von Laetitia Boehm und Johannes
Spörl, Berlin 1980, 91-124, 113. |
| 153 |
Kink, Universität Wien I 459. –
Eine Folge dieses Prozesses ist die Umbenennung in
"Rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät",
die sich zeitlich nicht genau festmachen läßt.
|
| 154 |
Christian Jakob Kraus (1753-1806) war ab 1780 neben
Kant der bedeutendste Lehrer an der
Universität Königsberg; angeregt durch Adam Smith übte er großen
Einfluß auf die staatswirtschaftliche Gesetzgebung
in Preußen aus. Staatswirtschaft, 5 Bde Königsberg
1808-1811. |
| 155 |
Lenz, Universität Berlin I
250ff. |
| 156 |
Zwei Spezialbereiche hob Kraus besonders hervor: die
Finanzwissenschaft als die "Wissenschaft von den
Bedürfnissen und Hilfsquellen des Staates" und die
Polizeiwissenschaft als die "Darstellung der
Veranstaltungen und Maximen zur Handhabung der
durchgängigen inneren und äußeren, öffentlichen
und privaten Sicherheit" (nach Lenz, Universität
Berlin I 251). |
| 157 |
Die für die Universität Berlin in
Aussicht genommene Adaptierung der Staats- und
Kameralwissenschaften sah eine Konzentrierung auf
den formal-theoretischen Teil und eine stärkere
Betonung des historischen Elements und der
Statistik bzw. der Nationalökonomie, auch der
Finanzwissenschaft vor; diese sehr bald
differenzierte Professur wurde später als
nationalökonomische Professur bezeichnet. Den
materialen Teil wollte man offensichtlich von den
einzelnen naturwissenschaftlichen Disziplinen
bedient sehen; mitunter erhielten diese Bereiche
aber auch eigenständige Professuren; in einer
Professur zusammengefaßt erscheinen häufig die
Landwirtschaft und die Forstwirtschaft. |
| 158 |
Auch in Berlin, wo es 1901/02
noch ein Ordinariat für Landwirtschaft gibt. |
| 159 |
Damit sind hier die Bergakademien
bzw. montanistischen Hochschulen, die
veterinärmedizinisch und landwirtschaftlich
orientierten Institutionen bis hin zur Akademie
für das Brauwesen in Wien zu zählen. |
| 160 |
Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762) gilt als
Begründer der Ästhetik; er lehrte in Halle und in
Frankfurt/Oder und veröffentlichte seine
Aesthetica acroamatica, 2 Bde Frankfurt/Oder
1750-58. Die Ästhetik galt nach der
Leibniz-Wolffschen Philosophie als Wissenschaft
der undeutlichen, unklaren, verworrenen Erkenntnis
der Sinnlichkeit als ein Gegenstück zur Logik (als
Wissenschaft der deutlichen Erkenntnis der
Vernunft und des Verstandes). |
| 161 |
S. Weimar, Literaturwissenschaft
90ff. |
| 162 |
Georg Friedrich Meier (1718-1777)
lehrte in Halle Philosophie. Kant hat vor allem in der Logik auf
ihn zurückgegriffen. |
| 163 |
1774 wird sie an der Universität
Ingolstadt eingeführt, 1778 an der Universität
Wien, vgl. Stötter, Philosophische Fakultät
Ingolstadt 111f. |
| 164 |
In Österreich wird die Ästhetik
mit der Reform von 1848ff. in gewissermaßen
praktischer Hinsicht aufgelöst in ihre drei
Grundbereiche: die Literaturgeschichte, die
Musikgeschichte und die Kunstgeschichte (welch
letzteres Fach die mittlere und die neuere
Kunstgeschichte umfaßte, da die Kunst des
klassischen Altertums natürlich der Gegenstand der
damals noch so gut wie ausschließlich
"klassischen" Archäologie war). |
| 165 |
In Halle ist freilich bereits
1731 ein Professor der deutschen Beredsamkeit
eingesetzt worden, nämlich Johann Ernst Philippi, der seine Lehrtätigkeit mit
einer Vorlesung „Von denen Rechten der
Academischen Freyheit" eröffnete, Weimar,
Literaturwissenschaft 42. Philippi hat diese Professur
allerdings nicht ausgeübt. 1733 entstanden in
Kiel, 1735 in St. Petersburg, 1738 in
Göttingen analoge Professuren, die aber nicht die
erwartete Entwicklung nahmen. Dies gilt auch für
Wien, wo zu diesem Zwecke 1753 eine Lehrkanzel der
deutschen Sprache eingerichtet wurde, die 1754 mit
Sigmund Popowitsch besetzt wurde. |
| 166 |
In Österreich ab 1778 bzw. 1805;
bald darauf in analoger Weise in Bayern. 1809 wird
an der Universität Graz auf Kosten der Stände
sogar die Steirische Landesgeschichte eingeführt.
|
| 167 |
Es ist bekannt, daß er seinem
System Desiderata eingefügt hat,
Wissenschaftsbereiche, die erst in den folgenden
Jahrhunderten realisiert worden sind – u.a. die
"Maschinenkunde". |
| 168 |
Der aus dem Verstand, der
Vernunft begründete Bereich Wissenschaft =
Philosophie zerfällt in die Erste Philosophie
(handelnd vom Göttlichen), die Zweite Philosophie
(Naturphilosophie, d.h. Naturwissenschaften) und
die Dritte Philosophie, die sich mit dem Menschen
befaßt, und zwar einmal mit dem Menschen als
Individuum (Psychologie, Medizin, Seele, Logik,
Ethik) und dann mit dem Menschen als Teil der
Gesellschaft (hierher zählt die Staatswissenschaft
samt dem Rechtswesen). Nach Evgenij Ivanovic
Samurin, Geschichte der
bibliothekarisch-bibliographischen Klassifikation,
Bd I München-Pullach 1967, 159ff. |
| 169 |
Historisches Wörterbuch der
Philosophie, hg von Joachim Ritter und Karlfried
Gründer, Basel-Stuttgart 1971ff., s.v.
"Methodologie". |
| 170 |
64 Bde + 4 Suppl.Bde,
Halle-Leipzig 1732-1754; die größte Enzyklopädie
des 18. Jhs. |
| 171 |
Ein Analogon innerhalb der
Disziplinen ist das ausgeprägte Interesse an
Systematik, das sich in der Botanik im Linnéschen
System einflußreich und ausgeprägt manifestierte.
|
| 172 |
Die Medizin etwa wird so nur als
ein Teilgebiet der Philosophie vom menschlichen
Individuum oder bei anderen wieder nur als ein
Teilgebiet der Zoologie betrachtet. |
| 173 |
Johann Christoph Sturm (1635-1703) hielt 1672 an der
Nürnberger Universität in Altdorf die erste
experimentalphysikalische Vorlesung ab, verfaßte
auch das erste entsprechende Lehrbuch "Collegium
Experimentale sive Curiosum", 1676. 1675 folgte
die Universität Leiden mit Experimenten. Porter,
Wissenschaftliche Revolution und Universitäten
446. |
| 174 |
Von diesen waren an den
österreichischen Universitäten noch um 1850 recht
ansehnliche Bestände vorhanden, wenn auch vieles
des Messings halber verkauft oder für
Neukonstruktionen herangezogen worden war. S. die
Akten zur Schaffung der Physikalischen Instituts
an der Universität Wien; auch Christoph Friedrich
Nicolai erwähnt in seiner sehr
abschätzigen Darstellung der Universität Wien die
physikalischen Kabinette der Jesuiten. |
| 175 |
Sir Isaac Newton's Mathematische
Principien der Naturlehre, hg von J[acob]
Ph[ilipp] Wolfers, Berlin 1872 bzw. Leipzig 21932,
380. |
| 176 |
Es sei hier nur auf des
kroatischen Jesuiten Rudjer > beeindruckende
"Theoria philosophiae naturalis redacta ad unicam
legem virium in natura existentium" verwiesen, die
1758 erstmals in Wien erschienen ist, oder der
Name Carl von Linné in Erinnerung gebracht. |
| 177 |
Damals häufiger noch, heute aber
mißverständlich, "mathematische" Physik. |
| 178 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck Dies gilt ganz besonders für
den deutschsprachigen Bereich; als Beispiele sei
hier ein Vergleich der Philosophischen Fakultäten
der Universitäten Leipzig und Wien gegeben, der in
aller Deutlichkeit die ungleich stärkere
Differenzierung der Geisteswissenschaften
gegenüber den Naturwissenschaften an den deutschen
und diesen nahestehenden Universitäten erweist:
Leipzig Wien gw. nw. kw. gw. nw. kw. 1854 12 7 4
16 12 1 1881 22 14 4 29 26 - 1901 47 29 8 40 32 -
Es darf allerdings nicht übersehen werden, daß der
Differenzierungsprozeß auf der institutionellen
Ebene auch von studienorganisatorischen und
prüfungstechnischen und damit wiederum auch von
ökonomischen Aspekten wesentlich mitbestimmt ist.
|
| 179 |
Die Kenntnis von der Entwicklung
der noch älteren Sprachwissenschaft in Indien ist
erst im 19. Jh nach dem Westen gedrungen.
|
| 180 |
Am ausgeprägtesten zeigt sich
diese Dominanz in Leipzig, wo 1901 von den 47
geisteswissenschaftlichen Professuren 28
philologischer Natur sind, 3 archäologisch, 2
kunsthistorisch, 2 musikwissenschaftlich, 7
historisch, 5 gehören dem Bereich der Philosophie
an. |
| 181 |
Hierher sind die zahlreichen
naturphilosophischen Bemühungen von
Naturwissenschaftlern wie Mach, Ostwald, Boltzmann u.a. zu zählen; vgl. dazu
auch Erhard Scheibe, Die Philosophie der Physiker,
München 2006. |
| 182 |
"De nuptiis Philologiae et
Mercurii", bald nach 400 n.Chr. |
| 183 |
Kant vertrat die Ansicht, daß "die
Nützlichkeit [...] nur ein Moment vom zweiten
Range ist", vgl. Immanuel Kant, Der Streit der
Fakultäten. In: Immanuel Kant. Werke in zehn
Bänden, hg von Wilhelm Weischedel, Sonderausgabe
Darmstadt 1983, Bd 9: Schriften zur Anthropologie,
Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik.
Erster Teil 261-393, 290 (= A 25f.). – Gleichwohl
finden sich an italienischen Fakultäten die
Architektur und weitere Fächer, die in diese
Richtung zielen. |
| 184 |
Dieter A. Binder, Das Joanneum in
Graz. Lehranstalt und Bildungsstätte. Ein Beitrag
zur Entwicklung des technischen und
naturwissenschaftlichen Unterrichtes im 19.
Jahrhundert, Graz 1983 (= Publikationen aus dem
Archiv der Universität Graz 12), 5ff. |
| 185 |
Eines der letzten Fächer mit
anwendungsbezogenen Aspekten war die Chemie, da
diese an vielen Hochschulen erst im 19. Jh
von den Medizinischen Fakultäten an die
Philosophischen wechselte und dementsprechend auch
an den Polytechnica häufig unzulänglich vertreten
war. |
| 186 |
Dagegen traten gegen 1900 hin
warnende Stimmen auf, die eine Überwindung der
Kluft zwischen "reinen" und "unreinen"
Wissenschaften forderten – Felix Klein, Gustav Escherich u.a. |
| 187 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck Dies gilt ganz besonders für
den deutschsprachigen Bereich; als Beispiele sei
hier ein Vergleich der Philosophischen Fakultäten
der Universitäten Leipzig und Wien gegeben, der in
aller Deutlichkeit die ungleich stärkere
Differenzierung der Geisteswissenschaften
gegenüber den Naturwissenschaften an den deutschen
und diesen nahestehenden Universitäten erweist:
Leipzig Wien gw. nw. kw. gw. nw. kw. 1854 12 7 4
16 12 1 1881 22 14 4 29 26 - 1901 47 29 8 40 32 -
Als Beispiel sei hier darauf hingewiesen, daß man
1803 in Bayern eine Kategorisierung der an den
Universitäten zu lehrenden Disziplinen vornahm,
die 1805 in Österreich noch etwas verfeinert
worden ist und die geeignet ist, unseren Blick auf
wesentliche Kriterien zu lenken; man unterschied
nämlich im Bereich der Philosophischen Studien
drei Gruppen von Wissenschaften: 1
Grundlegende Wissenschaften 2 Solche,
die in näherer Beziehung zu einem Berufsstudium
stehen 3 Solche, die einen eigenen
von den übrigen höheren Wissenschaften
unabhängigen Beruf ausmachen. Auf diese Weise
näherte man sich in Österreich über rund 40 Jahre
hin langsam und zögerlich jenem Status, der durch
die Revolution von 1848 herbeigeführt wurde und –
im Prinzip – jenem entsprach, der anderweitig mehr
als 100 Jahre zuvor erreicht worden war. |
| 188 |
In Wien gab es 1778 an den
Philosophischen Studien folgende Professuren:
Logik+Metaphysik+Ethik, "Theoretische" und
experimentelle Physik, Mathematik, zwei für
Astronomie, Kameralwissenschaften (1784 an die
Juridische Fakultät ausgelagert),
Universalgeschichte, Historische
Hilfswissenschaften, Klassische Philologie und
Ästhetik, Naturgeschichte und zwei (1782
allerdings wieder aufgehobene) Professuren für
Neuere Sprachen (hierher zählte man Italienisch,
Französisch, Spanisch und Tschechisch; Englisch
war von Maria Theresia als verwerflich abgelehnt
worden). – In Ingolstadt finden sich um 1790 acht
Professuren: Logik und Metaphysik, Ethik mit
Politik und Naturrecht, Ästhetik, Geschichte mit
Diplomatik und Numismatik, Mathematik mit Mathesis
forensis und Ökonomie, Physik, Naturgeschichte und
chemische Versuche, Griechisch. |
| 189 |
Man vgl. dazu bereits die Hallersche
Konzeption für Göttingen, dass man "in einem auf
Intelligenz sich gründenden Staate" und in einem
Erkenntnisstande, in dem "Philosophie [...] Kern
und Ziel in allem [sei und] sich alles dessen
bemächtigt [habe], was Gegenstand besonderer
Wissenschaften bisher war", einer vom Utile des
Staates freien Lehranstalt bedürfe, an der die
"die objektive, 'dem Wahren und Wirklichen,
welches das Vernünftige ist', zugewandte
Wissenschaft eine Freistatt habe" (Lenz,
Geschichte der Universität Berlin I 66), eben eine
neue Universität, an der es keinen Zwang gebe und
die eben deshalb dem Staat umso besser dienen
könne. – Weiter vgl. man Wilhelm Humboldts Schrift "Ideen zu einem
Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu
bestimmen" (Wilhelm von Humboldt. Werke in fünf
Bänden, hg von Andreas Flitner und Klaus Giel, Bd
1: Schriften zur Anthropologie und Geschichte,
Stuttgart 1960, unver. Nachdruck 1995, 56-233).
|
| 190 |
Die ideale Konstellation der
Berliner Philosophischen Fakultät sah in etwa vor:
a) In den Geisteswissenschaften 11 Professuren,
nämlich 4 historische Professuren, 5 Professuren
für die Klassischen Altertumswissenschaften, je
eine Deutsche und eine Orientalische Philologie;
b) 12 Professuren in den Naturwissenschaften
(nämlich eine für Geologie, drei für Chemie, zwei
für Physik, vier für Mathematik und je eine für
Zoologie und für Botanik), dazu weiters eine
Professur für Geographie und drei
kameralwissenschaftliche Professuren
(Staatswissenschaft, Landwirtschaftskunde,
Forstwissenschaft). – An der wesentlich kleineren
Universität Pavia gab es um 1830 acht Professuren
für den "geisteswissenschaftlichen" Bereich
(Geschichte der Philosophie, Theoretische
Philosophie und Moral, Deutsche Sprache und
Literatur, Klassische Literatur, Lateinisch und
klassische Philologie, Weltgeschichte und
Österreichische Staatengeschichte, Historische
Hilfswissenschaften, Ästhetik und italienische
Sprache und Literatur), fünf vorwiegend
"naturwissenschaftliche" Professuren
(Naturgeschichte, Physik, Reine und elementare
Mathematik, Angewandte Mathematik, Höhere
Mathematik) sowie je eine Lehrkanzel für
Religionslehre, Landwirtschaftskunde und
Architektur. – Bis in die 1860er Jahre existierten
aber auch immer noch recht dürftig ausgestattete
philosophische Fakultäten, die von der Fülle der
Disziplinen, wie sie sich bereits zu entwickeln
begann, mit vielleicht insgesamt acht Professuren
noch wenig ahnen ließen. Die Vielfalt in der
Differenzierung der Folgezeit ist nicht nur Folge
der Freiheit und einer fortdauernden bzw. seit
1848 neu begründeten staatlichen Akzeptierung
freier Wissenschaft auch unter ökonomischen
Gesichtspunkten, sondern in ihrer
unterschiedlichen Intensität in einzelnen
Großbereichen auch Ausdruck der unterschiedlichen
Studien- und Prüfungsvorschriften, die eine
strikte Konzentrierung förderten oder – wie in den
Geisteswissenschaften – einer Vielzahl von Prüfern
Raum geben. |
| 191 |
Königsberg 1798, s.w.o. |
| 192 |
Dazu s. vor allem Humboldt
International. Der Export des deutschen
Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert, hg
von Rainer Christoph Schwinges, Basel 2001 (=
Veröffentlichungen der Gesellschaft für
Universitätsgeschichte, in Verbindung mit Rüdiger
vom Bruch, Notker Hammerstein, Walter Höflechner,
Rainer A. Müller, Wolfgang Proß hg von Rainer
Christoph Schwinges, Band 3). |
| 193 |
Die folgende Darstellung folgt
den Ausführungen im Band 3 der von Walter Rüegg
herausgegebenen Geschichte der Universität in
Europa, München 2004. |
| 194 |
Die Ausbildung wurde hierarchisch
stark differenziert: mit dem Bakkalaureat erhielt
man eine Anstelung in einem der zahlreichen collèges, mit der licence konnte man einen
Lehrstuhl oder eine Führungsposition auf der Ebene
der collège
erhalten. Für eine Position an einem Lycée oder an
der Universität bedurfte es der agrégation. |
| 195 |
Zum System siehe Rüegg 3/Charle
52f. – „Bis 1860 bestand die
französische Universitätslandschaft aus Paris
inmitten einer wissenschaftlichen
Wüste.“ Organisatorisch wurde die
Anstalten mit hohen Studiengebühren in
unternehmerischer Weise geführt; im Zweiten
Kaiserrreich erzielten die Fakultäten der
Geisteswissenschaften und der Jurisprudenz
Überschüsse. |
| 196 |
Noch bis in die Zeit um 1970
waren in Österreich für die Erlangung des
Doktorates an den philosophischen Fakultäten
lediglich der Besuch von 15 Wochenstunden
Lehrveranstaltungen durch acht Semester hindurch,
die Vorlegung einer Dissertation und die Rigorosen
vorgeschrieben. Tatsächlich hatte sich freilich –
vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich –
via facti
zahlreiche Zwischenprüfungen, Seminare bzw.
Übungen etc. eingebürgert, die jedoch einer
konkreten rechtlichen Grundlage entbehrten. Erst
mit den speziellen Studiengesetzen im Gefolge des
Allgemeinen Hochschulstudiengesetzes von 1966
änderte sich dies. |
| 197 |
Diese Zahlen, in denen Russland
bzw. die Sowjetunion nicht enthalten ist, nach
Rüegg 3/Rüegg 17, der sich auf Paul Gerbod und
Matti Klinge (beide in Rüegg 3) stützt |
| 198 |
Princeton streicht seinen
akonfessionellen Gründungshintergrund heraus,
verfügt aber gleichwohl über die drittgrößte
University Chapel mit 2000 Sitzplätzen und einer
gewaltigen Orgel. |
| 199 |
In Österreich erfolgte die erste
echte Reform nach 1849 mit dem
Hochschul-Organisationsgesetz von 1955, auf das
1966 das Allgemeine Hochschulstudiengesetz folgte
(das im Wege von speziellen gesetzen für die
einzelnen Studienbereiche allerdings erst zu
Beginn der 1970er Jahre exekutiert wurde); 1975
folgte das Universitäts-Organisationsgesetz, durch
das die „Ordinarienuniversität“ durch die
„Gruppenuniversität“ ersetzt wurde; als sich die
Konsequenzen des UOG1975 in den späten 1980er
Jahren als immer problematischer erwiesen,
erfolgte mit dem Universitäts-Organisationsgesetz
1993 ein Umschwung hin zu eher monokratischen
Strukturen und der Zurücknahme der
Budget-Kameralistik – dieses Gesetz wurde
allerdings erst gegen Ende der 1990er Jahre
(Universität und Universität Graz erst 1999)
exekutiert und bereits 2002 durch das
Universitäts-Gesetz 2002 abgelöst, durch das die
Universitäten in eigenverantwortliche nach dem
Handelsgesetzbuch zu führende Einrichtungen mit
Mehrjahres-Globaldugets auf der Grundlage von
Leistungsverträgen umgewandelt wurden. Es war dies
der wohl rigoroseste – wesentlicvh durch budgetäre
Erfordernisse verantwortete – Reformprozess im
Bereich der europäischen Universit, sieht man von
den Konsequenzen des Übergangs vom Kommunismus zum
demokratischen System in den osteuropäischen
Ländern ab. |
| 200 |
Diese Zahl nach Rüegg 3/Rüegg 11.
|
| 201 |
. Correspondance
académique, Bd 1 Berlin 1778, Seite 3. |
| 202 |
Zur Geschichte der Akademien s.
neuerdings auch das Scholarly Societies Project der
University of Waterloo Library, wo sich eine
Hunderte von Institutionen aufzählende Liste für
die Zeit von 1323 bis 1849 findet. |
| 203 |
Die Plejade, zu deutsch
Siebengestirn, war eine einflussreiche
französische Intellektuellengruppe resp.
„Dichterschule“ in der Mitte des 16. Jhs, die
durch die Übernahme von Vorbildern aus der
klassischen Antike sowie aus Italien neue
Ausprägungen der französischen Dichtung entwarf.
Sie bestand aus den sieben französischen Poeten P.
de Ronsard, J. du Bellay, P. de Tyard, R. Belleau,
J. Dorat, E. Jodelle, J. A. de Baif. |
| 204 |
Crusca = Kleie, die vom Mehl
gesondert werden soll. |
| 205 |
1621 erschien es mit 960 Seiten
bei einem venezianischen Verleger; 1691 und
1729-1738 folgten weitere Ausgaben; 1923 mußte die
5. Auflage beim Buchstaben O auf staatliche
Weisung abgebrochen werden |
| 206 |
Die Crusca entwickelt ein
ziemlich skuriles Zeremoniell: Wahrzeichen ist das
Mehlsieb (frullone), die Namen der Akademiker
hängen ebenfalls mit dem Mehl zusammen: Salviati
hieß Infarinato (= der mit Mehl bestäubte), ein
anderer Infrigno (= Kleienmehl); die Bilder der
Mitglieder wurden auf hölzernen Mehlschaufeln
(pale) gemalt, man saß auf umgestürzten Mehlkörben
(gerle) etc. |
| 207 |
Vg. Das Kapitel Bibliotheken.
|
| 208 |
Als Tycho Brahe Hven verlassen musste, zog er
mit enormem Troß durch Europa, bis er sich
schließlich in Prag als Hofastronom Kaiser
Rudolfs II. niederließ, wo er 1601 verstorben
ist, worauf seine Beobachtungsdaten Kepler als Grundlage für seine
Arbeiten dienten. S. dazu die Ausführungen zur
Geschichte der Astronomie. |
| 209 |
. ereneuticus ist
weder im Klotz noch im Du Change zu finden! |
| 210 |
Ernennen von Notaren und
Richtern, Legitimieren unehelicher Kinder,
Verleihung des niederen Adels, Bestätigen von
Adoptionen, Volljährigkeitserklärung, Freilassung
von Sklaven, Ehrlichmachen unehrlicher Personen,
Poeten krönen, Doktoren, Lizentiaten, Magister und
Bakkalare in den philosophischen, medizinischen
und juridischen (nicht den theologischen)
Fakultäten promovieren. |
| 211 |
Utopia = griechisch
„Nirgendheim“. |
| 212 |
Haus Salomonis nach AT 1 Könige
5,9: "Und Gott gab Salomo sehr
große Weisheit und Verstand und reichen Geist wie
Sand, der am Ufer des Meeres liegt
[…]“. In
der Überlieferung des Orients galt Salomo als das
Idealbild des weisen und mächtigen Herrschers, der
Volksglaube verlieh ihm auch Macht über das
Dämonenreich, das er mit Hilfe seines
zaubermächtigen Siegelringes beherrscht, bis ihm
dieser von seinem Feind Aschmedai geraubt wird,
den er erst nach langen Irrfahrten zu überwinden
vermag. Diese Sage wird, verbunden oft auch mit
anderen Themen, auch ein beliebtes Thema der
vorhöfischen Epik. |
| 213 |
Karl II. war im Mai 1660 als König
eingesetzt worden. |
| 214 |
Er erforschte Jamaika, seine
Sammlungen – 3500 Handschriften und 50.000 Bücher
– wurden Grundstock des British Museum. |
| 215 |
. Er hatte 1768-1771
an der ersten Reise Captain Cooks teilgenommen und
dabei auf Tahiti den Venusdurchgang von 1769
beobachtet. |
| 216 |
In Österreich hingegen hatte man
Angst vor einer Akademie, die sich möglicherweise
gegen den Staat stellen, seiner Kontrollen
entziehen könne; Maria Theresia hat nicht zuletzt
aus diesem Grunde die diversen Gründungspläne
nicht realisiert. |
| 217 |
Er erfand auch das nach ihm
benannte Prozellan und 1730 das
Weingeist-Thermometer mit einer 80teiligen Skala.
|
| 218 |
Joachim du Bellay, 1525-1560, war
Mitbegründer der Plejade. |
| 219 |
Zu diesem Topos
"Waffen-Wissenschaft" s. auch Ernst Robert Curtius
Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
Kap. 9 § 6. |
| 220 |
Der Dichter Saint-Evremond verfaßte eine
satirische Komödie "Les Academistes", in der er
die Gründungsmitglieder als pedantische
Silbenschmiede lächerlich machte. Der Dichter
Sorel unterzog 1654 die Academie einer
herben Kritik und bezweifelte ihre Kompetenz.
|
| 221 |
Man erging sich auch in
zahlreichen Kleinigkeiten – als Königin Christine von
Schweden zu einer Sitzung eingeladen wurde,
beschloß man, sich nicht zu erheben, um so die
Gleichrangigkeit der Mitglieder mit ausländischen
Fürsten zu signalisieren; es gab Streitereien um
Polstersessel etc.etc. |
| 222 |
Er selbst wollte als Mecenas de
gens de lettres bezeichnet werden. |
| 223 |
Aus diesem Anlaß wurde eine
Medaille geprägt, die auf dem Avers den König, auf
dem Revers die thronende Minerva zeigt, die von
den Symbolen der Astronomie, Anatomie und der
Chemie umgeben ist; außerdem wurde sehr offizielle
die Aktenführung eröffnet. |
| 224 |
Mit der Planung wurde Claude
Perrault beauftragt, der bereits die
Colonnaden für den Louvre entworfen hatte. 1667
wurde südlich von Paris ein Landgut gekauft und
das Gebäude errichtet, das die Macht Colberts verdeutlicht. Zur Eröffnung
1672 wurde neuerlich eine Medaille geprägt. Das
Observatorium ist in der Folge mehrfach von König
und von Prinzen besucht worden. 1669 wurde
Giovanni Domenico Cassini I in die Akademie
aufgenommen, wo er 40 Jahre lang für die
astronomischen Arbeiten verantwortlich blieb und
das Akademie-Observatorium leitete, das die
wichtigste Einrichtung der Akademie war. Ihm
folgten seine Söhne, es wurde auch Olaf Roemer aufgenommen, weiters Cassini Is
Neffe Giacomoi Filippo Maraldi, Philippe de La Hire und sein Sohn
Gabriel-Philippe de La Hire. Sie alle
sicherten der Akademie eine sehr bedeutende
Stellung in der Astronomie des ausgehenden 17. und
des 18. Jhs. Das Observatorium betrieb
hauptsächlich Planetenbeobachtung, weiter
geographische Gradmessungen. 1669/70 schon vermaß
Picard einen Längengrad, er besuchte
außerdem die Sternwarten in Amsterdam, Den Haag
und Uraniborg. Ludwig XIV hat 1681/82 zweimal das
Observatorium inspiziert, auch Jakob II. von
England im Jahr 1690. 1693 wurde auf Grundlage der
neuen Vermessungen eine neue Karte Frankreichs
herausgegebene – Ludwig XIV. meinte dazu, er habe
durch die Astronomen mehr Land verloren als im
Zuge aller Kriege. 1668 bereits behauptete Andreas
Reusner, die Frage der
Längengradbestimmung gelöst zu haben, und es wurde
dafür eine eigene Kommission eingesetzt, an deren
Sitzungen in Colberts Privatbibliothek dieser
persönlich teilnahm. Es stellte sich heraus, daß
Reusner auf dem Holzweg war. Dennoch
hat diese Unternehmung wesentlich zur
Perfektionierung des Verfahrens beigetragen. In
der Folge sind für derartige Fragen immer sofort
Kommissionen eingerichtet worden, in denen dann
die eigentliche, spezifische Arbeit geleistet
worden ist. 1675 und 1678 berichtete Roemer in der Akademie über seine
Experimente zur Ermittlung der
Lichtgeschwindigkeit. |
| 225 |
In diesem Zusammenhang ist zu
erwähnen, daß die Urteile in diesen
Überprüfungsverfahren ebenso wie die
Veröffentlichungen der Akademie in der Frühzeit
alle kollektiv erfolgten, ohne die Nennung von
Individuen – die Akademie arbeitete als eine
Sozietät. Und indem sie ihre Urteile auf der
Grundlage der Wahrnehmungen und Entscheidungen
einer Vielzahl von Einzelurteilern fällt,
unterliege sie – so die Meinung – auch weit
weniger der Möglichkeit des Irrtums, dem ein
einzelnes Individuum immer ausgesetzt sei. Damit
sei wahrer Fortschritt in der Wissenschaft
garantiert. Je spezieller aber die Untersuchungen
wurden, die dann nicht mehr in den gemeinsamen
Sitzungen durchgeführt werden konnten, weil es an
einem geeigneten Laboratorium mangelte und auch
zuviel Zeit beansprucht wurde, desto mehr trat die
Einzelperson des tatsächlich Untersuchenden in den
Vordergrund und man verstand sich darauf, bei der
Drucklegung dessen Namen als den des
verantwortlichen Verfassers erscheinen zu lassen.
Bald ergab sich eine weitere Unterscheidung: wenn
ein Akademiemitglied ein Werk veröffentlichte, daß
es nicht der Akademie zur Billigung vorgelegt
hatte, dann durfte seine Bezeichnung als
Akademiemitglied nicht im Titel des Werkes
aufscheinen. 1699 sind die Verfahren hinsichtlich
der Publikationen in den Statuten schriftlich
festgelegt worden (Artikel 30): da die
Akademie wohl als eine Körperschaft etwas
akzeptieren oder verwerfen, nicht aber als
Körperschaft etwas zu schaffen vermöge, wurden die
korporativen Publikationen abgeschafft – die
Erfahrung habe gezeigt, daß es zu schwierig sei,
Arbeiten auf der Ebene der Gesamtgemeinschaft der
Akademie zu verfolgen; deshalb möge jedes einzelne
Akademiemitglied für sich arbeiten und seiner
Ergebnisse der Akademievorlegen und so zur
Bereicherung der Erkenntnis beitragen. Stehen zwei
Meinungen gegeneinander, so könne man die Wahrheit
nicht durch Majoritätsbeschluß bestimmen – deshalb
sind ja auch immer wieder Akademiepreise
gleichzeitig an Vertreter einander strikt
widersprechender Positionen vergeben worden, wenn
die Arbeiten in sich überzeugend waren. Diese
Vorgänge zeigen den Übergang vom virtuoso, vom Amateur, vom
undisziplinierten Exzentriker zum Wissenschaftler
als systematisch Arbeitenden in einem engeren
Sinne auf! Für Amateure war um 1700 in den
Akademien kein Platz mehr, Scharlatane wurden
hinausgeworfen. |
| 226 |
Neuerlich wurde eine Medaille
geprägt, und wenig später erfolgte die
Übersiedlung in die königlichen Appartmens im
Louvre. |
| 227 |
Ebenso folgenlos blieb 1752 der
Plan des Oliver Legipont für eine deutsche
Benediktinerakademie für historische Forschung.
1788 bleibt Herders Plan einer deutschen Akademie,
der sich sich auf Leibnizens Bemühungen bezieht und das
großen Defizit „der
patriotischen Geschichtsschreibung des gesamten
Vaterlandes" anspricht, erfolglos.
|
| 228 |
Sie figuriert in der Folge auch
unter anderen Namen: 1744 Königliche Akademie der
Wissenschaften – 1746 Académie Royale. |
| 229 |
Ein entsprechender Aufruf wurde
publik, die einzigen, die sich meldeten, waren die
Leute von der Royal Society, die beim
brandenburgischen Residenten in London vorstellig
wurden und weitere Information erbaten, worauf man
ihnen antwortet, daß der Kurfürst die von der
englischen Nation gerne aufnehmen würde, wenn sie
nur auch eine gute Anzahl von englischen
Weißgerbern, Tuchmachern, Hutmachern und
Handschuhmachern etc. mitbrächten und die
englische Manufaktur in tangermünde einführten,
was den Engländern nicht unmöglich erschien, da ja
ohnedies viele Nonkonformisten (denen 1689 ja nur
bedingte Duldung zugesagt werden sollte) das Land
verlassen wollten. Der Kurfürst wollte aber keine
aufwieglerischen Unzufriedenen etc. |
| 230 |
Berlin in einem neueren Sinne
entsteht erst 1709 durch die Eingliederung von
Neukölln, Dorotheenstadt, Friedrichswerder und
Friedrichstadt. |
| 231 |
Viadrina = lat. Oder. |
| 232 |
Die Sache war deshalb so
kompliziert, weil man nämlich sich nicht auf
denselben Modus der Osterberechnung einigen
konnte, den die Katholiken seit Dionysius Exiguus beobachteten
(nämlich die Heranziehung des „mittleren
Vollmondes“), sondern auf den astronomischen
Vollmond zurückgriff, weshalb die beweglichen
kirchlichen Festtage der Protestanten sich noch
bis 1775 von denen der Katholiken unterscheiden
mußten. Mit der Durchführung wurde der Jenaer
Mathematiker Erhard Weigel beauftragt (Leibniz, Pufendorf und viele andere
waren seine Schüler gewesen). Weigel schlug nun vor, eine zentrale
Reichsinstitution für die Kalenderverbesserung zu
schaffen und gleichzeitig ein Kalendermonopol zu
begründen, mit dessen Hilfe die Akademie
finanziert werden sollte. Leibniz hat diese Idee auf die
Sozietät in Berlin angewendet. – Sachsen hat
damals sofort ein Kalendermonopol verkündet. |
| 233 |
Leibniz lenkte die Sozietät brieflich
von Hannover aus; in den Jahren 1700-1710 ist er
insgesamt nur für 36 Monate in Berlin anwesend
gewesen. Sein Einfluß ist mehr und mehr
geschwunden. Von vielen Dingen hat Leibniz erst spät und nur teilweise
Kenntnis erhalten. Wohl deshalb hat Leibniz nicht an der Eröffnung am
19. Jänner 1711 teilgenommen. Als er im
Februar 1711 nach Berlin kam, mußte er erkennen,
daß er dort kaum mehr etwas auszurichten
vermochte; es war dies auch sein letzter
Aufenthalt in Berlin. Leibniz hat in dieser Zeit ja auch den
Akademieplan in Wien betrieben, was ihm in Berlin
den Vorwurf der Affinität zum Katholizismus
eintragen konnte. 1714 wurde sein Gehalt vom König
halbiert, als dieser den von ihm eingeforderten
finanziellen Rechenschaftsbericht durchging. Als
Leibniz 1716 starb – er war bis zu
seinem Tod Präsident der Sozietät –, gedachte in
der Akademie niemand seiner, lediglich Christian
Wolff in Leipzig ließ einen Nekrolog erscheinen
und in Paris gedachte der Ständige Sekretär Fontenelle als einziger offiziell
seines Todes und hielt ihm am 13. November
1717 in der Academie des Sciences eine Gedenkrede.
|
| 234 |
Friedrich II verstand kein Latein und
wollte Deutsch nicht lesen. |
| 235 |
Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, ursprünglich ein
Cartesianer und seit 1735 Abwesendes Mitglied der
alten Sozietät, hatte sich mittlerweile nach einem
Englandaufenthalt zu einem glühenden Anhänger
Newtons gewandelt, um dessen
Gravitationstheorie (im Gegensatz zu Descartes' Vorstellungen) ja in
Frankreich in der 1. Hälfte des 18. Jhs
ein jahrzehntelanger Kampf wogte, in dem sich ab
1730 der Sieg Newtons abzuzeichnen begann, der dann
durch die Ergebnisse der beiden Expeditionen nach
Peru und nach Tartu 1738 besiegelt wurde; Maupertuis legte 1738 seinen
abschließenden Bericht "De la figure de la terre"
vor. |
| 236 |
Das Mitglied Johann Samuel König (er hatte die Marquise du Chatelet bei ihrer Newton-Übersetzung unterstützt) focht
Maupertuis' Beweis an und behauptete
überdies, Leibniz hätte das Prinzip bereits
lange vor Maupertuis in einem Brief (von dem
König nur eine Abschrift besaß)
formuliert. König verlangte von Maupertuis die Publikation dieser
Darstellung in den Akademieschriften, was Maupertuis verweigerte, worauf König 1751 in den Leipziger Acta
Eruditorum veröffentlichte, sodaß Maupertuis Stellung beziehen mußte. Im
April 1752 wurde unter Eulers Vorsitz der Leibniz-Brief Königs als Fälschung erklärt und die
Rolle Maupertuis' gestärkt – es war dies
zweifellos eine Anti-Leibniz-Wolff-Aktion. König legte daraufhin seine
Mitgliedschaft nieder. Voltaire aber, dem Maupertuis zu hoch gestiegen war,
griff nun seinerseits Maupertuis an und machte ihn
öffentlich lächerlich, als Friedrich II
dies verbot, in einer in Leipzig erschienen
Publikation, die Friedrich II hierauf in Berlin öffentlich
verbrennen ließ; Voltaire mußte Berlin verlassen, wurde
bis Frankfurt/Main verfolgt. Maupertuis' Stellung war erschüttert,
sein nahezu allmächtiger Einfluß gebrochen. |
| 237 |
Dafür hat sie aber die Ordnung
der Archivalien verfügt, sodaß bis heute ein
ungeheuer wertvolles Archiv erhalten geblieben
ist. |
| 238 |
Areskin (1677-1718) studierte in
Oxford Medizin und Philosophie, dann weiters in
Leiden und in Paris, arbeiteteeinige Zeit als
Anatom in London und war dabei in die Erhärtung
der Blutkreislauflehre Harveys involviert, wobei er vor allem
mit dem Edinburgher Mediziner und Professor in
Leiden Archibald Pitcairn in Verbindung standen, dessen
Bibliothek 1718 für Petersburg angekauft worden
ist; Areskin wurde 1703 Mitglied der Royal
Society in London und trat 1704 als Leibarzt in
die Dienste eines Russen, nämlich A. Mensikovs, der seinerseits 1714
Mitglied der Royal Society wurde. – weshalb Areskin in russische Dienste trat, ist
unbekannt; zu vermuten ist, daß er als aus einer
Familie von Stuart-Anhängern stammend,
Schwierigkeiten hatte. |
| 239 |
Dies war die der oberste
pharmazeutische Behörde; sie faßte Chirurgen,
Apotheker, Ärzte, Alchimisten, Optiker, Uhrmacher
etc. zusammen und ihr war zeitweise eine eigene
Schule samt Bibliothek angeschlossen; insgesamt
handelte es sich um einen sehr ansehnlichen
Komplex wissenschaftlichen Charakters. |
| 240 |
Schon ab 1705 hatte Peter der Große
Ukaze erlassen, die die Einsendung von
naturhistorischen Kuriositäten in die Kunstkammer
befahlen; Ankäufe von Sammlungen in Amsterdam und
in Danzig stockten dieses entstehende
Naturhistorische Museum auf. Ähnlich verhielt es
sich mit der Bibliothek, die unter Arsekins
leitung ebenfalls stetig erweitert wurde. Areskin hat dem ganzen auch noch einen
botanischen Garten hinzugefügt |
| 241 |
Göttinger Sieben: 1837 Absetzung,
weil sie den König des Verfassungsbruches
beschuldigt hatten. |
| 242 |
1746 wurde in Olmütz eine
„Societas eruditorum incognitorum in terris
austriacis“ gegründet. Diese Sozietät, die nur
kurze Zeit bestanden hat, war die erste in den
österreichisch-habsburgischen Ländern und ging auf
die Bemühungen von Joseph Freiherr von Petrasch zurück, der in Löwen
studiert, Holland, Schottland, England,
Frankreich, die Schweiz, Deutschland und Italien
bereist hatte. 1747/48 gab man die „Monatliche
Auszüge alt- und neuer gelehrter Sachen“ heraus.
Maria Theresia war zwar positiv
eingestellt, eine Anerkennung fand die
Gesellschaft aber nicht, sie dürfte wohl 1748
bereits wieder eingegangen sein. Petrasch hat in
der Folge auf Ideen Gotscheds aufbauend und später z.T.
gemeinsam mit Klopstock 1768-1773 konkrete Pläne
für eine Akademiegründung in Wien ausgearbeitet,
die von Maria Theresia nicht akzeptiert wurden
und 1783/84 auch von Kaiser Josef II
ventiliert wurden, allerdings ohne Konsequenzen.
1749/50 betrieb Gottsched seinerseits in Wien bei
Maria Theresia den Plan einer Akademie
nach dem Vorbild der Pariser Académie des
Inscriptiones et Belles Lettres; er übersendet ihr
die von seiner Frau angefertigte Übersetzung der
Geschichte der Pariser Akademie. Die Sache
entwickelt sich anfangs erfolgversprechend,
scheitert dann aber doch. |
| 243 |
Es ging dabei um die
Unterstützung der schönen Wissenschaften (die
anderen Bereiche werden nur eher marginal genannt)
im Wege der Besoldung bedeutender Gelehrter, von
Ehrengeschenken als Belohnung für Wissenschaftler,
um „Auftragsforschung“ für jüngere
Wissenschaftler, eine eigene Druckerei, die
Gründung eines deutschen Nationaltheaters samt
„Singhaus“ und die Forcierung der vaterländischen,
nationalen Geschichtsschreibung. Wie schon andere
vor ihm verfolgte auch er den Plan
„Waffen-Wissenschaft“: "Man
sagt gewiß nicht zu viel, wenn man behauptet, daß
die Wissenschaften der linke Arm einer Nation sind
und daß ihr rechter Arm, alles andere nämlich, was
nicht Wissenschaft ist, ohne die vielfache
Beihilfe des linken weniger Stärke haben
würde". Friedrich II. von Preussen hatte
für derlei nichts übrig gehabt, und Voltaire hatte sich in Berlin über
Klopstock lustig gemacht, weshalb sich
dieser an den neuen Kaiser wandte, dem er den Plan
widmete und den er dann durch ein fiktives
historiographisches Fragment aus dem 19. Jh
[sic] für seinen Einsatz für die Wissenschaften
lobte. Außer einer goldenen Kette für Klopstock ist dabei nichts
herausgekommen, Kaunitz warf ihm vor, zu wenig auf die
praktischen Dinge zu achten; Geld war natürlich
auch nicht vorhanden. Klopstock hat die Ablehnung nicht
richtig verstanden. 1772 hat er einen neuen,
wieder erfolglosen Versuch unternommen. |
| 244 |
"Ihre [des Kaisers] Deutschen, die nicht aufflammen, aber glühn,
werden von nun an, von dem Tage an, da Sie ihnen
winken, keinen später! um den Vorzug in den
Wissenschaften mit den Franzosen und Engelländern
einen heißen, ausdauernden Wettstreit halten,
welchen Sieg endigen wird; hierauf werden sie die
Griechen, die bis jetzt unüberwunden, auf dem
Kampfplatze antreffen". |
| 245 |
Sie sollte die Gestalt eines zu
den Polen gestreckten Sphäroids haben, also
zitronenförmig sein; dies schienen auch die
Messungen von J.D. Cassini x und J. Cassini Y zu
erweisen. darüber hinaus hielt man Newtons Vorstellungen von einer actio in distans zwischen
den im leeren Raum schwebenden Himmelskörpern für
eine Wiederbelebung der qualitates occultae, für
scholastische Hirngespinste. Descartes erklärte alles mit Hilfe
seiner Wirbeltheorie in einem vollständig von
Materie erfüllten Raum. – Die erste Expedition
brach 1735 unter der Leitung von La Condamine nach Südamerika (Ecuador,
Peru) auf und kehrte erst 1744 zurück. Die zweite
Expedition unter Moreau de Maupertuis ging nach Tornea in
Lappland (nördlichster Punkt der Ostsee bzw.
Bottnischer Meerbusen). Maupertuis' Ergebnisse gaben 1737
Newton Recht, 1738 kamen die Ersten
Ergebnisse La Condamines, die ebenfalls diese
Auffassungen bestätigten. – Zur selben Zeit hat
Voltaire, der ja 1726-1729 in England
im Exil gewesen war, auf Grundlage seines
Kontaktes mit dem Newton-Schüler Samuel Clarke in vier „englischen“ Briefen
und weiteren Schriften Newtons Auffassungen vertreten (1738
"Die Elemente der Philosophie Newtons, 1738
"Antwort auf alle prinzipiellen Einwendungen gegen
die Philosophie Newtons", 1740 "Die Methaphysik
Newtons"). |
| 246 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck Dies gilt ganz besonders für
den deutschsprachigen Bereich; als Beispiele sei
hier ein Vergleich der Philosophischen Fakultäten
der Universitäten Leipzig und Wien gegeben, der in
aller Deutlichkeit die ungleich stärkere
Differenzierung der Geisteswissenschaften
gegenüber den Naturwissenschaften an den deutschen
und diesen nahestehenden Universitäten erweist:
Leipzig Wien gw. nw. kw. gw. nw. kw. 1854 12 7 4
16 12 1 1881 22 14 4 29 26 - 1901 47 29 8 40 32 -
Als Beispiel sei hier darauf hingewiesen, daß man
1803 in Bayern eine Kategorisierung der an den
Universitäten zu lehrenden Disziplinen vornahm,
die 1805 in Österreich noch etwas verfeinert
worden ist und die geeignet ist, unseren Blick auf
wesentliche Kriterien zu lenken; man unterschied
nämlich im Bereich der Philosophischen Studien
drei Gruppen von Wissenschaften: 1
Grundlegende Wissenschaften 2 Solche,
die in näherer Beziehung zu einem Berufsstudium
stehen 3 Solche, die einen eigenen
von den übrigen höheren Wissenschaften
unabhängigen Beruf ausmachen. In Göttingen gab es
auch eine eigene Preisstiftung für die Sozietät.
Publikationstätigkeit allgemein: Berlin 1740-1811
60 Bde Memoires, 3100 Seiten Geschichte, 16.900
Seiten Naturwiss.+Math. Göttingen 1753-1808 29 Bde
Göttinger Abhandlungen, 3100 Seiten geschichte,
6300 Seiten Natwiss.+Math., Erfurt 1757-1809 18
Bde, 1200 Geschichte, 3700 Natwiss.+Math. Prag
1775-1798 14 bde, 2500 geschichte, 3100
Natwiss.+Math. Mannheim 1766-1798 10 Bde, 3000
Geschichte, 2075 Natwiss.+Math., 6000 meteorol.
Ephemeriden München 1763-1804 25 Bde, 4900
Geschichte, 6100 Natwiss.+Math., 1300 meteorol.
Ephemeriden Der hohe Anteil dr Geschichtswerke an
den Akademiepublikationen entspricht in keiner
Weise dem Rang der Historie an den deutschen
Universitäten, auch nicht in Göttingen. Er
resultiert aus dem nationalen Interesse, das sich
um eine historische Begründung bemüht – 1759 in
München: ohne die Geschichte können weder " der Ruhm noch die Gerechtsame der
deutschen Völker, unter welchen die bayerische
Nation den Vorrang des Altertums besitzt, in das
verdiente Licht gesetzt werden ". Die
geschichtswissenschaft als Instrument der
ruhmvollene eigenen Vergangenheit gehört zum
absolutistischen System fürstlicher
Repräsentation, sie steht im Dienste der
Staatsräson und hat die tatsächlichen Rechte zu
verteidigen oder die vermeintlichen Ansprüche zu
begründen. Die pädagogischen Anmsprüche des
ausgehenden 18. Jhs weisen ihr zusätzlich im
Bereich der Bildung einen besonders hohen
Stellenwert zu: Bildung des verstandes, Anleitung
zu sittlichem Handeln etc. Unterschiedliche
Finanzierung der Akademien: Berlin 1718: 6000
Taler, 1782: 26.000 Taler (= 78.000 Gulden!),
Mannheim 1763: 6.000 fl, 1773: 9000 fl, München
bis 1804: 5000 fl, ab 1804: 80.000 fl. Die
Mitgliederzahl hing auch von den besoldeten
Stellen ab: München: max. 18 (nie erreicht), davon
besoldet 2, Mannheim: 10 besoldet Göttingen: pro
Klasse 2 "arbeitende Mitglieder" = 6, und je 2 ao
Mitglieder Berlin: je Klasse 4 arbeitende
Mitglieder. |
| 247 |
Die Liste ist online hier ersichtlich. |
| 248 |
Das Institut Pasteur ist eines
der weltweit führenden Grundlagenforschungszentren
für Biologie und Medizin mit Hauptsitz in Paris in
Frankreich. Es wurde am 4. Juni 1887 gegründet und
nach seinem Gründer Louis Pasteur benannt, der
es gründete, nachdem ihm die Heilung von Tollwut
gelungen war und ihm Spenden aus der ganzen Welt
zuflossen; 1909 erbte das Institut zusätzlich die
gigantische Summe von 20 Millionen Mark (ca. 120
Millionen EUR). Neben seiner Forschungstätigkeit
berät das Institut die französische Regierung und
die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in
medizinischen Sachfragen. Die Forschung gilt der
Entwicklung und Erforschung von Diagnose und
Testverfahren in der Medizin. Das Institut ist
außerdem ein weltweit tätiges epidemiologisches
Überwachungszentrum. 1966 wurde das Institut
reorganisiert; es wird zu 41% vom Staat
finanziert, ein Drittel des Verfügbaren stammt aus
eigenen Einnahmen des Instituts, der Rest stammt
aus Schenkungen und Vermächtnissen. Zum Institut
Pasteur gehört heute ein internationales Netz von
24 angeschlossenen Instituten. Am Institut wurden
wichtigste Impfstoffe entwickelt bzw.
Krankheitserreger isoliert (z.B. HIV); fünf
Forscher wurden bislang mit dem Nobelpreis
ausgezeichnet. |
| 249 |
Der aus ärmsten schottischen
Verhältnissen stammende US-amerikanische
Stahlindustrielle veröffentlichte 1889 „The Gospel
of Wealth“ mit der Lehre von der sozialen
Verpflichtung des Reichen, für den es eine Schande
sei, reich zu sterben. Er leitete damit eine Welle
von Wissenschaftsstiftungen amerikanischer
Millionäre ein, die erheblichen Druck auf auf
Deutschland ausübte. Carnegie hatte als Selfmademan die größte
Einzefirma der Welt – Carnegie Steel, dann U.S.
Steel – aufgebaut und in seinen späten Jahren den
Großteil seines ungeheuren Vermögens für die
Einrichtugn von Schulen, Universitäten,
Bibliotheken etc. gestiftet, die bedeutendste
dieser zahlreichen Stiftungen ist das Carnegie
Endowment Endowment for International Peace (1910)
zum Zwecke wohltätiger internationaler Arbeit im
Wege von Forschung und anderen Aktivitäten
gegründet. Carnegie hoffte, mit seinen Aktivitäten
zur Eindämmung und Verhinderung von Kriegen
beitragen zu können. Heute ist das Endowment in
vielen Ländern vertreten. |
| 250 |
Das Folgende nach Bernhard vom
Brocke, Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im
Kaisserreich. In: Forschung im Spannungsfeld von
Politik und Gesellschaft. Geschichte und Struktur
der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft. Aus
Anlaß ihres 75jährigen Bestehend herausgegeben von
Rudolf Vierhaus und Bernhard vom Brocke, Stuttgart
1990. |
| 251 |
Dort gab es noch hinreichend
freie Domänengründe für Institutsbauten,
allerdings befand sich auf Grund von Verkäufen ein
Villenviertel im Entstehen, und die freien Flächen
drohten bebaut zu werden. |
| 252 |
Der Aufnahmebeitrag für die
Mitglieder wurde mit 20.000 Mark festgesetzt –
heute etwa 120.000 EUR. |
| 253 |
Es ist auffallend in welche hohem
Maße im ausgehenden 19. Jh und um die
Jahrhundertwende unter Professoren
„neurasthenische“ Beschwerden grassierten bzw.
Erschöpfungszustände registriert wurden, aber auch
Professoren, die es sich wie Wilhelm Ostwald leisten konnten, sich von der
Unievrsität zurückzogen.. |
| 254 |
Zur Illustration: die
durchschnittliche Dotierung eines einzigen
chemischen Universitätsinstitutus lag damals bei
jährlichen 37.000 Mark und damit bei weitem höher
als die Dotierung aller historischen Seminare
aller 21 Universitäten Reiches zusammengenommen –
diese betruf nur 29.000 Mark. |
| 255 |
Die PTR verfügte damals über 46
wissenschaftliche und 86 anderweitige Stellen
|
| 256 |
Die nachstehende Aufstellung (aus
Wikipedia) mit der Auflistung der verschiedenen
Kaiser-Wilhelm-Institute samt Gründungszeitpunkt
erweist die enorme Vielfalt und den Umfang der
Aktivitäten, die die KWG in der Zwischenkriegszeit
entfaltete; die Institute waren räumlich über ganz
Deutschland verteilt. KWI für Chemie: 1911; KWI
für physikalische Chemie und Elektrochemie: 1911;
KWI für Biologie: 1911; KWI für Kohlenforschung:
1912; KWI für Kunstgeschichte: 1913; KWI für
Hirnforschung: 1914; KWI für Physik: 1917; KWI für
Eisenforschung: 1917; KWI für Faserstoffchemie:
1920; KWI für Metallforschung: 1921; KWI für
Lederforschung: 1921; KWI für ausländisches
öffentliches Recht und Völkerrecht: 1924; KWI für
Strömungsforschung: 1924; KWI für
Silikatforschung: 1926; KWI für ausländisches und
internationales Privatrecht: 1926; KWI für
Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik:
1926; KWI für Züchtungsforschung: 1929; KWI für
medizinische Forschung: 1929; KWI für
Zellphysiologie: 1930; KWI für Biophysik: 1937,
KWI für Bastfaserforschung: 1938 |
| 257 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck Dies gilt ganz besonders für
den deutschsprachigen Bereich; als Beispiele sei
hier ein Vergleich der Philosophischen Fakultäten
der Universitäten Leipzig und Wien gegeben, der in
aller Deutlichkeit die ungleich stärkere
Differenzierung der Geisteswissenschaften
gegenüber den Naturwissenschaften an den deutschen
und diesen nahestehenden Universitäten erweist:
Leipzig Wien gw. nw. kw. gw. nw. kw. 1854 12 7 4
16 12 1 1881 22 14 4 29 26 - 1901 47 29 8 40 32 -
Als Beispiel sei hier darauf hingewiesen, daß man
1803 in Bayern eine Kategorisierung der an den
Universitäten zu lehrenden Disziplinen vornahm,
die 1805 in Österreich noch etwas verfeinert
worden ist und die geeignet ist, unseren Blick auf
wesentliche Kriterien zu lenken; man unterschied
nämlich im Bereich der Philosophischen Studien
drei Gruppen von Wissenschaften: 1
Grundlegende Wissenschaften 2 Solche,
die in näherer Beziehung zu einem Berufsstudium
stehen 3 Solche, die einen eigenen
von den übrigen höheren Wissenschaften
unabhängigen Beruf ausmachen. In Göttingen gab es
auch eine eigene Preisstiftung für die Sozietät.
Publikationstätigkeit allgemein: Berlin 1740-1811
60 Bde Memoires, 3100 Seiten Geschichte, 16.900
Seiten Naturwiss.+Math. Göttingen 1753-1808 29 Bde
Göttinger Abhandlungen, 3100 Seiten geschichte,
6300 Seiten Natwiss.+Math., Erfurt 1757-1809 18
Bde, 1200 Geschichte, 3700 Natwiss.+Math. Prag
1775-1798 14 bde, 2500 geschichte, 3100
Natwiss.+Math. Mannheim 1766-1798 10 Bde, 3000
Geschichte, 2075 Natwiss.+Math., 6000 meteorol.
Ephemeriden München 1763-1804 25 Bde, 4900
Geschichte, 6100 Natwiss.+Math., 1300 meteorol.
Ephemeriden Der hohe Anteil dr Geschichtswerke an
den Akademiepublikationen entspricht in keiner
Weise dem Rang der Historie an den deutschen
Universitäten, auch nicht in Göttingen. Er
resultiert aus dem nationalen Interesse, das sich
um eine historische Begründung bemüht – 1759 in
München: ohne die Geschichte können weder " der Ruhm noch die Gerechtsame der
deutschen Völker, unter welchen die bayerische
Nation den Vorrang des Altertums besitzt, in das
verdiente Licht gesetzt werden ". Die
geschichtswissenschaft als Instrument der
ruhmvollene eigenen Vergangenheit gehört zum
absolutistischen System fürstlicher
Repräsentation, sie steht im Dienste der
Staatsräson und hat die tatsächlichen Rechte zu
verteidigen oder die vermeintlichen Ansprüche zu
begründen. Die pädagogischen Anmsprüche des
ausgehenden 18. Jhs weisen ihr zusätzlich im
Bereich der Bildung einen besonders hohen
Stellenwert zu: Bildung des verstandes, Anleitung
zu sittlichem Handeln etc. Unterschiedliche
Finanzierung der Akademien: Berlin 1718: 6000
Taler, 1782: 26.000 Taler (= 78.000 Gulden!),
Mannheim 1763: 6.000 fl, 1773: 9000 fl, München
bis 1804: 5000 fl, ab 1804: 80.000 fl. Die
Mitgliederzahl hing auch von den besoldeten
Stellen ab: München: max. 18 (nie erreicht), davon
besoldet 2, Mannheim: 10 besoldet Göttingen: pro
Klasse 2 "arbeitende Mitglieder" = 6, und je 2 ao
Mitglieder KUPELWIESER war geleitet von "der Besorgnis, daß meine Heimat
Österreich etwa verabsäumen könnte, sich eines der
größten ihm von der Natur überlassenen Schätze,
nämlich des Minerals Uranpechblende,
wissenschaftlich zu bemächtigen, beschäftigt mich
schon seit dem bekanntwerden der rätselhaften
Emanation ihres Produktes: des 'Radiums'. Ich
wollte, soweit meine Kräfte reichen, zu verhindern
trachten, daß mein Vaterland die Schande treffe,
daß es eine ihm gewissermaßen als Privilegium von
der Natur zugewiesne Aufgabe sich habe von anderen
entreißen lassen ....
Ich verpflichte mich demgemäß
hiermit, unter Aufwendung eines Höchstbetrages von
fünfhunderttausend Kronen der geehrten Akademie
der Wissenschaften in Wien ein der physikalischen
Erforschung des Radiums dienendes Gebäude
herzustellen und einzurichten, falls die hohe
k.k. Regierung für diesen Zweck:
1. einen dem neu zu
erbauenden physikalischen Institut benachbart
gelegenen entsprechend großen Bauplatz der
geehrten Akademie um einen sehr billigen Preis
überläßt;
2. die Unterhaltung
und Führung des Instituts in den noch zu
vereinbarenden Grenzen übernimmt. Hierbei setze
ich voraus, daß die k.k. Regierung bereit sein
wird, der Akademie die für die wissenschaftlichen
Arbeiten dieses Instituts erforderlichen Rohstoffe
unentgeltlich oder zu einem mäßigen Preis zu
überlassen.
Hiernach werde ich der
geehrten Akademie aus meinen Mitteln den erwähnten
Bauplatz kaufen und im Einvernehmen mit ihr und
den von ihr zu bezeichnenden Forschern ein eigenes
Gebäude in architektonisch gefälliger Form
herstellen und für physikalische (nicht ärztliche)
Zwecke möglichst vollkommen und reichlich
einrichten .....". |
| 258 |
Zur Person Kupelwiesers bzw. seine Stellung
innerhalb des wissenschaftlichen Mäzenatentums im
alten Österreich dieser Zeit s. Höflechner,
Nichtstaatliche Wissenschaftsfinanzierung. |
| 259 |
Der erste Assistent des
Radium-Instituts war der nachmalige
Nobelpreisträger Victor F. Hess. |
| 260 |
Eine Tonne Pechblende enthält
etwa 0,14 Gramm Radium. |
| 261 |
Einen Höhepunkt erfuhr die
Entwicklung in gewisser Hinsicht, als – nachdem
1903 Elster
und Geitel mit
Hilfe des Crookschen Apparats das Aufblitzen der
Alphateilchen und damit das Sichtbarwerden
atomarer Wirkung ermöglicht hatten - Stefan Meyer diesen Effekt Mach vorführen konnte, der daraufhin
schlicht bekannte "Nun glaube ich an die Existenz
der Atome" und damit ein lebenslang vertretenes
Weltbild über Bord warf. Dies schildert Stefan Meyer in seinem Beitrag in der
Festschrift des Radiuminstituts S. 5. |
| 262 |
Dem Institut Pasteur kam eine
Pionierrolle zu , es wurde für Frankreich auf
lange Zeit ein Instrument der französischen „mission civisatrice“;
dazu und zur Entwicklung in Frankreich überhaupt
Harry W. Paul, Die Entwicklung der
Forschungsförderung im modernen Frankreich. In:
Forschung im Spannungsfeld von Politik und
Gesellschaft. Geschichte und Struktur der
Kaiser–Wilhelm-/Max–Planck–Gesellschaft. Aus Ablaß
ihres 75jährigen Bestehend hg v. Rudolf Vierhaus
und Bernhard vom Brocke, Stuttgart 1990, 695–725.
|
| 263 |
Die enorme Spende für das
Institut Pasteur im Jahre 1906 kann nicht in
diesen Zusammenhang gestellt werden. |
| 264 |
Der Begriff pratique bedeutet
nicht, dass es um Anwendungsorientierung ging,
sondern dass um Empirie, die Inanspruchnahme von
Augen und Händen, um Laboratorien, Observatorien,
Bibliotheken, Archive und überhaupt praktische
Anweisung (nicht ausübung bzw. Anwendung) ging. So
Paul 708 in Vierhaus/vom Brocke |
| 265 |
Ein 3 km langes Teilstück
wurde bereits 2007 auf die Betriebstemeperatur von
rund 2 Grad Kelvin (- 271 Grad Celsius) gebracht;
dabei schrumpfte die Anlage um 10 m Länge. |
| 266 |
Ego mundi civis esse cupio. |
| 267 |
Im Dictionnaire de l'Academie
Francaise 1694 heißt es, der Wissenschaftler
verweigere sich keiner Sache, lasse sich aber auch
durch nichts zwingen etc.; Bayle verpflichtet ihn zu einem
Maximum von Objektivität und moralischer
Integrität. |
| 268 |
Ein Beispiel sind die zahlreichen
Arbeiten des Danziger Philosophen Bartholomäus
Keckermann. |
| 269 |
Ein solcher war Ramon Lull mit seiner Ars combinatoria, mit
deren Hilfe er alles überhaupt mögliche Wissen
erfassen wollte. |
| 270 |
Bis in das 18. Jh erscheinen
derartige Werke häufig unter Titeln wie „Theatrum
...“, Thesaurus ...“, Bibliotheca ...“. S. dazu
Ulrich Johannes Schneider und Helmut Zedelmaier,
Wissensapparate. Die Enzyklopädistik der Frühen
Neuzeit. In: Macht des Wissens. Die Entstehung der
modernen Wissensgesellschaft, hg von Richard van
Dülmen und Sina Rauschenbach unter Mitwirkung von
Meinrad von Engelberg, Köln-Weimar-Wien 2004,
349-363; dort auch weitere Literatur.. |
| 271 |
S. Isabella von Treskow,
Universalwissenschaft. Ein barockes Wissensmodell
aus der Perspektive des Hans von Gersdorff. In:
Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen
Wissensgesellschaft, hg von Richard van Dülmen und
Sina Rauschenbach unter Mitwirkung von Meinrad von
Engelberg, Köln-Weimar-Wien 2004, 323-348, 323.
|
| 272 |
Der Begriff „locus“ ist schon in der Rhetorik
ein Ordungsbegriff; in der spätmittelalterlichen
Theologie bezeichnete man mit loci communes (eigentlich
„Gemeinplatz“) die Grundlehren der christlichen
Dogmatik, also das, was als selbstverständlich
allgemein verfügbar beherrscht werden sollte; der
Begriff hat dann im 16. Jh eine neue Dimension
gewonnen; daran war auch Petrus Ramus wesentlich beteiligt. S. Wilhelm Schmidt-Biggemann, Topica
universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer
und barocker Wissenschaft, Hamburg 1983, und
Ulrich Dierse, Enzyklopädie. Zur Geschichte eines
philosophischen und wissenschaftstheoretischen
Begriffs, Bonn 1977. |
| 273 |
Bereits die graphische
Organisation von „Urtext“, Kommentar, Kommentar
zum Komentar etc. in mittelalterlichen
Handschriften diente der Abbildung der einzelnen
Ebenen und erleichterte somit dem Benützer die
Differenzierung. Dies wird im 17. Jh
wesentlich verfeinert, das Druckbild des Bayleschen Dictionaire zeugt davon.
|
| 274 |
Gessner befasste sich mit der
Ermöglichung des raschen Auffindens von
Information durch den Leser. Er selbst dürfte noch
im alten Stil mit gebundenen Notizen gearbeitet
haben; nur für das Register verwendete er eine
Verzettelungsmethode, die er auch beschreibt. Erst
im 17. Jh sind flexible System – ordenbare Zettel
– nachweisbar, 1689 beschreibt der deutsche
Gelehrte Vinzent Placcius erstmals einen Karteischrank
(„machina“) zur
Organisation von Exzerpten – De arte excerpendi.
Vom gelehrten Buchhalten liber singularis,
Stockholm-Hamburg 1689 (nach Schneider-Zedelmaier
in Macht des Wissens 357). |
| 275 |
Die deutsche Übersetzung, besorgt
von Gottsched, erschien in vier Bänden in
Leipzig 1741-1744 und ist 1997 im Reprint
erschienen. |
| 276 |
Johann Heinrich Zedler (1706-1751), das Werk ist nun
auch on-line verfügbar. |
| 277 |
S. dazu auch Winfried Schulze,
Zur Geschichte der Fachzeitschriften. Von der
'Historischen Zeitschrift' zu den 'zeitenblicken',
in: historicum.net 2,2 (2003) oder online |
| 278 |
Oken, eigentlich Okenfuß, war
Mediziner und Professor der Naturgeschichte etc.
zumeist in München, gründete 1816 die Zeitschrift
„Isis“, die bis 1848 als offenes Diskussionsforum
für alle Wissenschaften außer Theologie und
Jurisprudenz erschienen ist (zeitweise verboten.
Oken galt als streitbar. Er verfaßte
u.a. ein dreibändiges Lehrbuch der
Naturphilosophie (Jena 1809-1811) und eine
Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände, 13 Bde
Stuttgart 1833-1845. |
| 279 |
Babbage hatte 1832 seine Difference
machine, dann die Analytical machine vorgestellt
und hat gemeinsam mit Ada Lovelace = Ada Augusta Byron, einer Tochter Lord Byrons, die die Programmierung
theoretisch beschrieb, die Sache weiter betrieben.
Die britische Regierung hat ihre Unterstützung
1842 eingestellt, Babbage arbeitete weiter. Beide
zusammen gelten als Vorläufer der Entwicklung der
Computertechnologie. Babbage hat eine Reihe bedeutender
Erfindungen getätigt und auch als erster eine
Vigenère-Chiffre entschlüsselt. |
| 280 |
Die Ausführungen basieren auf
diesem Widipedia-Artikel
|
| 281 |
Indem Andreas von Baumgartner den Studierenden ein
einigermaßen zeitgemäßes Lehrbuch mit seiner
"Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit
Rücksicht auf mathematische Begründung" in die
Hand und mit einem Fachkollegen ab 1826 die erste
Fachzeitschrift für Physik in Österreich
herausgab. |
| 282 |
Als aber in den 1830er Jahren der
Augustiner Chorherr Josef Chmel aus St. Florian die
Vorstellung entwickelte, man müsse eine umfassende
Geschichte Österreichs als eines Culturstaates in
Angriff nehmen und dafür wirklich ad fontes gehen, was mit Hilfe
einer Gruppe von Mönchen in den Klosterarchiven
geschehen sollte, widersetzten sich die Äbte und
auch Wiener Stellen. |
| 283 |
Einer der frühesten ist übrigens
das vielhundertseitige Tagebuch des Erzherzogs
Johann über
seine Englandreise 1815/16. |
| 284 |
Bereits im April 1848 wurde, als
in der Constitutionellen Donau-Zeitung über die
Reformen des öffentlichen Unterrichts in
Österreich berichtet wurde, die neue deutsche
Terminologie verwendet und festgestellt: „Der Ausdruck Fakultät bezeichnet im
Folgenden, nicht wie es bei uns üblich ist, eine
Corporation von Doctoren, sondern nach dem
Sprachgebrauche aller auswärtigen deutschen
Universitäten, mit Inbegriff der Lehrenden und
Lernenden, eine der bekannten Hauptabteilungen,
aus welchen die Universitäten von altersher
bestehen“; Meister, Entwicklung und
Reformen 2,231. |
| 285 |
Meister 2,231f. |
| 286 |
Die Neugestaltung der
österreichischen Universitäten über Allerhöchsten
Befehl dargestellt von dem k.k. Ministerium für
Kultus und Unterricht. August 1853, Wien 1853, 92.
|
| 287 |
Beck-Kelle 93 (18481211). |
| 288 |
Beck-Kelle 187 (18481219), auch
Beck-Kelle 202 (18490105). |
| 289 |
Der nicht wissenschaftlichen
Aspekten geltende Unterricht, wie er bis dahin an
den Universitäten durchaus auch vertreten war
(Lehre von Fertigkeiten wie Stenographie,
Kalligraphie etc.) wurde von der Universität
verbannt – Beck-Kelle 143 (18490207). |
| 290 |
Franz Josef war bis in den Sommer 1849 mit
der fortwährenden Auseinandersetzungen mit der
Revolution in Ungarn befasst und bahnte überhaupt
generell eine Neuordnung des Staatswesens an, die
er nach der Unterwerfung Ungarns mit russischer
Hilfe und nach der Einigung mit Friedrich Wilhelm
IV. von
Preußen im September 1849 planvoll fortsetzte.
|
| 291 |
Nicht war dies in Bezug auf die
Gymnasien der Fall – für diese wurde den Bischöfen
neuerlich ein Aufsichtsrecht über die Gymnasien
gewährt, weil „die
Christianisierung … nicht minder vom Geiste, in
welchem der Unterricht in allen Fächern erteilt
wird, abhängig“ sei, weshalb auch nur
Katholiken zum Lehramt zugelassen wurden. |
| 292 |
Unter dem 30. Juni 1850
(Beck-Kelle 379) wurde die Vorleseordnung
erlassen, in der der vor 1848 undenkbare Usus,
dass die Lehrenden ihrerseits dem Dekan bekannt
geben, was sie im kommenden Semester zu lesen
gedächten, mit allen begeleitenden Umständen
festgeschrieben wurde. Unter demselben Datum
(Beck-Kelle 605) folgte die Studienordnung der
katholisch-theologischen Diözesan- und
Klosterlehranstalten und Fakultäten. Am
12. Juli 1850 (Beck-Kelle 391) erfolgte die
Einführung der Kollegiengelder. Am 1. Oktober
1850 (Beck-Kelle 365) wurde die allgemeine
Studienordnung für die Fakultätsstudien
kundgemacht. Unter dem 8. Oktober 1850
(Beck-Kelle 630) erfolgte die Organisation der
Evangelsich-theologischen Lehranstalt in Wien. Am
18. Oktober 1850 (Beck-Kelle S. 22) erfolgte
die Aufhebung des Lyzeums in Salzburg und die
Erhebung der dortigen theologischen Lehranstalt
zur Fakultät. |
| 293 |
Es wurde unter dem 27. April
1873 in eine definitive Fassung gebracht und unter
dem 20. Juli 1922 in organisatorischer
Hinsicht vergleichsweise geringfügig abgeändert –
rechtlich erfolgte allerdings eine bedeutende
Änderung, indem die Universitäten als „deutsche
Lehr- und Forschungsstätten“ definiert wurden.
1955 wurde die Struktur im wesentlich im Rahmen
des HOG 1955 übernommen. |
| 294 |
1875 wurde die Universität
Czernowitz vom Kaiser anlässlich ihrer Gründung
als Korporation angesprochen. |
| 295 |
Beck-Kelle 365. |
| 296 |
Nicht erst seit der Sistierung
der Verfassung mit dem Silvesterpatent von 1851.
|
| 297 |
In den Revolutionstagen hatte man
anlässlich der Zensuraufhebung Josefs II.
Statue geschmückt und diesen Kaiser gefeiert.
|
| 298 |
Er sei – so hat es Hans Lentze ausgedrückt –
durch einen „Josephinismus-Komplex“ geprägt
gewesen; er schrieb dem staatskirchlichen
Josephinismus die negative Entwicklung im Vormärz
zu und sah in der katholischen Restauration die
Lösung. |
| 299 |
Jarcke war in der strengen
protestantischen Welt Danzigs aufgewachsen, 1825
im Rheinland zum Katholizismus übergetreten, dann
als Strafrechtler an der Universität Berlin und
als leitender Redakteur des „Berliner Politischen
Wochenblatts“ tätig gewesen, worauf ihn Metternich 1832 als Nachfolger von
Gentz als
Staatskanzleipublizisten nach Wien holte; Jarcke begründete
wenig später gemeinsam mit Görres die
„Historisch-Politischen Blätter für das
katholische Deutschland“. |
| 300 |
Beider Ideal war eine beschränkte
Lehrfreiheit, mit deren Hilfe die Regierung
unliebsame Professoren fernhalten können sollte,
Lentze 85ff. |
| 301 |
Der österreichische Provinzial
konnte Professoren einsetzen und abberufen, auch
den Dekan ernennen (1873 fiel diese Regelung,
wurde aber im Konkordat von 1933 wieder erneuert).
|
| 302 |
Die konservativ-katholischen
Opposition diskutierte damals (1848-1854!!!!) die
zwangsweise Unterbringung der Studierenden in
Konvikten spätmittelalterlichen Zuschnitts zur
Hintanhaltung von Ablenkung und schädlichen
Einflüssen, natürlich mit täglichem akademischem
Gottesdienst, und zwecks Erzielung höchster
Effizienz und Kontrolle, auch mit pflichtigen
„Normallehrbüchern“ im Sinne eines Instruments
gegen als negativ bewertete Tendenzen und auch,
wie unliebsame Ansichten verbreitende Professoren
zu maßregeln seien; Jarcke und Thun-Hohenstein aber vertraten die
Ansicht, dass es kein Kontrollsystem geben solle,
dass es vielmehr auf den rechten Lehrer ankomme. –
Die provisorische Disziplinarordnung vom
13. Oktober 1849 (Beck-Kelle 523) kann in
Hinblick auf die Zeitumstände als moderat
beurteilt werden; sie verpflichtete die
akademischen Behörden zum Schutz „der Freiheit des akademischen Unterrichtes und
Lebens im Einklange mit dem Zweck der
Universitäten, welcher zuoberst in der Pflege
echter Wissenschaftlichkeit und wahrer
Charakterpflege besteht“ und zur
Verhinderung jeglichen Missbrauches. Ein
studentisches Versammlungsrecht bestand nur auf
akademischem Boden, Studentenverbindungen waren
(bis 1867) nicht gestattet. |
| 303 |
Höfler, der in der Revolution in München
gegen Lola Montez aufgtreten war, zählte zu
Thun-Hohensteins engerem Beraterkreis. Ähnlich der
einst badische Historiker Johann Baptist Weiß, der
1891 im Zusammenhang mit seiner Quieszierung gegen
die Ernennung des protestantischen Mediävisten
Busson Sturm lief, weil in einem Lande, dessen
Bewohner der Mehrzahl nach Katholiken seien, nur
ein katholischer Professor denkbar sei. |
| 304 |
Allerdings hat er 1851 dessen
Wahl zum Dekan nicht bestätigt, um die katholische
Opposition, die die Universität als eine
geistliche Institution betrachtete, nicht allzu
sehr herauszufordern. |
| 305 |
Neugestaltung 105. |
| 306 |
Von der Lern- und Lehrfreiheit
heißt es 1851 im Zusammenhang mit der
Reichsratdebatte über die Unterichtsreform, sie
sei sehr rasch „in die
absolute Freyheit Nichts zu lehren und zu
lernen“ umgeschlagen, Lentze 149. |
| 307 |
Ziel dieser Arbeit war es, „nachzuweisen, ob und in welchem Maße
das in der Mehrzahl der Kronländer in’ Leben
gerufene neue Unterrichts-System den von ihm
gehegten Erwartungen entsprochen habe“,
Neugestaltung 3. |
| 308 |
Neugestaltung 18. |
| 309 |
Neugestaltung 20. |
| 310 |
Neugestaltung 22f. |
| 311 |
Neugestaltung 61f. |
| 312 |
Hinsichtlich der Ausrichtung der
Studien verfügte man zwar bereits über die
Einsicht, dass das Universitätsstudium „wissenschaftliches Verständnis,
gründliches Wissen desjenigen, was bleibenden
Werth hat, nicht aber ein Abrichten für die
nächsten Zwecke des Kanzleidienstes zum
Ziele“ haben müsse, will aber bei aller
zu gewährenden Lehrfreiheit doch auch an wirksamer
Kontrolle festhalten. – Vom Geist der Wissenschaft
ist noch wenig zu bemerken. Die philosophischen
Studien sollen Verharren in ihrer
Jahrgangsstruktur und im Anspruch einer auf alle
Fächer – Geisteswissenschaften, Mathematik und
Naturwissenschaften sowie Philosophie – sich
erstreckenden Ausbildung. Bezeichnend ist die
Abfolge der Disziplinen in der Darstellung: An
ihrer Spitze steht die Klassische Philologie, es
folgenden die anderen Philologien samt der
Sprachwissenschaft, dann die
Geschichtswissenschaft, dann sehr knapp behandelt
die Mathematik und die Naturwissenschaften und zum
Abschluß erst die Philosophie, in der man eine
„größere Schwierigkeit“ erblickte (Neugestaltung).
|
| 313 |
Der diesbezüglich alles
entscheidende Faktor war letztlich die Medizin.
Die bereits im Vormärz ventilierte Vorstellung,
dass nur Volluniversitäten existieren sollten,
ließ die Entscheidung zur Errichtung Medizinischer
Fakultäten in Graz und Innsbruck zur Entscheidung
über ihr Weiterbestehen werden. Darüber hinaus
hatte dies enorme Wirkung auf die als zentral
erkannte philosophische Fakultät, indem nun die
Naturwissenschaften, die bis dahin z.T. noch im
Sinne der alten Vorbereitungswissenschaften für
die medizinisch-chirurgischen Studien mit lokalen
Institutionen wie etwa dem Joanneum in Graz,
verknüpft gewesen waren und noch in
„Sammelprofessuren“ für „Naturgeschichte“
wahrgenommen wurden, in rascher Folge – die Physik
allen voran – gemeinsam mit der Mathematik
erneuert wurden, indem den alten Professoren junge
Leute als Extraordinarien zur Seite gestellt
wurden, d.h. Nachbesetzungen bei lebendigem Leibe
vorgenommen wurden. Man kann sich schwerlich einen
größeren Kontrast vorstellen als den altgedienten,
62jährigen, bereits 1836 für Laibach ernannten
Physiker Karl Hummel neben dem 26jährigen Victor von
Lang oder dem
ebenfalls 26jährigen Ernst Mach, jungen, unbekümmerten und
tatendurstigen Wissenschaftlern neuen Zuschnitts
und voller Selbstbewusstsein. |
| 314 |
Als ein wesentliches Element der
Erneuerung, aber auch auf lange Sicht politisch in
tragischer Weise wirksam, möchte ich die
klimatische Veränderung bezeichnen, die sich in
den 1860er Jahren anbahnte und nach 1867 vollzog
und erst in den 1880er Jahren etwas erlahmte: Den
Optimismus einerseits und die allzuhohe
Selbstgewissheit und Erfolgssicherheit – ganz gut
vielleicht skizzierbar mit dem Diktum Jakob
Burckhardts von 1871, dass nun die ganze Welt von
Adam an siegesdeutsch angestrichen würde. |
| 315 |
Betrachtet man den
Umgestaltungsprozess hinsichtlich seiner Wirkung,
so muß man differenzieren zwischen Wien und
Nicht-Wien, wobei Prag in gewisser Hinsicht auf
Grund seiner traditionellen Nähe zu deutschen
Universitäten eine gewisse Sonderstellung einnahm.
– In Wien wurden im Studienjahr 1848/49
richtungsweisende und ungemein belebende
Neuberufungen im Bereich der theoretischen Fächer
der Medizin durchgeführt, deren Wirkung enorm war
und den Kontrast zwischen der „alten Besatzung“
und den schließlich ja ebenfalls durch die
Revolution beflügelten „jungen Neuen“, die bereits
aus einer wissenschaftlich wesentlich weiter
entwickelten und auch sonst ganz anders gearteten
Welt kamen, deutlich machten. Auch die Einrichtung
des Physikalischen Instituts unter der Leitung
Christian Dopplers erwies sich als höchst
fruchtbar wie auch die 1849 eingerichtete
Geologische Reichsanstalt und die 1851 begründete
„k.k. Centralanstalt für meteorologische und
magnetische Beobachtungen" – sie alle haben
maßgeblich zur Entwicklung der Naturwissenschaften
in Österreich beigetragen. |
| 316 |
Als die Drucklegung dieses Werkes
anstand, wurde an der Universität erwogen, ob man
gegen diese Formulierung rechtliche Schritte
einleiten könne. |
| 317 |
Sieht man von der de facto
Abspaltung durch die Polonisierung der
Universitäten in Krakau und in Lemberg ab. |
| 318 |
Tatsächlich ist damals, als die
Finanzierbarkeit der Universitäten nicht nur in
Österreich an ihre Grenze zu stoßen schien, eine
gewisse Erweiterung der Budgetierung etwa der
Universität Wien erfolgt und ein akademischer
„Rüstungskredit“ in der Höhe 100 Millionen Kronen
in Aussicht genommen worden. Wichtiger noch als
der finanzielle Aspekt dieser Problematik waren
aber auf lange Sicht hin die klimatischen
Konsequenzen. |
| 319 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck Dies gilt ganz besonders für
den deutschsprachigen Bereich; als Beispiele sei
hier ein Vergleich der Philosophischen Fakultäten
der Universitäten Leipzig und Wien gegeben, der in
aller Deutlichkeit die ungleich stärkere
Differenzierung der Geisteswissenschaften
gegenüber den Naturwissenschaften an den deutschen
und diesen nahestehenden Universitäten erweist:
Leipzig Wien gw. nw. kw. gw. nw. kw. 1854 12 7 4
16 12 1 1881 22 14 4 29 26 - 1901 47 29 8 40 32 -
Als Beispiel sei hier darauf hingewiesen, daß man
1803 in Bayern eine Kategorisierung der an den
Universitäten zu lehrenden Disziplinen vornahm,
die 1805 in Österreich noch etwas verfeinert
worden ist und die geeignet ist, unseren Blick auf
wesentliche Kriterien zu lenken; man unterschied
nämlich im Bereich der Philosophischen Studien
drei Gruppen von Wissenschaften: 1
Grundlegende Wissenschaften 2 Solche,
die in näherer Beziehung zu einem Berufsstudium
stehen 3 Solche, die einen eigenen
von den übrigen höheren Wissenschaften
unabhängigen Beruf ausmachen. In Göttingen gab es
auch eine eigene Preisstiftung für die Sozietät.
Publikationstätigkeit allgemein: Berlin 1740-1811
60 Bde Memoires, 3100 Seiten Geschichte, 16.900
Seiten Naturwiss.+Math. Göttingen 1753-1808 29 Bde
Göttinger Abhandlungen, 3100 Seiten geschichte,
6300 Seiten Natwiss.+Math., Erfurt 1757-1809 18
Bde, 1200 Geschichte, 3700 Natwiss.+Math. Prag
1775-1798 14 bde, 2500 geschichte, 3100
Natwiss.+Math. Mannheim 1766-1798 10 Bde, 3000
Geschichte, 2075 Natwiss.+Math., 6000 meteorol.
Ephemeriden München 1763-1804 25 Bde, 4900
Geschichte, 6100 Natwiss.+Math., 1300 meteorol.
Ephemeriden Der hohe Anteil dr Geschichtswerke an
den Akademiepublikationen entspricht in keiner
Weise dem Rang der Historie an den deutschen
Universitäten, auch nicht in Göttingen. Er
resultiert aus dem nationalen Interesse, das sich
um eine historische Begründung bemüht – 1759 in
München: ohne die Geschichte können weder " der Ruhm noch die Gerechtsame der
deutschen Völker, unter welchen die bayerische
Nation den Vorrang des Altertums besitzt, in das
verdiente Licht gesetzt werden ". Die
geschichtswissenschaft als Instrument der
ruhmvollene eigenen Vergangenheit gehört zum
absolutistischen System fürstlicher
Repräsentation, sie steht im Dienste der
Staatsräson und hat die tatsächlichen Rechte zu
verteidigen oder die vermeintlichen Ansprüche zu
begründen. Die pädagogischen Anmsprüche des
ausgehenden 18. Jhs weisen ihr zusätzlich im
Bereich der Bildung einen besonders hohen
Stellenwert zu: Bildung des verstandes, Anleitung
zu sittlichem Handeln etc. Unterschiedliche
Finanzierung der Akademien: Berlin 1718: 6000
Taler, 1782: 26.000 Taler (= 78.000 Gulden!),
Mannheim 1763: 6.000 fl, 1773: 9000 fl, München
bis 1804: 5000 fl, ab 1804: 80.000 fl. Die
Mitgliederzahl hing auch von den besoldeten
Stellen ab: München: max. 18 (nie erreicht), davon
besoldet 2, Mannheim: 10 besoldet Göttingen: pro
Klasse 2 "arbeitende Mitglieder" = 6, und je 2 ao
Mitglieder KUPELWIESER war geleitet von "der Besorgnis, daß meine Heimat
Österreich etwa verabsäumen könnte, sich eines der
größten ihm von der Natur überlassenen Schätze,
nämlich des Minerals Uranpechblende,
wissenschaftlich zu bemächtigen, beschäftigt mich
schon seit dem bekanntwerden der rätselhaften
Emanation ihres Produktes: des 'Radiums'. Ich
wollte, soweit meine Kräfte reichen, zu verhindern
trachten, daß mein Vaterland die Schande treffe,
daß es eine ihm gewissermaßen als Privilegium von
der Natur zugewiesne Aufgabe sich habe von anderen
entreißen lassen ....
Ich verpflichte mich demgemäß
hiermit, unter Aufwendung eines Höchstbetrages von
fünfhunderttausend Kronen der geehrten Akademie
der Wissenschaften in Wien ein der physikalischen
Erforschung des Radiums dienendes Gebäude
herzustellen und einzurichten, falls die hohe
k.k. Regierung für diesen Zweck:
1. einen dem neu zu
erbauenden physikalischen Institut benachbart
gelegenen entsprechend großen Bauplatz der
geehrten Akademie um einen sehr billigen Preis
überläßt;
2. die Unterhaltung
und Führung des Instituts in den noch zu
vereinbarenden Grenzen übernimmt. Hierbei setze
ich voraus, daß die k.k. Regierung bereit sein
wird, der Akademie die für die wissenschaftlichen
Arbeiten dieses Instituts erforderlichen Rohstoffe
unentgeltlich oder zu einem mäßigen Preis zu
überlassen. Geht man der Frage der
Entwicklung in Österreich unter quantitativen
Gesichtspunkten nach, so ergibt sich letztlich ein
recht beeindruckendes Bild. Beeindruckend
allerdings vor allem auf Grund der Ärmlichkeit der
Ausgangslage. Ich darf Ihnen hier einige Graphiken
zeigen, die ich im Zuge diverser Arbeiten
zusammengestellt habe und die geeignet sein mögen,
den Prozess zwischen 1848 und 1914/18 optisch zu
verdeutlichen. Ich darf zuerst Graz als Beispiel
hernehmen – hier die Gesamtfakultät, und hier,
vereinfacht und deutlicher, die beiden Teile –
Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Als
typisches Beispiel ist die Philosophische Fakultät
zu sehen, die von xx LKK im Jahre 1848/49 auf xxx
LKK im Jahre 1914 anwächst. Analoge Werte haben
wir auch an anderen Universitäten, sie kann ich
nur zahlenmäßig anführen: Leipzig, Berlin (ex
Acham-Aufsatz). Vergleicht man damit die anderen
Fakultäten, so werden hier nicht näher zu
erörternde fachbedingte strukturelle Differenzen
augenfällig. Bezüglich Wiens ist das Ganze
natürlich eine Dimension größer. Hier kann ich
Ihnen – leider optisch sehr schlecht – nur die
Geisteswissenschaften vorführen. Wie immer man es
nimmt, ich denke, diese Beispiele zeugen doch von
enormen Anstrengungen und einer beachtlichen
Entwicklung innerhalb eines kurzen Zeitraums und
von einer wenig günstigen Ausgangslage aus. |
| 320 |
1508 Wien - 1586 Nürnberg, hat
gemeinsam mit seinem Sohn Abraham vor allem
Zirkel, Kompasse, Quadranten und andere
geometrische Geräte gebaut. |
| 321 |
Man zeigte in Prag lange den
Stuhl, auf welchem sitzend der Kaiser über
Vermittlung des italienischen „Faust" Scoto mit dem Teufel gesprochen haben
soll; viele Legenden ranken sich um die angebliche
Diskussion Rudolfs II. auch mit dem hohen Rabbi
Löw im Jahre 1592. |
| 322 |
Das Kabinett enthielt an
Mineralien anfänglich vornehmlich große Gold- und
Silberklumpen aus Amerika, riesige Opale und eine
Fülle von Edelsteinen. |
| 323 |
(1684 -23. 11. 1758 Wien) Baillou war am
lothringischen Hof aufgewachsen, seine Ausbildung
erfolgte unter Aufsicht des Prinzen EUGEN,
teilweise in Paris. 1725 wurde er Chef der
Artillerie und des Ingenieurswesens des Herzogs
von Parma, später wurden ihm auch noch die
Bergwerke etc. unterstellt. 1731 ist Baillou in
toskanisch-mediceische Dienste und damit 1737 in
jene Franz
Stephans getreten. Baillou hielt sehr
geschätzte Vorlesungen über Experimentalphysik,
schuf zahlreiche Wasser- und Luftdruckautomaten im
Rahmen einer magischen Grotte in Parma, über die
Beschreibungen in mehreren Sprachen erschienen.
Selbst verfaßte er ein siebenbändiges Werk über
Edelsteine, Metalle und Fossilien, das allerdings
auf Grund des Todes des Herzogs von Parma nicht
gedruckt worden ist. |
| 324 |
Deren Zweck war hauptsächlich
zoologischer und botanischer Natur zur
Bereicherung der 1752 begründete Menagerie und des
1753 eröffneten Botanischen Garten in Schönbrunn.
|
| 325 |
Das Wort Platin wird abgeleitet
von span. platina = schlechtes Silber, Silberchen.
Das Metall war von einem spanischen Mathematiker
im 16. Jh in Südamerika aufgefunden, aber
erst 1752 von einem Schweden als eigenes Metall
erkannt worden. Bis 1824 kannte man nur
außereuropäische Platinvorkommen, 1824 wurde das
bis heute größte bekannte Vorkommen im Ural
entdeckt, worauf die Russen Platinmünzen prägten,
die sich aber nicht bewährten und 1845 wieder
eingezogen wurden. |
| 326 |
Es war dies nicht die Entdeckung
vollständigen Verbrennbarkeit von Diamanten, diese
erfolgte vorher schon durch Italiener. Ziel war
es, kleinere Diamanten zu größeren zu
verschmelzen, was natürlich damit endete, dass die
kleinen Diamanten praktisch rückstandlos
verbrannten. |
| 327 |
Cronstaedt ging trotz starker chemischer
Interessen – er führte das Lötrohr in die
Mineralchemie ein – von äußeren merkmalen aus,
schied erstmals zwischen homogenen Mineralien und
Gesteinen. Er stand wie Wallerius
Linné nahe. |
| 328 |
Die ersten sieben Leiter der
Bibliothek waren: Zenodotos von Ephesos (ca. 285 bis 270
v.Chr.), der Grammatiker und Schüler des Dichters
Philetas wird als erster Leiter der Bibliothek und
Prinzenerzieher genannt Apollonius von Rhodos (ca. 270 bis 245
v.Chr.), Schriftsteller, Literaturtheoretiker und
ein Schüler des Kallimachos Eratosthenes von Kyrene (245 bis
204/201 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos, berühmt geworden durch die Berechnung
des Erdumfanges, befasste sich mit Geographie,
Mathematik, Chronologie und Grammatik Aristophanes von Byzanz (204/201
v.Chr. bis 189 v.Chr.), ebenfalls ein Schüler des
Kallimachos und des Eratosthenes, war Philologe
(Textkritiker) und Grammatiker Apollonius Eidograph (189/186 v.Chr.
bis 175 v.Chr.), über ihn ist so gut wie nichts
bekannt Aristarch von Samothrake (175 bis 145
v.Chr.), ein Schüler des Aristophanes, war
Philologe Kydas von den Speerträgern (145 bis
116 v.Chr.) 1. Buch: Von den
Disziplinen und Künsten: septem artes liberales –
Allgemeine Schriften – Grammatik, Prosa, Metrik,
Erzählungen, Geschichte 2.
Buch: Rhetorik: Dialektik 3.
Buch: Arithmetik: Geometrie – Musik –
Astronomie (Rationale Astronomie, Astrologie) 4.
Buch: Medizin 5.
Buch: Recht: Zeit 6.
Buch: Altes und Neues Testament 7.
Buch: Gott, Patriarchen, Klerus, Mönche
8. Buch: Kirche und Synagoge (Religion,
Glaube, Ketzerei): Arten der Philosophie – Dichter
– Sibyllen, Zauberer, Heiden 9.
Buch: Arten der Sprachen und Völker:
Königtum und Militär – Städte 10.
Buch: Verschiedene nach dem Alphabet
geordnete Dinge 11. Buch: Der Mensch
und Teile seines Körpers: Altersstufen und
Temperamente des Menschen 12.
Buch: Tiere 13. Buch: Welt
(Atome, Elemente, Himmel, Gewässer) 14.
Buch: die Erde und ihre Teile, Europa,
Lybien, Inseln 15. Buch: Staaten:
Öffentliche Bauten, Felder und ihre Vermessung 16.
Buch: Bodenarten, Steine, Kristalle,
Metalle, Gewichte, Maße, Zeichen 17.
Buch: Landwirtschaft 18.
Buch: Kriege (Heere etc.): Kriegskunst
– Wettkämpfe samt Geräten – Schauspiele (Theater,
Bühne, Schauspieler; Sportspiele) 19.
Buch: Gerichte: Plastik – Malerei –
Kleidung und Schmuck Dies gilt ganz besonders für
den deutschsprachigen Bereich; als Beispiele sei
hier ein Vergleich der Philosophischen Fakultäten
der Universitäten Leipzig und Wien gegeben, der in
aller Deutlichkeit die ungleich stärkere
Differenzierung der Geisteswissenschaften
gegenüber den Naturwissenschaften an den deutschen
und diesen nahestehenden Universitäten erweist:
Leipzig Wien gw. nw. kw. gw. nw. kw. 1854 12 7 4
16 12 1 1881 22 14 4 29 26 - 1901 47 29 8 40 32 -
Als Beispiel sei hier darauf hingewiesen, daß man
1803 in Bayern eine Kategorisierung der an den
Universitäten zu lehrenden Disziplinen vornahm,
die 1805 in Österreich noch etwas verfeinert
worden ist und die geeignet ist, unseren Blick auf
wesentliche Kriterien zu lenken; man unterschied
nämlich im Bereich der Philosophischen Studien
drei Gruppen von Wissenschaften: 1
Grundlegende Wissenschaften 2 Solche,
die in näherer Beziehung zu einem Berufsstudium
stehen 3 Solche, die einen eigenen
von den übrigen höheren Wissenschaften
unabhängigen Beruf ausmachen. In Göttingen gab es
auch eine eigene Preisstiftung für die Sozietät.
Publikationstätigkeit allgemein: Berlin 1740-1811
60 Bde Memoires, 3100 Seiten Geschichte, 16.900
Seiten Naturwiss.+Math. Göttingen 1753-1808 29 Bde
Göttinger Abhandlungen, 3100 Seiten geschichte,
6300 Seiten Natwiss.+Math., Erfurt 1757-1809 18
Bde, 1200 Geschichte, 3700 Natwiss.+Math. Prag
1775-1798 14 bde, 2500 geschichte, 3100
Natwiss.+Math. Mannheim 1766-1798 10 Bde, 3000
Geschichte, 2075 Natwiss.+Math., 6000 meteorol.
Ephemeriden München 1763-1804 25 Bde, 4900
Geschichte, 6100 Natwiss.+Math., 1300 meteorol.
Ephemeriden Der hohe Anteil dr Geschichtswerke an
den Akademiepublikationen entspricht in keiner
Weise dem Rang der Historie an den deutschen
Universitäten, auch nicht in Göttingen. Er
resultiert aus dem nationalen Interesse, das sich
um eine historische Begründung bemüht – 1759 in
München: ohne die Geschichte können weder " der Ruhm noch die Gerechtsame der
deutschen Völker, unter welchen die bayerische
Nation den Vorrang des Altertums besitzt, in das
verdiente Licht gesetzt werden ". Die
geschichtswissenschaft als Instrument der
ruhmvollene eigenen Vergangenheit gehört zum
absolutistischen System fürstlicher
Repräsentation, sie steht im Dienste der
Staatsräson und hat die tatsächlichen Rechte zu
verteidigen oder die vermeintlichen Ansprüche zu
begründen. Die pädagogischen Anmsprüche des
ausgehenden 18. Jhs weisen ihr zusätzlich im
Bereich der Bildung einen besonders hohen
Stellenwert zu: Bildung des verstandes, Anleitung
zu sittlichem Handeln etc. Unterschiedliche
Finanzierung der Akademien: Berlin 1718: 6000
Taler, 1782: 26.000 Taler (= 78.000 Gulden!),
Mannheim 1763: 6.000 fl, 1773: 9000 fl, München
bis 1804: 5000 fl, ab 1804: 80.000 fl. Die
Mitgliederzahl hing auch von den besoldeten
Stellen ab: München: max. 18 (nie erreicht), davon
besoldet 2, Mannheim: 10 besoldet Göttingen: pro
Klasse 2 "arbeitende Mitglieder" = 6, und je 2 ao
Mitglieder KUPELWIESER war geleitet von "der Besorgnis, daß meine Heimat
Österreich etwa verabsäumen könnte, sich eines der
größten ihm von der Natur überlassenen Schätze,
nämlich des Minerals Uranpechblende,
wissenschaftlich zu bemächtigen, beschäftigt mich
schon seit dem bekanntwerden der rätselhaften
Emanation ihres Produktes: des 'Radiums'. Ich
wollte, soweit meine Kräfte reichen, zu verhindern
trachten, daß mein Vaterland die Schande treffe,
daß es eine ihm gewissermaßen als Privilegium von
der Natur zugewiesne Aufgabe sich habe von anderen
entreißen lassen ....
Ich verpflichte mich demgemäß
hiermit, unter Aufwendung eines Höchstbetrages von
fünfhunderttausend Kronen der geehrten Akademie
der Wissenschaften in Wien ein der physikalischen
Erforschung des Radiums dienendes Gebäude
herzustellen und einzurichten, falls die hohe
k.k. Regierung für diesen Zweck:
1. einen dem neu zu
erbauenden physikalischen Institut benachbart
gelegenen entsprechend großen Bauplatz der
geehrten Akademie um einen sehr billigen Preis
überläßt;
2. die Unterhaltung
und Führung des Instituts in den noch zu
vereinbarenden Grenzen übernimmt. Hierbei setze
ich voraus, daß die k.k. Regierung bereit sein
wird, der Akademie die für die wissenschaftlichen
Arbeiten dieses Instituts erforderlichen Rohstoffe
unentgeltlich oder zu einem mäßigen Preis zu
überlassen. Geht man der Frage der
Entwicklung in Österreich unter quantitativen
Gesichtspunkten nach, so ergibt sich letztlich ein
recht beeindruckendes Bild. Beeindruckend
allerdings vor allem auf Grund der Ärmlichkeit der
Ausgangslage. Ich darf Ihnen hier einige Graphiken
zeigen, die ich im Zuge diverser Arbeiten
zusammengestellt habe und die geeignet sein mögen,
den Prozess zwischen 1848 und 1914/18 optisch zu
verdeutlichen. Ich darf zuerst Graz als Beispiel
hernehmen – hier die Gesamtfakultät, und hier,
vereinfacht und deutlicher, die beiden Teile –
Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Als
typisches Beispiel ist die Philosophische Fakultät
zu sehen, die von xx LKK im Jahre 1848/49 auf xxx
LKK im Jahre 1914 anwächst. Analoge Werte haben
wir auch an anderen Universitäten, sie kann ich
nur zahlenmäßig anführen: Leipzig, Berlin (ex
Acham-Aufsatz). Vergleicht man damit die anderen
Fakultäten, so werden hier nicht näher zu
erörternde fachbedingte strukturelle Differenzen
augenfällig. Born stammte aus Siebenbürgen, war in
Hermannstadt und Wien ausgebildet worden, wo er
der SJ beitrat, der er allerdings nur 16 Monate
angehörte. Born studierte in der Folge in Prag
die Rechte und unternahm eien Reise nach
Deutschland, Niederlande und Frankreich, ehe er
sich wieder in Prag der Mineralogie und den
Bergwerkwissenschaften überhaupt unter Peithner widmete.
1770 wurde Born in das Münz- und bergmeisteramt
in Prag aufgenommen und bereiste dann Ungarn,
Siebenbürgen und Krain, worüber er in seinen
Briefen über mineralogische Gegenstände
berichtete, die bald ins Englische, Französische
und Italienische übersetztz wurden. Auf dieser
Reise zog sich Born durch das Einatmen von
Arsenikdämpfen bei einem Grubenunfall ein Leiden
zu, das in für den Rest seines Lebens behinderte.
In der Rekonvaleszenz hat Born seine eigene reichhaltige
Mineraliensammlung nach Cronstaedts System
geordnet und die Beschreibung in zwei Bänden
1772-1775 in Prag publiziert. Born war eine für die Entwicklung der
Naturwissenschaften in der damaligen Zeit in
Österreich außerordentlich bedeutsame
Persönlichkeit und neben Dobrowski der wohl
wirkungsvollste Gelehrte in Böhmen. Für Born war Aufklärung Wissenschaftz, und
die Wissenschaft voranzubringen hieß ihm die
Aufklärung fördern, das Menschengeschlecht dem
Lichte näherbringen. Born hat in der damaligen Freimaurerei
eine zentrale Rolle gespielt, er hat Lehrlogen
eingeführt, ja das Ziel verfochten, durch die
Lehrlogen mit ihren eigenen wissenschaftlichen
Sammlungen und Laboratorien und ihrem
wissenschaftlichen Vortragsbetrieb die immer noch
fehlende Akademie der Wissenschaften zu ersetzen.
Born hat dementsprechende
Publikationsorgane ins Leben gerufen und auf die
Besetzung zahlreicher wissenschaftlicher Posaten
Einfluß genommen. |
| 329 |
Ein Linné-Schüler, der in Kiel lehrte und
einer der großen Pioniere der modernen
Entomologie-Insektenkunde war. |
| 330 |
Mitarbeiter waren der Kustos
Megerle, der
Wiener Arzt und Apotheker Bonsaing, Karl von
Moll (der
selbst in Salzburg eine große Sammlung
zusammentrug, die auf Erzherzog Johann größten
Einfluss ausüben sollte), Georg Sebastian von
Hirzenfeld und
Saldonner und Karl Haidinger. |
| 331 |
Sehr verdient war neben Born auch Andraes Stütz (1747-1806),
ein Freund Eckhels, der 1785 Adjunkt, 1797 neben
Baillou
Zweiter Direktor, und 1802 schließlich alleiniger
Chef des Mineralienkabinetts wurde; er schuf eine
„Oryktographie von Niederösterreich für reisende
Mineralogen“, die 1807 von Johann Baptist Megerle von
Mühlfelden herausgegeben wurde und die
neben Johann Jakob Ferbers (ein Freund Borns) "Beiträgen zur
Mineralgeschichte Böhmens" (1774) eine der ersten
mineralogischen Landesbeschreibungen überhaupt
war. |
|