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          <quote>Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische
Dichter</quote>
          <date>1796</date>
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        <author>Schiller, Friedrich</author>
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        <idno type="PID">o:reko.schi.1796</idno>
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        <bibl type="source">Friedrich Schiller: &quot;Beschluss der Abhandlung über naive und sentimentalische
Dichter nebst einigen Bemerkungen einen charakteristischen Unterschied unter den Menschen
betreffend&quot;, in: <hi rend="italic">Theoretische Schriften,</hi> hrsg. von Rolf-Peter Janz, unter
Mitarbeit von Hans Richard Brittnacher, Gerd Kleiner und Fabian Störmer. Frankfurt am Main:
Deutscher Klassiker Verlag 2008, S. 776-791, 797-810. ISBN: 978-3-618-68032-1. Diese Ausgabe
entspricht Band 8, hrsg. von Rolf-Peter Janz der Edition Friedrich Schiller,<hi rend="italic"> Werke
und Briefe in zwölf Bänden</hi>, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Beschluß der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichter nebst
einigen Bemerkungen einen charakteristischen Unterschied unter den Menschen betreffend&quot;, in: <hi rend="italic">Die Horen</hi> 5, 1 (1796), S. 75-123.</bibl>
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            <catDesc>Genre</catDesc>
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              <catDesc>Abhandlung</catDesc>
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      <div>
        <p xml:id="P.1">
          <pb n="776"></pb>[…]Über das Verhältnis beider Dichtungsarten zu einander und zu dem
poetischen Ideale ist in den vorhergehenden Untersuchungen folgendes festgesetzt worden.</p>
        <p xml:id="P.2">
          <phr subtype="Natur" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.1">Dem <term key="naiver Dichter" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.46">naiven Dichter</term> hat die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.1">Natur</term> die Gunst erzeigt, immer als eine
ungeteilte Einheit zu wirken, in jedem Moment ein selbstständiges und vollendetes Ganze zu sein und
die Menschheit, ihrem vollen Gehalt nach, in der Wirklichkeit darzustellen. <term key="sentimentalischer Dichter" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.47">Dem sentimentalischen</term> hat sie die
Macht verliehen oder vielmehr einen lebendigen Trieb eingeprägt, jene Einheit, die durch Abstraktion
in ihm aufgehoben worden, aus sich selbst wieder herzustellen, die Menschheit in sich vollständig zu
machen, und aus einem beschränkten Zustand zu einem unendlichen überzuge<c type="hyphen"></c>
            <pb n="777"></pb>hen.</phr>
          <note n="25" type="endnote" xml:id="EN.1">Für den wissenschaftlich prüfenden
Leser bemerke ich, daß beide Empfindungsweisen, in ihrem höchsten Begriff gedacht, sich wie die
erste und dritte Kategorie zu einander verhalten, indem die letztere immer dadurch entsteht, daß man
die erstere mit ihrem geraden Gegenteil verbindet. Das Gegenteil der naiven Empfindung ist nehmlich
der reflektierende Verstand, und die sentimentalische Stimmung ist das Resultat des Bestrebens, <hi rend="italic">auch unter den Bedingungen der Reflexion</hi> die naive Empfindung, dem Inhalt nach,
wieder herzustellen. Dies würde durch das erfüllte Ideal geschehen, in welchem die Kunst der Natur
wieder begegnet. Geht man jene drei Begriffe nach den Kategorien durch, so wird man die <hi rend="italic">Natur</hi> und die ihr entsprechende naive Stimmung immer in der ersten, die <hi rend="italic">Kunst</hi> als Aufhebung der Natur durch den frei wirkenden Verstand immer in der
zweiten, endlich das <hi rend="italic">Ideal</hi> in welchem die vollendete Kunst zur Natur
zurückkehrt, in der dritten Kategorie antreffen.</note> Der menschlichen Natur ihren völligen
Ausdruck zu geben ist aber die gemeinschaftliche Aufgabe beider, und ohne das würden sie gar nicht
Dichter heißen können; aber der naive Dichter hat vor dem sentimentalischen immer die sinnliche
Realität voraus, indem er dasjenige als eine wirkliche Tatsache ausführt, was der andere nur zu
erreichen strebt. Und das ist es auch, was jeder bei sich erfährt, wenn er sich beim Genusse naiver
Dichtungen beobachtet. Er fühlt alle Kräfte seiner Menschheit in einem solchen Augenblick tätig, er
bedarf nichts, er ist ein Ganzes in sich selbst; ohne etwas in seinem Gefühl zu unterscheiden, freut
er sich zugleich seiner geistigen Tätigkeit und seines sinnlichen Lebens. Eine ganz andre Stimmung
ist es, in die ihn der sentimentalische Dichter versetzt. Hier fühlt er bloß einen lebendigen <hi rend="italic">Trieb</hi>, die Harmonie in sich zu erzeugen, welche er dort wirklich empfand, ein
Ganzes aus sich zu machen, die Menschheit in sich zu einem vollendeten Ausdruck zu bringen. Daher
ist hier das Gemüt in Bewegung, es ist angespannt, es schwankt zwischen streitenden Gefühlen; da es
dort ruhig, aufgelöst, einig mit sich selbst und vollkommen befriedigt ist.</p>
        <p xml:id="P.3">
          <pb n="778"></pb>
          <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.2">Aber wenn es der
naive Dichter dem sentimentalischen auf der einen Seite an Realität abgewinnt, und dasjenige zur
wirklichen Existenz bringt, wornach dieser nur einen lebendigen Trieb erwecken kann</phr>, so hat
letzterer wieder den großen Vorteil über den erstern, daß er dem Trieb einen <hi rend="italic">größeren Gegenstand</hi> zu geben im Stand ist, als jener geleistet hat und leisten konnte. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.3">Alle <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.2">Wirklichkeit</term>, wissen wir, bleibt hinter dem <term key="Ideal" type="Episteme" xml:id="TM.26">Ideale</term> zurück; alles existierende hat seine
Schranken, aber der <term key="Gedanke" type="Episteme" xml:id="TM.27">Gedanke</term> ist <term key="grenzenlos" type="Episteme" xml:id="TM.28">grenzenlos</term>.</phr> Durch diese Einschränkung,
der alles sinnliche unterworfen ist, leidet also auch der naive Dichter, da hingegen die unbedingte
Freiheit des Ideenvermögens dem sentimentalischen zu statten kommt. Jener erfüllt zwar also seine
Aufgabe, aber die Aufgabe selbst ist etwas begrenztes; dieser erfüllt zwar die seinige nicht ganz,
aber die Aufgabe ist ein unendliches. Auch hierüber kann einen jeden seine eigne Erfahrung belehren.
Von dem naiven Dichter wendet man sich mit Leichtigkeit und Lust zu der lebendigen Gegenwart; der
sentimentalische wird immer, auf einige Augenblicke, für das wirkliche Leben verstimmen. Das macht,
unser Gemüt ist hier durch das Unendliche der Idee gleichsam über seinen natürlichen Durchmesser
ausgedehnt worden, daß nichts vorhandenes es mehr ausfüllen kann. Wir versinken lieber betrachtend
in uns selbst, wo wir für den aufgeregten Trieb in der Ideenwelt Nahrung finden; anstatt daß wir
dort aus uns heraus nach sinnlichen Gegenständen streben. Die sentimentalische Dichtung ist die
Geburt der Abgezogenheit und Stille, und dazu ladet sie auch ein: Die naive ist das Kind des Lebens,
und in das Leben führt sie auch zurück.</p>
        <p xml:id="P.4">Ich habe die naive Dichtung eine <hi rend="italic">Gunst</hi>
          <hi rend="italic">der Natur</hi> genannt, um zu erinnern, daß die Reflexion keinen Anteil daran
habe. Ein glücklicher Wurf ist sie; keiner Verbesserung bedürftig, wenn er gelingt, aber auch keiner
fähig, wenn er verfehlt wird. In der Empfindung ist das ganze Werk des naiven Genies absolviert;
hier liegt seine Stärke und seine Grenze. Hat es also nicht gleich dichterisch d. h. nicht gleich
vollkommen menschlich <hi rend="italic">empfunden</hi>, so kann<pb n="779"></pb>dieser Mangel durch
keine Kunst mehr nachgeholt werden. Die Kritik kann ihm nur zu einer Einsicht des Fehlers verhelfen,
aber sie kann keine Schönheit an dessen Stelle setzen. Durch seine Natur muß das naive Genie alles
tun, durch seine Freiheit vermag es wenig; und es wird seinen Begriff erfüllen, sobald nur die Natur
in ihm nach einer innern Notwendigkeit wirkt. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.4">Nun ist
zwar alles notwendig, was durch Natur geschieht, und das ist auch jedes noch so verunglückte Produkt
des naiven Genies, von welchem nichts mehr entfernt ist als Willkürlichkeit; aber ein andres ist die
Nötigung des Augenblicks, ein andres die innre Notwendigkeit des Ganzen. <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.5">Als ein Ganzes betrachtet ist die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.3">Natur</term> selbstständig und unendlich; in jeder einzelnen
Wirkung hingegen ist sie bedürftig und beschränkt.</phr> Dieses gilt daher auch von der Natur des
Dichters. Auch der glücklichste Moment, in welchem sich derselbe befinden mag, ist von einem
vorhergehenden abhängig; es kann ihm daher auch nur eine bedingte Notwendigkeit beigelegt werden.
Nun ergeht aber die Aufgabe an den Dichter, einen einzelnen Zustand dem menschlichen Ganzen gleich
zu machen, folglich ihn absolut und notwendig auf sich selbst zu gründen.</phr> Aus dem Moment der
Begeisterung muß also jede Spur eines zeitlichen Bedürfnisses entfernt bleiben, und der Gegenstand
selbst, so beschränkt er auch sei, darf den Dichter nicht beschränken. Man begreift wohl, daß dieses
nur in soferne möglich ist, als der Dichter schon eine absolute Freiheit und Fülle des Vermögens zu
dem Gegenstande mitbringt, und als er geübt ist, alles mit seiner ganzen Menschheit zu umfassen.
Diese Übung kann er aber nur durch die Welt erhalten, in der er lebt, und von der er unmittelbar
berührt wird. Das naive Genie steht also in einer Abhängigkeit von der Erfahrung, welche das
sentimentalische nicht kennet. Dieses wissen wir, fängt seine Operation erst da an, wo jenes die
seinige beschließt; seine Stärke besteht darin, einen mangelhaften Gegenstand <hi rend="italic">aus
sich selbst</hi>
          <hi rend="italic">heraus</hi> zu ergänzen, und sich durch eigene Macht aus einem begrenzten Zustand
in einen Zustand der Freiheit zu<pb n="780"></pb>versetzen. Das naive Dichtergenie bedarf also eines
Beistandes von außen, da das sentimentalische sich aus sich selbst nährt und reinigt; es muß eine
formreiche Natur, eine dichterische Welt, eine naive Menschheit um sich her erblicken, da es schon
in der Sinnenempfindung sein Werk zu vollenden hat. Fehlt ihm nun dieser Beistand von außen, sieht
es sich von einem geistlosen Stoff umgeben, so kann nur zweierlei geschehen. Es tritt entweder, wenn
die Gattung bei ihm überwiegend ist, aus seiner <hi rend="italic">Art</hi>, und wird
sentimentalisch, um nur dichterisch zu sein, oder, wenn der Artcharakter die Obermacht behält, es
tritt aus seiner <hi rend="italic">Gattung</hi>, und wird gemeine Natur, um nur Natur zu bleiben.
Das <hi rend="italic">erste</hi> dürfte der Fall mit den vornehmsten sentimentalischen Dichtern in
der alten römischen Welt und in neueren Zeiten sein. In einem andern Weltalter geboren, unter einem
andern Himmel verpflanzt, würden sie, die uns jetzt durch Ideen rühren, durch individuelle Wahrheit
und naive Schönheit bezaubert haben. Vor dem <hi rend="italic">zweiten</hi> möchte sich schwerlich
ein Dichter vollkommen schützen können, der in einer gemeinen Welt die Natur nicht verlassen
kann.</p>
        <p xml:id="P.5">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.6">Die <term key="Natur" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.4">wirkliche Natur</term> nehmlich; aber von dieser
kann die <term key="Natur" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.5">wahre Natur</term>,
die das <hi rend="italic">Subjekt</hi> naiver Dichtungen ist, nicht sorgfältig genug unterschieden
werden. <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.7">
              <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.6">Wirkliche Natur</term> existiert überall, aber <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.7">wahre Natur</term> ist desto seltener, denn dazu
gehört eine innere Notwendigkeit des Daseins. Wirkliche Natur ist jeder, noch so gemeine Ausbruch
der Leidenschaft, er mag auch wahre Natur sein, aber eine <term key="Natur" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.8">wahre menschliche</term> ist er nicht; denn diese
erfodert einen Anteil des selbstständigen Vermögens an jeder Äußerung, dessen Ausdruck jedesmal
Würde ist.</phr>

          </phr> Wirkliche menschliche Natur ist jede moralische Niederträchtigkeit, aber
wahre menschliche Natur ist sie hoffentlich nicht; denn diese kann nie anders als edel sein. Es ist
nicht zu übersehen, zu welchen Abgeschmacktheiten diese Verwechslung wirklicher Natur mit wahrer
menschlicher Natur in der Kritik wie in der Ausübung verleitet hat: welche Trivialitäten man in der
Poesie gestattet, ja lobpreist, weil sie leider! wirkliche<pb n="781"></pb>Natur sind: wie man sich
freuet, Karikaturen, die einen schon aus der wirklichen Welt herausängstigen, in der dichterischen
sorgfältig aufbewahrt, und nach dem Leben konterfeit zu sehen. Freilich darf der Dichter auch die
<term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.9">schlechte Natur</term> nachahmen und bei dem
satyrischen bringt dieses ja der Begriff schon mit sich: aber in diesem Fall muß seine eigne schöne
Natur den Gegenstand <hi rend="italic">übertragen</hi>, und der gemeine Stoff den Nachahmer nicht
mit sich zu Boden ziehen. Ist nur Er selbst, in dem Moment wenigstens wo er schildert, <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.10">wahre menschliche Natur</term>, so hat es nichts
zu sagen, was er uns schildert: aber auch schlechterdings nur von einem solchen können wir <term key="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.21">ein treues Gemälde der
Wirklichkeit</term> vertragen. Wehe uns Lesern; wenn die Fratze sich in der Fratze spiegelt; wenn
die Geißel der Satyre in die Hände desjenigen fällt, dem die Natur eine viel ernstlichere Peitsche
zu führen bestimmte; wenn Menschen, die, entblößt von allem, was man poetischen Geist nennt, nur das
Affentalent gemeiner Nachahmung besitzen, es auf Kosten unsers Geschmacks greulich und schrecklich
üben!</p>
        <p xml:id="P.6">Aber selbst dem wahrhaft naiven Dichter, sagte ich, kann die gemeine Natur
gefährlich werden; denn endlich ist jene schöne Zusammenstimmung zwischen Empfinden und Denken,
welche den Charakter desselben ausmacht, doch nur eine <hi rend="italic">Idee</hi>, die in der
Wirklichkeit nie ganz erreicht wird, und auch bei den glücklichen Genies aus dieser Klasse wird die
Empfänglichkeit die Selbsttätigkeit immer um etwas überwiegen. Die Empfänglichkeit aber ist immer
mehr oder weniger von dem äußern Eindruck abhängig, und nur eine anhaltende Regsamkeit des
produktiven Vermögens, welche von der menschlichen Natur nicht zu erwarten ist, würde verhindern
können, daß der Stoff nicht zuweilen eine blinde Gewalt über die Empfänglichkeit ausübte. So oft
aber dies der Fall ist wird aus einem dichterischen Gefühl ein gemeines.<note n="26" type="endnote" xml:id="EN.2">Wie sehr der naive Dichter von seinem Objekt abhänge, und wie viel, ja wie alles auf
sein Empfinden ankomme, darüber kann uns die alte Dichtkunst die besten Belege geben. So weit die
Natur in ihnen und außer ihnen schön ist, sind es auch die Dichtungen der Alten; wird hingegen die
Natur gemein, so ist auch der Geist aus ihren Dichtungen gewichen. Jeder Leser von feinem Gefühl muß
z. B. bei ihren Schilderungen der weiblichen Natur, des Verhältnisses zwischen beiden Geschlechtern
und der Liebe insbesondere eine gewisse Leerheit und einen Überdruß empfinden, den alle Wahrheit und
Naivetät in der Darstellung nicht verbannen kann. Ohne der Schwärmerei das Wort zu reden, welche
freilich die Natur nicht veredelt sondern verläßt, wird man hoffentlich annehmen dürfen, daß die
Natur in Rücksicht auf jenes Verhältnis der Geschlechter und den Affekt der Liebe eines edleren
Charakters fähig ist, als ihr die Alten gegeben haben; auch kennt man die <hi rend="italic">zufälligen</hi> Umstände, welche der Veredlung jener Empfindungen bei ihnen im Wege standen. Daß es
Beschränktheit, nicht innere Notwendigkeit war, was die Alten hierin auf einer niedrigern Stufe fest
hielt, lehrt das Beispiel neuerer Poeten, welche soviel weiter gegangen sind, als ihre Vorgänger,
ohne doch die Natur zu übertreten. Die Rede ist hier nicht von dem, was sentimentalische Dichter aus
diesem Gegenstande zu machen gewußt haben, denn diese gehen über die Natur hinaus in das idealische
und ihr Beispiel kann also gegen die Alten nichts beweisen; bloß davon ist die Rede, wie der
nehmliche Gegenstand von wahrhaft naiven Dichtern, wie er z. B. in der <hi rend="italic">Sakontala</hi>, in den <hi rend="italic">Minnesängern</hi>, in manchen <hi rend="italic">Ritterromanen</hi> und <hi rend="italic">Ritterepopeen</hi>, wie er von <hi rend="italic">Shakespeare</hi>, von <hi rend="italic">Fielding</hi> und mehrern andern, selbst deutschen Poeten
behandelt ist. Hier wäre nun für die Alten der Fall gewesen, einen von außen zu rohen Stoff von
innen heraus, durch das Subjekt, zu vergeistigen, den poetischen Gehalt, der der äußern Empfindung
gemangelt hatte, durch Reflexion nachzuholen, die Natur durch die Idee zu ergänzen, mit einem Wort,
durch eine sentimentalische Operation aus einem beschränkten Objekt ein unendliches zu machen. Aber
es waren naive, nicht sentimentalische Dichtergenies; ihr Werk war also mit der äußern Empfindung
geendigt.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.7">
          <pb n="782"></pb>Kein Genie aus der naiven Klasse, von <hi rend="italic">Homer</hi> bis
auf <hi rend="italic">Bodmer</hi> herab, hat diese Klippe ganz vermieden; aber freilich ist sie
denen am gefährlichsten, die sich einer gemeinen Natur von außen zu erwehren haben, oder die durch
Mangel an Disziplin von innen verwildert sind. Jenes ist Schuld, daß<pb n="783"></pb>selbst gebildete
Schriftsteller nicht immer von Plattheiten frei bleiben, und dieses verhinderte schon manches
herrliche Talent, sich des Platzes zu bemächtigen, zu dem die Natur es berufen hatte. Der
Komödiendichter, dessen Genie sich am meisten von dem wirklichen Leben nährt, ist eben daher auch am
meisten der Plattheit ausgesetzt, wie auch das Beispiel des <hi rend="italic">Aristophanes</hi> und
<hi rend="italic">Plautus</hi>, und fast aller der spätern Dichter lehret, die in die Fußstapfen
derselben getreten sind. Wie tief läßt uns nicht der erhabene <hi rend="italic">Shakespeare</hi>
zuweilen sinken, mit welchen Trivialitäten quälen uns nicht <hi rend="italic">Lope de Vega, Moliere
</hi>[sic]<hi rend="italic">, Regnard, Goldoni</hi>, in welchen Schlamm zieht uns nicht <hi rend="italic">Holberg</hi> hinab. <hi rend="italic">Schlegel</hi>, einer der geistreichsten Dichter
unsers Vaterlands, an dessen Genie es nicht lag, daß er nicht unter den ersten in dieser Gattung
glänzt, <hi rend="italic">Gellert</hi>, ein wahrhaft naiver Dichter, so wie auch <hi rend="italic">Rabener</hi>, <hi rend="italic">Lessing</hi> selbst, wenn ich ihn anders hier nennen darf, Lessing
der gebildete Zögling der Kritik, und ein so wachsamer Richter seiner selbst – wie büßen sie nicht
alle, mehr oder weniger, den geistlosen Charakter der Natur, die sie zum Stoff ihrer Satyre
erwählten. Von den <hi rend="italic">neuesten</hi> Schriftstellern in dieser Gattung nenne ich
keinen, da ich keinen ausnehmen kann.</p>
        <p xml:id="P.8">Und nicht genug, daß der naive Dichtergeist in Gefahr ist, sich einer <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.11">gemeinen Wirklichkeit</term> allzusehr zu
nähern – durch die Leichtigkeit, mit der er sich äußert, und durch eben diese größere Annäherung an
das wirkliche Leben macht er noch dem gemeinen Nachahmer Mut, sich im poetischen Felde zu versuchen.
Die sentimentalische Poesie, wiewohl von einer andern Seite gefährlich genug, wie ich hernach zeigen
werde, hält wenigstens <hi rend="italic">dieses</hi> Volk in Entfernung, weil es nicht jedermanns
Sache ist, sich zu Ideen zu erheben; die naive Poesie aber bringt es auf den Glauben, als wenn schon
die bloße Empfindung, der bloße<pb n="784"></pb>Humor, die bloße Nachahmung wirklicher Natur den Dichter
ausmache. Nichts aber ist widerwärtiger, als wenn der platte Charakter sich einfallen läßt,
liebenswürdig und naiv sein zu wollen; er, der sich in alle Hüllen der Kunst stecken sollte, um
seine eckelhafte Natur zu verbergen. Daher denn auch die unsäglichen Platitüden, welche sich die
Deutschen unter dem Titel von naiven und scherzhaften Liedern vorsingen lassen, und an denen sie
sich bei einer wohlbesetzten Tafel ganz unendlich zu belustigen pflegen. Unter dem Freibrief der
Laune, der Empfindung duldet man diese Armseligkeiten – aber einer Laune, einer Empfindung, die man
nicht sorgfältig genug verbannen kann. Die Musen an der <hi rend="italic">Pleisse</hi> bilden hier
besonders einen eigenen kläglichen Chor, und ihnen wird von den Camönen an der <hi rend="italic">Leine</hi> und <hi rend="italic">Elbe</hi> in nicht bessern Akkorden geantwortet.<note n="27" type="endnote" xml:id="EN.3">Diese guten Freunde haben es sehr übel aufgenommen, was ein
Rezensent in der A. L. Z. vor etlichen Jahren an den <hi rend="italic">Bürger</hi>‘schen Gedichten
getadelt hat; und der Ingrimm, womit sie wider diesen Stachel lecken, scheint zu erkennen zu geben,
daß sie mit der Sache jenes Dichters ihre eigene zu verfechten glauben. Aber darin irren sie sich
sehr. Jene Rüge konnte bloß einem wahren Dichtergenie gelten, das von der Natur reichlich
ausgestattet war, aber versäumt hatte, durch eigne Kultur jenes seltene Geschenk auszubilden. Ein
solches Individuum durfte und mußte man unter den höchsten Maßstab der Kunst stellen, weil es Kraft
in sich hatte, demselben sobald es ernstlich wollte genug zu tun; aber es wäre lächerlich und
grausam zugleich, auf ähnliche Art mit Leuten zu verfahren, an welche die Natur nicht gedacht hat,
und die mit jedem Produkt, das sie zu Markte bringen, ein vollgültiges Testimonium paupertatis
aufweisen.</note> So insipid diese Scherze sind, so kläglich läßt sich der Affekt auf unsern
tragischen Bühnen hören, welcher, anstatt die wahre <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.12">Natur</term> nachzuahmen, nur den geistlosen und unedeln Ausdruck der wirklichen
erreicht; so daß es uns nach einem solchen Tränenmahle gerade zu Mut ist, als wenn wir einen Besuch
in Spitälern abgelegt oder <hi rend="italic">Salzmanns</hi>
          <pb n="785"></pb>menschliches Elend gelesen
hätten. Noch viel schlimmer steht es um die satyrische Dichtkunst, und um den komischen Roman
insbesondre, die schon ihrer Natur nach dem gemeinen Leben so nahe liegen, und daher billig, wie
jeder Grenzposten, gerade in den besten Händen sein sollten. Derjenige hat wahrlich den wenigsten
Beruf der <hi rend="italic">Maler</hi> seiner Zeit zu werden, der das <hi rend="italic">Geschöpf</hi> und die <hi rend="italic">Karikatur</hi> derselben ist; aber da es etwas so leichtes
ist, irgend einen lustigen Charakter, war es auch nur <hi rend="italic">einen dicken</hi>
          <hi rend="italic">Mann</hi> unter seiner Bekanntschaft aufzujagen, und die Fratze mit einer groben
Feder auf dem Papier abzureißen, so fühlen zuweilen auch die geschworenen Feinde alles poetischen
Geistes den Kitzel, in diesem Fache zu stümpern, und einen Zirkel von würdigen Freunden mit der
schönen Geburt zu ergötzen. Ein rein gestimmtes Gefühl freilich wird nie in Gefahr sein, diese
Erzeugnisse einer gemeinen Natur mit den geistreichen Früchten des naiven Genies zu verwechseln;
aber an dieser reinen Stimmung des Gefühls fehlt es eben, und in den meisten Fällen will man bloß
ein Bedürfnis befriedigt haben, ohne daß der Geist eine Foderung machte. Der so falsch verstandene,
wiewohl an sich wahre Begriff, daß man sich bei Werken des schönen Geistes <hi rend="italic">erhole</hi>, trägt das seinige redlich zu dieser Nachsicht bei; wenn man es anders Nachsicht nennen
kann, wo nichts höheres geahnet wird, und der Leser wie der Schriftsteller auf gleiche Art ihre
Rechnung finden. Die gemeine Natur nehmlich, wenn sie angespannt worden, kann sich nur in der <hi rend="italic">Leerheit</hi> erholen, und selbst ein hoher Grad von Verstand, wenn er nicht von einer
gleichmäßigen Kultur der Empfindungen unterstützt ist, ruht von seinem Geschäfte nur in einem
geistlosen Sinnengenuß aus.</p>
        <p xml:id="P.9">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.8">Wenn sich das <term key="Genie" type="Ästhetik" xml:id="TM.22">dichtende Genie</term> über alle <term key="zufällig" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.29">zufälligen</term>
            <term key="Schranke" type="Episteme" xml:id="TM.30">Schranken</term>, welche von jedem <hi rend="italic">bestimmten</hi> Zustande unzertrennlich sind, mit freier Selbsttätigkeit muß erheben
können, um die menschliche Natur in ihrem absoluten Vermögen zu erreichen, so darf es sich doch auf
der andern Seite nicht über die <term key="notwendig" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.31">notwendigen</term> Schranken hinwegsetzen,<pb n="786"></pb>welche der Begriff einer menschlichen Natur
mit sich bringt; denn das <term key="Absolute, das" type="Episteme" xml:id="TM.32">Absolute</term>
aber nur innerhalb der Menschheit ist seine Aufgabe und seine Sphäre. Wir haben gesehen, <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.9">daß das <term key="Genie" type="Ästhetik" xml:id="TM.23">naive Genie</term> zwar nicht in Gefahr ist, diese Sphäre
zu überschreiten, wohl aber <hi rend="italic">sie nicht ganz zu erfüllen</hi>, wenn es einer äußern
<term key="notwendig" type="Episteme" xml:id="TM.33">Notwendigkeit</term> oder dem zufälligen
Bedürfnis des Augenblicks zu sehr auf Unkosten der innern Notwendigkeit Raum gibt. Das <term key="Genie" type="Ästhetik" xml:id="TM.24">sentimentalische Genie</term> hingegen ist der Gefahr
ausgesetzt, über dem Bestreben, alle Schranken von ihr zu entfernen, die menschliche Natur ganz und
gar aufzuheben, und sich nicht bloß, was es darf und soll, über jede bestimmte und begrenzte <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.13">Wirklichkeit</term> hinweg zu der
absoluten <term key="Möglichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.34">Möglichkeit</term> zu erheben oder
zu <hi rend="italic">idealisieren</hi>, sondern über die <term key="Möglichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.35">Möglichkeit</term> selbst noch hinauszugehen oder zu <hi rend="italic">schwärmen</hi>.</phr>
          </phr> Dieser Fehler der <hi rend="italic">Überspannung</hi> ist eben so in
der spezifischen Eigentümlichkeit seines Verfahrens wie der entgegengesetzte der <hi rend="italic">Schlaffheit</hi>, in der eigentümlichen Handlungsweise des naiven gegründet. Das naive Genie
nehmlich läßt die <hi rend="italic">Natur</hi> in sich unumschränkt walten, und da die Natur, in
ihren einzelnen zeitlichen Äußerungen immer abhängig und bedürftig ist, so wird das naive Gefühl
nicht immer <hi rend="italic">exaltiert</hi> genug bleiben, um den zufälligen Bestimmungen des
Augenblicks widerstehen zu können. Das sentimentalische Genie hingegen verläßt die Wirklichkeit, um
zu Ideen aufzusteigen und mit freier Selbsttätigkeit seinen Stoff zu beherrschen; da aber die
Vernunft ihrem Gesetze nach immer zum Unbedingten strebt, so wird das sentimentalische Genie nicht
immer <hi rend="italic">nüchtern</hi> genug bleiben, um sich ununterbrochen und gleichförmig
innerhalb der Bedingungen zu halten, welche der Begriff einer menschlichen Natur mit sich führt, und
an welche die Vernunft auch in ihrem freiesten Wirken hier immer gebunden bleiben muß. Dieses könnte
nur durch einen verhältnismäßigen Grad von Empfänglichkeit geschehen, welche aber in dem
sentimentalischen Dichtergeiste von der Selbsttätigkeit eben so sehr überwogen wird, als sie in dem
Naiven die Selbsttätigkeit überwiegt. Wenn<pb n="787"></pb>man daher an den Schöpfungen des naiven
Genies zuweilen den <hi rend="italic">Geist</hi> vermißt, so wird man bei den Geburten des
sentimentalischen oft vergebens nach dem <hi rend="italic">Gegenstande</hi> fragen. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.10">Beide werden also, wiewohl auf ganz entgegengesetzte Weise in
den Fehler der <hi rend="italic">Leerheit</hi> verfallen; denn ein Gegenstand ohne Geist und ein
Geistesspiel ohne Gegenstand sind beide ein Nichts in dem ästhetischen Urteil.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.10">Alle Dichter, welche ihren Stoff zu einseitig aus der Gedankenwelt schöpfen, und
mehr durch eine innre Ideenfülle als durch den Drang der Empfindung zum poetischen Bilden getrieben
werden, sind mehr oder weniger in Gefahr, auf diesen Abweg zu geraten. Die Vernunft zieht bei ihren
Schöpfungen die Grenzen der Sinnenwelt viel zu wenig zu Rat und der Gedanke wird immer weiter
getrieben, als die Erfahrung ihm folgen kann. Wird er aber so weit getrieben, daß ihm nicht nur
keine bestimmte Erfahrung mehr entsprechen kann, (denn bis dahin darf und muß das Idealschöne gehen)
sondern daß er den Bedingungen aller möglichen Erfahrung überhaupt widerstreitet, und daß folglich
um ihn wirklich zu machen, die menschliche Natur ganz und gar verlassen werden müßte, dann ist es
nicht mehr ein poetischer, sondern ein überspannter Gedanke: vorausgesetzt nehmlich, daß er sich als
darstellbar und dichterisch angekündiget habe; denn hat er dieses nicht, so ist es schon genug, wenn
er sich nur nicht selbst widerspricht. Widerspricht er sich selbst, so ist er nicht mehr
Überspannung, sondern <hi rend="italic">Unsinn</hi>; denn was überhaupt nicht ist, das kann auch
sein Maß nicht überschreiten. Kündigt er sich aber gar nicht als ein Objekt für die Einbildungskraft
an, so ist er eben so wenig Überspannung; denn das bloße Denken ist grenzenlos und was keine Grenze
hat, kann auch keine überschreiten. Überspannt kann also nur dasjenige genannt werden, was zwar
nicht die logische aber die sinnliche Wahrheit verletzt, und auf diese doch Anspruch macht. Wenn
daher ein Dichter den unglücklichen Einfall hat, Naturen, die schlechthin <hi rend="italic">übermenschlich</hi> sind, und auch nicht anders<pb n="788"></pb>vorgestellt werden <hi rend="italic">dürfen</hi>, zum Stoff seiner Schilderung zu erwählen, so kann er sich vor dem Überspannten nur
dadurch sicher stellen, daß er das Poetische aufgibt und es gar nicht einmal unternimmt, seinen
Gegenstand durch die Einbildungskraft ausführen zu lassen. Denn täte er dieses, so würde entweder
diese ihre Grenzen auf den Gegenstand übertragen, und aus einem absoluten Objekt ein beschränktes
<hi rend="italic">menschliches</hi> machen (was z. B. alle griechischen Gottheiten sind und auch
sein sollen); oder der Gegenstand würde der Einbildungskraft ihre Grenzen nehmen, d. h. er würde sie
aufheben, worin eben das Überspannte besteht.</p>
        <p xml:id="P.11">Man muß die überspannte Empfindung von dem Überspannten in der Darstellung
unterscheiden; nur von der ersten ist hier die Rede. Das Objekt der Empfindung kann unnatürlich
sein, aber sie selbst ist Natur, und muß daher auch die Sprache derselben führen. Wenn also das
Überspannte in der Empfindung aus Wärme des Herzens und einer wahrhaft dichterischen Anlage fließen
kann, so zeugt das Überspannte in der Darstellung jederzeit von einem kalten Herzen und sehr oft von
einem poetischen Unvermögen. Es ist also kein Fehler, vor welchem das sentimentalische Dichtergenie
gewarnt werden müßte, sondern der bloß dem unberufenen Nachahmer desselben drohet, daher er auch die
Begleitung des Platten, Geistlosen, ja des Niedrigen keineswegs verschmäht. Die überspannte
Empfindung ist gar nicht ohne Wahrheit, und als wirkliche Empfindung muß sie auch notwendig einen
realen Gegenstand haben. Sie läßt daher auch, weil sie Natur ist, einen einfachen Ausdruck zu, und
wird vom Herzen kommend auch das Herz nicht verfehlen. Aber da ihr Gegenstand nicht aus der Natur
geschöpft, sondern durch den Verstand einseitig und künstlich hervorgebracht ist, so hat er auch
bloß <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.14">logische Realität</term>, und die
<term key="Empfindung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.59">Empfindung</term> ist also nicht rein
menschlich. Es ist keine Täuschung, was <hi rend="italic">Heloise</hi> für Abelard, was <hi rend="italic">Petrarch</hi> für seine Laura, was <hi rend="italic">S. Preux</hi> für seine Julie,
was <hi rend="italic">Werther</hi> für seine Lotte fühlt, und was <hi rend="italic">Agathon</hi>,<pb n="789"></pb>
          <hi rend="italic">Phanias, Peregrinus Proteus</hi> (den Wielandischen meine ich) für ihre
Ideale empfinden; die <term key="Empfindung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.60">Empfindung</term> ist wahr, nur der <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.36">Gegenstand</term> ist ein gemachter und liegt außerhalb der menschlichen Natur. Hätte sich ihr
Gefühl bloß an die sinnliche Wahrheit der Gegenstände gehalten, so würde es jenen Schwung nicht
haben nehmen können; hingegen würde ein bloß willkürliches Spiel der Phantasie ohne allen innern
Gehalt auch nicht im Stande gewesen sein, das Herz zu bewegen, denn das Herz wird nur durch Vernunft
bewegt. Diese Überspannung verdient also Zurechtweisung, nicht Verachtung, und wer darüber spottet,
mag sich wohl prüfen, ob er nicht vielleicht aus Herzlosigkeit so klug, aus Vernunftmangel so
verständig ist. So ist auch die überspannte Zärtlichkeit im Punkt der Galanterie und der Ehre,
welche die Ritterromane, besonders die spanischen charakterisiert, so ist die skrupulöse, bis zur
Kostbarkeit getriebene Delikatesse in den französischen und englischen sentimentalischen Romanen
(von der besten Gattung) nicht nur subjektiv wahr, sondern auch in objektiver Rücksicht nicht
gehaltlos; es sind echte Empfindungen, die wirklich eine moralische Quelle haben, und die nur darum
verwerflich sind, weil sie die Grenzen menschlicher Wahrheit überschreiten. Ohne jene <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.15">moralische Realität</term> – wie wäre es
möglich, daß sie mit solcher Stärke und Innigkeit könnten mitgeteilt werden, wie doch die Erfahrung
lehrt. Dasselbe gilt auch von der moralischen und religiösen Schwärmerei, und von der exaltierten
Freiheits- und Vaterlandsliebe. Da die Gegenstände dieser Empfindungen immer Ideen sind und in der
äußern Erfahrung nicht erscheinen, (denn was z. B. den politischen Enthusiasten bewegt, ist nicht
was er siehet, sondern was er denkt) so hat die selbsttätige Einbildungskraft eine gefährliche
Freiheit und kann nicht, wie in andern Fällen, durch die sinnliche Gegenwart ihres Objekts in ihre
Grenzen zurückgewiesen werden. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.11">Aber weder der Mensch überhaupt noch der <term key="Dichter" type="Ästhetik" xml:id="TM.25">Dichter</term> insbesondre darf sich der <term key="Natur" type="Episteme" xml:id="TM.37">Gesetzgebung der Natur</term> anders entziehen, als um sich unter die entgegengesetzte
der<pb n="790"></pb>
            <term key="Vernunft" type="Episteme" xml:id="TM.38">Vernunft</term> zu begeben; nur
für das <term key="Ideal" type="Episteme" xml:id="TM.39">Ideal</term> darf er die <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.16">Wirklichkeit</term> verlassen, denn an
einem von diesen beiden Ankern <hi rend="italic">muß</hi> die Freiheit befestiget sein.</phr> Aber
der Weg von der Erfahrung zum Ideale ist so weit, und dazwischen liegt die Phantasie mit ihrer
zügellosen Willkür. Es ist daher unvermeidlich, daß der Mensch überhaupt wie der Dichter
insbesondere, wenn er sich durch die Freiheit seines Verstandes aus der Herrschaft der Gefühle
begibt, ohne durch Gesetze der Vernunft dazu getrieben zu werden, d. h. wenn er die Natur aus bloßer
Freiheit verläßt, solang <hi rend="italic">ohne Gesetz ist,</hi> mithin der Phantasterei zum Raube
dahingegeben wird.</p>
        <p xml:id="P.12">Daß sowohl ganze Völker als einzelne Menschen, welche der sichern Führung der Natur
sich entzogen haben, sich wirklich in diesem Falle befinden, lehrt die Erfahrung, und eben diese
stellt auch Beispiele genug von einer ähnlichen Verirrung in der Dichtkunst auf. Weil der echte
sentimentalische Dichtungstrieb, um sich zum idealen zu erheben, über die Grenzen wirklicher Natur
hinausgehen muß, so geht der unechte über jede Grenze überhaupt hinaus, und überredet sich, als wenn
schon das wilde Spiel der Imagination die poetische Begeisterung ausmache. Dem wahrhaften
Dichtergenie, welches die Wirklichkeit nur um der Idee willen verlasset, kann dieses nie oder doch
nur in Momenten begegnen, wo es sich selbst verloren hat; da es hingegen durch seine Natur selbst zu
einer überspannten Empfindungsweise verführt werden kann. Es kann aber durch sein Beispiel andre zur
Phantasterei verführen, weil Leser von reger Phantasie und schwachem Verstand ihm nur die Freiheiten
absehen, die es sich gegen die wirkliche Natur herausnimmt, ohne ihm bis zu seiner hohen innern
Notwendigkeit folgen zu können. Es geht dem sentimentalischen Genie hier, wie wir bei dem naiven
gesehen haben. Weil dieses durch seine Natur alles ausführte, was es tut, so will der gemeine
Nachahmer an seiner eigenen Natur keine schlechtere Führerin haben. Meisterstücke aus der naiven
Gattung werden daher gewöhnlich<pb n="791"></pb>die plattesten und schmutzigsten Abdrücke gemeiner
Natur, und Hauptwerke aus der sentimentalischen ein zahlreiches Heer phantastischer Produktionen zu
ihrem Gefolge haben, wie dieses in der Literatur eines jeden Volks leichtlich nachzuweisen ist.</p>
        <p xml:id="P.13">[…]<pb n="797"></pb>[…]Dieses führt mich auf einen sehr merkwürdigen psychologischen
Antagonism unter den Menschen in einem sich kultivierenden Jahrhundert: einen Antagonism, der, weil
er radikal und in der innern Gemütsform gegründet ist, eine schlimmere Trennung unter den Menschen
anrichtet, als der zufällige Streit der Interessen je hervorbringen könnte; der dem Künstler und
Dichter alle Hoffnung benimmt, allgemein zu gefallen und zu rühren, was doch seine Aufgabe ist, der
es dem Philosophen auch wenn er alles getan hat, unmöglich macht, allgemein zu überzeugen, was doch
der Begriff einer Philosophie mit sich bringt, der es endlich dem Menschen im praktischen Leben
niemals vergönnen wird, seine Handlungsweise allgemein gebilliget zu sehen: kurz einen Gegensatz,
welcher Schuld ist, daß kein Werk des Geistes und keine Handlung des Herzens bei Einer Klasse ein
entscheidendes Glück machen kann, ohne eben dadurch bei der andern sich einen Verdammungsspruch
zuzuziehen. Dieser Gegensatz ist ohne Zweifel so alt, als der Anfang der Kultur und dürfte vor dem
Ende derselben schwerlich anders als in einzelnen seltenen Subjekten, deren es hoffentlich immer gab
und immer<pb n="798"></pb>geben wird, beigelegt werden; aber obgleich zu seinen Wirkungen auch diese
gehört, daß er jeden Versuch zu seiner Beilegung vereitelt, weil kein Teil dahin zu bringen ist,
einen Mangel auf seiner Seite und eine Realität auf der andern einzugestehen, so ist es doch immer
Gewinn genug, eine so wichtige Trennung bis zu ihrer letzten Quelle zu verfolgen, und dadurch den
eigentlichen Punkt des Streits wenigstens auf eine einfachere Formel zu bringen.</p>
        <p xml:id="P.14">Man gelangt am besten zu dem wahren Begriff dieses Gegensatzes, wenn man, wie ich
eben bemerkte, sowohl von dem naiven als von dem sentimentalischen Charakter absondert, was beide
poetisches haben. Es bleibt alsdann von dem erstern nichts übrig, als, in Rücksicht auf das
theoretische, ein nüchterner Beobachtungsgeist und eine feste Anhänglichkeit an das gleichförmige
Zeugnis der Sinne; in Rücksicht auf das praktische eine resignierte Unterwerfung unter die
Notwendigkeit (nicht aber unter die blinde Nötigung) der Natur: eine Ergebung also in das, was ist
und was sein muß. Es bleibt von dem sentimentalischen Charakter nichts übrig, als (im theoretischen)
ein unruhiger Spekulationsgeist, der auf das Unbedingte in allen Erkenntnissen dringt, im
praktischen ein moralischer Rigorism, der auf dem Unbedingten in Willenshandlungen bestehet. Wer
sich zu der ersten Klasse zählt, kann ein <term key="Realisten" rend="italic" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.48">Realist</term>, und wer zur andern, ein <term key="Idealisten" rend="italic" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.49">Idealist</term> genannt werden; bei welchen
Namen man sich aber weder an den guten noch schlimmen Sinn, den man in der Metaphysik damit
verbindet, erinnern darf.<note n="28" type="endnote" xml:id="EN.4">Ich bemerke, um jeder Mißdeutung
vorzubeugen, daß es bei dieser Einteilung ganz und gar nicht darauf abgesehen ist, eine Wahl
zwischen beiden, folglich eine Begünstigung des Einen mit <hi rend="italic">Ausschließung</hi> des
andern zu veranlassen. Gerade diese Ausschließung, welche sich in der Erfahrung findet, bekämpfe
ich; und das Resultat der gegenwärtigen Betrachtungen wird der Beweis sein, daß nur durch die
vollkommen gleiche <hi rend="italic">Einschließung</hi> beider dem Vernunftbegriffe der Menschheit
kann Genüge geleistet werden. Übrigens nehme ich beide in ihrem würdigsten Sinn und in der ganzen
<hi rend="italic">Fülle</hi> ihres Begriffs, der nur immer mit der Reinheit desselben, und mit
Beibehaltung ihrer spezifischen Unterschiede bestehen kann. Auch wird es sich zeigen, daß ein hoher
Grad menschlicher Wahrheit sich mit beiden verträgt, und daß ihre Abweichungen von einander zwar im
einzelnen, aber nicht im Ganzen, zwar der Form aber nicht dem Gehalt nach eine Veränderung
machen.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.15">
          <pb n="799"></pb>
          <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.12">Da der
<term key="Realisten" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.50">Realist</term> durch die
Notwendigkeit der Natur sich bestimmen läßt, der <term key="Idealisten" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.51">Idealist</term> durch die Notwendigkeit der Vernunft sich bestimmt, so muß zwischen
beiden dasselbe Verhältnis Statt finden, welches zwischen den Wirkungen der Natur und den Handlungen
der Vernunft angetroffen wird. Die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.17">Natur</term>, wissen wir, obgleich eine unendliche Größe im Ganzen, zeigt sich in jeder einzelnen
Wirkung abhängig und bedürftig; nur in dem All ihrer Erscheinungen drückt sie einen selbstständigen
großen Charakter aus. Alles individuelle in ihr ist nur deswegen, weil etwas anderes ist; nichts
springt aus sich selbst, alles nur aus dem vorhergehenden Moment hervor, um zu einem folgenden zu
führen. Aber eben diese gegenseitige Beziehung der <term key="Erscheinung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.61">Erscheinungen</term> auf einander sichert einer jeden das Dasein durch das Dasein
der andern, und von der Abhängigkeit ihrer Wirkungen ist die Stätigkeit und Notwendigkeit derselben
unzertrennlich. Nichts ist frei in der Natur aber auch nichts ist willkürlich in
derselben.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.16">Und gerade so zeigt sich der <term key="Realisten" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.52">Realist</term>, sowohl in seinem <hi rend="italic">Wissen</hi> als in seinem <hi rend="italic">Tun</hi>. Auf alles, was bedingungsweise existiert, erstreckt sich der Kreis seines
Wissens und Wirkens, aber nie bringt er es auch weiter als zu bedingten Erkenntnissen, und die
Regeln, die er sich aus einzelnen Erfahrungen bildet, gelten in ihrer ganzen Strenge genommen, auch
nur Einmal; erhebt er die Regel des Augenblicks zu einem allgemeinen Gesetz, so wird er sich
unausbleiblich in Irrtum stürzen. Will daher der Realist in seinem Wissen zu etwas unbedingten
gelangen, so muß er es auf dem nehmlichen Wege versuchen, auf dem die Natur ein un<c type="hyphen"></c>
          <pb n="800"></pb>endliches wird, nehmlich auf dem Wege des Ganzen und in dem All der Erfahrung. Da
aber die Summe der Erfahrung nie völlig abgeschlossen wird, so ist eine komparative Allgemeinheit
das höchste, was der Realist in seinem Wissen erreicht. Auf die Wiederkehr ähnlicher Fälle baut er
seine Einsicht, und wird daher richtig urteilen in allem, was in der Ordnung ist; in allem hingegen,
was zum erstenmal sich darstellt, kehrt seine Weisheit zu ihrem Anfang zurück.</p>
        <p xml:id="P.17">Was von dem Wissen des Realisten gilt, das gilt auch von seinem (moralischen)
Handeln. Sein Charakter hat Moralität, aber diese liegt, ihrem reinen Begriffe nach, in keiner
einzelnen Tat, nur in der ganzen Summe seines Lebens. In jedem besondern Fall wird er durch äußre
Ursachen und durch äußre Zwecke bestimmt werden; nur daß jene Ursachen nicht zufällig, jene Zwecke
nicht augenblicklich sind, sondern aus dem Naturganzen subjektiv fließen, und auf dasselbe sich
objektiv beziehen. Die Antriebe seines Willens sind also zwar in rigoristischem Sinne weder frei
genug, noch moralisch lauter genug, weil sie etwas anders als den bloßen Willen zu ihrer Ursache und
etwas anders als das bloße Gesetz zu ihrem Gegenstand haben; aber es sind eben so wenig blinde und
materialistische Antriebe, weil dieses andre das absolute Ganze der Natur, folglich etwas
selbstständiges und notwendiges ist. So zeigt sich der gemeine Menschenverstand, der vorzügliche
Anteil des Realisten, durchgängig im Denken und im Betragen. Aus dem einzelnen Falle schöpft er die
Regel seines Urteils, aus einer innern Empfindung die Regel seines Tuns; aber mit glücklichem
Instinkt weiß er von beiden alles Momentane und Zufällige zu scheiden. Bei dieser Methode fährt er
im Ganzen vortrefflich und wird schwerlich einen bedeutenden Fehler sich vorzuwerfen haben; nur auf
Größe und Würde möchte er in keinem besondern Fall Anspruch machen können. Diese ist nur der Preis
der Selbstständigkeit und Freiheit, und davon sehen wir in seinen einzelnen Handlungen zu wenige
Spuren.</p>
        <p xml:id="P.18">
          <pb n="801"></pb>Ganz anders verhält es sich mit dem <term key="Idealisten" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.53">Idealisten</term>, der aus sich selbst und aus der bloßen
Vernunft seine Erkenntnisse und Motive nimmt. Wenn die Natur in ihren einzelnen Wirkungen immer
abhängig und beschränkt erscheint, so legt die Vernunft den Charakter der Selbstständigkeit und
Vollendung gleich in jede einzelne Handlung. Aus sich selbst schöpft sie alles, und auf sich selbst
bezieht sie alles. Was durch sie geschieht, geschieht nur um ihrentwillen; eine absolute Größe ist
jeder Begriff den sie aufstellt, und jeder Entschluß den sie bestimmt. Und eben so zeigt sich auch
der Idealist, soweit er diesen Namen mit Recht führt, in seinem Wissen, wie in seinem Tun. Nicht mit
Erkenntnissen zufrieden, die bloß unter bestimmten Voraussetzungen gültig sind, sucht er bis zu
Wahrheiten zu dringen, die nichts mehr voraussetzen und die Voraussetzung von allem andern sind. Ihn
befriedigt nur die philosophische Einsicht, welche alles bedingte Wissen auf ein unbedingtes
zurückführt, und an dem Notwendigen in dem menschlichen Geist alle Erfahrung befestiget; die Dinge,
denen der Realist sein Denken unterwirft, muß Er Sich, seinem Denkvermögen unterwerfen. Und er
verfährt hierin mit völliger Befugnis, denn wenn die Gesetze des menschlichen Geistes nicht auch
zugleich die Weltgesetze wären, wenn die Vernunft endlich selbst unter der Erfahrung stünde, so
würde auch keine Erfahrung möglich sein.</p>
        <p xml:id="P.19">Aber er kann es bis zu absoluten Wahrheiten gebracht haben, und dennoch in seinen
Kenntnissen dadurch nicht viel gefördert sein. Denn alles freilich steht zuletzt unter notwendigen
und allgemeinen Gesetzen, aber nach zufälligen und besondern Regeln wird jedes einzelne regiert; und
in der Natur ist alles einzeln. Er kann also mit seinem philosophischen Wissen das Ganze
beherrschen, und für das Besondre, für die Ausübung, dadurch nichts gewonnen haben: ja, indem er
überall auf die <hi rend="italic">obersten</hi> Gründe dringt, durch die alles möglich wird, kann er
die <hi rend="italic">nächsten</hi> Gründe, durch die alles wirklich wird, leicht versäumen; indem
er überall auf das Allgemeine sein Augenmerk richtet, wel<c type="hyphen"></c>
          <pb n="802"></pb>ches die
verschiedensten Fälle einander gleich macht, kann er leicht das besondre vernachlässigen, wodurch
sie sich von einander unterscheiden. Er wird also sehr viel mit seinem Wissen <hi rend="italic">umfassen</hi> können, und vielleicht eben deswegen wenig <hi rend="italic">fassen</hi>, und oft an
Einsicht verlieren, was er an Übersicht gewinnt. Daher kommt es daß, wenn der spekulative Verstand
den gemeinen um seiner <hi rend="italic">Beschränktheit</hi> willen verachtet, der gemeine Verstand
den spekulativen seiner <hi rend="italic">Leerheit</hi> wegen verlacht; denn die Erkenntnisse
verlieren immer an bestimmten Gehalt, was sie an Umfang gewinnen.</p>
        <p xml:id="P.20">In der moralischen Beurteilung wird man bei dem Idealisten eine reinere Moralität
in einzelnen, aber weit weniger moralische Gleichförmigkeit im Ganzen, finden. Da er nur in so fern
Idealist heißt, als er aus reiner Vernunft seine Bestimmungsgründe nimmt, die Vernunft aber in jeder
ihrer Äußerungen sich absolut beweist, so tragen schon seine einzelnen Handlungen, sobald sie
überhaupt nur moralisch sind, den <hi rend="italic">ganzen</hi> Charakter moralischer
Selbstständigkeit und Freiheit, und gibt es überhaupt nur im wirklichen Leben eine wahrhaft
sittliche Tat, die es auch vor einem rigoristischen Urteil bliebe, so kann sie nur von dem
Idealisten ausgeübt werden. Aber je reiner die Sittlichkeit seiner einzelnen Handlungen ist, desto
zufälliger ist sie auch; denn Stätigkeit und Notwendigkeit ist zwar der Charakter der Natur aber
nicht der Freiheit. Nicht zwar, als ob der Idealism mit der Sittlichkeit je in Streit geraten
könnte, welches sich widerspricht; sondern weil die menschliche Natur eines konsequenten Idealism
gar nicht fähig ist. Wenn sich der Realist, auch in seinem moralischen Handeln, einer physischen
Notwendigkeit ruhig und gleichförmig unterordnet, so muß der Idealist einen Schwung nehmen, er muß
augenblicklich seine Natur exaltieren, und er vermag nichts, als insofern er begeistert ist. Alsdann
freilich vermag er auch desto mehr, und sein Betragen wird einen Charakter von Hoheit und Größe
zeigen, den man in den Handlungen des Realisten vergeb<c type="hyphen"></c>
          <pb n="803"></pb>lich sucht.
Aber das wirkliche Leben ist keineswegs geschickt, jene Begeisterung in ihm zu wecken und noch viel
weniger sie gleichförmig zu nähren. Gegen das Absolutgroße, von dem er jedesmal ausgeht, macht das
Absolutkleine des einzelnen Falles, auf den er es anzuwenden hat, einen gar zu starken Absatz. Weil
sein Wille der Form nach immer auf das Ganze gerichtet ist, so will er ihn, der Materie nach, nicht
auf Bruchstücke richten, und doch sind es mehrenteils nur geringfügige Leistungen, wodurch er seine
moralische Gesinnung beweisen kann. So geschieht es denn nicht selten, daß er über dem unbegrenzten
Ideale den begrenzten Fall der Anwendung übersiehet, und von einem Maximum erfüllt, das Minimum
verabsäumt, aus dem allein doch alles Große in der Wirklichkeit erwächst.</p>
        <p xml:id="P.21">Will man also dem Realisten Gerechtigkeit wiederfahren lassen, so muß man ihn nach
dem ganzen Zusammenhang seines Lebens richten; will man sie dem Idealisten erweisen, so muß man sich
an einzelne Äußerungen desselben halten, aber man muß diese erst herauswählen. Das gemeine Urteil,
welches so gern nach dem einzelnen entscheidet, wird daher über dem Realisten gleichgültig
schweigen, weil seine einzelnen Lebensakte gleich wenig Stoff zum Lob und zum Tadel geben; über den
Idealisten hingegen wird es immer Partei ergreifen, und zwischen Verwerfung und Bewunderung sich
teilen, weil in dem einzelnen sein Mangel und seine Stärke liegt.</p>
        <p xml:id="P.22">Es ist nicht zu vermeiden, daß bei einer so großen Abweichung in den Prinzipien
beide Parteien in ihren Urteilen einander nicht oft gerade entgegengesetzt sein, und, wenn sie
selbst in den Objekten und Resultaten übereinträfen, nicht in den Gründen auseinander sein sollten.
Der Realist wird fragen, <hi rend="italic">wozu eine Sache gut sei?</hi> und die Dinge nach dem, was
sie wert sind, zu taxieren wissen: der Idealist wird fragen, <hi rend="italic">ob sie gut sei?</hi>
und die Dinge nach dem taxieren, was sie würdig sind. Von dem was seinen Wert und Zweck in sich
selbst hat (das Ganze jedoch immer ausgenommen) weiß und hält der Realist nicht viel; in<pb n="804"></pb>Sachen des Geschmacks wird er dem Vergnügen, in Sachen der Moral wird er der Glückseligkeit das
Wort reden, wenn er diese gleich nicht zur Bedingung des sittlichen Handelns macht; auch in seiner
Religion vergißt er seinen <hi rend="italic">Vorteil</hi> nicht gern, nur daß er denselben in dem
Ideale des <hi rend="italic">höchsten Guts</hi> veredelt und heiligt. Was er liebt wird er zu
beglücken, der Idealist wird es zu <hi rend="italic">veredeln</hi> suchen. Wenn daher der Realist in
seinen poetischen Tendenzen den <hi rend="italic">Wohlstand</hi> bezweckt, gesetzt daß es auch von
der moralischen Selbstständigkeit des Volks etwas kosten sollte, so wird der Idealist, selbst auf
Gefahr des Wohlstandes, die <hi rend="italic">Freiheit</hi> zu seinem Augenmerk machen.
Unabhängigkeit <hi rend="italic">des Zustandes</hi> ist jenem, Unabhängigkeit <hi rend="italic">von
dem Zustand</hi> ist diesem das höchste Ziel, und dieser charakteristische Unterschied läßt sich
durch ihr beiderseitiges Denken und Handeln verfolgen. Daher wird der Realist seine Zuneigung immer
dadurch beweisen, daß er <hi rend="italic">gibt</hi>, der Idealist dadurch, daß er <hi rend="italic">empfängt</hi>; durch das, was er in seiner Großmut aufopfert, verrät jeder, was er am höchsten
schätzt. Der Idealist wird die Mängel seines Systems mit seinem Individuum und seinem zeitlichen
Zustand bezahlen, aber er achtet dieses Opfer nicht; der Realist büßt die Mängel des seinigen mit
seiner persönlichen Würde, aber er erfährt nichts von diesem Opfer. Sein System bewährt sich an
allem, wovon er Kundschaft hat, und wornach er ein Bedürfnis empfindet – was bekümmern ihn Güter,
von denen er keine Ahnung und an die er keinen Glauben hat? Genug für ihn, er ist im Besitze, die
Erde ist sein, und es ist Licht in seinem Verstande, und Zufriedenheit wohnt in seiner Brust. Der
Idealist hat lange kein so gutes Schicksal. Nicht genug, daß er oft mit dem Glücke zerfällt, weil er
versäumte, den Moment zu seinem Freunde zu machen, er zerfällt auch mit sich selbst, weder sein
Wissen, noch sein Handeln kann ihm Genüge tun. Was er von sich fodert, ist ein Unendliches, aber
beschränkt ist alles, was er leistet. Diese Strenge, die er gegen sich selbst beweist, verleugnet er
auch nicht in seinem Betragen gegen andre. Er ist zwar großmütig, weil<pb n="805"></pb>er sich Andern
gegenüber, seines Individuums weniger erinnert, aber er ist öfters unbillig, weil er das Individuum
eben so leicht in andern übersieht. Der Realist hingegen ist weniger großmütig, aber er ist
billiger, da er alle Dinge mehr <hi rend="italic">in ihrer Begrenzung</hi> beurteilt. Das Gemeine,
ja selbst das Niedrige im Denken und Handeln kann er verzeihen, nur das Willkürliche, das
Exzentrische nicht; der Idealist hingegen ist ein geschworner Feind alles Kleinlichen und Platten,
und wird sich selbst mit dem Extravaganten und Ungeheuren versöhnen, wenn es nur von einem großen
Vermögen zeugt. Jener beweist sich als Menschenfreund, ohne eben einen sehr hohen Begriff von den
Menschen und der Menschheit zu haben; dieser denkt von der Menschheit so groß, daß er darüber in
Gefahr kommt, die Menschen zu verachten.</p>
        <p xml:id="P.23">Der Realist für sich allein würde den Kreis der Menschheit nie über die Grenzen der
Sinnenwelt hinaus erweitert, nie den menschlichen Geist mit seiner selbstständigen Größe und
Freiheit bekannt gemacht haben; alles Absolute in der Menschheit ist ihm nur eine schöne Schimäre
und der Glaube daran nicht viel besser als Schwärmerei, weil er den Menschen niemals in seinem
reinen Vermögen, immer nur in einem bestimmten und, eben darum begrenzten Wirken erblickt. Aber der
Idealist für sich allein würde eben so wenig die sinnlichen Kräfte kultiviert und den Menschen als
Naturwesen ausgebildet haben, welches doch ein gleich wesentlicher Teil seiner Bestimmung, und die
Bedingung aller moralischen Veredlung ist. Das Streben des Idealisten geht viel zu sehr über das
sinnliche Leben und über die Gegenwart hinaus; für das Ganze nur, für die Ewigkeit will er säen und
pflanzen; und vergißt darüber, daß das Ganze nur der vollendete Kreis des Individuellen, daß die
Ewigkeit nur eine Summe von Augenblicken ist. Die Welt wie der Realist sie um sich herum bilden
möchte, und wirklich bildet, ist ein wohlangelegter Garten, worin alles nützt, alles seine Stelle
verdient, und was nicht Früchte trägt verbannt ist; die Welt unter den Händen des Idealisten<pb n="806"></pb>ist eine weniger benutzte aber in einem größeren Charakter ausgeführte Natur. Jenem fällt
es nicht ein, daß der Mensch noch zu etwas andern da sein könne, als wohl und zufrieden zu leben;
und daß er nur deswegen Wurzeln schlagen soll, um seinen Stamm in die Höhe zu treiben. Dieser denkt
nicht daran, daß er vor allen Dingen wohl leben muß, um gleichförmig gut und edel zu denken, und daß
es auch um den Stamm getan ist, wenn die Wurzeln fehlen.</p>
        <p xml:id="P.24">Wenn in einem System etwas ausgelassen ist, wornach doch ein dringendes und nicht
zu umgehendes Bedürfnis in der Natur sich vorfindet, so ist die Natur nur durch eine Inkonsequenz
gegen das System zu befriedigen. Einer solchen Inkonsequenz machen auch hier beide Teile sich
schuldig, und sie beweist, wenn es bis jetzt noch zweifelhaft geblieben sein könnte, zugleich die
Einseitigkeit beider Systeme und den reichen Gehalt der menschlichen Natur. Von dem Idealisten
brauch ich es nicht erst insbesondere darzutun, daß er notwendig aus seinem System treten muß,
sobald er eine bestimmte Wirkung bezweckt; denn alles bestimmte Dasein steht unter zeitlichen
Bedingungen und erfolgt nach empirischen Gesetzen. In Rücksicht auf den Realisten hingegen könnte es
zweifelhafter scheinen, ob er nicht auch schon innerhalb seines Systems allen notwendigen Foderungen
der Menschheit Genüge leisten kann. Wenn man den Realisten fragt: warum tust du was recht ist und
leidest was notwendig ist? so wird er im Geist seines Systems darauf antworten: weil es die Natur so
mit sich bringt, weil es so sein muß. Aber damit ist die Frage noch keineswegs beantwortet, denn es
ist nicht davon die Rede, was die Natur mit sich bringt, sondern was der Mensch will, denn er kann
ja auch <hi rend="italic">nicht</hi> wollen, was sein muß. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.13">Man wird ihn also wieder fragen können: warum willst du denn, was sein muß?
Warum unterwirft sich dein <term key="Wille" type="Episteme" xml:id="TM.40">freier Wille</term>
dieser Naturnotwendigkeit, da er sich ihr eben so gut, (wenn gleich ohne Erfolg, von dem hier auch
gar nicht die Rede ist) entgegensetzen könnte, und sich in Millionen deiner Brüder derselben
wirklich entgegensetzt? Du kannst<pb n="807"></pb>nicht sagen, weil alle andern Naturwesen sich
derselben unterwerfen, denn du allein hast einen Willen, ja du fühlst, daß deine Unterwerfung eine
freiwillige sein soll. <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.14">Du unterwirfst dich also, wenn es
freiwillig geschieht, nicht der Naturnotwendigkeit selbst, sondern der <term key="Idee" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.41">Idee</term> derselben</phr>; denn jene zwingt dich bloß
blind, wie sie den Wurm zwingt, deinem Willen aber kann sie nichts anhaben, da du, selbst von ihr
zermalmt, einen andern Willen haben kannst. Woher bringst du aber jene Idee der Naturnotwendigkeit;
aus der Erfahrung doch wohl nicht, die dir nur einzelne Naturwirkungen aber keine Natur (als Ganzes)
und nur einzelne Wirklichkeiten aber keine Notwendigkeit liefert. Du gehst also über die Natur
hinaus, und bestimmst dich idealisch, so oft du entweder <hi rend="italic">moralisch handeln</hi>
oder nur nicht <hi rend="italic">blind leiden</hi> willst. Es ist also offenbar, daß der Realist
würdiger handelt, als er seiner Theorie nach zugibt, so wie der Idealist erhabener denkt, als er
handelt. Ohne es sich selbst zu gestehen, beweist jener durch die ganze Haltung seines Lebens die
Selbstständigkeit, dieser durch einzelne Handlungen die Bedürftigkeit der menschlichen
Natur.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.25">Einem aufmerksamen und parteilosen Leser werde ich nach der hier gegebenen
Schilderung (deren Wahrheit auch derjenige eingestehen kann, der das Resultat nicht annimmt) nicht
erst zu beweisen brauchen, daß das Ideal menschlicher Natur unter beide verteilt; von keinem aber
völlig erreicht ist. Erfahrung und Vernunft haben beide ihre eigene Gerechtsame, und keine kann in
das Gebiet der andern einen Eingriff tun, ohne entweder für den innern oder äußern Zustand des
Menschen schlimme Folgen anzurichten. Die Erfahrung allein kann uns lehren, was unter gewissen
Bedingungen ist, was unter bestimmten Voraussetzungen erfolgt, was zu bestimmten Zwecken geschehen
muß. Die Vernunft allein kann uns hingegen lehren, was ohne alle Bedingung gilt, und was notwendig
sein muß. Maßen wir uns nun an, mit unserer bloßen Vernunft über das äußre Dasein der Dinge etwas
ausmachen zu wollen, so treiben wir bloß ein leeres Spiel und<pb n="808"></pb>das Resultat wird auf
Nichts hinauslaufen; denn alles Dasein steht unter Bedingungen und die Vernunft bestimmt unbedingt.
Lassen wir aber ein zufälliges Ereignis über dasjenige entscheiden, was schon der bloße Begriff
unsers eigenen Seins mit sich bringt, so machen wir uns selber zu einem leeren Spiele des Zufalls
und unsre Persönlichkeit wird auf nichts hinauslaufen. In dem ersten Fall ist es also um den <hi rend="italic">Wert</hi> (den zeitlichen Gehalt) unsers Lebens, in dem zweiten um die <hi rend="italic">Würde</hi> (den moralischen Gehalt) unsers Lebens getan.</p>
        <p xml:id="P.26">Zwar haben wir in der bisherigen Schilderung dem Realisten einen moralischen Wert
und dem Idealisten einen Erfahrungsgehalt zugestanden, aber bloß insofern beide nicht ganz
konsequent verfahren und die Natur in ihnen mächtiger wirkt als das System. Obgleich aber beide
gegen das Ideal vollkommener Menschheit verlieren, so ist zwischen beiden doch der wichtige
Unterschied, daß der Realist zwar dem Vernunftbegriff der Menschheit in keinem einzelnen Falle
Genüge leistet, dafür aber dem Verstandesbegriff derselben auch niemals widerspricht, der Idealist
hingegen zwar in einzelnen Fällen dem höchsten Begriff der Menschheit näher kommt, dagegen aber
nicht selten sogar unter dem niedrigsten Begriffe derselben bleibet. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.15">Nun kommt es aber in der Praxis des Lebens weit mehr darauf an, daß das
Ganze <hi rend="italic">gleichförmig</hi> menschlich gut als daß das Einzelne <hi rend="italic">zufällig</hi> göttlich sei – und wenn also der Idealist ein geschickteres Subjekt ist, uns von dem
was der Menschheit möglich ist, einen großen Begriff zu erwecken und Achtung für ihre Bestimmung
einzuflößen, so kann nur der Realist sie mit Stätigkeit in der Erfahrung ausführen, und die Gattung
in ihren ewigen Grenzen erhalten. Jener ist zwar ein edleres aber ein ungleich weniger vollkommenes
Wesen; dieser erscheint zwar durchgängig weniger edel, aber er ist dagegen desto vollkommener; denn
das Edle liegt schon in dem Beweis eines großen Vermögens, aber das Vollkommene liegt in der Haltung
des Ganzen und in der wirklichen Tat.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.27">
          <pb n="809"></pb>Was von beiden Charakteren in ihrer besten Bedeutung gilt, das wird
noch merklicher in ihren beiderseitigen <hi rend="italic">Karikaturen</hi>. Der <term key="Realismus" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.54">wahre Realism</term> ist wohltätiger in seinen Wirkungen
und nur weniger edel in seiner Quelle; der falsche ist in seiner Quelle verächtlich und in seinen
Wirkungen nur etwas weniger verderblich. <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.16">Der <term key="Realisten" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.55">wahre Realist</term> nehmlich
unterwirft sich zwar der <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.18">Natur</term> und
ihrer <term key="Notwendigkeit" type="Episteme" xml:id="TM.42">Notwendigkeit</term>; aber der Natur
als einem <term key="Ganze, das" type="Episteme" xml:id="TM.43">Ganzen</term>, aber ihrer ewigen und
absoluten Notwendigkeit nicht ihren blinden und augenblicklichen <hi rend="italic">Nötigungen</hi>.</phr> Mit Freiheit umfaßt und befolgt er ihr Gesetz, und immer wird er das
individuelle dem allgemeinen unterordnen; daher kann es auch nicht fehlen, daß er mit dem echten
Idealisten in dem endlichen Resultat übereinkommen wird, wie verschieden auch der Weg ist, welchen
beide dazu einschlagen. <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.17">Der <term key="Empiriker" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.56">gemeine Empiriker</term> hingegen unterwirft sich der
<term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.19">Natur</term> als einer Macht, und mit
wahlloser blinder Ergebung.</phr> Auf das Einzelne sind seine Urteile, seine Bestrebungen
beschränkt; er glaubt und begreift nur was er betastet, er schätzt nur, was ihn sinnlich verbessert.
Er ist daher auch weiter nichts, als was die äußern Eindrücke zufällig aus ihm machen wollen, seine
Selbstheit ist unterdrückt, und als Mensch hat er absolut keinen Wert und keine Würde. Aber als
Sache ist er noch immer etwas, er kann noch immer zu etwas gut sein. Eben die Natur, der er sich
blindlings überliefert, läßt ihn nicht ganz sinken; ihre ewigen Grenzen schützen ihn, ihre
unerschöpflichen Hülfsmittel retten ihn, sobald er seine Freiheit nur ohne allen Vorbehalt aufgibt.
Obgleich er in diesem Zustand von keinen Gesetzen weiß, so walten diese doch unerkannt über ihm, und
wie sehr auch seine einzelnen Bestrebungen mit dem Ganzen im Streit liegen mögen, so wird sich
dieses doch unfehlbar dagegen zu behaupten wissen. Es gibt Menschen genug, ja wohl ganze Völker, die
in diesem verächtlichen Zustande leben, die bloß durch die Gnade des Naturgesetzes, ohne alle
Selbstheit bestehen, und daher auch nur <hi rend="italic">zu etwas</hi> gut sind, aber daß sie auch
nur leben und bestehen beweist, daß dieser Zustand nicht ganz gehaltlos ist.</p>
        <p xml:id="P.28">
          <pb n="810"></pb>Wenn dagegen schon der <term key="Idealismus" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.57">wahre Idealism</term> in seinen Wirkungen unsicher und öfters gefährlich ist, so
ist der falsche in den seinigen schrecklich. <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.18">Der <term key="Idealisten" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.58">wahre
Idealist</term> verläßt nur deswegen die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.20">Natur</term> und <term key="Erfahrung" type="Episteme" xml:id="TM.44">Erfahrung</term>, weil er
hier das unwandelbare und unbedingt notwendige nicht findet, wornach die <term key="Vernunft" type="Episteme" xml:id="TM.45">Vernunft</term> ihn doch streben heißt</phr>; der Phantast verläßt
die Natur aus bloßer Willkür, um dem Eigensinne der Begierden und den Launen der Einbildungskraft
desto ungebundener nachgeben zu können. Nicht in die Unabhängigkeit von physischen Nötigungen, in
die Lossprechung von moralischen setzt er seine Freiheit. Der Phantast verleugnet also nicht bloß
den menschlichen – er verleugnet allen Charakter, er ist völlig ohne Gesetz, er ist also gar nichts
und dient auch zu gar nichts. Aber eben darum, weil die Phantasterei keine Ausschweifung der Natur
sondern der Freiheit ist, also aus einer an sich achtungswürdigen Anlage entspringt, die ins
unendliche perfektibel ist, so führt sie auch zu einem unendlichen Fall in eine bodenlose Tiefe, und
kann nur in einer völligen Zerstörung sich endigen.</p>
        <p xml:id="P.29"></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
