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          <quote>Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Sechs und zwanzigster Brief</quote>
          <date>1795</date>
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        <author>Schiller, Friedrich</author>
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        <idno type="PID">o:reko.schi.1795a</idno>
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        <bibl type="source">Friedrich Schiller: &quot;Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Sechs und zwanzigster Brief&quot;, in: <hi rend="italic">Theoretische
            Schriften,</hi> hrsg. von Rolf-Peter Janz, unter Mitarbeit von Hans Richard Brittnacher, Gerd Kleiner und Fabian Störmer. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 2008, S. 659-667.
          ISBN: 978-3-618-68032-1. Diese Ausgabe entspricht Band 8, hrsg. von Rolf-Peter Janz der Edition Friedrich Schiller,<hi rend="italic"> Werke und Briefe in zwölf Bänden</hi>. Frankfurt am
          Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Die schmelzende Schönheit. Fortsetzung der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. (Im ersten und zweiten Stück der Horen). Sechs und zwanzigster
          Brief&quot;, in: <hi rend="italic">Die Horen</hi> 2, 6 (1795), S. 102-111.</bibl>
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            <catDesc>Media</catDesc>
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              <catDesc>Kunst, Literatur</catDesc>
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        <p xml:id="P.1">
          <pb n="659"></pb>
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.1">Da die ästhetische Stimmung des Gemüts, wie ich in den vorhergehenden Briefen entwickelt habe, der Freiheit erst die
            Entstehung gibt, so ist leicht einzusehen, daß sie nicht aus derselben entspringen und folglich keinen moralischen<pb n="660"></pb>Ursprung haben könne. Ein Geschenk der Natur muß sie sein;
            die Gunst der Zufälle allein kann die Fesseln des physischen Standes lösen, und den wilden zur Schönheit führen.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.2">Der Keim der letztern wird sich gleich wenig entwickeln, wo eine karge Natur den Menschen jeder Erquickung beraubt, und wo eine verschwenderische ihn von jeder eigenen
          Anstrengung losspricht – wo die stumpfe Sinnlichkeit kein Bedürfnis fühlt, und wo die heftige Begier keine Sättigung findet. Nicht da, wo der Mensch sich <hi rend="italic">troglodytisch</hi>
          in Höhlen birgt, ewig einzeln ist, und die Menschheit nie <hi rend="italic">außer sich</hi> findet, auch nicht da, wo er<hi rend="italic"> nomadisch</hi> in großen Heermassen zieht, ewig nur
          Zahl ist, und die Menschheit nie <hi rend="italic">in sich</hi> findet – da allein, wo er in eigener Hütte still mit sich selbst, und sobald er heraustritt, mit dem ganzen Geschlechte
          spricht, wird sich ihre liebliche Knospe entfalten. Da wo ein leichter Äther die Sinne jeder leisen Berührung eröffnet, und den üppigen Stoff eine energische Wärme beseelt – wo das Reich der
          blinden Masse schon in der leblosen Schöpfung gestürzt ist, und die siegende Form auch die niedrigsten Naturen veredelt – dort in den fröhlichen Verhältnissen, und in der gesegneten Zone, wo
          nur die Tätigkeit zum Genusse und nur der Genuß zur Tätigkeit führt, <phr subtype="Leben" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.2">wo aus dem <term key="Leben" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.1">Leben</term> selbst die heilige <term key="Ordnung" type="Episteme" xml:id="TM.22">Ordnung</term> quillt und aus dem Gesetz der Ordnung sich nur Leben entwickelt, – wo die
              <term key="Einbildungskraft" type="Episteme" xml:id="TM.23">Einbildungskraft</term> der Wirklichkeit ewig entflieht, und dennoch von der Einfalt der Natur nie verirret – hier allein
            werden sich Sinne und Geist, empfangende und bildende Kraft in dem glücklichen Gleichmaß entwickeln, welches die Seele der Schönheit, und die Bedingung der Menschheit ist.</phr>
          <note n="18" type="endnote" xml:id="EN.1">Man lese über diesen Gegenstand, was <hi rend="italic">Herder</hi> im dreizehnten Buche der Ideen z. Philos. d. Geschichte der Menschheit über die
            veranlassenden Ursachen der griechischen Geistesbildung sagt.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.3">Und was ist es für ein Phänomen, durch welches sich bei<pb n="661"></pb>dem Wilden der Eintritt in die Menschheit verkündigt? Soweit wir auch die Geschichte befragen, es ist
          dasselbe bei allen Völkerstämmen, welche der Sklaverei des tierischen Standes entsprungen sind: die Freude am <hi rend="italic">Schein</hi>, die Neigung zum <hi rend="italic">Putz</hi> und
          zum <hi rend="italic">Spiele</hi>.</p>
        <p xml:id="P.4">Die höchste Stupidität und der höchste Verstand haben darin eine gewisse Affinität miteinander, daß beide nur das <hi rend="italic">Reelle</hi> suchen, und für den bloßen
          Schein gänzlich unempfindlich sind. Nur durch die unmittelbare Gegenwart eines Objekts in den Sinnen wird jene aus ihrer Ruhe gerissen, und nur durch Zurückführung seiner Begriffe auf
          Tatsachen der Erfahrung wird der letztere zur Ruhe gebracht; mit einem Wort, die Dummheit kann sich nicht über die Wirklichkeit erheben, und der Verstand nicht unter der Wahrheit stehen
          bleiben. Was dort der Mangel der Einbildungskraft bewirkt, das bewirkt hier die absolute Beherrschung derselben. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.3">Insofern also
            das Bedürfnis der Realität und die Anhänglichkeit an das Wirkliche bloße Folgen des Mangels sind, ist die Gleichgültigkeit gegen <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.2">Realität</term> und das Interesse am <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.10">Schein</term> eine wahre Erweiterung der Menschheit und ein entschiedener Schritt zur <term key="Kultur" type="Episteme" xml:id="TM.24">Kultur</term>.</phr> Fürs erste zeugt es von einer äußern Freiheit, denn solange die Not gebietet, und das Bedürfnis drängt, ist die <term key="Einbildungskraft" type="Episteme" xml:id="TM.25">Einbildungskraft</term> mit strengen Fesseln an das Wirkliche gebunden; erst wenn das Bedürfnis gestillt ist, entwickelt sie ihr
          ungebundenes Vermögen. Es zeugt aber auch von einer innern Freiheit, weil es uns eine Kraft sehen läßt, die unabhängig von einem <term key="Stoff" type="Episteme" xml:id="TM.26">äußern
            Stoffe</term> sich durch sich selbst in Bewegung setzt, und die Energie genug besitzt die andringende Materie von sich zu halten. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.4">Die <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.3">Realität der Dinge</term> ist ihr (der <term key="Ding" type="Episteme" xml:id="TM.27">Dinge</term>) Werk;
            der <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.11">Schein</term> der Dinge ist des Menschen Werk, und ein Gemüt, das sich am Scheine weidet, ergötzt sich schon nicht mehr an dem, was es
            empfängt, sondern an dem, was es <term key="tun" type="Episteme" xml:id="TM.28">tut</term>.</phr>         
 <note n="19" type="endnote" xml:id="EN.2">Es versteht sich wohl von selbst, daß hier nur
            von dem ästhetischen Schein die Rede ist, den man von der Wirklichkeit und Wahrheit unterscheidet, nicht von dem logischen, den man mit derselben verwechselt – den man folglich liebt, weil
            er Schein ist, und nicht, weil man ihn für etwas besseres hält. Nur der erste ist Spiel, da der letzte bloß Betrug ist. Den Schein der ersten Art für etwas gelten lassen, kann der Wahrheit
            niemals Eintrag tun, weil man nie Gefahr läuft, ihn derselben unterzuschieben, was doch die einzige Art ist, wie der Wahrheit geschadet werden kann; ihn verachten, heißt alle schöne Kunst
            überhaupt verachten, deren Wesen der Schein ist. Indessen begegnet es dem Verstande zuweilen, seinen Eifer für Realität bis zu einer solchen Unduldsamkeit zu treiben, und über die ganze
            Kunst des schönen Scheins, weil sie bloß Schein ist, ein wegwerfendes Urteil zu sprechen; dies begegnet aber dem Verstande nur alsdann, wenn er sich der obengedachten Affinität erinnert.
            Von den notwendigen Grenzen des schönen Scheins werde ich noch einmal insbesondere zu reden Veranlassung nehmen.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.5">
          <pb n="661"></pb>
          <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.5">Die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.4">Natur</term> selbst ist es, die den Menschen
            von der Realität zum <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.12">Scheine</term> emporhebt, indem sie ihn mit zwei Sinnen ausrüstete, die ihn bloß durch den Schein zur Erkenntnis des
            Wirklichen führen.</phr> In dem <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.31">Auge</term> und dem <term key="Ohr" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.32">Ohr</term> ist die
          andringende <term key="Materie" type="Episteme" xml:id="TM.29">Materie</term> schon hinweggewälzt von den Sinnen, und das Objekt entfernt sich von uns, das wir in den tierischen Sinnen
          unmittelbar berühren. Was wir durch das Auge <term key="sehen" rend="italic" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.33">sehen</term>, ist von dem verschieden, was wir <term key="empfinden" rend="italic" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.34">empfinden</term>; denn der Verstand springt über das Licht hinaus zu den Gegenständen. Der Gegenstand des Takts ist eine Gewalt, die
          wir erleiden; der Gegenstand des Auges und Ohrs ist eine Form, die wir erzeugen. Solange der Mensch noch ein Wilder ist, genießt er bloß mit den Sinnen des Gefühls, denen die Sinne des
          Scheins in dieser Periode bloß dienen. Er erhebt sich entweder gar nicht zum Sehen oder er befriedigt sich doch nicht mit demselben. Sobald er anfängt, mit dem Auge zu genießen und das Sehen
          für ihn einen selbstständigen Wert erlangt, so ist er auch schon ästhetisch frei und der Spieltrieb hat sich entfaltet.</p>
        <p xml:id="P.6">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.6">Gleich so wie der Spieltrieb sich regt, der am Scheine<pb n="663"></pb>Gefallen findet, wird ihm auch der nachahmende Bildungstrieb
            folgen, der den Schein als etwas Selbstständiges behandelt. Sobald der Mensch einmal so weit gekommen ist, den Schein von der Wirklichkeit, die <term key="Form" type="Ästhetik" xml:id="TM.13">Form</term> von dem Körper zu unterscheiden, so ist er auch im Stande, sie von ihm abzusondern; denn das hat er schon getan, indem er sie unterscheidet. Das Vermögen zur <term key="Nachahmung" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.9">nachahmenden Kunst</term>, ist also mit dem Vermögen zur Form überhaupt gegeben; der Drang zu derselben beruht auf
            einer andern Anlage, von der ich hier nicht zu handeln brauche. Wie frühe oder wie spät sich der ästhetische Kunsttrieb entwickeln soll, das wird bloß von dem Grade der Liebe abhängen, mit
            der der Mensch fähig ist, sich bei dem bloßen Schein zu verweilen.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.7">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.7">Da alles <term key="Dasein" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.5">wirkliche Dasein</term> von der Natur als einer fremden Macht,
            aller Schein aber ursprünglich von dem Menschen als vorstellendem Subjekte, sich herschreibt, so bedient er sich bloß seines absoluten Eigentumsrechts, wenn er den Schein von dem Wesen
            zurück nimmt, und mit demselben nach eignen Gesetzen schaltet. Mit ungebundener Freiheit kann er, was die Natur trennte, zusammenfügen, sobald er es nur irgend zusammen denken kann, und
            trennen, was die Natur verknüpfte, sobald er es nur in seinem Verstande absondern kann. Nichts darf ihm hier heilig sein, als sein eigenes Gesetz, sobald er nur die Markung in Acht nimmt,
            welche <hi rend="italic">sein</hi> Gebiet von dem Dasein der Dinge oder dem Naturgebiete scheidet.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.8">Dieses menschliche Herrscherrecht übt er aus in der <hi rend="italic">Kunst des Scheins</hi> und je strenger er hier das Mein und Dein von einander sondert, je sorgfältiger er
          die Gestalt von dem Wesen trennt, und je mehr Selbstständigkeit er derselben zu geben weiß, desto mehr wird er nicht bloß das Reich der Schönheit erweitern, sondern selbst die Grenzen der
          Wahrheit bewahren; denn er kann den Schein nicht von der Wirklichkeit reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Schein frei zu machen.</p>
        <p xml:id="P.9">Aber er besitzt dieses souveräne Recht schlechterdings<pb n="664"></pb>auch nur in der <hi rend="italic">Welt des</hi>
          <hi rend="italic">Scheins</hi>, in dem wesenlosen Reich der Einbildungskraft, und nur, solang er sich im theoretischen gewissenhaft enthält, Existenz davon auszusagen, und solang er im
          praktischen darauf Verzicht tut, Existenz dadurch zu erteilen. Sie sehen hieraus, daß der Dichter auf gleiche Weise aus seinen Grenzen tritt, wenn er seinem Ideal Existenz beilegt, und wenn
          er eine bestimmte Existenz damit bezweckt. Denn beides kann er nicht anders zu Stande bringen, als indem er entweder sein Dichterrecht überschreitet, durch das Ideal in das Gebiet der
          Erfahrung greift, und durch die bloße Möglichkeit wirkliches Dasein zu bestimmen sich anmaßt, oder indem er sein Dichterrecht aufgibt, die Erfahrung in das Gebiet des Ideals greifen läßt,
          und die Möglichkeit auf die Bedingungen der Wirklichkeit einschränkt.</p>
        <p xml:id="P.10">
          <phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.8">Nur soweit er <hi rend="italic">aufrichtig</hi> ist, (sich von allem Anspruch auf <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.6">Realität</term> ausdrücklich lossagt) und nur soweit er <hi rend="italic">selbstständig</hi> ist, (allen Beistand der Realität entbehrt) ist der
              <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.14">Schein</term> ästhetisch. Sobald er falsch ist und Realität heuchelt, und sobald er unrein und der Realität zu seiner Wirkung bedürftig
            ist, ist er nichts als ein niedriges Werkzeug zu materiellen Zwecken, und kann nichts für die Freiheit des Geistes beweisen.</phr> Übrigens ist es gar nicht nötig, daß der Gegenstand, an
          dem wir den <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.15">schönen Schein</term> finden, ohne Realität sei, wenn nur unser Urteil darüber auf diese Realität keine Rücksicht nimmt; denn
          soweit es diese Rücksicht nimmt, ist es kein ästhetisches. Eine lebende weibliche Schönheit wird uns freilich eben so gut und noch ein wenig besser als eine eben so schöne, bloß gemalte,
          gefallen; aber insoweit sie uns besser gefällt als die letztere (ich setze hier der Kunst keine Grenzen) gefällt sie nicht mehr als selbstständiger Schein, gefällt sie nicht mehr dem reinen    
      ästhetischen Gefühl, diesem darf auch das Lebendige nur als Erscheinung, auch das Wirkliche nur als Idee gefallen, aber freilich erfodert es noch einen ungleich höheren Grad der schönen
          Kultur, in dem Lebendigen selbst nur den reinen Schein zu empfinden, als das Leben an dem Schein zu entbehren.</p>
        <p xml:id="P.11">
          <pb n="665"></pb>Bei welchem einzelnen Menschen oder ganzen Volk man den <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.16">aufrichtigen und selbstständigen Schein</term> findet,
          da darf man auf Geist und Geschmack und jede damit verwandte Trefflichkeit schließen – da wird man das Ideal das wirkliche Leben regieren, die Ehre über den Besitz, den Gedanken über den
          Genuß, den Traum der Unsterblichkeit über die Existenz triumphieren sehen. Da wird die öffentliche Stimme das einzig furchtbare sein, und ein Olivenkranz höher als ein Purpurkleid ehren. Zum
          falschen und bedürftigen Schein nimmt nur die Ohnmacht und die Verkehrtheit ihre Zuflucht, und einzelne Menschen sowohl als ganze Völker, welche entweder „<phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.9">der <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.7">Realität</term> durch den Schein oder dem <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.17">(ästhetischen) Schein</term> durch Realität nachhelfen</phr>“ – beides ist gerne verbunden – beweisen zugleich ihren moralischen Unwert und ihr ästhetisches
            Unvermögen.<note n="20" type="endnote" xml:id="EN.3">Auf die Frage <hi rend="italic">„In wie weit darf Schein in der moralischen Welt sein?“</hi> ist also die Antwort so kurz als bündig
            diese: <hi rend="italic">in so weit es ästhetischer Schein ist</hi> d. h. Schein, der weder Realität vertreten will, noch von derselben vertreten zu werden braucht. Der ästhetische Schein
            kann der Wahrheit der Sitten niemals gefährlich werden, und wo man es anders findet, da wird sich ohne Schwierigkeit zeigen lassen, daß der Schein nicht ästhetisch war. Nur ein Fremdling
            im schönen Umgang z. B. wird Versicherungen der Höflichkeit, die eine allgemeine Form ist, als Merkmale persönlicher Zuneigung aufnehmen, und wenn er getäuscht wird, über Verstellung
            klagen. Aber auch nur ein Stümper im schönen Umgang wird, um höflich zu sein, die Falschheit zu Hülfe rufen, und schmeicheln, um gefällig zu sein. Dem ersten fehlt noch der Sinn für den
            selbstständigen Schein, daher kann er demselben nur durch die Wahrheit Bedeutung geben; dem zweiten fehlt es an Realität, und er möchte sie gern durch den Schein ersetzen.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.12">Nichts ist gewöhnlicher als von gewissen trivialen Kritikern des Zeitalters die Klage zu vernehmen, daß alle Solidität aus der Welt verschwunden sei, und das Wesen über dem
          Schein vernachlässigt werde. Obgleich ich mich<pb n="666"></pb>gar nicht berufen fühle, das Zeitalter gegen diesen Vorwurf zu rechtfertigen, so geht doch schon aus der weiten Ausdehnung, welche
          diese strengen Herren Sittenrichter ihrer Anklage geben, sattsam hervor, daß sie dem Zeitalter nicht bloß den falschen sondern auch den aufrichtigen Schein verargen; und sogar die Ausnahmen,
          welche sie noch etwa zu Gunsten der Schönheit machen, gehen mehr auf den bedürftigen als auf den selbstständigen Schein. Sie greifen nicht bloß die betrügerische Schminke an, welche die
          Wahrheit verbirgt, welche die Wirklichkeit zu vertreten sich anmaßt; sie ereifern sich auch gegen den <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.18">wohltätigen Schein</term>, der die
          Leerheit erfüllt, und die Armseligkeit zudeckt, auch gegen den <term key="idealisch" type="Ästhetik" xml:id="TM.19">idealischen</term>, der eine <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.8">gemeine Wirklichkeit</term> veredelt. Die Falschheit der Sitten beleidigt mit Recht ihr strenges Wahrheitsgefühl; nur schade, daß sie zu dieser Falschheit auch schon die
          Höflichkeit rechnen. Es mißfällt ihnen, daß äußerer Flitterglanz so oft das wahre Verdienst verdunkelt, aber es verdrüßt sie nicht weniger, daß man auch Schein vom Verdienste fodert, und dem
          innern Gehalte die gefällige Form nicht erläßt. Sie vermissen das Herzliche, Kernhafte und Gediegene der vorigen Zeiten, aber sie möchten auch das Eckigte und Derbe der ersten Sitten, das
          Schwerfällige der alten Formen, und den ehemaligen gothischen Überfluß wieder eingeführt sehen. Sie beweisen durch Urteile dieser Art <hi rend="italic">dem Stoff an sich selbst</hi> eine
          Achtung, die der Menschheit nicht würdig ist, welche vielmehr das Materielle nur insoferne schätzen soll, als es Gestalt zu empfangen und das Reich der Ideen zu verbreiten im Stand ist. Auf
          solche Stimmen braucht also der Geschmack des Jahrhunderts nicht sehr zu hören, wenn er nur sonst vor einer bessern Instanz besteht. Nicht daß wir einen Wert auf den ästhetischen Schein
          legen (wir tun dies noch lange nicht genug) sondern daß wir es noch nicht bis zu dem <term key="Schein" type="Ästhetik" xml:id="TM.20">reinen Schein</term> gebracht haben, daß wir das Dasein
          noch nicht genug von der Erscheinung geschieden, und dadurch beider Grenzen auf ewig gesichert haben, dies ist es, was uns ein rigoristischer Richter der Schönheit zum<pb n="667"></pb>Vorwurf
          machen kann. Diesen Vorwurf werden wir solang verdienen, als wir das <term key="Schöne, das" type="Ästhetik" xml:id="TM.21">Schöne</term> der lebendigen Natur nicht genießen können, ohne es
          zu begehren, das Schöne der nachahmenden Kunst nicht bewundern können, ohne nach einem Zwecke zu fragen – als wir der <term key="Einbildungskraft" type="Episteme" xml:id="TM.30">Einbildungskraft</term> noch keine eigene absolute Gesetzgebung zugestehn, und durch die Achtung, die wir ihren Werken erzeigen, sie auf ihre Würde hinweisen.</p>
        <p xml:id="P.13"></p>
      </div>
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