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      <titleStmt>
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          <quote>Sein und Zeit</quote>
          <date>1927</date>
        </title>
        <author>Heidegger, Martin</author>
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      <publicationStmt>
        <idno type="PID">o:reko.heid.1927</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl type="source">Martin Heidegger: <hi rend="italic">Sein und Zeit</hi>.
                    Unveränderter Nachdruck der 15. Aufl. des Autors. Tübingen: Max Niemeyer 2006<hi rend="superscript">19</hi>, S. 89-101, 200-212. ISBN: 3-484-70153-6.</bibl>
        <bibl type="first_edition">
          <hi rend="italic">Sein und Zeit</hi> I [1922-1926],
                    Sonderausdruck in: <hi rend="italic">Jahrbuch für Philosophie und
                        phänomenologische Forschung</hi> VIII, xii + 810 (1927), S. 1-438.</bibl>
      </sourceDesc>
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            <catDesc>Genre</catDesc>
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      <div>
        <p xml:id="P.1">
          <pb n="89"></pb>
          <hi rend="italic">B. Die Abhebung der Analyse der
                        Weltlichkeit gegen die Interpretation der Welt bei Descartes</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.2">Des Begriffes der Weltlichkeit und der in diesem Phänomen
                    beschlossenen Strukturen wird sich die Untersuchung nur schrittweise versichern
                    können. Weil die Interpretation der Welt zunächst bei einem innerweltlich
                    Seienden ansetzt, um dann das Phänomen Welt überhaupt nicht mehr in den Blick zu
                    bekommen, versuchen wir diesen Ansatz an seiner vielleicht extremsten
                    Durchführung ontologisch zu verdeutlichen. Wir geben nicht nur eine kurze
                    Darstellung der Grundzüge der Ontologie der „Welt“ bei <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.77">Descartes</term>, sondern
                    fragen nach deren Voraussetzungen und versuchen diese im Lichte des bisher
                    Gewonnenen zu charakterisieren. Diese Erörterung soll erkennen lassen, auf
                    welchen grundsätzlich undiskutierten ontologischen „Fundamenten“ die nach <hi rend="italic">Descartes</hi> kommenden Interpretationen der Welt, die ihm
                    vorausgehenden erst recht, sich bewegen.</p>
        <p xml:id="P.3">
          <hi rend="italic">Descartes</hi> sieht die ontologische
                    Grundbestimmung der Welt in der extensio. Sofern Ausdehnung die Räumlichkeit
                    mitkonstituiert, nach <hi rend="italic">Descartes</hi> sogar mit ihr identisch
                    ist, Räumlichkeit aber in irgendeinem Sinn für die Welt konstitutiv bleibt,
                    bietet die Erörterung der cartesischen Ontologie der „Welt“ zugleich einen
                    negativen Anhalt für die positive Explikation der Räumlichkeit der Umwelt und
                    des Daseins selbst. Wir behandeln hinsichtlich der Ontologie <hi rend="italic">Descartes&apos;</hi> ein Dreifaches: 1. Die Bestimmung der „Welt“ als res
                    extensa (§ 19). 2. Die Fundamente dieser ontologischen Bestimmung (§ 20). 3. Die
                    hermeneutische Diskussion der cartesischen Ontologie der „Welt“ (§ 21). Ihre
                    ausführliche Begründung erhält die folgende Betrachtung erst durch die
                    phänomenologische Destruktion des „cogito sum“ (vergleiche II. Teil, 2.
                    Abschnitt).</p>
        <p xml:id="P.4">
          <hi rend="italic">§ 19. Die Bestimmung der „Welt“ als res
                        extensa</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.5">
          <hi rend="italic">Descartes</hi> unterscheidet das „ego cogito“ als
                    res cogitans von der „res corporea“. Diese Unterscheidung bestimmt künftig
                    ontologisch die von „Natur und Geist“. Dieser Gegensatz mag ontisch in noch so
                    vielen inhaltlichen Abwandlungen fixiert werden, die Ungeklärtheit seiner
                    ontologischen Fundamente und die der Gegensatzglieder selbst hat ihre nächste
                    Wurzel in der von <hi rend="italic">Descartes</hi> vollzogenen Unterscheidung.
                    Innerhalb welchen Seinsverständnisses hat dieser das Sein dieser Seienden
                    bestimmt? Der Titel für das Sein eines an ihm selbst Seienden lautet substantia.
                    Der Ausdruck meint bald das <hi rend="italic">Sein</hi> eines<pb n="90"></pb>als
                    Substanz Seienden, <hi rend="italic">Substanzialität</hi>, bald das Seiende
                    selbst, <hi rend="italic">eine Substanz</hi>. Diese Doppeldeutigkeit von
                    substantia, die schon der antike Begriff der ούσία bei sich führt, ist nicht
                    zufällig.</p>
        <p xml:id="P.6">Die ontologische Bestimmung der res corporea verlangt die
                    Explikation der Substanz, das heißt der Substanzialität dieses Seienden als
                    einer Substanz. Was macht das eigentliche An-ihm-selbstsein der res corporea
                    aus? Wie ist überhaupt eine Substanz als solche, das heißt ihre Substanzialität
                    faßbar? Et quidem ex quolibet attributo substantia cognoscitur; sed una tamen
                    est cuiusque substantiae praecipua proprietas, quae ipsius naturam essentiamque
                    constituit, et ad quam aliae omnes referuntur.<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.1">
            <pb n="90"></pb> Principia 1, n. 53, S. 25 (Oeuvres ed.
                        Adam-Tannery, Vol. VIII).</note> Substanzen werden in ihren „Attributen“
                    zugänglich, und jede Substanz hat eine ausgezeichnete Eigenschaft, an der das
                    Wesen der Substanzialität einer bestimmten Substanz ablesbar wird. Welches ist
                    die Eigenschaft bezüglich der res corporea? Nempe <hi rend="italic">extensio</hi> in longum, latum et profundum, substantiae corporeae naturam
                        constituit.<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.2">a. a. O.</note> Die
                    Ausdehnung nämlich nach Länge, Breite und Tiefe macht das eigentliche Sein der
                    körperlichen Substanz aus, die wir „Welt“ nennen. Was gibt der extensio diese
                    Auszeichnung? Nam omne aliud quod corpori tribui potest, extensionem
                        praesupponit.<note n="3" type="endnote" xml:id="EN.3">a. a. O.</note>
                    Ausdehnung ist <hi rend="italic">die</hi> Seinsverfassung des in Rede stehenden
                    Seienden, die vor allen anderen Seinsbestimmungen schon „sein“ muß, damit diese
                    „sein“ können, was sie sind. Ausdehnung muß dem Körperding primär „zugewiesen“
                    werden. Dementsprechend vollzieht sich der Beweis für die Ausdehnung und die
                    durch sie charakterisierte Substanzialität der „Welt“ in der Weise, daß gezeigt
                    wird, wie alle anderen Bestimmtheiten dieser Substanz, vornehmlich divisio,
                    figura, motus, nur als modi der extensio begriffen werden können, daß umgekehrt
                    die extensio sine figura vel motu verständlich bleibt.</p>
        <p xml:id="P.7">So kann ein Körperding bei Erhaltung seiner Gesamtausdehnung doch
                    vielfach die Verteilung derselben nach den verschiedenen Dimensionen wechseln
                    und sich in mannigfachen Gestalten als ein und dasselbe <term key="Ding" type="Episteme" xml:id="TM.31">Ding</term> darstellen. Atque unum et idem
                    corpus, retinendo suam eandem quantitatem, pluribus diversis modis potest
                    extendi: nunc scilicet magis secundum longitudinem, minusque secundum
                    latitudinem vel profunditatem, ac paulo post e contra magis secundum
                    latitudinem, et minus secundum longitudinem<note n="4" type="endnote" xml:id="EN.4">a. a. O. n. 64, S. 31.</note>.</p>
        <p xml:id="P.8">
          <pb n="91"></pb>
          <term key="Gestalt" type="Episteme" xml:id="TM.32">Gestalt</term> ist ein modus der extensio, nicht minder die Bewegung; denn
                    motus wird nur erfaßt, si de nullo nisi locali cogitemus, ac de vi a qua
                    excitatur non inquiramus.<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.5">
            <pb n="91"></pb>
                        a. a. O. n. 65, S. 32.</note> Ist Bewegung eine seiende Eigenschaft der res
                    corporea, dann muß sie, um in ihrem Sein erfahrbar zu werden, aus dem Sein
                    dieses Seienden selbst, aus der extensio, das heißt als reiner Ortswechsel
                    begriffen werden. So etwas wie „Kraft“ trägt zur Bestimmung des <hi rend="italic">Seins</hi> dieses Seienden nichts aus. Bestimmungen wie
                    durities (Härte), pondus (Gewicht), color (Farbe) können aus der Materie
                    weggenommen werden, sie bleibt doch, was sie ist. Diese Bestimmungen machen
                    nicht ihr eigentliches Sein aus, und sofern sie <hi rend="italic">sind</hi>,
                    erweisen sie sich als Modi der extensio. <hi rend="italic">Descartes</hi>
                    versucht das bezüglich der „Härte“ ausführlich zu zeigen: Nam, quantum ad
                    duritiem, nihil aliud de illa sensus nobis indicat, quam partes durorum corporum
                    resistere motui manuum nostrarum, cum in illas incurrunt. Si enim, quotiescunque
                    manus nostrae versus aliquam partem moventur, corpora omnia ibi existentia
                    recederent eadem celeritate qua illae accedunt, nullam unquam duritiem
                    sentiremus. Nec ullo modo potest intelligi, corpora quae sic recederent, idcirco
                    naturam corporis esse amissura; nec proinde ipsa in duritie consistit.<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.6">a. a. O. II, n. 4, S. 42.</note> Härte
                    wird im Tasten erfahren. Was „sagt“ uns der Tastsinn über Härte? Die Teile des
                    harten Dinges „widerstehen“ der Handbewegung, etwa einem Wegschiebenwollen.
                    Würden die harten, das heißt nichtweichenden Körper dagegen mit derselben
                    Geschwindigkeit ihren Ort wechseln, in der sich der Ortswechsel der die Körper
                    „anlaufenden“ Hand vollzieht, dann käme es nie zu einem Berühren, Härte würde
                    nicht erfahren und sonach auch nie <hi rend="italic">sein</hi>. In keiner Weise
                    ist aber einzusehen, inwiefern etwa die in solcher Geschwindigkeit weichenden
                    Körper dadurch etwas von ihrem Körpersein einbüßen sollten. Behalten sie dieses
                    auch bei veränderter Geschwindigkeit, die so etwas wie „Härte“ unmöglich sein
                    läßt, dann gehört diese auch nicht zum Sein dieser Seienden. Eademque ratione
                    ostendi potest, et pondus, et colorem, et alias omnes eiusmodi qualitates, quae
                    in materia corporea sentiuntur, ex ea tolli posse, ipsa integra remanente: unde
                    sequitur, a nulla ex illis eius (sc. extensionis) naturam dependere<note n="3" type="endnote" xml:id="EN.7">a. a. O.</note>. Was demnach das Sein der
                    res corporea ausmacht, ist die extensio, das omnimodo divisibile, figurabile et
                    mobile, das was sich in jeder Weise der Teilbarkeit, Gestaltung und Bewegung
                    verändern kann, das capax<pb n="92"></pb>mutationum, das in all diesen Veränderungen
                    sich durchhält, remanet. Das, was am Körperding einem solchen <hi rend="italic">ständigen Verbleib</hi> genügt, ist das eigentlich Seiende an ihm, so zwar,
                    daß dadurch die Substanzialität dieser Substanz charakterisiert wird.</p>
        <p xml:id="P.9">
          <hi rend="italic">§ 20. Die Fundamente der ontologischen Bestimmung
                        der „Welt“</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.10">Die Idee von Sein, darauf die ontologische Charakteristik der res
                    extensa zurückgeht, ist die Substanzialität. Per <hi rend="italic">substantiam</hi> nihil aliud intelligere possumus, quam rem quae ita
                    existit, ut nulla alia re indigeat ad existendum. Unter <term key="Substanz" type="Episteme" xml:id="TM.33">Substanz</term> können wir nichts anderes
                    verstehen als ein Seiendes, das so <hi rend="italic">ist</hi>, daß es, um <hi rend="italic">zu</hi>
          <hi rend="italic">sein</hi>, keines anderen Seienden bedarf.<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.8">
            <pb n="92"></pb> a. a. O. n. 51, S. 24.</note> Das Sein
                    einer „Substanz“ ist durch eine Unbedürftigkeit charakterisiert. Was in seinem
                    Sein schlechthin eines anderen Seienden unbedürftig ist, das genügt im
                    eigentlichen Sinn der Idee der Substanz – dieses Seiende ist das ens
                    perfectissimum. Substantia quae nulla plane re indigeat, unica tantum potest
                    intelligi, nempe Deus<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.9">a. a. O. n. 51, S.
                        24.</note>. „<term key="Gott" type="Episteme" xml:id="TM.34">Gott</term>“
                    ist hier ein rein ontologischer Titel, wenn er als ens perfectissimum verstanden
                    wird. Zugleich ermöglicht das mit dem Begriff Gott „selbstverständlich“
                    Mitgemeinte eine ontologische Auslegung des konstitutiven Momentes der
                    Substanzialität, der Unbedürftigkeit. Alias vero omnes (res), non nisi ope
                    concursus Dei existere posse percipimus.<note n="3" type="endnote" xml:id="EN.10">a. a. O. n. 51, S. 24.</note> Alles Seiende, das nicht Gott
                    ist, bedarf der <term key="Herstellung" type="Episteme" xml:id="TM.35">Herstellung</term> im weitesten Sinne und der Erhaltung. Herstellung zu
                    Vorhandenem, bzw. Herstellungsunbedürftigkeit machen den Horizont aus, innerhalb
                    dessen „Sein“ verstanden wird. Jedes Seiende, das nicht Gott ist, ist <hi rend="italic">ens creatum</hi>. Zwischen beiden Seienden besteht ein
                    „unendlicher“ Unterschied ihres Seins, und doch sprechen wir das Geschaffene
                    ebenso wie den Schöpfer <hi rend="italic">als Seiende</hi> an. Wir gebrauchen
                    demnach Sein in einer Weite, daß sein Sinn einen „unendlichen“ Unterschied
                    umgreift. So können wir mit gewissem Recht auch geschaffenes Seiendes Substanz
                    nennen. Dieses Seiende ist zwar relativ zu Gott herstellungs-und
                    erhaltungsbedürftig, aber innerhalb der Region des geschaffenen Seienden, der
                    „Welt“ im Sinne des ens creatum, gibt es solches, das relativ auf geschöpfliches
                    Herstellen und Erhalten, das des Menschen zum Beispiel, „unbedürftig ist eines                 
   anderen Seienden“. Dergleichen Substanzen sind zwei: die <term key="res cogitans" type="Episteme" xml:id="TM.36">res cogitans</term> und die <term key="res extensa" type="Episteme" xml:id="TM.37">res extensa</term>.</p>
        <p xml:id="P.11">
          <pb n="93"></pb>Das Sein <hi rend="italic">der</hi> Substanz, deren
                    auszeichnende proprietas die extensio darstellt, wird danach ontologisch
                    grundsätzlich bestimmbar, wenn der den drei Substanzen, der einen unendlichen
                    und den beiden endlichen, <hi rend="italic">„gemeinsame“ Sinn</hi> von Sein
                    aufgeklärt ist. Allein nomen substantiae non convenit Deo et illis <hi rend="italic">univoce</hi>, ut dici solet in Scholis, hoc est... quae Deo et
                    creaturis sit communis<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.11">
            <pb n="93"></pb> a.
                        a. O. n. 51, S. 24.</note>. <hi rend="italic">Descartes</hi> rührt hiermit
                    an ein Problem, das die mittelalterliche Ontologie vielfach beschäftigte, die
                    Frage, in welcher Weise die Bedeutung von <term key="Sein" type="Episteme" xml:id="TM.38">Sein</term> das jeweils angesprochene <term key="Seiende, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.4">Seiende</term> bedeutet. In den
                    Aussagen „Gott ist“ und „die Welt ist“ sagen wir Sein aus. Dieses Wort „ist“
                    kann aber das jeweilige Seiende nicht in demSeiselben Sinne (συνωνύμως, univoce)
                    meinen, wo doch zwischen beiden Seienden ein <hi rend="italic">unendlicher</hi>
                    Unterschied gerade des Seins besteht; wäre das Bedeuten von „ist“ ein
                    einsinniges, dann würde das Geschaffene als Ungeschaffenes gemeint oder das
                    Ungeschaffene zu einem Geschaffenen herabgezogen. „Sein“ fungiert aber auch
                    nicht als bloßer gleicher Name, sondern in beiden Fällen wird „Sein“ verstanden.
                    Die Scholastik faßt den positiven Sinn des Bedeutens von „Sein“ als „analoges“
                    Bedeuten im Unterschied zum einsinnigen oder nur gleichnamigen. Man hat im
                    Anschluß an <hi rend="italic">Aristoteles</hi>, bei dem wie im Ansatz der
                    griechischen Ontologie überhaupt das Problem vorgebildet ist, verschiedene
                    Weisen der Analogie fixiert, wonach sich auch die „Schulen“ in der Auffassung
                    der Bedeutungsfunktion von Sein unterscheiden. <hi rend="italic">Descartes</hi>
                    bleibt hinsichtlich der ontologischen Durcharbeitung des Problems weit hinter
                    der Scholastik zurück<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.12">Vgl. hierzu
                        Opuscula omnia <hi rend="italic">Thomae de Vio Caietani Cardinalis</hi>.
                        Lugduni 1580, Tomus III, Tractatus V: de nominum analogia, p.
                        211-219.</note>, ja er weicht der Frage aus. Nulla eius [substantiae]
                    nominis significatio potest distincte intelligi, quae Deo et creaturis sit
                        communis.<note n="3" type="endnote" xml:id="EN.13">
            <hi rend="italic">Descartes</hi>, Pnncipia I, n. 51, S. 24.</note> Dieses Ausweichen
                    besagt, <hi rend="italic">Descartes</hi> läßt den in der Idee der
                    Substanzialität beschlossenen Sinn von Sein und den Charakter der
                    „Allgemeinheit“ dieser Bedeutung unerörtert. Dem, was Sein selbst besagt, hat
                    zwar auch die mittelalterliche Ontologie so wenig nachgefragt wie die antike.
                    Daher ist es nicht verwunderlich, wenn eine Frage wie die nach der Weise des
                    Bedeutens von Sein nicht von der Stelle kommt, solange sie auf dem Grunde eines
                    ungeklärten Sinnes von Sein, den die Bedeutung „ausdrückt“, erörtert werden
                    will. Der Sinn blieb ungeklärt, weil man ihn für „selbstverständlich“ hielt.</p>
        <p xml:id="P.12">
          <pb n="94"></pb>
          <hi rend="italic">Descartes</hi> weicht der
                    ontologischen Frage nach der <term key="Substanzialität" type="Episteme" xml:id="TM.39">Substanzialität</term> nicht nur überhaupt aus, er
                    betont ausdrücklich, die <term key="Substanz" type="Episteme" xml:id="TM.40">Substanz</term> als solche, das heißt ihre Substanzialität, sei vorgängig
                    an ihr selbst für sich unzugänglich. Verumtamen non potest substantia primum
                    animadverti ex hoc solo, quod sit res existens, quia hoc solum per se nos non
                        afficit<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.14">
            <pb n="94"></pb> a. a. O. n.
                        52, S. 25.</note>. Das „Sein“ selbst „affiziert“ uns nicht, deshalb kann es
                    nicht vernommen werden. „Sein ist kein reales Prädikat“ nach dem Ausspruch <hi rend="italic">Kants</hi>, der nur den Satz Descartes’ wiedergibt. Damit wird
                    grundsätzlich auf die Möglichkeit einer reinen Problematik des Seins verzichtet
                    und ein Ausweg gesucht, auf dem dann die gekennzeichneten Bestimmungen der
                    Substanzen gewonnen werden. Weil „Sein“ in der Tat nicht <hi rend="italic">als
                        Seiendes</hi> zugänglich ist, wird Sein durch seiende Bestimmtheiten des
                    betreffenden Seienden, Attribute, ausgedrückt. Aber nicht durch beliebige,
                    sondern durch diejenigen, die dem unausdrücklich doch vorausgesetzten Sinn von
                    Sein und Substanzialität am reinsten genügen. In der substantia finita als res
                    corporea ist die primär notwendige „Zuweisung“ die extensio. Quin et facilius
                    intelligimus substantiam extensam, vel substantiam cogitantem, quam substantiam
                    solam, omisso eo quod cogitet vel sit extensa<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.15">a. a. O. n. 63, S. 31.</note>; denn die Substanzialität ist
                    ratione tantum, nicht realiter ablösbar und vorfindlich wie das substanziell
                    Seiende selbst.</p>
        <p xml:id="P.13">
          <phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.1">So sind
                        die ontologischen Grundlagen der Bestimmung der „<term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.5">Welt</term>“ als <term key="res extensa" type="Episteme" xml:id="TM.41">res extensa</term> deutlich geworden:
                        die in ihrem Seins-sinn nicht nur ungeklärte, sondern für unaufklärbar
                        ausgegebene Idee von Substanzialität, dargestellt auf dem Umweg über die
                        vorzüglichste substanzielle Eigenschaft der jeweiligen Substanz. In der
                        Bestimmung der Substanz durch ein substanzielles Seiendes liegt nun auch der
                        Grund für die Doppeldeutigkeit des Terminus. Intendiert ist die
                        Substanzialität und verstanden wird sie aus einer seienden Beschaffenheit
                        der Substanz.</phr> Weil dem Ontologischen Ontisches unterlegt wird,
                    fungiert der Ausdruck substantia bald in ontologischer, bald in ontischer,
                    zumeist aber in verschwimmender ontisch-ontologischer Bedeutung. Hinter diesem
                    geringfügigen Unterschied der Bedeutung verbirgt sich aber die Unbewältigung des
                    grundsätzlichen Seinsproblems. Seine Bearbeitung verlangt, in der <hi rend="italic">rechten Weise</hi> den Äquivokationen „nachzuspüren“; wer so
                    etwas versucht, „beschäftigt sich“ nicht mit „bloßen Wortbedeutungen“, sondern
                    muß sich in die ursprünglichste Pro<c type="hyphen"></c>
          <pb n="95"></pb>blematik der
                    „Sachen selbst“ vorwagen, um solche „Nuancen“ ins Reine zu bringen.</p>
        <p xml:id="P.14">
          <hi rend="italic">§ 21. Die hermeneutische Diskussion der
                        cartesischen Ontologie der „Welt“</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.15">Die kritische Frage erhebt sich: sucht diese <term key="Ontologie" type="Episteme" xml:id="TM.42">Ontologie</term> der „<term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.6">Welt</term>“ überhaupt nach dem Phänomen
                    der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.7">Welt</term>, wenn
                    nicht, bestimmt sie zum mindesten ein innerweltliches Seiendes so weit, daß an
                    ihm seine Weltmäßigkeit sichtbar gemacht werden kann? <hi rend="italic">Beide
                        Fragen</hi>
          <hi rend="italic">sind</hi>
          <hi rend="italic">zu verneinen</hi>. Das Seiende, das <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.78">Descartes</term> mit der
                    extensio ontologisch grundsätzlich zu fassen versucht, ist vielmehr ein solches,
                    das allererst im Durchgang durch ein zunächst zuhandenes <term key="Seiende, das" type="Episteme" xml:id="TM.43">innerweltliches Seiendes</term>
                    entdeckbar wird. Aber mag das zutreffen, und mag selbst die ontologische
                    Charakteristik <hi rend="italic">dieses</hi> bestimmten innerweltlichen Seienden
                    (Natur) – sowohl die Idee der Substanzialität wie der Sinn des in ihre
                    Definition aufgenommenen existit und ad existendum – ins Dunkel führen, es
                    besteht doch die Möglichkeit, daß durch eine Ontologie, die auf der radikalen
                    Scheidung von Gott, Ich, „Welt“ gründet, das ontologische Problem der Welt in
                    irgendeinem Sinne gestellt und gefördert wird. Wenn aber selbst diese
                    Möglichkeit nicht besteht, dann muß der ausdrückliche Nachweis erbracht werden,
                    daß <hi rend="italic">Descartes</hi> nicht etwa nur eine ontologische
                    Fehlbestimmung der Welt gibt, sondern daß seine Interpretation und deren
                    Fundamente dazu führten, das Phänomen der Welt sowohl wie das Sein des zunächst
                    zuhandenen innerweltlichen Seienden zu <hi rend="italic">überspringen</hi>.</p>
        <p xml:id="P.16">Bei der Exposition des Problems der Weltlichkeit (§ 14) wurde auf
                    die Tragweite der Gewinnung eines angemessenen Zugangs zu diesem Phänomen
                    hingewiesen. In der kritischen Erörterung des cartesischen Ansatzes werden wir
                    demnach zu fragen haben: welche Seinsart des Daseins wird als die angemessene
                    Zugangsart zu <hi rend="italic">dem</hi>
          <term key="Seiende, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.8">Seienden</term>
                    fixiert, mit dessen <term key="Sein" type="Episteme" xml:id="TM.44">Sein</term>
                    als extensio <hi rend="italic">Descartes</hi> das Sein der „<term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.9">Welt</term>“ gleichsetzt? Der einzige und
                    echte Zugang zu diesem Seienden ist das Erkennen, die intellectio, und zwar im
                    Sinne der mathematisch-physikalischen Erkenntnis. Die mathematische Erkenntnis
                    gilt als diejenige Erfassungsart von Seiendem, die der sicheren Habe des Seins
                    des in ihr erfaßten Seienden jederzeit gewiß sein kann. Was seiner Seinsart nach
                    so ist, daß es dem Sein genügt, das in der mathematischen Erkenntnis zugänglich
                    wird, <hi rend="italic">ist</hi> im eigentlichen Sinne. Dieses Seiende ist das,
                        <hi rend="italic">was immer ist, was es ist;</hi> daher macht am erfahrenen
                        Seien<c type="hyphen"></c>
          <pb n="96"></pb>den der Welt das sein eigentliches Sein
                    aus, von dem gezeigt werden kann, daß es den Charakter des <hi rend="italic">ständigen</hi>
          <hi rend="italic">Verbleibs</hi> hat, als remanens capax mutationum. Eigentlich
                        <hi rend="italic">ist</hi> das immerwährend Bleibende. Solches erkennt die
                        <term key="Mathematik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.70">Mathematik</term>. Was <hi rend="italic">durch</hi>
          <hi rend="italic">sie</hi> am Seienden zugänglich ist, macht dessen Sein aus. So
                    wird aus einer bestimmten Idee von Sein, die im Begriff der Substanzialität
                    eingehüllt liegt, und aus der Idee einer Erkenntnis, die <hi rend="italic">so</hi> Seiendes erkennt, der „Welt“ ihr Sein gleichsam zudiktiert. <hi rend="italic">Descartes</hi> läßt sich nicht die Seinsart des
                    innerweltlichen Seienden von diesem vorgeben, sondern auf dem Grunde einer in
                    ihrem Ursprung unenthüllten, in ihrem Recht unausgewiesenen Seinsidee (Sein =
                    ständige Vorhandenheit) schreibt er der Welt gleichsam ihr „eigentliches“ Sein
                    vor. Es ist also nicht primär die Anlehnung an eine zufällig besonders
                    geschätzte Wissenschaft, die Mathematik, was die Ontologie der Welt bestimmt,
                    sondern die grundsätzlich ontologische Orientierung am Sein als ständiger
                    Vorhandenheit, dessen Erfassung mathematische Erkenntnis in einem ausnehmenden
                    Sinne genügt. <hi rend="italic">Descartes</hi> vollzieht so philosophisch
                    ausdrücklich die Umschaltung der Auswirkung der traditionellen Ontologie auf die
                    neuzeitliche mathematische <term key="Physik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.71">Physik</term> und deren transzendentale Fundamente.</p>
        <p xml:id="P.17">
          <phr subtype="Seiende_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.2">
            <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.79">Descartes</term> braucht das Problem des angemessenen Zugangs zum
                        innerweltlichen Seienden nicht zu stellen. Unter der ungebrochenen
                        Vorherrschaft der traditionellen Ontologie ist über die echte Erfassungsart
                        des <term key="Seiende, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.10">eigentlichen Seienden</term> im vorhinein entschieden. Sie liegt im
                        νοείv, der „<term key="Anschauung" type="Episteme" xml:id="TM.45">Anschauung</term>“ im weitesten Sinne, davon das διανοείν, das „<term key="Denken" type="Episteme" xml:id="TM.46">Denken</term>“, nur eine
                        fundierte Vollzugsform ist. Und aus dieser grundsätzlichen ontologischen
                        Orientierung heraus gibt <hi rend="italic">Descartes</hi> seine „Kritik“ der
                        noch möglichen anschauend vernehmenden Zugangsart zu Seiendem, der sensatio
                        (αΐσϑησις) gegenüber der intellectio.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.18">
          <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.80">Descartes</term> weiß sehr wohl darum, daß das Seiende sich
                    zunächst nicht in seinem eigentlichen Sein zeigt. „Zunächst“ gegeben ist dieses
                    bestimmt gefärbte, schmeckende, harte, kalte, tönende Wachsding. Aber dieses und
                    überhaupt das, was die Sinne geben, bleibt ontologisch ohne Belang. Satis erit,                   
 si advertamus sensuum perceptiones non referri, nisi ad istam corporis humani
                    cum mente coniunctionem, et nobis quidem ordinarie exhibere, quid ad illam
                    externa corpora prodesse possint aut nocere.<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.16">a. a. O. II, n. 3, S. 41.</note> Die Sinne lassen überhaupt
                    nicht Seiendes in seinem Sein erkennen, sondern sie melden lediglich
                    Nützlichkeit und Schädlichkeit der „äußeren“ innerweltlichen Dinge für das
                        leib<c type="hyphen"></c>
          <pb n="97"></pb>behaftete Menschenwesen. Nos non docent,
                    qualia (corpora) in seipsis existant<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.17">
            <pb n="97"></pb> a. a. O. II, n. 3, S. 41.</note>: wir erhalten durch die
                    Sinne überhaupt nicht Aufschluß über Seiendes in seinem Sein. Quod agentes,
                    percipiemus naturam materiae, sive corporis in Universum spectati, non
                    consistere in eo quod sit res dura, vel ponderosa, vel colorata, vel alio aliquo
                    modo sensus afficiens: sed tantum in eo quod sit res extensa in longum, latum et
                        profundum.<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.18">a. a. O. n. 4, S.
                        42.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.19">Wie wenig <hi rend="italic">Descartes</hi> vermag, das in der <term key="Sinnlichkeit" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.89">Sinnlichkeit</term> sich Zeigende in seiner eigenen Seinsart sich vorgeben
                    zu lassen und diese gar zu bestimmen, das wird deutlich aus einer kritischen
                    Analyse der von ihm vollzogenen Interpretation der Erfahrung von Härte und
                    Widerstand (vgl. § 19).</p>
        <p xml:id="P.20">Härte wird als Widerstand gefaßt. Dieser aber wird so wenig wie
                    Härte in einem phänomenalen Sinne verstanden als etwas an ihm selbst Erfahrenes
                    und in solcher Erfahrung Bestimmbares. Widerstand besagt für <hi rend="italic">Descartes</hi> soviel wie: nicht vom Platz weichen, das heißt keinen
                    Ortswechsel erleiden. Widerstehen eines Dinges heißt dann: an einem bestimmten
                    Ort verbleiben, relativ auf ein anderes seinen Ort wechselndes Ding, bzw. in
                    solcher Geschwindigkeit den Ort wechseln, daß es von diesem Ding „eingeholt“
                    werden kann. Durch diese Interpretation von Härteerfahrung ist die Seinsart des
                    sinnlichen Vernehmens und damit die Möglichkeit der Erfassung des in solchem
                    Vernehmen begegnenden Seienden in seinem Sein ausgelöscht. <hi rend="italic">Descartes</hi> übersetzt die Seinsart eines Vernehmens von etwas in die
                    einzige, die er kennt; das Vernehmen von etwas wird zu einem bestimmten
                    Nebeneinander-vorhandensein zweier vorhandener res extensae, das
                    Bewegungsverhältnis beider ist selbst im Modus der extensio, die primär die
                    Vorhandenheit des Körperdinges charakterisiert. Zwar verlangt die mögliche
                    „Erfüllung“ eines tastenden Verhaltens eine ausgezeichnete „Nähe“ des
                    Betastbaren. Das besagt aber nicht, Berührung und die etwa in ihr sich
                    bekundende Härte bestehen, ontologisch gefaßt, in der verschiedenen
                    Geschwindigkeit zweier Körperdinge. Härte und Widerstand zeigen sich überhaupt
                    nicht, wenn nicht Seiendes ist von der Seinsart des Daseins oder zum mindesten
                    eines Lebenden.</p>
        <p xml:id="P.21">So kommt für <hi rend="italic">Descartes</hi> die Erörterung der
                    möglichen <hi rend="italic">Zugänge</hi>
          <hi rend="italic">zum</hi> innerweltlich Seienden unter die Herrschaft einer
                    Seinsidee, die an einer bestimmten Region dieses Seienden selbst abgelesen
                    ist.</p>
        <p xml:id="P.22">
          <pb n="98"></pb>Die Idee von <term key="Sein" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.11">Sein</term> als <term key="Vorhandenheit" type="Episteme" xml:id="TM.47">beständige Vorhandenheit</term>
                    motiviert nicht allein eine extreme Bestimmung des Seins des innerweltlich
                    Seienden und dessen Identifizierung mit der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.12">Welt</term> überhaupt, sie verhindert
                    zugleich, Verhaltungen des Daseins ontologisch angemessen in den Blick zu
                    bringen. Damit ist aber vollends der Weg dazu verlegt, gar auch noch den
                    fundierten Charakter alles sinnlichen und verstandesmäßigen Vernehmens zu sehen
                    und sie als eine Möglichkeit des <term key="In-der-Welt-sein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.65">In-der-Welt-seins</term> zu verstehen. Das Sein des
                    „Daseins“ aber, zu dessen Grundverfassung das In-der-Welt-sein gehört, faßt <hi rend="italic">Descartes</hi> in derselben Weise wie das Sein der res
                    extensa, als Substanz.</p>
        <p xml:id="P.23">Aber wird mit diesen kritischen Erörterungen <hi rend="italic">Descartes</hi> nicht eine Aufgabe untergeschoben und dann als von ihm nicht
                    gelöst „nachgewiesen“, die ganz und gar außerhalb seines Horizontes lag? <phr subtype="Seiende_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.3">Wie soll <hi rend="italic">Descartes</hi> ein bestimmtes <term key="Seiende, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.13">innerweltliches
                            Seiendes</term> und dessen Sein mit der Welt identifizieren, wenn er das
                        Phänomen der Welt und damit so etwas wie Innerweltlichkeit überhaupt nicht
                        kennt?</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.24">Im Felde grundsätzlicher Auseinandersetzung darf sich diese nicht
                    nur an doxographisch faßbare Thesen halten, sondern sie muß die sachliche
                    Tendenz der Problematik zur Orientierung nehmen, mag diese auch über eine
                    vulgäre Fassung nicht hinauskommen. Daß <hi rend="italic">Descartes</hi> mit der
                    res cogitans und der res extensa das Problem von „Ich und Welt“ nicht nur <hi rend="italic">stellen wollte</hi>, sondern eine radikale Lösung dafür
                    beanspruchte, wird aus seinen „Meditationen“ (vgl. besonders I und VI) deutlich.
                    Daß die aller positiven Kritik entbehrende ontologische Grundorientierung an der
                    Tradition ihm die Freilegung einer ursprünglichen <term key="Dasein" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.1">ontologischen Problematik des
                        Daseins</term> unmöglich machte, ihm den Blick für das Phänomen der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.14">Welt</term> verstellen
                    mußte und die <term key="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.2">Ontologie
                        der „Welt“</term> in die <term key="Seiende, das" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.3">Ontologie eines bestimmten innerweltlichen
                        Seienden</term> drängen konnte, sollten die vorstehenden Erörterungen
                    erweisen.</p>
        <p xml:id="P.25">Aber, wird man entgegnen, mag in der Tat das Problem der Welt und
                    auch das Sein des umweltlich nächstbegegnenden Seienden verdeckt bleiben, <hi rend="italic">Descartes</hi> hat doch den Grund gelegt für die ontologische
                    Charakteristik <hi rend="italic">des</hi> innerweltlichen Seienden, das in
                    seinem Sein jedes andere Seiende fundiert, der materiellen Natur. Auf ihr, der
                    Fundamentalschicht, bauen sich die übrigen Schichten der innerweltlichen
                    Wirklichkeit auf. Im ausgedehnten Ding als solchem gründen zunächst die
                    Bestimmtheiten, die sich zwar als Qualitäten zeigen, „im Grunde“ aber
                    quantitative Modifikationen der Modi der ex<c type="hyphen"></c>
          <pb n="99"></pb>tensio
                    selbst sind. Auf diesen selbst noch reduziblen Qualitäten fußen dann die
                    spezifischen Qualitäten wie schön, unschön, passend, unpassend, brauchbar,
                    unbrauchbar; diese Qualitäten müssen in primärer Orientierung an der
                    Dinglichkeit als nicht quantifizierbare Wertprädikate gefaßt werden, durch die
                    das zunächst nur materielle Ding zu einem Gut gestempelt wird. Mit dieser
                    Aufschichtung kommt die Betrachtung aber doch zu dem Seienden, das wir als das
                    zuhandene Zeug ontologisch charakterisierten. Die cartesische Analyse der „Welt“
                    ermöglicht so erst den sicheren Aufbau der Struktur des zunächst Zuhandenen; sie
                    bedarf nur der leicht durchzuführenden Ergänzung des Naturdinges zum vollen
                    Gebrauchsding.</p>
        <p xml:id="P.26">Aber ist auf diesem Wege, vom spezifischen Problem der Welt einmal
                    abgesehen, das Sein des innerweltlich zunächst Begegnenden ontologisch
                    erreichbar? Wird nicht mit der materiellen Dinglichkeit unausgesprochen ein Sein
                    angesetzt – ständige Dingvorhandenheit –, das durch die nachträgliche
                    Ausstattung des Seienden mit Wertprädikaten so wenig eine ontologische Ergänzung
                    erfährt, daß vielmehr diese Wertcharaktere selbst nur ontische Bestimmtheiten
                    eines Seienden bleiben, das die Seinsart des Dinges hat? Der Zusatz von
                    Wertprädikaten vermag nicht im mindesten einen neuen Aufschluß zu geben über das
                    Sein der Güter, <hi rend="italic">sondern setzt für diese die Seinsart purer
                        Vorhandenheit nur wieder voraus</hi>. Werte sind <hi rend="italic">vorhandene</hi> Bestimmtheiten eines Dinges. Werte haben am Ende ihren
                    ontologischen Ursprung einzig im vorgängigen Ansatz der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.15">Dingwirklichkeit</term> als der
                    Fundamentalschicht. Schon die vorphänomenologische Erfahrung zeigt aber an dem
                    dinglich vermeinten Seienden etwas, was durch Dinglichkeit nicht voll
                    verständlich wird. Also bedarf das dingliche Sein einer Ergänzung. Was besagt
                    denn ontologisch das Sein der Werte oder ihre „Geltung“, die <hi rend="italic">Lotze</hi> als einen Modus der „Bejahung“ faßte? Was bedeutet ontologisch
                    dieses „Haften“ der Werte an den Dingen? Solange diese Bestimmungen im Dunkel
                    bleiben, ist die Rekonstruktion des Gebrauchsdinges aus dem Naturding ein
                    ontologisch fragwürdiges Unternehmen, von der grundsätzlichen Verkehrung der
                    Problematik ganz abgesehen. Und bedarf diese Rekonstruktion des zunächst
                    „abgehäuteten“ Gebrauchsdinges nicht immer schon des <hi rend="italic">vorgängigen, positiven Blicks auf das Phänomen, dessen Ganzheit in der
                        Rekonstruktion wieder hergestellt werden soll?</hi> Wenn dessen eigenste
                    Seinsverfassung zuvor aber nicht angemessen expliziert ist, baut dann die
                    Rekonstruktion nicht ohne Bauplan? Sofern diese Rekonstruktion und „Ergänzung“
                    der traditionellen Ontologie der „Welt“ im Resultat bei demselben <hi rend="italic">Seienden</hi> anlangt, von dem die obige Analyse der
                        Zeugzuhandenheit<pb n="100"></pb>und Bewandtnisganzheit ausging, erweckt sie den
                    Anschein, als sei in der Tat das <hi rend="italic">Sein</hi> dieses Seienden
                    aufgeklärt oder auch nur <hi rend="italic">Problem</hi> geworden. So wenig wie
                        <hi rend="italic">Descartes</hi> mit der extensio als proprietas das Sein
                    der Substanz trifft, so wenig kann die Zuflucht zu „wertlichen“ Beschaffenheiten
                    das Sein als Zuhandenheit auch nur in den Blick bringen, geschweige denn
                    ontologisch zum Thema werden lassen.</p>
        <p xml:id="P.27">
          <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.81">Descartes</term> hat die Verengung der Frage nach der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.16">Welt</term> auf die nach
                    der <term key="Naturdinglichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.48">Naturdinglichkeit</term> als dem zunächst zugänglichen, innerweltlichen
                    Seienden verschärft. Er hat die Meinung verfestigt, das vermeintlich strengste
                    ontische <hi rend="italic">Erkennen</hi> eines Seienden sei auch der mögliche
                    Zugang zum primären Sein des in solcher Erkenntnis entdeckten Seienden. Es gilt
                    aber zugleich einzusehen, daß auch die „Ergänzungen“ der Dingontologie sich
                    grundsätzlich auf derselben dogmatischen Basis bewegen wie <hi rend="italic">Descartes</hi>.</p>
        <p xml:id="P.28">Wir deuteten schon an (§ 14), daß das Überspringen der Welt und des
                    zunächstbegegnenden Seienden nicht zufällig ist, kein Versehen, das einfach
                    nachzuholen wäre, sondern daß es in einer wesenhaften Seinsart des Daseins
                    selbst gründet. Wenn die Analytik des Daseins die im Rahmen dieser Problematik
                    wichtigsten Hauptstrukturen des Daseins durchsichtig gemacht hat, wenn dem
                    Begriff des Seins überhaupt der Horizont seiner möglichen Verständlichkeit
                    zugewiesen ist und so auch erst Zuhandenheit und Vorhandenheit ontologisch
                    ursprünglich verständlich werden, dann läßt sich erst die jetzt vollzogene
                    Kritik der cartesischen und grundsätzlich heute noch üblichen Weltontologie in
                    ihr philosophisches Recht setzen.</p>
        <p xml:id="P.29">Hierfür muß gezeigt werden (vgl. I. Teil, Abschnitt 3):</p>
        <p xml:id="P.30">1. Warum wurde im Anfang der für uns entscheidenden ontologischen
                    Tradition – bei <hi rend="italic">Parmenides</hi> explizit – das Phänomen der
                    Welt übersprungen; woher stammt die ständige Wiederkehr dieses
                    Überspringens?</p>
        <p xml:id="P.31">2. Warum springt für das übersprungene Phänomen das innerweltlich
                    Seiende als ontologisches Thema ein?</p>
        <p xml:id="P.32">3. Warum wird dieses Seiende zunächst in der „Natur“ gefunden?</p>
        <p xml:id="P.33">4. Warum vollzieht sich die als notwendig erfahrene Ergänzung
                    solcher Weltontologie unter Zuhilfenahme des Wertphänomens?</p>
        <p xml:id="P.34">In den Antworten auf diese Fragen ist erst das positive Verständnis
                    der <hi rend="italic">Problematik</hi> der Welt erreicht, der Ursprung ihrer
                    Verfehlung aufgezeigt und der Rechtsgrund einer Zurückweisung der traditionellen
                    Weltontologie nachgewiesen.</p>
        <p xml:id="P.35">
          <pb n="101"></pb>
          <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.4">Die
                        Betrachtungen über <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.82">Descartes</term> sollten zur Einsicht bringen, daß der
                        scheinbar selbstverständliche Ausgang von den <term key="Ding" type="Episteme" xml:id="TM.49">Dingen der Welt</term>, ebensowenig wie die
                        Orientierung an der vermeintlich strengsten Erkenntnis von <term key="Seiende, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.17">Seiendem</term>, die Gewinnung des Bodens gewährleisten, auf dem die
                        nächsten ontologischen Verfassungen der Welt, des Daseins und des
                        innerweltlichen Seienden phänomenal anzutreffen sind.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.36">Wenn wir aber daran erinnern, daß die Räumlichkeit offenbar das
                    innerweltlich Seiende mitkonstituiert, dann wird am Ende doch eine „Rettung“ der
                    cartesischen Analyse der „Welt“ möglich. Mit der radikalen Herausstellung der
                    extensio als des praesuppositum für jede Bestimmtheit der res corporea hat <hi rend="italic">Descartes</hi> dem Verständnis eines Apriori vorgearbeitet,
                    dessen Gehalt dann <term key="Kant, Immanuel" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.83">Kant</term> eindringlicher fixierte. Die Analyse der extensio
                    bleibt in gewissen Grenzen unabhängig von dem Versäumnis einer ausdrücklichen
                    Interpretation des Seins des ausgedehnten Seienden. Die Ansetzung der extensio
                    als Grundbestimmtheit der „Welt“ hat ihr phänomenales Recht, wenn auch im
                    Rückgang auf sie weder die Räumlichkeit der Welt, noch die zunächst entdeckte
                    Räumlichkeit des in der Umwelt begegnenden Seienden, noch gar die Räumlichkeit
                    des Daseins selbst ontologisch begriffen werden kann. </p>
        <p xml:id="P.37">[…]<pb n="200"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.38">
          <hi rend="italic">§ 43. Dasein, Weltlichkeit und Realität</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.39">Die Frage nach dem Sinn von Sein wird überhaupt nur möglich, wenn
                    so etwas wie Seinsverständnis <hi rend="italic">ist</hi>. Zur Seinsart des
                    Seienden, das wir <term key="Dasein" type="Episteme" xml:id="TM.50">Dasein</term> nennen, gehört Seinsverständnis. Je angemessener und
                    ursprünglicher die Explikation dieses Seienden gelingen konnte, um so sicherer
                    wird der weitere Gang der Ausarbeitung des fundamental-ontologischen Problems
                    ans Ziel kommen.</p>
        <p xml:id="P.40">Im Verfolg der Aufgaben einer vorbereitenden existenzialen Analytik
                    des Daseins erwuchs die Interpretation von Verstehen, Sinn und Auslegung. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.5">Die Analyse der Erschlossenheit des
                        Daseins zeigte ferner, daß mit dieser das Dasein gemäß seiner
                        Grundverfassung des <term key="In-der-Welt-sein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.66">In-der-Welt-seins</term> gleichursprünglich
                        hinsichtlich der Welt, des In-Seins und des Selbst enthüllt ist. In der
                        faktischen Erschlossenheit von Welt ist ferner innerweltliches Seiendes
                        mitentdeckt. Darin liegt: Das Sein dieses Seienden wird in gewisser Weise
                        immer schon verstanden, wenngleich nicht angemessen ontologisch begriffen
                        Das vor<c type="hyphen"></c>
            <pb n="201"></pb>ontologische Seinsverständnis umgreift
                        zwar alles Seiende, das im Dasein wesenhaft erschlossen ist, das
                        Seinsverständnis selbst hat sich aber noch nicht entsprechend den
                        verschiedenen Seinsmodi artikuliert.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.41">Die Interpretation des Verstehens zeigte zugleich, daß sich dieses
                    zunächst und zumeist schon in das Verstehen von „Welt“ verlegt hat gemäß der
                    Seinsart des Verfallens. Auch wo es nicht nur um ontische Erfahrung, sondern um
                    ontologisches Verständnis geht, nimmt die Seinsauslegung zunächst ihre
                    Orientierung am Sein des innerweltlichen Seienden. Dabei wird das Sein des
                    zunächst Zuhandenen übersprungen und zuerst das Seiende als vorhandener
                    Dingzusammenhang (res) begriffen. Das <hi rend="italic">Sein</hi> erhält den
                    Sinn von <hi rend="italic">Realität</hi>
          <note n="1" type="endnote" xml:id="EN.19">
            <pb n="201"></pb> Vgl. oben S. 89 ff. und S. 100.</note>. Die
                    Grundbestimmtheit des Seins wird die Substanzialität. Dieser Verlegung des
                    Seinsverständnisses entsprechend, rückt auch das ontologische Verstehen des
                    Daseins in den Horizont dieses Seinsbegriffes. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.6">
            <hi rend="italic">Dasein</hi> ist
                        auch wie anderes Seiendes <hi rend="italic">real vorhanden</hi>. So erhält
                        denn das <hi rend="italic">Sein</hi>
            <hi rend="italic">überhaupt</hi> den Sinn von <term key="Realität" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.18">Realität</term>.
                        Der Begriff der Realität hat demnach in der ontologischen Problematik einen
                        eigentümlichen Vorrang. Dieser verlegt den Weg zu einer genuinen
                        existenzialen Analytik des Daseins, ja sogar schon den Blick auf das Sein
                        des innerweltlich zunächst Zuhandenen. Er drängt schließlich die
                        Seinsproblematik überhaupt in eine abwegige Richtung. Die übrigen Seinsmodi
                        werden negativ und privativ mit Rücksicht auf Realität bestimmt.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.42">Deshalb muß nicht nur die Analytik des Daseins, sondern die
                    Ausarbeitung der Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt aus der einseitigen
                    Orientierung am Sein im Sinne von Realität herausgedreht werden. Es bedarf des
                    Nachweises: <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.19">Realität</term> ist nicht allein <hi rend="italic">eine</hi> Seinsart <hi rend="italic">unter</hi> andern, sondern steht ontologisch in einem
                    bestimmten Fundierungszusammenhang mit Dasein, Welt und Zuhandenheit. Dieser
                    Nachweis erfordert eine grundsätzliche Erörterung des <hi rend="italic">Realitätsproblems</hi>, seiner Bedingungen und Grenzen.</p>
        <p xml:id="P.43">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.7">Unter dem Titel „<term key="Realitätsproblem" type="Episteme" xml:id="TM.51">Realitätsproblem</term>“ vermengen sich verschiedene Fragen: 1. ob das
                        vermeintlich „bewußtseinstranszendente“ Seiende überhaupt <hi rend="italic">sei</hi>; 2. ob diese Realität der „Außenwelt“ zureichend <hi rend="italic">bewiesen</hi> werden könne; 3. inwieweit dieses Seiende,
                        wenn es real ist, in seinem An-sich-sein zu erkennen sei; 4. was der Sinn
                        dieses Seienden, Realität, überhaupt bedeute. Die folgende Erörterung des
                        Realitätsproblems behandelt mit Rücksicht auf die fundamentalonto<c type="hyphen"></c>
            <pb n="202"></pb>logische Frage ein Dreifaches: a) Realität
                        als Problem des Seins und der Beweisbarkeit der „Außenwelt“, b) Realität als
                        ontologisches Problem, c) Realität und Sorge.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.44">
          <hi rend="italic">a) Realität als Problem des Seins und der
                        Beweisbarkeit der „Außenwelt“</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.45">In der Ordnung der aufgezählten Fragen nach der Realität ist die   
                 ontologische, was <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.20">Realität</term> überhaupt bedeute, die erste. Solange jedoch eine reine
                    ontologische Problematik und Methodik fehlte, mußte sich diese Frage, wenn sie
                    überhaupt ausdrücklich gestellt wurde, mit der Erörterung des
                    „Außenweltproblems“ verschlingen; denn die Analyse von Realität ist nur möglich
                    auf dem Grunde des angemessenen Zugangs zum <term key="Reale, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.21">Realen</term>. Als Erfassungsart
                    des Realen aber galt von jeher das anschauende Erkennen. Dieses „ist“ als
                    Verhaltung der Seele, des Bewußtseins. Sofern zu Realität der Charakter des
                    An-sich und der Unabhängigkeit gehört, verknüpft sich mit der Frage nach dem
                    Sinn von Realität die nach der möglichen Unabhängigkeit des Realen „vom <term key="Bewusstsein" type="Episteme" xml:id="TM.52">Bewußtsein</term>“, bzw.
                    nach der möglichen Transzendenz des Bewußtseins in die „Sphäre“ des Realen. Die
                    Möglichkeit der zureichenden ontologischen Analyse der Realität hängt daran, wie
                    weit das, <hi rend="italic">wovon</hi> Unabhängigkeit bestehen soll, <hi rend="italic">was</hi> transzendiert werden soll, <hi rend="italic">selbst</hi> hinsichtlich seines <hi rend="italic">Seins</hi> geklärt ist.
                    Nur so wird auch die Seinsart des Transzendierens ontologisch faßbar. Und
                    schließlich muß die primäre Zugangsart zum Realen gesichert sein im Sinne einer
                    Entscheidung der Frage, ob überhaupt das Erkennen diese Funktion übernehmen
                    kann.</p>
        <p xml:id="P.46">Diese einer möglichen ontologischen Frage nach der Realität <hi rend="italic">vorausliegenden </hi>Untersuchungen sind in der vorstehenden
                    existenzialen Analytik durchgeführt. <term key="erkennen" type="Episteme" xml:id="TM.53">Erkennen</term> ist danach ein <hi rend="italic">fundierter
                    </hi>Modus des Zugangs zum <term key="Reale, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.22">Realen</term>. Dieses ist wesenhaft nur als innerweltliches
                    Seiendes zugänglich. Aller Zugang zu solchem Seienden ist ontologisch fundiert
                    in der Grundverfassung des Daseins, dem <term key="In-der-Welt-sein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.67">In-der-Welt-sein</term>.
                    Dieses hat die ursprünglichere Seinsverfassung der Sorge (Sich vorweg – schon
                    sein in einer Welt – als Sein bei innerweltlichem Seienden).</p>
        <p xml:id="P.47">Die Frage, ob überhaupt eine <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.23">Welt</term> sei und ob deren Sein
                    bewiesen werden könne, ist als Frage, die das <hi rend="italic">Dasein </hi>als
                    In-der-Welt-sein stellt – und wer anders sollte sie stellen? – ohne Sinn.
                    Überdies bleibt sie mit einer Doppeldeutigkeit behaftet. Welt als das Worin des
                    In-Seins und „Welt“ als innerweltliches Seiendes, das Wobei des besorgenden<pb n="203"></pb>Aufgehens, sind zusammengeworfen, bzw. gar nicht erst
                    unterschieden. <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.24">Welt</term> aber ist <hi rend="italic">mit dem Sein </hi>des Daseins
                    wesenhaft erschlossen; „Welt“ ist mit der Erschlossenheit von Welt je auch schon
                    entdeckt. Allerdings kann gerade das innerweltliche Seiende im Sinne des Realen,
                    nur Vorhandenen noch verdeckt bleiben. Entdeckbar jedoch ist auch Reales nur auf
                    dem Grunde einer schon erschlossenen Welt. Und nur auf diesem Grunde kann Reales
                    noch <hi rend="italic">verborgen </hi>bleiben. Man stellt die Frage nach der
                    „Realität“ der „Außenwelt“ ohne vorgängige Klärung des <hi rend="italic">Weltphänomens </hi>als solchen. Faktisch orientiert sich das „Außen<hi rend="italic">welt</hi>problem“ ständig am innerweltlichen Seienden (den
                    Dingen und Objekten). So treiben diese Erörterungen in eine ontologisch fast
                    unentwirrbare Problematik.</p>
        <p xml:id="P.48">Die Verwicklung der Fragen, die Vermengung dessen, was bewiesen
                    werden will, mit dem, was bewiesen wird, und mit dem, womit der Beweis geführt
                    wird, zeigt sich in <hi rend="italic">Kants</hi> „Widerlegung des
                        Idealismus“<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.20">
            <pb n="203"></pb> Vgl. Kr.
                        d. r. V.² S. 274 ff., ferner die verbessernden Zusätze in der Vorrede zur 2.
                        Aufl. S. XXXIX, Anmerkung; ebenso: Von den Paralogismen der reinen Vernunft,
                        a. a. O. S. 399 ff., bes. S. 412.</note>. <term key="Kant, Immanuel" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.84">Kant</term> nennt es „einen Skandal der
                    Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft“<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.21">a. a. O. Vorrede, Anm.</note>, daß der zwingende und jede
                    Skepsis niederschlagende Beweis für das „<term key="Dasein" type="Episteme" xml:id="TM.54">Dasein</term> der Dinge außer uns“ immer noch fehle. Er selbst
                    legt einen solchen Beweis vor und zwar als Begründung des „Lehrsatzes“: „Das
                    bloße, aber empirisch bestimmte Bewußtsein meines eigenen Daseins beweist das
                    Dasein der Gegenstände im Raum außer mir“<note n="3" type="endnote" xml:id="EN.22">a. a. O. S. 275.</note>.</p>
        <p xml:id="P.49">Zunächst ist ausdrücklich zu bemerken, daß <hi rend="italic">Kant</hi> den Terminus „<term key="Dasein" type="Episteme" xml:id="TM.55">Dasein</term>“ zur Bezeichnung der Seinsart gebraucht, die in der
                    vorliegenden Untersuchung „Vorhandenheit“ genannt wird. „Bewußtsein meines
                    Daseins“ besagt für <term key="Kant, Immanuel" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.85">Kant</term>: Bewußtsein meines Vorhandenseins im Sinne von <hi rend="italic">Descartes</hi>. Der Terminus „Dasein“ meint sowohl das
                    Vorhandensein des Bewußtseins wie das Vorhandensein der Dinge.</p>
        <p xml:id="P.50">Der Beweis für das „Dasein der Dinge außer mir“ stützt sich darauf,
                    daß zum Wesen der <term key="Zeit" type="Episteme" xml:id="TM.56">Zeit</term>
                    gleichursprünglich Wechsel und Beharrlichkeit gehören. Mein Vorhandensein, das
                    heißt das im inneren Sinn gegebene Vorhandensein einer Mannigfaltigkeit von
                    Vorstellungen, ist vorhandener Wechsel. Zeitbestimmtheit aber setzt etwas
                    beharrlich Vorhandenes voraus. Dieses aber kann nicht „in uns“ sein, „weil eben
                    mein Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden
                        kann“<note n="4" type="endnote" xml:id="EN.23">a. a. O. S. 275.</note>. Mit
                    dem empirisch gesetzten vorhandenen<pb n="204"></pb>Wechsel „in mir“ ist daher
                    notwendig empirisch mitgesetzt ein vorhandenes Beharrliches „außer mir“. Dieses
                    Beharrliche ist die Bedingung der Möglichkeit des Vorhandenseins von Wechsel „in
                    mir“. Die Erfahrung des In-der-Zeit-seins von Vorstellungen setzt
                    gleichursprünglich Wechselndes „in mir“ und Beharrliches „außer mir“.</p>
        <p xml:id="P.51">Der Beweis ist allerdings kein Kausalschluß und demnach nicht mit
                    dessen Unzuträglichkeiten behaftet. <hi rend="italic">Kant</hi> gibt gleichsam
                    einen „ontologischen Beweis“ aus der Idee eines zeitlich Seienden. Zunächst
                    scheint es, als habe <hi rend="italic">Kant</hi> den cartesischen Ansatz eines
                    isoliert vorfindlichen Subjekts aufgegeben. Aber das ist nur Schein. Daß <term key="Kant, Immanuel" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.86">Kant</term>
                    überhaupt einen Beweis für das „Dasein der Dinge außer mir“ fordert, zeigt
                    schon, daß er den Fußpunkt der Problematik im Subjekt, bei dem „in mir“, nimmt.
                    Der Beweis selbst wird denn auch im Ausgang vom empirisch gegebenen Wechsel „<hi rend="italic">in mir</hi>“ durchgeführt. Denn nur „in mir“ ist die „Zeit“,
                    die den Beweis trägt, erfahren. Sie gibt den Boden für den beweisenden Absprung
                    in das „außer mir“. Überdies betont <hi rend="italic">Kant</hi>: „Der
                    problematische [Idealismus], der ... nur das Unvermögen, ein Dasein außer dem
                    unsrigen durch unmittelbare Erfahrung zu beweisen, vorgibt, ist vernünftig und
                    einer gründlichen philosophischen Denkungsart gemäß; nämlich, bevor ein
                    hinreichender Beweis gefunden worden, kein entscheidendes Urteil zu
                        erlauben“<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.24">
            <pb n="204"></pb> a. a. O. S.
                        274/275.</note>.</p>
        <p xml:id="P.52">Aber selbst wenn der ontische Vorrang des isolierten Subjekts und
                    der inneren Erfahrung aufgegeben wäre, bliebe ontologisch doch die Position <hi rend="italic">Descartes&apos;</hi> erhalten. Was <hi rend="italic">Kant</hi>
                    beweist – die Rechtmäßigkeit des Beweises und seiner Basis überhaupt einmal
                    zugestanden –, ist das notwendige Zusammenvorhandensein von wechselndem und
                    beharrlichem Seienden. Diese Gleichordnung zweier Vorhandener besagt aber noch
                    nicht einmal das Zusammenvorhandensein von <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.57">Subjekt</term> und <term key="Objekt" type="Episteme" xml:id="TM.58">Objekt</term>. Und selbst wenn das bewiesen wäre, bliebe noch
                    immer das ontologisch Entscheidende verdeckt: die Grundverfassung des
                    „Subjektes“, des Daseins, als <term key="In-der-Welt-sein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.68">In-der-Welt-sein</term>. <hi rend="italic">Das
                        Zusammenvorhandensein von Physischem und Psychischem ist ontisch und
                        ontologisch völlig verschieden vom Phänomen des In-der-Welt-seins.</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.53">Den Unterschied <hi rend="italic">und</hi>
          <hi rend="italic">Zusammenhang</hi> des „in mir“ und „außer mir“ setzt <hi rend="italic">Kant</hi> – faktisch mit Recht, im Sinne seiner Beweistendenz
                    aber zu Unrecht – voraus. Desgleichen ist nicht erwiesen, daß, was über das
                    Zusammenvorhandensein von Wechselndem und Beharr<c type="hyphen"></c>
          <pb n="205"></pb>lichem am Leitfaden der Zeit ausgemacht wird, auch für den Zusammenhang des
                    „in mir“ und „außer mir“ zutrifft. Wäre aber das im Beweis vorausgesetzte Ganze
                    des Unterschieds und Zusammenhangs des „Innen“ <hi rend="italic">und</hi>
                    „Außen“ gesehen, wäre ontologisch begriffen, was mit dieser Voraussetzung
                    vorausgesetzt ist, dann fiele die Möglichkeit in sich zusammen, den Beweis für
                    das „Dasein der Dinge außer mir“ für noch ausstehend und notwendig zu
                    halten.</p>
        <p xml:id="P.54">Der „Skandal der Philosophie“ besteht nicht darin, daß dieser
                    Beweis bislang noch aussteht, sondern <hi rend="italic">darin, daß solche
                        Beweise immer wieder erwartet und versucht werden</hi>. Dergleichen
                    Erwartungen, Absichten und Forderungen erwachsen einer ontologisch
                    unzureichenden Ansetzung <hi rend="italic">dessen, davon</hi> unabhängig und
                    „außerhalb“ eine „Welt“ als vorhandene bewiesen werden soll. Nicht die Beweise
                    sind unzureichend, sondern die Seinsart des beweisenden und beweisheischenden
                    Seienden ist <hi rend="italic">unterbestimmt</hi>. Daher kann der Schein
                    entstehen, es sei mit dem Nachweis des notwendigen Zusammenvorhandenseins zweier
                    Vorhandener über das Dasein als In-der-Welt-sein etwas erwiesen oder auch nur
                    beweisbar. Das recht verstandene Dasein widersetzt sich solchen Beweisen, weil
                    es in seinem Sein je schon <hi rend="italic">ist</hi>, was nachkommende Beweise
                    ihm erst anzudemonstrieren für notwendig halten.</p>
        <p xml:id="P.55">Wollte man aus der Unmöglichkeit von Beweisen für das Vorhandensein
                    der Dinge außer uns schließen, dieses sei daher „bloß auf <hi rend="italic">Glauben</hi> anzunehmen“<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.25">
            <pb n="205"></pb> a. a. O. Vorrede, Anm.</note>, dann wäre die Verkehrung des
                    Problems nicht überwunden. Die Vormeinung bliebe bestehen, im Grunde und
                    idealerweise müßte ein Beweis geführt werden können. Mit der Beschränkung auf
                    einen „Glauben an die Realität der Außenwelt“ ist der unangemessene
                    Problemansatz auch dann bejaht, wenn diesem Glauben ausdrücklich sein eigenes
                    „Recht“ zurückgegeben wird. Man macht grundsätzlich die Forderung eines Beweises
                    mit, wenngleich versucht wird, ihr auf anderem Wege als dem eines stringenten
                    Beweises zu genügen.<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.26">Vgl. <hi rend="italic">W. Dilthey</hi>, Beiträge zur Lösung der Frage vom
                        Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht
                        (1890). Ges. Sehr. V, 1, S. 90 ff. Dilthey sagt gleich zu Beginn dieser
                        Abhandlung unmißverständlich: „Denn soll es für den Menschen eine
                        allgemeingültige Wahrheit geben, so muß, nach der zuerst von Descartes
                        angegebenen Methode, das Denken sich einen Weg von den Tatsachen des
                        Bewußtseins entgegen der äußeren Wirklichkeit bahnen“, a. a. O. S.
                        90.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.56">
          <pb n="206"></pb>Selbst wenn man sich darauf berufen wollte, das
                    Subjekt müsse voraussetzen und setze unbewußt auch schon immer voraus, daß die
                    „Außenwelt“ vorhanden sei, bliebe die konstruktive Ansetzung eines isolierten
                    Subjekts doch noch im Spiel. Das Phänomen des In-der-Welt-seins wäre damit
                    ebensowenig getroffen wie mit dem Nachweis eines Zusammenvorhandenseins von
                    Physischem und Psychischem. Das Dasein kommt mit dergleichen Voraussetzungen
                    immer schon „zu spät“, weil es, sofern es als Seiendes diese Voraussetzung
                    vollzieht – und anders ist sie nicht möglich –, <hi rend="italic">als</hi>
          <hi rend="italic">Seiendes</hi> je schon in einer Welt ist. „Früher“ als jede
                    daseinsmäßige Voraussetzung und Verhaltung ist das „Apriori“ der Seinsverfassung
                    in der Seinsart der Sorge.</p>
        <p xml:id="P.57">
          <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.8">
            <hi rend="italic">Glauben</hi> an die <term key="Außenwelt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.25">Realität der „Außenwelt“</term>, ob mit Recht oder
                        Unrecht, <hi rend="italic">beweisen</hi> dieser Realität, ob genügend oder
                        ungenügend, sie <hi rend="italic">voraussetzen</hi>, ob ausdrücklich oder
                        nicht, dergleichen Versuche setzen, ihres eigenen Bodens nicht in voller
                        Durchsichtigkeit mächtig, ein zunächst <hi rend="italic">weltloses</hi> bzw.
                        seiner Welt nicht sicheres <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.59">Subjekt</term> voraus, das sich im Grunde erst einer Welt
                        versichern muß. Das In-einer-Welt-sein wird dabei von Anfang an auf ein
                        Auffassen, Vermeinen, Gewißsein und Glauben gestellt, eine Verhaltung, die
                        selbst immer schon ein fundierter Modus des In-der-Welt-seins ist.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.58">Das „Realitätsproblem“ im Sinne der Frage, ob eine <term key="Außenwelt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.26">Außenwelt</term>
                    vorhanden und ob sie beweisbar sei, erweist sich als ein unmögliches, nicht weil
                    es in der Konsequenz zu unaustragbaren Aporien führt, sondern weil das Seiende
                    selbst, das in diesem Problem im Thema steht, eine solche Fragestellung
                    gleichsam ablehnt. Zu beweisen ist nicht, daß und wie eine „Außenwelt“ vorhanden
                    ist, sondern aufzuweisen ist, warum das Dasein als In-der-Welt-sein die Tendenz
                    hat, die „Außenwelt“ zunächst „erkenntnistheoretisch“ in Nichtigkeit zu
                    begraben, um sie dann erst durch Beweise auferstehen zu lassen. Der Grund dafür
                    liegt im Verfallen des Daseins und der darin motivierten Verlegung des primären
                    Seinsverständnisses auf das Sein als Vorhandenheit. Wenn die Fragestellung in
                    dieser ontologischen Orientierung „kritisch“ ist, dann findet sie als zunächst
                    und einzig gewiß Vorhandenes ein bloßes „Inneres“. Nach der Zertrümmerung des
                    ursprünglichen Phänomens des In-der-Welt-seins wird auf dem Grunde des
                    verbleibenden Restes, des isolierten Subjekts, die Zusammenfügung mit einer
                    „Welt“ durchgeführt.</p>
        <p xml:id="P.59">Die Vielfältigkeit der Lösungsversuche des „Realitätsproblems“, die
                    durch die Spielarten des <term key="Realismus" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.72">Realismus</term> und <term key="Idealismus" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.73">Idealismus</term> und deren
                    Vermittlungen ausgebildet wurden, können in der vorliegenden Untersuchung nicht
                    weitläufig besprochen werden. So gewiß in allen ein<pb n="207"></pb>Kern echten
                    Fragens zu finden sein wird, so verkehrt wäre es, wollte man die haltbare Lösung
                    des Problems durch die Verrechnung des jeweils Richtigen gewinnen. Es bedarf
                    vielmehr der grundsätzlichen Einsicht, daß die verschiedenen
                    erkenntnistheoretischen Richtungen nicht so sehr als erkenntnistheoretische
                    fehlgehen, sondern auf Grund des Versäumnisses der existenzialen Analytik des
                    Daseins überhaupt gar nicht erst den Boden für eine phänomenal gesicherte
                    Problematik gewinnen. Dieser <hi rend="italic">Boden</hi> ist auch nicht zu
                    gewinnen durch nachträgliche phänomenologische Verbesserungen des Subjekts- und
                    Bewußtseinsbegriffes. Dadurch ist nicht gewährleistet, daß die unangemessene <hi rend="italic">Fragestellung</hi> nicht doch bestehen bleibt.</p>
        <p xml:id="P.60">Mit dem Dasein als In-der-Welt-sein ist innerweltliches Seiendes je
                    schon erschlossen. Diese existenzial-ontologische Aussage scheint mit der These
                    des <term key="Realismus" rend="italic" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.74">Realismus</term> übereinzukommen, daß die Außenwelt real vorhanden sei.
                    Sofern in der existenzialen Aussage das Vorhandensein von innerweltlichem
                    Seienden nicht geleugnet wird, stimmt sie im Resultat – gleichsam doxographisch
                    – mit der These des Realismus überein. Sie unterscheidet sich aber grundsätzlich
                    von jedem Realismus dadurch, daß dieser die Realität der „<term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.27">Welt</term>“ für beweisbedürftig, aber
                    zugleich auch für beweisbar hält. Beides ist in der existenzialen Aussage gerade
                    negiert. Was diese aber völlig vom Realismus trennt, ist dessen ontologisches
                    Unverständnis. Versucht er doch Realität ontisch durch reale
                    Wirkungszusammenhänge zwischen Realem zu erklären.</p>
        <p xml:id="P.61">Gegenüber dem Realismus hat der <term key="Idealismus" rend="italic" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.75">Idealismus</term>,
                    mag er im Resultat noch so entgegengesetzt und unhaltbar sein, einen
                    grundsätzlichen Vorrang, falls er nicht als „psychologischer“ Idealismus sich
                    selbst mißversteht. Wenn der Idealismus betont, Sein und Realität sei nur „im
                        <term key="Bewusstsein" type="Episteme" xml:id="TM.60">Bewußtsein</term>“,
                    so kommt hier das Verständnis davon zum Ausdruck, daß Sein nicht durch Seiendes
                    erklärt werden kann. Sofern nun aber ungeklärt bleibt, <hi rend="italic">daß</hi> hier Seinsverständnis geschieht und <hi rend="italic">was</hi>
                    dieses Seinsverständnis selbst ontologisch besagt, wie es möglich ist, und daß
                    es zur Seinsverfassung des Daseins gehört, baut er die Interpretation der
                    Realität ins Leere. Daß Sein nicht durch Seiendes erklärbar und Realität nur im
                    Seinsverständnis möglich ist, entbindet doch nicht davon, nach dem Sein des
                    Bewußtseins, der res cogitans selbst zu fragen. In der Konsequenz der
                    idealistischen These liegt die ontologische Analyse des Bewußtseins selbst als
                    unumgängliche Voraufgabe vorgezeichnet. Nur weil Sein „im Bewußtsein“ ist, das
                    heißt verstehbar im Dasein, deshalb kann das Dasein auch Seinscharaktere wie
                    Unabhängigkeit, „Ansich“, überhaupt Realität verstehen und zu<pb n="208"></pb>Begriff bringen. Nur deshalb ist „unabhängiges“ Seiendes als innerweltlich
                    Begegnendes umsichtig zugänglich.</p>
        <p xml:id="P.62">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.9">Besagt der Titel <term key="Idealismus" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.76">Idealismus</term> soviel wie Verständnis dessen, daß Sein nie durch
                        Seiendes erklärbar, sondern für jedes Seiende je schon das „Transzendentale“
                        ist, dann liegt im Idealismus die einzige und rechte Möglichkeit
                        philosophischer Problematik. Dann war <hi rend="italic">Aristoteles</hi>
                        nicht weniger Idealist als <hi rend="italic">Kant</hi>. Bedeutet Idealismus
                        die Rückführung alles Seienden auf ein Subjekt oder Bewußtsein, die sich nur
                        dadurch auszeichnen, daß sie in ihrem Sein <hi rend="italic">unbestimmt</hi>
                        bleiben und höchstens negativ als „undinglich“ charakterisiert werden, dann
                        ist dieser Idealismus methodisch nicht weniger naiv als der
                        grobschlächtigste Realismus.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.63">Es bleibt noch die Möglichkeit, daß man die Realitätsproblematik
                        <hi rend="italic">vor</hi> jede „standpunktliche“ Orientierung legt mit der
                    These: jedes Subjekt ist, was es ist, nur für ein Objekt und umgekehrt. In
                    diesem formalen Ansatz bleiben aber die Glieder der Korrelation ebenso wie diese
                    selbst ontologisch unbestimmt. Im Grunde aber wird doch das Ganze der
                    Korrelation notwendig als „irgendwie“ <hi rend="italic">seiend</hi>, also im
                    Hinblick auf eine bestimmte Idee von Sein gedacht. Ist freilich zuvor der
                    existenzial-ontologische Boden gesichert mit dem Aufweis des In-der-Welt-seins,
                    dann läßt sich nachträglich die genannte Korrelation als formalisierte,
                    ontologisch indifferente Beziehung erkennen.</p>
        <p xml:id="P.64">Die Diskussion der unausgesprochenen Voraussetzungen der nur
                    „erkenntnistheoretischen“ Lösungsversuche des Realitätsproblems zeigt, daß es in
                    die existenziale Analytik des Daseins als ontologisches Problem zurückgenommen
                    werden muß<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.27">
            <pb n="208"></pb> Neuerdings hat
                            <hi rend="italic">Nicolai Hartmann</hi> nach dem Vorgang von <hi rend="italic">Scheler</hi> die These vom Erkennen als „Seinsverhältnis“
                        seiner ontologisch orientierten Erkenntnistheorie zugrundegelegt. Vgl.
                        Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis. 2. ergänzte Aufl. 1925. – <hi rend="italic">Scheler</hi> wie <hi rend="italic">Hartmann</hi> verkennen
                        aber in gleicher Weise bei aller Verschiedenheit ihrer phänomenologischen
                        Ausgangsbasis, daß die „Ontologie“ in ihrer überlieferten Grundorientierung
                        gegenüber dem Dasein versagt, und daß gerade das im Erkennen beschlossene
                        „Seinsverhältnis“ (vgl. oben S. 59 ff.) zu ihrer <hi rend="italic">grundsätzlichen</hi> Revision und nicht nur kritischen Ausbesserung
                        zwingt. Die Unterschätzung der unausgesprochenen Auswirkungsweite einer
                        ontologisch ungeklärten Ansetzung des Seinsverhältnisses drängt <hi rend="italic">Hartmann</hi> in einen „kritischen Realismus“, der im
                        Grunde dem Niveau der von ihm exponierten Problematik völlig fremd ist. Zu
                            <hi rend="italic">Hartmanns</hi> Auffassung der Ontologie vgl. „Wie ist
                        kritische Ontologie überhaupt möglich?“ in der Festschrift für Paul Natorp
                        1924. S. 124 ff.</note>.</p>
        <p xml:id="P.65">
          <pb n="209"></pb>
          <hi rend="italic">b) Realität als ontologisches
                        Problem</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.66">Wenn der Titel Realität das Sein des innerweltlich vorhandenen
                    Seienden (res) meint – und nichts anderes wird darunter verstanden –, dann
                    bedeutet das für die Analyse dieses Seinsmodus: <hi rend="italic">innerweltliches</hi> Seiendes ist ontologisch nur zu begreifen, wenn das
                    Phänomen der Innerweltlichkeit geklärt ist. Diese aber gründet im Phänomen der
                        <hi rend="italic">Welt</hi>, die ihrerseits als wesenhaftes Strukturmoment
                    des <term key="In-der-Welt-sein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.69">In-der-Welt-seins</term> zur Grundverfassung des Daseins gehört. Das
                    In-der-Welt-sein wiederum ist ontologisch verklammert in der Strukturganzheit
                    des Seins des Daseins, als welche die Sorge charakterisiert wurde. Damit aber
                    sind die Fundamente und Horizonte gekennzeichnet, deren Klärung erst die Analyse
                    von Realität ermöglicht. In diesem Zusammenhang wird auch erst der Charakter des
                    An-sich ontologisch verständlich. Aus der Orientierung an diesem
                    Problemzusammenhang wurde in den früheren Analysen das Sein des innerweltlichen
                    Seienden interpretiert<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.28">
            <pb n="209"></pb>
                        Vgl. vor allem § 16, S. 72 ff.: Die am innerweltlichen Seienden sich
                        meldende Weltmäßigkeit der Umwelt; 5 18, S. 83 ff.: Bewandtnis und
                        Bedeutsamkeit. Die Weltlichkeit der Welt; § 29, S. 134 ff.: Dasein als
                        Befindlichkeit – Über das An-sich-sein des innerweltlichen Seienden vgl. S.
                        75 f.</note>.</p>
        <p xml:id="P.67">Zwar kann in gewissen Grenzen schon eine phänomenologische
                    Charakteristik der Realität des Realen gegeben werden ohne die ausdrückliche
                    existenzial-ontologische Basis. Das hat <term key="Dilthey, Wilhelm" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.87">Dilthey</term> in der oben genannten
                    Abhandlung versucht. Reales wird in Impuls und Wille erfahren. Realität ist <hi rend="italic">Widerstand</hi>, genauer <term key="Widerständigkeit" type="Episteme" xml:id="TM.61">Widerständigkeit</term>. Die analytische
                    Herausarbeitung des Widerstandsphänomens ist das Positive in der genannten
                    Abhandlung und die beste konkrete Bewährung der Idee einer „beschreibenden und
                    zergliedernden Psychologie“. Die rechte Auswirkung der Analyse des
                    Widerstandsphänomens wird aber hintangehalten durch die erkenntnistheoretische
                    Realitätsproblematik. Der „Satz von der Phänomenalität“ läßt <hi rend="italic">Dilthey</hi> nicht zu einer ontologischen Interpretation des Seins des
                    Bewußtseins kommen. „Der Wille und seine Hemmung treten innerhalb desselben
                    Bewußtseins auf“<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.29">Vgl. Beiträge a. a. O.
                        S. 134.</note>. Die Seinsart des „Auftretens“, der Seinssinn des
                    „innerhalb“, der Seinsbezug des Bewußtseins zum Realen selbst, all das bedarf
                    der ontologischen Bestimmung. Daß sie ausbleibt, liegt letztlich daran, daß <hi rend="italic">Dilthey</hi> das „Leben“, „hinter“ das freilich nicht
                    zurückzugehen ist, in ontologischer Indifferenz stehen ließ. Ontologische
                    Interpretation des Daseins bedeutet jedoch nicht ontisches Zurückgehen auf<pb n="210"></pb>ein anderes Seiendes. Daß <hi rend="italic">Dilthey</hi>
                    erkenntnistheoretisch widerlegt wurde, kann nicht davon abhalten, das Positive
                    seiner Analysen, was bei diesen Widerlegungen gerade unverstanden blieb,
                    fruchtbar zu machen.</p>
        <p xml:id="P.68">So hat denn neuerdings <hi rend="italic">Scheler</hi> die
                    Realitätsinterpretation <hi rend="italic">Diltheys</hi> aufgenommen<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.30">
            <pb n="210"></pb> Vgl. Die Formen des
                        Wissens und die Bildung. Vortrag 1925. Anm. 24 und 25. Anmerkung bei der
                        Korrektur: <hi rend="italic">Scheler</hi> hat jetzt in der soeben
                        erschienenen Sammlung von Abhandlungen „Die Wissensformen und die
                        Gesellschaft“ 1926, seine längst angekündigte Untersuchung über „Erkenntnis
                        und Arbeit“ (S. 233 ff.) veröffentlicht. Abschnitt VI dieser Abhandlung (S.
                        455) bringt eine ausführlichere Darlegung der „voluntativen Daseinstheorie“
                        im Zusammenhang mit einer Würdigung und Kritik <hi rend="italic">Diltheys</hi>.</note>. Er vertritt eine „voluntative Daseinstheorie“.
                    Dasein wird hierbei im Kantischen Sinne als Vorhandensein verstanden. Das „Sein
                    der Gegenstände ist nur in der Trieb- und Willensbezogenheit unmittelbar
                    gegeben“. <hi rend="italic">Scheler</hi> betont nicht nur wie <hi rend="italic">Dilthey</hi>, daß Realität nie primär im Denken und Erfassen gegeben wird,
                    er weist vor allem auch darauf hin, daß Erkennen selbst wiederum nicht Urteilen
                    und daß das Wissen ein „Seinsverhältnis“ ist.</p>
        <p xml:id="P.69">Grundsätzlich gilt auch von dieser Theorie, was schon über die
                    ontologische Unbestimmtheit der Fundamente bei <hi rend="italic">Dilthey</hi>
                    gesagt werden mußte. Die ontologische Fundamentalanalyse des „Lebens“ kann auch
                    nicht nachträglich als Unterbau eingeschoben werden. Sie trägt und bedingt die
                    Analyse der Realität, die volle Explikation der Widerständigkeit und ihrer
                    phänomenalen Voraussetzungen. Widerstand begegnet in einem Nicht-durch-kommen,
                    als Behinderung eines Durchkommen-wollens. Mit diesem aber ist schon etwas
                    erschlossen, worauf Trieb und Wille <hi rend="italic">aus sind</hi>. Die
                    ontische Unbestimmtheit dieses Woraufhin darf aber ontologisch nicht übersehen
                    oder gar als Nichts gefaßt werden. Das Aussein auf ..., das auf Widerstand stößt
                    und einzig „stoßen“ kann, ist selbst schon <hi rend="italic">bei</hi> einer
                    Bewandtnisganzheit. Deren Entdecktheit aber gründet in der Erschlossenheit des
                    Verweisungsganzen der Bedeutsamkeit. <hi rend="italic">Widerstandserfahrung, das
                        heißt strebensmäßiges Entdecken von Widerständigem, ist ontologisch nur
                        möglich auf dem Grunde der Erschlossenheit von Welt. </hi>Widerständigkeit
                    charakterisiert das Sein des innerweltlich Seienden. Widerstandserfahrungen
                    bestimmen faktisch nur die Weite und Richtung des Entdeckens des innerweltlich
                    begegnenden Seienden. Ihre Summierung leitet nicht erst die Erschließung von
                    Welt ein, sondern setzt sie voraus. Das „Wider“ und „Gegen“ sind in ihrer
                    ontologischen Möglichkeit durch das erschlossene In-der-Welt-sein getragen.</p>
        <p xml:id="P.70">
          <pb n="211"></pb>Widerstand wird auch nicht erfahren in einem für sich
                    „auftretenden“ Trieb oder Willen. Diese erweisen sich als Modifikationen der
                    Sorge. Nur Seiendes dieser Seinsart vermag auf Widerständiges als
                    Innerweltliches zu stoßen. Wenn sonach die Realität durch Widerständigkeit
                    bestimmt wird, dann bleibt ein Doppeltes zu beachten: einmal ist damit nur <hi rend="italic">ein</hi> Realitätscharakter unter anderen getroffen, sodann
                    ist für Widerständigkeit notwendig schon erschlossene Welt vorausgesetzt.
                    Widerstand charakterisiert die „Außenwelt“ im Sinne des innerweltlichen
                    Seienden, aber nie im Sinne der Welt. <hi rend="italic">„Realitätsbewußtsein“
                        ist selbst eine Weise des In-der-Welt-seins.</hi> Auf dieses existenziale
                    Grundphänomen kommt notwendig alle „Außenweltsproblematik“ zurück.</p>
        <p xml:id="P.71">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.10">Sollte das „cogito sum“
                        als Ausgang der existenzialen Analytik des Daseins dienen, dann bedarf es
                        nicht nur der Umkehrung, sondern einer neuen ontologisch-phänomenalen
                        Bewährung seines Gehalts. Die erste Aussage ist dann: „sum“ und zwar in dem
                        Sinne: lch-bin-in-einer-Welt. Als so Seiendes „bin ich“ in der
                        Seinsmöglichkeit zu verschiedenen Verhaltungen (cogitationes) als Weisen des
                        Seins bei innerweltlichem Seienden. <term key="Descartes, René" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.88">Descartes</term> dagegen sagt:
                        cogitationes sind vorhanden, darin ist ein ego mit vorhanden als weltlose
                        res cogitans.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.72">
          <hi rend="italic">c) Realität und Sorge</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.73">
          <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.28">Realität</term> ist als ontologischer Titel auf innerweltliches Seiendes
                    bezogen. Dient er zur Bezeichnung dieser Seinsart überhaupt, dann fungieren
                    Zuhandenheit und Vorhandenheit als Modi der Realität. Läßt man aber diesem Wort
                    seine überlieferte Bedeutung, dann meint es das Sein im Sinne der puren
                    Dingvorhandenheit. Aber nicht jede Vorhandenheit ist Dingvorhandenheit. Die
                    „Natur“, die uns „umfängt“, ist zwar innerweltliches Seiendes, zeigt aber weder
                    die Seinsart des Zuhandenen noch des Vorhandenen in der Weise der
                    „Naturdinglichkeit“. Wie immer dieses Sein der „Natur“ interpretiert werden mag,
                        <hi rend="italic">alle</hi> Seinsmodi des innerweltlichen Seienden sind
                    ontologisch in der Weltlichkeit der Welt und damit im Phänomen des
                    In-der-Welt-seins fundiert. Daraus entspringt die Einsicht: <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.29">Realität</term> hat weder innerhalb
                    der Seinsmodi des innerweltlichen Seienden einen Vorrang, noch kann gar diese
                    Seinsart so etwas wie Welt und Dasein ontologisch angemessen
                    charakterisieren.</p>
        <p xml:id="P.74">
          <hi rend="italic">Realität</hi> ist in der Ordnung der
                    ontologischen Fundierungszusammenhänge und der möglichen kategorialen und
                    existenzialen Ausweisung <hi rend="italic">auf das Phänomen der Sorge
                        zurückverwiesen</hi>. Daß Realität<pb n="212"></pb>ontologisch im Sein des
                    Daseins gründet, kann nicht bedeuten, daß Reales nur sein könnte als das, was es
                    an ihm selbst ist, wenn und solange Dasein existiert.</p>
        <p xml:id="P.75">Allerdings nur solange Dasein <hi rend="italic">ist</hi>, das heißt
                    die ontische Möglichkeit von Seinsverständnis, „gibt es“ Sein. Wenn Dasein nicht
                    existiert, dann „ist“ auch nicht „Unabhängigkeit“ und „ist“ auch nicht
                    „An-sich“. Dergleichen ist dann weder verstehbar noch unverstehbar. Dann ist
                    auch innerweltliches Seiendes weder entdeckbar, noch kann es in Verborgenheit
                    liegen. <hi rend="italic">Dann </hi>kann weder gesagt werden, daß Seiendes sei,
                    noch daß es nicht sei. Es kann <hi rend="italic">jetzt </hi>wohl, solange
                    Seinsverständnis ist und damit Verständnis von Vorhandenheit, gesagt werden, daß
                        <hi rend="italic">dann</hi> Seiendes noch weiterhin sein wird.</p>
        <p xml:id="P.76">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.11">Die gekennzeichnete
                        Abhängigkeit des Seins, nicht des Seienden, von Seinsverständnis, das heißt
                        die Abhängigkeit der Realität, nicht des Realen, von der Sorge, sichert die
                        weitere Analytik des Daseins vor einer unkritischen, aber immer wieder sich
                        eindrängenden Interpretation des Daseins am Leitfaden der Idee von Realität.
                        Erst die Orientierung an der ontologisch <hi rend="italic">positiv
                        </hi>interpretierten Existenzialität gibt die Gewähr, daß nicht doch im
                        faktischen Gang der Analyse des „Bewußtseins“, des „Lebens“ irgendein
                        wenngleich indifferenter Sinn von Realität zugrundegelegt wird.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.77">
          <phr subtype="Seiende_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.12">Daß <term key="Seiende, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.30">Seiendes</term> von der Seinsart des <term key="Dasein" type="Episteme" xml:id="TM.62">Daseins</term> nicht aus Realität und
                        Substanzialität begriffen werden kann, haben wir durch die These
                        ausgedrückt: <hi rend="italic">die Substanz des </hi>
            <term key="Mensch" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.63">Menschen</term>
            <hi rend="italic"> ist die </hi>
            <term key="Existenz" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.64">Existenz</term>
            <hi rend="italic">.</hi> Die
                        Interpretation der Existenzialität als Sorge und die Abgrenzung dieser gegen
                        Realität bedeuten jedoch nicht das Ende der existenzialen Analytik, sondern
                        lassen nur die Problemverschlingungen in der Frage nach dem Sein und seinen
                        möglichen Modi und nach dem Sinn solcher Modifikationen schärfer
                        heraustreten: nur wenn Seinsverständnis <hi rend="italic">ist</hi>, wird
                        Seiendes als Seiendes zugänglich; nur wenn Seiendes ist von der Seinsart des
                        Daseins, ist Seinsverständnis als Seiendes möglich.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.78"></p>
      </div>
    </body>
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</TEI>
