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          <quote>Vorlesungen über die Ästhetik</quote>
          <date>1845</date>
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        <author>Hegel, Georg Wilhelm Friedrich</author>
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        <idno type="PID">o:reko.hege.1845</idno>
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        <bibl type="source">Georg Friedrich Wilhelm Hegel: &quot;Vorlesungen über die Ästhetik
                    I&quot;, in: <hi rend="italic">Werke. </hi>Bd. 13. Auf der Grundlage der Werke von
                    1832-1845. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 40-43, 48-52, 60-61, 64-65,
                    70-72, 80-83, 104-115, 127-153. ISBN: 978-3-518-28213-7.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Vorlesungen über die Ästhetik I&quot;, in: <hi rend="italic">Werke. </hi>Bd. 13. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden
                    des Verewigten. 18 Bde. Bd. 10/1-3. Vorlesungen über die Ästhetik. Berlin:
                    Duncker &amp; Humblot 1832–1845.</bibl>
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              <catDesc>Vorlesung </catDesc>
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            <catDesc>Media</catDesc>
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              <catDesc>Kunst, Literatur</catDesc>
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      <div>
        <p xml:id="P.1">
          <pb n="40"></pb>[…]Bei dem Gegenstande jeder <term key="Wissenschaft" type="Feld" xml:id="TM.83">Wissenschaft</term> kommt zunächst<pb n="41"></pb>zweierlei in Betracht: erstens, daß ein solcher Gegenstand <term key="sein" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.37">ist</term>, und
                    zweitens, <hi rend="italic">was</hi> er ist.</p>
        <p xml:id="P.2">Über den ersten Punkt pflegt sich in den gewöhnlichen Wissenschaften
                    wenig Schwierigkeit zu erheben. Ja, es könnte zunächst sogar lächerlich
                    erscheinen, wenn sich die Forderung auftäte, es solle in der Astronomie und
                    Physik bewiesen werden, daß es eine Sonne, Gestirne, magnetische Erscheinungen
                    usw. gebe. In diesen Wissenschaften, die es mit sinnlich Vorhandenem zu tun
                    haben, werden die Gegenstände aus der äußeren Erfahrung genommen, und statt sie
                    zu <hi rend="italic">beweisen</hi>, wird es für hinreichend gehalten, sie zu <hi rend="italic">weisen</hi>. Doch schon innerhalb der nicht-philosophischen
                    Disziplinen können Zweifel über das Sein ihrer Gegenstände aufkommen, wie z. B.
                    in der Psychologie, der Lehre vom Geiste, der Zweifel, ob es eine Seele, einen
                    Geist <hi rend="italic">gibt</hi>, d. h. ein von dem Materiellen verschiedenes,
                    für sich selbständiges Subjektives, oder in der Theologie, daß ein <hi rend="italic">Gott</hi> ist. Wenn ferner die Gegenstände subjektiver Art, d.
                    h. nur im Geiste und nicht als äußerlich sinnliche Objekte vorhanden sind, so
                    wissen wir, im Geiste sei nur, was er durch seine Tätigkeit hervorgebracht hat.
                    Hiermit tritt sogleich die Zufälligkeit ein, ob Menschen diese innere
                    Vorstellung oder Anschauung in sich produziert haben oder nicht und, wenn auch
                    das erstere wirklich der Fall ist, ob sie solche Vorstellung nicht auch wieder
                    verschwinden gemacht oder dieselbe wenigstens zu einer bloß <hi rend="italic">subjektiven Vorstellung</hi> herabgesetzt haben, deren Inhalt kein Sein an
                    und für sich selbst zukomme; wie z. B. das <term key="Schöne, das" type="Ästhetik" xml:id="TM.32">Schöne</term> häufig als nicht an und für sich in der
                    Vorstellung notwendig, sondern als ein bloß subjektives Gefallen, ein nur
                    zufälliger Sinn ist angesehen worden. Schon unsere <term key="Anschauung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.107">äußeren Anschauungen</term>, <term key="Beobachtung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.108">Beobachtungen</term> und <term key="Wahrnehmung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.109">Wahrnehmungen</term> sind oft täuschend und irrig, aber
                    noch viel mehr sind es die <term key="Vorstellung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.110">inneren Vorstellungen</term>, wenn sie auch die größte
                    Lebendigkeit in sich haben und uns unwiderstehlich zur Leidenschaft fortreißen
                    sollten.</p>
        <p xml:id="P.3">Jener Zweifel nun, ob ein Gegenstand der inneren Vor<c type="hyphen"></c>
          <pb n="42"></pb>stellung und Anschauung überhaupt sei oder nicht, wie jene
                    Zufälligkeit, ob das subjektive Bewußtsein ihn in sich erzeugt und ob die Art
                    und Weise, wie es ihn vor sich gebracht, dem Gegenstande seinem Anundfürsichsein
                    nach auch entsprechend sei, erregt im Menschen gerade das höhere
                    wissenschaftliche Bedürfnis, welches fordert, daß, wenn es uns auch so vorkomme,
                    als ob ein Gegenstand sei oder daß es einen solchen gebe, derselbe dennoch müsse
                    seiner Notwendigkeit nach aufgezeigt oder bewiesen werden.</p>
        <p xml:id="P.4">Mit diesem Beweise, wird er wahrhaft wissenschaftlich entwickelt,
                    ist sodann zugleich der anderen Frage, <hi rend="italic">was</hi> ein Gegenstand
                    sei, Genüge geleistet. Dies auseinanderzusetzen würde uns jedoch an diesem Orte
                    zuweit führen, und es ist darüber nur folgendes anzudeuten.</p>
        <p xml:id="P.5">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.1">Wenn von unserem
                        Gegenstande, dem Kunstschönen, die Notwendigkeit aufgezeigt werden soll, so
                        wäre zu beweisen, daß die <term key="Kunst" type="Feld" xml:id="TM.84">Kunst</term> oder das <term key="Schöne, das" type="Ästhetik" xml:id="TM.33">Schöne</term> ein Resultat von Vorhergehendem sei,
                        das, seinem wahren Begriffe nach betrachtet, mit wissenschaftlicher
                        Notwendigkeit zum Begriffe der schönen Kunst hinüberführt. Indem wir nun
                        aber von der <hi rend="italic">Kunst</hi> anfangen, <hi rend="italic">ihren</hi> Begriff und dessen Realität, nicht aber das ihrem eigenen
                        Begriff zufolge ihr Vorangehende in seinem Wesen abhandeln wollen, so hat
                        die Kunst für uns als besonderer wissenschaftlicher Gegenstand eine
                        Voraussetzung, die außerhalb unserer Betrachtung liegt und, als ein anderer
                        Inhalt wissenschaftlich abgehandelt, einer anderen philosophischen Disziplin
                        angehört. Es bleibt deshalb nichts übrig, als den Begriff der Kunst
                        sozusagen <hi rend="italic">lemmatisch</hi> aufzunehmen, was bei allen <hi rend="italic">besonderen</hi> philosophischen Wissenschaften, wenn sie
                        vereinzelt betrachtet werden sollen, der Fall ist. Denn erst die gesamte
                        Philosophie ist die Erkenntnis des Universums als in sich <hi rend="italic">eine</hi> organische Totalität, die sich aus ihrem eigenen Begriffe
                        entwickelt und, in ihrer sich zu sich selbst verhaltenden Notwendigkeit zum
                        Ganzen in sich zurückgehend, sich mit sich als <hi rend="italic">eine</hi>
                        Welt der Wahrheit zusammenschließt.</phr> In der Krone dieser
                        wissenschaftlichen<pb n="43"></pb>Notwendigkeit ist jeder einzelne Teil
                    ebensosehr einerseits ein in sich zurückkehrender Kreis, als er andererseits
                    zugleich einen notwendigen Zusammenhang mit anderen Gebieten hat, – ein
                    Rückwärts, aus dem er sich herleitet, wie ein Vorwärts, zu dem er selbst in sich
                    weitertreibt, insofern er fruchtbar Anderes wieder aus sich erzeugt und für die
                    wissenschaftliche Erkenntnis hervorgehen läßt. Die Idee des Schönen also, mit
                    der wir anfangen, zu beweisen, d. h. sie der Notwendigkeit nach aus den für die
                    Wissenschaft vorangehenden Voraussetzungen herzuleiten, aus deren Schoße sie
                    geboren wird, ist nicht unser gegenwärtiger Zweck, sondern das Geschäft einer
                    enzyklopädischen Entwicklung der gesamten Philosophie und ihrer besonderen
                    Disziplinen. Für uns ist der Begriff des Schönen und der Kunst eine durch das
                    System der Philosophie gegebene Voraussetzung. Da wir aber dies System und den
                    Zusammenhang der Kunst mit demselben hier nicht erörtern können, so haben wir
                    den Begriff des Schönen noch nicht <hi rend="italic">wissenschaftlich</hi> vor
                    uns, sondern was für uns vorhanden ist, sind nur die Elemente und Seiten
                    desselben, wie sie in den verschiedenen <term key="Vorstellung" type="Episteme" xml:id="TM.38">Vorstellungen</term> vom Schönen und der Kunst schon im
                    gewöhnlichen Bewußtsein sich vorfinden oder vormals gefaßt worden sind. Von hier
                    aus wollen wir dann erst auf die gründlichere Betrachtung jener Ansichten
                    übergehen, um dadurch den Vorteil zu erlangen, zunächst eine allgemeine
                    Vorstellung von unserem Gegenstande sowie durch die kurze Kritik eine vorläufige
                    Bekanntschaft mit den höheren <term key="Bestimmung" type="Episteme" xml:id="TM.39">Bestimmungen</term> zu bewirken, mit welchen wir es in der
                    Folge zu tun haben werden. In dieser Weise wird unsere letzte einleitende
                    Betrachtung gleichsam das Einläuten zum Vortrage der Sache selbst vorstellen und
                    eine allgemeine Sammlung und Richtung auf den eigentlichen Gegenstand
                    bezwecken.</p>
        <p xml:id="P.6">
          <pb n="48"></pb>[…]c) <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.2">
            <phr subtype="Natur" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.3">Eine
                                <hi rend="italic">dritte</hi> Ansicht, welche die Vorstellung vom
                            Kunstwerk als einem Produkte menschlicher <term key="Tätigkeit" type="Episteme" xml:id="TM.40">Tätigkeit</term> betrifft, bezieht
                            sich auf die Stellung des Kunstwerks zu den äußeren Erscheinungen der
                                <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.1">Natur</term>. Hier lag dem gewöhnlichen Bewußtsein die Meinung nahe,
                            daß das Kunstprodukt des Menschen dem Naturprodukte <hi rend="italic">nach</hi>stehe.</phr> Denn das Kunstwerk hat kein Gefühl in sich
                        und ist nicht das durch und durch Belebte, sondern, als äußerliches Objekt
                        betrachtet, <term key="tot" type="Episteme" xml:id="TM.41">tot</term>. Das
                            <term key="Lebendige, das" type="Episteme" xml:id="TM.42">Lebendige</term> aber pflegen wir höher zu schätzen als das Tote. Daß
                        das Kunstwerk nicht in sich selbst bewegt und lebendig sei, ist freilich
                        zugegeben. Das natürlich Lebendige ist nach innen und außen eine zweckmäßig
                        bis in alle kleinsten Teile ausgeführte Organisation, während das Kunstwerk
                        nur in seiner Oberfläche den Schein der Lebendigkeit erreicht, nach innen
                        aber gemeiner Stein oder Holz und Leinwand oder, wie in der Poesie,
                        Vorstellung ist, die in Rede und Buchstaben sich äußert. Aber diese Seite
                        äußerlicher Existenz ist es nicht, welche ein Werk zu einem Produkte der
                        schönen Kunst macht; Kunstwerk ist es nur, insofern es, aus dem Geiste
                        entsprungen, nun auch dem Boden des Geistes angehört, die Taufe des
                        Geistigen erhalten hat und nur dasjenige darstellt, was nach dem Anklänge
                        des Geistes gebildet ist. Menschliches Interesse, der geistige Wert, den
                        eine Begebenheit, ein individueller Charakter, eine Handlung in ihrer
                        Verwicklung und ihrem Ausgange hat, wird im Kunstwerke aufgefaßt und reiner
                        und durchsichtiger hervorgehoben, als es auf dem Boden der sonstigen,<pb n="49"></pb>
            <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.2">unkünstlerischen Wirklichkeit</term> möglich ist. <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.4">Dadurch steht das Kunstwerk höher
                            als jedes Naturprodukt, das diesen Durchgang durch den <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.43">Geist</term> nicht
                            gemacht hat; wie z. B. durch die <term key="Empfindung" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.94">Empfindung</term> und
                            Einsicht, aus welcher heraus in der <term key="Malerei" type="Form" xml:id="TM.93">Malerei</term> eine Landschaft dargestellt wird, dies
                            Geisteswerk einen höheren Rang einnimmt als die bloß natürliche
                            Landschaft. Denn alles Geistige ist besser als jedes Naturerzeugnis.
                            Ohnehin stellt kein Naturwesen göttliche Ideale dar, wie es die Kunst
                            vermag.</phr>
          </phr>
        </p>
        <p xml:id="P.7">Was nun der Geist in Kunstwerken seinem eigenen Innern entnimmt, dem
                    weiß er auch nach seiten der äußerlichen Existenz hin eine <term key="Dauer" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.44">Dauer</term> zu geben; die
                    einzelne Naturlebendigkeit dagegen ist <term key="vergänglich" type="Episteme" xml:id="TM.45">vergänglich</term>, schwindend und in ihrem Aussehen
                    veränderlich, während das Kunstwerk sich erhält, wenn auch nicht die bloße
                    Dauer, sondern das Herausgehobensein geistiger Beseelung seinen wahrhaftigen
                    Vorzug der natürlichen Wirklichkeit gegenüber ausmacht.</p>
        <p xml:id="P.8">Diese höhere Stellung des Kunstwerkes wird aber dennoch wieder von
                    einer anderen Vorstellung des gewöhnlichen Bewußtseins bestritten. Denn die
                    Natur und ihre Erzeugnisse, heißt es, seien ein Werk Gottes, durch seine Güte
                    und Weisheit erschaffen, das Kunstprodukt dagegen sei <hi rend="italic">nur</hi>
                    ein Menschenwerk, nach menschlicher Einsicht von Menschenhänden gemacht. In
                    dieser Entgegenstellung der Naturproduktion als eines göttlichen Schaffens und
                    der menschlichen Tätigkeit als einer nur endlichen liegt sogleich der
                    Mißverstand, als ob Gott im Menschen und durch den Menschen <hi rend="italic">nicht</hi> wirke, sondern den Kreis dieser Wirksamkeit auf die Natur allein
                    beschränke. Diese falsche Meinung ist gänzlich zu entfernen, wenn man zum wahren
                    Begriffe der Kunst hindurchdringen will, ja es ist dieser Ansicht gegenüber die
                    entgegengesetzte festzuhalten, daß Gott mehr Ehre von dem habe, was der Geist
                    macht, als von den Erzeugnissen und Gebilden der Natur. Denn es ist nicht nur
                    Göttliches im Menschen, sondern in ihm ist es in einer Form tätig, die in ganz
                    anderer, höherer Weise dem Wesen Gottes gemäß ist<pb n="50"></pb>als in der Natur.
                    Gott ist Geist, und im Menschen allein hat das Medium, durch welches das
                    Göttliche hindurchgeht, die Form des bewußten, sich tätig hervorbringenden
                    Geistes; in der Natur aber ist dies Medium das Bewußtlose, Sinnliche und
                    Äußerliche, das an Wert dem Bewußtsein bei weitem nachsteht. Bei der
                    Kunstproduktion nun ist Gott ebenso wirksam wie bei den Erscheinungen der Natur,
                    das Göttliche aber, wie es im Kunstwerk sich kundgibt, hat, als aus dem Geiste
                    erzeugt, einen entsprechenden Durchgangspunkt für seine Existenz gewonnen,
                    während das Dasein in der bewußtlosen Sinnlichkeit der Natur keine dem
                    Göttlichen angemessene Weise der Erscheinung ist.</p>
        <p xml:id="P.9">d) Ist nun das Kunstwerk als Erzeugnis des Geistes vom Menschen
                    gemacht, so fragt es sich schließlich, um aus dem Bisherigen ein tieferes
                    Resultat zu ziehen, welches das <hi rend="italic">Bedürfnis</hi> des Menschen
                    sei, Kunstwerke zu produzieren. Auf der einen Seite kann diese Hervorbringung
                    als ein bloßes Spiel des Zufalls und der Einfälle angesehen werden, das
                    ebensogut zu unterlassen als auszuführen sei; denn es gebe noch andere und
                    selbst bessere Mittel, das ins Werk zu richten, was die Kunst bezwecke, und der
                    Mensch trage noch höhere und wichtigere Interessen in sich, als die Kunst zu
                    befriedigen vermöge. Auf der anderen Seite aber scheint die Kunst aus einem
                    höheren Triebe hervorzugehen und höheren Bedürfnissen, ja zuzeiten den höchsten
                    und absoluten, Genüge zu tun, indem sie an die allgemeinsten Weltanschauungen
                    und die religiösen Interessen ganzer Epochen und Völker gebunden ist. – Diese
                    Frage nach dem nicht zufälligen, sondern absoluten Bedürfnis der Kunst können
                    wir vollständig noch nicht beantworten, indem sie konkreter ist, als die Antwort
                    hier schon ausfallen könnte. Wir müssen uns deshalb begnügen, für jetzt nur
                    folgendes festzustellen.</p>
        <p xml:id="P.10">Das allgemeine und absolute Bedürfnis, aus dem die Kunst (nach
                    ihrer formellen Seite) quillt, findet seinen Ursprung darin, daß der Mensch <hi rend="italic">denkendes</hi> Bewußtsein ist, d. h. daß<pb n="51"></pb>er, was er
                    ist und was überhaupt ist, aus sich selbst <hi rend="italic">für</hi>
          <hi rend="italic">sich</hi> macht. Die Naturdinge sind nur <hi rend="italic">unmittelbar</hi> und <hi rend="italic">einmal</hi>, doch der Mensch als
                    Geist <hi rend="italic">verdoppelt</hi> sich, indem er zunächst wie die
                    Naturdinge <hi rend="italic">ist</hi>, sodann aber ebensosehr <hi rend="italic">für sich</hi> ist, <term key="anschauen" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.111">sich anschaut</term>, <term key="vorstellen, sich" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.112">sich vorstellt</term>, denkt
                    und nur durch dies tätige Fürsichsein Geist ist. Dies Bewußtsein von sich
                    erlangt der Mensch in zwiefacher Weise: <hi rend="italic">erstens
                        theoretisch</hi>, insofern er im Innern sich selbst sich zum Bewußtsein
                    bringen muß, was in der Menschenbrust sich bewegt, was in ihr wühlt und treibt,
                    und überhaupt sich anzuschauen, vorzustellen, was der Gedanke als das Wesen
                    findet, sich zu fixieren und in dem aus sich selbst Hervorgerufenen wie in dem
                    von außen her Empfangenen nur sich selber zu erkennen hat. – <hi rend="italic">Zweitens</hi> wird der Mensch durch <hi rend="italic">praktische</hi>
          <term key="Tätigkeit" type="Episteme" xml:id="TM.46">Tätigkeit</term> für sich,
                    indem er den Trieb hat, in demjenigen, was ihm unmittelbar gegeben, was für ihn
                    äußerlich vorhanden ist, sich selbst hervorzubringen und darin gleichfalls sich
                    selbst zu erkennen. Diesen Zweck vollführt er durch Veränderung der Außendinge,
                    welchen er das Siegel seines Innern aufdrückt und in ihnen nun seine eigenen
                    Bestimmungen wiederfindet. Der Mensch tut dies, um als freies Subjekt auch der
                    Außenwelt ihre spröde Fremdheit zu nehmen und in der Gestalt der Dinge nur eine
                    äußere Realität seiner selbst zu genießen. Schon der erste Trieb des Kindes
                    trägt diese praktische Veränderung der Außendinge in sich; der Knabe wirft
                    Steine in den Strom und bewundert nun, die Kreise, die im Wasser sich ziehen,
                    als ein Werk, worin er die Anschauung des Seinigen gewinnt. Dieses Bedürfnis
                    geht durch die vielgestaltigsten Erscheinungen durch bis zu der Weise der
                    Produktion seiner selbst in den Außendingen, wie sie im Kunstwerk vorhanden ist.
                    Und nicht nur mit den Außendingen verfährt der Mensch in dieser Weise, sondern
                    ebenso mit sich selbst, seiner eigenen Naturgestalt, die er nicht läßt, wie er
                    sie findet, sondern die er absichtlich verändert. Dies ist die Ursache allen
                    Putzes und Schmuckes, und wäre er noch so barbarisch, geschmacklos, völlig
                        verun<c type="hyphen"></c>
          <pb n="52"></pb>staltend oder gar verderblich wie die
                    Frauenfüße der Chinesen oder Einschnitte in Ohren und Lippen. Denn nur beim
                    Gebildeten geht die Veränderung der Gestalt, des Benehmens und jeder Art und
                    Weise der Äußerung aus geistiger Bildung hervor.</p>
        <p xml:id="P.11">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.5">Das allgemeine Bedürfnis
                        zur Kunst also ist das vernünftige, daß der Mensch die <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.3">innere und äußere Welt</term> sich
                        zum geistigen Bewußtsein als einen Gegenstand zu erheben hat, in welchem er
                        sein eigenes Selbst wiedererkennt.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.12">[…]<pb n="60"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.13">γγ) <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.6">Hieraus nun folgt,
                        daß das <term key="Sinnliche, das" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.95">Sinnliche</term> im Kunstwerk freilich vorhanden sein müsse, aber nur
                        als Oberfläche und <term key="Schein" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.113">
              <hi rend="italic">Schein</hi> des Sinnlichen</term> erscheinen
                        dürfe. Denn der Geist sucht im Sinnlichen des Kunstwerks weder die konkrete
                        Materiatur, die empirische innere Vollständigkeit und Ausbreitung des
                        Organismus, welche die Begierde verlangt, noch den allgemeinen, nur ideellen
                        Gedanken, sondern er will sinnliche <term key="Gegenwart" type="Episteme" xml:id="TM.47">Gegenwart</term>, die zwar sinnlich bleiben, aber
                        ebensosehr von dem Gerüste seiner bloßen Materialität befreit werden soll.
                            <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.7">Deshalb ist das
                                <term key="Sinnliche, das" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.96">Sinnliche</term> im Kunstwerk im Vergleich mit dem unmittelbaren
                            Dasein der Naturdinge zum bloßen <hi rend="italic">Schein</hi> erhoben,
                            und das Kunstwerk steht in der <hi rend="italic">Mitte</hi> zwischen der
                                <term key="Sinnlichkeit" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.97">unmittelbaren Sinnlichkeit</term> und dem ideellen
                        Gedanken.</phr>
          </phr> Es ist <hi rend="italic">noch nicht</hi> reiner
                    Gedanke, aber seiner Sinnlichkeit zum Trotz auch <hi rend="italic">nicht
                        mehr</hi> bloßes materielles Dasein, wie Steine, Pflanzen und organisches
                    Leben, sondern das Sinnliche im Kunstwerk ist selbst ein ideelles, das aber, als
                    nicht das Ideelle des Gedankens, zugleich als Ding noch äußerlich vorhanden ist.
                    Dieser Schein des Sinnlichen nun tritt für den Geist, wenn er die Gegenstände
                    frei sein läßt,<pb n="61"></pb>ohne jedoch in ihr wesentliches Inneres
                    hinabzusteigen (wodurch sie gänzlich aufhören würden, für ihn als einzelne
                    äußerlich zu existieren), nach außen hin als die Gestalt, das Aussehen oder als
                    Klingen der Dinge auf. Deshalb bezieht sich das Sinnliche der Kunst nur auf die
                    beiden <hi rend="italic">theoretischen</hi> Sinne des <term key="Gesichtssinn" rend="italic" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.98">Gesichts</term>
                    und <term key="Gehör" rend="italic" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.99">Gehörs</term>, während <term key="Geruch" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.100">Geruch</term>, <term key="Geschmack" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.101">Geschmack</term> und <term key="Gefühl" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.102">Gefühl</term> vom Kunstgenuß
                    ausgeschlossen bleiben. Denn Geruch, Geschmack und Gefühl haben es mit dem
                    Materiellen als solchem und den unmittelbar sinnlichen Qualitäten desselben zu
                    tun; Geruch mit der materiellen Verflüchtigung durch die Luft, Geschmack mit der
                    materiellen Auflösung der Gegenstände, und Gefühl mit Wärme, Kälte, Glätte usf.
                    Aus diesem Grunde können es diese Sinne nicht mit den Gegenständen der Kunst zu
                    tun haben, welche sich in ihrer realen Selbständigkeit erhalten sollen und kein
                    nur sinnliches Verhältnis zulassen. Das für diese Sinne Angenehme ist nicht das
                    Schöne der Kunst. Die Kunst bringt deshalb von Seiten des Sinnlichen her
                    absichtlich nur eine Schattenwelt von Gestalten, Tönen und Anschauungen hervor,
                    und es kann gar nicht die Rede davon sein, daß der Mensch, indem er Kunstwerke
                    ins Dasein ruft, aus bloßer Ohnmacht und um seiner Beschränktheit willen nur
                    eine Oberfläche des Sinnlichen, nur Schemen darzubieten wisse. Denn diese
                    sinnlichen Gestalten und Töne treten in der Kunst nicht nur ihrer selbst und
                    ihrer unmittelbaren Gestalt wegen auf, sondern mit dem Zweck, in dieser Gestalt
                    höheren geistigen Interessen Befriedigung zu gewähren, da sie von allen Tiefen
                    des Bewußtseins einen Anklang und Wiederklang im Geiste hervorzurufen mächtig
                    sind. In dieser Weise ist das Sinnliche in der Kunst <hi rend="italic">vergeistigt</hi>, da das <hi rend="italic">Geistige</hi> in ihr als
                    versinnlicht erscheint.</p>
        <p xml:id="P.14">[…]<pb n="64"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.15">
          <hi rend="italic">3. Zweck der Kunst</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.16">Da fragt es sich nun, welches das Interesse, der <term key="Zweck" type="Episteme" xml:id="TM.48">Zweck</term> sei, den sich der
                    Mensch bei Produktion solchen Inhalts in Form von Kunstwerken vorsetzt. Dies war
                    der dritte Gesichtspunkt, den wir in Rücksicht auf das Kunstwerk aufstellten und
                    dessen nähere Erörterung uns endlich zu dem wahren Begriff der Kunst selbst
                    hinüberführen wird. Werfen wir in dieser Beziehung einen Blick auf das
                    gewöhnliche Bewußtsein, so ist seine geläufigste Vorstellung, die uns einfallen
                    kann,</p>
        <p xml:id="P.17">a) <term key="Nachahmung" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.30">das Prinzip von der <hi rend="italic">Nachahmung der
                        Natur</hi>
          </term>. Dieser<pb n="65"></pb>Ansicht nach soll die Nachahmung als die
                    Geschicklichkeit, Naturgestalten, wie sie vorhanden sind, auf eine ganz
                    entsprechende Weise nachzubilden, den wesentlichen Zweck der Kunst ausmachen,
                    und das Gelingen dieser der Natur entsprechenden Darstellung soll die volle
                    Befriedigung geben.</p>
        <p xml:id="P.18">α) In dieser Bestimmung liegt zunächst nur der ganz formelle Zweck,
                    daß, was sonst schon in der <term key="Außenwelt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.4">Außenwelt</term> und wie es da ist, nun auch vom Menschen
                    danach, so gut er es mit seinen Mitteln vermag, zum zweiten Male gemacht werde.
                    Dies Wiederholen kann aber sogleich als eine αα) <hi rend="italic">überflüssige</hi> Bemühung angesehen werden, da wir, was Gemälde,
                    Theateraufführungen usf. nachahmend darstellen, Tiere, Naturszenen, menschliche
                    Begebenheiten, sonst schon in unseren Gärten oder im eigenen Hause oder in
                    Fällen aus dem engeren und weiteren Bekanntenkreise vor uns haben. Und näher
                    kann dies überflüssige Bemühen sogar als ein übermütiges Spiel angesehen werden,
                    das ββ) hinter der Natur zurückbleibt. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.8">Denn die Kunst
                        ist beschränkt in ihren Darstellungsmitteln und kann nur einseitige
                        Täuschungen, z. B. nur für <hi rend="italic">einen</hi> Sinn den <term key="Schein" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.31">Schein</term> der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.5">Wirklichkeit</term> hervorbringen und gibt in der
                        Tat, wenn sie bei dem formellen Zweck <hi rend="italic">bloßer
                            Nachahmung</hi> stehenbleibt, statt wirklicher Lebendigkeit überhaupt
                        nur die Heuchelei des Lebens.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.19">[…]<pb n="71"></pb>[…]<phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.9">Diesen
                        allseitigen Reichtum des Inhalts soll die Kunst einerseits ergreifen, <phr subtype="Dasein" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.10">um
                            die natürliche Erfahrung unseres äußerlichen <term key="Dasein" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.6">Daseins</term> zu ergänzen, und                   
         andererseits jene Leidenschaften überhaupt erregen, damit die
                            Erfahrungen des Lebens uns nicht ungerührt lassen</phr> und wir nun für
                        alle Erscheinungen die Empfänglichkeit erlangen möchten. Solch eine Erregung
                        geschieht nun aber in diesem Gebiete nicht durch die wirkliche Erfahrung
                        selbst, sondern nur durch den Schein derselben, indem die Kunst ihre
                        Produktionen täuschend an die Stelle der Wirklichkeit setzt. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.11">Die Möglichkeit dieser Täuschung durch den Schein
                            der Kunst beruht darauf, daß alle <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.7">Wirklichkeit</term> beim
                            Menschen [durch] das Medium der <term key="Anschauung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.114">Anschauung</term> und <term key="Vorstellung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.115">Vorstellung</term> hindurchgehen muß und durch dies Medium erst in
                            Gemüt und Willen eindringt. Hierbei nun ist es gleichgültig, ob die
                            unmittelbare äußere Wirklichkeit ihn in Anspruch nimmt oder ob dies
                            durch einen anderen Weg geschieht, nämlich durch Bilder, Zeichen und
                            Vorstellungen, welche den Inhalt der Wirklichkeit in sich haben und
                            darstellen.</phr> Der Mensch kann sich Dinge, welche nicht wirklich
                        sind, vorstellen, als wenn sie wirklich wären. Ob es daher die äußere
                        Wirklichkeit oder nur der Schein derselben ist, durch welche eine Lage, ein
                        Verhältnis, irgendein Lebensinhalt überhaupt an uns gebracht wird: es bleibt
                        für unser Gemüt dasselbe, um uns dem Wesen eines solchen Gehaltes gemäß zu
                        betrüben und zu erfreuen, zu rühren und zu erschüttern und uns die Gefühle
                        und Leidenschaften des Zorns, Hasses, Mitleidens, der Angst, Furcht, Liebe,
                            Achtung<pb n="72"></pb>und Bewunderung, der Ehre und des Ruhms durchlaufen
                        zu machen.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.20">Diese Erweckung aller Empfindungen in uns, das Hindurchziehen
                    unseres Gemüts durch jeden Lebensinhalt, das Verwirklichen aller dieser inneren
                    Bewegungen durch eine nur täuschende äußere Gegenwart ist es vornehmlich, was in
                    dieser Beziehung als die eigentümliche, ausgezeichnete Macht der Kunst angesehen
                    wird.</p>
        <p xml:id="P.21">Indem nun aber die Kunst auf diese Weise Gutes und Schlechtes dem
                    Gemüt und der Vorstellung einzuprägen und zum Edelsten zu stärken wie zu den
                    sinnlichsten, eigennützigsten Gefühlen der Lust zu entnerven die Bestimmung
                    haben soll, so ist ihr damit noch eine ganz formelle Aufgabe gestellt, und ohne
                    für sich festen Zweck gäbe sie dann nur die leere Form für jede mögliche Art des
                    Inhalts und Gehalts ab.</p>
        <p xml:id="P.22">[…]<pb n="81"></pb>[…]<phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.12">Denn einerseits sehen wir den Menschen in der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.8">gemeinen
                            Wirklichkeit</term> und irdischen Zeitlichkeit befangen, von dem
                        Bedürfnis und der Not bedrückt, von der <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.9">Natur</term> bedrängt, in die
                        Materie, sinnlichen Zwecke und deren Genuß verstrickt, von Naturtrieben und
                        Leidenschaften beherrscht und fortgerissen; andererseits erhebt er sich zu
                            <term key="Idee" type="Episteme" xml:id="TM.49">ewigen Ideen</term>, zu
                        einem Reiche des Gedankens und der Freiheit, gibt sich als Wille allgemeine
                        Gesetze und Bestimmungen, entkleidet die <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.10">Welt</term> von ihrer belebten,
                        blühenden Wirklichkeit und löst sie zu Abstraktionen auf,</phr> indem der
                    Geist sein Recht und seine Würde nun allein in der Rechtlosigkeit und
                    Mißhandlung der Natur behauptet, der er die Not und Gewalt heimgibt, welche er
                    von ihr erfahren hat. Mit dieser Zwiespältigkeit des Lebens und Bewußtseins ist
                    nun aber für die moderne Bildung und ihren Verstand die Forderung vorhanden, daß
                    solch ein <term key="Widerspruch" type="Episteme" xml:id="TM.50">Widerspruch</term> sich auflöse. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.13">Der <term key="Verstand" type="Episteme" xml:id="TM.51">Verstand</term> jedoch
                        kann sich von der Festigkeit der <term key="Gegensatz" type="Episteme" xml:id="TM.52">Gegensätze</term> nicht lossagen; die Lösung bleibt
                        deshalb für das <term key="Bewusstsein" type="Episteme" xml:id="TM.53">Bewußtsein</term> ein bloßes <hi rend="italic">Sollen</hi>, und die
                        Gegenwart und <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.11">Wirklichkeit</term> bewegt sich nur in der Unruhe des
                        Herüber und Hinüber, das eine Versöhnung sucht, ohne sie zu finden.</phr> Da
                    ergeht denn die Frage, ob solch allseitiger durchgreifender Gegensatz, der über
                    das bloße Sollen und Postulat der Auflösung nicht hinauskommt, das an und für
                    sich Wahre und der höchste Endzweck überhaupt sei. Ist die allgemeine Bildung in
                    dergleichen Widerspruch hineingeraten, so wird es die Aufgabe der <term key="Philosophie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.88">Philosophie</term>, die Gegensätze aufzuheben, d. i. zu zeigen: weder der
                    eine in seiner Abstraktion noch der andere in gleicher Einseitigkeit hätten
                    Wahrheit, sondern seien das Sichselbstauflösende; die Wahrheit liege erst in der
                        <term key="Versöhnung" type="Episteme" xml:id="TM.54">Versöhnung</term> und
                    Vermittlung beider, und diese Vermittlung sei keine bloße Forderung, son<c type="hyphen"></c>
          <pb n="82"></pb>dern das an und für sich Vollbrachte und stets
                    sich Vollbringende. Diese Einsicht stimmt mit dem unbefangenen Glauben und
                    Wollen unmittelbar zusammen, das gerade diesen aufgelösten Gegensatz stets vor
                    der Vorstellung hat und ihn sich im Handeln zum Zwecke setzt und ausführt. Die
                    Philosophie gibt nur die denkende Einsicht in das Wesen des Gegensatzes,
                    insofern sie zeigt, wie das, was Wahrheit ist, nur die Auflösung desselben ist,
                    und zwar in der Weise, daß nicht etwa der Gegensatz und seine Seiten <hi rend="italic">gar nicht</hi>, sondern daß sie in Versöhnung sind.</p>
        <p xml:id="P.23">Indem nun der letzte Endzweck, die moralische Besserung, auf einen
                    höheren Standpunkt hindeutete, so werden wir diesen höheren Standpunkt uns auch
                    für die Kunst vindizieren müssen. Dadurch fällt sogleich die schon bemerklich
                    gemachte falsche Stellung fort, daß die Kunst als Mittel für moralische Zwecke
                    und den moralischen Endzweck der Welt überhaupt durch Belehrung und Besserung zu
                    dienen und somit ihren substantiellen Zweck nicht in sich, sondern in einem
                    anderen habe. Wenn wir deshalb jetzt noch von einem Endzweck zu sprechen
                    fortfahren, so ist zunächst die schiefe Vorstellung zu entfernen, welche in der
                    Frage nach einem Zwecke die Nebenbedeutung der Frage nach einem Nutzen festhält.
                    Das Schiefe liegt hier darin, daß sich das Kunstwerk sodann auf ein anderes
                    beziehen soll, das als das Wesentliche, Seinsollende für das Bewußtsein
                    hingestellt ist, so daß nun das Kunstwerk nur als ein nützliches Werkzeug zur
                    Realisation dieses außerhalb des Kunstbereichs selbständig für sich geltenden
                    Zwecks Gültigkeit haben würde. Hiergegen steht zu behaupten, daß die Kunst die
                        <hi rend="italic">Wahrheit</hi> in Form der sinnlichen Kunstgestaltung zu
                    enthüllen, jenen versöhnten Gegensatz darzustellen berufen sei und somit ihren
                    Endzweck in sich, in dieser Darstellung und Enthüllung selber habe. Denn andere
                    Zwecke, wie Belehrung, Reinigung, Besserung, Gelderwerb, Streben nach Ruhm und
                    Ehre, gehen das Kunstwerk als solches nichts an und bestimmen nicht den Begriff
                    desselben.</p>
        <p xml:id="P.24">[…]<pb n="104"></pb>[…]I. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.14">Was zunächst den ersten und zweiten Teil angeht, so ist, um das
                        Nachfolgende verständlich zu machen, sogleich wieder daran zu erinnern, <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.15">daß die Idee als das Kunstschöne nicht die Idee
                            als solche ist, wie sie eine <term key="Logik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.89">metaphysische Logik</term> als
                            das Absolute aufzufassen hat, sondern die Idee, insofern sie zur <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.12">Wirklichkeit</term> fortgestaltet und mit dieser Wirklichkeit in
                            unmittelbar entsprechende Einheit getreten ist.</phr> Denn die <hi rend="italic">Idee als solche</hi> ist zwar das an und für sich Wahre
                        selbst, aber das Wahre erst seiner noch nicht objektivierten <term key="Allgemeinheit" type="Episteme" xml:id="TM.55">Allgemeinheit</term>
                        nach; <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.16">die <hi rend="italic">Idee</hi> als das <hi rend="italic">Kunstschöne</hi> aber ist die Idee mit der näheren
                            Bestimmung, wesentlich individuelle <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.13">Wirklichkeit</term> zu
                            sein sowie eine individuelle Gestaltung der Wirklichkeit mit der
                            Bestimmung, in sich wesentlich die Idee erscheinen zu lassen.</phr>
                        Hiernach ist schon die Forderung<pb n="105"></pb>ausgesprochen, daß die Idee und
                        ihre Gestaltung als konkrete Wirklichkeit einander vollendet adäquat gemacht
                        seien. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.17">So
                            gefaßt, ist die Idee als ihrem Begriff gemäß gestaltete Wirklichkeit das
                                <hi rend="italic">Ideal</hi>.</phr>

          </phr> Die Aufgabe solchen
                    Entsprechens nun könnte zunächst ganz formell in dem Sinne verstanden werden,
                    daß die Idee <hi rend="italic">diese</hi> oder <hi rend="italic">jene</hi> Idee
                    sein dürfte, wenn nur die wirkliche Gestalt, gleichgültig welche, gerade diese
                    bestimmte Idee darstellte. Die geforderte <hi rend="italic">Wahrheit</hi> des
                    Ideals ist dann aber mit der bloßen <hi rend="italic">Richtigkeit</hi>
                    verwechselt, welche darin besteht, daß irgendeine Bedeutung auf gehörige Weise
                    ausgedrückt und ihr Sinn deshalb in der Gestalt unmittelbar wiederzufinden sei.
                    In diesem Sinne ist das Ideal nicht zu nehmen. Denn irgendein Inhalt kann dem
                    Maßstabe seines Wesens nach ganz adäquat zur Darstellung kommen, ohne auf die
                    Kunstschönheit des Ideals Anspruch machen zu dürfen. Ja, im Vergleich mit
                    idealer Schönheit wird die Darstellung sogar mangelhaft erscheinen. In dieser
                    Beziehung ist im voraus zu bemerken, was erst später erwiesen werden kann, daß
                    die Mangelhaftigkeit des Kunstwerks nicht nur etwa stets als subjektive
                    Ungeschicklichkeit anzusehen ist, sondern daß die <hi rend="italic">Mangelhaftigkeit der Form</hi> auch von der <hi rend="italic">Mangelhaftigkeit</hi>
          <hi rend="italic">des Inhalts</hi> herrührt. Wie z. B. die Chinesen, Inder,
                    Ägypter bei ihren Kunstgestalten, Götterbildern und Götzen formlos oder von
                    schlechter, unwahrer Bestimmtheit der Form blieben und der wahren Schönheit sich
                    nicht bemächtigen konnten, weil ihre mythologischen Vorstellungen, der Inhalt
                    und Gedanke ihrer Kunstwerke noch in sich unbestimmt oder von schlechter
                    Bestimmtheit, nicht aber der in sich selbst absolute Inhalt waren. Je
                    vortrefflicher in diesem Sinne die Kunstwerke werden, von desto tieferer innerer
                    Wahrheit ist auch ihr Inhalt und Gedanke. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.18">
            <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.19">Und dabei ist
                            dann nicht nur etwa an die größere oder geringere Geschicklichkeit zu
                            denken, mit welcher die Naturgestalten, wie sie in der äußeren <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.14">Wirklichkeit</term> vorhanden sind, aufgefaßt und nachgebildet
                            werden. Denn auf gewissen Stufen des Kunstbewußtseins und der<pb n="106"></pb>Darstellung ist das Verlassen und Verzerren der Naturgebilde nicht
                            unabsichtliche technische Übungslosigkeit und Ungeschicklichkeit,
                            sondern absichtliches Verändern, welches vom Inhalt, der im Bewußtsein
                            ist, ausgeht und von demselben gefordert wird.</phr> So gibt es von
                        dieser Seite her unvollkommene Kunst, die in technischer und sonstiger
                        Hinsicht in <hi rend="italic">ihrer</hi>
            <hi rend="italic">bestimmten</hi> Sphäre ganz vollendet sein kann, doch dem
                        Begriff der Kunst selbst und dem Ideal gegenüber als mangelhaft erscheint.
                        Nur in der höchsten Kunst ist die Idee und Darstellung in dem Sinne einander
                        wahrhaft entsprechend, daß die Gestalt der Idee in sich selbst die an und
                        für sich wahre Gestalt ist, weil der Inhalt der Idee, welchen sie ausdrückt,
                        selber der wahrhaftige ist.</phr> Dazu gehört, wie schon angedeutet worden,
                    daß die Idee in sich und durch sich selbst als konkrete <term key="Totalität" type="Episteme" xml:id="TM.56">Totalität</term> bestimmt sei und dadurch an
                    sich selbst das Prinzip und Maß ihrer Besonderung und Bestimmtheit der
                    Erscheinung habe. Die christliche Phantasie z. B. wird Gott nur in menschlicher
                    Gestalt und deren <hi rend="italic">geistigem</hi> Ausdruck darstellen können,
                    weil Gott selber hier vollständig in sich als <hi rend="italic">Geist</hi>
                    gewußt ist. Die Bestimmtheit ist gleichsam die Brücke zur Erscheinung. Wo diese
                    Bestimmtheit nicht Totalität ist, die aus der Idee selbst herfließt, wo die Idee
                    nicht als die sich selbst bestimmende und besondernde vorgestellt ist, bleibt
                    sie abstrakt und hat die Bestimmtheit und somit das Prinzip für die besondere,
                    ihr allein gemäße Erscheinungsweise nicht in sich selbst, sondern außerhalb
                    ihrer. Deshalb hat denn die noch abstrakte Idee auch die Gestalt noch als nicht
                    durch sie gesetzte, äußerliche. Die in sich konkrete Idee dagegen trägt das
                    Prinzip ihrer Erscheinungsweise in sich selbst und ist dadurch ihr eigenes
                    freies Gestalten. So bringt erst die wahrhaft konkrete Idee die wahre Gestalt
                    hervor, und dieses Entsprechen beider ist das Ideal.</p>
        <p xml:id="P.25">II. Weil nun aber die Idee in dieser Weise konkrete Einheit ist, so
                    kann diese Einheit erst durch die Auseinanderbreitung und Wiedervermittlung der
                    Besonderheiten der Idee ins<pb n="107"></pb>Kunstbewußtsein treten, und durch diese
                    Entwicklung erhält die Kunstschönheit eine <hi rend="italic">Totalität
                        besonderer Stufen und Formen</hi>. Nachdem wir also das Kunstschöne an und
                    für sich betrachtet haben, müssen wir Sehen, wie das ganze Schöne sich in seine
                    besonderen Bestimmungen zersetzt. Dies gibt, als den <hi rend="italic">zweiten
                        Teil, die Lehre von den Kunstformen</hi>. Ihren Ursprung finden diese Formen
                    in der unterschiedenen Art, die Idee als Inhalt zu erfassen, wodurch eine
                    Unterschiedenheit der Gestaltung, in welcher sie erscheint, bedingt ist. Die
                    Kunstformen sind deshalb nichts als die verschiedenen Verhältnisse von <term key="Inhalt" type="Ästhetik" xml:id="TM.34">Inhalt</term> und <term key="Gestalt" type="Ästhetik" xml:id="TM.35">Gestalt</term>, Verhältnisse,
                    welche aus der Idee selbst hervorgehen und dadurch den wahren Einteilungsgrund
                    dieser Sphäre geben. Denn die Einteilung muß immer in <hi rend="italic">dem</hi>
                    Begriffe liegen, dessen Besonderung und Einteilung sie ist.</p>
        <p xml:id="P.26">Wir haben hier <hi rend="italic">drei</hi> Verhältnisse der Idee zu
                    ihrer Gestaltung zu betrachten.</p>
        <p xml:id="P.27">1. Den <hi rend="italic">Anfang</hi> nämlich <hi rend="italic">erstens</hi> macht die Idee, insofern sie selbst noch in ihrer
                    Unbestimmtheit und Unklarheit oder in schlechter, unwahrer Bestimmtheit zum
                    Gehalt der Kunstgestalten gemacht wird. Als unbestimmt hat sie an sich selbst
                    noch nicht diejenige Individualität, welche das Ideal erheischt; ihre
                    Abstraktion und Einseitigkeit läßt die Gestalt äußerlich mangelhaft und
                    zufällig. Die erste Kunstform ist deshalb mehr ein <hi rend="italic">bloßes
                        Suchen</hi> der Verbildlichung als ein Vermögen wahrhafter Darstellung. Die
                    Idee hat die Form noch in sich selber nicht gefunden und bleibt somit nur das
                    Ringen und Streben danach. Wir können diese Form im allgemeinen die <term key="Kunstform" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.79">
            <hi rend="italic">symbolische</hi> Kunstform</term> nennen. Die abstrakte Idee hat in dieser Form
                    ihre Gestalt außerhalb ihrer in dem natürlichen sinnlichen Stoff, von welchem
                    nun das Gestalten ausgeht und daran gebunden erscheint. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.20">Die Gegenstände der Naturanschauungen werden
                        einerseits zunächst gelassen, wie sie sind, doch zugleich [wird] die
                        substantielle Idee als ihre Bedeutung in sie hineingelegt, so daß sie nun
                        dieselbe auszudrücken den Beruf erhalten und so interpretiert<pb n="108"></pb>werden sollen, als ob in ihnen die Idee selbst gegenwärtig wäre. Dazu
                        gehört, daß die Gegenstände der Wirklichkeit in sich eine Seite haben, nach
                        welcher hin sie eine allgemeine Bedeutung darzustellen imstande sind. Da
                        aber ein vollständiges Entsprechen noch nicht möglich ist, so kann dies
                        Beziehen nur eine <hi rend="italic">abstrakte Bestimmtheit</hi> betreffen,
                        wie wenn im Löwen z. B. die Stärke gemeint ist.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.28">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.21">Bei dieser Abstraktion
                        der Beziehung kommt andererseits ebenso die <hi rend="italic">Fremdheit</hi>
                        der Idee und der Naturerscheinungen ins Bewußtsein, und wenn sich nun auch
                        die Idee, welche keine andere Wirklichkeit zu ihrem Ausdruck hat, in allen
                        diesen Gestalten ergeht, in ihrer Unruhe und Maßlosigkeit in ihnen sich
                        sucht, aber sie dennoch sich nicht adäquat findet, so steigert sie nun die
                        Naturgestalten und Erscheinungen der Wirklichkeit selber ins Unbestimmte und
                        Maßlose; sie taumelt in ihnen herum, sie braut und gärt in ihnen, tut ihnen
                        Gewalt an, verzerrt und spreizt sie unnatürlich auf und versucht, durch
                        Zerstreuung, Unermeßlichkeit und Pracht der Gebilde die Erscheinung zur Idee
                        zu erheben. Denn die Idee ist hier noch das mehr oder weniger Unbestimmte,
                        Ungestaltbare, die Naturgegenstände aber in ihrer Gestalt sind durchweg
                        bestimmt.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.29">Bei der Unangemessenheit beider gegeneinander wird das Verhältnis
                    der Idee zur Gegenständlichkeit daher ein <hi rend="italic">negatives</hi>, denn
                    sie als Inneres ist selbst unzufrieden mit solcher Äußerlichkeit und setzt sich
                    als deren innere allgemeine Substanz über alle diese ihr nicht entsprechende
                    Gestaltenfülle <hi rend="italic">erhaben</hi> fort. In dieser Erhabenheit wird
                    dann freilich die Naturerscheinung und menschliche Gestalt und Begebenheit
                    genommen und gelassen, wie sie ist, doch zugleich als unangemessen gegen ihre
                    Bedeutung erkannt, welche sich weit über allen Weltinhalt hinaushebt.</p>
        <p xml:id="P.30">[…]<pb n="111"></pb>[…]3. Die <term key="Kunstform" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.80">
            <hi rend="italic">romantische</hi>
                        Kunstform</term> hebt die vollendete Einigung der Idee und ihrer Realität
                    wieder auf und setzt sich selbst, wenn auch auf höhere Weise, in den Unterschied
                    und Gegensatz beider Seiten zurück, der in der <term key="symbolische Kunst" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.81">symbolischen Kunst</term>
                    unüberwunden geblieben war. Die <term key="Kunstform" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.82">klassische Kunstform</term> nämlich hat das Höchste
                    erreicht, was die Versinnlichung der Kunst zu leisten vermag, und wenn an ihr
                    etwas mangelhaft ist, so ist es nur die Kunst selber und die Beschränktheit der       
             Kunstsphäre. Diese Beschränktheit ist darin zu setzen, daß die Kunst überhaupt
                    das seinem Begriff nach unendliche konkrete Allgemeine, den Geist, in <hi rend="italic">sinnlich</hi> konkreter Form zum Gegenstande macht und im
                    Klassischen die vollendete Ineinsbildung des geistigen und des sinnlichen
                    Daseins als <hi rend="italic">Entsprechen</hi> beider hinstellt. Bei diesem
                    Verschmolzensein aber kommt in der Tat der Geist <hi rend="italic">nicht</hi>
                    seinem <hi rend="italic">wahren Begriffe</hi>
          <hi rend="italic">nach</hi> zur Darstellung. Denn der Geist ist die unendliche
                    Subjektivität der Idee, die als absolute Innerlichkeit sich nicht frei für sich
                    herauszugestalten vermag, wenn sie im Leiblichen als in ihrem gemäßen Dasein
                    ergossen bleiben soll. Aus diesem Prinzip heraus hebt die romantische Kunstform
                    jene ungetrennte Einheit der klassischen wieder auf, weil sie einen Inhalt
                    gewonnen hat, der über die klassische Kunstform und deren Ausdrucksweise
                    hinausgeht. Dieser Inhalt – um an bekannte Vorstellungen zu erinnern – fällt mit
                    dem zusammen, was das Christentum von Gott als Geist aussagt, im Unterschiede
                    des griechischen Götterglaubens, welcher den wesentlichen und angemessensten
                    Inhalt für die klassische Kunst ausmacht. In dieser ist der konkrete Inhalt <hi rend="italic">an sich</hi> die Einheit menschlicher und göttlicher Natur,
                    eine Einheit, welche, eben weil sie nur <hi rend="italic">unmittelbar</hi> und
                        <hi rend="italic">an sich</hi> ist, auch auf unmittelbare und <hi rend="italic">sinnliche</hi> Weise zur adäquaten Manifestation kommt. Der
                    griechische Gott ist für die unbefangene Anschauung und sinnliche<pb n="112"></pb>Vorstellung und deshalb seine Gestalt die leibliche des Menschen, der Kreis
                    seiner Macht und seines Wesens ein individuell besonderer und dem Subjekt
                    gegenüber eine Substanz und Macht, mit der das subjektive Innere nur an sich in
                    Einheit ist, nicht aber diese Einheit als innerliches subjektives Wissen selber
                    hat. Die höhere Stufe nun ist das <hi rend="italic">Wissen</hi> dieser <hi rend="italic">an sich</hi> seienden Einheit, wie die klassische Kunstform
                    dieselbe zu ihrem im Leiblichen vollendet darstellbaren Gehalte hat. Dies
                    Erheben aber des Ansich ins <term key="Wissen" type="Episteme" xml:id="TM.57">selbstbewußte Wissen</term> bringt einen ungeheuren Unterschied hervor. Es
                    ist der unendliche Unterschied, der z. B. den Menschen überhaupt vom Tiere
                    trennt. Der Mensch ist Tier, doch selbst in seinen tierischen Funktionen bleibt
                    er nicht als in einem Ansich stehen wie das Tier, sondern wird ihrer bewußt,
                    erkennt sie und erhebt sie, wie z. B. den Prozeß der Verdauung, zu
                    selbstbewußter Wissenschaft. Dadurch löst der Mensch die Schranke seiner
                    ansichseienden Unmittelbarkeit auf, so daß er deshalb gerade, weil er <hi rend="italic">weiß</hi>, daß er Tier ist, aufhört, Tier zu sein, und sich
                    das Wissen seiner als Geist gibt. – Wird nun in solcher Weise das Ansich der
                    vorigen Stufe, die Einheit menschlicher und göttlicher Natur, aus einer <hi rend="italic">unmittelbaren</hi> zu einer <hi rend="italic">bewußten</hi>
                    Einheit erhoben, so ist das <hi rend="italic">wahre</hi> Element für die
                    Realität dieses Inhalts nicht mehr das sinnliche unmittelbare Dasein des
                    Geistigen, die leibliche menschliche Gestalt, sondern die <hi rend="italic">selbstbewußte Innerlichkeit</hi>. Deshalb tritt nun das Christentum, weil
                    es Gott <hi rend="italic">als Geist</hi>, und nicht als individuellen,
                    besonderen Geist, sondern als <hi rend="italic">absoluten</hi>, im <hi rend="italic">Geist</hi> und in der Wahrheit zur Vorstellung bringt, von der
                    Sinnlichkeit des Vorstellens in die geistige Innerlichkeit zurück und macht
                    diese und nicht das Leibliche zum Material und Dasein ihres Gehaltes. Ebenso ist
                    die Einheit der menschlichen und göttlichen Natur eine gewußte und nur durch das
                        <hi rend="italic">geistige</hi> Wissen und <hi rend="italic">im</hi> Geist
                    zu realisierende Einheit. Der neue, dadurch errungene Inhalt ist deswegen nicht
                    an die sinnliche Darstellung, als entsprechende, gebunden, sondern befreit
                        von<pb n="113"></pb>diesem unmittelbaren Dasein, welches negativ gesetzt,
                    überwunden und in die geistige Einheit reflektiert werden muß. In dieser Weise
                    ist die romantische Kunst das Hinausgehen der Kunst über sich selbst, doch
                    innerhalb ihres eigenen Gebiets und in Form der Kunst selber.</p>
        <p xml:id="P.31">Wir können deshalb kurz dabei stehenbleiben, daß auf dieser dritten
                    Stufe die <hi rend="italic">freie konkrete Geistigkeit</hi>, die als <hi rend="italic">Geistigkeit</hi> für das <hi rend="italic">geistige
                        Innere</hi> erscheinen soll, den Gegenstand ausmacht. Die Kunst, diesem
                    Gegenstande gemäß, kann daher einerseits nicht für die sinnliche Anschauung
                    arbeiten, sondern für die mit ihrem Gegenstande einfach als mit sich selbst
                    zusammengehende Innerlichkeit, für die subjektive Innigkeit, das <term key="Gemüt" rend="italic" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.103">Gemüt</term>, die <term key="Empfindung" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.104">Empfindung</term>, welche als geistige zur Freiheit in sich
                    selber hinstrebt und ihre Versöhnung nur im inneren Geiste sucht und hat. Diese
                    <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.15">
            <hi rend="italic">innere
                        Welt</hi>
          </term> macht den Inhalt des Romantischen aus und wird deshalb als
                    dieses Innere und im Schein dieser Innigkeit zur Darstellung gebracht werden
                    müssen. Die Innerlichkeit feiert ihren Triumph über das Äußere und läßt im
                    Äußeren selbst und an demselben diesen Sieg erscheinen, durch welchen das
                    sinnlich Erscheinende zur Wertlosigkeit herniedersinkt.</p>
        <p xml:id="P.32">Andererseits aber bedarf auch diese Form, wie alle Kunst, der
                    Äußerlichkeit zu ihrem <term key="Ausdruck" type="Episteme" xml:id="TM.58">Ausdrucke</term>. Indem nun die Geistigkeit sich in sich selbst aus dem
                    Äußeren und der unmittelbaren Einheit mit demselben zurückgezogen hat, so wird
                    die sinnliche Äußerlichkeit des Gestaltens eben deswegen wie im Symbolischen als
                    unwesentliche, vorübergehende, und in gleicher Weise der subjektive endliche
                    Geist und Wille bis zur Partikularität und Willkür der Individualität, des
                    Charakters, Tuns usf., der Begebenheit, Verwicklung usf. aufgenommen und zur
                    Darstellung gebracht. Die Seite des <term key="Dasein" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.16">äußeren Daseins</term> ist der <term key="Zufälligkeit" type="Episteme" xml:id="TM.59">Zufälligkeit</term> überantwortet und den
                    Abenteuern der Phantasie preisgegeben, deren Willkür ebenso das Vorhandene, <hi rend="italic">wie</hi> es vorhanden ist, widerspiegeln als auch die
                    Gestalten der Außenwelt durch<c type="hyphen"></c>
          <pb n="114"></pb>einanderwürfeln und
                    fratzenhaft verziehen kann. – <phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.22">Denn dies Äußere hat
                        seinen Begriff und Bedeutung nicht mehr wie im Klassischen in sich und an
                        sich selber, sondern im Gemüt, das seine Erscheinung, statt im Äußeren und
                        dessen Form der <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.17">Realität</term>, in sich selber findet und dies Versöhntsein mit sich
                        in allem Zufall, allem für sich sich gestaltenden Akzidentellen, allem
                        Unglück und Schmerz, ja im Verbrechen selber zu bewahren oder
                        wiederzugewinnen vermag.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.33">Dadurch kommt die Gleichgültigkeit, Unangemessenheit und Trennung
                    von Idee und Gestalt – wie im Symbolischen – von neuem hervor, doch mit dem
                    wesentlichen <hi rend="italic">Unterschiede</hi>, daß <phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.23">im Romantischen die
                        Idee, deren Mangelhaftigkeit im Symbol die Mängel des Gestaltens
                        herbeiführte, nun als <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.60">Geist</term> und <term key="Gemüt" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.105">Gemüt</term> in sich <hi rend="italic">vollendet</hi> zu
                        erscheinen hat und aus dem Grunde dieser höheren Vollendung sich der
                        entsprechenden Vereinigung mit dem Äußeren entzieht, indem sie ihre wahre
                            <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.18">Realität</term> und Erscheinung nur in sich selber suchen und
                        vollbringen kann.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.34">[…]<pb n="127"></pb>Stellung der Kunst im Verhältnis zur endlichen
                    Wirklichkeit und zur Religion und Philosophie</p>
        <p xml:id="P.35">Indem wir aus der Einleitung in die wissenschaftliche Betrachtung
                    unseres Gegenstandes hineintreten, ist es vorerst die allgemeine Stellung des
                    Kunstschönen im Gebiete der Wirklichkeit überhaupt sowie der <term key="Ästhetik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.90">Ästhetik</term> im
                    Verhältnis zu anderen philosophischen Disziplinen, welche wir kurz zu bezeichnen
                    haben, um den Punkt auszumachen, von welchem eine wahre <term key="Wissenschaft des Schönen" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.91">Wissenschaft des
                        Schönen</term> ausgehen müsse.</p>
        <p xml:id="P.36">Da könnte es zweckmäßig scheinen, zunächst von den verschiedenen
                    Versuchen, das Schöne denkend zu fassen, eine Erzählung zu geben und diese
                    Versuche zu zergliedern und zu beurteilen. Doch ist dies teils in der Einleitung
                    bereits geschehen, teils kann es überhaupt einer wahrhaften Wissenschaftlichkeit
                    nicht darauf ankommen, <hi rend="italic">nur</hi> nachzusehen, was andere recht
                    oder unrecht gemacht haben, oder von ihnen nur zu lernen. Eher schon ließe sich
                    umgekehrt noch einmal darüber ein Wort vorausschicken, daß viele der Meinung
                    sind, das Schöne ließe sich überhaupt, eben darum, weil es das Schöne sei, nicht
                    in Begriffe fassen und bleibe daher für das Denken ein unbegreiflicher
                    Gegenstand. Auf solche Behauptung ist an dieser Stelle kurz zu erwidern, daß,
                    wenn auch heutigentags alles Wahre für unbegreiflich und nur die Endlichkeit der
                    Erscheinung und die zeitliche Zufälligkeit für begreiflich ausgegeben wird,
                    gerade das Wahre allein schlechthin <hi rend="italic">begreiflich</hi> ist, weil
                    es den absoluten <hi rend="italic">Begriff</hi> und näher die Idee zu seiner
                    Grundlage hat. Die Schönheit aber ist nur eine bestimmte Weise der Äußerung und
                    Darstellung des Wahren und steht deshalb dem begreifenden Denken, wenn es
                    wirklich mit der Macht des Begriffes ausgerüstet ist, durchaus nach allen Seiten
                    hin offen. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.24">Freilich ist es in
                        neuerer Zeit <hi rend="italic">keinem</hi>
            <term key="Begriff" type="Episteme" xml:id="TM.61">Begriffe</term>
                        schlechter gegangen als dem Begriffe selber, dem <hi rend="italic">Begriffe</hi> an und für sich, denn unter Begriff<pb n="128"></pb>pflegt
                        man gewöhnlich eine abstrakte Bestimmtheit und Einseitigkeit des Vorstellens
                        oder des verständigen Denkens zu verstehen, mit welcher natürlich weder die
                        Totalität des Wahren noch die in sich konkrete Schönheit denkend kann zum
                        Bewußtsein gebracht werden. Denn die <term key="Schönheit" type="Ästhetik" xml:id="TM.36">Schönheit</term>, wie bereits gesagt und später noch
                        auszuführen ist, ist nicht solche Abstraktion des Verstandes, sondern der in
                        sich selbst konkrete absolute Begriff und, bestimmter gefaßt, die absolute
                        Idee in ihrer sich selbst gemäßen Erscheinung.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.37">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.25">Wenn wir, was die <hi rend="italic">absolute Idee</hi> in ihrer <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.19">wahrhaftigen
                            Wirklichkeit</term> sei, kurz bezeichnen wollen, so müssen wir sagen,
                        sie sei <hi rend="italic">Geist</hi>, und zwar nicht etwa der Geist in
                        seiner endlichen Befangenheit und Beschränktheit, sondern der allgemeine
                        unendliche und <hi rend="italic">absolute</hi> Geist, der aus sich selber
                        bestimmt, was wahrhaft das Wahre ist.</phr>
          <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.26">Fragen wir nur unser
                        gewöhnliches Bewußtsein, so drängt sich freilich vom Geist die Vorstellung
                        auf, als ob er der <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.20">Natur</term> gegenüberstehe, der wir dann die gleiche Würde
                        zuschreiben. Doch in diesem Nebeneinander und Bezogensein der Natur und des
                        Geistes als gleich wesentlicher Gebiete ist der Geist nur in seiner
                        Endlichkeit und Schranke, nicht in seiner Unendlichkeit und Wahrheit
                        betrachtet.</phr> Dem absoluten Geiste nämlich steht die Natur weder als von
                    gleichem Werte noch als Grenze gegenüber, sondern erhält die Stellung, durch ihn
                    gesetzt zu sein, wodurch sie ein Produkt wird, dem die Macht einer Grenze und
                    Schranke genommen ist. Zugleich ist der absolute Geist nur als absolute
                    Tätigkeit und damit als absolute Unterscheidung seiner in sich selbst zu fassen.
                    Dies Andere nun, als das er sich von sich unterscheidet, ist einerseits eben die
                    Natur, und der Geist [ist] die Güte, diesem Anderen seiner selbst die ganze
                    Fülle seines eigenen Wesens zu geben. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.27">
            <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.28">Die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.21">Natur</term> haben wir deshalb selber als die absolute
                            Idee in sich tragend zu begreifen, aber sie ist die Idee in <hi rend="italic">der</hi> Form, durch den absoluten Geist als das
                            Andere des Geistes gesetzt zu sein.</phr> Wir nennen sie insofern ein
                            <term key="Geschaffene, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.22">Geschaffenes</term>. Ihre Wahrheit aber ist deshalb das Setzende<pb n="129"></pb>selber, der Geist als die Idealität und Negativität, indem er
                        sich zwar in sich besondert und negiert, aber diese Besonderung und Negation
                        seiner als die <hi rend="italic">durch ihn gesetzte</hi> ebenso aufhebt und,
                        statt darin eine Grenze und Schranke zu haben, mit seinem Anderen sich in
                        freier Allgemeinheit mit sich selbst zusammenschließt. Diese Idealität und
                        unendliche Negativität macht den tiefen Begriff der <hi rend="italic">Subjektivität</hi> des Geistes aus.</phr>
          <phr subtype="Natur" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.29">Als <term key="Subjektivität" type="Episteme" xml:id="TM.62">Subjektivität</term>
                        nun aber ist der Geist zunächst nur erst <hi rend="italic">an sich</hi> die
                        Wahrheit der Natur, indem er seinen wahren Begriff noch nicht für sich
                        selber gemacht hat. Die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.23">Natur</term> steht ihm somit nicht als das <hi rend="italic">durch ihn gesetzte</hi> Andere, in welchem er zu sich selber
                        zurückkehrt, gegenüber, sondern als unüberwundenes, beschränkendes
                        Anderssein, auf welches, als auf ein vorgefundenes Objekt, der Geist als das
                        Subjektive in seiner Existenz des Wissens und Wollens bezogen bleibt und nur
                        die andere Seite zur Natur zu bilden vermag.</phr> In diese Sphäre fällt die
                    Endlichkeit des theoretischen sowohl als des praktischen Geistes, die
                    Beschränktheit im Erkennen und das bloße Sollen im Realisieren des Guten. Auch
                    hier wie in der Natur ist die Erscheinung ihrem wahrhaften Wesen ungleich, und
                    wir erhalten noch den verwirrenden Anblick von Geschicklichkeiten,
                    Leidenschaften, Zwecken, Ansichten und Talenten, die sich suchen und fliehen,
                    für- und gegeneinander arbeiten und sich durchkreuzen, während sich bei ihrem
                    Wollen und Bestreben, Meinen und Denken die mannigfaltigsten Gestalten des
                    Zufalls fördernd oder störend einmischen. Dies ist der Standpunkt des nur
                    endlichen, zeitlichen, widersprechenden und dadurch vergänglichen,
                    unbefriedigten und unseligen Geistes. Denn die Befriedigungen, die diese Sphäre
                    bietet, sind in der Gestalt ihrer Endlichkeit selbst immer noch beschränkt und
                    verkümmert, relativ und vereinzelt. Der Blick, das Bewußtsein, Wollen und Denken
                    erhebt sich deshalb über sie und sucht und findet seine wahre Allgemeinheit,
                    Einheit und Befriedigung anderswo: im Unendlichen und Wahren. Diese Einheit und
                    Befriedigung, zu welcher die treibende Vernünftigkeit<pb n="129"></pb>des Geistes
                    den Stoff seiner Endlichkeit hinaufhebt, ist dann erst die wahre Enthüllung
                    dessen, was die Erscheinungswelt ihrem Begriff nach ist. Der Geist erfaßt die
                    Endlichkeit selber als das Negative seiner und erringt sich dadurch seine
                    Unendlichkeit. Diese Wahrheit des endlichen Geistes ist der absolute Geist. – In
                    dieser Form nun aber wird der Geist nur wirklich als absolute Negativität; er
                    setzt in sich selber seine Endlichkeit und hebt sie auf. Dadurch macht er sich
                    in seinem höchsten Gebiete für sich selbst zum Gegenstande seines Wissens und
                    Wollens. Das Absolute selber wird <hi rend="italic">Objekt</hi> des Geistes,
                    indem der Geist auf die Stufe des <hi rend="italic">Bewußtseins</hi> tritt und
                    sich in sich als <hi rend="italic">Wissendes</hi> und diesem gegenüber als
                    absoluter <hi rend="italic">Gegenstand</hi> des Wissens <hi rend="italic">unterscheidet</hi>. Von dem früheren Standpunkte der Endlichkeit des
                    Geistes aus ist der Geist, der von dem Absoluten als <hi rend="italic">gegenüberstehendem</hi> unendlichen Objekte weiß, dadurch als das davon
                    unterschiedene <hi rend="italic">Endliche</hi> bestimmt. In der höheren
                    spekulativen Betrachtung aber ist es der <hi rend="italic">absolute Geist</hi>
          <hi rend="italic">selber</hi>, der, um für sich das Wissen seiner selbst zu
                    sein, sich <hi rend="italic">in sich</hi> unterscheidet und dadurch die
                    Endlichkeit des Geistes setzt, innerhalb welcher er sich absoluter Gegenstand
                    des Wissens seiner selber wird. So ist er absoluter Geist in seiner Gemeinde,
                    das als Geist und Wissen seiner wirkliche [sic] Absolute.</p>
        <p xml:id="P.38">Dies ist der Punkt, bei welchem wir in der Philosophie der Kunst zu
                    beginnen haben. Denn das Kunstschöne ist weder die <hi rend="italic">logische
                        Idee</hi>, der absolute Gedanke, wie er im reinen Elemente des Denkens sich
                    entwickelt, noch ist es umgekehrt die <hi rend="italic">natürliche Idee</hi>,
                    sondern es gehört dem <hi rend="italic">geistigen</hi> Gebiete an, ohne jedoch
                    bei den Erkenntnissen und Taten des <hi rend="italic">endlichen</hi> Geistes
                    stehenzubleiben. Das Reich der schönen Kunst ist das Reich des <hi rend="italic">absoluten</hi>
          <hi rend="italic">Geistes</hi>. Daß dies der Fall sei, können wir hier nur
                    andeuten; der wissenschaftliche <hi rend="italic">Beweis</hi> fällt den
                    vorangehenden philosophischen Disziplinen anheim; der Logik, deren Inhalt die
                    absolute Idee als solche ist, der Naturphilosophie wie der Philosophie der
                    endlichen Sphären des Geistes. Denn in diesen Wissenschaften hat sich<pb n="131"></pb>darzutun, wie die logische Idee ihrem eigenen Begriff nach sich ebensosehr in
                    das Dasein der Natur umzusetzen als aus dieser Äußerlichkeit zum Geist und aus
                    der Endlichkeit desselben wiederum zum Geist in seiner Ewigkeit und Wahrheit zu
                    befreien hat.</p>
        <p xml:id="P.39">
          <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.30">Aus diesem Standpunkte,
                        welcher der <term key="Kunst" type="Feld" xml:id="TM.85">Kunst</term> in
                        ihrer höchsten, wahrhaften Würde gebührt, erhellt sogleich, daß sie mit
                            <term key="Religion" type="Feld" xml:id="TM.86">Religion</term> und
                            <term key="Philosophie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.92">Philosophie</term> sich auf demselben Gebiete befindet. In allen
                        Sphären des absoluten Geistes enthebt der Geist sich den beengenden
                        Schranken seines Daseins, indem er sich aus den zufälligen Verhältnissen
                        seiner Weltlichkeit und dem endlichen Gehalte seiner Zwecke und Interessen
                        zu der Betrachtung und dem Vollbringen seines Anundfürsichseins
                        erschließt.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.40">Diese Stellung der Kunst im Gesamtgebiete des natürlichen und
                    geistigen Lebens können wir zum näheren Verständnis konkreter in folgender Weise
                    auffassen. Überblicken wir den totalen Inhalt unseres Daseins, so finden wir
                    schon in unserem gewöhnlichen Bewußtsein die größte Mannigfaltigkeit der
                    Interessen und ihrer Befriedigung. Zunächst das weite System der physischen
                    Bedürfnisse, für welche die großen Kreise der Gewerbe in ihrem breiten Betrieb
                    und Zusammenhang, Handel, Schiffahrt und die technischen Künste arbeiten; höher
                    hinauf die Welt des Rechts, der Gesetze, das Leben in der Familie, die Sonderung
                    der Stände, das ganze umfassende Gebiet des Staats; sodann das Bedürfnis der
                    Religion, das sich in jedem Gemüte finden und in dem kirchlichen Leben sein
                    Genügen erhält; endlich die vielfach geschiedene und verschlungene Tätigkeit in
                    der Wissenschaft, die Gesamtheit der Kenntnis und Erkenntnis welche alles in
                    sich faßt. Innerhalb dieser Kreise tut sich nun auch die Tätigkeit in der Kunst,
                    das Interesse für die Schönheit und die geistige Befriedigung in deren Gebilden
                    hervor. Da fragt es sich nun nach der inneren Notwendigkeit solch eines
                    Bedürfnisses im Zusammenhange der übrigen Lebens- und Weltgebiete. Zunächst
                    finden wir diese Sphären nur<pb n="132"></pb>überhaupt als vorhandene vor. Der
                    wissenschaftlichen Forderung nach handelt es sich aber um die Einsicht in ihren
                    wesentlichen inneren Zusammenhang und ihre wechselseitige Notwendigkeit. Denn
                    sie stehen nicht etwa nur im Verhältnis des bloßen Nutzens zueinander, sondern
                    vervollständigen sich, insofern in dem einen Kreise höhere Weisen der Tätigkeit
                    liegen als in dem anderen; weshalb der untergeordnetere über sich selbst
                    hinausdrängt und nun durch tiefere Befriedigung weitergreifender Interessen das
                    ergänzt wird, was in einem früheren Gebiete keine Erledigung finden kann. Erst
                    dies gibt die Notwendigkeit eines inneren Zusammenhanges.</p>
        <p xml:id="P.41">Erinnern wir uns desjenigen, was wir schon über den Begriff des
                    Schönen und der Kunst festgestellt haben, so fanden wir darin Gedoppeltes: <hi rend="italic">erstens</hi> einen Inhalt, einen Zweck, eine Bedeutung, <hi rend="italic">sodann</hi> den Ausdruck, die Erscheinung und Realität dieses
                    Inhalts, und beide Seiten <hi rend="italic">drittens</hi> so voneinander
                    durchdrungen, daß das Äußere, Besondere ausschließlich als Darstellung des
                    Inneren erscheint. Im Kunstwerk ist nichts vorhanden, als was wesentliche
                    Beziehung auf den Inhalt hat und ihn ausdrückt. Was wir den Inhalt, die
                    Bedeutung nannten, ist das in sich Einfache, die Sache selbst auf ihre
                    einfachsten, wenn auch umfassenden Bestimmungen zurückgebracht, im Unterschiede
                    der Ausführung. So läßt z. B. sich der Inhalt eines Buches in ein paar Worten
                    oder Sätzen anzeigen, und es darf nichts anderes im Buche vorkommen, als wovon
                    im Inhalt das Allgemeine bereits angegeben ist. Dies Einfache, dies Thema
                    gleichsam, das die Grundlage für die Ausführung bildet, ist das Abstrakte, die
                    Ausführung dagegen erst das Konkrete.</p>
        <p xml:id="P.42">Beide Seiten nun aber dieses Gegensatzes haben nicht die
                    Bestimmung, gleichgültig und äußerlich nebeneinander zu bleiben – wie z. B.
                    einer mathematischen Figur, Dreieck, Ellipse, als dem in sich einfachen Inhalt,
                    in der äußeren Erscheinung die bestimmte Größe, Farbe usf. gleichgültig ist –,
                    sondern die als <hi rend="italic">bloßer</hi> Inhalt abstrakte Bedeutung hat<pb n="133"></pb>in sich selbst die Bestimmung, zur Ausführung zu kommen und sich
                    dadurch konkret zu machen. Damit tritt wesentlich ein <hi rend="italic">Sollen</hi> ein. Wie sehr auch ein Gehalt für sich selber gelten kann, so
                    sind wir doch mit dieser abstrakten Geltung nicht zufrieden und verlangen nach
                    Weiterem. Zunächst ist dies nur ein unbefriedigtes Bedürfnis und im Subjekt als
                    etwas Ungenügendes, das sich aufzuheben und zur Befriedigung fortzuschreiten
                    strebt. Wir können in diesem Sinne sagen, der Inhalt sei zunächst <hi rend="italic">subjektiv</hi>, ein nur Inneres, dem gegenüber das Objektive
                    steht, so daß nun die Forderung darauf hinausläuft, dies <term key="Subjektive, das" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.63">Subjektive</term> zu <hi rend="italic">objektivieren</hi>. Solch ein Gegensatz des Subjektiven und
                    der gegenüberliegenden <term key="Objektivität" type="Episteme" xml:id="TM.64">Objektivität</term>, sowie das Sollen, ihn aufzuheben, ist eine schlechthin
                    allgemeine Bestimmung, welche sich durch alles hindurchzieht. Schon unsere
                    physische Lebendigkeit und mehr noch die Welt unserer geistigen Zwecke und
                    Interessen beruht auf der Forderung, was zunächst nur <term key="subjektiv" type="Episteme" xml:id="TM.65">subjektiv</term> und innerlich da ist,
                    durchzuführen durch die Objektivität und dann erst in diesem vollständigen
                    Dasein sich befriedigt zu finden. Indem nun der Inhalt der Interessen und Zwecke
                    zunächst nur in der einseitigen Form des Subjektiven vorhanden und die
                    Einseitigkeit eine Schranke ist, erweist sich dieser Mangel zugleich als eine
                    Unruhe, ein Schmerz, als etwas <hi rend="italic">Negatives</hi>, das sich als
                    Negatives aufzuheben hat und deshalb, dem empfundenen Mangel abzuhelfen, die
                    gewußte, gedachte Schranke zu überschreiten treibt. Und zwar nicht in dem Sinne,
                    daß dem Subjektiven überhaupt nur die andere Seite, das Objektive, abgehe,
                    sondern in dem bestimmteren Zusammenhange, daß dies Fehlen im <hi rend="italic">Subjektiven</hi> selbst und <hi rend="italic">für dasselbe</hi> ein Mangel
                    und eine Negation <hi rend="italic">in ihm selber</hi> sei, welche es wieder zu
                    negieren strebt. <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.31">An sich selbst
                        nämlich, seinem Begriffe nach, ist das <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.66">Subjekt</term> das <hi rend="italic">Totale</hi>, nicht
                        das Innere allein, sondern ebenso auch die Realisation dieses Inneren am
                        Äußeren und in demselben.</phr> Existiert es nun einseitig <hi rend="italic">nur</hi> in der einen Form, so gerät es dadurch gerade in den Widerspruch,
                    dem Begriff nach das Ganze, seiner<pb n="134"></pb>Existenz nach aber nur die eine
                    Seite zu sein. Erst durch das Aufheben solcher Negation in sich selbst wird sich
                    daher das Leben affirmativ. Diesen Prozeß des Gegensatzes, Widerspruches und der
                    Lösung des Widerspruches durchzumachen ist das höhere Vorrecht lebendiger
                    Naturen; was von Hause aus <hi rend="italic">nur</hi> affirmativ ist und bleibt,
                    ist und bleibt ohne Leben. Das Leben geht zur Negation und deren Schmerz fort
                    und ist erst durch die Tilgung des Gegensatzes und Widerspruches für sich selbst
                    affirmativ. Bleibt es freilich beim bloßen Widerspruche, ohne ihn zu lösen,
                    stehen, dann geht es an dem Widerspruch zugrunde.</p>
        <p xml:id="P.43">Dies wären, in ihrer Abstraktion betrachtet, die Bestimmungen,
                    deren wir an dieser Stelle bedürfen.</p>
        <p xml:id="P.44">Den höchsten Inhalt nun, welchen das <term key="Subjektive, das" type="Episteme" xml:id="TM.67">Subjektive</term> in sich zu befassen
                    vermag, können wir kurzweg die <term key="Freiheit" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.68">Freiheit</term> nennen. Die Freiheit ist die
                    höchste Bestimmung des Geistes. Zunächst ihrer ganz formellen Seite nach besteht
                    sie darin, daß das Subjekt in dem, was demselben gegenübersteht, nichts Fremdes,
                    keine Grenze und Schranke hat, sondern sich selber darin findet. Schon dieser
                    formellen Bestimmung nach ist dann alle Not und jedes Unglück verschwunden, das
                    Subjekt mit der Welt ausgesöhnt, in ihr befriedigt und jeder Gegensatz und
                    Widerspruch gelöst. Näher aber hat die Freiheit das Vernünftige überhaupt zu
                    ihrem Gehalte: die Sittlichkeit z. B. im Handeln, die Wahrheit im Denken. Indem
                    nun aber die Freiheit selbst zunächst nur subjektiv und nicht ausgeführt ist,
                    steht dem Subjekt das Unfreie, das nur Objektive als die Naturnotwendigkeit
                    gegenüber, und es entsteht sogleich die Forderung, diesen Gegensatz zur
                    Versöhnung zu bringen. Auf der anderen Seite findet sich im Inneren und
                    Subjektiven selbst ein ähnlicher Gegensatz. Zur Freiheit gehört einerseits das
                    in sich selbst Allgemeine und Selbständige, die allgemeinen Gesetze des Rechts,
                    des Guten, Wahren usf., auf der anderen Seite stellen sich die Triebe des
                    Menschen, die Empfindungen, die Neigungen, Leidenschaften und alles, was das
                    konkrete Herz des Menschen als einzelnen in<pb n="135"></pb>sich faßt. Auch dieser
                    Gegensatz geht zum Kampfe, zum Widerspruche fort, und in diesem Streite entsteht
                    dann alle Sehnsucht, der tiefste Schmerz, die Plage und Befriedigungslosigkeit
                    überhaupt. Die Tiere leben in Frieden mit sich und den Dingen um sie her, doch
                    die geistige Natur des Menschen treibt die Zweiheit und Zerrissenheit hervor, in
                    deren Widerspruch er sich herumschlägt. Denn in dem Innern als solchem, in dem
                    reinen Denken, in der Welt der Gesetze und deren Allgemeinheit kann der Mensch
                    nicht aushalten, sondern bedarf auch des sinnlichen Daseins, des Gefühls,
                    Herzens, Gemüts usf. Die Philosophie denkt den Gegensatz, der dadurch
                    hereinkommt, wie er ist, seiner durchgreifenden Allgemeinheit nach und geht auch
                    zur Aufhebung desselben in gleich <hi rend="italic">allgemeiner</hi> Weise fort;
                    der Mensch aber in der Unmittelbarkeit des Lebens dringt auf eine <hi rend="italic">unmittelbare</hi> Befriedigung. Solche Befriedigung durch das
                    Auflösen jenes Gegensatzes finden wir am nächsten im System der sinnlichen
                    Bedürfnisse. Hunger, Durst, Müdigkeit, Essen, Trinken, Sattigkeit, Schlaf usf.
                    sind in dieser Sphäre Beispiele solch eines Widerspruchs und seiner Lösung. Doch
                    in diesem Naturgebiete des menschlichen Daseins ist der Inhalt der
                    Befriedigungen endlicher und beschränkter Art; die Befriedigung ist nicht
                    absolut und geht deshalb auch zu neuer Bedürftigkeit rastlos wieder fort; das
                    Essen, die Sättigung, das Schlafen hilft nichts, der Hunger, die Müdigkeit
                    fangen morgen von vorn wieder an. Weiter sodann im Elemente des Geistigen
                    erstrebt der Mensch eine Befriedigung und Freiheit im Wissen und Wollen, in
                    Kenntnissen und Handlungen. Der Unwissende ist unfrei, denn ihm gegenüber steht
                    eine fremde Welt, ein Drüben und Draußen, von welchem er abhängt, ohne daß er
                    diese fremde Welt für sich selber gemacht hätte und dadurch in ihr als in dem
                    Seinigen bei sich selber wäre. Der Trieb der Wißbegierde, der Drang nach
                    Kenntnis, von der untersten Stufe an bis zur höchsten Staffel philosophischer
                    Einsicht hinauf, geht nur aus dem Streben hervor, jenes Verhältnis der
                    Unfreiheit aufzuheben<pb n="136"></pb>und sich die Welt in der Vorstellung und im
                    Denken zu eigen zu machen. In der umgekehrten Weise geht die Freiheit im Handeln
                    darauf aus, daß die Vernunft des Willens Wirklichkeit erlange. Diese Vernunft
                    verwirklicht der Wille im Staatsleben. Im wahrhaft vernünftig gegliederten Staat
                    sind alle Gesetze und Einrichtungen nichts als eine Realisation der Freiheit
                    nach deren wesentlichen Bestimmungen. Ist dies der Fall, so findet die einzelne
                    Vernunft in diesen Institutionen nur die Wirklichkeit ihres eigenen Wesens und
                    geht, wenn sie diesen Gesetzen gehorcht, nicht mit dem ihr Fremden, sondern nur
                    mit ihrem Eigenen zusammen. Willkür heißt man zwar oft gleichfalls Freiheit;
                    doch Willkür ist nur die unvernünftige Freiheit, das Wählen und Selbstbestimmen
                    nicht aus der Vernunft des Willens, sondern aus zufälligen Trieben und deren
                    Abhängigkeit von Sinnlichem und Äußerem.</p>
        <p xml:id="P.45">Die physischen Bedürfnisse, das Wissen und Wollen des Menschen
                    erhalten nun also in der Tat eine Befriedigung in der Welt und lösen den
                    Gegensatz von Subjektivem und Objektivem, von innerer Freiheit und äußerlich
                    vorhandener Notwendigkeit in freier Weise auf. Der Inhalt aber dieser Freiheit
                    und Befriedigung bleibt dennoch <hi rend="italic">beschränkt</hi>, und so behält
                    auch die Freiheit und das Sichselbstgenügen eine Seite der <hi rend="italic">Endlichkeit</hi>. Wo aber Endlichkeit ist, da bricht auch der Gegensatz und
                    Widerspruch stets wieder von neuem durch, und die Befriedigung kommt über das
                    Relative nicht hinaus. Im Recht und seiner Wirklichkeit z. B. ist zwar meine
                    Vernünftigkeit, mein Wille und dessen Freiheit anerkannt, ich gelte als Person
                    und werde als solche respektiert; ich habe Eigentum, und es soll mir zu eigen
                    bleiben; kommt es in Gefahr, so verschafft mir das Gericht mein Recht. Diese
                    Anerkennung aber und Freiheit betrifft nur immer wieder einzelne relative Seiten
                    und deren einzelne Objekte: dies Haus, diese Summe Geldes, dies bestimmte Recht,
                    Gesetz usf., diese einzelne Handlung und Wirklichkeit. Was das Bewußtsein darin
                    vor sich hat, sind Einzelheiten, welche sich wohl zueinander verhalten und eine
                    Gesamtheit der Bezie<c type="hyphen"></c>
          <pb n="136"></pb>hungen ausmachen, aber in
                    selbst nur relativen Kategorien und unter mannigfachen Bedingnissen, bei deren
                    Herrschaft die Befriedigung ebensosehr momentan eintreten als auch ausbleiben
                    kann. Nun bildet zwar weiter hinauf das Staatsleben als Ganzes eine in sich
                    vollendete Totalität; Fürst, Regierung, Gerichte, Militär, Einrichtung der
                    bürgerlichen Gesellschaft, Geselligkeit usf., die Rechte und Pflichten, die
                    Zwecke und ihre Befriedigung, die vorgeschriebenen Handlungsweisen, die
                    Leistungen, wodurch dies Ganze seine stete Wirklichkeit bewerkstelligt und
                    behält – dieser gesamte Organismus ist in einem echten Staate rund, vollständig
                    und ausgeführt in sich. Das <hi rend="italic">Prinzip</hi> selbst aber, als
                    dessen Wirklichkeit das Staatsleben da ist und worin der Mensch seine
                    Befriedigung sucht, ist, wie mannigfaltig es auch in seiner inneren und äußeren
                    Gliederung sich entfalten mag, dennoch ebensosehr wieder <hi rend="italic">einseitig</hi> und abstrakt in sich selbst. Es ist nur die vernünftige
                    Freiheit des <hi rend="italic">Willens</hi>, welche darin sich expliziert; es
                    ist nur der <hi rend="italic">Staat</hi>, und wiederum nur dieser <hi rend="italic">einzelne</hi> Staat, und dadurch selbst wieder eine <hi rend="italic">besondere</hi> Sphäre des Daseins und deren <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.24">vereinzelte
                        Realität</term>, in welcher die Freiheit wirklich wird. So fühlt der Mensch
                    auch, daß die Rechte und Verpflichtungen in diesen Gebieten und ihrer weltlichen
                    und selbst wieder endlichen Weise des Daseins nicht ausreichend sind; daß sie in
                    ihrer Objektivität wie in Beziehung auf das Subjekt noch einer höheren Bewährung
                    und Sanktionierung bedürfen.</p>
        <p xml:id="P.46">Was der in dieser Beziehung von allen Seiten her in Endlichkeit
                    verstrickte Mensch sucht, ist die Region einer höheren, substantielleren
                    Wahrheit, in welcher alle Gegensätze und Widersprüche des Endlichen ihre letzte
                    Lösung und die Freiheit ihre volle Befriedigung finden können. Dies ist die
                    Region der Wahrheit an sich selbst, nicht des relativ Wahren. Die höchste
                    Wahrheit, die Wahrheit als solche, ist die Auflösung des höchsten Gegensatzes
                    und Widerspruchs. In ihr hat der Gegensatz von Freiheit und Notwendigkeit, von
                    Geist und Natur, von Wissen und Gegenstand, Gesetz und<pb n="138"></pb>Trieb, der
                    Gegensatz und Widerspruch überhaupt, welche Form er auch annehmen möge, <hi rend="italic">als</hi> Gegensatz und Widerspruch keine Geltung und Macht
                    mehr. Durch sie erweist sich, daß weder die Freiheit für sich als subjektive,
                    abgesondert von der Notwendigkeit, absolut ein Wahres sei, noch ebenso der
                    Notwendigkeit, für sich isoliert, Wahrhaftigkeit dürfe zugeschrieben werden. Das
                    gewöhnliche Bewußtsein dagegen kommt über diesen Gegensatz nicht hinaus und
                    verzweifelt entweder in dem Widerspruch oder wirft ihn fort und hilft sich sonst
                    auf andere Weise. Die Philosophie aber tritt mitten in die sich widersprechenden
                    Bestimmungen hinein, erkennt sie ihrem Begriff nach, d. h. als in ihrer
                    Einseitigkeit nicht absolut, sondern sich auflösend, und setzt sie in die
                    Harmonie und Einheit, welche die Wahrheit ist. Diesen Begriff der Wahrheit zu
                    fassen, ist die Aufgabe der Philosophie. Nun erkennt zwar die Philosophie den
                    Begriff in allem und ist dadurch allein begreifendes, wahrhaftiges Denken, doch
                    ein anderes ist der Begriff, die Wahrheit an sich und die ihr entsprechende oder
                    nichtentsprechende Existenz. In der endlichen Wirklichkeit erscheinen die
                    Bestimmungen, welche der Wahrheit zugehören, als ein Außereinander, als eine
                    Trennung dessen, was seiner Wahrheit nach untrennbar ist. So ist das Lebendige
                    z. B. Individuum, tritt aber als Subjekt ebensosehr in Gegensatz gegen eine
                    umgebende unorganische Natur. Nun enthält der Begriff allerdings diese Seiten,
                    doch als ausgesöhnte; die endliche Existenz aber treibt sie auseinander und ist
                    dadurch eine dem Begriff und der Wahrheit ungemäße Realität. In dieser Weise ist
                    der Begriff wohl überall; der Punkt jedoch, auf welchen es ankommt, besteht
                    darin, ob der Begriff auch seiner Wahrheit nach in dieser Einheit wirklich wird,
                    in welcher die besonderen Seiten und Gegensätze in keiner realen Selbständigkeit
                    und Festigkeit gegeneinander verharren, sondern nur noch als ideelle, zu freiem
                    Einklang versöhnte Momente gelten. Die Wirklichkeit dieser höchsten Einheit erst
                    ist die Region der Wahrheit, Freiheit und Be<c type="hyphen"></c>
          <pb n="139"></pb>friedigung. Wir können das Leben in dieser Sphäre, diesen Genuß der Wahrheit,
                    welcher als Empfindung Seligkeit, als Denken Erkenntnis ist, im allgemeinen als
                    das Leben in der Religion bezeichnen. Denn die Religion ist die allgemeine
                    Sphäre, in welcher die <hi rend="italic">eine</hi> konkrete Totalität dem
                    Menschen als sein eigenes Wesen und als das der Natur zum Bewußtsein kommt und
                    diese eine wahrhaftige Wirklichkeit allein sich ihm als die höchste Macht über
                    das Besondere und Endliche erweist, durch welche alles sonst Zertrennte und
                    Entgegengesetzte zur höheren und absoluten Einheit zurückgebracht wird.</p>
        <p xml:id="P.47">Durch die Beschäftigung mit dem Wahren als dem absoluten
                    Gegenstande des Bewußtseins gehört nun auch die Kunst der absoluten Sphäre des
                    Geistes an und steht deshalb mit der Religion im spezielleren Sinne des Worts
                    wie mit der Philosophie ihrem Inhalte nach auf ein und demselben Boden. Denn
                    auch die Philosophie hat keinen anderen Gegenstand als Gott und ist so
                    wesentlich rationelle Theologie und als im Dienste der Wahrheit fortdauernder
                    Gottesdienst.</p>
        <p xml:id="P.48">Bei dieser Gleichheit des Inhalts sind die drei Reiche des
                    absoluten Geistes nur durch die <hi rend="italic">Formen</hi> unterschieden, in
                    welchen sie ihr Objekt, das Absolute, zum Bewußtsein bringen.</p>
        <p xml:id="P.49">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.32">Die Unterschiede dieser
                        Formen liegen im Begriff des <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.69">absoluten Geistes</term> selber. Der Geist als <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.70">wahrer Geist</term> ist an
                        und für sich und dadurch kein der Gegenständlichkeit abstrakt-jenseitiges
                        Wesen, sondern innerhalb derselben im <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.71">endlichen Geiste</term> die Erinnerung des Wesens aller
                        Dinge: das Endliche in seiner Wesentlichkeit sich ergreifend und somit
                        selber wesentlich und absolut. Die <hi rend="italic">erste</hi> Form nun
                        dieses Erfassens ist ein <hi rend="italic">unmittelbares</hi> und eben darum
                            <hi rend="italic">sinnliches</hi> Wissen, ein Wissen in Form und Gestalt
                        des <term key="Sinnliche, das" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.106">Sinnlichen</term> und Objektiven selber, in welchem das <term key="Absolute, das" type="Episteme" xml:id="TM.72">Absolute</term> zur
                            <term key="Anschauung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.116">Anschauung</term> und <term key="Empfindung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.117">Empfindung</term> kommt. Die <hi rend="italic">zweite</hi> Form sodann ist das <hi rend="italic">vorstellende</hi>
                        Bewußtsein, die <hi rend="italic">dritte</hi> endlich das <hi rend="italic">freie Denken</hi> des absoluten Geistes.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.50">
          <pb n="140"></pb>I. Die Form der <term key="Anschauung" rend="italic" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.118">sinnlichen
                        Anschauung</term> nun gehört der <term key="Kunst" type="Feld" xml:id="TM.87">Kunst</term> an, so daß die Kunst es ist, welche die Wahrheit in
                    Weise sinnlicher Gestaltung für das Bewußtsein hinstellt, und zwar einer
                    sinnlichen Gestaltung, welche in dieser ihrer Erscheinung selbst einen höheren,
                    tieferen Sinn und Bedeutung hat, ohne jedoch durch das sinnliche Medium hindurch
                    den Begriff als solchen in seiner Allgemeinheit erfaßbar machen zu wollen; denn
                    gerade die <hi rend="italic">Einheit</hi> desselben mit der individuellen
                    Erscheinung ist das Wesen des Schönen und dessen Produktion durch die Kunst. Nun
                    vollbringt sich diese Einheit allerdings in der Kunst <hi rend="italic">auch im
                        Elemente der Vorstellung</hi> und nicht nur in dem sinnlicher Äußerlichkeit,
                    besonders in der Poesie; doch auch in dieser geistigsten Kunst ist die Einigung
                    von Bedeutung und individueller Gestaltung derselben – wenn auch für das
                    vorstellende Bewußtsein – vorhanden und jeder Inhalt in unmittelbarer Weise
                    gefaßt und an die Vorstellung gebracht. Überhaupt ist sogleich festzustellen,
                    daß die Kunst, da sie das Wahre, den Geist zu ihrem eigentlichen Gegenstande
                    hat, die Anschauung desselben nicht durch die besonderen Naturgegenstände als
                    solche, durch Sonne z. B., Mond, Erde, Gestirne usw., zu geben vermag.
                    Dergleichen sind freilich sinnliche Existenzen, aber vereinzelte, welche für
                    sich genommen die Anschauung des Geistigen nicht gewähren.</p>
        <p xml:id="P.51">Wenn wir der Kunst nun diese absolute Stellung geben, so lassen wir
                    dadurch ausdrücklich die oben bereits erwähnte Vorstellung beiseite liegen,
                    welche die Kunst als zu vielfach anderweitigem Inhalt und sonstigen ihr fremden
                    Interessen brauchbar annimmt. Dagegen bedient sich die <hi rend="italic">Religion</hi> häufig genug der Kunst, um die religiöse Wahrheit näher an
                    die Empfindung zu bringen oder für die Phantasie zu verbildlichen, und dann
                    steht die Kunst allerdings in dem Dienste eines von ihr unterschiedenen Gebiets.
                    Wo die Kunst jedoch in ihrer höchsten Vollendung vorhanden ist, da enthält sie
                    gerade in ihrer bildlichen Weise die dem Gehalt der Wahrheit entsprechendste und
                    wesentlichste Art der Exposition. So<pb n="141"></pb>war bei den Griechen z. B. die
                    Kunst die höchste Form, in welcher das Volk die Götter sich vorstellte und sich                  
  ein Bewußtsein von der Wahrheit gab. Darum sind die Dichter und Künstler den
                    Griechen die Schöpfer ihrer Götter geworden, d. h. die Künstler haben der Nation
                    die bestimmte Vorstellung vom Tun, Leben, Wirken des Göttlichen, also den
                    bestimmten Inhalt der Religion gegeben. Und zwar nicht in der Art, daß diese
                    Vorstellungen und Lehren bereits <hi rend="italic">vor</hi> der Poesie in
                    abstrakter Weise des Bewußtseins als allgemeine religiöse Sätze und Bestimmungen
                    des Denkens vorhanden gewesen und von den Künstlern sodann erst in Bilder
                    eingekleidet und mit dem Schmuck der Dichtung äußerlich umgeben worden wären,
                    sondern die Weise des künstlerischen Produzierens war die, daß jene Dichter, was
                    in ihnen gärte, <hi rend="italic">nur</hi> in dieser Form der Kunst und Poesie
                    herauszuarbeiten vermochten. Auf anderen Stufen des religiösen Bewußtseins, auf
                    welchen der religiöse Gehalt sich der künstlerischen Darstellung weniger
                    zugänglich zeigt, behält die Kunst in dieser Beziehung einen beschränkteren
                    Spielraum.</p>
        <p xml:id="P.52">Dies wäre die ursprüngliche, wahre Stellung der Kunst als nächste
                    unmittelbare Selbstbefriedigung des absoluten Geistes.</p>
        <p xml:id="P.53">[…]<pb n="147"></pb>[…]a) Was nun die Natur <hi rend="italic">des
                        </hi>
          <term key="Begriff" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.73">Begriffs</term>
          <hi rend="italic"> als solchen</hi> anbetrifft, so ist er an
                    sich selbst nicht etwa die <hi rend="italic">abstrakte</hi>
          <hi rend="italic">Einheit</hi> den <hi rend="italic">Unterschieden</hi>
          <hi rend="italic">der Realität</hi> gegenüber, sondern als Begriff schon die
                    Einheit unterschiedener Bestimmtheiten und damit konkrete Totalität. So sind die
                    Vorstellungen Mensch, blau usf. zunächst nicht Begriffe, sondern
                    abstrakt-allgemeine Vorstellungen zu nennen, die erst zum Begriff werden, wenn
                    in ihnen dargetan ist, daß sie unterschiedene Seiten in Einheit enthalten, indem
                    diese in sich selbst bestimmte Einheit den Begriff ausmacht; wie z. B. die
                    Vorstellung „blau“ als Farbe die Einheit, und zwar spezifische Einheit, von Hell
                    und Dunkel zu ihrem Begriffe hat und die Vorstellung „Mensch“ die Gegensätze von
                    Sinnlichkeit und Vernunft, Körper und Geist befaßt, der Mensch jedoch nicht nur
                    aus diesen Seiten als gleichgültigen Bestandstücken zusammengesetzt ist, sondern
                    dem Begriff nach dieselben in konkreter, vermittelter Einheit enthält. Der
                    Begriff aber ist so sehr absolute Einheit seiner Bestimmtheiten, daß dieselben
                    nichts für sich selber bleiben und zu selbständiger Vereinzelung, wodurch sie
                    aus ihrer Einheit heraustreten würden, sich nicht<pb n="148"></pb>entfremden
                        können<note n="2" type="endnote" xml:id="EN.1">In der 1. Auflage: „sich
                        nicht realisieren können“.</note>. Dadurch enthält der Begriff alle seine
                    Bestimmtheiten in Form dieser ihrer <hi rend="italic">ideellen</hi> Einheit und
                    Allgemeinheit, die seine <hi rend="italic">Subjektivität</hi> im Unterschiede
                    des Realen und Objektiven ausmacht. So ist z. B. das Gold von spezifischer
                    Schwere, bestimmter Farbe, besonderem Verhältnis zu verschiedenartigen Säuren.
                    Dies sind unterschiedene Bestimmtheiten und dennoch schlechthin in Einem. Denn
                    jedes feinste Teilchen Gold enthält sie in untrennbarer Einheit. Für uns treten
                    sie auseinander, an sich aber, ihrem Begriffe nach sind sie in ungetrennter
                    Einheit. Von gleicher selbständigkeitsloser Identität sind die Unterschiede,
                    welche der wahre Begriff in sich hat. Ein näheres Beispiel bietet uns die eigene
                    Vorstellung, das selbstbewußte Ich überhaupt. Denn was wir Seele und näher Ich
                    heißen, ist der Begriff selbst in seiner freien Existenz. Das Ich enthält eine
                    Menge der unterschiedensten Vorstellungen und Gedanken in sich, es ist eine
                        <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.25">Welt der
                        Vorstellungen</term>; doch dieser unendlich mannigfaltige Inhalt, insofern
                    er im Ich ist, bleibt ganz körperlos und immateriell und gleichsam
                    zusammengepreßt in dieser ideellen Einheit, als das reine, vollkommen
                    durchsichtige Scheinen des Ich in sich selbst. Dies ist die Weise, in welcher
                    der Begriff seine unterschiedenen Bestimmungen in ideeller Einheit enthält.</p>
        <p xml:id="P.54">Die näheren Begriffsbestimmungen nun, welche dem Begriff seiner
                    eigenen Natur nach zugehören, sind das <term key="Allgemeine, das" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.74">Allgemeine</term>, <term key="Besondere, das" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.75">Besondere</term> und
                        <term key="Einzelne, das" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.76">Einzelne</term>. Jede dieser Bestimmungen für sich genommen wäre eine bloße
                    einseitige <term key="Abstraktion" type="Episteme" xml:id="TM.77">Abstraktion</term>. In dieser Einseitigkeit jedoch sind sie nicht im
                    Begriffe vorhanden, da er ihre ideelle <hi rend="italic">Einheit</hi> ausmacht.
                    Der Begriff ist deshalb das <hi rend="italic">Allgemeine</hi>, das sich
                    einerseits durch sich selbst zur Bestimmtheit und <hi rend="italic">Besonderung</hi> negiert, andererseits aber diese Besonderheit, als
                    Negation des Allgemeinen, ebensosehr wieder <hi rend="italic">aufhebt</hi>. Denn
                    das Allgemeine kommt in dem Besonderen, welches nur die besonderen Seiten des
                        <hi rend="italic">Allgemeinen</hi>
          <hi rend="italic">selber</hi> ist,<pb n="149"></pb>zu keinem absolut Anderen und
                    stellt deshalb im Besonderen seine Einheit mit sich als Allgemeinem wieder her.
                    In dieser Rückkehr zu sich ist der Begriff unendliche Negation; Negation nicht
                    gegen Anderes, sondern Selbstbestimmung, in welcher er sich nur auf sich
                    beziehende affirmative Einheit bleibt. So ist er die wahrhafte <hi rend="italic">Einzelheit</hi> als die in ihren Besonderheiten sich nur mit sich selber
                    zusammenschließende Allgemeinheit. Als höchstes Beispiel dieser Natur des
                    Begriffs kann das gelten, was oben über das Wesen des Geistes kurz ist berührt
                    worden.</p>
        <p xml:id="P.55">Durch diese Unendlichkeit in sich ist der Begriff an sich selbst
                    schon Totalität. Denn er ist die Einheit mit sich im Anderssein und dadurch das
                    Freie, das alle Negation nur als Selbstbestimmung und nicht als fremdartige
                    Beschränkung durch Anderes hat. <phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.33">Als diese Totalität
                        aber enthält der Begriff bereits alles, was die <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.26">Realität</term> als solche zur
                        Erscheinung bringt und die Idee zur vermittelten Einheit zurückführt.</phr>
                    Die da meinen, sie hätten an der Idee etwas ganz Anderes, Besonderes gegen den
                    Begriff, kennen weder die Natur der Idee noch des Begriffes. Zugleich aber
                    unterscheidet sich der Begriff von der Idee dadurch, daß er die Besonderung nur
                    in abstracto ist, denn die Bestimmtheit, als im Begriff, bleibt in der Einheit
                    und ideellen Allgemeinheit, welche das Element des Begriffs ist, gehalten. Dann
                    aber bleibt der Begriff selbst noch in der Einseitigkeit stehen und ist von dem
                    Mangel behaftet, daß er, obschon an sich selbst die Totalität, dennoch nur der
                    Seite der Einheit und Allgemeinheit das Recht freier Entwicklung vergönnt. Weil
                    diese Einseitigkeit nun aber dem eigenen Wesen des Begriffs unangemessen ist,
                    hebt der Begriff dieselbe seinem eigenen Begriff nach auf. Er negiert sich als
                    diese ideelle Einheit und Allgemeinheit und entläßt nun, was dieselbe in
                    ideeller Subjektivität in sich schloß, zu realer selbständiger <hi rend="italic">Objektivität</hi>. Der Begriff durch eigene Tätigkeit setzt sich als die
                        <term key="Objektivität" type="Episteme" xml:id="TM.78">Objektivität</term>.</p>
        <p xml:id="P.56">b) Die Objektivität, für sich betrachtet, ist daher selber<pb n="150"></pb>nichts anderes als die <hi rend="italic">Realität</hi>
          <hi rend="italic">des Begriffs</hi>, aber der Begriff in Form selbständiger
                    Besonderung und <hi rend="italic">realer Unterscheidung</hi> aller Momente,
                    deren ideelle Einheit der Begriff als subjektiver war.</p>
        <p xml:id="P.57">Da es nun aber <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.34">nur der <hi rend="italic">Begriff</hi> ist, der in der Objektivität sich Dasein und
                        Realität zu geben hat, so wird die Objektivität an ihr selber den <hi rend="italic">Begriff</hi> zur <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.27">Wirklichkeit</term> bringen
                        müssen.</phr> Der Begriff jedoch ist die vermittelte <hi rend="italic">ideelle Einheit</hi> seiner besonderen Momente. Innerhalb ihres realen
                    Unterschiedes hat sich deshalb die ideelle, begriffsmäßige Einheit der
                    Besonderheiten an ihnen selber ebensosehr wiederherzustellen. Wie die reale
                    Besonderheit hat auch deren zur Idealität vermittelte Einheit an ihnen zu
                    existieren. Dies ist die Macht des Begriffs, der seine Allgemeinheit nicht in
                    der zerstreuten Objektivität aufgibt oder verliert, sondern diese seine Einheit
                    gerade durch die Realität und in derselben offenbar macht. Denn es ist sein
                    eigener Begriff, sich in seinem Anderen die Einheit mit sich zu bewahren. Nur so
                    ist er die wirkliche und wahrhaftige Totalität.</p>
        <p xml:id="P.58">c) Diese Totalität ist die <hi rend="italic">Idee</hi>. Sie nämlich
                    ist nicht nur die ideelle Einheit und Subjektivität des Begriffs, sondern in
                    gleicher Weise die Objektivität desselben, aber die Objektivität, welche dem
                    Begriffe nicht als ein nur Entgegengesetztes gegenübersteht, sondern in welcher
                    der Begriff sich als auf sich selbst bezieht. Nach beiden Seiten des subjektiven
                    und objektiven Begriffs ist die Idee ein Ganzes, zugleich aber die sich ewig
                    vollbringende und vollbrachte Übereinstimmung und vermittelte Einheit dieser
                    Totalitäten. Nur so ist die Idee die Wahrheit und alle Wahrheit.</p>
        <p xml:id="P.59">
          <hi rend="italic">2. Das Dasein der Idee</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.60">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.35">
            <phr subtype="Dasein" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.36">Alles Existierende
                            hat deshalb nur Wahrheit, insofern es eine Existenz ist der Idee. Denn
                            die Idee ist das allein wahrhaft Wirkliche. Das Erscheinende nämlich ist
                            nicht dadurch schon wahr, daß es inneres oder äußeres Dasein hat und
                                überhaupt<pb n="151"></pb>Realität ist, sondern dadurch allein, daß
                            diese Realität dem Begriff entspricht. Erst dann hat das <term key="Dasein" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.28">Dasein</term>
                            Wirklichkeit und Wahrheit.</phr> Und zwar Wahrheit nicht etwa in dem <hi rend="italic">subjektiven</hi> Sinne, daß eine Existenz <hi rend="italic">meinen</hi> Vorstellungen sich gemäß zeige, sondern in der
                            <hi rend="italic">objektiven</hi> Bedeutung, daß das Ich oder ein
                        äußerer Gegenstand, Handlung, Begebenheit, Zustand in seiner Wirklichkeit
                        den Begriff selber realisiere. Kommt diese Identität nicht zustande, so ist
                        das Daseiende nur eine Erscheinung, in welcher sich statt des totalen
                        Begriffs nur irgendeine abstrakte Seite desselben objektiviert, welche,
                        insofern sie sich gegen die Totalität und Einheit in sich verselbständigt,
                        bis zur Entgegensetzung gegen den wahren Begriff verkümmern kann. <phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.37">So
                            ist denn nur die dem Begriff gemäße Realität eine <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.29">wahre Realität</term>, und
                            zwar wahr, weil sich in ihr die Idee selber zur Existenz
                        bringt.</phr>
          </phr>[…]</p>
        <p xml:id="P.61"></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
