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      <titleStmt>
        <title>
          <quote>Sprachen der Kunst</quote>
          <date>1968</date>
        </title>
        <author>Goodman, Nelson</author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <idno type="PID">o:reko.good.1968</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl type="source">Nelson Goodman: <hi rend="italic">Sprachen der Kunst. Entwurf
                        einer Symboltheorie</hi>. Übersetzt von Bernd Philippi. Frankfurt am Main:
                    Suhrkamp 1997, S. 17-21, 42-47. ISBN: 978-3-518-28904-4.</bibl>
        <bibl type="first_edition">
          <hi rend="italic">Languages of Art: An Approach to a
                        Theory of Symbols</hi>. Based on his 1960-61 John Locke lectures.
                    Indianapolis: Bobbs-Merrill 1968.</bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
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            <catDesc>Genre</catDesc>
            <category>
              <catDesc>Vortrag</catDesc>
            </category>
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          <category xml:id="rek.media">
            <catDesc>Media</catDesc>
            <category>
              <catDesc>Kunst, Bild</catDesc>
            </category>
          </category>
        </taxonomy>
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    </encodingDesc>
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  <text>
    <body>
      <div>
        <p xml:id="P.1">
          <pb n="17"></pb>[…]<phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.1">„<phr subtype="Bild" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.2">Um ein
                            getreues <term key="Bild" type="Form" xml:id="TM.21">Bild</term>
                            herzustellen, muß man dem Kopieren des Gegenstandes, so wie er ist,
                            möglichst nahekommen</phr>.“ Diese einfältige Anweisung verwirrt mich;
                        denn der Gegenstand vor mir ist ein Mann, ein Schwärm von Atomen, ein
                        Zellkomplex, ein<pb n="18"></pb>Fiedler, ein Freund, ein Verrückter und vieles
                        mehr. Wenn keines davon für sich genommen den <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.15">Gegenstand</term>, so wie er ist,
                        konstituiert, was sonst könnte dies leisten? Sind dies alles Weisen, in
                        denen der Gegenstand ist, dann stellt keine <hi rend="italic">die</hi> Weise
                        dar, in der der Gegenstand ist.<note n="4" type="endnote" xml:id="EN.1">In
                            „The Way the World Is“, <hi rend="italic">Review of Metapbysiscs
                            </hi>[sic], 14 (1960) (abgedruckt in <hi rend="italic">Problems and
                                Projects</hi>, fortan zitiert als PP, S. 24-32) habe ich behauptet,
                            daß die Welt auf so viele Weisen ist, als man sie korrekt beschreiben,
                            sehen, bildlich darstellen usw. kann, und daß es so etwas wie <hi rend="italic">die</hi> Weise, in der die Welt ist, nicht gibt. Ryle
                            vertritt in etwa eine ähnliche Position (<hi rend="italic">Dilemmas</hi>, Cambridge 1954, S. 75-77; dt. <hi rend="italic">Begriffskonflikte</hi>, Göttingen 1970), wenn er die Beziehung
                            zwischen einem Tisch als einem wahrgenommenen soliden Gegenstand und dem
                            Tisch als einem Schwärm von Atomen mit der Beziehung zwischen einer
                            Collegebibliothek aus der Sicht des Katalogs und aus der Sicht des
                            Buchhalters vergleicht. Es ist vorgeschlagen worden, man könne zu der                         
   Weise, wie die Welt ist, gelangen, indem man all die verschiedenen
                            Weisen miteinander verbindet. Dabei wird die Tatsache übersehen, daß die
                            Verbindung selbst für bestimmte Systeme charakteristisch ist; zum
                            Beispiel lassen sich ein Textabschnitt und ein Bild nicht miteinander
                            verbinden. Und jeder Versuch der Kombination aller Weisen wäre selbst
                            nur eine – und eine besonders ungenießbare dazu – der Weisen, in der die
                            Welt ist. Was aber ist <hi rend="italic">die Welt</hi>, die auf so
                            vielfache Weise ist? Spricht man von Weisen, in denen die Welt ist, oder
                            von Weisen der Beschreibung oder bildlichen Darstellung der Welt, dann
                            spricht man von Welt-Beschreibungen oder Welt-Darstellungen, und damit
                            setzt man nicht voraus, daß es ein einzelnes Ding oder überhaupt irgend
                            etwas gibt, das beschrieben oder bildlich dargestellt wird. Natürlich
                            setzt auch nichts hiervon voraus, daß nichts beschrieben oder bildlich
                            dargestellt wird. Weiteres siehe unter Abschnitt 5 und Fußnote 19
                            unten.</note> Ich kann sie nicht alle zugleich kopieren; und je besser
                        es mir gelingen würde, desto weniger wäre das Ergebnis ein realistisches
                        Bild.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.2">Was ich also kopieren soll, scheint einer dieser Aspekte zu sein,
                    eine dieser Weisen, wie der Gegenstand ist oder <term key="aussehen" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.34">aussieht</term>. Aber natürlich nicht
                    irgendeine beliebige – zum Beispiel nicht den Herzog von Wellington, wie er für
                    einen Betrunkenen durch einen Regentropfen aussieht. Vermutlich eher die Weise,
                    wie der Gegenstand sich für den Normalsichtigen aus angemessener Entfernung,
                    günstigem Blickwinkel, bei gutem Licht, ohne Hilfsmittel darbietet, nicht
                    beeinflußt durch Gefühle, Abneigungen und Interessen und nicht gedanklich und
                    interpretativ ausgeschmückt. Kurz, der Gegenstand soll so kopiert werden, wie
                    man ihn unter aseptischen Bedingungen mit dem freien und <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.25">unschuldigen Auge</term> sieht.</p>
        <p xml:id="P.3">
          <pb n="19"></pb>Der Haken dabei ist, daß es, wie <term key="Gombrich, Ernst" type="Person" xml:id="TM.22">Ernst Gombrich</term> nachdrücklich
                    betont, das unschuldige <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.26">Auge</term> nicht gibt.<note n="5" type="endnote" xml:id="EN.2">In <hi rend="italic">Art and Illusion</hi>, New York: Pantheon Books 1960;
                        dt. <hi rend="italic">Kunst und Illusion</hi>, Stuttgart und Zürich 1978,
                        und anderswo. Zur allgemeinen Frage der Relativität des Sehens siehe auch
                        die Arbeiten von R. L. Gregory, <hi rend="italic">Eye and</hi>
            <hi rend="italic">Brain</hi>, New York: McGraw-Hill Co., 1966; dt. <hi rend="italic">Auge und Gehirn</hi>, Frankfurt/M. 1972, und Marshall H.
                        Segall, Donald Campbell und Melville J. Herskovits, <hi rend="italic">The
                            Influence of Culture on Visual Perception</hi>, Indianapolis und New
                        York: The Bobbs-Merrill Co., Inc., 1966.</note> Das <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.27">Auge</term> beginnt immer schon
                    erfahren seine Arbeit, es wird von seiner eigenen Vergangenheit und von alten                
    und neuen Einflüsterungen des <term key="Ohr" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.28">Ohrs</term>, der <term key="Nase" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.29">Nase</term>, der <term key="Zunge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.30">Zunge</term>, der Finger, des <term key="Herz" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.31">Herzens</term> und des <term key="Gehirn" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.32">Gehirns</term>
                    beherrscht. Es funktioniert nicht allein und als Instrument aus eigener Kraft,
                    sondern als pflichtbewußtes Glied eines komplexen und kapriziösen Organismus.
                    Nicht nur wie, sondern auch was es sieht, wird durch Bedürfnis und Vorurteil
                        reguliert.<note n="6" type="endnote" xml:id="EN.3">Beispiele psychologischer
                        Forschung zu diesem Punkt finden sich bei Jerome S. Bruner, „On Perceptual
                        Readiness“, <hi rend="italic">Psychological Review</hi> 64 (1957), S.
                        123-152, und in anderen dort zitierten Artikeln; ebenso William P. Brown,
                        „Conceptions of Perceptual Defense“, <hi rend="italic">British Journal of
                            Psychology</hi>, <hi rend="italic">Monograph Supplement</hi> XXXV
                        (Cambridge, England: Cambridge University Press 1961).</note> Es wählt aus,
                    verwirft, organisiert, unterscheidet, assoziiert, klassifiziert, konstruiert.
                    Eher erfaßt und erzeugt es, als daß es etwas widerspiegelt; und was es erfaßt
                    und erzeugt, sieht es nicht entblößt, als etwas ohne Attribute, sondern als
                    Dinge, als Nahrung, als Leute, als Feinde, als Sterne, als Waffen. Nichts wird
                    entblößt gesehen oder bloß gesehen.</p>
        <p xml:id="P.4">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.3">Die Mythen vom
                        unschuldigen Auge und vom absolut Gegebenen sind üble Spießgesellen. Beide
                        entspringen sie der Vorstellung, die sie auch begünstigen, daß nämlich
                        Erkennen ein Verarbeiten von durch die Sinne geliefertem Rohmaterial sei und
                        daß dieses Rohmaterial sich entweder mittels Purifikationsriten oder mittels
                        methodischen Entinterpretierens aufdecken ließe.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.5">
          <pb n="20"></pb>
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.4">Aber
                        Rezeption und Interpretation lassen sich als Vorgänge nicht trennen; sie
                        sind vollständig voneinander abhängig. Das <term key="Kant, Immanuel" type="Person" xml:id="TM.23">Kantische</term> Diktum hallt hier
                        nach: Das <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.33">unschuldige Auge</term> ist blind und der jungfräuliche Geist ist leer.
                        Ferner läßt sich am fertigen Produkt nicht unterscheiden, was rezipiert und
                        was damit gemacht worden ist.</phr> Inhalt läßt sich nicht dadurch
                    freilegen, daß man Kommentarschichten abschält.<note n="7" type="endnote" xml:id="EN.4">Der Begriff des epistemologischen Primats des absolut
                        Gegebenen ist leer und die Suche nach ihm vergeblich; siehe hierzu mein <hi rend="italic">Structure of Appearance</hi> (2nd edition; Indianapolis
                        und New York: The Bobbs-Merrill Co., Inc., 1966 – fortan zitiert als SA), S.
                        132-145, und „Sense and Certainty“, <hi rend="italic">Philosophical
                            Review</hi>, 61 (1952), S. 160-167 (abgedruckt in PP, 60-68).</note>
        </p>
        <p xml:id="P.6">Dennoch tut ein Künstler häufig gut daran, sich um die Unschuld des
                    Auges zu bemühen. Diese Anstrengung bewahrt ihn bisweilen vor den ausgetretenen
                    Pfaden alltäglichen Sehens und führt zu neuen Einsichten. Die entgegengesetzte
                    Anstrengung, eine ganz persönliche Lesart voll zu entfalten, kann ebenfalls
                    belebend wirken – und zwar aus dem gleichen Grund. Doch beide, das neutralste
                    wie das parteiischste Auge, haben sich lediglich in verschiedener Weise
                    überentwickelt. Das asketischste und das verschwenderischste Sehen unterscheiden
                    sich – wie das nüchterne Porträt und die sarkastische Karikatur – nicht darin,
                        <hi rend="italic">wieviel</hi>, sondern nur darin, <hi rend="italic">wie</hi> sie interpretieren.</p>
        <p xml:id="P.7">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.5">Die Abbildtheorie der
                            <term key="Repräsentation" type="Episteme" xml:id="TM.16">Repräsentation</term> wird also schon zu Beginn durch ihr Unvermögen
                        behindert, zu spezifizieren, was kopiert werden soll. Nicht ein Gegenstand
                        in der Weise, wie er ist, noch in allen Weisen, noch in der Weise, wie er
                        für das geistlose Auge aussieht. Darüber hinaus ist gerade an der
                        Vorstellung etwas verkehrt, irgendeine der Weisen, in der ein Gegenstand
                        ist, irgendeinen Aspekt von ihm, zu kopieren. Denn ein Aspekt ist nicht nur
                        der
                        Gegenstand-aus-einer-gegebenen-Entfernung-und-einem-Blickwinkel-und-in-gegebener-Beleuchtung;
                        er ist der <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.17">Gegenstand</term>, wie wir ihn <term key="betrachten" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.35">betrachten</term> oder <term key="begreifen" type="Episteme" xml:id="TM.18">begreifen</term>, eine
                        Version oder ein Konstrukt des Gegenstandes. Wenn wir einen Gegenstand
                        repräsentieren, dann kopieren wir nicht solch ein Konstrukt oder eine
                        Interpretation – wir stellen sie her.<note n="8" type="endnote" xml:id="EN.5">Und dies trifft nicht weniger zu, wenn wir anstelle des
                            Stiftes oder Pinsels als Instrument eine Kamera benutzen. Die Wahl des
                            Instruments und seine Handhabung sind an dem Konstrukt beteiligt. Das
                            Werk eines Fotografen kann wie das eines Malers einen persönlichen Stil
                            aufweisen. Hinsichtlich der ‚Korrekturen‘, die für manche Kameras
                            eingerichtet sind, siehe Abschnitt 3 unten.</note>
          </phr>
        </p>
        <p xml:id="P.8">
          <pb n="21"></pb>Mit anderen Worten, nichts wird jemals entweder seiner
                    Eigenschaften völlig entkleidet oder in der Fülle seiner Eigenschaften
                    repräsentiert. Ein Bild repräsentiert niemals bloß x, sondern repräsentiert
                    vielmehr <hi rend="italic">x als</hi> einen Mann oder repräsentiert <hi rend="italic">x als einen</hi> Berg oder repräsentiert <hi rend="italic">die
                        Tatsache</hi>, daß x eine Melone <hi rend="italic">ist</hi>. Was damit
                    gemeint sein könnte, daß man eine Tatsache kopiert, wäre auch dann nur schwer zu
                    begreifen, wenn es solche Dinge wie Tatsachen gäbe; mich zu bitten, x als ein
                    Soundso zu kopieren, ist ein wenig so, als würde man mich bitten, etwas als ein
                    Geschenk zu verkaufen; und davon zu reden, daß man etwas so kopiert, daß es ein
                    Mann ist, ist barer Unsinn. Wir werden uns bald eingehender damit zu
                    beschäftigen haben; aber wir brauchen uns wohl kaum eingehender damit zu
                    beschäftigen, um einsehen zu können, wie wenig Repräsentation mit Nachahmung zu
                    tun hat.</p>
        <p xml:id="P.9">Die Argumente für die Relativität des Sehens und der Repräsentation
                    sind anderswo so überzeugend vorgetragen worden, daß ich der Notwendigkeit
                    enthoben bin, hier ausführlich darüber zu handeln. Insbesondere <term key="Gombrich, Ernst" type="Person" xml:id="TM.24">Gombrich</term> hat
                    erdrückende Belege zusammengetragen, um zu zeigen, wie sehr die Art und Weise,
                    in der wir sehen und abbilden, von Erfahrung, Praxis, Interessen und
                    Einstellungen abhängt und sich mit ihnen verändert.</p>
        <p xml:id="P.10">[…]<pb n="42"></pb>[…]Bei der Repräsentation muß der Künstler sich
                    alter Gewohnheiten bedienen, wenn er neue Gegenstände und Verknüpfungen
                    hervorbringen möchte. Wenn sein Bild so gesehen wird, daß es fast, aber nicht
                    ganz auf die gewöhnliche Ausstattung der alltäglichen Welt Bezug nimmt, oder
                    wenn es die Zuordnung zu einer gebräuchlichen Art von Bild fordert, sich ihr
                    aber auch widersetzt, dann kann es vernachlässigte Ähnlichkeiten oder
                    Unterschiede zutage fördern, ungewöhnliche Verbindungen festigen und in gewissem
                    Ausmaß unsere Welt neu erzeugen. Und wenn die Botschaft des Bildes nicht nur mit
                    Erfolg erzeugt, sondern auch gut aufgenommen wird, wenn die von ihm direkt und
                    indirekt bewirken Neuorientierungen fesselnd und folgenreich sind, dann leistet
                    das Bild – einem experimentum crucis gleich – einen echten Beitrag zum Wissen.
                    Auf die Klage hin, daß sein Porträt Gertrude Stein ihr nicht ähnlich sehe, soll
                    Picasso geantwortet haben: „Macht nichts; es wird.“<note n="*" type="endnote" xml:id="EN.6">Gertrude Stein überliefert die Begebenheit in <hi rend="italic">Autobiographie von Alice B. Toklas</hi>: „Nach einem
                        Weilchen sagte ich leise zu Picasso, daß mir sein Bildnis von Gertrude Stein
                        gut gefiele. Ja, sagte er, alle sagen, sie sehe nicht so aus, aber das ist
                        völlig einerlei, denn mal wird sie so aussehen.“ (A. d. Ü.)</note>
        </p>
        <p xml:id="P.11">Kurz, wirkungsvolle Repräsentation und Beschreibung erfordern
                    Erfindung. Sie sind kreativ. Sie beeinflussen einander; und sie formen,
                    verbinden und unterscheiden Gegenstände. Daß die Natur die Kunst nachahmt, ist
                    ein allzu zaghaftes Diktum. Die Natur ist ein Produkt aus Kunst und Diskurs.</p>
        <p xml:id="P.12">8. Realismus</p>
        <p xml:id="P.13">Dies läßt die untergeordnete Frage unbeantwortet, was <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.2">Realismus</term> der <term key="Repräsentation" type="Episteme" xml:id="TM.19">Repräsentation</term> konstituiert. Nach dem
                    Vorangegangenen sicherlich nicht irgendeine Art von <term key="Ähnlichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.3">Ähnlichkeit mit der
                        Realität</term>. Und doch vergleichen wir ja Repräsentationen im Hinblick
                    auf ihren Realismus oder Naturalismus oder ihre Treue. Wenn Ähnlichkeit nicht
                    das Kriterium ist, was dann?</p>
        <p xml:id="P.14">
          <pb n="43"></pb>Eine populäre Antwort ist die, daß der Test für Treue
                    in der <term key="Täuschung" type="Wirkung-Ergebnis" xml:id="TM.13">Täuschung</term> besteht, daß ein Bild gerade in dem Ausmaß realistisch
                    ist, in dem es eine gelungene <term key="Illusion" type="Wirkung-Ergebnis" xml:id="TM.14">Illusion</term> ist, die den Betrachter zu der Annahme
                    verleitet, daß das Bild ist, was es repräsentiert, oder daß es dessen
                    Eigenschaften besitzt. Der vorgeschlagene Maßstab für Realismus besteht mit
                    anderen Worten in der Wahrscheinlichkeit der Verwechslung von Repräsentation und
                    Repräsentiertem. Dies ist ein gewisser Fortschritt gegenüber der Abbildtheorie;
                    denn wichtig ist hier nicht, wie genau das Bild einen Gegenstand dupliziert,
                    sondern inwieweit Bild und Gegenstand unter jeweils angemessenen
                    Beobachtungsbedingungen zu denselben Reaktionen und Erwartungen führen. Ferner
                    wird die Theorie nicht unmittelbar durch die Tatsache erschüttert, daß fiktive
                    Repräsentationen sich in ihrem Grad von Realismus unterscheiden; denn obwohl es
                    keine Kentauren gibt, könnte ein realistisches Bild mich durch Täuschung dazu
                    bringen, es für einen Kentauren zu halten.</p>
        <p xml:id="P.15">Es gibt jedoch Schwierigkeiten. Was uns täuscht, hängt davon ab,
                    was man beobachtet, und was man beobachtet, variiert mit Interessen und
                    Gewohnheiten. Wenn die Wahrscheinlichkeit der Verwechslung ist, dann haben wir
                    keine Repräsentation mehr – wir haben <term key="Identität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.4">Identität</term>. Ferner
                    steigt selbst bei einem unter normalen Galeriebedingungen betrachteten
                    tückischen Trompe-l&apos;œil-Gemälde die Wahrscheinlichkeit selten merklich über Null
                    an. Denn ein Bild als ein Bild zu sehen schließt aus, es fälschlich für etwas
                    anderes zu halten; und die angemessenen Beobachtungsbedingungen (z.B. gerahmt,
                    vor einem einheitlichen Hintergrund usw.) sind darauf angelegt, Täuschung zu
                    vereiteln. Täuschung bedient sich solcher Tricks wie einer suggestiven Szenerie
                    oder eines Gucklochs, das Rahmen und Hintergrund ausblendet. Und unter solch
                    unüblichen Bedingungen ist Täuschung kein Test für Realismus; denn mit
                    hinreichender Manipulation kann selbst das unrealistischste Bild täuschen.
                    Täuschung gilt weniger als Maßstab für Realismus denn als Anzeichen für
                    Zauberkunst; sie ist eine höchst untypische Panne. Wenn ich ein sehr
                    realistisches Bild anschaue, gehe ich doch selten davon aus, daß ich
                    buchstäblich in die Ferne greifen, die Tomate schneiden oder die Trommel
                    schlagen kann. Vielmehr erkenne ich die Bilder als Zeichen für die
                    repräsentierten Gegenstände und Charakteristika – Zeichen, die<pb n="44"></pb>sofort
                    und unmißverständlich funktionieren, ohne daß sie mit dem von ihnen Denotierten
                    verwechselt werden. Natürlich können wir bisweilen dort, wo Täuschung vorkommt –
                    etwa durch ein gemaltes Fenster in einer Wandmalerei – das Bild in der Tat
                    realistisch nennen; aber solche Fälle geben keine Grundlage dafür ab, Bilder
                    allgemein in mehr oder weniger realistische zu ordnen.</p>
        <p xml:id="P.16">Gedanken in dieser Richtung haben zu der Annahme geführt, das
                    realistischste Bild sei jenes, das den größten Betrag an sachdienlicher
                    Information liefert. Aber diese Hypothese läßt sich schnell und vollständig
                    widerlegen. Nehmen wir ein realistisches Bild, das in normaler Perspektive und
                    mit üblichen Farben gemalt ist, und ein zweites Bild, das dem ersten genau
                    gleicht außer darin, daß die Perspektive umgekehrt und jede Farbe durch ihre
                    Komplementärfarbe ersetzt ist. Das zweite Bild liefert, wenn man es angemessen
                    interpretiert, genau dieselbe Information wie das erste. Und es sind noch
                    beliebig viele andere drastische, aber informationsbewahrende Transformationen
                    möglich. Offenbar können realistische und unrealistische Bilder gleich
                    informativ sein; der Informationsertrag ist kein Test für Realismus.</p>
        <p xml:id="P.17">Bisher brauchten wir nicht zwischen <term key="Treue" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.5">Treue</term> und <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.6">Realismus</term> zu unterscheiden. Für das eine wie für das andere haben
                    sich die früher untersuchten Kriterien als unbefriedigend erwiesen. Wir können
                    sie jedoch nicht mehr gleichsetzen. Die beiden soeben beschriebenen Bilder sind
                    gleich korrekt, gleich getreu dem gegenüber, was sie repräsentieren, sie liefern
                    dieselbe und daher auch gleich wahre Information; und doch sind sie nicht gleich
                    realistisch oder buchstäblich. Soll ein Bild getreu sein, so bedeutet das für
                    den repräsentierten Gegenstand lediglich, daß er die Eigenschaften hat, die das
                    Bild ihm in Wirklichkeit zuschreibt. Aber eine solche Treue oder Korrektheit
                    oder Wahrheit stellt keine hinreichende Bedingung für Buchstäblichkeit oder
                    Realismus dar.</p>
        <p xml:id="P.18">Der aufgeweckte Absolutist wird einwenden, daß wir für das zweite
                    Bild, nicht aber für das erste, einen Schlüssel brauchen. Der Unterschied
                    besteht aber eher darin, daß der Schlüssel für das erste zur Verfügung steht. Um
                    das zweite Bild richtig lesen zu können, müssen wir Interpretationsregeln
                    herausfinden und sie bewußt anwenden. Das erste lesen wir nahezu automatisch
                        und<pb n="45"></pb>gewohnheitsmäßig; die Praxis hat die Symbole so transparent
                    werden lassen, daß wir uns einer Anstrengung oder irgendwelcher Alternativen
                    oder der Tatsache, daß wir interpretieren, überhaupt nicht bewußt sind.<note n="28" type="endnote" xml:id="EN.7">Vgl. Descartes, <hi rend="italic">Meditations on the First Philosophy</hi>, übers, von E.S. Haldane und
                        G.R.T. Ross, New York: Dover Publications, Inc., 1955, Bd. 1, S. 155 (dt.
                            <hi rend="italic">Meditationen über die Grundlagen der Philosophie</hi>,
                        Hamburg 1993); auch Berkeley, „Essays Towards a New Theory of Vision“, in
                            <hi rend="italic">Works on Vision</hi>, ed. C.M. Turbayne, New York: The
                        Bobbs-Merrill Co., Inc., 1963, S. 42 (dt. <hi rend="italic">Versuch über
                            eine neue Theorie des Sehens</hi>, Hamburg 1989).</note> Genau hier
                    liegt, denke ich, der Prüfstein für Realismus: nicht in der Quantität der
                    Information, sondern in der Leichtigkeit, mit der sie fließt. Und dies hängt
                    davon ab, wie stereotyp der Modus der Repräsentation ist, wie gebräuchlich die
                    Etiketten und ihre Verwendungen geworden sind.</p>
        <p xml:id="P.19">
          <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.7">Realismus</term> ist relativ; er wird durch das
                    Repräsentationssystem festgelegt, das für eine gegebene Kultur oder Person zu
                    einer gegebenen Zeit die Norm ist. Neuere, ältere oder fremde Systeme hält man
                    für unnatürlich oder ungeschickt. Etwas auf einfache Weise zu repräsentieren ist
                    für einen Ägypter der fünften Dynastie nicht dasselbe wie für einen Japaner des
                    18. Jahrhunderts; und für einen Engländer des frühen 20. Jahrhunderts ist es
                    wieder etwas ganz anderes als für die beiden ersteren. Jeder müßte bis zu einem
                    gewissen Grade lernen, wie man ein Bild in jedem der anderen Stile liest. Diese
                    Relativität wird durch unsere Neigung verschleiert, einen Bezugsrahmen dann
                    nicht zu spezifizieren, wenn es unser eigener ist. „Realismus“ wird daher oft
                    als Name für einen bestimmten Stil oder ein bestimmtes Repräsentationssystem
                    verwendet. Genauso wie wir auf diesem Planeten gewöhnlich Objekte für fixiert
                    halten, wenn sie in einer konstanten Position relativ zur Erde sind, so halten
                    wir in dieser Epoche und an diesem Ort gewöhnlich Gemälde für buchstäblich oder
                    realistisch, wenn sie einen traditionellen europäischen Stil der Repräsentation
                        haben.<note n="29" type="endnote" xml:id="EN.8">Oder konventionellen; aber
                        „konventionell“ ist ein gefährlich mehrdeutiger Ausdruck: Man denke etwa an
                        den Gegensatz zwischen „sehr konventionell“ (als „ganz gewöhnlich“) und
                        „hoch konventionell“ oder „hoch konventionalisiert“ (als „sehr
                        künstlich“).</note> Aber eine derart egozentrische Ellipse<pb n="46"></pb>darf
                    uns nicht zu der Folgerung verleiten, daß diese Objekte (oder irgendwelche
                    anderen) absolut fixiert oder daß solche Bilder (oder irgendwelche anderen)
                    absolut realistisch sind. Normenwechsel kann ziemlich rasch vor sich gehen.
                    Gerade die Effektivität, die eine umsichtige Abkehr von einem traditionellen
                    Repräsentationssystem begleiten kann, veranlaßt uns manchmal dazu, zumindest
                    vorübergehend den neueren Modus zur Norm zu erklären. Wir sprechen dann davon,
                    daß ein Künstler einen neuen Grad des Realismus erreicht oder neue Mittel zur
                    realistischen Wiedergabe (etwa) von Licht oder Bewegung gefunden hat. Hier
                    geschieht etwas ähnliches wie die „Entdeckung“, daß nicht die Erde, sondern die
                    Sonne „wirklich stillsteht“. Die Vorzüge eines neuen Bezugsrahmens begünstigen
                    zum Teil wegen seiner Neuheit in gewissen Fällen seine Einsetzung anstelle des
                    herkömmlichen. Ob ein Objekt „wirklich fixiert“ oder ein Bild <term key="realistisch" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.8">realistisch</term> ist, hängt nichtsdestoweniger jederzeit ganz und gar
                    davon ab, welcher Rahmen oder Modus gerade die <term key="Norm" type="Episteme" xml:id="TM.20">Norm</term> ist. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.6">
            <phr subtype="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.7">
              <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.9">Realismus</term> ist keine Frage irgendeiner konstanten oder
                            absoluten Beziehung zwischen einem Bild und seinem Gegenstand, sondern
                            eine Frage der Beziehung zwischen dem im Bild verwendeten
                            Repräsentationssystem und dem Standardsystem</phr>. Meist wird natürlich
                        das traditionelle System als Standard genommen; und das buchstäbliche oder
                        realistische oder naturalistische Repräsentationssystem ist schlicht das
                        herkömmliche. <phr subtype="Repräsentation" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.8">
              <term key="Repräsentation" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.10">Realistische Repräsentation</term> hängt, kurz gesagt, nicht von
                            Imitation oder Illusion oder Information, sondern von Impfung ab</phr>.                       
 Fast jedes Bild kann fast alles repräsentieren; d.h., sind Bild und
                        Gegenstand gegeben, dann gibt es normalerweise ein Repräsentationssystem,
                        einen Korrelationsplan, nach dem das Bild den Gegenstand repräsentiert.<note n="30" type="endnote" xml:id="EN.9">Es gibt in der Tat viele solcher
                            Systeme. Ein Bild, das in einem (unvertrauten) System eine korrekte,
                            aber höchst unrealistische Repräsentation eines Gegenstandes ist, kann
                            in einem anderen (dem Standard-) System eine realistische, aber sehr
                            inkorrekte Repräsentation desselben Gegenstandes sein. Nur wenn man im
                            Standardsystem genaue Information erhält, repräsentiert das Bild den
                            Gegenstand sowohl korrekt als auch buchstäblich.</note> Wie korrekt das
                        Bild nach diesem System ist, richtet sich danach, wie genau die Information
                        über den Gegenstand ist, die man erhält, wenn man das Bild system<c type="hyphen"></c>
            <pb n="47"></pb>gemäß liest. Aber wie buchstäblich oder
                        realistisch das Bild ist, richtet sich danach, wie sehr das System zum
                        Standard geworden ist. <phr subtype="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.9">Wenn
                            Repräsentation eine Frage der Wahl ist und Korrektheit eine Frage der
                            Information, dann ist <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.11">Realismus</term>
                            eine Frage der Gewohnheit</phr>.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.20">Unter diesen Bedingungen wird unsere Sucht, <term key="Ähnlichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.12">Ähnlichkeit</term> für
                    den Maßstab von Realismus zu halten, trotz überwältigender Gegenbeweise leicht
                    verständlich. Repräsentationale Gewohnheiten, die für Realismus bestimmend sind,
                    führen auch dazu, Ähnlichkeit zu erzeugen. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.10">
            <phr subtype="Natur" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.11">Daß ein Bild wie die
                                <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.1">Natur</term>
                            aussieht, bedeutet oft nur, daß es so aussieht, wie die Natur gewöhnlich
                            gemalt wird</phr>

          </phr>. Außerdem, was mich dazu verleiten will
                    anzunehmen, ich hätte einen Gegenstand einer bestimmten Art vor mir, hängt davon
                    ab, was ich an solchen Gegenständen beachtet habe, und dies wiederum wird von
                    der Art und Weise beeinflußt, wie ich sie gewöhnlich abgebildet sehe.
                    Ähnlichkeit und die Fähigkeit zu täuschen, die bei weitem keine konstanten und
                    unabhängigen Quellen und Kriterien repräsentationaler Praxis darstellen, sind
                    bis zu einem gewissen Grade deren Produkte.<note n="31" type="endnote" xml:id="EN.10">Weder hier noch anderswo habe ich behauptet, es gebe keine
                        konstante Ähnlichkeitsbeziehung; obwohl ungenau und fehlbar, sind Urteile
                        über Ähnlichkeit in ausgewählten und vertrauten Hinsichten doch ebenso
                        objektiv und kategorisch wie irgendwelche anderen, die wir bei der
                        Beschreibung der Welt fällen. Aber Urteile über komplexe umfassende
                        Ähnlichkeit sind etwas anderes. Zunächst einmal hängen sie von den Aspekten
                        oder Faktoren ab, unter denen die betreffenden Gegenstände verglichen
                        werden; und das hängt sehr von der konzeptuellen und perzeptuellen
                        Gewohnheit ab. Zum zweiten entsprechen sich, selbst wenn man die Faktoren
                        festgelegt hat, Ähnlichkeiten entlang den verschiedenen Achsen nicht
                        unmittelbar, und der Grad der Gesamtähnlichkeit wird davon abhängen, in
                        welcher Weise die verschiedenen Faktoren gewichtet werden. Normalerweise hat
                        zum Beispiel Nähe bezüglich der geographischen Lage wenig zu tun mit unserem
                        Urteil über die Ähnlichkeit zwischen Gebäuden, aber sie hat viel zu tun mit
                        unserem Urteil über die Ähnlichkeit zwischen Bauplätzen. Die Beurteilung der
                        Gesamtähnlichkeit unterliegt einer Unmenge von Einflüssen, und unsere
                        repräsentationalen Gewohnheiten sind nicht die geringsten unter ihnen. Mit
                        einem Wort: Ich habe zu zeigen versucht, daß, insofern Ähnlichkeit eine
                        konstante und objektive Beziehung ist, Ähnlichkeit zwischen einem Bild und
                        dem, was es repräsentiert, nicht mit Realismus zusammenfällt; und daß,
                        insofern Ähnlichkeit mit Realismus zusammenfällt, die Kriterien der
                        Ähnlichkeit mit den Veränderungen in der repräsentierenden Praxis
                        variieren.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.21"></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
