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        <title>
          <quote>Unsere lyrische und epische Poesie seit
                    1848</quote>
          <date>1853</date>
        </title>
        <author>Fontane, Theodor</author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <idno type="PID">o:reko.font.1853</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl type="source">Theodor Fontane: &quot;Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848&quot;,
                    in: <hi rend="italic">Sämtliche Werke.</hi> Bd. 21: <hi rend="italic">Literarische Essays und Studien</hi>. Erster Teil, gesammelt u. hrsg. von
                    Kurt Schreinert. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1963, S. 7-15.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848&quot;, in:<hi rend="italic"> Deutsche Annalen zur Kenntniß der Gegenwart und Erinnerung an
                        die Vergangenheit </hi>1 (1853), S. 353-377.</bibl>
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          <category xml:id="rek.genre">
            <catDesc>Genre</catDesc>
            <category>
              <catDesc>Essay</catDesc>
            </category>
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            <catDesc>Media</catDesc>
            <category>
              <catDesc>Literatur</catDesc>
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        <p xml:id="P.1">
          <pb n="7"></pb>Es gibt neunmalweise Leute in Deutschland, die mit dem
                    letzten <term key="Goethe, Johann Wolfgang von" type="Person" xml:id="TM.13">Goetheschen</term> Papierschnitzel unsere Literatur für geschlossen
                    erklären. Forscht man näher nach bei ihnen, so teilen sie einem vertraulich mit,
                    daß sie eine neue Blüte derselben überhaupt für unwahrscheinlich halten, am
                    wenigsten aber auch nur die kleinsten Keime dazu in den Hervorbringungen der
                    letzten zwanzig Jahre gewahren könnten. Wir kennen dies Lied. Die goldenen
                    Zeiten sind immer <hi rend="italic">vergangene</hi> gewesen. Wollten jene
                    Herren, die so grausam über alles Neue den Stab brechen, nach der eigensten
                    Wurzel ihres absprechenden Urteils forschen, sie würden sie in selbstsüchtiger
                    Bequemlichkeit und in nichts Besserm finden. Gerechtigkeit gegen Zeitgenossen
                    ist immer eine schwere Tugend gewesen, aber sie ist doppelt schwer auf einem
                    Gebiete, wo das wuchernde Unkraut dem flüchtigen Beschauer die echte Blüte
                    verbirgt. Solche Blüten sind mühsam zu finden, aber sie sind da. Was uns angeht,
                    die wir seit einem Dezennium nicht müde werden, auf dem dunklen Hintergrunde der
                    Tagesliteratur den Lichtstreifen des Genius zu verfolgen, so bekennen wir unsere
                    feste Überzeugung dahin, daß wir nicht rückwärts, sondern vorwärts schreiten und
                    daß wir drauf und dran sind, einem Dichter die Wege zu bahnen, der um der
                    Richtung willen, die unsere Zeit ihm vorzeichnet, berufen sein wird, eine neue
                    Blüte unserer Literatur, vielleicht ihre höchste, herbeizuführen.</p>
        <p xml:id="P.2">Was unsere Zeit nach allen Seiten hin charakterisiert, das ist ihr
                        <term key="Realismus" rend="italic" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.11">Realismus</term>. Die Ärzte verwerfen alle Schlüsse und Kombinationen, sie
                    wollen Erfahrungen; die Politiker (aller Parteien) richten ihr Auge auf das                
    wirkliche Bedürfnis und verschließen ihre Vortrefflichkeitsschablonen ins Pult;
                    Militärs zucken die Achsel über unsere preußische Wehrverfassung und fordern
                    „alte Grenadiere“ statt „junger Rekruten“; vor allem aber sind<pb n="8"></pb>es die
                    materiellen Fragen, nebst jenen tausend Versuchen zur Lösung des sozialen
                    Rätsels, welche so entschieden in den Vordergrund treten, daß kein Zweifel
                    bleibt: die Welt ist des Spekulierens müde und verlangt nach jener „frischen
                    grünen Weide“, die so nah lag und doch so fern.</p>
        <p xml:id="P.3">Dieser Realismus unserer Zeit findet in der <hi rend="italic">Kunst</hi> nicht nur sein entschiedenstes Echo, sondern äußert sich
                    vielleicht auf keinem Gebiet unsers Lebens so augenscheinlich wie gerade in ihr.
                    Die bildende Kunst, vor allem die Skulptur, ging hier mit gutem Beispiel voran.
                    Als <hi rend="italic">Gottfried Schadow</hi> die Kühnheit hatte, den Zopf in die
                    Kunst einzuführen, nahm er ihr zugleich den Zopf. So wurde der „<hi rend="italic">Alte Dessauer</hi>“, an dessen Dreimaster und Gamaschen wir
                    jetzt gleichgültig vorübergehen, zu einer Tat von unberechenbarer Wirkung. Jener
                    Statue zur Seite stehen <hi rend="italic">Schwerin</hi> und <hi rend="italic">Winterfeldt</hi> in antikem Kostüme, und wahrlich, wenn es Absicht gewesen
                    wäre, das Ridiküle der einen Richtung und das Frische, Lebensfähige der andern
                    zur Erscheinung zu bringen, die Zusammenstellung hätte nicht sprechender
                    getroffen werden können. Seit fünfzig Jahren sind wir auf dem betretenen Wege
                    fortgeschritten in Malerei, Skulptur und Dichtkunst, und es war ein Triumphtag
                    für jene neue Richtung, von der wir uns eine höchste Blüte moderner Kunst
                    versprechen, als die Hülle vom Standbild Friedrichs des Großen fiel und der
                    „König mit dem Krückstocke“ auf ein jubelndes Volk herniederblickte. Dieser „<hi rend="italic">Alte Fritz</hi>“ des genialen <hi rend="italic">Rauch</hi> ist
                    übrigens nicht das Höchste der neuen Kunst; er gehört jenem Entwicklungsstadium
                    an, durch das wir notwendig hindurch müssen; es ist der nackte, prosaische <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.3">Realismus</term>, dem noch durchaus die poetische Verklärung fehlt.</p>
        <p xml:id="P.4">Wir haben bei der Skulptur (in der Malerei würden wir als besonders
                    charakteristisch <hi rend="italic">Adolf</hi>
          <hi rend="italic">Menzel</hi> und den Amerikaner <hi rend="italic">Emanuel
                        Leutze</hi> zu nennen haben) mit vollem Vorbedacht so lange verweilt, einmal
                    um an bekannten Beispielen darzutun, wie bedeutsam und in die Augen springend
                    das Grundstreben unserer Zeit sich bereits auf einzelnen Kunstgebieten geltend
                    gemacht hat, andererseits um verstanden zu werden, wenn wir in bezug auf die
                    Dichtkunst ausrufen: Was uns zunächst nottut, ist ein Meister Rauch unter den
                    Poeten. Er, als der ent<c type="hyphen"></c>
          <pb n="9"></pb>schiedenste, wennschon nicht
                    höchste Ausdruck einer neuen Kunstrichtung, fehlt uns noch, aber es fehlt uns
                    nicht die Richtung überhaupt. Die moderne Kunst ist auf allen Gebieten dieselbe,
                    und ihre Unterschiede sind nur quantitativer Natur, wie sie durch ein
                    verschiedenes Maß von Kraft und Talent bedingt werden. Wir haben im Roman einen
                        <hi rend="italic">Jeremias Gotthelf</hi>, im Drama einen <hi rend="italic">Hebbel</hi>, in der Lyrik einen <hi rend="italic">Freiligrath</hi>. Bevor
                    wir indes dazu übergehen, diesen Realismus teils an den einzelnen Erscheinungen
                    unserer modernen Literatur nachzuweisen, teils darzutun, was wir auf diesem
                    Gebiete unter Realismus verstehen, sei uns noch gestattet, ein Art Genesis
                    desselben zu geben.</p>
        <p xml:id="P.5">Der <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.4">Realismus</term> in der Kunst ist so alt als die Kunst
                    selbst, ja, noch mehr: <hi rend="italic">er ist die Kunst</hi>. Unsere moderne
                    Richtung ist nichts als eine Rückkehr auf den einzig richtigen Weg, die
                    Wiedergenesung eines Kranken, die nicht ausbleiben konnte, solange sein
                    Organismus noch überhaupt ein lebensfähiger war. Der unnatürlichen
                    Geschraubtheit <hi rend="italic">Gottscheds</hi> mußte, nach einem ewigen
                    Gesetz, der schöne, noch unerreicht gebliebene Realismus <hi rend="italic">Lessings</hi> folgen, und der blühende Unsinn, der während der dreißiger
                    Jahre dieses Jahrhunderts sich aus verlogener Sentimentalität und gedankenlosem
                    Bilderwust entwickelt hatte, mußte als notwendige Reaktion eine Periode
                    ehrlichen Gefühls und gesunden Menschenverstandes nach sich ziehen, von der wir
                    kühn behaupten: sie ist da. Aus dem Gesagten ergibt sich von selbst eine nahe
                    Verwandtschaft zwischen der Kunstrichtung unserer Zeit und jener vor beinahe
                    hundert Jahren, und, in der Tat, die Ähnlichkeiten sind überraschend. Das
                    Frontmachen gegen die Unnatur, sie sei nun Lüge oder Steifheit, die
                    Shakespeare-Bewunderung, das Aufhorchen auf die Klänge des Volksliedes – unsere
                    Zeit teilt diese charakteristischen Züge mit den sechziger und siebziger Jahren
                    des vorigen Jahrhunderts, und es sollte uns nicht schwerfallen, die
                    Persönlichkeiten zu bezeichnen, welche die <hi rend="italic">Herder</hi> und <hi rend="italic">Bürger</hi> unserer Tage sind oder zu werden versprechen. Das
                    klingt wie Blasphemie und ist es doch keineswegs. Man warte ab, was sich aus
                    unsern jungen Kräften entwickelt, und überlasse es dem Jahre 1900, zwischen uns
                    und jenen zu entschei<c type="hyphen"></c>
          <pb n="10"></pb>den. Aber, gesetzt auch, daß
                    die poetische Kraft und Fülle derer, die wir für berufen erachten, das
                    angefangene und wieder unterbrochene Werk der hervorragenden Geister des vorigen
                    Jahrhunderts fortzusetzen, sich als zu schwach für solche Aufgabe erweisen
                    sollte, so sind wir doch entschieden der Meinung, daß unser Irrtum sich
                    lediglich auf die Personen beschränken wird und daß neben diesen notwendig sich
                    Talente entwickeln müssen, die bei gleicher dichterischer Begabung den Göttinger
                    Dichterbund und selbst die Heroen der Sturm- und Drangperiode um soweit
                    überflügeln werden, als sie ihnen an klarer Erkenntnis dessen, worauf es
                    ankommt, voraus sind. Es ist töricht, Autoritäten im Glanze unfehlbarer Götter
                    zu erblicken. Dem Guten folgt eben das Bessere. Unsere Zeit weiß mehr von
                    Shakespeare, als man vor hundert Jahren von ihm wußte, und selbst Tieck und
                    Schlegel werden sich nächstens Verbesserungen gefallen lassen müssen. Der alte
                    Isegrim Wolf stach den Voß aus, und es ist keine Frage, daß man sich auf
                    englische und spanische Volksgesänge heutzutage besser versteht als zu den
                    Zeiten Bürgers und Herders. Man weiß mehr von den Sachen, und mit dem Wissen ist
                    größere Klarheit und Erkenntnis gekommen; einem kommenden Genius ist
                    vorgearbeitet; er wird sich nicht zersplittern, nicht rechts und links
                    umherzutappen haben; er wird seine Stelle finden, wie sie Shakespeare fand. Das
                    ist der Unterschied zwischen dem Realismus unserer Zeit und dem des vorigen
                    Jahrhunderts, daß der letztere ein bloßer Versuch (wir sprechen von der Periode
                    nach Lessing), ein Zufall, im günstigsten Falle ein unbestimmter Drang war,
                    während dem unserigen ein fester Glaube an seine ausschließliche Berechtigung
                    zur Seite steht.</p>
        <p xml:id="P.6">Es dürfte vielleicht eben hier an der Stelle sein, mit wenigen
                    Worten auf das Verhältnis hinzuweisen, das die beiden Träger unserer sogenannten
                    klassischen Periode jener Richtung gegenüber einnehmen, die wir in Vorstehendem
                    nicht Anstand genommen haben entschieden als die unserige zu bezeichnen. Beide,
                        <term key="Goethe, Johann Wolfgang von" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.14">Goethe</term> wie <term key="Schiller, Friedrich" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.15">Schiller</term>, waren entschiedene
                    Vertreter des Realismus, solange sie, „unangekränkelt von der Blässe des
                    Gedankens“, lediglich aus einem vollen Dichterherzen heraus ihre Werke schufen.
                    „Werther“, „Götz von Berlichingen“ und<pb n="11"></pb>die wunderbar-schönen, im
                    Volkstone gehaltenen Lieder der Goetheschen Jugendperiode, soviele ihrer sind,
                    sind ebenso viele Beispiele für unsere Behauptung, und Schiller nicht minder
                    (dessen Lyrik freilich den Mund zu voll zu nehmen pflegte) stand mit seinen
                    ersten Dramen völlig auf jenem Felde, auf dem auch wir wieder, sei&apos;s über kurz
                    oder lang, einer neuen reichen Ernte entgegensehen. Die jetzt nach Modebrauch
                    (und auf Kosten des ganzen übrigen Mannes) über alle Gebühr verherrlichten
                    „Räuber“ gehören dieser Richtung weniger an als „Fiesko“ und „Kabale und Liebe“;
                    denn der Realismus ist der geschworene Feind aller Phrase und
                    Überschwenglichkeit; keine glückliche, ihm selber angehörige Wahl des Stoffs
                    kann ihn aussöhnen mit solchen Mängeln in der Form, die seiner Natur zuwider
                    sind. – Im übrigen blieben ihm unsere großen Männer nicht treu fürs Leben;
                    Schiller brach in seinen letzten Arbeiten vollständig mit ihm, und Goethe (der
                    in der Form ihn immer hatte und immer bewahrte) verdünnte den Realismus seiner
                    Jugend zu der gepriesenen Objektivität seines Mannesalters. Diese <term key="Objektivität" type="Episteme" xml:id="TM.8">Objektivität</term> ist dem
                    Realismus nahe verwandt, in gewissen Fällen ist sie dasselbe; sie unterscheiden
                    sich nicht im Wie, sondern im Was, jene ist das Allgemeine, dieser das
                    Besondere; die „Braut von Korinth“ hat Objektivität, das jede Herzensfaser
                    erschütternde „Ach neige, du Schmerzensreiche“ hat Realismus. Wir werden bald
                    Gelegenheit finden, uns des weitern hierüber auszulassen. An dieser Stelle nur
                    noch die Beantwortung der Frage: war der „Torquato Tasso“ (die Vollendung der
                    Dichtung in ihrem Genre wird niemand bekämpfen) oder gar die „Jungfrau von
                    Orleans“ ein Fortschritt oder nicht? Wir beantworten diese Frage mit einem
                    bloßen Hinweis auf Lessing oder auf Shakespeare, der übrigens (weil er als Poet
                    und nicht als Kritiker dichtete) das Prinzip, um das es sich hier handelt, in
                    minder ausschließlicher Reinheit vertritt. Der „Nathan“, diese reifste Frucht
                    eines erleuchteten Geistes, der – gleichviel ob Dichter oder nicht – wie keiner,
                    weder vor ihm noch nach ihm, wußte, worauf es ankommt, liefert uns den
                    sprechenden Beweis, daß dreißig Jahre voll eifervollen Studiums, voll
                    Nachdenkens und Erfahrung außerstande gewesen waren, die Anschauun<c type="hyphen"></c>
          <pb n="12"></pb>gen von einer ausschließlichen Berechtigung des
                    Realismus innerhalb der Kunst im Herzen unserer großen kritischen Autorität zu
                    erschüttern, und, wenn es irgendwo gestattet ist, auf Autoritäten zu schwören,
                    so dürfte hier die Stelle sein. Wir wiederholen, auch der „Nathan“ ist auf dem
                    Boden des Realismus gewachsen, und, weil wir nicht eben überrascht sein würden,
                    diese unsere Behauptung selbst von halben Richtungsgenossen angezweifelt zu
                    sehen, zögern wir nunmehr nicht länger, unsere Ansicht darüber auszusprechen,
                    was wir überhaupt unter <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.5">Realismus</term> verstehen.</p>
        <p xml:id="P.7">
          <phr subtype="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.1">Vor allen Dingen verstehen wir <hi rend="italic">nicht</hi> darunter das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am
                        wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten.</phr> Traurig genug, daß
                    es nötig ist, derlei sich von selbst verstehende Dinge noch erst versichern zu
                    müssen. Aber es ist noch nicht allzu lange her, daß man (namentlich in der
                    Malerei) <hi rend="italic">Misere</hi> mit Realismus verwechselte und bei
                    Darstellung eines sterbenden Proletariers, den hungernde Kinder umstehen, oder
                    gar bei Produktionen jener sogenannten Tendenzbilder (schlesische Weber, das
                    Jagdrecht u. dgl. m.) sich einbildete, der Kunst eine glänzende Richtung
                    vorgezeichnet zu haben. <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.2">Diese Richtung verhält sich zum echten Realismus wie das rohe Erz zum
                        Metall: die Läuterung fehlt.</phr> Wohl ist das Motto des Realismus der
                    Goethesche Zuruf:</p>
        <p xml:id="P.8">Greif nur hinein ins volle Menschenleben,</p>
        <p xml:id="P.9">Wo du es packst, da ist&apos;s interessant,</p>
        <p xml:id="P.10">aber freilich, die Hand, die diesen Griff tut, muß eine
                    künstlerische sein. Das <term key="Leben" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.1">Leben</term> ist doch immer nur der Marmorsteinbruch, der den Stoff zu
                        <term key="unendlich" type="Episteme" xml:id="TM.9">unendlichen</term>
          <term key="Bild" type="Form" xml:id="TM.12">Bildwerken</term> in sich trägt; sie
                    schlummern darin, aber nur dem Auge des Geweihten sichtbar und nur durch seine
                    Hand zu erwecken. Der Block an sich, nur herausgerissen aus einem größern
                    Ganzen, ist noch kein Kunstwerk, und dennoch haben wir die Erkenntnis als einen
                    unbedingten Fortschritt zu begrüßen, daß es zunächst des Stoffes, oder sagen wir
                    lieber des <term key="Wirkliche, das" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.2">Wirklichen</term>, zu allem künstlerischen Schaffen bedarf.
                    Diese Erkenntnis, sonst nur im einzelnen mehr oder minder lebendig, ist in einem
                        Jahrzehnt<pb n="13"></pb>zu fast universeller Herrschaft in den Anschauungen und
                    Produktionen unserer Dichter gelangt und bezeichnet einen abermaligen Wendepunkt
                    in unserer Literatur. Ein Gedicht wie die in ihrer Zeit mit Bewunderung gelesene
                    „Bezauberte Rose“ könnte in diesem Augenblicke kaum noch geschrieben,
                    keinesfalls aber von Preisrichtern gekrönt werden; der „Weltschmerz“ ist unter
                    Hohn und Spott längst zu Grabe getragen; jene Tollheit, die „dem Felde kein
                    golden Korn wünschte, bevor nicht Freiheit im Lande herrsche“, hat ihren
                    Urteilsspruch gefunden, und jene Bildersprache voll hohlen Geklingels, die,
                    anstatt dem Gedanken Fleisch und Blut zu geben, zehn Jahre lang und länger nur
                    der bunte Fetzen war, um die Gedankenblöße zu bergen, ist erkannt worden als
                    das, was sie war. Diese ganze Richtung, ein Wechselbalg aus bewußter Lüge,
                    eitler Beschränktheit und blümerantem Pathos, ist verkommen „in ihres Nichts
                    durchbohrendem Gefühle“, und der Realismus ist eingezogen wie der Frühling,
                    frisch, lachend und voller Kraft, ein Sieger ohne Kampf.</p>
        <p xml:id="P.11">Wenn wir in Vorstehendem – mit Ausnahme eines einzigen Kernspruchs
                    – uns lediglich negativ verhalten und überwiegend hervorgehoben haben, was der
                        <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.6">Realismus</term> nicht ist, so geben wir nunmehr unsere Ansicht über das,
                    was er ist, mit kurzen Worten dahin ab: <phr subtype="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.3">Er ist die
                        Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen
                        im Elemente der Kunst</phr>; er ist, wenn man uns diese scherzhafte Wendung
                    verzeiht, eine „<hi rend="italic">Interessenvertretung</hi>“ auf seine Art. Er
                    umfängt das ganze reiche Leben, das Größte wie das Kleinste: den Kolumbus, der
                    der Welt eine neue zum Geschenk machte, und das Wassertierchen, dessen Weltall
                    der Tropfen ist; den höchsten Gedanken, die tiefste Empfindung zieht er in sein
                    [sic] Bereich, und die Grübeleien eines Goethe wie Lust und Leid eines Gretchen
                    sind sein Stoff. Denn alles das ist <hi rend="italic">wirklich</hi>. <phr subtype="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.4">Der
                            <term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.7">Realismus</term> will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese;
                        er will am allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das <term key="Wahre, das" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.10">Wahre</term>.</phr> Er schließt nichts aus als die Lüge, das Forcierte,
                    das Nebelhafte, das Abgestorbene – vier Dinge, mit denen wir glauben, eine ganze
                    Literaturepoche bezeichnet zu haben.[…]</p>
        <p xml:id="P.12"></p>
      </div>
    </body>
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</TEI>
