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          <quote>Abbild – Vorbild</quote>
          <date>1993</date>
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        <author>Flusser, Vilém</author>
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        <idno type="PID">o:reko.flus.1993</idno>
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        <bibl type="source">Vilém Flusser: &quot;Abbild – Vorbild&quot;, in: Christiaan L. Hart Nibbrig (Hrsg.): <hi rend="italic">Was heißt »Darstellen«?</hi>, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 34-48. ISBN
3-518-11696-7.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Abbild – Vorbild oder: was heißt darstellen?&quot; [1991], in: <hi rend="italic">Schriften</hi>. Bd. 1. <hi rend="italic">Lob der Oberflächlichkeit. Für eine
Phänomenologie der Medien</hi>. Bensheim/Düsseldorf: Bollmann 1993. (=Flusser. <hi rend="italic">Schriften</hi> Bd. 1.), S. 293-317. ISBN 3-927-90136-9.</bibl>
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            <catDesc>Genre</catDesc>
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              <catDesc>Aufsatz</catDesc>
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            <catDesc>Media</catDesc>
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              <catDesc>Digitale Medien, Medien allgemein</catDesc>
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        <p xml:id="P.1">
          <pb n="34"></pb>Angenommen, man hätte einem englisch sprechenden Mitarbeiter an diesem
Buch das Verbum „<term key="darstellen" type="Episteme" xml:id="TM.11">darstellen</term>“ zu
erklären. Man könnte sagen, die Bedeutung dieses Wortes sei ungefähr jene Grauzone, in welcher sich
die Bedeutungen von „to represent“, „to expose“ und „to exhibit“ überschneiden. Das ließe leider
beide Gesprächspartner unbefriedigt. Den Erklärer, weil „darstellen“ nicht etwas Graues,
Undefinierbares meint, sondern eine definierbare Bedeutung hat, nach welcher im Buchtitel gefragt
wird. Den anderen, weil die drei englischen Verben definiert werden können, und einander dann nicht
überschneiden. Heißt das, daß die im Buchtitel gestellte Frage im Deutschen einen anderen Sinn hat,
als wenn sie übersetzt wird? Und daß der französische Buchtitel <hi rend="italic">Que veut dire
„représenter“?</hi> eine andere Frage stellt und ein anderes Buch erfordert? Das allein macht das
Buchprojekt spannend: Es ist „interdisziplinär“, schon weil jede Sprache ihre eigene Disziplin
fordert.</p>
        <p xml:id="P.2">Das ist nicht alles. Der erwähnte Erklärungsversuch legt nahe, daß „darstellen“ von
„vorstellen“ und von „ausstellen“ zu unterscheiden ist. Aber das Verbum „stellen“, das hier mit den
Vorsilben „dar-“, „vor-“ und „aus-“ erscheint, ist doch der Bedeutungskern, der übrigens weder ins
Englische noch ins Französische eine befriedigende Übersetzung zuläßt. Dieses Verbum kann mit einer
Zahl anderer Vorsilben versehen werden. Sind wir in jenem Gestrüpp, in welchem das Heideggerische
„Gestell“ den Weg zur Beantwortung der gestellten Frage verstellt, noch bevor man sie angeht? Müssen
wir etwa folgende Fragen stellen: „Stellt man etwas her, wenn man darstellt?“, oder: „Stellt man
etwas dar, damit es sich herausstellt?“, oder „Stellt man etwas an dem an, das man darstellt?“ Das
sind zweifellos lauter fruchtbare Fragen, denn sie gebären weitere und lassen die ursprüngliche
Frage „Was heißt darstellen?“ in ihrer Vielseitigkeit glitzern. Die dem vorliegenden Aufsatz
gesetzten Grenzen lassen aber nicht zu, derartig verschlungenen Pfaden nachzugehen.</p>
        <p xml:id="P.3">Er wird sich mit der folgenden Frage begnügen: „Wie muß man sich einstellen, um
darzustellen?“ Hier die vorweggenommene<pb n="35"></pb>Antwort: <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.1">Es gibt zwei verschiedene Einstellungsarten: „Darstellen“ heißt
entweder, ein <term key="Abbild" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.44">Abbild</term> von dem zu
machen, was ist, oder ein <term key="Vorbild" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.45">Vorbild</term> für das, was sein soll.</phr> Gegenwärtig ist die Unterscheidung zwischen diesen
beiden Darstellungsarten problematisch, und sie ist eins der Hauptprobleme, vor die wir in unserer
Kultur gestellt sind.</p>
        <p xml:id="P.4">
          <phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.2">Der Mensch besitzt die
Fähigkeit, aus Situationen zurücktreten zu können. Dies ist für die Gattung „<term key="Mensch" type="Episteme" xml:id="TM.12">Mensch</term>“ kennzeichnend. Wie alle Lebewesen stehen wir in der
<term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.1">Lebenswelt</term> (wir „in-sistieren“)</phr>,
aber eigenartigerweise können wir uns auch daraus herausziehen („ek-sistieren“). Die Bewegung des
Zurückziehens (des Abstrahierens) ist zwar konkret erlebbar, aber nicht begreifbar. Auch die
ausgeklügelsten Begriffe greifen nicht. Die Sache ist unfaßbar, und wir stehen ihr fassungslos
gegenüber. Aus dieser Fassungslosigkeit sind alle Anthropologien (alle Versuche, den Menschen in
seiner Eigenart zu fassen) entstanden.</p>
        <p xml:id="P.5">Die Fähigkeit zu existieren stellt die Frage, wohin man zurücktritt. Die Tradition
bietet verschiedene Topoi als Antwort. Zum Beispiel: in den Geist, in die Seele, ins Selbst (wofür
das Spanische und Portugiesische einen eigenen Namen geprägt haben, nämlich <hi rend="italic">ensimesmamento</hi>). Aber je mehr wir darüber nachdenken und uns dabei in Widersprüche
verstricken, desto deutlicher wird, daß die Frage „wohin?“ falsch gestellt ist. Aus verschiedenen
konvergierenden Gründen wird immer klarer, daß „<term key="Existenz" type="Episteme" xml:id="TM.13">Existenz</term>“ nicht irgendeinen außenstehenden Ort meint. Sie meint eine Einstellung, nicht
einen <term key="Standpunkt" type="Episteme" xml:id="TM.14">Standpunkt</term>. Wir ziehen uns aus
der Lebenswelt zurück, weil wir uns zu ihr negativ verhalten können. „Existenz“ ist Negation (nicht
Position), ist Utopie (nicht Topos), und alle Versuche, sie zu reifizieren, müssen zu metaphysischen
Konstrukten wie „Geist“ oder „Seele“ führen. Aber wenn man unter „Existenz“ nicht etwas
Lokalisierbares, sondern etwas alles Lokalisierbare Verneinendes versteht, dann hat man die
Unbegreifbarkeit der Sache gegenüber nicht überwunden. Jetzt stellt sich die womöglich noch
geheimnisvollere Frage: „Was heißt verneinen?“ Der vorliegende Aufsatz wird sich bemühen zu zeigen,
daß diese Frage im Kontext jener – „Was heißt darstellen?“ – steht.</p>
        <p xml:id="P.6">
          <phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.3">Solange es Menschen gibt,
besteht ihre verneinende Einstellung zur <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.2">Umwelt</term>, wie man am Gebrauch des Werkzeugs ersehen kann.</phr> Unterziehen wir etwa ein
paläolithisches Steinmesser einer phänomenologischen Untersuchung, dann ersehen wir, was
„verneinen“<pb n="36"></pb>bedeutet. Das Messer dient dem Zerreißen von Tierhäuten, es ist ein
künstlicher Reißzahn. Um so etwas herstellen zu können, muß man erkannt haben, daß der „gegebene“
Reißzahn nicht so ist, wie er sein soll. Allerdings auch, wie der Reißzahn zu sein hat. Diese
Unterscheidung zwischen <term key="Sosein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.46">Sosein</term>
und <term key="Seinsollen" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.47">Seinsollen</term> (zwischen
Realem und Wert) muß dem Herstellen vorangehen. Das ist die Einstellung der Verneinung: „So soll es
nicht sein, sondern anders.“ Werkzeuge sind Resultat dieser Verneinung: sie versuchen, Werte zu
realisieren und Reales zu verwerten. Also: Sobald Menschen existieren, stellen sie her, und dabei
stellt sich heraus, was die verneinende Einstellung bedeutet.</p>
        <p xml:id="P.7">Aber „herstellen“ und „darstellen“ sind trotz ihrer etymologischen Verwandtschaft
keine Synonyme. Und hier wird gefragt, was „darstellen“, nicht was „herstellen“ bedeutet. Daher ist
es nötig, die phänomenologische Untersuchung des Steinmessers, dieses Zeugen der Existenz,
weiterzuführen. Es ist ein künstlicher Reißzahn. Dies setzt voraus, daß bei seinem Herstellen der zu
simulierende und zu verbessernde Reißzahn gegenwärtig war: als Vorbild. Man kann sich denken, der
paläolithische Hersteller habe etwa einen Tigerzahn vor sich liegen gehabt, der ihm als Vorbild
diente, als Darstellung dessen, was sein soll. Aber ebenso läßt sich denken, daß er sich den eigenen
ungenügenden und daher zu verneinenden Reißzahn vorgestellt hat – als Darstellung dessen, was ist
und nicht sein soll. Das führt die Überlegung um einen Schritt weiter.</p>
        <p xml:id="P.8">„<term key="Vorstellung" type="Episteme" xml:id="TM.15">Vorstellung</term>“ (wonach
hier ebenfalls nicht gefragt wird) kann als erinnerte und abrufbare <term key="Wahrnehmung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.72">Wahrnehmung</term> verstanden werden. (Die damit
verbundenen neurophysiologischen und psychologischen Schwierigkeiten bleiben hier unbeachtet.) Daher
muß „Vorstellung“ als eine unbefriedigende Darstellung angesehen werden. Sie ist flüchtig und privat
und für das Herstellen unverläßlich. Sie muß festgehalten und intersubjektiviert werden, um als
Abbild dessen, was ist und zu verneinen ist, verwendet werden zu können. Man muß von der Vorstellung
zurücktreten können, um sie zu manipulieren und aus ihr eine verläßliche Darstellung zu machen. Man
muß weiter abstrahieren.</p>
        <p xml:id="P.9">Hier ist ein Exkurs geboten. Betrachtet man die verneinende Einstellung als Rückzug
aus der Lebenswelt, dann muß man sagen: ein solcher Rückzug verwandelt die Lebenswelt in eine
vorgestellte Welt, und er verwandelt die Existenz in ein Subjekt von<pb n="37"></pb>Vorstellungen. Durch
die Negation entsteht ein Riß in der Lebenswelt, auf dessen einer Seite die vorgestellte Welt als
<term key="Objekt" type="Episteme" xml:id="TM.16">Objekt</term> steht und auf dessen anderer Seite
sich ein <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.17">Subjekt</term> so eine Welt vorstellt.
Werkzeuge werden hergestellt, um diesen Riß zwischen Subjekt und Objekt zu überbrücken. Kurz:
Objekte sind Vorstellungen, die sich entfremdete Existenzen von der Lebenswelt machen.</p>
        <p xml:id="P.10">Für den weitaus größten Zeitabschnitt des Daseins der Gattung „Mensch“ genügt diese
Darstellung der verneinenden Einstellung: Das Sosein der Lebenswelt wird verneint, ein Seinsollen
wird ihm entgegengesetzt, die verneinte Lebenswelt wird als Objektkontext vorgestellt, und diese
Vorstellungen dienen dem Herstellen von Werkzeugen als Abbild des Seins und Vorbild des Seinsollens.
Mit dem Auftreten des <hi rend="italic">homo sapiens sapiens</hi> vor etwa 40000 Jahren wird diese
Darstellung der verneinenden Einstellung mit einem Schlag ungenügend. Auf Höhlenwänden etwa in
Lascaux entstehen Darstellungen von Stieren, Mammuts und Pferden. Man ist dort von den Vorstellungen
zurückgetreten, hat sie festgehalten und intersubjektiviert, und verläßlichere Darstellungen sind
hergestellt worden.</p>
        <p xml:id="P.11">Vorstellungen sind privat gespeicherte Wahrnehmungen, aber im Grunde kann man über
sie nicht sprechen. Privates ist nicht mitteilbar, es gibt keine Privatsprache. Um Privates
mitzuteilen, muß man davon abstrahieren. Man muß „Eigennamen“ auf „Namen von Klassen“ reduzieren.
Anders gesagt: man muß das Wahrgenommene symbolisieren und diese Symbole ordnen. Man muß
Wahrnehmungen <term key="kodifizieren" type="Episteme" xml:id="TM.18">kodifizieren</term>.
Vorstellungen sind private konkrete Erlebnisse, die auf Wahrnehmungen beruhen. Um aus Vorstellungen
verläßliche Darstellungen zu machen, muß man sie mittels der Kodifikation intersubjektivieren. Das
ist das erste.</p>
        <p xml:id="P.12">Vorstellungen sind flüchtig. Sie sind in den Höhlen an der Dordogne mit Farbstoffen
an Felswänden festgehalten worden. Wie vorstellen vor sich geht, beginnen wir erst seit kurzem dank
Computertechnik und Neurophysiologie einzusehen. Es handelt sich um ein Scanning, auf das eine
übertragende Raffung folgt. Aber es ist nicht nötig, auf diesen äußerst komplexen Vorgang
einzugehen. Es genügt, daß es Methoden gibt, um Wahrnehmungen festzuhalten und auf diese Weise
verläßliche Darstellungen herzustellen. Das ist das zweite.</p>
        <p xml:id="P.13">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.4">Die aus Vorstellungen hergestellten
Darstellungen heißen „<term key="Abbild" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.48">Abbilder</term>“.
Abbilder sind Resultate einer Reihe von <term key="Abstraktion" type="Episteme" xml:id="TM.19">Abstraktionen</term>.<pb n="38"></pb>Zuerst zieht sich die Existenz durch die Verneinung des Soseins
aus der Lebenswelt zurück, dann zieht sie aus der verneinten Lebenswelt Vorstellungen von Objekten,
und schließlich tritt sie von den Vorstellungen zurück, um sie zu kodifizieren und festzuhalten.
Demnach sind Abbilder aus konkreten Erlebnissen gewonnene Abstraktionen: sie haben von den
Erlebnissen die Tiefe des <term key="Raum" type="Episteme" xml:id="TM.20">Raums</term>, den Strom
der <term key="Zeit" type="Episteme" xml:id="TM.21">Zeit</term> und die unmittelbare Privatheit
abgezogen. Abbilder sind Abziehbilder, wie Landkarten als von der Landschaft abgezogene Bilder
gelten können.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.14">Um die hier gemeinte Abstraktion auszuführen, sei auf das Steinmesser
zurückgegriffen. Sein Herstellen setzt voraus, daß sich die Existenz aus der Lebenswelt verneinend
zurückzieht, um sich Objekte vorzustellen – etwa den verneinten eigenen Reißzahn. Aber die verneinte
Lebenswelt muß dabei in Reichweite der Existenz bleiben: die Hand (Praxis) muß hineingreifen können,
um Steine herauszuholen (von dort hierher zu stellen). Das Herstellen von Abbildern hingegen setzt
voraus, daß die Existenz von sich selbst zurücktritt, um ihre eigenen Vorstellungen zu bearbeiten.
Der Abgrund zwischen ihr und der verneinten Lebenswelt ist breiter geworden, und die Lebenswelt ist
unmittelbar praktisch nicht mehr zu erreichen. Man kann Pferdebilder beim Jagen nicht so unmittelbar
wie Steinmesser benützen. Sobald verläßliche Darstellungen hergestellt werden, ist keine
unmittelbare Verbindung zwischen <term key="Existenz" type="Episteme" xml:id="TM.22">Existenz</term>
und <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.3">Lebenswelt</term> mehr möglich.</p>
        <p xml:id="P.15">Die verneinende existentielle Einstellung, die in Darstellungen wie in Abbildern
resultiert, kann zu immer größeren Abstraktionen, zu immer weiteren Entfremdungen führen.
Paläolithische Höhlenbilder sind die erste Stufe. In einer von zwei Bedeutungen heißt „darstellen“,
so die Schlußfolgerung, die konkrete Lebenswelt und die eigene Subjektivität zu verneinen, um
abstrakte Abbilder von vorgestellten Objekten herzustellen.</p>
        <p xml:id="P.16">Es wurde oben gesagt, Existenz sei jene Einstellung, welche die konkrete Lebenswelt
mittels Werten verneine. Bisher war vor allem von der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.4">verneinten Lebenswelt</term> die Rede, nun soll die Einstellung zu den Werten in den
Vordergrund treten. Bisher besaßen die Ausführungen „ontologischen“ Charakter, nun nehmen sie einen
„deontologischen“ an. Es geht nun um Darstellungen von dem, was sein soll (<term key="Vorbild" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.49">Vorbilder</term>). Der sich anbietende Ausgangspunkt,
nämlich die „darstellende Geometrie“, kann nur mit Vorsicht ver<c type="hyphen"></c>
          <pb n="39"></pb>wendet
werden, weil dabei die Frage der Werte nicht deutlich wird. Ein kleiner Umweg ist nötig.</p>
        <p xml:id="P.17">Seit man nicht mehr jagt, sondern pflanzt, lebt man in Furcht vor Wasser (wie
vorher in Furcht vor Raubtieren und Parasiten). Diese Furcht läßt sich in Sorge verwandeln, wenn man
das Verhalten des Wassers voraussieht. Am Rande des am Flußufer liegenden neolithischen Dorfes liegt
ein Haufen aus Küchenabfällen. Wer darauf klettert, kann flußaufwärts blicken und Überschwemmung
oder Trockenheit voraussehen. (Und man kann die Ernte auf dem Hügel lagern, um sie vor Wasser zu
schützen.) Der auf den Hügel gekletterte Aufseher und Wächter wird zu Priester, König und Gott
avancieren, und seine etwas anrüchige Transzendenz wird geheiligt werden. Tatsächlich hat der auf
dem Hügel gewonnene Blick etwas die Welt Transzendierendes an sich. Wer von dort flußaufwärts
blickt, sieht nicht nur den Flußlauf (das, was ist), sondern „dahinter“ mögliches Wasser (das, was
sein kann). Dieses Sein-Können ist entweder erwünscht oder gefürchtet. Die Aussicht vom Haufen
erlaubt es, den gesehenen Flußlauf so zu entwerfen, daß gewünschte Möglichkeiten realisiert und
gefürchtete vermieden werden.</p>
        <p xml:id="P.18">Es gibt mesopotamische Ziegel, worin Linien eingezeichnet sind, die
Flußkanalisation bedeuten. Sie stellen den Fluß dar, nicht so wie er ist, sondern wie er sein soll.
Überschwemmung und Trockenheit sollen vermieden, Bewässerung der Pflanzen soll herbeigeführt werden.
Diese Ziegel sind auf dem oben erwähnten Hügel hergestellt worden. Sie zeichnen vor, wie man sich zu
verhalten hat, um Kanäle zu graben. Es sind Imperative, Gesetzestafeln. Ihre Herstellung ist die
normative, legislative Funktion des <hi rend="italic">Big Man</hi> (des Aufsehers und künftigen
Priester-König-Gottes). Es geht um Entwürfe, um <term key="Darstellung" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.50">vorbildliche Darstellungen</term>.</p>
        <p xml:id="P.19">Wer entwirft, rechnet mit <term key="Möglichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.23">Möglichkeiten</term>. Die entwerfende Lebenseinstellung ist nicht erst seit der
Wahrscheinlichkeitsrechnung und den Computerprojektionen ihrem Wesen nach rechnerisch. Werten
bedeutet <term key="messen" type="Episteme" xml:id="TM.24">messen</term>, vorbildlich Maß geben,
auch wenn uns die traditionellen Religionen den gesetzgebenden Gott nicht als berechnend schildern.
Wer entwirft, wirft messende Netze über die verneinte Lebenswelt mit der Absicht, in den Maschen der
Netze (den Maßeinheiten) vorherbedachte Möglichkeiten zu realisieren. Der <hi rend="italic">Big
Man</hi>, der Gesetzgeber, ist ein Rechner: Er sammelt die Ernte ein (summiert die Körner) und
verteilt sie (divi<c type="hyphen"></c>
          <pb n="40"></pb>diert die Summe). Er „regiert“ („rechnen“, „Recht“,
„richtig“ und „Regierung“ entstammen der gleichen Wurzel). Aber für das berechnende Voraussehen
flußaufwärts ist so eine Rechtsprechung ungenügend. Dort hat man es nicht mit wirklichen Körnern zu
tun, sondern mit möglichen Wassertropfen. Nicht mit Hartem, sondern mit Weichem. Daher muß der <hi rend="italic">Big Man</hi> Soft-Ware-Spezialisten zu sich auf den Hügel berufen. Wir würden sie
gegenwärtig Geometer nennen, denn sie messen das Land, um Kanäle zu entwerfen. Damals betrachtete
man diese ersten Intellektuellen als Propheten, weil sie die künftige Wasserzufuhr voraussehen
konnten. Geometrie (Wasservoraussicht) und Astronomie (Saatvoraussicht) sind Regierungsmethoden (sie
sprechen Recht), und sie entwerfen Möglichkeiten (sind „theoretisch“).</p>
        <p xml:id="P.20">Wer von dem Hügel flußaufwärts schaut, sieht nicht nur mit dem <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.70">sinnlichen Auge</term>. Er sieht die Möglichkeiten „dahinter“.
Man hat sich seit den Vorsokratikern den Kopf über diese Art des Schauens zerbrochen, und meint
daher häufig, wir hätten „Theorie“ den Griechen zu verdanken. Aber wenn man den mesopotamischen
Ziegel betrachtet, dann kann man nicht umhin, hinter allen Entwürfen eine theoretische Schau zu
erkennen.</p>
        <p xml:id="P.21">Hier ist noch ein Exkurs nötig: Laut Platon sieht das <term key="Auge" type="Wahrnehmungsmedium" xml:id="TM.71">theoretische Auge</term> nicht Möglichkeiten, sondern
Realitäten. Und das Sinnliche sieht „nur“ Schatten. Was wir theoretisch sehen, sind „Ideen“, das
heißt: „inhaltlose Formen“. Zum Beispiel ein Dreieck. Wenn wir diese Idee theoretisch untersuchen,
sehen wir, daß die Winkelsumme des Dreiecks 180 Grad beträgt. Dann stellen wir das Dreieck dar, etwa
im Sand, und untersuchen diese Darstellung (des entworfenen Dreiecks) mit dem sinnlichen Auge. Wir
finden, daß die Winkelsumme nicht mehr exakt 180 Grad beträgt. Die wirkliche Idee des Dreiecks ist
bei der Darstellung entstellt worden, sie ist nicht mehr real, sondern scheinbar. Alle Darstellungen
entstellen. Daher ist der Zugang zur platonischen Republik für darstellende Künstler verboten. Sie
lügen, indem sie das Dargestellte entstellen.</p>
        <p xml:id="P.22">Das platonische Argument ist vielleicht so nicht mehr hinzunehmen, hat aber für das
Problem des Darstellens eine zentrale Bedeutung. Es besagt, daß es nicht möglich ist, einen Wert
gänzlich auf die Lebenswelt zu übertragen. Daß kein in den Sand gezeichnetes Dreieck, kein
Steinmesser, kein Kanal, überhaupt nichts nach einem Vorbild Entworfenes „ideal“ ist. Daß die ver<c type="hyphen"></c>
          <pb n="41"></pb>neinte Lebenswelt, gegen welche die Existenz das Seinsollen entwirft,
hart ist. (Marx nennt dieses sture, harte Sosein in einem etwas anderen Kontext „tückisch“.) So
gesehen ist die hier thematisierte entwerfende Einstellung tragisch (die Griechen würden sie
„heroisch“ nennen). Möglichkeiten sind letztlich nicht nach Entwürfen realisierbar, wie immer man
sie darstellen möge. Alle Darstellungen enthalten einen Rechenfehler.</p>
        <p xml:id="P.23">Der auf dem Abfallhaufen stehende Geometer-Prophet sieht sinnlich, wie der Fluß
gegenwärtig fließt, und theoretisch, wie er in Zukunft fließen könnte. Beide Sichtweisen können
dargestellt werden: die erste als Abbild, die zweite als Vorbild. Die beiden Bildarten müssen, jede
auf ihre Art, gedeutet werden. Ihre „semantischen Vektoren“ weisen in die entgegengesetzte Richtung:
Das Abbild weist auf eine Vorstellung, das Vorbild auf künftiges Verhalten. Und doch lassen sich
alle Darstellungen mit beiden Methoden deuten. Die in Ziegel eingezeichneten Kanalisationsentwürfe
erlauben, auf den damaligen Flußlauf zu schließen, und das Abbild des Pferdes in Lascaux erlaubt,
auf die damaligen Jagdmethoden zu schließen. Das bedeutet – und hat vor allem in der Gegenwart
bedenkliche Dimensionen angenommen – daß Abbilder wie Vorbilder und Vorbilder wie Abbilder
funktionieren. Denn die sich zurückziehende, abstrahierende Lebenseinstellung ist grundlegend anders
als die entwerfende, konkretisierende. Hinter beiden Darstellungsformen stehen gegensätzliche
Absichten.</p>
        <p xml:id="P.24">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.5">Man macht es sich oft leicht und sagt,
Abbilder seien landkartenartige Darstellungen, und Vorbilder seien Darstellungen von Denkprozessen
(<hi rend="italic">images of thinking</hi>). Aber leider darf man es sich angesichts der
gegenwärtigen Darstellungsmethoden nicht so einfach machen. Wenn nämlich Abbilder darstellen, was
ist, dann sind sie „wissenschaftlich“, und wenn Vorbilder darstellen, was sein soll (also künstlich
Herzustellendes), dann sind sie „künstlerisch“; und wenn man beide nicht voneinander unterscheiden
kann, dann kann man nicht mehr zwischen <term key="Wissenschaft" type="Feld" xml:id="TM.56">Wissenschaft</term> und <term key="Kunst" type="Feld" xml:id="TM.57">Kunst</term>, zwischen <term key="wahr" type="Episteme" xml:id="TM.25">wahr</term> und <term key="falsch" type="Episteme" xml:id="TM.26">falsch</term>, zwischen <term key="real" type="Episteme" xml:id="TM.27">real</term> und
<term key="fiktiv" type="Episteme" xml:id="TM.28">fiktiv</term> unterscheiden.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.25">Bevor jedoch diese Überlegungen mitten in die gegenwärtige Krise führen, ist die
Schlußfolgerung geboten: „Darstellen“ heißt (in der zweiten der beiden Bedeutungen), sich an Werten
zu orientieren und diese Werte als Vorbilder für zu konkretisierende Möglichkeiten auf die verneinte
Lebenswelt hin zu entwerfen.</p>
        <p xml:id="P.26">
          <pb n="42"></pb>Die beiden hier besprochenen Lebenseinstellungen, die verneinende und
die entwerfende, sind für die menschliche Existenz kennzeichnend und haben sich schon immer, seit
dem Herstellen von Steinmessern, abgewechselt. Der Mensch ist ein Wesen, das vor der Welt verneinend
zurücktritt, Werte in bezug auf sie entwirft und dann wieder zurücktritt. Dieser Tanz hätte
eigentlich die Grundlage für jede Anthropologie bilden sollen: der Mensch als der Tanzende vor dem
Hintergrund seiner Umwelt. Seltsamerweise jedoch hat die zurückziehende Einstellung die
traditionellen Anthropologien stärker geprägt als die projektive. Der Mensch wurde als Subjekt einer
ihm gegenüberstehenden, gegebenen und zu verneinenden <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.5">objektiven Welt</term> angesehen, als deren Bedingungen unterworfen. Gegenwärtig tritt
die entwerfende Einstellung in den Vordergrund. <phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.6">Der Mensch beginnt sich nicht mehr als Subjekt von Objekten, sondern als Projekt für
alternative Objekte zu verstehen. Er stellt die <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.6">Welt</term> nicht mehr als etwas ihm Gegenüberstehendes dar, sondern als etwas, das er
selbst entworfen hat, und sich selbst stellt er nicht mehr als der Welt unterworfen dar, sondern als
Welten entwerfend. Diese Umstellung in Ontologie und Anthropologie, in der Darstellung der Welt und
in der Selbstdarstellung, soll im folgenden bedacht sein.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.27">Der Abstraktionsprozeß (oder besser -rezeß), der zu den abbildenden Darstellungen
in den paläolithischen Höhlen geführt hat, ist nur die erste Sprosse einer über 40000 Jahre sich
erstreckenden Leiter. Man erreichte die flächenartigen Abbilder von Tieren, indem man zuerst von der
Lebenswelt abstrahierte und dann von den eigenen Vorstellungen, um diese zu Flächen zu kodifizieren
und gegen Flächen festzuhalten. Die Fläche abstrahiert aus der vierdimensionalen Lebenswelt zwei
Dimensionen. Vor etwa 4000 Jahren ist man von den Flächenbildern zurückgetreten, um ihre
Zweidimensionalität auf die Eindimensionalität der Linie zu reduzieren: die lineare Schrift wurde
erfunden. Zuerst wohl, indem man aus dem Bild einzelne Elemente herauszog und sie aneinanderreihte
(Bilderschrift, Piktogramme). Und später, indem man nach für die neue Struktur der Darstellung
geeigneteren Symbolen suchte. Das Alphabet ist das Resultat dieser Suche.</p>
        <p xml:id="P.28">Alphabetische Texte sind Darstellungen bildlicher Darstellungen. Sie verneinen die
Bilder, wie die Bilder die Vorstellungen, und diese die konkrete Lebenswelt verneinen: sie sind
abstrakter. Diese ikonoklastische Funktion der Texte wird deutlich, wenn<pb n="43"></pb>Piktogramme
durch Buchstaben ersetzt sind. Piktogramme sind symbolisierte Vorstellungen, während Buchstaben
Phoneme symbolisieren. Texte stellen den gesprochenen Diskurs dar, und erst durch diese Darstellung
stellen sie das Bild dar. Sie transkodieren Vorstellungen zu Begriffen. Diese hohe Abstraktionsebene
der alphabetischen Texte (konkret Erlebtes wird durch Vermittlung von Wahrnehmung, Vorstellung und
Bild als Begriff dargestellt) kennzeichnet das sogenannte „historische Bewußtsein“. Hier wurde
„Abbild“ als Darstellung des „So ist es“ definiert, und daher können alphabetische Texte als
Darstellungen von „So ist es als Linie begriffen“ definiert werden. Alles Seiende wird als <term key="Prozess" type="Episteme" xml:id="TM.29">Prozeß</term> begriffen (zum Beispiel kausal, logisch
und evolutiv), und das meint „<term key="historisch" type="Episteme" xml:id="TM.30">historisch</term>“. Geschichte beginnt mit der Erfindung des Alphabets vor 4000 Jahren: Vorher
konnte nichts <term key="geschehen" type="Episteme" xml:id="TM.31">geschehen</term>, sondern nur
sich <term key="ereignen" type="Episteme" xml:id="TM.32">ereignen</term>.</p>
        <p xml:id="P.29">Das <term key="Alphabet" type="Medium" xml:id="TM.64">Alphabet</term> ist jedoch
nie ein reiner Code gewesen. Immer gab es darin Symbole, die keine phonetische Bedeutung hatten. Die
entscheidenden sind jene, welche Mengen bedeuteten und die wir gegenwärtig „Zahlen“ nennen. Es wird
daher von „alphanumerischem Code“ gesprochen. Es sieht so aus, als ob es nie völlig gelungen wäre,
alles Seiende als Prozeß darzustellen. Ein transprozessueller, transhistorischer Rest des linear
nicht Darstellbaren blieb immer übrig. („Transhistorisch“ im Sinne der bekannten Aussage, es sei ein
Unsinn „2 + 2 = 4 um 6 Uhr“ zu sagen.) Die <term key="Symbol" type="Medium" xml:id="TM.65">numerischen Symbole</term> sind nie in die lineare Struktur des Alphabets integriert worden, weil
sie ihrer Struktur nach nulldimensional sind: Punkte. Daher bildeten die Zahlen immer schon (noch
bevor sie als arabische Ziffern kodifiziert wurden) Inseln von Punkthäufungen („Algorithmen“)
innerhalb der Zeilen der Texte. Die textuellen Darstellungen des Soseins waren immer schon von
kalkulatorischen Darstellungen unterbrochen. Schon der mesopotamische Geometer muß solche
nulldimensionalen Darstellungsformen zur Verfügung gehabt haben.</p>
        <p xml:id="P.30">Aber absolute Abstraktionsebene des <term key="Kalkül" type="Episteme" xml:id="TM.33">Kalküls</term>, die nulldimensionale Darstellung des Soseins, die Transkodierung der
Prozesse in Punkte, ist tatsächlich erst seit dem 16. und 17. Jahrhundert erreicht worden. Seither
ist das wissenschaftliche Weltbild, dieses Abbild dessen, was ist, zu einer punktförmigen,
kalkulatorischen, nulldimensionalen Darstellung geworden. Zu einem Gefüge aus Theoremen und
Algorithmen.</p>
        <p xml:id="P.31">
          <pb n="44"></pb>Hier ist wieder ein Exkurs nötig: <phr subtype="Welt" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.7">Das Aufbrechen der konkreten Lebenswelt in <term key="Objekt" type="Episteme" xml:id="TM.34">Objekt</term> und <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.35">Subjekt</term>, das die Folge der verneinenden Lebenseinstellung war, wirft das
Problem des Erkennens auf. Wie kann das entfremdete Subjekt die objektive <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.7">Welt</term> erkennen? Wir würden es gegenwärtig so formulieren:
Wie muß die objektive Welt dargestellt werden, um erkannt werden zu können? Aber diese Formulierung
ist <term key="Descartes, René" type="Person" xml:id="TM.69">cartesisch</term>.</phr> Sie beruht auf
einer seltsamen Ontologie: Die objektive Welt ist eine ausgedehnte, und das sie erkennen-wollende
Subjekt ist eine denkende Sache. Man kann sich „vorstellen“, daß die ausgedehnte Sache eine ist, bei
welcher Punkte lückenlos zu Körpern geballt sind, also eine geometrische Sache. Dann muß man sich
die denkende Sache als eine „vorstellen“, in welcher die Punkte klar und deutlich durch Intervalle
voneinander getrennt sind, also als eine arithmetische Sache. Erkenntnis ist das Angleichen der
denkenden an die ausgedehnte Sache, also das Umkodieren der <term key="Geometrie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.61">Geometrie</term> in <term key="Arithmetik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.62">Arithmetik</term>. „<term key="Geometrie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.63">Analytische Geometrie</term>“ ist die Erkenntnismethode,
welche ein punktartiges, nulldimensionales Abbild der objektiven Welt herstellt, also eine
Darstellung, die der Struktur des arithmetischen Denkens (des Subjekts der Erkenntnis) adäquat ist.
Dies ist (mit einigen späteren Verbesserungen wie dem Differentialkalkül) die wissenschaftliche
Darstellungsform geblieben. Exkursende.</p>
        <p xml:id="P.32">
          <phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.8">Die <term key="Wissenschaft" type="Feld" xml:id="TM.58">Wissenschaft</term> stellt das Sosein als ein Zahlengefüge dar, als
eine Streuung von Punktelementen, und nicht nur das Sosein, sondern ebenso das es erkennende Dasein.
Beide, die objektive wie die subjektive <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.8">Welt</term>, sind kalkulierbar. Nichts ist darin unteilbar (es gibt keine A-tome oder In-dividuen),
sondern alles ist immer weiter teilbar, bis es die Nulldimension erreicht hat. Atome sind in
teilbare Partikel, Individuen in teilbare Bits wie Dezideme oder Aktome teilbar. Im Grunde genommen
stellt die Wissenschaft sowohl das Sosein als auch das Dasein als nichts dar.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.33">Diese extreme, nicht mehr zu übertreffende Abstraktion, diese Reduktion auf Null
sowohl der verneinten Welt als auch des sie verneinenden Subjekts, ist die letzte mögliche Stufe auf
der Leiter des Sich-Zurückziehens. Man fühlt, wie die zurücktretende Einstellung beginnt, sich in
eine entwerfende zu verwandeln; wie <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.9">das Abbild des
Soseins beginnt, sich in ein Vorbild für das Seinsollen zu verwandeln</phr>; wie auf der soeben
erklommenen Abstraktions<c type="hyphen"></c>
          <pb n="45"></pb>ebene die Unterscheidung zwischen abbildender
und vorbildlicher Darstellung wegfällt. Denn wenn die wissenschaftliche Darstellung das Sosein wie
das Dasein in Punkten verschlüsselt, dann ist die Unterscheidung zwischen beiden (zwischen Objekt
und Subjekt) aufgehoben. Fragen wie „Ist ein Quark ein Teilchen der ausgedehnten oder der denkenden
Sache?“, oder „Ist ein in eine künstliche Intelligenz gefüttertes Dezidem ein Teilchen einer
denkenden oder einer ausgedehnten Sache?“ sind dann falsch gestellt: Es wird gleichgültig, ob man
sagt, man habe die Algorithmen „hinter“ den Objekten entdeckt, oder man habe sie dorthin entworfen,
um sie dann wiederzuentdecken. Darstellung als abstrahiertes Abbild, und Darstellung als
projiziertes Vorbild werden zu Synonymen.</p>
        <p xml:id="P.34">Was meint man mit der Behauptung, ein Wassermolekül könne mit zwei
Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom dargestellt werden? Man meint, daß man die
Punktdarstellung der physikalischen Welt aus einem Abbild in ein Vorbild umdreht: Man zieht die
gewünschten Punkte aus dem Abbild und verwendet sie als Vorbild für künftiges Handeln. Dieses
Umdrehen des wissenschaftlichen Abbilds in ein technisch-künstlerisches Vorbild, das mit der
modernen Wissenschaft beginnt, zeigt erst gegenwärtig, wie weit sich die Umkehr des Wissens in die
Kunst schon vollzogen hat. Man kann nicht nur Wassermoleküle darstellen, sondern ebenso bisher nicht
vorgefundene Moleküle (zum Beispiel komplexe Polymere). Man kann nicht „gegebene“ Atomarten, etwa im
Periodensystem jenseits von Uran gelegene, herstellen. Man kann Energie mittels Kernfusion als
Plasma, also als nicht gegebene Materie herstellen. Man kann aus punktartigen Erbfaktoren
alternative Lebewesen herstellen. Man kann Entscheidungen als Dezidemschwarm darstellen, Dezideme in
Maschinen füttern und schachspielende künstliche Intelligenzen herstellen. Man kann den sich in
Gesten artikulierenden freien Willen als Aktomschwarm darstellen, Aktome in Maschinen füttern und
gestikulierende Roboter herstellen. Kurz: Man kann aus den kalkulierten wissenschaftlichen Abbildern
der objektiven Welt und des Subjekts künstliche Vorbilder für alternative Welten und alternative
Subjekte komputieren. Denn in der totalen Abstraktion ist Darstellung als Abbild und als Vorbild im
gleichen Code verschlüsselt. Wenn „Existenz“ als Verneinung des Soseins und Entwerfen des Sollens
verstanden wird, dann wird es unmöglich zu „existieren“,<pb n="46"></pb>denn es hat sich herausgestellt,
daß nichts ist, was noch verneint werden könnte. Es bleibt nur das Entwerfen.</p>
        <p xml:id="P.35">Der sich oben andeutende Nihilismus kann (auch er) in Optimismus verwandelt werden.
Hier ein Versuch, im Licht des eben Geschilderten die Menschwerdung darzustellen: Als Folge einer
ökologischen Katastrophe irgendwo in Ostafrika vor etwa zwei Millionen Jahren mußten unsere
Vorfahren die Bäume zugunsten einer baumlosen Savanne verlassen. Die bis dahin sich an Zweigen
festhaltenden Hände begannen, im Leeren zu baumeln. Sie begannen, sich an Zweckloses (Ungenießbares,
Ungefährliches, Unkopulierbares, also Uninteressantes wie Steine und Knochen) zu halten. Sie
begannen, zu erfassen und zu begreifen. Das zwang den Körper, sich aufzurichten, mit all den damit
verbundenen Gefahen wie dem ungeschützten Bauch und den hängenden Eingeweiden. Unsere Vorfahren,
ausgesetzt aus der Lebenswelt der Bäume ins Nichts der Savanne, begannen zu existieren. Die
begreifenden Hände verwandelten den bisher von Zweigen abhängigen Anthropoiden in den <hi rend="italic">Homo erectus</hi>.</p>
        <p xml:id="P.36">Aber er blieb weiterhin den Objekten unterworfen, auch jenen, die seine eigenen
Hände aus der Savanne in seine Nähe gestellt, hergestellt haben. Um sich von diesem
Unterworfen-Sein, diesem Subjekt-Sein zu befreien, begann er darzustellen. Er stellte Abbilder von
seiner Bedingtheit und Vorbilder, um diese Bedingung abzuschaffen, her. Seine Darstellungen wurden
dabei immer raffinierter, immer abstrakter: zuerst Flächen, dann Linien, schließlich dimensionslose
Punkte. Als die nulldimensionale Kodierung (das Kalkül) erreicht wurde, stellte es sich heraus, daß
es nichts gibt, was die Existenz bedingen könnte; daß die objektive Welt eine <term key="Projektion" type="Episteme" xml:id="TM.36">Projektion</term> ist. Als dies sich abzeichnete, stellte sich die
Existenz um und begann, das Kalkulierte zu komputieren. Wo es nichts zu verneinen gab, begann sie zu
entwerfen. Sie begann, sich aus der Unterwürfigkeit ins Entwerfen aufzurichten. Diese zweite
Menschwerdung (nach jener in der Savanne) ist es, die wir die gegenwärtige Krise, das Ende der
Geschichte und das Anbrechen der Nachgeschichte nennen.</p>
        <p xml:id="P.37">Das erste Aufrichten war lebensgefährlich, und auch das zweite ist es. „<term key="entwerfen" type="Episteme" xml:id="TM.37">Entwerfen“</term> meint, aus Abstraktestem in
Richtung <term key="Konkrete, das" type="Episteme" xml:id="TM.38">Konkretem</term> werfen. Das
Kriterium für <term key="Konkretion" type="Episteme" xml:id="TM.39">Konkretion</term> ist Dichte der
Streuung der Teilchen: je dichter gerafft (komputiert), desto kon<c type="hyphen"></c>
          <pb n="47"></pb>kreter. Also ist Entwerfen eine Darstellungsfrage: Je dichter gerafft die Darstellung ist, desto
konkreter ist sie. Ein Hologramm eines Tisches ist weniger konkret als der dargestellte Tisch, weil
seine Teilchen (Photonen) weniger dicht komputiert sind als die Teilchen (Elektronen) des Tisches.
Sollte eine ebenso dichte Raffung gelingen, dann gäbe es keine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen
Darstellendem und Dargestelltem. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.10">
            <phr subtype="Welt" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.11">Und nichts steht technisch im Weg, die Konkretheit der
„gegebenen“ Objekte zu übertreffen, etwa synthetische Bilder zu entwerfen, in denen sich alles als
konkreter erweist und daher als konkreter erlebt wird, als dies bei „gegebenen“ Objekten der Fall
ist. Und es stellt sich heraus, daß es gar nicht nötig ist, die technische Vollkommenheit zu
erreichen, um die Konkretizität der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.9">gegebenen
Welt</term> zu übertreffen.</phr>
          </phr>
        </p>
        <p xml:id="P.38">
          <term key="Fotografie" type="Form" xml:id="TM.66">Fotos</term>, <term key="Film" type="Form" xml:id="TM.67">Filme</term> und <term key="Video" type="Form" xml:id="TM.68">Videos</term> sind grobkörnige Abbilder des <term key="Sosein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.51">Soseins</term>. Sie können in Vorbilder verwandelt werden und trotz ihrer
Grobkörnigkeit konkreter sein als das Dargestellte. Das Fernsehbild, das vorgab, die Hinrichtung
Ceaucescus abzubilden, erreichte trotz miserabler darstellerischer Technik einen Konkretheitsgrad,
der ihm erlaubte, zu einem Vorbild für künftiges Verhalten (genannt „Revolution“) zu werden. Die
Revolution der Darstellung, die damit zum Ausdruck kommt, zeigt, wie bei der entwerfenden
Lebenseinstellung die entworfenen Darstellungen zu konkret erlebten, alternativen Welten werden. Ist
das die Antwort auf die gestellte Frage, was „darstellen“ heißt?</p>
        <p xml:id="P.39">Die hier vorgelegten Überlegungen sind ein Versuch, diese Frage zu entfalten, um
sie als eine Zentralfrage der gegenwärtigen <term key="Krise" type="Episteme" xml:id="TM.40">Krise</term> auszuweisen. Sie haben zwischen zwei Lebenseinstellungen – der negierenden und der
projizierenden – unterschieden und daraus zwei Darstellungsarten – <term key="Abbild" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.52">Abbild</term> und <term key="Vorbild" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.53">Vorbild</term> – abgeleitet. Dann haben sie zu zeigen
versucht, wie gegenwärtig die negierende Einstellung überwiegt und wie „darstellen“ immer weniger
„repräsentieren“ und immer mehr „exhibieren“ bedeutet. Wie mit „darstellen“ immer deutlicher das
Entwerfen von künstlichen Objekten und Subjekten aus kalkulierten Möglichkeiten gemeint ist. Wie
„darstellen“ immer näher an „<term key="komputieren" type="Episteme" xml:id="TM.41">komputieren</term>“ rückt und wie die <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.10">abzubildende Realität zugunsten einer vorbildlich entworfenen</term> zurücktritt. Wie immer weniger
bei „darstellen“ an <term key="Wissenschaft" type="Feld" xml:id="TM.59">Naturwissenschaft</term> und
„<term key="Wissenschaft" type="Feld" xml:id="TM.60">Geisteswissenschaft</term>“ und immer mehr an
darstellende Kunst gedacht wird.</p>
        <p xml:id="P.40">
          <pb n="48"></pb>
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.12">
            <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.13">Die vorliegenden Überlegungen verfolgten eine bestimmte Absicht.
Sie wollten andeuten, was eine derartige Deutung von „darstellen“ mit sich bringt: nämlich das
Aufgeben der Unterscheidung zwischen <term key="Sosein" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.54">Sosein</term> und <term key="Sollen" type="Besonderer_Begriff" xml:id="TM.55">Sollen</term>,
zwischen Realem und Wert, zwischen real und fiktiv, zwischen wahr und falsch, zwischen <term key="echt" type="Episteme" xml:id="TM.42">echt</term> und <term key="künstlich" type="Episteme" xml:id="TM.43">künstlich</term>.</phr>
          </phr> Wenn wir überhaupt alles nur mittels Darstellungen
vorstellen, wahrnehmen und erleben und überhaupt alles nur mittels Darstellungen herstellen und wenn
dabei „Vorstellung“ zu „Herstellung“ wird, dann (so deuten diese Überlegungen an) laufen wir Gefahr,
uns zu verlieren. Wir müßten versuchen, trotz synthetischer Bilder einerseits und
Probabilitätskalkül andererseits, den Unterschied zwischen Abbild und Vorbild durch die Ausarbeitung
neuer Erkenntniskategorien beizubehalten, das heißt: „darstellen“ so zu definieren, daß wir nicht
jeden Kontakt mit der Lebenswelt verlieren. Das mag keine befriedigende Antwort auf die gestellte
Frage sein, aber befriedigende Antworten sind keine guten, weil sie weiteres Fragen unterbinden.</p>
        <p xml:id="P.41"></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
