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          <quote>Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des
                        Romans</quote>
          <date>1964</date>
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        <author>Blumenberg, Hans</author>
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        <idno type="PID">o:reko.blum.1964</idno>
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        <bibl type="source">Hans Blumenberg: &quot;Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des
                    Romans&quot;, in: Hans Robert Jauß (Hrsg.): <hi rend="italic">Nachahmung und
                        Illusion. Kolloquium Gießen Juni 1963. </hi>Vorlagen und Verhandlungen. 2.
                    durchges. Auflage. München: Fink 1969, S. 9-27. ISBN 978-3-7705-0309-4.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans&quot;, in:
                    Hans Robert Jauß (Hrsg.): <hi rend="italic">Nachahmung und Illusion. Kolloquium
                        Gießen Juni 1963. Vorlagen und Verhandlungen</hi>. München: Fink 1964, S.
                    9-27.</bibl>
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            <catDesc>Genre</catDesc>
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              <catDesc>Aufsatz</catDesc>
            </category>
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        <p xml:id="P.1">
          <pb n="9"></pb>Die Tradition unserer Dichtungstheorie seit der Antike
                    läßt sich unter dem Gesamttitel einer Auseinandersetzung mit dem antiken Satz,
                    daß die Dichter <term key="lügen" type="Episteme" xml:id="TM.78">lügen</term>,
                        verstehen.<note n="1*" type="endnote" xml:id="EN.1">Für die
                        Wirkungsgeschichte dieser Formel ist ihr Ursprung kaum relevant; für das
                        Sachverständnis ist es aufschlußreich, daß am Anfang nicht die generelle
                        Abwertung steht, sondern die kritische Mahnung an die Wahrheitspflicht des
                        epischen Vortrages, der nicht die Erdichtungen der Vorzeit unnütz
                        hervorholen, sondern Edles kraft der Erinnerung zum Vorschein bringen (ἐσϑὰ
                        ἀναφαίνει) soll (Xenophanes, fr. B I 1923 <hi rend="smallcaps">Diels</hi>).
                        Der Vorwurf der Unwahrhaftigkeit hebt sich also vor dem Hintergrund der
                        Voraussetzung ab, daß das Epos Wahrheit zu vermitteln habe. Wie B. <hi rend="smallcaps">Snell</hi> gezeigt hat (<hi rend="italic">Die
                            Entdeckung des Geistes</hi>, Hamburg 1946, p. 87 sq.), kommt es zur
                        Generalisierung des Vorwurfs erst durch die Problematik der szenischen
                        Illusion beim Drama: seine Vergegenwärtigungstechnik, entstanden aus der
                        mythischen Repräsentanz des lyrischen und tragischen Chores, kommt mit dem
                        das Epos fundierenden Wirklichkeitsbewußtsein nicht mehr ins reine. Der
                        Übergang von der ekstatischen Identifizierung im Dionysoskult zur technisch
                        gehandhabten <hi rend="italic">Darstellung</hi> reißt die Differenz von
                        Wirklichkeit und Kunst auf, und zwar bis zu der für die Griechen immer
                        naheliegenden theoretischen Konsequenz: schon für Aeschylus malt ein
                        Agatharch nicht nur eine perspektivische Dekoration, sondern hinterläßt auch
                        eine Abhandlung darüber (<hi rend="smallcaps">Diels</hi> 59 A 39; Bd. I 14
                        sq.). Von Gorgias (fr. B 23 <hi rend="smallcaps">Diels</hi>) besitzen wir
                        noch ein Stück moralisierender Rechtfertigung der Täuschung in der Tragödie,
                        die durch den Effekt beim Zuschauer entschuldigt erscheint. Der
                        Ausgangspunkt der Reflexion auf die dichterische Illusion war also in der
                        Antike, wie im 18. Jahrhundert bei Diderot, das Drama. Aber dort wie hier
                        wurde dieser Ausgangspunkt schnell verlassen. Für die Tradition des Topos
                        vom Lügen der Dichter wurden zwei Momente bedeutsam: die platonische Kritik
                        am Wahrheitsgehalt darstellender Kunst überhaupt und die stoisch-christliche
                        Allegorese, die darauf angewiesen war, einen <hi rend="italic">Wahrheitsrest</hi> in der Dichtung zu verteidigen, um ihn sodann aus
                        seiner Zerstreuung und Verdeckung <hi rend="italic">retten</hi> zu
                        können.</note> Noch <term key="Nietzsche, Friedrich" type="Person" xml:id="TM.144">Nietzsche</term> steht unter dem Einfluß dieses
                    Satzes, – wenn er zur Behauptung der metaphysischen Würde der Kunst die
                    Umkehrung verwenden muß, daß die <term key="Wahrhaftigkeit" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.79">Wahrhaftigkeit</term>
          <hi rend="italic">
                        der Kunst</hi> im Gegensatz zur <hi rend="italic">lügenhaften Natur</hi>
                        stehe.<note n="2*" type="endnote" xml:id="EN.2">
            <hi rend="italic">Der
                            Philosoph. Betrachtungen über den Kampf von Kunst und Erkenntnis</hi>
                        (Entwürfe von 1872) (WW, Musarion-Ausg., VI 31). <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.1">Der Begriff von <term key="Natur" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.46">Natur</term> ist
                            nun ganz orientiert an der naturwissenschaftlichen Objektivierung und
                            ihrer Herrschaft über den Wahrheitsbegriff, der sich in der Zerstörung
                            der anthropomorphen Immanenz erfüllt. Aber mit der <hi rend="italic">Bändigung der Wissenschaft</hi> ist der <hi rend="italic">Notwendigkeit</hi>
              <hi rend="italic">der </hi>
              <term key="Illusion" rend="italic" type="Wirkung-Ergebnis" xml:id="TM.68">Illusion</term> eine fragwürdige
                            Rechtfertigung zuteil geworden (WW VI 12); diese Art von <hi rend="italic">Wahrheit</hi> kommt im Grunde von der Tradition der
                                <term key="imitatio" rend="italic" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.60">imitatio</term> nicht los, sondern
                            verpflichtet nur auf eine als <term key="Schein" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.131">Schein</term> gedeutete Welt, die den
                            Erkenntniswillen freiläßt: <hi rend="italic">Kunst behandelt also den
                                Schein als Schein, will also gerade nicht täuschen, ist wahr</hi>
                            (WW VI 98). Die so gefaßte <hi rend="italic">Bedeutung der Kunst als des
                                </hi>
              <term key="Schein" rend="italic" type="Ästhetik" xml:id="TM.77">wahrhaftigen Scheines</term> bleibt gebunden an die metaphysische
                            Tradition der Kunsttheorie, indem sie die Kunst auf den
                            Gegebenheitscharakter des Wirklichen festlegt, auch wenn dieser <hi rend="italic">Unerkennbarkeit</hi> heißt. Angesichts der Funktion,
                            die der Kunst bei der Reversion der Geschichte zugedacht ist, kann dies
                            auch gar nicht anders sein: solche Anstrengungen stehen immer unter den
                            Prämissen dessen, was sie <term key="wiederholen" rend="italic" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.61">wiederholen</term> wollen.</phr>
          </note> Gleichsam auf hal<c type="hyphen"></c>
          <pb n="10"></pb>ber Strecke zwischen dem antiken Topos und der
                    modernen Antithese steht die scholastische Zubilligung eines ‚minimum veritatis‘
                    an die Dichtung.</p>
        <p xml:id="P.2">Fragen wir nun, wie sich die Bestreitung des antiken Axioms von der
                    Lügenhaftigkeit der Dichtung denken läßt. Oder: was kann es heißen, in Antithese
                    von den Dichtern zu behaupten, daß sie ‚die <term key="Wahrheit" type="Episteme" xml:id="TM.80">Wahrheit</term> sagen‘? Zweierlei, wie ich meine: <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.2">erstens, indem der Dichtung ein <hi rend="italic">Bezug</hi> zu einer <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.9">
              <hi rend="italic">vorgegebenen</hi> Wirklichkeit</term> – welcher Art
                        auch immer – zugesprochen wird; zweitens, indem für die Dichtung die <hi rend="italic">Erzeugung</hi> einer <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.10">
              <hi rend="italic">eigenen</hi> Wirklichkeit</term> in Anspruch genommen wird.</phr>
                    Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß rein logisch auch die Möglichkeit bestand,
                    aus der bezeichneten Antithese überhaupt herauszuspringen und die völlige
                    Unverbindlichkeit des artistischen Gebildes in bezug auf Wahrheit oder Lüge,
                    seine Unbetroffenheit durch das Kriterium des Wirklichkeitsbezuges,
                    festzustellen. Aber der logische Katalog kongruiert nicht schon mit den
                    historischen Möglichkeiten.</p>
        <p xml:id="P.3">
          <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.3">In der Geschichte unserer ästhetischen Theorie ist
                        diese Disposition, das ästhetische Gebilde aus seinem Verhältnis zu ‚<term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.11">Wirklichkeit</term>‘ zu legitimieren, niemals ernstlich verlassen
                        worden.</phr> Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen der
                    traditionellen <term key="Ästhetik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.133">Ästhetik</term> erfordert also eine Klärung, in welchem Sinne hier jeweils
                    von ‚Wirklichkeit‘ gesprochen wird. Diese Klärung ist deshalb schwierig, weil
                    wir gerade im Umgang mit dem, was uns als wirklich gilt, zumeist gar nicht bis
                    zur prädikativen Stufe der ausdrücklichen Feststellung des
                    Wirklichkeitscharakters vordringen. Andererseits: in dem Augenblick, in dem
                    einem praktischen Verhalten, einem theoretischen Satz ihr Realitätsbezug
                    bestritten wird, kommt zutage, unter welchen Bedingungen jeweils von
                    Wirklichkeit gesprochen werden kann. Also gerade dadurch, daß dem poetischen
                    Gebilde von allem Anfang unserer Tradition an seine Wahrheit bestritten worden
                    ist, ist die Theorie von der Dichtung zu einem systematischen Ort geworden, an
                    dem der Wirklichkeitsbegriff kritisch hereinspielen und aus seiner präformierten
                    Implikation heraustreten muß. Im Grunde geht es dabei um das, was einer Epoche
                    als das Selbstverständlichste und Trivialste von der Welt erscheint und was
                    auszusprechen ihr nicht der Mühe wert wird, was also gerade deshalb die Stufe
                    der überlegten Formulierung kaum je erreicht.</p>
        <p xml:id="P.4">Ob ein Vordringen der begrifflichen Analyse hier möglich und
                    ertragfähig ist, kann sich nur zeigen, wenn ich einige Versuche vorlege,
                    historische Wirklichkeitsbegriffe zu bestimmen. Die erste historische Gestalt
                    eines Wirklichkeitsbegriffes, von der ich sprechen möchte, läßt sich vielleicht
                    bezeichnen als die <term key="Realität der momentanen Evidenz" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.1">Realität der momentanen
                        Evidenz</term>. Er ist nicht behauptet, aber vorausgesetzt, wenn z. B. <term key="Platon" type="Person" xml:id="TM.145">Plato</term> ohne Zögern davon
                    ausgehen kann, daß der menschliche Geist beim Anblick der Ideen sofort und ohne
                    Zweifel erfährt, daß er hier die letztgültige und unüberschreitbare Wirklichkeit
                    vor sich habe, und zugleich ohne weiteres zu erkennen vermag, daß die Sphäre des
                    empirisch-sinnlich Gegebenen eine solche Wirklichkeit nicht war und nicht sein
                    kann. Es ist doch keineswegs selbstverständlich, daß die Dualität von
                    empirischer und idealer Gegebenheit ohne die Gefahr einer Spaltung des
                    Wirklichkeitsbewußtseins gesehen werden konnte, die wir in diesem Falle sogleich
                    befürchten würden, wenn wir uns einen Verstand vorstellen wollten, der aus der
                    uns umgebenden Welt in eine ganz andersartige Gegebenheit versetzt würde. <phr subtype="Wirkliche_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.4">Der antike
                        Wirklichkeitsbegriff, wie er Platos Ideenlehre die Möglichkeit bietet, ohne
                        mit ihr identisch zu sein, setzt voraus, daß das<pb n="11"></pb>
            <term key="Wirkliche, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.12">Wirklche</term> [sic] sich als solches von sich selbst her präsentiert
                        und im Augenblick der Präsenz in seiner Überzeugungskraft unwidersprechlich
                        da ist.</phr>
          <note n="3*" type="endnote" xml:id="EN.3">Ohne also zu
                        behaupten, die platonische Ideenwelt sei repräsentativ für den antiken
                        Wirklichkeitsbegriff, möchte ich doch meinen, daß sie ohne seine
                        Implikationen kaum denkbar wäre. Es ist oft genug gesagt worden, daß der
                        Zugang der Griechen zu ihrer Welt nicht nur <hi rend="italic">Sehen</hi>
                        war, sondern auch am Sehen in seinem Selbstverständnis orientiert blieb.
                        Vielleicht sollte man aber das noch verschärfen und bemerken, daß es das <hi rend="italic">ruhende</hi> Sehen und das Sehen des <hi rend="italic">ruhenden</hi> Gegebenen ist, dem die Griechen den Vorzug gaben: δρᾶν
                        ist das Ruhenlassen des Blickes auf dem Aussehen von etwas, der Gestalt, dem
                        Bild, wie ich in B. <hi rend="smallcaps">Snells</hi> Vorlesungen „Homerische
                        Bedeutungslehre“ gelernt habe. Schon Aristoteles hat die Momentaneität des
                        Sehens als Analogon der Lust herangezogen (Eth. Nic. X 3; 1174a 13 sq.): die
                        ὅρασις ist in jedem Augenblick vollendet und des integrierenden Hinzukommens
                        in der Zeit unbedürftig wie die ἡδονή. Gegebenheit für das Sehen
                        konstituiert sich nicht in der Zeit; obwohl natürlich Gegenstände sich
                        summieren, tragen sie doch aus dem Erlebnisverlauf nichts davon, was ein             
           Mehr ihres Gegebenheitscharakters ausmachen könnte. Im Jetzt ist das Sehen
                        ohne jede ϒένεσις ein Ganzes (1174 b 9-13). Das hat seine unmittelbare
                        Konsequenz im Begriff des Schönen als gleichsam einer Spezifität der
                        momentanen Evidenz jeder αἴσϑησις (X 4; 1174b 14-17). Daß Sehen sich im
                        Durchlaufen von Aspektfolgen vollzieht, daß es selbst Prozeß ist und im
                        wesentlichen <hi rend="italic">Ereignisse</hi>, Relationen, Etwas-an-etwas
                        erfaßt, schafft hier weder eine Problematik noch wird es maßgebend für die
                        Begriffsbildung.</note> Es ist dieser formale Merkmalskomplex, dem die
                    Metaphorik des Lichtes zu seiner Artikulation so besonders angemessen ist. Auf
                    diesem Wirklichkeitsbegriff beruht auch noch ein Denken, dem die biblischen und
                    andere Berichte von der Erscheinung Gottes oder eines Gottes völlig
                    unproblematisch bleiben konnten, in denen dieser Gott sich als solcher in der
                    Erscheinung unmittelbar und momentan ausweist und für die Vermutung, Befürchtung
                    oder Unterteilung einer Illusion überhaupt keinen Raum läßt.<note n="4*" type="endnote" xml:id="EN.4">Einen späten, ironischen Reflex solcher momentanen
                        Evidenz findet man in einem Roman, der sich das Ineinandergreifen von
                        Fiktion und Realität, ihre Äquivalenz für das menschliche Schicksal und
                        damit die praktische Gleichgültigkeit ihrer Identifikation zum Thema gemacht
                        hat, in André Gides <hi rend="italic">Caves du Vatican</hi>. Nach der
                        Trauerfeier für den armen Kreuzfahrer Amadeus, der an der Aufdeckung der
                        vermeintlichen Vertauschung des Papstes gescheitert war, kommt es in der
                        Kutsche zu einem Gespräch zwischen Julius Baraglioul und Anthimos, dem der
                        Graf eröffnet, der amtierende Papst sei tatsächlich nicht der echte.
                        Anthimos, der einstige und dann ebenso bekehrte wie vom Hinken geheilte
                        Atheist, wird am Nachdenken über diese Eröffnung im Handumdrehen wieder zum
                        Ungläubigen: wer könne ihm jetzt noch versichern, daß nicht auch Amadeus
                        Fleurissoire beim Eintritt ins Paradies erkennen müsse, sein Gott sei
                        gleichfalls nicht der echte? Die Antwort des Grafen impliziert den
                        ungetrübten Glauben, in einem solchen Falle gebe es nichts als momentane
                        Evidenz: der Gedanke sei bizarr, daß es von Gott eine unechte Präsentation
                        geben könne, eine Verwechslung, <hi rend="italic">als wenn ein anderer da zu
                            denken wäre</hi>. Aber das macht auf Anthimos bezeichnenderweise nicht
                        den geringsten Eindruck. Er hat zweifellos nicht mehr diesen
                        Wirklichkeitsbegriff, läßt halten, verläßt die Kutsche und – hinkt
                        wieder.</note> Der Wirklichkeitsbegriff der momentanen Evidenz ist eben ein
                    solcher, der augenblickliches Erkennen und Anerkennen von letztgültiger
                    Wirklichkeit einschließt und gerade an dieser Implikation identifizierbar
                    wird.</p>
        <p xml:id="P.5">Ein zweiter Wirklichkeitsbegriff, der für das Mittelalter und die
                    als sein Resultat ansetzende Neuzeit fundierend ist, läßt sich bezeichnen als
                    die <term key="garantierte Realität" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.2">garantierte Realität</term>. Wie spät die Philosophie die
                    Implikationen des menschlichen Weltverstehens und Weltverhaltens erfaßt und  
                  ausdrücklich macht, zeigt sich gerade hier daran, daß von der<pb n="12"></pb>systematischen Formulierung dieses Wirklichkeitsbegriffes die Geschichte der
                    neuzeitlichen Philosophie ihren Anfang nimmt. <phr subtype="Wirkliche_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.5">Für <term key="Descartes, René" type="Person" xml:id="TM.146">Descartes</term> gibt es keine
                        momentane <term key="Evidenz" type="Wirkung-Ergebnis" xml:id="TM.65">Evidenz</term> des letztgültig <term key="Wirkliche, das" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.13">Wirklichen</term>, weder
                        für das sich selbst in einem Quasi-Schluß erfassende Subjekt noch für den
                        aus seinem Begriff als existent deduzierten <term key="Gott" type="Episteme" xml:id="TM.81">Gott</term>.</phr> Die gegebene Realität wird
                    erst verlässig durch eine Garantie, deren sich das Denken in einem umständlichen
                    metaphysischen Verfahren versichert, weil es nur so den Verdacht eines
                    ungeheuerlichen Weltbetruges, den es aus eigener Kraft nicht zu durchschauen
                    vermöchte, eliminieren kann. Gott als der verantwortliche Bürge für die
                    Zuverlässigkeit der menschlichen <term key="Erkenntnis" type="Episteme" xml:id="TM.82">Erkenntnis</term>, dieses Schema der <hi rend="italic">dritten Instanz</hi>, des absoluten <term key="Zeuge" type="Episteme" xml:id="TM.83">Zeugen</term>, ist in der ganzen Geschichte der
                    mittelalterlichen Selbstauffassung des menschlichen Geistes seit Augustin
                    vorbereitet. Dieses Schema schließt aus, daß es ein Merkmal geben könnte, das
                    als solches das je Gegebene in seiner unüberbietbaren Realität ausweist. Die
                    Merkmale der Klarheit und Deutlichkeit, die Descartes der <term key="Evidenz" type="Episteme" xml:id="TM.84">Evidenz</term> zuspricht, sind nur unter der
                    metaphysischen Bedingung, die aus seinem Zweifelversuch resultiert, systematisch
                    zu placieren; sonst – so ist mit Recht bemerkt worden – sind sie genauso gut die
                    Merkmale des in der Paranoia Gegebenen. Das Schema der garantierten Realität,
                    bei dem in das Verhältnis von <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.85">Subjekt</term> und <term key="Objekt" type="Episteme" xml:id="TM.86">Objekt</term> noch eine vermittelnde Instanz eingebaut ist, hat auf die
                    neuzeitliche Kunsttheorie eingewirkt. Es steckt noch in dem Versuch, die
                    Wahrheit der künstlerischen Hervorbringung durch die Rückfrage auf das
                    zugrundeliegende Erlebnis des Künstlers und die psychologische Aufrichtigkeit
                    seiner Umformung zu sichern.</p>
        <p xml:id="P.6">Eine dritte Form des <term key="Wirklichkeitsbegriff" type="Episteme" xml:id="TM.87">Wirklichkeitsbegriffes</term> läßt sich bestimmen
                        <term key="Realisierung eines in sich einstimmigen Kontextes" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.3">als
                        Realisierung eines in sich einstimmigen Kontextes</term>.<note n="5*" type="endnote" xml:id="EN.5">Mit Recht ist in der Diskussion des Kolloquium gesagt
                        worden, dies sei der Wirklichkeitsbegriff der Phänomenologie <term key="Husserl, Edmund" type="Person" xml:id="TM.156">Husserls</term>.
                        Vielleicht hätte ich auf der Prämierung bestehen sollen: der von der
                        Phänomenologie <hi rend="italic">explizierte</hi> Wirklichkeitsbegriff. Aber
                        ich bezweifle, daß es sich hier um eine jederzeit möglich gewesene      
                  Deskription der Wirklichkeitskonstitution handelt; deshalb war es mir
                        wichtig, die Bestimmung zu versuchen, was eine solche phänomenologische
                        Thematisierung voraussetzt, seit wann sie hätte geschrieben und verstanden
                        werden können. Den Nachweis, daß diese Thematisierung in der Kritik des
                        Cartesianismus bei Leibniz (von den <hi rend="italic">Animadversiones in
                            partem generalem Principiorum Cartesianorum</hi> 1692 bis zum Entwurf
                        des Remond-Briefes vom Juli 1714) in der Auseinandersetzung mit der
                        Vorstellung von der garantierenden dritten Position erfolgt ist, habe ich in
                        dem noch ungedruckten Vortrag <hi rend="italic">Antiker und neuzeitlicher
                            Wirklichkeitsbegriff</hi> (zuerst Jungius-Gesellschaft Hamburg, Februar
                        1961) unternommen. Gerade in diesem Zusammenhang zeigt sich auch, daß
                        Wirklichkeitsbegriffe sich nicht wie mutierende Typen <hi rend="italic">ablösen</hi>, sondern daß die Ausschöpfung ihrer Implikationen, die
                        Überforderung ihrer Befragungstoleranzen in die Neufundierung treiben. Daß
                        ich mich <hi rend="italic">hier</hi> auf eine typisierende Aufreihung
                        beschränke, ist durch das thematische Interesse an der <hi rend="italic">vertikalen</hi> Fundierungsstruktur bedingt.</note> Dieser
                    Wirklichkeitsbegriff unterscheidet sich von den vorhergehenden durch seinen
                    Zeitbezug: Wirklichkeit als Evidenz weist sich je im gegenwärtigen Augenblick
                    und seiner Gegebenheit aus, <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.14">garantierte Wirklichkeit</term> durch den Rückbezug auf
                    die in der Einheit der Erschaffung der Welt und der <term key="Vernunft" type="Episteme" xml:id="TM.88">Vernunft</term> verbürgte Vermittlung, also
                    auf einen immer schon vergangenen Grund dessen, was die <term key="Scholastik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.134">Scholastik</term> ‚veritas
                    ontologica‘ genannt hatte; <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.6">dieser dritte Wirklichkeitsbegriff nimmt <term key="Realität" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.15">Realität</term>
            <hi rend="italic"> als Resultat einer Realisierung</hi>,
                        als sukzessiv sich konstituierende Verläßlichkeit, als niemals endgültig und
                        absolut zugestandene Konsistenz, die immer noch<pb n="13"></pb>auf jede Zukunft
                        angewiesen ist, in der Elemente auftreten können, die die bisherige
                        Konsistenz zersprengen und das bis dahin als wirklich Anerkannte in die
                            <term key="Irrealität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.16">Irrealität</term> verweisen könnten.</phr> Auch die abgeschlossene
                    Lebenszeit eines Subjektes erlaubt erst zu sagen, <hi rend="italic">seine</hi>
                    Wirklichkeit sei ungebrochen gewesen, aber auch dieses und jenes seien seine
                    Illusionen, Imaginationen, Selbsttäuschungen, „seine“ Wirklichkeit gewesen. Die
                    Verbindung des Possessivpronomens mit dem Ausdruck Wirklichkeit ist für diesen
                    Begriff charakteristisch. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.7">Der alle einzelnen Subjekte übergreifende und
                        umgreifende Horizont der <term key="Zeit" type="Episteme" xml:id="TM.89">Zeit</term> setzt das einzelne Subjekt mit „seiner“ <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.17">Wirklichkeit</term> entweder ins Unrecht oder gibt ihm die
                        Noch-Zulässigkeit einer <term key="perspektivisch" type="Episteme" xml:id="TM.90">perspektivischen</term> Position, eines topologisch
                        zuordnungsfähigen Aspektes von Realität.</phr> Wirklichkeit als sich
                    konstituierender Kontext ist ein der immer <hi rend="italic">idealen
                        Gesamtheit</hi> der Subjekte zugeordneter <hi rend="italic">Grenzbegriff</hi>, ein Bestätigungswert der in der <hi rend="italic">lntersubjektivität</hi> sich vollziehenden Erfahrung und Weltbildung. Es
                    ist unschwer zu sehen, daß dieser Wirklichkeitsbegriff eine gleichsam ‚epische‘
                    Struktur hat, daß er notwendig auf das nie vollendbare und nie in allen seinen
                    Aspekten erschöpfte Ganze einer <hi rend="italic">Welt</hi> bezogen ist, deren
                    partielle Erfahrbarkeit niemals andere Erfahrungskontexte und damit andere <term key="Welt" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.18">Welten</term> auszuschließen erlaubt.<note n="6*" type="endnote" xml:id="EN.6">Der Wirklichkeitsbegriff des „offenen“ Kontextes legitimiert
                        die ästhetische Qualität der <hi rend="italic">novitas</hi>, des
                        überraschend-unvertrauten Elementes, während die „garantierte“ Realität das
                        Unvertraute und Neuheitliche nicht <hi rend="italic">wirklich</hi> werden
                        läßt, der Tradition und Autorität eine schon bewältigte, als Summa des
                        Erkennbaren aufgearbeitete Welt zuschreibt und damit zum Postulat des <hi rend="italic">nihil novum dicere</hi> (z. B. Petrarca, Epist. fam. VI 2;
                        cf. X 1) führen muß. Der Wandel des Wirklichkeitsbegriffs nimmt dem Neuen
                        sein Suspektes, die <hi rend="italic">terra</hi>
            <hi rend="italic">incognita</hi>, der <hi rend="italic">mundus novus</hi>
                        werden möglich und als <hi rend="italic">Reiz</hi> menschlicher Aktivität
                        wirksam; paradox formuliert: die Überraschung wird erwartbar. Das greift
                        auch in die Geschichte des Topos von der Lügenhaftigkeit der Poesie ein; das
                        ästhetische Vergnügen an den <hi rend="italic">falsa</hi> wird legitim,
                        insofern sie sich als <hi rend="italic">nova</hi> (also: mögliches, noch
                        jenseits des Horizontes liegendes Wirkliches) deuten lassen. Julius Caesar
                        Scaliger, Verfasser einer heute viel angerufenen Poetik (1561), verhandelt
                        in seinem noch interessanteren Werk <hi rend="italic">De subtilitate ad
                            Hieronymum Cardanum</hi> (1557; ich benutze die Ausg. von 1582) den Satz
                        des Cardano <hi rend="italic">Falsa delectant quia admirabilia</hi> (Exerc.
                        307, 11; p. 936 sq.). Scaliger verwahrt sich gegen den Zusatz, es seien nur
                        die Kinder und Toren, die solches Vergnügen am Unwahren hätten, und zwar
                        deshalb, weil sie noch <hi rend="italic">plus veritatis</hi> darin
                        vermuteten, so daß es letztlich doch wieder die (wenn auch nur
                        vermeintliche) Wahrheit wäre, was Vergnügen bereitet. Dagegen: einem seiner
                        Natur nach unendlichen Verstand kann die Kunst unerschöpflicher genügen als
                        die Natur; jene <hi rend="italic">falsa</hi>, an denen doch auch <hi rend="italic">sapientes</hi> Gefallen finden (e. g. an den <hi rend="italic">Homerica phasmata</hi>), erweisen sich als der
                        überschießende Reichtum der Kunst über den (noch) konstanten Naturbestand
                        hinaus. <hi rend="italic">At quare delectant admirabilia? Quia movent. Cur
                            movent? Quoniam nova. Nova sane sunt, quae nunquam fuere neque dum
                            existunt ... Mentem nostram esse natura sua infinitam. Quamobrem et quod
                            ad potentiam attinet aliena appetere, et quod spectat ad intellectionem,
                            etiam e falsis ac monstrorum picturis capere voluptatem. Propterea quod
                            exsuperant vulgares limites veritatis ... Mavultque pulchram imaginem,
                            quam naturali similem designatae. Naturam enim in eo superat
                        ars</hi>.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.7">
          <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.8">Ein letzter hier noch zu
                        besprechender <term key="Wirklichkeitsbegriff" type="Episteme" xml:id="TM.91">Wirklichkeitsbegriff</term> orientiert sich
                        an der Erfahrung von <hi rend="italic">Widerstand</hi>.</phr> In diesem
                    Wirklichkeitsbegriff wird die Illusion als das Wunschkind des Subjekts
                    vorausverstanden, das Unwirkliche als die Bedrohung und Verführung des Subjekts
                    durch die Projektion seiner eigenen Wünsche, und demzufolge antithetisch die
                        <term key="Realität als das dem Subjekt nicht Gefügige" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.4">Realität als
                        das dem Subjekt nicht Gefügige</term>, ihm Widerstand Lei<c type="hyphen"></c>
          <pb n="14"></pb>stende, und dies nicht nur als Erfahrung des Berührens, der
                    trägen Masse, sondern auch und in letzter Zuspitzung in der logischen Form des
                        <hi rend="italic">Paradoxes</hi>. Mit diesem Wirklichkeitsbegriff hat es z.
                    B. zu tun, daß das <term key="Paradoxon" type="Episteme" xml:id="TM.92">Paradox</term> zur bevorzugten <term key="Zeugnisform" type="Episteme" xml:id="TM.93">Zeugnisform</term> der <term key="Theologie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.135">Theologie</term> werden konnte,
                    die gerade in der Ärgerlichkeit und Anstößigkeit des logisch inkonsistenten
                    Gehaltes den Ausweis einer letzten, das Subjekt niederzwingenden und zur
                    Selbstaufgabe fordernden Realität sieht. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.9">
            <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.19">Wirklichkeit</term> ist hier
                        das ganz und gar Unverfügbare, was sich nicht als bloßes Material der
                        Manipulation und damit der ständig umsteuerbaren Erscheinung unterwerfen
                        läßt, was vielmehr in der Technisierung nur scheinbar und zeitweise in
                        Dienst genommen worden ist, um sich dann in seiner überwältigenden <term key="Eigengesetzlichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.94">Eigengesetzlichkeit</term> und einer seine Erzeuger tyrannisierenden
                        Mächtigkeit zu enthüllen als ein ‚factum brutum‘, von dem nachträglich nur
                        noch behauptet, aber nicht mehr vorgestellt werden kann, daß es aus einem
                        freien und konstruktiven Prozeß des Erdachtwerdens einmal hervorgegangen
                        sein könnte.</phr> In diesem Sinne ist das der Analyse nicht mehr
                    Zugängliche, das nicht weiter Auflösbare, das – in einer charakteristischen
                    Wendung – ‚atomic fact‘, die elementare Konstante, signifikativ für diesen 
                   Wirklichkeitsbegriff; aber auch solche Aussagen wie die, daß das Spielen mit
                    zwei einander ausschließenden Bildern schließlich den richtigen Eindruck von
                    einer bestimmten Realität geben könne (Heisenberg), oder daß „ein kompliziertes
                    Stück Mathematik ebenso Realität repränsentiere [sic] wie ‚Masse‘, ‚Energie‘
                    usw“ (George Thomson). Vielleicht deutet sich dieser Wirklichkeitsbegriff zum
                    ersten Mal darin an, daß für das Realitätsbewußtsein ein <hi rend="italic">Instinkt</hi> in Anspruch genommen wird, dessen praktische Mechanik den
                    theoretischen Zweifel zwar nicht ausschließt und aufhebt, aber gleichgültig für
                    unsere Existenz- und Selbstbehauptung macht, wie es <term key="D&apos;Alembert, Jean-Baptiste le Rond" type="Person" xml:id="TM.147">D&apos;Alembert</term> in
                    der Einleitung zur Enzyklopädie ausgesprochen hat. Vielleicht auch in jenem fast
                    gleichzeitigen Wort <term key="Lessing, Gotthold Ephraim" type="Person" xml:id="TM.148">Lessings</term> an <term key="Mendelssohn, Felix" type="Person" xml:id="TM.149">Mendelssohn</term>, <hi rend="italic">daß wir uns bei jeder heftigen Begierde oder Verabscheuung eines größern
                        Grads unserer Realität bewußt sind</hi>,<note n="7" type="endnote" xml:id="EN.7">Lessing, <hi rend="italic">Gesammelte Werke</hi>, Berlin
                        1957, Bd. IX p. 105 (Brief vom 2. Febr. 1757).</note> einer Formulierung,
                        <phr type="Realitätskonzept" xml:id="PH.10">die das <term key="Wirklichkeitsbewusstsein" type="Episteme" xml:id="TM.95">Wirklichkeitsbewußtsein</term> vom <term key="Denken" type="Episteme" xml:id="TM.96">Denken</term> trennt und in die Sphäre der unverfügbaren
                        Erfahrungen des Subjekts mit sich selbst verlegt.</phr> Jedenfalls müssen
                    wir mit der Möglichkeit rechnen, daß die Neuzeit nicht mehr die Epoche eines
                    homogenen Wirklichkeitsbegriffes ist, oder daß die Herrschaft eines bestimmten
                    ausgeprägten Realitätsbewußtseins sich gerade in der Auseinandersetzung mit
                    einer anderen schon formierten oder sich formierenden Möglichkeit, von
                    Wirklichkeit betroffen zu werden, vollzieht.</p>
        <p xml:id="P.8">
          <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.11">Zwischen den derart umrissenen Wirklichkeitsbegriffen
                        in ihrem geschichtlichen Zusammenhang und den Verständnisweisen für das
                        Kunstwerk besteht ein Begründungsverhältnis. Ganz unzweifelhaft ist die
                        Theorie der Nachahmung<note n="8*" type="endnote" xml:id="EN.8">Die folgende
                            Darstellung der Herkunft und historischen Rolle der Mimesis-Theorie
                            referiert nicht nur, sondern korrigiert z. T. auch den entsprechenden
                            Abschnitt meiner Studie <hi rend="italic">Nachahmung der Natur</hi> (in:
                                <hi rend="italic">Studium Generale</hi> X, 1957, 266-283; spez. 270
                            ff.). Vor allem habe ich mich nicht mehr mit der Feststellung der
                            Ambivalenz des platonischen Schemas begnügt, sondern möchte zeigen, daß
                            positive und negative Wertung, Betonung der Partizipation bzw. der
                            Defizienz, verschiedenen Bezugsebenen zugehören, die als <term key="Abbildlichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.62">
                <hi rend="italic">reale</hi>
                                Abbildlichkeit</term> und bloß <term key="Nachbildlichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.63">
                <hi rend="italic">relationale</hi> Nachbildlichkeit</term>
                            gekennzeichnet sein mögen. Dadurch wird sowohl verständlich, was in der
                            aristotelischen Kunsttheorie geschieht, die diese Differenzierung nicht
                            haben kann und der nur die positive Wertung der Mimesis offenbleibt, als
                            auch, was eigentlich der Neuplatonismus und die platonisierende Gnosis
                            ‚ausgelassen‘ haben.</note> als die beherrschende<pb n="15"></pb>Konzeption
                        in unserer ästhetischen Tradition fundiert in dem <term key="Wirklichkeitsbegriff der momentanen Evidenz" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.5">Wirklichkeitsbegriff
                            der <hi rend="italic">momentanen Evidenz</hi>
            </term>.</phr> Die
                    Nachahmungstheorie ist gebunden an zwei ontologische Voraussetzungen:</p>
        <p xml:id="P.9">1. die Gegebenheit oder Annahme eines Bereiches <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.20">eigentlicher und aus sich
                        einleuchtender <hi rend="italic">exemplarischer</hi> Realität</term>;</p>
        <p xml:id="P.10">2. die <hi rend="italic">Vollständigkeit</hi> dieses Bereiches
                    hinsichtlich aller möglichen Gehalte und Gestalten von Wirklichkeit.</p>
        <p xml:id="P.11">Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich, daß alles Künstliche im
                    weitesten Sinne das Natürliche nur <hi rend="italic">wiederholen</hi> kann, weil
                    es gar keinen Spielraum der ‚Überschreitung‘ gibt. Es liegt ferner im Sinne
                    einer aus sich selbst exemplarischen Gegebenheit, daß sie nicht nur wiederholt
                    werden <hi rend="italic">kann</hi>, sondern auch wiederholt werden <hi rend="italic">soll</hi>, daß sie also zu ihrer <term key="Nachahmung" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.50">Nachahmung</term>
                    gleichsam herausfordert, weil sie in ihrer <term key="Urbildlichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.97">Urbildlichkeit</term> ohne die erfolgte Veranlassung
                    des <term key="Abbild" type="Episteme" xml:id="TM.98">Abbildes</term> steril
                    bliebe. So begründet die platonische <term key="Idealität" type="Episteme" xml:id="TM.99">Idealität</term>, weshalb es künstliche und künstlerische
                    Gebilde gibt, zugleich aber auch, weshalb in ihnen nichts Wesentliches
                    ‚geleistet‘ sein kann. Hier ist die eigentümliche <hi rend="italic">Ambivalenz
                        des </hi>
          <term key="Platonismus" rend="italic" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.136">Platonismus</term> in der Geschichte der Kunsttheorie
                    angelegt: er war stets Rechtfertigung und Entwertung der künstlerischen
                    Tätigkeit zugleich. <term key="Platon" type="Person" xml:id="TM.150">Plato</term> selbst belegt das im zehnten Buch seines <hi rend="italic">Staates</hi>, wo er bekanntlich eine Polemik gegen die Dichtung und
                    darstellende Kunst überhaupt führt, und zwar mit dem Argument, daß der Künstler
                    in der Darstellung der gegebenen Gegenstände bereits aus der zweiten Hand
                    schöpfe, indem das, woran er sich hält, doch selbst noch nicht das letzte und
                    eigentliche Wirkliche sei, sondern dessen Nachahmung durch die Natur oder durch
                    den Handwerker. Das Kunstwerk ist als Nachahmung zweiter Stufe bestimmt. Wenn
                    also das Abbild des Abbildes ganz anders bewertet werden muß als das Abbild des
                    Urbildes, so hängt auch das mit dem Wirklichkeitsbegriff der momentanen Evidenz
                    zusammen: <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.12">in
                        der unübersteigbaren <term key="Evidenz" type="Wirkung-Ergebnis" xml:id="TM.66">Evidenz</term> des Urbildes ist <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.21">Wirklichkeit</term> als
                        Verbindlichkeit zu erfahren</phr>, und das Abbild erster Stufe – also das
                    Abbild des Urbildes – ist legitimiert dadurch, <hi rend="italic">daß</hi> es
                    sein soll, nicht nur dadurch, <hi rend="italic">was</hi> es sein soll (eine
                    Bestimmung, die nur dem Urbilde zukommt). Dieser Sachverhalt wird an dem von
                    Plato gewählten Beispiel der künstlerischen Darstellung von elementaren
                    Gebrauchsgegenständen durch die Malerei bestätigt. Den Tisch oder das Bett gibt
                    es in der uns umgebenden Natur nicht; aber für Plato ist es ausgeschlossen, daß
                    der Handwerker solche Gegenstände im Hinblick auf einen Gebrauchszweck <hi rend="italic">erfunden</hi> haben könnte, denn das hieße, daß er ihre Idee
                    authentisch hervorgebracht hätte. Vielmehr muß es nach Plato für alle sinnvollen
                    Gestaltungen des Menschen bereits Urbilder in der Ideenwelt geben, anhand deren
                    handwerkliche Produktion sich vollzieht. Das Abbild erster Stufe wird hier also
                    von dem geleistet, der handwerklich den Tisch oder das Bett herstellt. Der Maler
                    aber, der solche Dinge seinerseits darstellt, hält sich an das handwerklich
                    schon produzierte Zeug, bildet also das Abbild nochmals ab.</p>
        <p xml:id="P.12">Weshalb aber läßt Plato nicht zu, daß der Maler – genauso wie der
                    Handwerker – auf die Idee selbst blickt, wenn er solche Gegenstände darstellt,
                    und damit der For<c type="hyphen"></c>
          <pb n="16"></pb>derung genügt, ein unmittelbares
                    Abbild des Urbildes zu geben? Diese Frage bleibt im Text des zehnten Buches des
                        <hi rend="italic">Staates</hi> unbeantwortet. Sie ist aber von Wichtigkeit,
                    wenn man die Ambivalenz des Platonismus für die Theorie des Ästhetischen
                    verstehen will. Sie wird auch nicht ohne Bedeutung sein, wenn man die These
                    begründen will, daß es der platonische Restbestand in unserer ästhetischen
                    Tradition ist, der dem <hi rend="italic">Roman</hi> seine systematisch legitime
                    Stelle in unserer traditionellen Ästhetik bestreitbar bzw. unsicher macht und
                    ihn dadurch zu einer <hi rend="italic">Gattung des schlechten ästhetischen
                        Gewissens </hi>werden ließ, deren Überwindung oder deren Assimilation an
                    andere legitime Gattungen die kaum je verstummende Forderung wurde.</p>
        <p xml:id="P.13">Die platonischen Ideen fixieren einen Kanon dessen, was der
                    Abbildlichkeit zugleich fordernd und lizenzierend vorgegeben ist. Die
                    platonischen <term key="Idee" type="Episteme" xml:id="TM.100">Ideen</term> waren
                    zunächst Begründungen für die Möglichkeit unserer abstrakten <term key="Begriff" type="Episteme" xml:id="TM.101">Begriffe</term>, also noch
                    nicht Urbilder von Gestalten, sondern Normen für Leistungen des Verstandes, etwa
                    für die Herstellung von Relationen zwischen Gegenständen, für die Erfassung
                    geometrischer Verhältnisse und schließlich für die Beurteilung des Wertes von
                    Handlungen. In all diesem hatten die Ideen gebietenden Charakter; sie
                    repräsentierten noch nicht Wirkliches, <hi rend="italic">wie</hi> es sein soll,
                    sondern das <hi rend="italic">Seinsollen als solches</hi>. Die Tatsache, daß die
                    ursprüngliche und präexistente Erfahrung der Ideen als <term key="Anschauung" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.102">Anschauung</term> vorgestellt
                    werden mußte, führte dazu, daß an den Ideen das eidetische Moment immer
                    ausgeprägter wurde, daß sie sich zu Urgestalten alles dessen formierten, was wir
                    in der sichtbaren Welt als einen Inbegriff vager Nachbildungen vor uns haben.
                    Aber immer noch waren die Ideen nicht nur Bilder reiner Wesenheiten, sondern
                    Urbilder mit dem der Idee genuinen Sollensgehalt der zum Nachbilden
                    auffordernden Vorbildlichkeit. Die Begriffe ‚<term key="Urbild" type="Episteme" xml:id="TM.103">Urbild</term>‘ und ‚<term key="Abbild" type="Episteme" xml:id="TM.104">Abbild</term>‘ sind also nicht bloße
                    Relationsbegriffe, die sich aus der vollzogenen Nachbildung ergeben, sondern sie
                    haben entsprechend der Herkunft der Ideenlehre selbst ideale Qualität, d. h.
                    Urbildlichkeit ist unabhängig von der tatsächlichen Nachbildung und vor ihr da
                    als eine erst in der Tatsächlichkeit und Getreulichkeit des Abbildes sich
                    erfüllende Norm. Diese Konsequenz der Ideenlehre, die sich schon im <hi rend="italic">Staat</hi> in der Heraushebung des Guten zu einer Idee der
                    Ideen bezeugt, zeigt sich in dem Dialog <hi rend="italic">Timaeus</hi> vollends
                    in ihrer Bedeutung, und zwar darin, daß die Tatsache der Weltherstellung gar
                    keiner weiteren Motivierung bedürftig ist als derjenigen des bloßen Anblicks der
                    Ideen durch einen, als zu dieser Verrichtung befähigt gedachten Handwerker, dem
                    nur seine Werktreue bescheinigt werden muß, nicht aber eine besondere
                    Disposition seines Willens, ein solches Werk auf sich zu nehmen und
                    durchzuführen. Die <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.22">sichtbare Welt</term> ist danach eine Vollstreckung der Sollensimplikation
                    der Urbilder, ihnen ihre Nachbildung als das ihren Sinn erfüllende Korrelat zu
                    geben. Aber es zeigt sich auch sogleich, daß in diesem System nur das erste und
                    unmittelbare Abbild als Erfüllung des Urbildgebotes legitimiert ist und darin
                    ein Ende des Prozesses der Abbildung darstellt; der als reales Prädikat
                    genommene Abbildcharakter schließt die Möglichkeit aus, wiederum verbindliches
                    Vorbild werden zu können. Der darstellende Künstler bildet also nur das ab, was
                    seinerseits <hi rend="italic">schon</hi> Abbild ist und <hi rend="italic">nur</hi> Abbild sein kann und erhebt es dadurch in die ihm nicht zukommende
                    Funktion der Urbildlichkeit. Nicht jedes Abbild und nicht das <term key="Abbild" type="Episteme" xml:id="TM.105">Abbild</term> als solches ist
                    also bei Plato negativ gewertet, sondern nur das nicht unmittelbar nach dem
                    Urbild entstandene, also nicht ‚reale‘ Abbild, das indirekte, schon auf Abbilder
                    zurückgehende <term key="Nachbild" rend="italic" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.51">Nachbild</term>. Es ist wohl eines der Mißver<c type="hyphen"></c>
          <pb n="17"></pb>ständnisse des <hi rend="italic">Neuplatonismus</hi>, daß dort Nachahmung überhaupt in eine negative Wertung
                    rückt und damit schon die Entstehung der Welt – und nicht erst die der
                    Nachbildwerke der Kunst – ein zweifelhaftes Ereignis wird. Aber dieses
                    neuplatonische Mißverständnis der Nachahmungskritik Platos macht zugleich den
                    eigentümlichen Sachverhalt verständlich, daß Motive der platonischen Tradition
                    an einer Entwicklung beteiligt sein konnten, durch die eine Überwindung der
                    Nachahmungsformel in der Begründung der Möglichkeit künstlerischer Produktivität
                    erreicht werden sollte.</p>
        <p xml:id="P.14">Bei diesen Überlegungen darf nicht vergessen werden, daß die
                    ästhetische Theorie der Nachahmung in die <term key="Aristoteles" rend="italic" type="Person" xml:id="TM.151">Aristoteles</term>-Rezeption gehört.<note n="9*" type="endnote" xml:id="EN.9">Dabei darf nicht übersehen werden, daß
                        in dieser Tradition die allgemeine metaphysische Auslegung von <hi rend="italic">Kunst</hi> (τέχνη) im weistesten Sinne beherrschend
                        geworden ist, bevor das, was wir <hi rend="italic">Ästhetik</hi> des
                        Aristoteles nennen würden, mit der Wiederentdeckung der <hi rend="italic">Poetik</hi> wirksam werden konnte. Die Kommentierungsarbeit des
                        Mittelalters hatte einen Aristotelismus abzüglich der <hi rend="italic">Poetik</hi> (die nur über die arabische Linie der Tradition läuft) zum
                        Ergebnis; welche Folgen das gehabt hat, müßte dringend näher untersucht
                        werden.</note> Indem bei Aristoteles die Ideen zu Formprinzipien der Natur
                    selbst wurden, verschmolzen Tatsächlichkeit und Verbindlichkeit in der Welt so,
                    daß der Künstler nun seine Aufgabe darin finden konnte, aus der Erscheinung das,
                    was sein soll und wie es sein soll, zu erheben. Jetzt wird die künstlerische
                    Darstellung Abbild erster und einziger Stufe. Die Würde der Nachahmung als des
                    Inbegriffs künstlerischer Tätigkeit ist also nicht durch eine Umwertung der
                        <term key="Mimesis" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.52">Mimesis</term> herbeigeführt, sondern nur durch eine Verminderung der Zahl
                    der Bezugsebenen: das Künstlerische ist nun genau an die Stelle getreten, an der
                    bei Plato die <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.23">Natur</term> selbst bzw. der sie herstellende Demiurg gestanden hatten und
                    durch deren Besetzung die künstlerische Tätigkeit dort wesensmäßig überflüssig,
                    ja systemwidrig geworden war.</p>
        <p xml:id="P.15">Freilich, es handelt sich hier nur um einen ‚platonischen Rest‘ im
                    Aristotelismus, und dieser begründet zwar die Möglichkeit des Kunstwerkes, aber
                    er rechtfertigt es nicht, gibt ihm keine Notwendigkeit. Daran liegt es, daß die
                    aristotelische Tradition der Ästhetik darauf angewiesen ist, die künstlerische
                    Tätigkeit zwar als Nachahmung der Natur zu definieren, sie aber zugleich fast
                    ausschließlich von den Bedürfnissen des menschlichen Gemüts und von der Wirkung
                    auf dieses Gemüt her zu begründen, zu verstehen und zu normieren. In einer
                    aristotelisierenden Kunsttheorie ist daher der fundierende Begriff des <term key="Mensch" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.106">Menschen</term>
                    wichtiger als der Wirklichkeitsbegriff; wir haben eine Ästhetik, die im Hinblick
                    auf den affizierten Rezeptor konzipiert und systematisiert ist. Der ursprünglich
                    böse Satz, daß die Künstler, insbesondere die Dichter, Lügner seien, verliert in
                    diesem systematischen Rahmen seinen negativen, kritisch relevanten Gehalt, und
                    dies schon deshalb, weil die aristotelische Definition des Künstlichen als
                    Nachahmung nicht eine Bestimmung dessen ist, was getan werden <hi rend="italic">soll</hi>, sondern dessen, was überhaupt nur getan werden <hi rend="italic">kann</hi>.</p>
        <p xml:id="P.16">Die Erneuerung des Platonismus in der <term key="Renaissance" rend="italic" type="Epoche_und_Strömung" xml:id="TM.157">Renaissance</term>
          <note n="10*" type="endnote" xml:id="EN.10">Was an dieser
                        Erneuerung wirklich ‚platonisch‘ ist, läßt sich im einzelnen nur schwer
                        bestimmen. Bei begriffsgeschichtlichen Untersuchungen darf nicht übersehen
                        werden, daß der ‚Platonismus‘ der Renaissance seit Petrarca aus einer
                        Cicero-Rezeption hervorgeht und in seiner Verständniskapazität durch sie
                        bestimmt wird. Dieser Umstand macht z. B. <hi rend="italic">idea</hi> als
                        Leitfaden ungeeignet, um Platonismen aufzuspüren, wie man an Erwin <hi rend="smallcaps">Panofskys</hi>
            <hi rend="italic">Idea</hi> (<hi rend="italic">Studien der Bibl.
                            Warburg</hi> 1924; 2. Aufl. 1960) nachprüfen kann: mit der Wahl von <hi rend="italic">species</hi> als lateinischem Äquivalent hatte Cicero dem
                        Ausdruck jede Spezifität genommen (obwohl er ihn auch griechisch stehen
                        ließ), den der Humanismus zum philosophischen Allerweltswort nivellierte.
                        Wenn Panofsky z. B. Melanchthons ausdrückliche Gleichsetzung von <hi rend="italic">idea</hi> und <hi rend="italic">notitia</hi> für die <hi rend="italic">in animo</hi> des Apelles eingeschlossene <hi rend="italic">pulcherrima imago humani corporis</hi> anführt, um die
                        Immanentisierung des Platonismus zu belegen, so spricht dagegen Melanchthons
                        eigene Verlegenheit, wenn er einmal gezwungen ist, einen authentisch
                        platonischen Gedanken wiederzugeben, und z. B. die mit <hi rend="italic">notitia</hi> kaum systematisierbare <hi rend="italic">imitatio</hi>
                        verwendet: so hat der <hi rend="italic">statuarius</hi> in sich eine <hi rend="italic">certa notitia</hi> seines Werkes, die seine Verrichtungen
                            reguliert<hi rend="italic">, donec efficiatur similitudo eius archetypi
                            quem imitatur</hi> (Corp. Ref. XIII 305). Wäre <hi rend="italic">idea</hi> wirklich hier „beinahe als ein spezifisch kunsttheoretischer“
                        Begriff genommen, brauchte nicht <hi rend="italic">archetypus</hi>
                        hereingeheimnist zu werden; aber <hi rend="italic">idea</hi> ist eben schon
                        das angenehme Bildungswort, das man gerade dann nicht mehr brauchen kann,
                        wenn man etwas Platonisches bezeichnen muß.</note> bedeutet nicht eine
                    Umkehrung des Verhältnisses der Entstehung der aristotelischen Konzeption aus
                    der pla<c type="hyphen"></c>
          <pb n="18"></pb>tonischen; die Kritik am Ideal der
                    Nachahmung beruht auf einer Veränderung des metaphysischen Interesses. Mit dem
                    Ausgang des <term key="Mittelalter" type="Epoche_und_Strömung" xml:id="TM.158">Mittelalters</term> gewann die Frage des <term key="Mensch" type="Episteme" xml:id="TM.107">Menschen</term> nach sich selbst und nach
                    seiner Stellung in der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.24">Welt</term> und gegenüber der Welt Vorrang, und bei der Beantwortung dieser
                    Frage gaben Leistung und Werk des Menschen den Ausschlag. Thema der Renaissance
                    wurde mit der Würde des Menschenwerkes die Begründung der Dignität des
                    Kunstwerkes. Der vornehmliche Hinblick einer Theorie der Kunst auf den
                    affizierten Betrachter war dazu systematisch wenig geeignet. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.13">
            <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.14">Die
                            Vergleichbarkeit des menschlichen Werkes mit dem göttlichen
                            Schöpfungswerk war die heimliche oder ausdrückliche Orientierung eines
                            neu sich bildenden Begriffes vom <term key="Künstler" type="Ästhetik" xml:id="TM.69">Künstler</term>, und das führte natürlich mit
                            Vehemenz zurück auf die Frage nach dem Verhältnis des <term key="Kunstwerk" type="Ästhetik" xml:id="TM.70">Kunstwerkes</term>
                            zur <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.25">Naturwirklichkeit</term>, nach der notwendigen oder zufälligen
                            Abhängigkeit oder der Lösbarkeit dieses Bezuges.</phr> Wenn diese
                        Auffassung von dem frühen Impuls für die Kunstauffassung der Neuzeit richtig
                        ist, dann liegt in der Konsequenz des Ansatzes nicht nur eine Neubestimmung
                        der Differenz ästhetischer und physischer Gegenstände, sondern <phr subtype="Welt" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.15">die
                            Idee der Konkurrenz des Künstlers mit der vorgefundenen <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.26">Welt</term> im
                            ganzen, also nicht nur ihrer Abwandlung, Idealisierung, Variierung,
                            sondern der künstlerischen Erschaffung <hi rend="italic">weltebenbürtiger</hi> Werke.</phr> Sowohl nach dem antiken
                        Wirklichkeitsbegriff der momentanen Evidenz als auch nach dem
                        mittelalterlichen der Realitätsbürgschaft Gottes wäre eine solche Idee der
                        künstlerischen Konkurrenz mit dem Gegebenen sinnlos und bodenlos gewesen.
                        Erst ein neu sich durchsetzender Begriff von Wirklichkeit, der nichts
                        anderes als die Konsistenz des Gegebenen im <term key="Raum" type="Episteme" xml:id="TM.108">Räume</term> und in der Zeit für die
                        Intersubjektivität als den einzig möglichen Rechtstitel auf Anerkennung
                        durch ein Wirklichkeitsbewußtsein bestimmte, ließ den Anspruch auf Totalität
                        künstlerischer Setzungen neben dem Faktum <hi rend="italic">Welt</hi>
                        überhaupt tragbar, wenn nicht allererst verstehbar werden.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.17">Derselbe Schöpfungsbegriff, der jetzt die Vorstellung von der
                    möglichen Totalität eines Werkes nach sich zog, hatte – ohne daß das
                    systematisch rechtzeitig ausdrücklich geworden wäre – der aristotelischen
                    Konzeption des Künstlichen und Künstlerischen den Boden entzogen. Indem sich die
                    gegebene Natur als Ausdruck eines mit allmächtiger Fähigkeit ausgestatteten
                    göttlichen Willens darbot, war die Idealisierung als Aufgabe des Künstlers nicht
                    nur zweifelhaft geworden, sondern fast dämonisiert durch die Implikation, daß
                    die Natur nicht so sein müsse, wie sie sein sollte, sofern der Künstler<pb n="19"></pb>ihre Möglichkeiten gleichsam ‚einzuholen‘ und ihren Rückstand
                    gegenüber ihrem Seinsollen auszugleichen hätte. Was konnte es jetzt nach der
                    aristotelischen Definition noch bedeuten, daß Technik und Kunst vollenden, was
                    die Natur nicht zu Ende zu bringen vermag? Für das mittelalterliche
                    Weltverständnis hatte die gegebene Natur ihre selbsteigene, ihre authentische
                    Evidenz als Wirklichkeit verloren. Das durch einen absoluten Willen gesetzte wie
                    verbürgte Faktum war eine neue große Doppeldeutigkeit: es gewährte die
                    Beruhigung der nicht zu stellenden Fragen und gab zugleich das Ärgernis, das in
                    jeder Faktizität für die Vernunft steckt. Die Tatsache, daß aus den
                    Voraussetzungen und Zusammenhängen der cartesischen Philosophie keine Ästhetik
                    hervorgegangen ist, wird jetzt gerade daraus verständlich, daß diese Philosophie
                    hinsichtlich ihres Wirklichkeitsbegriffs ‚mittelalterlich‘ gewesen ist und an
                    das Bürgschaftsschema der Realität gebunden blieb. Eine Ästhetik des
                    Cartesianismus hätte nichts anderes sein können als allenfalls eine Theorie der
                    mittelalterlichen Kunst. Dieses historische Phänomen darf uns weder verblüffen
                    noch irremachen; es ist ganz selbstverständlich, daß die versteckteste
                    Implikation einer Epoche, nämlich ihr Wirklichkeitsbegriff, erst zur Explikation
                    kommt, wenn jenes Wirklichkeitsbewußtsein bereits gebrochen ist.</p>
        <p xml:id="P.18">
          <phr subtype="Welt" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.16">Die Frage nach der <term key="Möglichkeit" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.109">Möglichkeit</term> des <term key="Roman" type="Form" xml:id="TM.143">Romans</term> als eine
                        ontologische, d. h. als eine die Fundierung im Wirklichkeitsbegriff
                        aufsuchende, zu stellen, bedeutet also, nach der Herkunft eines neuen
                        Anspruches der Kunst zu fragen, ihres Anspruches, nicht mehr nur <hi rend="italic">Gegenstände</hi> der Welt, nicht einmal mehr nur <hi rend="italic">die</hi> Welt nachbildend darzustellen, sondern <hi rend="italic">eine</hi>
            <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.27">Welt</term> zu
                        realisieren.</phr> Eine Welt – nichts Geringeres ist Thema und Anspruch des
                        Romans.<note n="11*" type="endnote" xml:id="EN.11">Die Formel von Georg <hi rend="smallcaps">Lukács</hi>, der Roman sei die „Epopöe der
                        gottverlassenen Welt“ (<hi rend="italic">Die Theorie des Romans</hi>, Berlin
                        1920, p. 84), also das Epos unter den Bedingungen des neuzeitlichen
                        Weltverständnisses, findet in den hier entwickelten Zusammenhängen eine
                        gewisse Entsprechung. Die ersehnte Erneuerung des griechischen Epos wie die
                        Behauptung seiner absoluten Maßstäblichkeit brachen sich an einem
                        Wirklichkeitsverständnis, für das die Welt ‚eine‘ Welt, der <term key="Kosmos" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.47">Kosmos</term> ein <term key="Universum" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.48">Universum</term> geworden war. Der mit
                        Leibniz und Wolff endgültig gescheiterte Versuch, der <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.49">faktischen Welt</term> die <hi rend="italic">ratio sufficiens</hi> zu sichern, öffnete die Schleusen
                        für eine Kritik des Faktischen vom Möglichen und Rationalen her, die auch
                        die Imagination affizieren und zur Sinnhaltigkeitserprobung ihrer ‚Welten‘
                        innervieren mußte. Die Einzigkeit ihres Kosmos und die Verbindlichkeit des
                        Epos für die Weltauslegung der Griechen waren nur zwei Aspekte der in <hi rend="italic">momentaner</hi>
            <hi rend="italic">Evidenz</hi> gegebenen Wirklichkeit gewesen. Der Roman
                        konnte keine ‚Säkularisierung‘ des Epos nach der Entgöttlichung der Welt
                        sein; im Gegenteil, gerade auf die Theologisierung der Welt geht ihre
                        Kontingenz, die Faktizität des unbestimmten Artikels, der Zudrang der <hi rend="italic">possibilia</hi> zurück. Die ‚Welten‘, denen das ästhetisch
                        eingestellte Subjekt jeweils nur auf Widerruf zu gehören bereit ist, in der
                        verfügbaren Endlichkeit eines Kontextes, sind der Inbegriff der
                        Realitätsthematisierung durch den Roman und die ihm essentielle
                        ‚Einstellung‘ der Ironie.</note> Es ist seltsam, daß die Voraussetzung für
                    diesen Ansatz durch die Erneuerung des Platonismus geschaffen werden konnte,
                    seltsam deshalb, weil der Platonismus damit in eine ihm ganz heterogene
                    geschichtliche Funktion eintrat. Die in seiner Ambivalenz angelegte negative
                    Bewertung der Nachahmung war der am Anfang der Neuzeit gleichsam ‚erwünschte‘
                    Effekt, dessen genuine <hi rend="italic">Voraussetzungen</hi> freilich nicht zu
                    erneuern waren: <phr subtype="Welt" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.17">die Differenz zwischen Tatsächlichkeit und Seinsollen der
                            <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.28">Welt</term> als
                        Spielraum der Kunst</phr> war eine inzwischen ausgeschlossene Möglichkeit.
                    Die Kunst sollte sich vielmehr im Raume des von Gott und der Natur nicht
                        Verwirklichten<pb n="20"></pb>ansiedeln, und hier gab es keine Dualität mehr von
                    vorgegebener Wirklichkeit und nachgestaltendem Werk; vielmehr war jedes sich an
                    dem neuen Wirklichkeitsbegriff messende Werk immer schon die <term key="Wirklichkeit" rend="italic" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.29">Wirklichkeit des Möglichen</term>, dessen <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.30">Nicht-Realität</term> die
                    Voraussetzung für die Relevanz seiner Realisierung sein mußte.</p>
        <p xml:id="P.19">Wenn die Ausgangsthese dieser Überlegungen richtig ist, daß die
                    Geschichte der Ästhetik eine einzige Auseinandersetzung mit dem antiken Satz
                    darstellt, daß die Dichter lügen, so muß diese Geschichte immer mitabhängig sein
                    von der Auffassung der menschlichen Möglichkeit, ‚die <term key="Wahrheit" type="Episteme" xml:id="TM.110">Wahrheit</term> zu sagen‘. Die <hi rend="italic">Wandlung des Wahrheitsbegriffes</hi> eröffnet erst einen neuen
                    Spielraum für die Kunst, ‚wahr‘ zu sein. Der antike und noch weithin durch das
                    Mittelalter festgehaltene Begriff von Wahrheit bestimmt, daß in der Erkenntnis
                    ontisch dasselbe konstituierende Moment wirksam und präsent ist, das die Dinge
                    selbst zu dem macht, was sie sind, aristotelisch gesprochen: ihre Wesensform.
                    Zwischen dem Gegenstand und dem ihn erfassenden Erkenntnisakt besteht ein
                    kausaler Zusammenhang eindeutig <term key="Repräsentation" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.53">
            <hi rend="italic">abbildender</hi> Repräsentation</term>. Nun ist mit dem <term key="mittelalterlicher Wirklichkeitsbegriff der transzendent garantierten Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.6">mittelalterlichen Wirklichkeitsbegriff der <hi rend="italic">transzendent
                            garantierten Wirklichkeit</hi>

          </term> eine neue Möglichkeit verbunden,
                    diesen direkten Kausalzusammenhang preiszugeben und die Erkenntnissphäre als
                    eine heterogene und eigengeartete Welt bloßer <hi rend="italic">Zeichen</hi>
          <hi rend="italic">für Dinge</hi> zu verstehen, die nur in ihrer inneren Ordnung
                    in strenger Entsprechung zur inneren Ordnung der Elemente der Dinge stehen muß,
                    damit Wahrheit erreicht werden kann. Die Konzeption einer <hi rend="italic">nicht-abbildenden Erkenntnisleistung</hi>, in der Worte und Zahlen und
                    deren Verhältnisse für die Dinge und deren Verhältnisse eintreten können, hat
                    ihren metaphysischen Rückhalt in der Voraussetzung einer <hi rend="italic">dritten Instanz</hi>, die jene strenge Entsprechung des ganz Heterogenen
                    verbürgt. Der aristotelische Satz, daß die Seele der Möglichkeit nach alles sei,
                    der das uralte Prinzip der Erkenntnis durch Ähnlichkeit und Verwandtschaft auf
                    seine abstrakteste Formel brachte, erhält den neuen Sinn, daß der erkennende
                    Geist in seiner Fähigkeit, Symbole für Dinge und Dingverhältnisse zu setzen, für
                        <hi rend="italic">jede</hi> Formulierung gegenständlicher Gegebenheiten
                    disponiert sei. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.18">Das späte
                        Mittelalter hat die Vorstellung von der <term key="Erkenntnis" type="Episteme" xml:id="TM.111">Erkenntnis</term> durch <term key="Ähnlichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.54">Ähnlichkeit</term> und <term key="Abbildung" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.55">Abbildung</term> vor
                        allem deshalb aufgeben müssen, weil sie ihm den menschlichen Geist zu nahe
                        an den göttlichen heranzurücken schien. Der neue <hi rend="italic">Erkenntnisbegriff</hi> dagegen trennt den die Dinge unmittelbar und in
                        ihrem Wesen erschauenden göttlichen Geist und den sie nur symbolisch
                        repräsentierenden menschlichen Geist radikal, indem der menschliche Geist
                        seine rezeptive Offenheit gegenüber den Dingen verliert und zu einem
                        schöpferischen Prinzip seines eigenen symbolischen Instrumentariums
                            wird.<note n="12*" type="endnote" xml:id="EN.12">Zur <hi rend="italic">similitudo divini intellectus in creando </hi>verweise ich auf
                            meine Einführung zu <hi rend="italic">Nikolaus von Cues: Die Kunst der
                                Vermutung</hi>, Bremen 1957 (Slg. Dieterich Bd. 128) p. 47
                            sq.</note> Die verschärfte <term key="Transzendenz" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.112">Transzendenz</term> des göttlichen
                        Umgangs mit den Dingen erzwingt die <hi rend="italic">Immanenz</hi> des
                        neuen Begriffs menschlicher Bewältigung der Dinge. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.19">Die Entsprechung der
                            Erkenntnis zu ihren <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.113">Gegenständen</term> ist nicht mehr <hi rend="italic">material</hi>, sondern <hi rend="italic">funktional</hi>. Die immanente Konsistenz des <term key="Zeichensystem" type="Medium" xml:id="TM.139">Zeichensystems</term> der Begriffe
                            bleibt die einzige, aber auch die zureichende ‚Adäquation‘ zu der
                            gegebenen <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.31">Wirklichkeit</term>.</phr>
          </phr> Der <hi rend="italic">Begriff des </hi>
          <term key="Bild" rend="italic" type="Medium" xml:id="TM.140">Bildes</term> ist herausgenommen aus der bis dahin
                    unlösbaren Verklammerung von Urbild und Abbild.<note n="13*" type="endnote" xml:id="EN.13">Schon in dem (umstritten) platonischen VII. Brief sind
                        εἴδωλον und ὄνομα hinsichtlich ihres Abstandes vom wahrhaft Seienden auf
                        eine Linie gebracht (342 sq.), aber dies im abwertenden Sinne als
                        Provisorien zu einer dann unüberbietbaren Weise der Unmittelbarkeit. Die
                        neuzeitliche Nivellierung der Differenz von <hi rend="italic">Bild</hi> und
                            <hi rend="italic">Begriff</hi> als adäquationsfreier Suppositionen kennt
                        keine weitergehende Annäherung oder gar <term key="Unmittelbarkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.64">Unmittelbarkeit</term> zum Wirklichen <hi rend="italic">an sich
                            selbst</hi>. Es gehört eben zu den Merkmalen des neuzeitlichen
                        Wirklichkeitsbegriffes, daß er den „ontologischen Komparativ“ (<hi rend="smallcaps">W. Bröcker</hi>) ausschließt.</note>
          <term key="Wahrheit" type="Episteme" xml:id="TM.114">Wahrheit</term> im strengen
                    Sinne von <hi rend="italic">adaequatio</hi> bleibt nur noch<pb n="21"></pb>möglich
                    für das, was der Mensch selbst geschaffen hat und was ihm dadurch vollkommen und
                    ohne symbolische Vermittlung präsent sein kann: dazu gehören die Strukturgesetze
                    seines symbolischen Erkenntnisinstruments selbst, die in der <term key="Logik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.137">Logik</term> erfaßt
                    werden, die mathematischen Gegenstände, die <term key="Geschichte" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.138">Geschichte</term>, die <term key="Sprache" type="Medium" xml:id="TM.141">Sprache</term> und schließlich
                    und nicht zuletzt die <term key="Kunst" type="Feld" xml:id="TM.132">Kunst</term>. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.20">Nicht mehr zwischen dem darstellenden Kunstwerk und
                        der Natur kann also jetzt ein Wahrheitsbezug absoluten Ranges gesehen
                        werden, sondern zwischen dem verstehenden, mit Kunst umgehenden <term key="Subjekt" type="Episteme" xml:id="TM.115">Subjekt</term> und dem
                        künstlerischen Gebilde, das es als ein von ihm wenigstens der Möglichkeit
                        nach hervorgebrachtes Stück Wirklichkeit ansieht.</phr> Nicht mehr im
                    Verhältnis zur Natur als einer ihm entfremdeten Schöpfung, sondern in seinen
                    Kulturwerken konkurriert der Mensch mit der <term key="Unmittelbarkeit" type="Episteme" xml:id="TM.116">Unmittelbarkeit</term>, in der Gott
                    mit seinen Werken als Urheber und Betrachter umzugehen vermag. Die nie zuvor
                    gekannte metaphysische Dignität des Kunstwerkes hat in dieser, Einschränkung und
                    Intensivierung zugleich bedeutenden, Wandlung und Spaltung des
                    Wahrheitsbegriffes ihr Fundament.</p>
        <p xml:id="P.20">Die Konsequenzen dieser neuen Formulierung der geistigen Leistung
                    des Menschen sind weitreichend. Wirklichkeit kann nicht mehr eine den gegebenen
                    Dingen gleichsam anhaftende Qualität sein, sondern der Inbegriff des
                    einstimmigen Sichdurchhaltens einer <hi rend="italic">Syntax von Elementen</hi>.
                        <phr subtype="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.21">
            <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.32">Wirklichkeit</term> stellt sich immer schon und immer nur als eine Art
                        von Text dar, der dadurch als solcher konstituiert wird, daß er bestimmten
                            <term key="Regel" type="Episteme" xml:id="TM.117">Regeln</term> der
                        inneren Konsistenz gehorcht. Wirklichkeit ist für die Neuzeit ein <term key="Kontext" type="Episteme" xml:id="TM.118">Kontext</term>

          </phr>; und
                    ein so wesentliches geistesgeschichtliches Phänomen, wie die Kritik der
                    theologischen Vorstellung von den Wundern als Bezeugung des Göttlichen, steht
                    ganz unter der Dringlichkeit, diesen Wirklichkeitsbegriff durchzuhalten. Wenn es
                    nun so etwas wie eine <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.33">Eigenwirklichkeit</term> ästhetischer Gegenstände geben
                    kann, so stehen auch diese nicht nur unter dem Kriterium des <term key="Kontext" type="Episteme" xml:id="TM.119">Kontextes</term> als
                    Wirklichkeitsausweis, sondern auch unter der bestimmenden Notwendigkeit,
                    hinsichtlich des Umfanges, der Weite, des Reichtums der einbezogenen Elemente
                    mit dem Kontext <hi rend="italic">Natur</hi> zu konkurrieren, also <hi rend="italic">zweite Welten</hi> zu werden – und das heißt: nicht mehr
                    Wirklichkeiten aus der einen und <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.34">einzigen Wirklichkeit</term> nachahmend herauszuheben,
                    sondern nur noch den Wirklichkeitswert der einen vorgegebenen Wirklichkeit als
                    solchen nachzubilden.</p>
        <p xml:id="P.21">Thema der Kunst wird in letzter Konsequenz der formale
                    Wirklichkeitsausweis selbst; nicht der materiale Gehalt, der sich mit diesem
                    Ausweis präsentiert. Unbezweifelbar wäre das Nicht-Mögliche die Erfüllung dieses
                    Anspruches, nämlich <hi rend="italic">der unendliche </hi>
          <term key="Kontext" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.120">Kontext</term> als das der
                    physischen Erfahrung in ihrer Unabschließbarkeit allein formal Adäquate. Hier
                    ist der Ansatz, von dem her sich sehen läßt, daß die Dichtung der Neuzeit – und
                    die ihr zugeordnete ästhetische Reflexion – auf den Roman als die welthaltigste
                    und welthafteste Gattung eines zwar in sich endlichen, aber Unendlichkeit
                    voraussetzenden und auf sie verweisenden Kontextes tendiert. Die <hi rend="italic">potentielle </hi>
          <term key="Unendlichkeit" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.121">Unendlichkeit</term> des Romans ist
                    zugleich seine aus dem Wirklichkeitsbegriff bezogene <term key="Idealität" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.122">Idealität</term> und das
                    ästhetische <hi rend="italic">Ärgernis</hi>, das er unaufhebbar gibt, indem
                    seine nur amorph<pb n="22"></pb>zu lösende Aufgabe wiederum unter dem ästhetisch
                    unabdingbaren Prinzip der Form steht. Vielleicht macht gerade dies den <hi rend="italic">humoristischen</hi> Roman zur genauesten Repräsentation der
                    Problematik des Romans. Dann könnte man sagen, daß schon in Sterne‘s <hi rend="italic">Tristram Shandy</hi> das Thema des Romans seine eigene
                    Möglichkeit und Unmöglichkeit sei: das zunehmende Mißverhältnis zwischen dem
                    gelebten und dem dargestellten Dasein bringt die Unendlichkeitsimplikation des
                    Romans zum Ausdruck, sein Dilemma, als endlicher Text die Vorstellung eines
                    unendlichen Kontextes zu evozieren. Der Roman durchbricht als endliches,
                    faktisch abbrechendes Werk die Antizipation seines auf das Und-so-weiter
                    gerichteten Lesers und macht gerade dadurch sein wahres Thema virulent, daß
                    nicht der Fortgang angeschnittener Ereignisse und Begebenheiten das ist, wovon
                    er letztlich zu handeln und woran er sich als Kunstwerk auszuweisen hat, sondern
                        <phr subtype="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.22">die Konkurrenz der imaginären <term key="Realität" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.35">Kontextrealität</term> mit dem Wirklichkeitscharakter der
                            <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.36">gegebenen
                            Welt</term>.</phr> Ein anderer nicht nur faktisch unvollendeter, sondern
                    wohl gar nicht vollendbarer humoristischer Roman, der Wirklichkeit selbst und
                    als solche zum Thema hat, wäre Jean Pauls <hi rend="italic">Komet</hi>.<note n="14*" type="endnote" xml:id="EN.14">Jean Paul selbst gibt in der
                        einleitenden <hi rend="italic">Investitur </hi>des Lesers mit der Geschichte
                        diese Thematisierung zu verstehen, indem er Historie und Roman so auf
                        einander projiziert, daß er sich für sein vorgegeben <hi rend="italic">historisches </hi>Sujet die Fähigkeit des Romanciers erwünscht, <hi rend="italic">mit einem Allmachtsschlage </hi>das Dasein seines Helden
                            <hi rend="italic">voll gegeben sein </hi>zu lassen: <hi rend="italic">und ich werde mein Ziel erreichen, wenn ich die historischen Wahrheiten
                            dieser Geschichte so zu stellen weiß, daß sie dem Leser als glückliche
                            Dichtungen erscheinen, und daß folglich, erhoben über die juristische
                            Regel </hi>fictio sequitur naturam<hi rend="italic"> (die Erdichtung
                            oder der Schein richtet sich nach der Natur), hier umgekehrt die Natur
                            oder die Geschichte sich ganz nach der Erdichtung richtet, und also auf
                            Latein </hi>natura fictionem sequatur.</note> Hier ist das Thema die
                    geradezu ‚experimentelle‘ Darstellung des Ineinandergreifens der illusionären
                    Welt des vermeintlichen Erbprinzen Nikolaus Marggraf und der realen bzw.
                    ebenfalls vermeintlich realen Welt des deutschen Duodezfürstentums, wobei die
                    Prädikate des Illusionären und des Realen durch das Funktionieren der
                    Berührungen beider Welten als vertauschbar erscheinen. Gerade dadurch erweist
                    sich das, was wir am Roman als ‚<term key="Darstellung" type="Ästhetik" xml:id="TM.71">Darstellung</term>‘ bezeichnen mögen, als im Grunde
                    ‚asemantisch‘, d. h. als nicht anderes darstellend, sondern sich darstellend,
                    als die Doppelpoligkeit von Sein und Bedeuten, von Sache und Symbol, von
                    Gegenstand und Zeichen zerbrechend, also gerade jene Korrespondenzen
                    preisgebend, an die unsere ganze Tradition des Wahrheitsproblems gebunden
                    gewesen war. Hier waltet eine auch im Bruch der Tradition immer noch an die
                    Tradition gebundene Oppositionslogik der indirekten Erzwingung des nicht
                    Herstellbaren durch Aufhebung der überlieferten Funktion: <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.23">indem das <term key="Zeichen" type="Medium" xml:id="TM.142">Zeichen</term> erkennen
                        läßt, daß es keiner ‚<term key="Sache" type="Episteme" xml:id="TM.123">Sache</term>‘ entsprechen will, gewinnt es selbst die ‚Substantialität‘
                        der Sache. Das ist freilich ein Ansatz, der über den Roman und den ihn
                        fundierenden Wirklichkeitsbegriff noch hinausweist auf ein am Widerstand
                        sich konstituierendes <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.37">Wirklichkeit</term>sbewußtsein und die ihm
                        entsprechende bzw. es bezeugende Kunstform der sich selbst zersprengenden,
                        ihr Nicht-Bedeuten durch Inkonsistenz demonstrierenden
                        Aussageweisen.</phr>
          <note n="15*" type="endnote" xml:id="EN.15">Solche <hi rend="italic">Substantialisierung</hi> durch Sprengung der Funktion der
                        ‚Bedeutungsmittel‘ ist nicht in der immanenten Geschichte des Romans
                        entdeckt worden; die im <hi rend="italic">Widerstand</hi> okkurrierende
                        Wirklichkeit ist, gattungsästhetisch betrachtet, fundierend für die <hi rend="italic">Lyrik</hi>. Die an der Poesie im engsten und strengsten
                        Sinne gewonnenen ästhetischen Erfahrungen der zweiten Hälfte des 19.
                        Jahrhunderts sind prototypisch geworden u. a. auch für die Wendung der
                        Romanästhetik zur Thematisierung der ‚Unmöglichkeit‘ des Romans. Jene
                        prototypische Entdeckung der Lyrik definiere ich vielleicht am besten mit
                        der Stelle eines Briefes von Paul Valéry an J.-M. Carré vom 23. Februar 1943
                            (<hi rend="italic">Lettres à quelques-uns</hi>, Paris 1952, p. 240), in
                        der er seine mehr als fünfzig Jahre zurückliegende Erfahrung des Schocks der
                            <hi rend="italic">llluminations</hi> Rimbauds auf eine systematische
                        Formel zu bringen sucht: <hi rend="italic">…le système, conscient ou non,
                            que supposent les passages les plus virulents de ces poèmes. Il me
                            souvient d&apos;avoir résumé ces observations – et, en somme, mes défenses –
                            par ces termes: R. a inventé ou découvert la puissance de l&apos;incohérence
                            harmonique. Arrivé à ce point extrême, paroxystique de l&apos;irritation
                            volontaire de la fonction du langage, il ne pouvait que faire ce qu&apos;il a
                            fait – fuir</hi>. Die Peripetie der ‚Realisierung‘, die Erschöpfbarkeit
                        der ontischen Basis dieses Wirklichkeitsbewußtseins, gehören zu den
                        Voraussetzungen der Verlagerung des Prinzips in andere Gattungen und Künste
                        (z.B. Aufgabe der Tonalität); dabei hat sich der Roman (in anderer Weise das
                        Drama) als besonders resistent gegen die paroxystische Konsequenz des
                        Prinzips – und damit als experimentell höchst belastbar wie ertragreich –
                        erwiesen.</note> Nochmals wird sich der Roman selbst zum Thema, an der
                    Demonstration der Unmöglichkeit des Romans wird ein Roman möglich.</p>
        <p xml:id="P.22">
          <pb n="23"></pb>Ich möchte diese formale Problematik erläutern. <term key="der Begriff der Wirklichkeit als Kontext" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.7">Der Begriff der Wirklichkeit
                        als Kontext</term> gibt dem Roman zunächst die Form der linearen Konsistenz
                    in einem Raum-Zeit-System auf. Aber, wie ich schon ausgeführt habe, erfüllt sich
                    dieser Wirklichkeitsbegriff erst in der Einstimmigkeit der Gegebenheit
                    untereinander verständigungsfähiger Subjekte, also in der <hi rend="italic">Intersubjektivität </hi>und ihren <term key="Perspektive" type="Episteme" xml:id="TM.124">perspektivischen Möglichkeiten</term>. Soweit ich sehen
                    kann, hat der Roman ein <term key="Perspektive" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.125">perspektivisches Modell</term> zum erstenmal bei <term key="Balzac, Honoré de" type="Person" xml:id="TM.152">Balzac</term>
                    angenommen, wo die <term key="Illusion" type="Wirkung-Ergebnis" xml:id="TM.67">Illusion der Wirklichkeit</term> einer ganzen Menschengesellschaft
                    strukturell durch die von Roman zu Roman des Gesamtzyklus perspektivisch jeweils
                    verschobene Wiederkehr identischer Personen erzielt wird. Vom
                    Wirklichkeitsproblem her ist ein entscheidender Unterschied zwischen der
                    episch-linearen und der perspektivischen Wiederkehr von Personen; es entsteht
                    ein ganz anderes Raumbewußtsein, eine subtilere Welthaftigkeit des Romans. Das
                    perspektivische System des Balzac&apos;schen Romans erlaubt die Übersetzung der
                    linearen Episodenfolge in die Gleichzeitigkeit. Es ist hier mehr gefordert als
                    die bloße Widerspruchsfreiheit mit bereits aufgetretenen Prädikaten, denn die
                    perspektivische Einstimmigkeit hat weitere Toleranzen der Transformation der
                    Prädikate auf einen verschobenen Aspekt, und damit wird das Problem der
                    Abstimmung der einzelnen Aspekte aufeinander und auf die Identität des in ihnen
                    gegebenen Gegenstandes höchst komplex. Das ist etwas grundsätzlich anderes als
                    die längst bekannte gleichzeitig sich vollziehende Vorbereitung der einzelnen
                    Romanpersonen auf ihr schließliches Zusammentreffen im Schnittpunkt der
                    Handlung. Nicht mehr nur und nicht mehr vor allem die <term key="Person" type="Ästhetik" xml:id="TM.72">Personen</term> des Romans bewegen sich durch
                    die Ereignispunkte der Handlung, sondern der <term key="Leser" type="Ästhetik" xml:id="TM.73">Leser</term> bewegt sich mit um das Massiv der
                        <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.38">imaginären
                        Wirklichkeit</term> und durchläuft die Möglichkeiten der Anblicke, die es zu
                    bieten vermag. Balzac selbst hat geglaubt und es als eine seiner kühnsten
                    Intentionen bezeichnet, er gebe durch die Wiederkehr einzelner Personen der <hi rend="italic">Comédie Humaine</hi> der fiktiven Welt dieses Romankosmos mehr
                    Leben und Bewegung;<note n="16*" type="endnote" xml:id="EN.16">„Es handelt sich
                        um etwas, das man ein ‚Romanmobile‘ nennen könnte, ein Ganzes, das aus einer
                        gewissen Zahl von Teilen besteht, die wir nahezu in einer von uns
                        gewünschten Reihenfolge zur Kenntnis nehmen können. ... Man erkennt, daß die
                        Wiederkehr der Personen oder ihr Fortbestehen von einem Roman zum anderen
                        sich bei Balzac von viel größerer Tragweite erweist als in dem sogenannten
                        roman-fleuve. ...“ (Michel <hi rend="smallcaps">Butor</hi>, <hi rend="italic">Balzac et la réalité</hi>, 1959, dt. in: <hi rend="italic">Neue Rundschau</hi> 74, 1963, 65) „... der endgültige Sieg Balzacs über
                        seinen großen Vorgänger (Walter Scott) und seine Befreiung von ihm zeigt
                        sich in einer außerordentlichen Neuerung, die die Struktur seines Werkes
                        vollständig verwandelt ... die Wiederkehr der Personen“ (p. 64).</note>
                    tatsächlich wird<pb n="24"></pb>nicht die <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.39">Welt des Romans</term> in <term key="Bewegung" type="Episteme" xml:id="TM.126">Bewegung</term> versetzt,
                    sondern der durch die wechselnden <term key="Perspektive" type="Episteme" xml:id="TM.127">Perspektiven</term> tretende Leser, und die Romanwelt
                    selbst bekommt vielmehr einen höheren Grad von <term key="Stabilität" type="Episteme" xml:id="TM.128">Stabilität</term>, von Substantialität, sie
                    scheint dem Autor wie dem Leser einen gesteigerten Widerstand der Bewältigung zu
                    leisten und ihnen eine Anstrengung abzunötigen, von der das imaginativ Gegebene
                    nicht affiziert wird – je mehr die Wirklichkeit des Romans vom <hi rend="italic">Standpunkt </hi>des vermittelnden Subjekts abhängig wird, um so weniger
                    scheint sie von<hi rend="italic"> ihm selbst</hi> und seiner Imagination
                    abhängig zu sein, um so mehr jenes von ihr.</p>
        <p xml:id="P.23">Schon hier zeigt sich, daß der Wirklichkeitsbegriff des
                    intersubjektiven Kontextes hinüberführen kann in einen Wirklichkeitsbegriff der
                    erfahrenen Widerständigkeit des Gegebenen. Dieser Übergang tritt am Roman heraus
                    als das Auseinanderbrechen der Bezogenheit und Beziehbarkeit der
                    perspektivischen Aspekte aufeinander. Das deutete sich im humoristischen Roman
                        <hi rend="italic">Der Komet</hi> von <term key="Paul, Jean" type="Person" xml:id="TM.153">Jean Paul</term> an;<note n="17*" type="endnote" xml:id="EN.17">Man beobachte die Dialoge des <hi rend="italic">Komet</hi>
                        daraufhin, wie sie immer nur durch das Mißverständnis ‚funktionieren‘ und
                        den Fiktionskontext nicht zerplatzen lassen. Aber indem die
                        Verständigungsstruktur der Intersubjektivität als vermögend gezeigt wird,
                        noch die Unwirklichkeit zur Quasi-Wirklichkeit zu hypostasieren, ist nicht
                        nur der Wirklichkeitsbegriff mitthematisiert, sondern auch als ästhetisches
                        Element verwendet, ja instrumentalisiert. Unausbleiblich ist, daß die
                        ästhetische Instrumentalisierung kritisches Bewußtsein überhaupt schafft,
                        wenn nicht voraussetzt: der Verdacht der Manipulierbarkeit der Realität als
                        solcher und in beliebiger Zwecksetzung ist hier schon impliziert, und er
                        steckt in der unerwarteten gesellschaftskritischen Virulenz des Romans, in
                        der unablässigen <hi rend="italic">Erprobung</hi> der Deformierbarkeit der
                        Realitätskonstituentien bis zur Entdeckung ihrer Grenzbelastung etwa in den
                        solipsistischen Dialogen von Kafka bis Beckett – der (noch zu wenig
                        verstandene) Triumph, schließlich doch wieder auf eine Konstante gestoßen zu
                        sein, gibt dieser Entwicklung ihre Phrasierung: der Funktionszusammenbruch
                        der Intersubjektivität gibt einen neuen Wirklichkeitsbegriff frei.</note> es
                    vollendete sich jenseits des Humoristischen etwa in <term key="Musil, Robert" type="Person" xml:id="TM.154">Robert Musils</term> Roman <hi rend="italic">Der Mann ohne Eigenschaften</hi>. In diesem ungeheueren
                    Romanfragment, bei dem man selbst bis zu dem uns vorliegenden Abschluß noch
                    keine Konvergenz auf eine Vereinigung der getrennten Handlungsstränge oder ihre
                    Bezogenheit aufeinander bzw. auf einen identischen Pol erkennen kann, ist der
                    epische Perspektivismus gleichsam explodiert, an seiner eigenen Konsequenz der
                    exakten Deskription gescheitert. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.24">1932 notiert sich Musil zu dem <hi rend="italic">Mann ohne Eigenschaften:
                            Dieses Buch hat eine Leidenschaft, die im Gebiete der schönen Literatur
                            heute einigermaßen deplaciert ist, die nach Richtigkeit und Genauigkeit.
                            Die Geschichte dieses Romans kommt darauf hinaus, daß die Geschichte,
                            die in ihm erzählt werden soll, nicht erzählt wird.</hi> Die Steigerung
                        der Genauigkeit des Erzählens führt dazu, daß die Unmöglichkeit des
                        Erzählens selbst ihre Darstellung findet. Aber diese Unmöglichkeit wird
                        ihrerseits als Index eines unüberwindlichen Widerstandes der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.40">imaginären
                            Wirklichkeit</term> gegen ihre Deskription empfunden, und insofern führt
                        das dem Wirklichkeitsbegriff der immanenten Konsistenz zugehörende
                        ästhetische Prinzip an einem bestimmten Punkt des Umschlages in einen
                        anderen Wirklichkeitsbegriff hinein. Hier liegt der Grund, daß die immer
                        wieder angekündigte ‚Überwindung‘ des Romans<pb n="25"></pb>nicht erreicht
                        worden ist, daß aber Ironie zur authentischen Reflexionsweise des
                        ästhetischen Anspruches im modernen Roman geworden zu sein scheint, und zwar
                        so, daß dieser gerade in seinem Realitätsbezug ironisch wird, den er weder
                        aufgeben noch einlösen kann.</phr> Thomas Mann hat von der <hi rend="italic">Schein-Genauigkeit </hi>gesprochen, die sich als eines ironischen
                    Stilmittels der wissenschaftlichen Schreibweise bedient: im Vortrag über <hi rend="italic">Josef und seine Brüder</hi> von 1942 bezeichnet er das als die
                    Anwendung des Wissenschaftlichen auf das ganz Unwissenschaftliche, und eben dies
                    als den reinsten Ausdruck der Ironie.</p>
        <p xml:id="P.24">Noch auf einen letzten Gesichtspunkt zum Fundierungszusammenhang
                    von Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans muß ich eingehen. <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.25">Die Eignung des Begriffs von <term key="Wirklichkeit" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.41">Wirklichkeit</term> als phänomenal-immanenter
                        Konsistenz zur Begründung des Kunstwerkes in seiner autonomen Realität habe
                        ich zu zeigen versucht; was dabei noch unerwähnt blieb, aber erst die
                        Konkurrenz der vom Menschen geschaffenen Realität mit der von ihm
                        vorgefundenen Realität der Natur integriert, ist die Eigentümlichkeit, daß
                        der Mensch einerseits sich in seinem Selbstbewußtsein reflektiert an der
                        Verifikation seiner schöpferischen Potenz, daß er andererseits aber die
                        Abhängigkeit der Kunstwerke von seinem eigenen Können und Wollen zu
                        verschleiern suchen muß, und zwar deshalb, weil diese Werke nur so jene
                        unfragwürdige Selbstverständlichkeit des Nicht-anders-sein-könnens gewinnen,
                        die sie ununterscheidbar von den Produktionen der Natur macht.</phr> Man
                    kann es daher als einen charakteristischen Zug an den künstlerischen Gebilden
                    unserer weiteren Gegenwart ansehen, daß sie eine Art von <hi rend="italic">Entgegenständlichung </hi>durchgemacht haben; die bekanntere <hi rend="italic">Verfremdung </hi>ist nur ein Teilphänomen dieser Tendenz. Das
                    Gebilde von Menschenhand soll weder als ‚<term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.42">nachgeahmte Natur</term>‘ noch als ein
                        ‚<term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.43">Stück
                    Natur</term>‘ vor uns stehen, aber es soll doch die Dignität des Natürlichen
                    haben; es soll Werk des Menschen sein, aber nichts von der Zufälligkeit des
                    Gewollten, von der Faktizität des bloßen Einfalls an sich haben. Es soll, um es
                    so zu formulieren, Novität und Fossil zugleich sein. Wir wollen von uns selbst
                    als der Bedingung der Möglichkeit dieser Werke absehen können, um sie nicht an
                    unserer Bedingtheit und an der Geschichtlichkeit, auf die wir ebenso stolz sind
                    wie wir an ihr leiden, teilnehmen zu lassen, d. h. wir wollen die Werke nicht
                    als <hi rend="italic">Gegenstände</hi>, sondern als <hi rend="italic">Dinge</hi>. Die Werke sollen nicht ihrerseits schon Aspekte <hi rend="italic">darstellen</hi>, sondern uns Aspekte <hi rend="italic">gewähren</hi>. Aus
                    der im Roman selbst systematisch vorbereiteten und angelegten Perspektivität
                    kann eine erst jenseits des Werkes ansetzende, von ihm ebenso provozierte wie
                    offengelassene perspektivische Potentialität hervorgehen; wir erfahren sie an
                    der wesentlichen Kommentierbarkeit des modernen Kunstwerkes, an der seit der
                    Romantik wesentlich zum Kunstwerk gehörenden vieldeutigen Interpretierbarkeit.
                    Die <hi rend="italic">hermeneutische Vieldeutigkeit</hi> hängt mit dem <term key="Realitätscharakter des Kunstwerkes" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.56">Realitätscharakter des
                        Kunstwerkes</term> insofern zusammen, als uns gerade darin seine
                    Unabhängigkeit von unserer Subjektivität und ihrer Verfügung demonstriert wird.
                    Deshalb etwa <hi rend="italic">historisieren</hi> wir das Kunstwerk künstlich,
                    um es seines Gegenstandsbezuges zu uns zu entkleiden und zu ‚verdinglichen‘. So
                    wie es die archaisierende Plastik in der Landschaft gibt, die auf den grünen
                    Rasen verschlagenen <hi rend="italic">Dinge</hi> von Otterloo etwa, ebenso gibt
                    es den sprachlich oder durch den Kunstgriff einer Rahmenerzählung distanzierten
                    Roman, von dem wir nur ‚zuviel wissen‘, als daß er uns so verfremdet begegnen
                    könnte, wie er auf uns wirken soll. Ebenso wie wir künstlich historisieren, <hi rend="italic">naturalisieren</hi> wir künstlich, aber<pb n="26"></pb>nicht mehr,
                    indem wir Natur darstellen und nachahmen, sondern indem wir Natürlichkeit für
                    unsere Werke beanspruchen, also Dinge hinstellen, die wie Produkte von
                    Eruptionen oder Erosionen aussehen, wie jenes <hi rend="italic">objet
                        ambigu</hi> im <hi rend="italic">Eupalinos</hi> von Paul Valéry; ihnen
                    entspricht im Roman <phr subtype="Welt" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.26">die künstlich kunstlose Nachschrift der Bewußtseinsvorgänge
                        und inneren Monologe, der <hi rend="italic">Protokollroman</hi>, der die
                        Erschaffung einer ganzen <term key="Welt" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.44">Welt</term> beansprucht und zugleich verleugnet.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.25">Der <term key="Wirklichkeitsbegriff des Kontextes der Phänomene" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.8">Wirklichkeitsbegriff
                        des Kontextes der Phänomene</term> stellt eine als Realität nie endgültig
                    gesicherte, immer noch sich realisierende und auf Bestätigung angewiesene
                    Wirklichkeit vor; diese Idee von Wirklichkeit, umgesetzt in eine <term key="Realität" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.57">Realitätsnorm des ästhetischen Gebildes</term>, bleibt auch hier die in
                    einem unendlichen Horizont offene Konsistenz, die auf immer neue Leistung, immer
                    neue Bewährung angewiesen ist und nie die Endgültigkeit der Evidenz erreicht,
                    die im Wirklichkeitsbegriff der Antike konzipiert war. Hier liegt eine Wurzel
                    für das Unbehagen und das Ungenügen, das als kritische Unterströmung in der
                    Geschichte des Romans sich fast immer bemerkbar gemacht hat. Ein Ausweg aus
                    diesem Ungenügen konnte dahin führen, der Nötigung zur nie abschließbaren
                    Realisierung zu widerstehen, und zwar gerade in der bewußten Durchbrechung der
                    formalen Konsistenz, einer Durchbrechung, die schon in ihrer Handhabung erkennen
                    läßt, daß sie nicht in einem Versagen oder einem Sicherschöpfen der produktiven
                    Potenz gründet, sondern im Gegenteil als Äußerung einer Anstrengung gefaßt sein
                    will, die sich die bewußte Mißachtung des immer noch als quasiobjektiv
                    empfundenen Prinzips der formalen Konsistenz leisten kann. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.27">Daß die Dichter lügen, wird erst als vollends
                        überwunden erachtet, wenn sie nicht einmal mehr das Gegenteil dieser These
                        in Anspruch nehmen, nämlich ‚die Wahrheit zu sagen‘, sondern bewußt die Enge
                        der Antithese und <term key="Spielregeln von Wirklichkeit durchbrechen" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.58">die Spielregeln von
                            Wirklichkeit überhaupt durchbrechen</term>. Die Bindung an Wirklichkeit
                        wird als ein Formzwang abgeworfen, als eine in <term key="Authentizität" type="Episteme" xml:id="TM.129">Authentizität</term> verkleidete
                            <term key="Heteronomie" type="Ästhetik" xml:id="TM.74">Heteronomie</term> des <term key="Ästhetische, das" type="Ästhetik" xml:id="TM.75">Ästhetischen</term>. Hier liegt der Ansatzpunkt
                        für eine <term key="ästhetisch" type="Ästhetik" xml:id="TM.76">ästhetische</term> Vorstellung, die das von allen
                        Wirklichkeitsbegriffen her als unwirklich zu Qualifizierende nun als das
                            ‚<term key="Eigentliche, das" type="Episteme" xml:id="TM.130">Eigentliche</term>‘ ausgeben kann: das Paradox, die Inkonsistenz der
                        Träume, die ostentative Sinnwidrigkeit, das kentaurische Mischgebilde, die
                        unwahrscheinlichste Placierung der Gegenstände, die Umkehrung der
                        natürlichen Entropie, in der Zivilisationsschrott zur Konstitution von
                        Bildern, Zeitungsausschnitte zur Komposition von Romanen zusammengezwungen
                        werden können oder die Sphäre der technischen Geräusche und Lärme eine
                        musikalische Komposition herzugeben gezwungen wird.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.26">
          <phr subtype="Natur" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.28">Die <term key="moderne Kunst" type="Epoche_und_Strömung" xml:id="TM.159">moderne Kunst</term> ist von dem Zwang zur ständigen
                        Widerlegung ihrer Abhängigkeit von der vorgegebenen <term key="Natur" type="Realitätsbegriff" xml:id="TM.45">Natur</term> nicht
                        freigeworden</phr>; ihr Antiphysizismus bezieht sich nicht einmal auf eine
                    konstante <hi rend="italic">Natur</hi> als eine bekannte und definierte Größe.
                    Die immer wieder, z. B. von <term key="Breton, André" type="Person" xml:id="TM.155">Breton</term>, proklamierte Befreiung der
                    Vorstellungskraft gerät, indem sie den Wirklichkeitsbegriff der immanenten
                    Konsistenz in seiner (zwar nur noch formalen) Bindung an den Wirklichkeitswert
                    einer <hi rend="italic">Natur</hi> auch noch durchbrechen will, unter die
                    Nötigung zu der verzweifelten Anstrengung, sich nun in der äußersten
                    Unwahrscheinlichkeit doch in einer Art <hi rend="italic">momentaner Evidenz</hi>
                    zu realisieren. Die Zugehörigkeit des Romans zum Wirklichkeitsbegriff der
                    immanenten Konsistenz verrät sich an den Schwierigkeiten, die ihm aus einem
                    heterogenen oder kontrierten Wirklichkeitsbegriff erwachsen: er kann sich nicht
                    einfach am Widerspruch zu<pb n="27"></pb>dem, was jeweils der Wirklichkeit als
                    signifikanter Ausweis zugeschrieben wird, realisieren. Das Ideal der <hi rend="italic">perfetta deformitá</hi> ist für den Roman undurchführbar. Aber
                    es ist bezeichnend, daß gerade dann der Roman seine eigene Möglichkeit zum Thema
                    bekommt und dadurch seine Bindung an den Wirklichkeitsbegriff demonstriert. Ich
                    brauche nur an das Stilmittel des mißlingenden Dialoges zu erinnern, um sofort
                    zu erläutern, was ich meine: das Scheitern des Gesprächs, seine Hypertrophie im
                    nichts-sagenden Geschwätz, das Mißverständnis als konstitutives Produkt der
                    Sprache – das alles bleibt im Roman gattungsnotwendig immer noch in zuviel
                    imaginativ vorausgesetzte und miterzeugte Welt eingebettet, als daß die blanke
                    Absurdität wirklich je zum Thema werden könnte. <phr subtype="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.29">Der Roman hat seinen
                        eigenen, aus seiner Gattungsgesetzlichkeit heraus entwickelten ‚<term key="Realismus" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="TM.59">Realismus</term>‘, der nichts mit dem Ideal der Nachahmung zu tun hat,
                        sondern gerade an der ästhetischen Illusion hängt, die dem Roman wesentlich
                        ist. Welthaftigkeit als formale Totalstruktur macht den Roman aus.</phr> Als
                    das Absurde zum Programm künstlerischer Produkte erhoben wurde, hat man seine
                    Funktion als die „Überwindung des Fundaments“ formuliert, und es eignete sich
                    schließlich sogar die Architektur zur Darstellung dieser Funktion des Absurden.
                    Aber der Roman war viel früher, viel selbstverständlicher zur Überwindung des
                    Fundaments – und das heißt zur Aufhebung des Gegensatzes von Realität und
                    Fiktion – vorgestoßen und hatte sich, wie ich gezeigt habe, seine eigene
                    Möglichkeit nicht als Fiktion von Realitäten, sondern als <hi rend="italic">Fiktion der Realität</hi>
          <hi rend="italic">von Realitäten</hi> zum Thema gemacht. Den Vorrang des Romans
                    in der Verwirklichung der ästhetischen Grundideen der Neuzeit versteht man nur
                    dann, wenn man begreift, daß er die Absurdität als das neue Merkmal des absolut
                    Poetischen nicht aufnimmt, weil er dieses Stigmas nicht bedarf. Der Roman
                    erfüllt die ästhetische Norm, die nach den Aufzeichnungen Boswells Samuel
                    Johnson in jenem berühmten Gespräch im Literarischen Klub über den zu hohen
                    Preis eines antiken Marmorhundes zuerst ausgesprochen hat: die „Erweiterung des
                    Bereiches des <hi rend="italic">Menschen</hi>möglichen“ (3. April 1778), während
                    noch die großzügigste Auslegung des aristotelischen Ideals der Nachahmung, etwa
                    bei Breitinger, auf den Bereich des der <hi rend="italic">Natur</hi> Möglichen
                        verweist.<note n="18*" type="endnote" xml:id="EN.18">Die dem Text des
                        Referates nachträglich beigegebenen Anmerkungen berücksichtigen dankbar
                        Anregungen, Zweifel und Stiche, die am Rande des Kolloquiums ausgetauscht
                        wurden und in den Diskussionsprotokollen keinen Niederschlag fanden, ohne
                        daß ich diesem oder jenem namentlich Verantwortung aufbürden
                    möchte.</note>
        </p>
        <p xml:id="P.27"></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
