
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://www.tei-c.org/ns/1.0 http://gams.uni-graz.at/reko/schema/reko.xsd">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>
          <quote>Einführung in die Metaphysik</quote>
          <date>1903</date>
        </title>
        <author>Bergson, Henri</author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt>
        <idno type="PID">o:reko.berg.1903</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <bibl type="source">Henri Bergson: &quot;Einführung in die Metaphysik&quot;, in: <hi rend="italic">Materie und
Gedächtnis und andere Schriften</hi>. Deutsch von R. v. Bendemann (Einführung in die Metaphysik).
Frankfurt am Main: Fischer 1964, S. 7-10, 12-14, 16-17, 21-25, 27-28, 31-35.</bibl>
        <bibl type="first_edition">&quot;Introduction à la métaphysique&quot;, in: <hi rend="italic">Revue de
métaphysique et de morale</hi> 11/1:1 (1903), S. 1-36.</bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <encodingDesc>
      <classDecl>
        <taxonomy>
          <category xml:id="rek.genre">
            <catDesc>Genre</catDesc>
            <category>
              <catDesc>Essay</catDesc>
            </category>
          </category>
        </taxonomy>
      </classDecl>
    </encodingDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p xml:id="P.1">
          <pb n="7"></pb>Wenn man die Definitionen der Metaphysik oder die Auffassungen des
Absoluten untereinander vergleicht, so bemerkt man, daß die Philosophen trotz ihrer augenfälligen
Divergenzen darin übereinstimmen, daß sie zwei im tiefsten verschiedene Weisen, einen <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.24">Gegenstand</term> zu erkennen, unterscheiden. Die
erste setzt voraus, daß man um diesen Gegenstand herumgeht, die zweite, daß man in ihn eindringt.
Die erste hängt von dem <term key="Standpunkt" type="Episteme" xml:id="TM.25">Standpunkt</term> ab,
auf den man sich begibt, und von den <term key="Symbol" type="Medium" xml:id="TM.81">Symbolen</term>, durch die man sich ausdrückt. Die zweite geht von keinem ‚Gesichtspunkt‘ aus und
stützt sich auf kein Symbol. Von der ersten Erkentnis wird man sagen, daß sie beim<hi rend="italic">
Relativen</hi> halt macht, von der zweiten — da, wo sie möglich ist, — daß sie das <hi rend="italic">Absolute</hi> erreicht.</p>
        <p xml:id="P.2">Es sei z. B. die Bewegung eines <term key="Ding" type="Episteme" xml:id="TM.26">Dinges</term> im Raum gegeben. Ich nehme sie auf verschiedene Weise wahr, je nach dem — bewegbaren
oder nicht bewegbaren — Standpunkt, von dem aus ich sie ansehe. Ich drücke sie ferner auf
verschiedene Weise aus, je nach dem System von Achsen oder Merkpunkten, auf das ich sie beziehe, d.
h. je nach den Symbolen, in die ich sie übersetze. Und ich nenne sie<hi rend="italic"> relativ</hi>
aus diesen beiden Gründen: in dem einen wie in dem anderen Fall stelle ich mich außerhalb des
Objektes selbst. Wenn ich dagegen von einer absoluten Bewegung spreche, bedeutet dies, daß ich dem
bewegten Objekt ein Inneres und gleichsam seelische Zustände zuschreibe; es bedeutet ferner, daß ich
diese Zustände mitempfinde und daß ich mich durch eine Anstrengung der <term key="Einbildungskraft" type="Episteme" xml:id="TM.27">Einbildungskraft</term> in sie versetze. Ich werde dann, je
nachdem der Gegenstand beweglich oder unbeweglich ist, je nachdem er eine oder die andere Bewegung
annimmt, nicht dasselbe empfinden. Und was ich <term key="empfinden" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.91">empfinde</term>, wird weder von dem Gesichtspunkte, den ich dem Objekt gegenüber
einnehmen könnte, abhängen, da ich in dem Objekt selbst sein werde, noch von den Symbolen, durch
welche ich es übersetzen könnte, da ich ja auf alle Übersetzung verzichtet habe, um das Original zu
besitzen. Kurz, die Bewegung wird nicht von außen — und in gewisser Weise von mir aus — erfaßt
werden, sondern von innen her, in sich selbst. Ich werde ein Absolutes haben. Es sei ferner eine
Persönlichkeit aus einem <term key="Roman" type="Form" xml:id="TM.85">Roman</term> gege<c type="hyphen"></c>
          <pb n="8"></pb>ben, deren Erlebnisse mir erzählt werden. Der Romanschreiber könnte die
Charakterzüge häufen, seinen Helden reden und handeln lassen, so viel er wollte: alles dies würde
nicht das schlichte und unzerlegbare Gefühl aufwiegen, das ich empfände, wenn ich einen Augenblick
mit der Persönlichkeit selbst zusammenträfe. Dann würde ich die Handlungen, die Gebärden und Worte,
ganz natürlich, nämlich aus der Quelle selbst, hervorfließen sehen. Sie würden jetzt nicht mehr
Beigaben sein, die zu der <term key="Idee" type="Episteme" xml:id="TM.28">Idee</term>, die ich mir
von der Persönlichkeit machte, hinzuträten und die diese Idee immerfort bereichern würden, ohne doch
je zu ihrer Vollständigkeit zu gelangen. Die Persönlichkeit würde mir mit einem Schlage in ihrer
<term key="Ganzheit" type="Episteme" xml:id="TM.29">Ganzheit</term> gegeben sein, und die tausend
Nebenumstände, durch die sie sich offenbart, würden sich mir, anstatt sich der Idee hinzuzufügen und
sie zu bereichern, im Gegenteil nun von ihr abzulösen scheinen, ohne jedoch ihr Wesen zu erschöpfen
oder ihm etwas abzuziehen. Alles, was man mir von der Persönlichkeit erzählt, liefert mir ebenso
viele Gesichtspunkte über sie. Alle Züge, die sie mir beschreiben und die sie mich nur durch ebenso
viele Vergleiche mit mir schon bekannten Personen oder Dingen kennen lernen lassen, sind <term key="Zeichen" type="Medium" xml:id="TM.82">Zeichen</term>, durch die man sie mehr oder weniger
symbolisch ausdrückt. Symbole und Gesichtspunkte stellen mich also außerhalb ihrer; sie liefern mir
von ihr nur das, was ihr mit andern gemein ist und ihr nicht als Eigenstes gehört. Aber was wirklich
sie selbst ist, was ihr <term key="Wesen" type="Episteme" xml:id="TM.30">Wesen</term> ausmacht, läßt
sich nicht von außen wahrnehmen, da es seinem Begriffe nach innerlich ist, noch sich durch Symbole
ausdrücken, da es jedem andern <term key="Ding" type="Episteme" xml:id="TM.31">Ding</term>
inkommensurabel ist. Beschreibung, Geschichte und Analyse lassen mich hier im Relativen. Ganz allein
das Zusammentreffen mit der Person selbst würde mir das <term key="Absolute, das" type="Episteme" xml:id="TM.32">Absolute</term> geben.</p>
        <p xml:id="P.3">In diesem Sinne, und einzig in diesem Sinne ist das<hi rend="italic"> Absolute</hi>
gleichbedeutend mit<hi rend="italic"> Vollkommenheit.</hi> Alle <term key="Fotografie" type="Form" xml:id="TM.86">Photographien</term> einer Stadt von allen nur möglichen Ansichtspunkten aus
aufgenommen, würden einander umsonst unendlich ergänzen — sie würden niemals ihrem plastischen
Vorbild, der Stadt selbst, in der man sich ergeht, gleichkommen. Alle Übersetzungen eines Gedichtes
in alle nur möglichen Sprachen werden vergeblich den Nuancen immer neue Nuancen hinzufügen und durch
eine Art wechselseitiger Retusche einander korrigierend, ein immer treueres <term key="Bild" type="Form" xml:id="TM.87">Bild</term> des übersetzten Gedichtes schaffen — niemals werden sie den
innersten Sinn des Originales wiedergeben. <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.1">Eine von einem bestimmten <term key="Gesichtspunkt" type="Episteme" xml:id="TM.33">Gesichtspunkt</term> aus gewonnene Vorstellung, eine mittels bestimmter <term key="Symbol" type="Medium" xml:id="TM.83">Symbole</term> gemachte Übersetzung bleiben immer unvollkommen im
Vergleich mit dem <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.34">Gegenstand</term>, von dem
die Ansicht genommen wurde oder den die Symbole auszudrücken suchen.</phr> Das Absolute aber ist
insofern vollkommen, als es das, was es ist, vollkommen ist.<pb n="9"></pb>Zweifellos aus demselben
Grunde sind das<hi rend="italic"> Absolute</hi> und das<hi rend="italic"> Unendliche </hi>oft
identifiziert worden. Wenn ich jemandem, der nicht Griechisch versteht, den einfachen Eindruck
übermitteln will, den mir ein Vers von Homer hinterläßt, so werde ich die Übersetzung des Verses
geben, dann werde ich meine Übersetzung deuten, dann meine Deutung weiter entwickeln, und von
Erklärung zu Erklärung werde ich mich mehr und mehr dem nähern, was ich ausdrücken will ; aber ich
werde es dennoch nie erreichen. Wenn jemand den Arm erhebt, führt er eine Bewegung aus, von der er
innerlich die einfache Wahrnehmung hat; aber äußerlich, für mich, der ihn ansieht, bewegt sich sein
Arm durch einen Punkt, dann durch einen andern Punkt, und zwischen diesen beiden Punkten werden
wieder andere Punkte liegen, so daß, wenn ich zu zählen anfange, das Verfahren endlos weitergehen
wird. Von innen gesehen ist ein Absolutes also ein Einfaches; von außen angesehen aber wird es in
Beziehung zu jenen Zeichen, die es ausdrücken, das Goldstück, dessen Wert man mit dem Zurückgeben in
Scheidemünze nicht erschöpfen kann. Nun aber ist das, was sich gleichzeitig einer unteilbaren
Anschauung und einer unerschöpflichen Aufzählung darbietet, seinem Begriffe nach ein
Unendliches.</p>
        <p xml:id="P.4">Hieraus folgt, daß ein Absolutes nur in einer<hi rend="italic"></hi>
          <term key="Intuition" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.35">Intuition</term> gegeben werden kann, während alles
übrige von der<hi rend="italic"></hi>
          <term key="Analyse" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.36">Analyse</term> abhängig ist. Intuition heißt jene Art von intellektueller Einfühlung,
kraft deren man sich in das Innere eines Gegenstandes versetzt, um auf das zu treffen, was er an
Einzigem und Unausdrückbarem besitzt. Die Analyse dagegen ist das Verfahren, das den Gegenstand auf
schon bekannte, also diesem und anderen Gegenständen gemeinsame Elemente zurückführt. Analysieren
besteht demnach darin, ein Ding durch etwas auszudrücken, was nicht es selbst ist. Jede Analyse ist
also eine Übersetzung, eine Entwicklung in Symbolen, eine Darstellung, gewonnen von
aufeinanderfolgenden <term key="Gesichtspunkt" type="Episteme" xml:id="TM.37">Gesichtspunkten</term>
aus, von denen aus man ebenso viele Zusammenhänge zwischen dem neuen Gegenstande, den man
untersucht, und anderen, die man schon zu kennen glaubt, verzeichnet. In ihrem ewig ungestillten
Verlangen, den Gegenstand zu erfassen, um den sie zu kreisen verurteilt ist, mehrt die Analyse ohne
Ende die Gesichtspunkte, um das immer unvollständige Bild zu vervollständigen, verändert sie
unermüdlich die Symbole, um die immer unvollkommne Ubersetzung zu vervollkommnen. Sie setzt sich
also ins Unendliche fort. Die Intuition aber ist — wenn sie möglich ist — ein einfacher Vorgang.</p>
        <p xml:id="P.5">Dies vorausgesetzt, ließe sich ohne weiteres sehen, daß es die angestammte Tätigkeit
der positiven Wissenschaft ist, zu analysieren. Sie arbeitet also vor allem mit Symbolen. Selbst die
konkretesten der <term key="Naturwissenschaften" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.73">Naturwissenschaften</term>, die Wissenschaften vom Leben, halten sich an die sichtbare Form der
Lebewe<c type="hyphen"></c>
          <pb n="10"></pb>sen, ihrer Organe, ihrer anatomischen Bestandteile. Sie
vergleichen die Formen miteinander, führen die komplizierteren auf die einfacheren zurück, studieren
endlich die Funktionen des Lebens in dem, was sozusagen ihr sichtbares Symbol ist. Wenn anders es
ein Mittel gibt, eine <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.1">Realität</term>
absolut zu erfassen, anstatt sie relativ zu erkennen, sich in sie hinein zu versetzen, anstatt
Standpunkte ihr gegenüber einzunehmen, eine Intuition von ihr zu haben, anstatt eine Analyse von ihr
vorzunehmen, schließlich, sie außerhalb jedes Ausdruckes, jeder Übersetzung oder symbolischen
Darstellung zu ergreifen, so ist dies die Metaphysik selbst.<hi rend="italic"> Die Metaphysik ist
demnach die Wissenschaft, die ohne Symbole auskommen will</hi>.</p>
        <p xml:id="P.6">
          <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.2">Es gibt eine <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.2">Realität</term> zum wenigsten, die wir alle von <term key="innen" type="Episteme" xml:id="TM.38">innen</term>, durch Intuition und nicht durch bloße
Analyse ergreifen. Es ist unsere eigene Person in ihrem Verlauf durch die <term key="Zeit" type="Episteme" xml:id="TM.39">Zeit</term>. Es ist unser Ich, das dauert. Wir können kein anderes Ding
intellektuell miterleben. Sicherlich aber erleben wir uns selbst.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.7">Wenn ich über meine Person, die ich als untätig annehmen will, den inneren Blick
meines Bewußtseins hingehen lasse, bemerke ich zuerst — wie eine auf der Oberfläche festgewordene
Kruste — alle <term key="Wahrnehmung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.92">Wahrnehmungen</term>,
die ihr aus der materiellen Welt kommen. Diese Wahrnehmungen sind genau bestimmt, nebeneinander
stehend oder nebeneinander stellbar; sie suchen sich zu<hi rend="italic"> Objekten</hi> zu
gruppieren. Weiterhin bemerke ich <term key="Erinnerung" type="Episteme" xml:id="TM.40">Erinnerungen</term>, die mehr oder weniger im Zusammenhang mit diesen Wahrnehmungen stehen und dazu
dienen, sie zu deuten. Diese Erinnerungen haben sich gleichsam vom Grunde meiner Person losgelöst,
sie sind durch die Wahrnehmungen, die ihnen ähnlich sind, an die Peripherie gezogen; sie sind auf
mich gestellt, ohne im absoluten Sinne Ich zu sein. Und endlich fühle ich Strebungen,
Bewegungsgewohnheiten, eine Menge von virtuellen Tätigkeiten sich manifestieren, die mehr oder
weniger fest mit diesen Wahrnehmungen und diesen Erinnerungen verknüpft sind. Alle diese Elemente
mit ihren genau bestimmten Formen scheinen mir um so mehr von mir geschieden zu sein, je mehr sie es
voneinander sind. Von innen nach außen gerichtet bilden sie vereint die Oberfläche einer Sphäre,
welche die Tendenz hat, sich zu erweitern und sich in die <term key="Außenwelt" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.3">Außenwelt</term> zu verlieren. Wenn ich mich aber von der
Peripherie nach dem Zentrum hin zusammenfasse, wenn ich auf dem Grunde meines Ich nach dem suche,
was am gleichmäßigsten, am beständigsten, am dauerhaftesten Ich ist, so finde ich etwas ganz
anderes.</p>
        <p xml:id="P.8">[…]Aber noch weniger läßt es sich darstellen durch<hi rend="italic"></hi>
          <term key="Begriff" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.41">Begriffe</term> — d. h. durch abstrakte
oder allgemeine oder einfache Ideen. Zweifellos wird kein <term key="Bild" type="Form" xml:id="TM.88">Bild</term> völlig das ursprüngliche Gefühl wiedergeben, das ich von dem Verlauf meines
Selbst habe. Aber es ist nichtsdestoweniger notwendig, daß ich versuche, es wiederzugeben. Dem, der
nicht fähig wäre, sich selbst die Intuition der sein Wesen ausmachenden Dauer zu geben, würde nichts
sie je geben können, weder Begriffe noch Bilder. Die einzige Aufgabe des Philosophen muß hier sein,
zu einer bestimmten Bemühung anzuregen, welche bei den meisten Menschen durch die dem Leben
nützlicheren Geistesgewohnheiten gehemmt wird. Das <term key="Bild" type="Form" xml:id="TM.89">Bild</term> nun hat wenigstens den Vorteil, daß es uns im Konkreten hält. Kein Bild wird die
Intuition der Dauer ersetzen, aber viele verschiedene Bilder, die ganz verschiedenen Sachreihen
entlehnt sind, werden durch das Konvergieren ihrer Wirkungen das Bewußtsein genau auf den Punkt
lenken können, an dem eine bestimmte Intuition erreichbar wird. Indem man die Bilder so auseinander
liegend wie möglich wählt, wird man verhindern, daß irgendeines von ihnen die Stelle der Intuition,
die es aufrufen soll, usurpiert,<pb n="13"></pb>da es dann sogleich durch seine Rivalen verdrängt werden
würde. Indem man bewirkt, daß sie alle, trotz der Verschiedenheiten ihres Aspekts, von unserem Geist
dieselbe Art von Aufmerksamkeit und gewissermaßen denselben Grad von Anspannung fordern, wird man
das Bewußtsein allmählich an eine ganz besondere und ganz bestimmte Disposition gewöhnen, an eben
die, deren es bedarf, um sich selbst ohne Schleier zu erscheinen. Aber es wird sich jener
Anstrengung auch willentlich unterziehen müssen; denn es wird ihm nicht einfach etwas<hi rend="italic"> gezeigt.</hi> Es ist lediglich in die Attitüde versetzt, die es einnehmen muß, um die
erwünschte Anstrengung zu machen und von sich aus zur Intuition zu gelangen. Im Gegensatz hierzu
besteht die Ungeeignetheit der zu einfachen Begriffe auf diesem Gebiet gerade darin, daß sie
tatsächlich <term key="Symbol" type="Medium" xml:id="TM.84">Symbole</term> sind, die sich an die
Stelle des <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.42">Gegenstandes</term> setzen, den sie
symbolisieren, und die von uns keinerlei Anstrengung verlangen. Bei genauerem Hinsehn würde man
gewahren, daß jeder nur das von dem Gegenstande beibehält, was diesem und anderen Gegenständen
gemeinsam ist. Man würde gewahren, daß jeder — mehr noch als das Bild es tut — einen <hi rend="italic">Vergleich</hi> zwischen dem Gegenstand und denen, welche ihm <term key="ähnlich" type="Episteme" xml:id="TM.43">ähnlich</term> sind, ausdrückt. Aber da der Vergleich eine Ähnlichkeit
sichtbar gemacht hat, da die <term key="Ähnlichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.44">Ähnlichkeit</term> eine Eigentümlichkeit des Objektes ist, da eine Eigentümlichkeit ganz so
aussieht, als ob sie ein Teil des sie besitzenden Objektes wäre, so sind wir ohne weiteres
überzeugt, daß wir, wenn wir Begriffe neben Begriffe setzen, das Ganze des Objekts aus seinen Teilen
wieder zusammensetzen und daß wir damit sozusagen sein geistiges Äquivalent gewinnen. Auf diese
Weise glauben wir eine treue <term key="Darstellung" type="Episteme" xml:id="TM.45">Darstellung</term> der Dauer bilden zu können, indem wir die Begriffe Einheit, Vielheit,
Kontinuität, endliche oder unendliche Teilbarkeit usw. aneinanderreihen. Gerade hier liegt die
Täuschung. Hier liegt auch die Gefahr. So sehr die abstrakten Ideen auch der Analyse, d. h. einer
wissenschaftlichen Untersuchung des Objektes in seinen Relationen zu allen anderen, dienlich sein
können, so sehr sind sie doch unfähig, die Intuition, d. h. die metaphysische Erforschung des
Objektes nach dem, was ihm wesentlich und eigen ist, zu ersetzen. Einerseits können uns diese
aneinandergereihten Begriffe tatsächlich nur eine künstliche Rekonstruktion des Objektes geben, von
dem sie nur bestimmte allgemeine und gewissermaßen unindividuelle Ansichten symbolisieren können:
umsonst also würde man glauben, mit ihnen eine <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.4">Wirklichkeit</term> packen zu können, deren bloßen Schatten sie uns bieten. Aber
andererseits eben Iiegt hier neben der Täuschung auch eine sehr große Gefahr. Denn der Begriff
verallgemeinert im selben Maße, wie er abstrahiert. Der <term key="Begriff" type="Episteme" xml:id="TM.46">Begriff</term> kann eine besondere Eigenschaft nur symbolisieren, indem er sie einer
Unzahl von Dingen gemein macht. Er nimmt ihr also immer mehr oder weniger ihre Form durch die<pb n="14"></pb>Ausdehnung, die er ihr gibt. An ihrer Stelle innerhalb des metaphysischen Objekts, welches
sie besitzt, fällt die Eigenschaft mit diesem zusammen, formt sich zum mindesten ihm gemäß, nimmt
dieselben Umrisse an. Aus dem metaphysischen Objekt herausgezogen und in einem Begriff dargestellt,
dehnt sie sich unendlich aus, sie greift über den Gegenstand hinaus, weil sie jetzt ihn zugleich mit
anderen enthalten muß. Die verschiedenen Begriffe, die wir von den Eigenschaften einer Sache bilden,
beschreiben also ebenso viele erheblich weitere Kreise um sie, von denen keiner genau auf sie paßt.
Und dennoch fielen in dem Dinge die Eigenschaften mit ihm selbst zusammen und infolgedessen fielen
sie miteinander zusammen. Wir werden also gezwungen sein, irgendeinen Kunstgriff zu suchen, um
dieses Zusammenfallen wieder herzustellen. Wir werden irgendeinen dieser Begriffe herausgreifen und
an seiner Hand versuchen, die anderen wieder zu vereinigen. Aber je nachdem wir von diesem oder
jenem ausgehen, wird sich die Vereinigung nicht auf die gleiche Weise bewerkstelligen lassen. Je
nachdem wir z. B. von der Einheit oder von der Vielheit ausgehen, werden wir die vielfache Einheit
der Dauer verschieden begreifen. Alles wird von dem Gewicht abhängen, das wir dem oder jenem unter
den Begriffen zuerkennen, und dieses Gewicht wird immer willkürlich sein, denn der aus dem Objekt
herausgezogene Begriff hat selbst kein Gewicht, da er nur noch der Schatten eines Körpers ist. So
werden sich eine Menge von verschiedenen<hi rend="italic"> Systemen</hi> erheben, ebenso viele, wie
es äußere Gesichtspunkte über die zu untersuchende Wirklichkeit oder wie es weitere Kreise gibt, in
die man sie einstellen kann.</p>
        <p xml:id="P.9">[…]<pb n="16"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.10">Es ist unbestreitbar, daß jeder psychologische Zustand bloß dadurch, daß er einer
Person angehört, die Gesamtheit einer Persönlichkeit widerspiegelt. Es gibt keine <term key="Empfindung" type="Wahrnehmungsform" xml:id="TM.93">Empfindung</term>, so einfach sie auch sei,
die nicht virtuell die Vergangenheit und die Gegenwart des Wesens, das sie empfindet, einschlösse,
die sich davon trennen und einen ‚Zustand‘ bilden könnte, es sei denn durch eine Aufbietung der
Abstraktion oder Analyse. Aber es ist nicht weniger unbestreitbar, daß es ohne diese Aufbietung der
Abstraktion oder Analyse keine mögliche Entwicklung der psychologischen Wissenschaft geben würde.
Worin besteht nun das Verfahren, durch das der Psychologe einen psychologischen Zustand ablöst, um
ihn als mehr oder weniger selbständige Wesenheit aufzustellen? Er beginnt damit, die besondere
Färbung der Person zu übergehen, die sich nicht in bekannten und allgemeinen Ausdrücken wiedergeben
ließe. Dann bemüht er sich, an der schon auf diese Weise vereinfachten Person diesen oder jenen
Aspekt, der eine interessante Untersuchung verspricht, zu isolieren. Wenn es sich z. B. um Zuneigung
handelt, so wird er die unausdrückbare Nuance, die sie färbt und die macht, daß meine Zuneigung
nicht die deine ist, beiseite lassen; dann wird er sich an die Bewegung heften, mit der unsere
Persönlichkeit sich auf einen bestimmten Gegenstand <hi rend="italic">richtet</hi>: er wird diese
Attitüde isolieren, und diesen besonderen Aspekt der Person, diesen Gesichtspunkt über die
Beweglichkeit des Innenlebens, dieses ‚Schema‘ der konkreten Zuneigung wird er als selbständige
Tatsache aufstellen. Es ist das eine Arbeit analog der eines Künstlers, der, vorübergehend in Paris,
z. B. eine Skizze eines Turmes von Notre-Dame machen würde. Der Turm ist unzertrennlich mit dem
Gebäude verbunden, das wieder ebenso unzertrennlich mit dem Boden, mit der Umgebung, mit dem ganzen
Paris verbunden ist. Er muß ihn zunächst ablösen: er wird von dem Gesamtbild nur eine bestimmte
Ansicht festhalten, die eben dieser Turm von Notre-Dame ist. Nun ist ferner der Turm in <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.5">Wirklichkeit</term> aus Steinen gebildet,
deren besondere Gruppierung dasjenige ist, was ihm die Form gibt; <phr type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.3">doch der Zeichner interessiert sich nicht für Steine, er hält
nur die Silhouette des Turmes fest. Er ersetzt also die reale und innerliche Organisation des Dinges
durch eine äußerliche und schematische Wiedergabe. Auf diese Weise entspricht seine <term key="Zeichnung" type="Form" xml:id="TM.90">Zeichnung</term> im ganzen einem bestimmten Gesichtspunkt
über das Objekt und der Wahl einer bestimmten Darstellungsart.</phr> Ganz dasselbe nun ist es mit
dem Verfahren, durch das der Psychologe einen psychologischen Zustand aus der Gesamtheit einer
Person herauszieht. Dieser isolierte psychologische Zustand ist kaum mehr als eine Skizze, ein
Ansatz zu einer<pb n="17"></pb>künstlichen Rekonstruktion; aber er ist das Ganze unter einem bestimmten
elementaren Aspekt, für den ein besonderes Interesse da war, den man festzuhalten unternommen hat.
Dies ist kein Teil, sondern ein Element. Es ist nicht durch Zerstückelung gewonnen, sondern durch
Analyse.</p>
        <p xml:id="P.11">Nun wird unter alle in Paris aufgenommenen Skizzen der Fremde zweifellos ‚Paris‘
als Erinnerungszeichen setzen. Und da er Paris in Wirklichkeit gesehen hat, wird er imstande sein,
von der ursprünglichen <term key="Intuition" type="Episteme" xml:id="TM.47">Intuition</term> des
Ganzen ausgehend seine Skizzen darin unterzubringen und sie so wieder miteinander zu verbinden. Aber
es besteht keine Möglichkeit, das umgekehrte Verfahren auszuführen; es ist unmöglich, selbst mit
einer Unzahl von noch so genauen Skizzen, selbst mit dem Wort ‚Paris‘, als Anweisung, daß sie
untereinander zu verbinden sind, zu einer Intuition, die man nicht gehabt hat, emporzusteigen und
sich den Eindruck von Paris zu schaffen, wenn man Paris nicht gesehen hat. Dies kommt daher, daß man
es hier nicht mit<hi rend="italic"> Teilen</hi> des Ganzen zu tun hat, sondern mit Zeichen vom
Ganzen. Um ein noch schlagenderes Beispiel, einen Fall, wo das Zeichen noch vollständiger symbolisch
ist, zu wählen, sei angenommen, daß die Buchstaben, die zum Aufbau eines mir unbekannten Gedichtes
gehören, aufs Geratewohl durcheinander gemischt mir geboten werden. Wenn die Buchstaben<hi rend="italic"> Teile</hi> des Gedichtes wären, könnte ich versuchen, es aus ihnen wieder
herzustellen, indem ich alle möglichen verschiedenen Zusammenstellungen probierte, wie es das Kind
mit den Steinen eines Geduldspieles tut. Aber darauf werde ich keinen Augenblick kommen, weil die
Buchstaben keine<hi rend="italic"> Bestandteile,</hi> sondern<hi rend="italic"> Ausdrucksteile</hi>
sind, was etwas völlig anderes ist. Daher setze ich, wenn ich das Gedicht kenne, gleich jeden der
Buchstaben an die Stelle, die ihm zukommt und verbinde sie wieder ohne Schwierigkeit durch eine
fortlaufende Linie, während das umgekehrte Verfahren unmöglich ist. Selbst wenn ich glaube, den
Versuch dieses umgekehrten Verfahrens zu machen, selbst wenn ich die Buchstaben aneinander reihe,
fange ich damit an, mir eine plausible Bedeutung vorzustellen: ich rufe also eine Intuition in mir
hervor, und von dieser Intuition versuche ich wieder zu den elementaren Symbolen herabzusteigen,
welche ihren Ausdruck bilden könnten. Schon der Gedanke, das Objekt durch einzig mit symbolischen
Elementen ausgeführte Operationen wieder zusammenzusetzen, führt eine solche Absurdität mit sich,
daß er niemandem in den Sinn käme, wenn man sich Rechenschaft darüber gäbe, daß man es nicht mit
Fragmenten des Gegenstandes, sondern sozusagen mit Symbolfragmenten zu tun hat.</p>
        <p xml:id="P.12">[…]<pb n="21"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.13">
          <phr subtype="Wirklichkeit" type="Struktur-Verhältnis-Funktion" xml:id="PH.4">Die
<term key="Begriff" type="Episteme" xml:id="TM.48">Begriffe</term> treten, wie wir nachher zeigen
werden, gewöhnlich paarweise auf und repräsentieren zwei Gegensätze. Es gibt kaum eine <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.6">konkrete Wirklichkeit</term>, über die man
nicht zugleich zwei entgegengesetzte Ansichten vertreten könnte und die sich nicht infolgedessen auf
diese beiden widerstreitenden Begriffe bringen ließe. Daher entstehen eine These und eine Antithese,
die man vergebens logisch zu versöhnen suchen möchte, aus dem sehr einfachen Grunde, daß sich
niemals aus Begriffen oder Gesichtspunkten ein Ding machen läßt.</phr> Von dem durch Intuition
ergriffenen <term key="Objekt" type="Episteme" xml:id="TM.49">Objekt</term> aber gelangt man in
vielen Fällen ohne weiteres zu den zwei entgegengesetzten Begriffen,<pb n="22"></pb>und da man auf diese
Weise aus der Wirklichkeit die These und die Antithese hervorgehen sieht, erfaßt man auf einen
Schlag, wie diese These und diese Antithese einander widerstreiten und wie sie sich versöhnen.</p>
        <p xml:id="P.14">Dazu muß man allerdings an eine Umwälzung der üblichen intellektuellen Arbeit
gehen. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.5">
            <term key="Denken" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.50">Denken</term> besteht gewöhnlich darin, von den Begriffen
zu den <term key="Ding" type="Episteme" xml:id="TM.51">Dingen</term> zu gelangen und nicht von den
Dingen zu den Begriffen. Eine <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.7">Realität</term> erkennen heißt, im gebräuchlichen Sinne des Wortes ‚erkennen‘: schon fertige
Begriffe nehmen, sie quantitativ bestimmen und sie miteinander kombinieren, bis man ein brauchbares
Äquivalent des Wirklichen erhält.</phr> Aber man darf nicht vergessen, daß die normale Arbeit des
Intellekts weit davon entfernt ist, eine ‚uninteressierte‘ Arbeit zu sein. Im allgemeinen trachten
wir nicht zu erkennen, um zu erkennen, sondern zu erkennen, um eine Partei zu ergreifen, um einen
Vorteil daraus zu ziehen, kurz um ein Interesse zu befriedigen. Wir untersuchen, bis zu welchem
Punkt das zu erkennende Objekt<hi rend="italic"> dies</hi> oder<hi rend="italic"> jenes</hi> ist, in
welche bekannte Art es sich einordnet, zu welcher Art der Handlung, des Vorgehens oder der Haltung
es uns bestimmen soll. Diese verschiedenen möglichen Handlungen und Haltungen sind ebenso viele<hi rend="italic"> begriffliche Richtungen</hi> unseres Denkens, die ein für allemal bestimmt sind; es
bleibt nichts mehr zu tun, als ihnen zu folgen; genau darin besteht die Anwendung der Begriffe auf
die Dinge. Einen <term key="Begriff" type="Episteme" xml:id="TM.52">Begriff</term> an einem <term key="Gegenstand" type="Episteme" xml:id="TM.53">Gegenstand</term> versuchen, heißt den Gegenstand
befragen, was wir mit ihm machen können, was er für uns tun kann. Eine [sic!] <term key="Objekt" type="Episteme" xml:id="TM.54">Objekt</term> mit einem Begriffe etikettieren heißt: in bestimmten
Ausdrücken die Art der Handlung oder Haltung festlegen, zu der das Objekt uns veranlassen soll. Jede
Erkenntnis im gebräuchlichen Sinne ist also in einer bestimmten Richtung orientiert oder von einem
bestimmten Gesichtspunkt gewonnen. Allerdings ist unser Interesse häufig ein vielfältiges. Und daher
kann es geschehen, daß wir unsere Erkenntnis desselben Gegenstandes nach mehreren Richtungen
hintereinander orientieren und daß wir die <term key="Gesichtspunkt" type="Episteme" xml:id="TM.55">Gesichtspunkte</term> darüber verändern. Hierin besteht, im üblichen Sinn dieser Ausdrücke, eine
‚weite‘ und ‚umfassende‘ Erkenntnis des Gegenstandes: der Gegenstand ist dann nicht auf einen
einzigen Begriff, sondern auf mehrere Begriffe zurückgeführt, an denen er, wie wir annehmen, ‚teil
hat‘. In welcher Weise hat er an allen diesen Begriffen zugleich teil? Dies ist eine Frage, welche
die Praxis nichts angeht und die man sich nicht zu stellen hat. Es ist also natürlich und
gerechtfertigt; daß wir im gewöhnlichen Leben vermittelst Nebeneinanderstellung und quantitativer
Zuteilung von Begriffen vorgehen; es wird hieraus keine philosophische Schwierigkeit entstehen, weil
wir uns durch stillschweigende Übereinkunft enthalten, zu philosophieren. Diesen modus operandi aber
auf die Philosophie übertragen, auch hier noch von den Be<c type="hyphen"></c>
          <pb n="23"></pb>griffen zur
Sache gehen, für die uninteressierte Erkenntnis eines Objektes, das wir jetzt doch in sich selbst zu
erfassen streben, eine Art des Erkennens benützen, die sich an einem bestimmten Interesse inspiriert
und die ihrem Begriffe nach darin besteht, daß man von außen eine Ansicht des Objekts gewinnt — das
heißt dem Ziel, das man sich setzt, zuwiderhandeln, das heißt die Philosophie zu einer ewigen
Plänkelei zwischen den Schulen verdammen, das heißt den Widerspruch mitten ins Herz der Sache und
der Methode versetzen. Entweder es ist keine Philosophie möglich und alle Erkenntnis der Dinge ist
eine praktische Erkenntnis, die auf einen aus ihnen zu ziehenden Vorteil gerichtet ist, oder
philosophieren besteht darin, sich durch eine Aufbietung der Intuition in das Objekt selbst zu
versetzen.</p>
        <p xml:id="P.15">Um aber die Natur dieser Intuition zu verstehen, um genau zu bestimmen, wo die
Intuition aufhört und wo die Analyse beginnt, muß auf das zurückgegriffen werden, was oben von dem
Verlauf der Dauer gesagt wurde.</p>
        <p xml:id="P.16">Man wird bemerken, daß es ein wesentliches Charakteristikum der Begriffe und
Schemata, auf welche die Analyse hinausläuft, ist, unveränderlich zu sein, während man sie
betrachtet. Ich habe von dem Ganzen des Innenlebens die psychologische Wesenheit losgelöst, welche
ich eine einfache Wahrnehmung nenne. So lange ich sie studiere, nehme ich an, daß sie bleibt, was
sie ist. Wenn ich irgendeine Veränderung an ihr fände, würde ich sagen, daß hier keine einzelne
Wahrnehmung vorliegt, sondern mehrere Wahrnehmungen nacheinander, und auf jede dieser sukzessiven
Wahrnehmungen würde ich dann die Unveränderlichkeit übertragen, die ich vorher jener Wahrnehmung als
Ganzem zuerkannt habe. Ich kann — auf welche Weise auch immer — wenn ich die Analyse weit genug
treibe, zu Elementen gelangen, welche ich für unveränderlich halten werde. Hier und nur hier werde
ich die feste Operationsbasis finden, deren die Wissenschaft zu ihrer eigenen Entwicklung
bedarf.</p>
        <p xml:id="P.17">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.6">Dennoch gibt es keinen seelischen <term key="Zustand" type="Episteme" xml:id="TM.56">Zustand</term>, so einfach er auch sei, der nicht jeden Augenblick
wechselt, da es kein Bewußtsein ohne <term key="Gedächtnis" type="Episteme" xml:id="TM.57">Gedächtnis</term> gibt, keine Fortsetzung eines Zustandes ohne die Addition der <term key="Erinnerung" type="Episteme" xml:id="TM.58">Erinnerung</term> der vergangenen Momente zur
gegenwärtigen Empfindung. Darin besteht die Dauer. Die innere Dauer ist das fortlaufende <term key="Leben" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.8">Leben</term> einer Erinnerung, welche die <term key="Vergangenheit" type="Episteme" xml:id="TM.59">Vergangenheit</term> in die <term key="Gegenwart" type="Episteme" xml:id="TM.60">Gegenwart</term> fortsetzt, mag die Gegenwart das unaufhörlich
wachsende Bild der Vergangenheit deutlich enthalten, oder mag sie vielmehr durch ihren fortwährenden
Qualitätswechsel von der immer schwerer werdenden Last zeugen, die wir hinter uns her schleppen und
die in dem Maße zunimmt, in dem wir altern. Ohne dies Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart
gäbe es keine Dauer, sondern nur Augenblicksexistenz.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.18">
          <pb n="24"></pb>Allerdings werde ich, wenn man mir vorwirft, daß ich den
psychologischen Zustand schon durch die bloße Tatsache, daß ich ihn analysiere, der Dauer entziehe,
mich dagegen verteidigen, indem ich sage, daß jeder dieser elementaren psychologischen Zustände, auf
die meine Analyse hinausläuft, ein Zustand ist, der noch Zeit einnimmt. „Meine Analyse“, werde ich
sagen, „löst wohl das ganze Leben in Zustände auf, von denen jeder sich selbst homogen ist; nur, da
die Homogeneität sich auf eine bestimmte Anzahl von Minuten oder von Sekunden erstreckt, hört der
elementare psychologische Zustand nicht auf zu dauern, auch da nicht, wo er nicht wechselt.“</p>
        <p xml:id="P.19">Aber wer sieht nicht, daß die bestimmte Anzahl von Minuten und Sekunden, die ich
dem elementaren psychologischen Zustand zuschreibe, gerade eben den Wert eines Merkmals hat, das
bestimmt ist, mich daran zu erinnern, daß der als homogen angenommene psychologische Zustand in
Wirklichkeit ein Zustand ist, der wechselt und der dauert? Der Zustand in sich selbst genommen ist
ein unaufhörliches Werden. Ich habe aus diesem Werden eine gewisse durchschnittliche Bestimmtheit
extrahiert, die ich als unveränderlich angenommen habe: ich habe auf diese Weise einen stabilen und
eben dadurch schematischen Zustand konstituiert. Ich habe andererseits daraus das Werden im
allgemeinen extrahiert, das Werden, das nicht mehr das Werden von diesem als von jenem wäre, und
dieses habe ich die<hi rend="italic"> Zeit</hi> genannt, die dieser Zustand ausfüllt. Bei genauer
Betrachtung würde ich gewahren, daß diese abstrakte Zeit ebenso unbeweglich für mich ist, wie der
Zustand, den ich in ihr lokalisiere, daß sie nur durch einen fortwährenden Wechsel der Qualität
verfließen könnte und daß sie, wenn sie ohne Qualität, wenn sie der bloße Schauplatz des Wechsels
ist, dadurch ein unbewegliches Milieu wird. Ich würde sehen, daß die Hypothese dieser homogenen Zeit
einfach bestimmt ist, den Vergleich zwischen den verschiedenen konkreten Dauern zu erleichtern, uns
zu erlauben, Gleichzeitigkeiten zu berechnen und einen Dauerverlauf durch Beziehung auf einen
anderen zu messen. Und schließlich würde ich begreifen, daß ich, indem ich die Vorstellung eines
elementaren psychologischen Zustandes mit der Bezeichnung einer bestimmten Anzahl von Minuten und
Sekunden verbinde, lediglich daran erinnere, daß der Zustand von einem dauernden Ich losgelöst
worden ist und die Stelle abgrenze, wo er wieder in <term key="Bewegung" type="Episteme" xml:id="TM.61">Bewegung</term> gesetzt werden müßte, um von dem einfachen Schema, zu dem er geworden
ist, wieder auf die konkrete Form zurückgeführt zu werden, die er vorher hatte. Aber ich vergesse
all dies, da ich es in der Analyse nicht brauchen kann.</p>
        <p xml:id="P.20">
          <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.7">Das bedeutet, daß die Analyse immer mit dem <term key="Unbewegliche, das" type="Episteme" xml:id="TM.62">Unbeweglichen</term> arbeitet, während die
Intuition sich in die Beweglichkeit oder — was auf dasselbe herauskommt — in die <term key="Dauer" type="Episteme" xml:id="TM.63">Dauer</term> versetzt. Hier ist die ganz genaue
Grenzlinie<pb n="25"></pb>zwischen der Intuition und der Analyse. Man erkennt <term key="Reale, das" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.9">das Reale</term>, das Gelebte, das Konkrete daran, daß es
die Veränderlichkeit selbst ist. Man erkennt das Element daran, daß es unveränderlich ist. Und es
ist seinem Begriffe nach unveränderlich, da es ein Schema, eine vereinfachte Rekonstruktion, oft ein
bloßes Symbol, in jedem Fall eine bloße<hi rend="italic"> Ansicht</hi> von der verfließenden <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.10">Realität</term> ist.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.21">Aber der Irrtum ist der, zu glauben, daß man mit diesen Schematen das Reale wieder
aufbauen könnte. Wir können es nicht genug wiederholen: von der Intuition kann man zur Analyse
gelangen, aber nicht von der Analyse zur Intuition.</p>
        <p xml:id="P.22">Aus der Veränderlichkeit kann ich so viele Variationen, so viele Eigenschaften oder
Modifikationen bilden, wie mir beliebt, weil dies ebenso viele unveränderliche, durch die Analyse
aufgenommene<hi rend="italic"> Ansichten</hi> von der der Intuition gegebenen Beweglichkeit sind.
Aber diese aneinandergereihten Modifikationen werden nichts zustande bringen, was der
Veränderlichkeit gleicht, weil sie keine Teile, sondern Elemente von ihr waren, was etwas ganz
anderes ist. Betrachten wir z. B. die Veränderlichkeit, die der Homogeneität [sic!] am nächsten ist,
die Bewegung im <term key="Raum" type="Episteme" xml:id="TM.64">Raum</term>. Ich kann mir an dieser
Bewegung, ihrer ganzen Ausdehnung nach, mögliche Stillstände vorstellen: dasjenige, was ich die
Lagen des Beweglichen nenne oder die Punkte, durch die das Bewegliche hindurchgeht. Aber mit Lagen,
wenn sie auch in unendlicher Anzahl gegeben wären, werde ich keine Bewegung bilden. Sie sind nicht
Teile der Bewegung; sie sind ebenso viele von ihr aufgenommene Ansichten: sie sind — könnte man
sagen — nur Möglichkeiten von Stillständen. Niemals ist das Bewegliche wirklich in einem der Punkte;
höchstens kann man sagen, daß es durch ihn hindurchgeht. Aber das Hindurchgehen, das eine Bewegung
ist, hat nichts gemein mit einem Stillstand, welcher Unbewegtheit ist. Eine Bewegung könnte nicht
auf einer Unbeweglichkeit basiert sein; denn dann würde sie mit ihr zusammenfallen, was ein
Widerspruch wäre. Die Punkte sind nicht in der Bewegung wie Teile, noch auch<hi rend="italic">
unter</hi> der Bewegung wie die Orte des Beweglichen. Sie sind einfach durch uns unter die Bewegung
projiziert wie ebenso viele Orte, wo — wenn es stillstände — ein Bewegliches sich befinden würde,
das der Voraussetzung nach nicht stillsteht. Es sind also nicht im eigentlichen Sinne Lagen, sondern
<hi rend="italic">Unter</hi>legungen, Ansichten oder Gesichtspunkte des Geistes. Wie könnte man aus
Gesichtspunkten ein Ding bilden?</p>
        <p xml:id="P.23">[…]<pb n="27"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.24">Viele andere Probleme sind aus derselben Täuschung hervorgegangen. Was die
unbeweglichen Punkte für die Bewegung eines beweglichen Körpers sind, das sind die Begriffe von
verschiedenen Qualitäten für den qualitativen Wechsel eines Gegenstandes. Die mannigfachen Begriffe,
in welche sich eine Veränderung auflöst, sind also ebenso viele stabil gewordene Erscheinungsweisen
der Instabilität des Wirklichen. Und ein Objekt denken, im gebräuchlichen Sinn des Wortes ‚denken‘,
bedeutet, von seiner Beweglichkeit eine oder mehrere unbewegliche Ansichten aufnehmen. Es bedeutet
mit einem Wort, sich von Zeit zu Zeit fragen, wie es damit bestellt ist, um zu wissen, was man damit
anfangen könnte. Nichts Gerechtfertigteres übrigens als diese Art des Vorgehens, solange es sich nur
um eine praktische Erkenntnis der Wirklichkeit handelt. Die Erkenntnis, soweit sie auf die Praxis
hin orientiert ist, hat nur die hauptsächlichen Attitüden der Sache uns gegenüber aufzuzählen, wie
auch unsere bestmöglichen Attitüden ihr gegenüber. Dies ist die gewöhnliche Rolle der fertigen
Begriffe, dieser Stationen, mit denen wir den Weg des Werdens abstecken. Aber mit ihnen in die
innerste Natur der Dinge eindringen wollen, d. h. auf die Beweglichkeit des Realen eine Methode
anwenden, die geschaffen ist, unbewegliche Gesichtspunkte für sie zu geben — das heißt vergessen,
daß die Metaphysik, wenn sie möglich ist, nur eine mühevolle, ja schmerzhafte Anstrengung sein kann,
die von Natur abwärts geneigte Ebene der Gedankenarbeit wieder heraufzusteigen, sich sogleich durch
eine Art geistiger Ausdehnung in die Sache zu versetzen, kurz, von der Wirklichkeit zu den Begriffen
und nicht mehr von den Begriffen zur<pb n="28"></pb>Wirklichkeit zu gehen. Ist es zu verwundern, daß die
Philosophen so oft den Gegenstand, den sie zu erfassen streben, vor sich entfliehen sehen wie
Kinder, die durch das Schließen der Hand den Rauch fangen wollen? So pflanzen sich viele der
Streitigkeiten zwischen den Schulen, von denen jede der andern vorwirft, sie habe sich das Wirkliche
entschlüpfen lassen, unablässig fort.</p>
        <p xml:id="P.25">[…]<pb n="27"></pb>[…]</p>
        <p xml:id="P.26">Viele andere Probleme sind aus derselben Täuschung hervorgegangen. Was die
unbeweglichen Punkte für die <term key="Bewegung" type="Episteme" xml:id="TM.65">Bewegung</term>
eines beweglichen Körpers sind, das sind die Begriffe von verschiedenen Qualitäten für den
qualitativen Wechsel eines Gegenstandes. <phr subtype="Wirkliche_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.8">Die mannigfachen Begriffe, in welche sich eine Veränderung auflöst, sind
also ebenso viele stabil gewordene Erscheinungsweisen der Instabilität des Wirklichen. Und ein
Objekt denken, im gebräuchlichen Sinn des Wortes ‚denken‘, bedeutet, von seiner Beweglichkeit eine
oder mehrere unbewegliche Ansichten aufnehmen.</phr> Es bedeutet mit einem Wort, sich von Zeit zu
Zeit fragen, wie es damit bestellt ist, um zu wissen, was man damit anfangen könnte. Nichts
Gerechtfertigteres übrigens als diese Art des Vorgehens, solange es sich nur um eine praktische
Erkenntnis der Wirklichkeit handelt. Die Erkenntnis, soweit sie auf die Praxis hin orientiert ist,
hat nur die hauptsächlichen Attitüden der Sache uns gegenüber aufzuzählen, wie auch unsere
bestmöglichen Attitüden ihr gegenüber. Dies ist die gewöhnliche Rolle der fertigen Begriffe, dieser
Stationen, mit denen wir den Weg des Werdens abstecken. Aber mit ihnen in die innerste Natur der
Dinge eindringen wollen, d. h. auf die Beweglichkeit des Realen eine Methode anwenden, die
geschaffen ist, unbewegliche Gesichtspunkte für sie zu geben — das heißt vergessen, daß die
Metaphysik, wenn sie möglich ist, nur eine mühevolle, ja schmerzhafte Anstrengung sein kann, die von
Natur abwärts geneigte Ebene der Gedankenarbeit wieder heraufzusteigen, sich sogleich durch eine Art
geistiger Ausdehnung in die Sache zu versetzen, kurz, von der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.11">Wirklichkeit</term> zu den <term key="Begriff" type="Episteme" xml:id="TM.66">Begriffen</term> und nicht mehr von den Begriffen zur<pb n="28"></pb>Wirklichkeit zu gehen. Ist es zu verwundern, daß die Philosophen so oft den Gegenstand, den sie zu
erfassen streben, vor sich entfliehen sehen wie Kinder, die durch das Schließen der Hand den Rauch
fangen wollen? So pflanzen sich viele der Streitigkeiten zwischen den Schulen, von denen jede der
andern vorwirft, sie habe sich das Wirkliche entschlüpfen lassen, unablässig fort.</p>
        <p xml:id="P.27">[…]<pb n="31"></pb>[…]Es kann nicht in Frage kommen, hier die verschiedenen Etappen
dieser Bewegung zu durchlaufen. Aber nachdem wir eine allgemeine Übersicht der Methode geboten und
eine erste Anwendung von ihr gemacht haben, wird es vielleicht nicht nutzlos sein, in so präzisen
Ausdrücken wie irgend möglich die Prinzipien zu formulieren, auf welchen sie ruht. Von den Sätzen,
die wir aufstellen werden, haben die meisten in der vorliegenden Arbeit einen Anfang des Beweises
gefunden. Wir hoffen, sie vollkommen erklären zu können, wenn wir andere Probleme erörtern
werden.</p>
        <p xml:id="P.28">I. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.9">
            <hi rend="italic">Es gibt eine äußere und dennoch unserem Geist unmittelbar gegebene </hi>
            <term key="Realität" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.12">Realität</term>
            <hi rend="italic">.</hi>
          </phr>
Der gesunde Menschenverstand hat in diesem Punkte recht gegen den Idealismus und den Realismus der
Philosophen.</p>
        <p xml:id="P.29">II. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.10">Diese <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.13">Realität</term> ist <term key="Beweglichkeit" type="Episteme" xml:id="TM.67">Beweglichkeit</term>. Es gibt keine entstandenen Dinge, sondern
nur Dinge, die entstehen, keine sich erhaltenden <hi rend="italic">Zustände</hi>, sondern nur
wechselnde Zustände.</phr> Die Ruhe ist immer nur scheinbar oder vielmehr relativ. Das Bewußtsein,
das wir von unserer eigenen Person in ihrem kontinuierlichen Verlauf haben, führt uns ins Innere
einer Realität, nach deren Muster wir uns die übrigen vorstellen müssen. <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.11">
            <hi rend="italic">Alle </hi>
            <term key="Realität" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.14">Realität</term>
            <hi rend="italic"> ist also
Strebung, wenn man dahin übereinkommt, mit Strebung eine immer von neuem — wie etwa in einer Kurve —
einsetzende Richtungsänderung zu bezeichnen.</hi>
          </phr> 
       </p>
        <p xml:id="P.30">III. Unser <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.68">Geist</term>, der feste
Stützpunkte sucht, hat im gewöhnlichen Lauf des Lebens zur hauptsächlichen Funktion, sich<hi rend="italic"> Zustände</hi> und<hi rend="italic"> Dinge</hi> vorzu<c type="hyphen"></c>
          <pb n="32"></pb>stellen. Er nimmt dann und wann gleichsam momentane Ansichten von der ungeteilten Beweglichkeit
des <term key="Wirkliche, das" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.15">Wirklichen</term> auf. So
erhält er<hi rend="italic"> Wahrnehmungen und Ideen.</hi> Auf diese Weise substituiert er dem
Kontinuierlichen das Diskontinuierliche, der Beweglichkeit die Stabilität, der Strebung im Wechsel
die festen Punkte, welche eine Richtung des Wechsels und der Strebung bezeichnen. Diese
Substituierung ist dem gesunden Menschenverstand, der Sprache, dem praktischen Leben und sogar in
einem gewissen Maße, das wir zu bestimmen suchen wollen, auch der positiven Wissenschaft notwendig.
<phr subtype="Wirkliche_das" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.12">
            <hi rend="italic">Unser
</hi>
            <term key="Intellekt" rend="italic" type="Episteme" xml:id="TM.69">Intellekt</term>
            <hi rend="italic">, wenn er seiner natürlichen Neigung folgt, geht durch feste Wahrnehmungen einerseits
und durch beharrende Begriffe andererseits vor.</hi> Er geht vom Unbeweglichen aus und begreift die
Bewegung nur als Funktion der Unbeweglichkeit und nur in dieser drückt er sie aus. Er setzt sich in
den fertigen Begriffen fest und bemüht sich, darin wie in einem Netz etwas von der vorübergehenden
Realität zu fangen. Zweifellos geschieht dies nicht, um eine innere und metaphysische Erkenntnis des
Wirklichen zu erlangen.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.31">Es geschieht einfach, um davon einen Gebrauch zu machen, da jeder Begriff (wie
übrigens auch jede Wahrnehmung) eine<hi rend="italic"> praktische Frage</hi> ist, welche unsere
Aktivität an die <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.16">Wirklichkeit</term>
stellt und auf welche die Wirklichkeit — wie sich das im Geschäftsverkehr gehört — mit einem Ja oder
einem Nein antwortet. Aber hierdurch läßt unser Intellekt sich vom Wirklichen das entschlüpfen, was
dessen eigentliches Wesen ist.</p>
        <p xml:id="P.32">IV. Die der <term key="Metaphysik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.74">Metaphysik</term> anhaftenden Schwierigkeiten, die Antinomien, welche sie hervorruft, die
Widersprüche, in die sie verfällt, die Teilung in antagonistische Schulen und die unlösbaren
Gegensätzlichkeiten zwischen den Systemen rühren zum großen Teil daher, daß wir auf die
uninteressierte Erkenntnis des Wirklichen die Verfahrensweisen anwenden, deren wir uns beständig für
praktische Nützlichkeitszwecke bedienen. Sie rühren daher, daß wir uns im Unbeweglichen festsetzen,
um das sich Bewegende in seinem Vorübergehen zu erspähen, anstatt uns in das sich Bewegende zu
versetzen, um mit ihm die festliegenden Punkte zu durchschreiten. Sie rühren daher, daß wir suchen,
die <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.17">Realität</term>, welche Strebung und
infolgedessen Beweglichkeit ist, mit Wahrnehmungen und Begriffen zu rekonstruieren, deren Funktion
es ist, sie zu immobilisieren. Aus Stillständen — soviel ihrer auch seien — wird man niemals
Beweglichkeit bilden; wenn man aber von der Beweglichkeit ausgeht, kann man auf dem Wege der
Diminution durch das Denken so viele Stillstände daraus ziehen, wie man will.</p>
        <p xml:id="P.33">Mit anderen Worten: <phr subtype="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="PH.13">
            <hi rend="italic">Man begreift, daß durch unser Denken feste Begriffe aus der beweglichen Realität
gezogen werden können; aber es ist durchaus möglich, mit der Festigkeit der Begriffe die
Beweglichkeit des</hi>
            <pb n="33"></pb>
            <hi rend="italic">Wirklichen zu rekonstruieren.</hi> Der
Dogmatismus, soweit er Erbauer von Systemen ist, hat jedoch immer diese Rekonstruktion
versucht.</phr>
        </p>
        <p xml:id="P.34">V. Er mußte daran scheitern. Es ist diese Ohnmacht und einzig diese Ohnmacht,
welche die skeptischen, idealistischen, kritizistischen, kurz alle diejenigen Doktrinen
konstatieren, welche unserem Intellekt die Fähigkeit absprechen, das Absolute zu erreichen. Aber
daraus, daß wir daran scheitern, die <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.18">lebendige Wirklichkeit</term> mit starren und fertigen Begriffen aufzubauen, folgt nicht, daß wir
sie nicht auf irgendeine andere Weise ergreifen könnten. <hi rend="italic">Die Beweisführungen, die
von der Relativität unserer Erkenntnis gegeben worden sind, sind alle mit einem ursprünglichen
Fehler behaftet: sie nehmen wie der Dogmatismus, den sie angreifen, an, daß jede Erkenntnis
notwendig von fest umrissenen Begriffen ausgehen muß, um mit ihnen die verfließende Wirklichkeit zu
erreichen. </hi>
        </p>
        <p xml:id="P.35">VI. Aber in Wahrheit kann unser Intellekt den umgekehrten Weg verfolgen. Er kann
sich in der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.19">beweglichen
Wirklichkeit</term> niederlassen, ihre unaufhörlich wechselnde Richtung annehmen, kurz sie
vermittelst jenes<hi rend="italic"> intellektuellen Mitlebens</hi> ergreifen, welches man Intuition
nennt. Dies ist von äußerster Schwierigkeit. <phr type="Textrepräsentant" xml:id="PH.14">Der <term key="Geist" type="Episteme" xml:id="TM.70">Geist</term> muß sich vergewaltigen, die Richtung seines
gewöhnlichen Denkverfahrens umkehren, alle seine Kategorien unaufhörlich umdrehen oder vielmehr
umschaffen. Aber er wird so zu flüssigen Begriffen gelangen, welche fähig sind, der <term key="Wirklichkeit" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.20">Wirklichkeit</term> in all ihren Windungen
zu folgen und die Bewegung des inneren Lebens der Dinge anzunehmen. Nur so wird sich eine
fortschreitende <term key="Philosophie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.75">Philosophie</term>
bilden, die von den Streitigkeiten zwischen den Schulen befreit und fähig sein wird, die Probleme
auf natürliche Weise zu lösen, weil sie sich der künstlichen Ausdrücke, in welchen die Probleme
gestellt sind, entledigt haben wird.<hi rend="italic"> Philosophieren besteht darin, die gewohnte
Richtung der Denkarbeit umzukehren.</hi>
          </phr>
        </p>
        <p xml:id="P.36">VII. Diese Umkehrung ist niemals in methodischer Weise geübt worden; aber eine
vertiefte Geschichte des menschlichen Denkens würde zeigen, daß wir ihr sowohl alles Größte in den
exakten Wissenschaften wie auch alles Lebensfähige in der Metaphysik verdanken. Die mächtigste der
Forschungsmethoden, über die der menschliche Geist verfügt, die Infinitesimalanalyse ist aus eben
dieser Umkehrung entstanden. Die <term key="Mathematik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.76">moderne Mathematik</term> ist genau gesprochen eine Bemühung, dem<hi rend="italic"> Fertigen das
Werdende</hi> zu substituieren, die Entstehung der Größen zu verfolgen, die Bewegung nicht mehr von
außen in ihrem dargebreiteten Resultat, sondern von innen in ihrer Tendenz zum Wechsel zu erfassen,
kurz, die bewegliche Kontinuität der Form der Dinge anzunehmen. Allerdings hält sie sich dabei an
die Form, da sie nur die Wissenschaft von den Größen ist. Allerdings hat sie zu ihren wunderbaren
Anwendungen auch nur durch die Erfindung bestimmter Symbole ge<c type="hyphen"></c>
          <pb n="34"></pb>langen
können, und wenn die Intuition, von der wir sprechen, den Ursprung der Erfindung bildet, so ist es
das Symbol allein, das die Anwendung vermittelt. Die Metaphysik aber, die auf keine Anwendung
ausgeht, kann und soll sich zumeist enthalten, die Intuition in Symbole umzusetzen. Von der
Verpflichtung befreit, zu praktisch verwertbaren Resultaten zu gelangen, wird sie ihr
Forschungsgebiet unabsehlich erweitern. Was sie im Vergleich zur exakten Wissenschaft an
Nützlichkeit und Strenge einbüßen wird, das wird sie wiedergewinnen an Tragweite und an Ausdehnung.
Wenn die Mathematik nur die Wissenschaft von den Größen ist, wenn die mathematischen
Verfahrungsweisen sich nur auf Quantitäten anwenden lassen, so darf man nicht vergessen, daß die
Quantität immer Qualität in werdendem Zustand ist: sie ist, könnte man sagen, deren Grenzfall. Es
ist also natürlich, daß die Metaphysik die schöpferische Idee unserer <term key="Mathematik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.77">Mathematik</term> übernimmt, um sie auf alle Qualitäten,
d. h. auf die <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.21">Realität</term> im
allgemeinen, auszudehnen. Sie wird sich auf diese Weise keineswegs der Universal-Mathematik, dieser
Chimäre der <term key="Philosophie" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.78">modernen
Philosophie</term>, annähern. Gerade im Gegenteil, im selben Maße, wie sie weitergehen wird, wird
sie immer schwerer durch Symbole zu übersetzende Gegenstände antreffen. Aber sie hat so wenigstens
den Anfang gemacht, mit der Kontinuität und der Beweglichkeit des Wirklichen an der Stelle in
Kontakt zu treten, wo dieser Kontakt am wundervollsten auszunützen ist. Sie hat sich in einem
Spiegel betrachtet, der ihr ein zweifellos sehr verkleinertes, aber auch ein sehr leuchtendes Bild
ihrer selbst zurückgeben wird. Sie hat mit einer überlegenen Klarheit gesehen, was die
mathematischen Verfahrungsweisen von der <term key="Realität" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.22">konkreten Realität</term> entlehnen, und sie wird in der Richtung der konkreten Realität
fortfahren, nicht in der der mathematischen Verfahrungsweisen. Sagen wir also, nachdem wir im voraus
gemildert haben, was die Formel zugleich an zu Bescheidenem und zu Anspruchsvollem haben könnte: daß
die<hi rend="italic"> Aufgabe der Metaphysik ist, qualitative Differenzierungen und Integrierungen
auszuführen.</hi>
        </p>
        <p xml:id="P.37">VIII. Was dazu geführt hat, daß man diese Aufgabe aus den Augen verlor und was die
<term key="Wissenschaft" type="Feld" xml:id="TM.72">Wissenschaft</term> selbst über den Ursprung
ihrer Verfahrungsweisen getäuscht hat, ist die Tatsache, daß die einmal gewonnene Intuition einen
Ausdrucks- und Anwendungsmodus finden muß, der unseren Denkgewohnheiten angemessen ist und der uns
in den festgelegten Begriffen die sicheren Stützpunkte bietet, deren wir so sehr bedürfen. Darin
liegt die Bedingung für das, was wir Schärfe, Präzision und auch unbeschränkte Ausdehnung einer
allgemeinen Methode auf besondere Fälle nennen. Nun können diese Ausdehnung und diese Arbeit der
logischen Vervollkommnung sich durch Jahrhunderte fortsetzen, während der Zeugungsakt der Methode
nur einen Augenblick dauert. Und deshalb nehmen wir so oft den logischen<pb n="35"></pb>Apparat der
Wissenschaft für die Wissenschaft selbst<note n="1" type="endnote" xml:id="EN.1">Über diesen Punkt
wie über mehrere andere in diesem Artikel behandelte Fragen sehe man die schönen Arbeiten der Herren
Le Roy, Vincent und Wilbois, die in der Revue de Métaphysique et de Morale erschienen sind.</note>
und vergessen die metaphysische Intuition, von der alles übrige ausgegangen ist.</p>
        <p xml:id="P.38">Aus dem Vergessen dieser Intuition geht alles hervor, was von den Philosophen und
den Gelehrten selbst über die ‚Relativität‘ der wissenschaftlichen Erkenntnis gesagt ist.<hi rend="italic"> Relativ ist die symbolische Erkenntnis durch vorher bestehende Begriffe, welche vom
Festen zum sich Bewegenden geht, aber keineswegs in intuitive Erkenntnis, die sich in das sich
Bewegende hineinversetzt und </hi>
          <term key="das Leben der Dinge" rend="italic" type="Realitätskonzept" xml:id="TM.23">das Leben der Dinge</term>
          <hi rend="italic"> selbst sich zu
eigen macht.</hi> Diese Intuition erreicht das Absolute. Die <term key="Wissenschaften" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.79">exakten Wissenschaften</term> und die <term key="Metaphysik" type="Disziplin_und_Stil" xml:id="TM.80">Metaphysik</term> treffen also zusammen in
der <term key="Intuition" type="Episteme" xml:id="TM.71">Intuition</term>. Eine wahrhaft intuitive
Philosophie würde die so sehr ersehnte Vereinigung der Metaphysik und der Wissenschaft
verwirklichen. Sobald sie die Metaphysik in die Stellung einer positiven — d. h. einer
fortschreitenden und unbegrenzt vervollkommnungsfähigen — Wissenschaft einsetzte, würde sie die im
eigentlichen Sinne positiven Wissenschaften dazu bringen, sich ihrer wahren Tragweite bewußt zu
werden, die oft sehr viel größer ist, als sie ahnen. Sie würde mehr Wissenschaft in die Metaphysik
und mehr Metaphysik in die Wissenschaft bringen. Sie würde das Ergebnis haben, 3ie Kontinuität
zwischen den Intuitionen wieder herzustellen, zu denen es die verschiedenen positiven Wissenschaften
von Zeit zu Zeit im Lauf ihrer Geschichte gebracht haben, und zwar nur durch die Eingebungen des
Genies gebracht haben.[…]</p>
        <p xml:id="P.39"></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
