Leipziger Spectateur: II.
Permalink: https://gams.uni-graz.at/o:mws.4303
Livello 1
II.
Νeukirch~b
Lœsis manibus Diogenis
Cynici Philosophi Magni,
Habitatoris Doliorum.
Piaculum Sacrum
Citazione/Motto
– – – Telumque imbelle sine ictu Conjicit.
Virg. Æneid. lib. II.
Citazione/Motto
Schaut wie der gravitätsche Mann,
Die Ruthe wohl gebrauchen kan,
Er hust und streicht die Ermel auf
Und denckt er haue weidlich drauf.
Doch sieht er hinten ein Gesicht
Nur durch die Brill drum trifft ers nicht.
Die Ruthe wohl gebrauchen kan,
Er hust und streicht die Ermel auf
Und denckt er haue weidlich drauf.
Doch sieht er hinten ein Gesicht
Nur durch die Brill drum trifft ers nicht.
Der gestäupte Leipziger Diogenes, oder Critische Urtheile über die erste Speculation des Leipziger SPECTATEURS
Citazione/Motto
– – – Ein Sieb nenn ich ein Sieb
Ein Kätzgen eine Katz und Rollet einen Dieb.
Ein Kätzgen eine Katz und Rollet einen Dieb.
Habitatoris Doliorum.
Piaculum Sacrum
Von dem Caractere des Autors.
Livello 2
Livello 3
Metatestualità
EJn Scribent unterscheidet sich von andern, theils durch die Materie, welche er abhandelt, theils durch die Ordnung und den Tour, welchen er seiner Materie giebt. Es sind demnach die Caracteren der Autorn von 2. besondern Gattungen: Die erste Gattung, da sich ein Autor durch die Materie von andern absondert, wollen wir generale Caractern heissen; die andere aber, da allein die Methode und der Tour den Unterscheid machet, wollen wir speciale Caracteren nennen. Der Grund dieser Benennung ist leicht zuerachten. Es sind so viel generale Caractern, als Wissenschafften und Haupt-Theile der Wissenschafften sind. So unterscheidet sich der Theologus durch die Materie seiner Schrifften von dem Physico, der Physicus von dem Anatomico, der Anatomicus von dem Juristen, etc. Alle die über einer gleichen Wissenschafft beschäfftiget seyn, haben einen gleichen general-Caractere. Aber die Ordnung und der Tour welchen ein Autor folget, machen auch selbst unter denjenigen eine Differentz, die über einer gleichen Wissenschafft arbeiten, und geben einem Autor einen specialen Caractere. Denn gleich wie ein Töpfer aus Thon 10. 20. und mehr Becher formiren kan, deren jeder eine besondere Form hat; Eben so können auch unterschiedliche Scribenten über einer Materie arbeiten, daß keiner dem andern gleich kömt, weil ein jeder seiner Materie eine besondere Ordnung und sich zugleich einen besondern Caractere giebet. Es sind der specialen Caracteren so viele, als unterschieden die Methoden eine Materie einzurichten. Wir wollen die Morale zum Exempel setzen. Diejenige Morale, welche aus lauter Schlüssen bestehet, die natürlich mit einander verknüpffet, und aus einem oder mehrern Principiis abfliessen, nenne ich eine raisonnirende Morale. Die aus der Historie merckwirdige Beyspiele der Tugenden und Lastern unter gewisse Capitul zusammen trägt, und gewisse Reglen davon ableitet, heisset man eine historische Morale. Der seine Reglen in Frag und Antworten vorstellet, ist ein catechetischer Moraliste der die Reden und Thaten seiner Nebenmenschen, seiner Landesleuten, seiner Mitbürger beschreibet, und ein unpartheyisches Urtheil darüber fället, der verdienet den Nahmen eines critischen Moralisten, eines Richters der Sitten der Menschen. Weil nun eines solchen Pflicht ist, daß er auf das thun und lassen der Menschen, und aller Arten derselben, genaue Achtung gebe, so kan er in diesem Absehen auch genennet werden ein Beschauer. Betrachtet man ihn aber, in so fehrn er die Sachen, die er in Qualität eines Beschauers gesehen oder gehöret hat, natürlich beschreibet, so mag er auch den Nahmen eines Mahlers tragen.
Allein ich finde noch eine specialere Art von Caracteren, welche von der Verschiedenheit der Tours entsteht, denn es ist gewiß, daß alle die Gattungen der Morale, welche ich namhafft gemachet habe, durch viele besondere Tours können abgeändert werden. Jch will nur die letzte Gattung berühren, weil es zu meinen Zweck dienet. Der sich die gantze Welt vorstellet als eine Comedie oder Tragedie, dem gehört der Caracter eines Zuschauers. Der die menschliche Gesellschafft anschauet, als die Quelle alles Elends, und auf dieselbe böse und zornig wird, der bekömmt der Caractere eines Misantrope. Der dieselbe von der bedeuteten Seiten anschauet, und aber ein Mitleiden darüber empfindet und auslasset, der giebt sich selbst den Caractere des Heraclite. Der nur das Lächerliche, welches in dem Thun und Lassen der Menschen stecket, beschreibt, der wird ein Democrite. Der in artigen Gesprächen durch kluge Fragen andere so weit treibet, daß sie ihre eignen Thorheiten erkennen und richten, dem gehöret der Caractere des Socrates. Der durch die Hülffe der Jronie die Menschen in Erkentniß ihrer Laster führet, kan sich nennen einen Panegyristen der Thorheiten der Menschen. Der sich über alle Gewohnheiten und Moden der Societät durch Reden und Thaten die denselben entgegen sind, moquiert, der verdienet erst den Nahmen des Diogenes: Denn es ist aus der abentheuerlichen Historie des Philosophischen Pickel-Herings Diogenes bekannt, was massen er die Menschen wegen ihrer unnatürlichen Moden und Verrichtungen nicht allein mit spöttischen Worten, sondern auch mit den Wercken selbst vexirt und ausgehönt hat. Jch könte aus den alten Scribenten, dessen unterschiedne Exempel anführen, wenn nicht ohne mein Erinnern allbereit bekannt wären.
Damit ich dennoch mit einem eintzigen den Ungelehrten meine Meinung erleutere, so hat Diogenes die Unruh und die Beschwerden der Reichen um ihren Schätzen zu hüten, hingegen die Sicherheit eines Armen, der nichts begehrt als was ihm unentbehrlich ist um sein Leben zu erhalten, nicht nur mit der Rede, sondern auch mit einer wircklichen Handlung vorgestellt, in dem er nakend gegangen und seine Wohnung in einem Faß aufgeschlagen, welches er auf dem Marckt-Platz zu Athen nach seiner Kommlichkeit von einem Ort zum andern geweltzt, und nicht hat fürchten dörffen daß es ihm jemand nehme. Juvenalis hat die Morale die er damit abgesehen, wohl verstanden:
Er sagt:
Dispositis prædives hamis vigilare cohortem,
Servorum noctu Licinus jubet, attonitus pro
Electro signisque suis, Phrygiaque columna,
Atque ebore & lata testudine, Dolia nudi
Non ardent Cynici, si fregeris, altera fiet
Cras domus, aut eadem plumbo commissa manebit. Weil nun unser Autor (Disc. IV.) sich diesen Caractere des Diogenes beygeleget hat, so wird ein vernünfftiger Leser mit Recht von ihm erwarten, daß er sich gleichmässiger Tours bedienen werde, die unnatürlichen Narrheiten der Menschen höhnisch durchzunehmen, als jene, die ehdessen der alte Cynicus glücklich gebraucht hat. Und ich kan versichern, daß ein Werck, welches nach dem Caractere des Diogenes geschrieben wäre, Lesenswürdig seyn würde. Allein man betrieget sich, wenn man dergleichen was von unserm Autor erwartet. Denn wofern er sich nicht selbst diesen Nahmen beygeleget hätte, würde man den Diogenes in seiner Schrifft nicht finden, gesetzt auch, daß man ihn mit Laternen suchen würde. Der des Diogenes Caractere wohl ausdrücken will, muß einerseits die Vollkommenheit der Natur, anderseits aber die Eitelkeit und Thorheit derjenigen Gebräuchen, welche die Societät eingeführet hat, erkennen. Darzu aber wird etwas mehr erfordert, als einen Syllogisme machen können. Allein unser Autor hat diese Sache nicht so schwer auf sich genommen, oder sich diesen Caractere gegeben, in der Meinung, daß er demselben folgen wolle. Die Ursach ware allein: Weil er sich vorgenommen die Leute, wie Diogenes, mit einer papierenen Laterne zubeleuchten, und Menschen zumachen, wenn er keine finden könte. Das ist, wenn ihr die Allegorie auflöset: Weil er gesonnen auf diesen Blättern, die Menschen von dem Laster ab, und zu der Tugend anzumahnen. Sehet da, der Grund, um dessen willen er sich diesen Caracteren gegeben hat, ist ein blosses Brillant. Aber noch weit lächerlicher ist es, wenn er sich zween Caracteren beyleget, sagend Disc. IV. Diogenes lebt nun en Spectateur. Er will sagen, in Qualität eines Beschauers. Denn wenn er den Caractere eines Beschauers beybehalten will, so ist der andere des Diogenes unnützlich, weil er schon in dem ersten Begrieffen seyn kan. Es läst nicht weniger lächerlich, als ob ich sagen würde der Geometra lebet nun en Mathematicien; ich bin ein Philosophus und ein Logicus. Jm übrigen gebe ich in Ansehung der specialen Caracteren diese zwo Regeln anzumercken, welche aus dem, was biß dahin gesagt habe, nothwendig abfliessen. 1. Daß ein Scribent sich keinen Caractere gebe, bevor er schlüssig ist, wie er seine Materie tournieren will. 2. Daß er den Caractere, den er sich außersehen hat, beybehalte, und niemahls aus der Acht lasse, oder darwieder handle. Der seinem Caractere nicht folgt, ist gleich jenem Mahler, welcher fürgegeben, er wolle ein Pferd conterfeyen, und da das Stück fertig gewesen, war es eine ziemlich natürliche Ganß. – – Amphora cœpit Justitui, currente rota, cur urceus exit?
Elimat, non illud opus tenuissima vincat
Stamina, non summo quæ pendet aranea tigno.
Ovid. Met. Lib. 4. Ovidius hatte diese Verse von dem Netze geschrieben, mit welchem Vulcanus seine Gemahlin die Venus in den Armen des Martis liegend gefangen hat. Die Mahler beschreiben mit eben denselben die Spitzen. Eben dieser Poet hat in seiner Kunst das Angesicht schön zu machen den Vers: Auxilium multis succus & herba fuit. Jn diesem finden nun die Mahler ein Lob des Tobacks. Die Devisen unsers Autors schicken sich so gar übel nicht auf den Zweck, den er in seinen Discoursen sich vorsetzet, aber weil er doch nöthig gefunden hat, Aufschrifften darüber zumachen, so hätte er aus oben bedeuteter Ursach besser gethan, wenn er sie aus berühmten und klugen Lateinischen Scribenten des Alterthums genommen hätte. Wenn mir erlaubet ist, hier eine critische Muthmassung zu entdecken, so scheinet es, als ob er diese weise Sprüche nicht aus ihren Originalen geholet habe, sondern sie aus irgend einem Florilegio oder einer Polyanthea hervor gescharret. Er zeiget bißher nicht sonderlich daß ihm die berühmte Schrifften der Alten bekandt seyen, allein ich besinne mich, daß er sich gleich in dem I. Discours verschworen hat, er wolle sich um gelehrte Sachen nicht bekümmern. Die erste Devise soll aus Non. 30. c. 11. entlehnet seyn, da es vielleicht der Nonius ist der aber nicht Lateinisch geschrieben hat. Weil es denn eine blosse Ubersetzung ist, so wäre es an der Deutschen die dabey gefügt ist schon genug gewesen. Glaubet etwann der Autor, daß er keine Devise mehr gefunden hätte welche nicht schon von andern seinen Vorfahren gebraucht worden? Aber ich meine, daß zum Exempel die folgende aus Horatius nicht übel an der Spitze des ersten Disc. gestanden wäre: – – Sunt certa piacula quæ te
Ter pure lecto poterunt recreare libello.
Invidus, iracundus, iners, vinosus, amator.
Nemo adeo ferus est, qui non mitescere possit
Si modo culturæ patientem commodet aurem.
Lib. I. Epist. 1. Die Devise des zweyten Discourses ist aus dem Codice und redet nur Schul-Latein. Die von dem fünfften stehet nicht bey dem Seneca, wie der ehrliche Mann gemeinet hat, sondern bey dem Horatius, in der 29. Ode des III. Buchs. Des sechsten seine ist ein pedantischer Mönchs-Reim: Ex nihilo nil fit, vir prudentissimus infit.
Electro signisque suis, Phrygiaque columna,
Atque ebore & lata testudine, Dolia nudi
Non ardent Cynici, si fregeris, altera fiet
Cras domus, aut eadem plumbo commissa manebit. Weil nun unser Autor (Disc. IV.) sich diesen Caractere des Diogenes beygeleget hat, so wird ein vernünfftiger Leser mit Recht von ihm erwarten, daß er sich gleichmässiger Tours bedienen werde, die unnatürlichen Narrheiten der Menschen höhnisch durchzunehmen, als jene, die ehdessen der alte Cynicus glücklich gebraucht hat. Und ich kan versichern, daß ein Werck, welches nach dem Caractere des Diogenes geschrieben wäre, Lesenswürdig seyn würde. Allein man betrieget sich, wenn man dergleichen was von unserm Autor erwartet. Denn wofern er sich nicht selbst diesen Nahmen beygeleget hätte, würde man den Diogenes in seiner Schrifft nicht finden, gesetzt auch, daß man ihn mit Laternen suchen würde. Der des Diogenes Caractere wohl ausdrücken will, muß einerseits die Vollkommenheit der Natur, anderseits aber die Eitelkeit und Thorheit derjenigen Gebräuchen, welche die Societät eingeführet hat, erkennen. Darzu aber wird etwas mehr erfordert, als einen Syllogisme machen können. Allein unser Autor hat diese Sache nicht so schwer auf sich genommen, oder sich diesen Caractere gegeben, in der Meinung, daß er demselben folgen wolle. Die Ursach ware allein: Weil er sich vorgenommen die Leute, wie Diogenes, mit einer papierenen Laterne zubeleuchten, und Menschen zumachen, wenn er keine finden könte. Das ist, wenn ihr die Allegorie auflöset: Weil er gesonnen auf diesen Blättern, die Menschen von dem Laster ab, und zu der Tugend anzumahnen. Sehet da, der Grund, um dessen willen er sich diesen Caracteren gegeben hat, ist ein blosses Brillant. Aber noch weit lächerlicher ist es, wenn er sich zween Caracteren beyleget, sagend Disc. IV. Diogenes lebt nun en Spectateur. Er will sagen, in Qualität eines Beschauers. Denn wenn er den Caractere eines Beschauers beybehalten will, so ist der andere des Diogenes unnützlich, weil er schon in dem ersten Begrieffen seyn kan. Es läst nicht weniger lächerlich, als ob ich sagen würde der Geometra lebet nun en Mathematicien; ich bin ein Philosophus und ein Logicus. Jm übrigen gebe ich in Ansehung der specialen Caracteren diese zwo Regeln anzumercken, welche aus dem, was biß dahin gesagt habe, nothwendig abfliessen. 1. Daß ein Scribent sich keinen Caractere gebe, bevor er schlüssig ist, wie er seine Materie tournieren will. 2. Daß er den Caractere, den er sich außersehen hat, beybehalte, und niemahls aus der Acht lasse, oder darwieder handle. Der seinem Caractere nicht folgt, ist gleich jenem Mahler, welcher fürgegeben, er wolle ein Pferd conterfeyen, und da das Stück fertig gewesen, war es eine ziemlich natürliche Ganß. – – Amphora cœpit Justitui, currente rota, cur urceus exit?
Von dem Titel seiner Schrifft.
Die Herren Gelehrten bedienen sich unter andern Kunst-Griffen ihre müh-seligen Hirn-Geburten an den Mann zu bringen, auch desjenigen, daß sie durch prächtige Rubriquen und großsprechende Titul manchen einfältigen Bücher-Käuffer, der sich durch die Aussenwercke blenden läst, um seine Mutter-Pfenninge betriegen, und ihm einen ansehenlichen Quarck an statt eines vernünfftigen Buchs auslieffern. Sie sind gleich denjenigen Töchtern, welche sich vermessen vermittelst der Schmincke, wormit sie ihre blasse Wangen zu beschmieren pflegen, einen dummen Schöps in ihr Netz zu jagen. Aber wie diese gefirnißte Schönheiten keinen klugen Amanten durch ihre geborgte Farbe betriegen können; So wenn ein vernünfftiger Bücher-Käuffer ein Buch zur Hande kriegt, dessen prahlerische Titul manchen betriegen könte, so fraget er alsobald mit Horatio: Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu? Und erhält so gleich die Antwort. Parturiunt montes, nascetur ridiculus MVS. Der Titul eines Buchs ist was das Angesicht eines Menschen. Wer ein wenig Acht hat, der kan leicht unterscheiden, quid distent æra lupinis, was natürlich oder gekünstelt ist. Gleichwie es Leute giebt, welche aus den blossen Lineamenten des Gesichts von der eigentlichen Beschaffenheit des Gemüthes zu urtheilen wissen, so wird ein Kluger insgemein aus dem Titul von der Güte eines Buches urtheilen können. Jch meines Orts verwerffe zwar die Physionomie nicht gäntzlich, jedoch halte ich mehr auf derjenigen Beurtheilung der Menschen, welche sich gründet auf den Umgang mit denselben. Eben so vermesse ich mich auch nicht, aus dem blossen Titul, von der Qualitet der Bücher zu urtheilen, bevor ich derselben Jnhalt auf die Probe gesetzet habe. Der Titul, den unser Autor gut gefunden hat seinem Papier vorzusetzen ist dieser: Der Leipziger Spectateur, welcher die heutige Welt der Gelehrten und Ungelehrten, Klugen und Thorhafften, Vornehmen und Geringen, Reichen und Armen, Verehlichten und Unverehlichten, so wol männliches als weibliches Geschlechts, Leben und Thaten, auch wol Schrifften beleuchtet, und ihnen die Warheit saget. Erste Spekulation. Franckfurt, Hamburg, und Leipzig. 1723. Dieser lange und prächtige Periodus ist wieder die Construction der Deutschen Sprache gesetzet, wie jedermann also fort wahrnehmen wird, wenn ich ihn ein wenig abkürtzen werde. Der Leipziger Spectateur beleuchtend die heutige Welt der Gelehrt- und Ungelehrten, Verehlicht- und Unverehlichten beyder Geschlechter, Leben, Thaten und Schrifften welchen er die Wahrheit saget. Was ist das, Verehlichte beyder Geschlechter, und wie klingt das den Leben und Thaten auch wol Schrifften die Wahrheit sagen? Aber warum wird Spectateur nicht Deutsch Beschauer gegeben, welches Wort das Engelländische recht ausdrücket, da Spectateur nur ein Zuschauer heißt, und von dem Frantzösischen Ubersetzer aus Mangel eines bequemen Wortes gebraucht wird, gleichwie er in der Vorrede des ersten Theils seiner Ubersetzung gestehet? Was bedeutet endlich, daß er sich nur den Leipziger-Spectateur nennet, da doch die Verleger in der 2. Speculation avertiren, daß seine Arbeit auf gantz Deutschland, ja auf die gantze Welt gerichtet seye, und sie folglich der Deutsche Spectateur oder der Welt-Spectateur müßte genennet werden? Weil der Autor pretendiret ein Diogenes zu seyn, so hat er von Rechts wegen den Titul seines Buch ohne grössere Pracht also schreiben sollen: Der Leipziger Diogenes welcher sich über die Gewonheiten und Moden der Societet durch Reden und Thaten moquiret. Aber er hätte dem Versprechen, das dieser Titul machet, hernach auch mit der folgenden nach Cynischer Art außgeführten Morale entsprechen müssen. Für die Manier und den Jnnhalt, welchen gegenwertige Blätter haben, gehört kein anderer Titul als dieser: Der durch den Tumult der Journale wieder auferweckte Diogenes, welcher mit einer neu-erfundenen papierenen Laterne das Pleiß-Athen durchstreichet, und Menschen suchet, oder, wenn er nicht findet, machet.Von den Devisen der Discoursen
Die Devise an dem Haupt eines Discourses muß entweder eine Morale in sich begreiffen, welche darinne gemachet wird, oder daraus fliesset; oder sie versiehet die Stelle eines Einganges, in welchem die Aufmercksamkeit der Leser aufgewecket und seine Gunst gesuchet wird; oder sie muß sich auf den Anlaß schicken, der zu der Materie, die man tractirt, erdichtet wird. Der Engelländische Beschauer hat sich derselben allzeit nach der einen oder der andern der besagten Weisen bedienet. La Devise, sagt er in dem XI. Disc. des dritten Theils der Frantzösischen Ubersetzung, devient quelque fois necessaire, pour convaincre les petits Esprits, que je n’avance rien de Paradoxe, & qui ne soit appuyé sur de bonnes Autoritez. Darum nimmt er sie aus guten alten Autoribus die ein allgemeines Lob erhalten haben. Die Devisen müssen wie ein heutiger Autor wohl angemercket hat, diejenigen Qualiteten haben, welche man bey den letzten Reden der Sterbenden beobachtet, sie müssen kurtz, begriefflich, deutlich, voll Nachdruck und Verstand seyn. Eine Devise wird schön, wenn sie die Worte eines Autors ausser ihrer Zusammenknüpffung nimmt, da sie eine andere Bedeutung haben, als er ihnen gegeben, welche von meiner eignen Erfindung ist, und sich zu meinem Vorhaben schicket. Von dieser Art ist die Devise, welche die Mahler vor ihren Discours von den Spitzen gesetzet haben: – – – – – Catenas Retiaque & laqueos, quæ lumina fallere possintElimat, non illud opus tenuissima vincat
Stamina, non summo quæ pendet aranea tigno.
Ovid. Met. Lib. 4. Ovidius hatte diese Verse von dem Netze geschrieben, mit welchem Vulcanus seine Gemahlin die Venus in den Armen des Martis liegend gefangen hat. Die Mahler beschreiben mit eben denselben die Spitzen. Eben dieser Poet hat in seiner Kunst das Angesicht schön zu machen den Vers: Auxilium multis succus & herba fuit. Jn diesem finden nun die Mahler ein Lob des Tobacks. Die Devisen unsers Autors schicken sich so gar übel nicht auf den Zweck, den er in seinen Discoursen sich vorsetzet, aber weil er doch nöthig gefunden hat, Aufschrifften darüber zumachen, so hätte er aus oben bedeuteter Ursach besser gethan, wenn er sie aus berühmten und klugen Lateinischen Scribenten des Alterthums genommen hätte. Wenn mir erlaubet ist, hier eine critische Muthmassung zu entdecken, so scheinet es, als ob er diese weise Sprüche nicht aus ihren Originalen geholet habe, sondern sie aus irgend einem Florilegio oder einer Polyanthea hervor gescharret. Er zeiget bißher nicht sonderlich daß ihm die berühmte Schrifften der Alten bekandt seyen, allein ich besinne mich, daß er sich gleich in dem I. Discours verschworen hat, er wolle sich um gelehrte Sachen nicht bekümmern. Die erste Devise soll aus Non. 30. c. 11. entlehnet seyn, da es vielleicht der Nonius ist der aber nicht Lateinisch geschrieben hat. Weil es denn eine blosse Ubersetzung ist, so wäre es an der Deutschen die dabey gefügt ist schon genug gewesen. Glaubet etwann der Autor, daß er keine Devise mehr gefunden hätte welche nicht schon von andern seinen Vorfahren gebraucht worden? Aber ich meine, daß zum Exempel die folgende aus Horatius nicht übel an der Spitze des ersten Disc. gestanden wäre: – – Sunt certa piacula quæ te
Ter pure lecto poterunt recreare libello.
Invidus, iracundus, iners, vinosus, amator.
Nemo adeo ferus est, qui non mitescere possit
Si modo culturæ patientem commodet aurem.
Lib. I. Epist. 1. Die Devise des zweyten Discourses ist aus dem Codice und redet nur Schul-Latein. Die von dem fünfften stehet nicht bey dem Seneca, wie der ehrliche Mann gemeinet hat, sondern bey dem Horatius, in der 29. Ode des III. Buchs. Des sechsten seine ist ein pedantischer Mönchs-Reim: Ex nihilo nil fit, vir prudentissimus infit.
