Cita bibliográfica: Anonymus (Ed.): "V.", en: Leipziger Spectateur, Vol.3\005 (1723), pp. 139-144, editado en: Ertler, Klaus-Dieter (Ed.): Los "Spectators" en el contexto internacional. Edición digital, Graz 2011- . hdl.handle.net/11471/513.20.2550 [consultado el: ].


Nivel 1►

V.

Cita/Lema► Neque concipere neque edere partum mens potest, nisi ingenti flumine literarum inundata, Petronius. ◀Cita/Lema

Cita/Lema► Es fliest nur süsser Most aus Honig-schwangern Trauben,
Denn Holtz und Hefen sind gewiß von schlechtem Safft
Wie will man doch aus sich ein nettes
Carmen klauben
Wenn das Gehirn erstarrt und ohne Lebens-Krafft
Wanns ohn Gelehrsamkeit,
Ohne Belesenheit?
Es fliest nur süsser Most aus Honig-schwangern Trauben. ◀Cita/Lema

Nivel 2► Nivel 3► Metatextualidad► ZU einer netten Poësie wird gar viel erfordert, denn man muß haben erstlich ein treffliches ingenium, das glücklich ist im Erfinden, zum andern dabey ein gutes judicium, das gründlich kan beurtheilen, drittens eine vortreffliche Belesenheit in allerhand Arten von Autoribus, in allerley Spra-[140]chen und Disciplinen, vierdtens eine vollkommene Erkänntniß der Sprache, darinn man schreibt, damit man ein Wort, einen Satz zehn ja zwantzigmahl verändern könne ohne Mühe, fünfftens eine gute Philosophie, die bündig schliessen lehret, und sechstens eine fleißige Ubung, die alles zur Fertigkeit bringet, so wie die Philosophie alles übrige dirigiret. Wer diese . Stücke nicht hat, der lasse doch ja sein Dichten bleiben; Dann es ist keine Schande, keine Verse machen können, aber daß ist eine Schande, schlechte Verse machen. Jch weiß wohl, daß einige hiezu noch das siebende Stücke rechnen, nemlich den Affect, und es ist wahr, verliebte und betrübte, erfreute und beängstigte Hertzen fangen an, geschickt zu poëtisiren, ohne daß sie es selbst mercken: Allein sodann müssen auch alle vorher erzehlte requisita ihre Richtigkeit haben, sonst macht der Affect mehr schlimme Händel als er Gutes stifften solte. Es hat mir ein guter Freund zwey feine carmina communiciret daraus man sehen kan, wie artig der Affect zu operiren pflege. Eines hat ein Frauenzimmer verfertiget, welches, wie Virgilius unter den Römischen und Mantuanischen Palmen, also unter denen Leipziger Linden Bavium und Mævium zu schanden macht. Allein dieses halte ich zu hoch, als daß es ohne expressen Befehl der galanten Poetin gemein machen solte, und ich würde auch auf erhaltenen Befehl doch noch mich bedencken, indem ich, wann mir etwas Gutes in die Hände kommt etwas neidisch damit bin. Das andere aber stehet hiemit zu des geneigten Lesers [141] Dienst und Vergnügen: Parodia nach der Melodey: Brich entzwey mein armes Hertze etc. von dem bestürtzten Jano mit Thränen benetzter Feder aufgesetzet und nach der Predigt gantz beweglich abgesungen: (Bey Beerdigung seiner Liebste) ◀Metatextualidad ◀Nivel 3

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BRich entzwey mein armes Hertze,
Mein armes Hertze brich entzwey!
Ach der Schmertz der grosse Schmertze
Jst hier so viel und mancherley.
Der Janus zittert
Sein Hertze splittert
Ach Noth! Ach Noth!
Hier liegt Jonathan todt!

(Capelle auf dem Chor repetirte Piano: der Janus zittert etc. und also in den übrigen Versen.)

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Soll Ezechiel nicht weinen,
Wann er verliert sein Augen-Lust?
Doch will GOtt dadurch nicht meinen
Heimlichen Seuffzer in der Brust;
Denn Jonas ächzet
Sein Hertze lechzet
Ach Noth! Ach Noth!
Seine Augen-Lust ist todt.

[142] .

Hanna wird sehr hoch gerühmet
Daß sie in grosser Glaubens-Treu
Tief gebeuget und gekrümmet
Zu GOtt gebetet Hertzens frey
Hört unsre Hanna,
Singt Hosianna
Ach Noth! Ach Noth!
Jonae Hanna liegt nun todt!

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Gieng Elisabeth gerade
Fromm und untadelich einher
War dies ihr best Intrade
Zu wandeln steiff nach GOttes Lehr.
So war untadelich
Jn Tugend adelich
Eli- Eli- Eli- Eli-
sabeth
so spat als früh.

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Abigail lebte friedlich
Wie David und dort Jonathan
Jhr Gemüth war fried- und schiedlich
Und allen Zwietracht abgethan
So giengs mit Jano
Allzeit Piano
Ach Noth! Ach Noth;
Abigail liegt hier todt.

[143] .

Ehrte Sara ihren Herren
Jn freundlicher Bescheidenheit
That sie ohne trotzig sperren,
Denselben Liebes und kein Leid;
So war hier Sara
Niemahls Amara
Ach Noth! Ach Noth!
Unsre Sara ist nun todt.

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Jammer ach was grosser Jammer
Trifft jetzt unser Priester-Hauß,
Jonathanens Hertzens-Kammer
Sieht düster, schwartz und finster aus.
Er sieht vor Grämen,
Fast wie ein Schämen,
Ach Noth! Ach Noth!
Mund und Hertze schreyt zu GOtt.

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Janus gebe sich zu frieden,
Und denck, daß ihn Jesus liebt,
Eh muß seyn einmahl geschieden,
(GOtt hats nun also beschieden)
Drum sey er nicht so sehr betrübt,
Die Jonathanin
Jst nunmehr dahin
[144] Wo Gott, Wo Gott
Sie ergötzet auf die Noth.

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Sie lebt in dem Freuden-Himmel
Und bey den Engeln recht vergnügt,
Weg du sieches Welt-Getümmel
Triumph, triumph sie hat gesiegt
Sie trägt die Cron
Vor GOttes Thron
Kein Todt, kein Todt,
Kränckt sie mehr, weg ist die Noth.

Nach gehaltener Parentation welche gleichfals zum Druck kommen soll, werden die Träger als allerseits Schul-Bediente singend also aufgefordert:

10.

Nun so tragt die müden Glieder

Jhr Träger hebt tragt sie hinaus/
(es ist nun aus)
Leget sie fein sanffte nieder/
Jn dero Schlaff- und Ruhe-Hauß/
Es kömmt die Stunde/
Nach Christi Munde/
Daß dort/ daß dort/ daß dort
Sie wird stehn am Himmels-Port. ◀Nivel 2 ◀Nivel 1