Sugestão de citação: Luise Adelgunde Victorie Gottsched (Ed.): "Das XXV Stück", em: Der Zuschauer, Vol.1\025 (1751), S. 116-120, etidado em: Ertler, Klaus-Dieter / Fuchs, Alexandra (Ed.): Os "Spectators" no contexto internacional. Edição Digital, Graz 2011- . hdl.handle.net/11471/513.20.2430 [consultado em: ].


Nível 1►

Das XXV Stück.

Donnerstag, den 29. März.

Citação/Divisa► Aegrescitque medendo.

Virgil. ◀Citação/Divisa

Nível 2► Metatextualidade► Folgendes Schreiben wird sich selbst erklären, und braucht keiner Vertheidigung. ◀Metatextualidade

Nível 3► Carta/Carta ao editor► Mein Herr,

Ich bin einer von derjenigen schwächlichen Zunft, die insgemein unter dem Namen der Kränklichen bekannt ist, und bekenne Ihnen, daß ich mir durch die Erlernung der Arzneykunst, diesen üblen Zustand meines Körpers, oder vielmehr meines Gemüths, angewöhnet habe. Kaum fing ich an Bücher von dieser Art zu lesen, als ich sogleich einen ungleichen Puls bey mir vermerkte. Selten las ich die Beschreibung einer Krankheit, daß ich mir nicht auch einbildete, damit behaftet zu seyn. Des Doctor Sydenhams gelehrter Tractat von Fiebern, brachte mich zu einer [117] langwierigen Schwindsucht, die ich, so lang ich diese vortreffliche Schrift las, nicht los werden konnte. Nach diesem las ich verschiedene andere Schriftsteller durch, die von abzehrenden Krankheiten geschrieben haben, und fiel folglich in eine gänzliche Abzehrung; bis ich endlich, da ich sehr fett dabey wurde, mich selber über dieser Einbildung schämen mußte. Nicht lange hernach bemerkte ich bey mir alle Kennzeichen der Gicht, die Schmerzen ausgenommen; ich wurde aber davon durch einen Tractat vom Steine, den ein sehr kluger Mann geschrieben, halb geheilet. Dieser Autor befreyte mich, (wie es bey den Aerzten gewöhnlich ist, daß sie aus einer Krankheit eine andere machen) von der Gicht, und half mir zum Steine; so, daß ich mich endlich zu einem Sammelplatze aller Krankheiten studierte. Von ungefähr kam mir die sinnreiche Abhandlung des Sanctorius zu Händen: und ich entschloß mich, künftighin meine Lebensart, nach einem gewissen Aufsatze von Regeln, den ich mir aus seinen Betrachtungen ausgezogen hatte, einzurichten. Der gelehrten Welt ist die Erfindung dieses Mannes zur Gnüge bekannt; welcher um seine Experimente desto besser zu machen, einen mathematischen Stuhl erfand: welcher so künstlich auf Federn hing, daß man darauf alles so gut als auf einer Wagschale abwiegen konnte. Auf diese Art konnte er wissen, wie viel Unzen von seiner Nahrung durch die Ausdünstung davon giengen, wie viel davon zur Nahrung seines Leibes blieben, und wie viel durch die andern Wege der Natur weggiengen.

Ich habe mir einen solchen Stuhl angeschafft, und untersuche nunmehrd mein Essen, Trinken, und meinen Schlaf nach demselben. Dieses beobachte ich so genau, daß ich seit den drey letzten Jahren allemal in einem paar Wageschale gelebet. Ich habe mich ausgerechnet, daß ich bey rechter guter Gesundheit, gerade zway hundert Pfunde wiege; nach einem Fasttage falle ich ein Pfund zurücke, und nach einer rechten starken Mahlzeit habe ich ein Pfund mehr: so daß ich beständig gewohnt bin, zwischen diesen zwey flüchtigen Pfunden meines Leibes die Wage zu halten. Bey meinen ordentlichen Mahlzeiten bringe ich mein Gewicht auf zwey hundert und ein halbes Pfund; wenn ich aber nach der Mahlzeit befinde, daß dieß Gewicht noch nicht voll ist; so trinke ich noch just so viel leichtes Bier, oder esse noch so viel Brodt nach, bis ich mein [118] Gewicht habe. In meiner größten Unmäßigkeit überschreite ich nie das andere halbe Pfund; welches ich zum Besten meiner Gesundheit allemal den ersten Montag des Monats thue. So bald ich nun nach Tische das gehörige Gewicht bey mir finde, so gehe ich herum, bis daß durch die Ausdünstung fünf Unzen und vier Scrupel verraucht sind: und wenn ich nun durch meinen Stuhl anmerke, daß ich um so viel leichter bin, so gehe ich zu meinen Büchern und studiere mich noch drey Unzen leichter. Auf den übrigen Theil des Pfundes gebe ich nicht Acht. Ich speise also nicht nach dem Glockenschlage, sondern nach meinem Stuhle: und wenn dieser mich belehrt, daß das Pfund meiner Mahlzeit alle ist, so schließe ich daraus, daß ich hungrig seyn muß, und schreite mit großem Fleiße zur andern. In den Tagen meiner Enthaltung verliere ich anderthalb Pfunde, und an öffentlichen Fasttagen bin ich zwey Pfunde leichter, als sonsten im Jahre.

Ich vergönne mir, eine Nacht in die andere gerechnet, ein viertel Pfund Schlaf, einige Grane mehr oder weniger. Finde ich aber beym Aufstehen, daß das Gewicht nicht voll ist, so schlafe ich den Rest noch auf einem Stuhle ab. Nach genauer Rechnung, was ich das letzte Jahr am Gewichte zu und abgenommen habe, als welches ich allemal in ein Buch eintrage, finde ich das Mittel von zweyhundert Pfunden: so daß ich in einem ganzen Jahre nicht eine einzige Unze Gesundheit verlohren haben kann. Und doch, mein Herr, ungeachtet dieser großen Vorsorge, da ich mich alle Tage abwiege, und meinen Leib in gehörigem Gewichte erhalte, so befinde ich mich dennoch in schwächlichem und kränklichem Zustande. Meine Farbe ist blaß, mein Puls ist matt, und mein Körper ist wassersüchtig geworden. Erlauben Sie mir also mein Herr, Sie zu bitten, daß Sie mich als Ihren Kranken ansehen mögen; und schlagen Sie mir doch gewissere Regeln vor, nach denen ich mich richten könne, als diese sind, denen ich bisher nachgelebt habe. Sie werden sich dadurch sehr verbinden,

Mein Herr,

ihren demüthigen Diener. ◀Carta/Carta ao editor ◀Nível 3

[119] Dieses Schreiben erinnert mich einer italienischen Grabinschrift, welche an das Grabmaal eines Kränklichen gesetzt war: Nível 3► Citação/Divisa► Stavo ben, ma per star meglio, sto qui;1 ◀Citação/Divisa ◀Nível 3 welches unmöglich zu übersetzen ist. Die Furcht vor dem Tode führet die Sterblichen oftmals in Versuchung, und verleitet die Menschen zu solchen Mitteln, ihr Leben zu erhalten, durch welche dasselbe unfehlbar vernichtet wird. Diese Anmerkung haben schon einige Geschichtsschreiber gemacht, da sie bemerkt haben, daß viel tausend Köpfe mehr in der Flucht, als in der Schlacht selbst, umkommen. Dieses kann man von der erschrecklichen Menge eingebildeter Kranken auch sagen, die ihrer Gesundheit durch die Heilungskunst verderben, und da sie dem Tode entrinnen wollen, sich ihm selbst in die Arme werfen. Diese Bemühung ist nicht nur an sich selbst gefährlich, sondern auch für ein vernünftiges Geschöpf viel zu niederträchtig. Die Erhaltung des Lebens für den einzigen Endzweck desselben anzusehen; aus unserer Gesundheit eine Arbeit zu machen; seine Handlung vorzunehmen, die nicht ein Theil der Arzneykunst ist, oder die die Aerzte verwerfen: das ist eine so abgeschmackte, elende, und der menschlichen Natur so unanständige Sache, daß eine edle Seele lieber würde sterben, als sich derselben unterwerfen zu wollen. Zu geschweigen, daß eine beständige Bekümmernis um das Leben, alle Lust desselben verderbt; und die ganze Natur furchtbar machet: so wie es unmöglich ist, daß uns ein Ding erfreuen kann, welches wir alle Augenblicke zu verlieren fürchten.

Ich begehre, durch das, was ich anizt gesagt habe, diejenigen nicht zu schmähen, welche für ihre Gesundheit gehörige Sorge tragen. Denn da vielmehr die Munterkeit des Gemüths, und die Kräfte zu unsern Verrichtungen, die Wirkungen einer ordentlichen Gesundheit sind: so kann man sich für deren Erhaltung nie zu viel Mühe geben. Aber diese Mühe, zu welcher uns nicht nur die Vernunft, sondern auch unsere Pflicht und der Antrieb der Natur anhalten, muß [120] uns niemals zu einer unendlichen Furcht, schwermüthigen Besorgnissen, und eingebildeten Krankheiten verleiten; welches allen denen Menschen begegnet, welche viel bekümmerter sind, daß sie leben mögen, als wie sie leben sollten. Kurz, die Erhaltung unsers Lebens muß nur unsere andere Sorge, die gute Einrichtung desselben aber unsere Hauptbemühung seyn. Wenn wir in dieser Gemüthsverfassung stehen; so werden wir die besten Mittel erwählen, unser Leben zu erhalten, ohne uns um dessen Ausgang so ängstlich zu bekümmern: und alsdann werden wir zu demjenigen Grade der Glückseligkeit gelangen, den uns Martial als den höchsten Gipfel derselben vorstellet; wir werden den Tod weder fürchten noch wünschen.

Dem Herrn aber, der seine Gesundheit nach Unzen und Scrupeln mäßigt, und anstatt den natürlichen Forderungen des Hungers und Durstes, der Schläfrigkeit, oder der Liebe zur Arbeit, Gehör zu geben, sich nach den Vorschriften seines Stuhles richtet, will ich eine kurze Fabel erzählen. Nível 3► Fabel► Jupiter soll, wie der Fabeldichter schreibt, einem gewissen Landmanne, zur Belohnung seiner Frömmigkeit versprochen haben, ihm alles zu geben, was er nur fordern würde. Der Landmann begehrte die Einrichtung des Wetters auf seinen Feldern. Er erlangte seine Bitte, und fing so gleich an den Regen, den Schnee, und Sonnenschein unter seinen verschiedenen Aeckern so zu vertheilen, wie er es der Natur des Erdreichs für dienlich hielt. Zu Ende des Jahres, da er eine außerordentliche Einsammlung hoffte, so hatter er eine unendlich schlechtere Aernte, als seine Nachbarn.2 Deswegen (sagt die Fabel) habe er den Jupiter gebethen, das Wetter nur wiederum in seine Hände zu nehmen, sonst müßte er ganz und gar zu Grunde gehen. ◀Fabel ◀Nível 3 ◀Nível 2 ◀Nível 1

1Man könnte es im Deutschen so geben: Ich befand mich wohl; aber weil ich mich noch besser befinden wollte, so befinde ich mich hier.

2Und zwar, weil er den Wind vergessen hatte.