Die Zuschauerin: Erstes Buch

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Erstes Buch

Nível 2

Metatextualidade

Die Wahl der Dinge, die wir zu Unterhaltung unsers Vergnügens treffen, unterscheidet vor andern den geläuterten von dem groben und gemeinen Geschmacke. Lesen wird überhaupt mit vor den nüzlichsten so wol als angenehmsten Zeitvertreib gehalten. Doch ehe es diesen Namen mit Recht verdienen kann, sollte man sich bemühen, unter so vielen Schriften, die fast täglich die Presse verlassen, solche auszusuchen, die diesem doppelten Endzwecke am nächsten kommen. Ich vor meinen Theil suche mich mit dem Verfasser bekannt zu machen; als möglich ist, und vermeide dadurch, so viel ich kann, daß er mich nicht hintergehen möge; ehe ich es wage bey seinen Werken meine Zeit zu verliern; und ich glaube, die meisten werden hierin mit mir gleiche Gedanken haben. Ich will daher, wie ehedem mein gelehrter Mitbruder that, dessen Andenken stets verehrungswürdig bleiben wird, von meiner eignen Arbeit, so wol als von dem Hauptendzwecke unsrer künftigen Aufsätze, eine kurze Nachricht geben. Auf diese Art darf der Leser nur die vier oder fünf ersten Seiten eines Anblicks würdigen, um ein Urtheil zu fällen, in wie weit Schriften im Stande sind, ihn zu vergnügen oder nicht; alsdenn mag er sie nach seinen Gutbefinden, entweder einer gütigen Aufnahme werth halten, oder auf die Seite werfen. Hiebey verspreche ich insbesondere in diesem Entwurfe von unsern Personen keinen schmeichelhaften Pinsel zu führen, keine Vollkommenheiten abzuschilden, die sich nicht wirklcih bey uns finden, noch Fehler mit gekünstelten Schatten zu bedecken, denen wir unterworfen sind.

Nível 3

Autorretrato

Die erste Probe meiner Aufrichtigkeit mag das Geständnis sein, daß ich niemals eine Schönheit gewesen, und daß ich jezo keine der jüngsten bin. Ein Geständnis, wozu sich wenige meines Geschlechts zwingen werden. Ich bekenne ferner, daß ich fast eben so manche Scenen der Eitelkeit und Thorheit durchgespielet habe, als vielleicht die grösseste Coquette gethan haben mag .. Putz, Equipage und Schmeicheleien waren die Abgötter meines Herzens .. Ich hielt den Tag verloren, der mir nicht eine neue Gelegenheit mich zu zeige, gab.. Mein Leben war verschiedene Jahre durch, ein beständiger Zirkel von eingebildetem Vergnügen; meine Stunden verflossen mit einem Strome stets abwechselnder Lustbarkeiten .. Es ist wahr, diese Lebensart hat in Absicht auf mich viele unbequeme und böse Folgen gehabt: Doch kann ich an der andern Seite ich damit trösten, daß vielleicht die Welt einigen Vortheil daraus ziehe kann. Meine Gesellschaft war zwar nicht allemal so ausgesucht, als sie hätte seyn sollen, wenn ich meinen eigenen Nutzen und guten Namen stets hätte zu Rathe ziehen wollen: aber je weniger eingeschränkt sie war, je mehr Einsicht in vielen und mannigfaltigen Vorfällen gab sie mir, die mir sonst nothwendig ganz unbekannt hätten bleiben müssen; je geschickter machte sie mich, nachdem meine ausschweifende Lebhaftigkeit durch Nachdenken und Urtheilen war gemäßiget worden, die geheimen Springfedern der Handlungen zu entdecken, wovon ich entweder gehört hatte, oder selbst ein Zeug war: .. die mannigfaltige Bewegung der menschlichen Seele zu beurtheilen, die unvermerklichen Stuffen zu unterscheiden, wodurch sie sich nach und nach des Herzens bemeistern, und die Vernunft zur Sklavin machen …. Tausend wunderliche Begebenheiten, die damals nur einen geringen Eindruck in mein Gemäch machten, und deren Andenken bey mir nur so lange daurte, als sie neu und fremd waren, kommen mir anjetzo wiederum zu Gedächtniß. Ich erinnere mich derselben auf das lebhafteste, und mit dem Vortheile, daß ich ohne Mühe aus den Folgen auf die Ursachen schliesse, und die Geheimnisse völlig verschwinden sehe, die ich bey meiner wenigen Aufmerksamkeit darin zu finden glaubte.

Metatextualidade

Die Erfahrung, meine natürliche Fähigkeiten, der nicht gar zu enge Schranken gesetzt sind, eine freiere und bessere Erziehung als Personen meines Geschlechts gemeiniglich gegeben wird, schmeichelten mich mit der Hoffnung, ich könne vielleicht der Welt einigermassen beides zum Vortheil und zum Zeitvertreibe dienen. Ein Gedanke, welcher den kleinen Ueberrest der in mir noch nicht viel unterdrückten Eitelkeit so in Bewegung brachte, dass ich mich entschloss, selbiger weiter nachzuhängen. So fort untersuchte ich, auf was vor Art ich meinen Endzweck am besten erhalten könnte. Sollte ich mich nur an eine gewisse Natur binden, so würde ich auch nur Leuten von einem Geschmacke gefallen können, welches gegen meine Ehrbegierde lief, die einen so allgemeinen Beifall verlangte, als nur möglich war. Meine Untersuchungen der menschlichen Natur belehrten mich, der Vorwitz regiere allenthalben, ob wo bald mehr, bald weniger. Diese herrschende Neigung musste ich also dergestalt zu treffen suchen, so ich ihr durch Erzählung fremder Begebenheiten verursachen würde, die Person zugleich belehren möge, wie sie ihre eigne Geschäfte auf eine vernünftige Art einzurichten habe. Nachdem ich über diesen wichtigen Punkt mit mir selber eins war, machte ich mich zum Schriftsteller: ich verfertigte verschiedene Aufsätze, die mir selber wol gefielen, und die folglich, wie ich dachte, auch andern nicht unangenehm seyn würden. Doch bey einer zweiten Untersuchung fand ich sie den folgenden Tag in Absicht so wol auf die Materie, als Schreibart ungemein mangelhaft. Ich habe mich also unumgänglich genöthiget, bey meinen Freundinenn Hülfe zu suchen, die hiezu am geschicktesten wären.

Nível 3

Retrato alheio

Unter diesen war Mira die erste, wie ich sie nennen will; eine Dame, in deren Familie der Witz erblich zu seyn scheinet, und deren vortrefflichen Eigenschaften ihr Gemal vollkommen würdig ist. Beide leben in der grössesten Einigkeit, nichts stürmet in ihre gesetzte Seele, nichts verdunkelt die Klarheit der schimmernden Begriffe, die sie der Natur und der Erziehung zu danken hat. Alles dieses ließ mir keinen Zweifel übrig, ihre Gedanken, die sie nur mittheilen mögte, würden der Welte angenehm seyn …

Nível 3

Retrato alheio

Ihr folget eine Witwe von Stande, die aber mit ihrem Gemal nicht zugleich ihre Lebhaftigkeit verloren hat. Sie nimmt an allen Lustbarkeiten Theil, nachdem selbige in der Zeit und in der Mode sind, so weit sie mit Unschuld und Ehre bestehen können: ihr Bezeigen hat gar nichts mürrisches und saures: fremde Fehler tadelt sie nicht zu scharf, ungeachtet sie selber frey davon ist: und dieses ist die Ursache, dass ihre Freundinnen, die nicht so beobachtsam gelebet haben, ihr ohne Bedenken Geheimnisse anvertrauen, die sie sonst vor der ganzen Welt zu verbergen pflegten. Die Tochter eines sehr bemittelten Handelsmannes ist endlich die Dritte; an Schönheit ein Engel, aber zugleich mit so vielen andern Vollkommenheiten gezieret, daß jene unter diesen am wenigsten hervorscheinet. Euphrosyne, diese junge Schöne hat völlig das liebreiche und angenehme Wesen der Götting, von der sie den Namen führet.

Metatextualidade

Alle drey billigten mein Vorhaben. Sie versicherten mich alles möglichen Beystandes und erfüllten auch ihre Zusege bald, da sie mir einige Versuche zuschickten. Doch es betrift den Leser wenig, ob er weiß, wem er selbige zuzuschreiben habe, wenn sie nur gefallen können: ich werde ihm daher alle Aufsätze unter dem allgemeinen Titel der Zuschauerin vorlegen, die ich der Gewogenheit meiner Freundinnen, aber auch andern Personen zu danken habe, welche sich nach diesen mit mir vielleicht in einen Briefwechsel einlassen mögten. So viel auch das ihrige zu diesem Werke beytragen würde, so hat man selbige doch nicht anders als Glieder einer Gesellschaft anzusehen, von denen mir das Amt eines Sprechers aufgetragen ist. Ich habe meinen Lesern noch eine andre Sache von Wichtigkeit mitzutheilen; um eines beständigen Vorraths an Nachrichten gewiß zu seyn, haben wir unsre Auspäher an allen öffentlichen Plätzen in und um London, zu Bath, Tunbridge und Spaw. Wir haben Mittel ausgefunden, unsre Betrachtungen selbst über Frankreich, Deutschland, Italien und andere Länder anzustellen; kurz nichts ist merkwürdig, das uns entgehen kann. Dies halte ich vor einen bessern Weg zu den Geheimnissen der Schlafkammer, des Kabinets und Felds, als wenn ich im Stande wäre, mich unsichtbar zu machen, oder durch einen blossen Wunsch allenthalben zu seyn, wo ich zur Belieben hätte. Bey aller dieser übernatürlicher Gaben könnte ich doch nur an einem Orte, zu einer Zeit seyn: so aber brauche ich nur einige wenige Blicke, meiner Abgeordneten Papiere in der Eile durchzusehen, die mir bey einem Anblick alle Geheimnisse Europens, vornehmlich solche, die zu meiner Absicht dienlich sind, vor Augen legen. Doch soll man keinesweges glauben, der Endzweck von dem, was ich jetzo erwehnt, sey, den lasterhaften Neigungen scheingahrliche Herkömmnisse fortzupflanen, ein Genüge zu leisten: .. Man wird sich betrogen finden, wo man mich in dieser Absicht lesen will. Ich werde wahrhafte Geschichte auf den Schauplatz bringen, aber die spielenden Personen sollen sich unter Namen verdecken, die ihrem Charactere gemäß sind: denn ich suche nicht dies, sondern die Laster zur Schau zu stellen. Eben so wenig werde ich mich bloß an neuere Begebenheiten binden. Finde ich irgendwo solche unter den Alten, welche die davon abzuhandelnde Materie erläutern können, so werde ich kein Bedenken tragen, selbige einzurücken. Beweise einer hervorleuchtenden Tugend, sie seyn in welchem Zeitalter sie wollen, können niemals zu oft als ein Muster dargestellt werden. Die schädlichen Folgen einer üblen Aufführung können nimmer bey jungen Gemüthern beider Geschlechter einen zu starken Eindruck machen. Folgende Blätter zielen einzig und allein auf die Besserung der Fehler, und auf ein unschuldiges Vergnügen derer, die mit solchen nicht behaftet sind. Wir werden daher die mögliche Sorgfalt anwenden, alles aus dem Wege zu räumen, was dem Gifte der Bosheit und Unart zum Zweck dienen könnte. Sollte jemand demnach so vermessen seyn, und den Schimpf der Handlung, deren wir vorher gedenken mögten, auf gewisse und bestimmte Personen ziehen, aber einen so genannten Schlüssel zu unsrer Arbeit machen wollen, so muß er von uns in der nächsten Abtheilung das strengste Verfahren gewärtig seyn, das ein so schlimmer Versuch verdienet.
Nunmehr habe ich von diesem Unternehmen alles gesagt, was ich vor nöthig fand: ich unterwerfe es meinen Lesern zur Beurtheilung, ohne wegen eines guten Erfolges zu gewiß oder zu misstrauisch und verzagt zu seyn. Unter allen Leidenschaften, die vom Himmel ihren Ursprung haben, behauptet die Liebe ihren Vorzug an Adel und Vergnügen, sagt ein mit Recht berühmter Verfasser, und ich stimme vollkommen mit ihm überein: die Liebe an sich selbsten, in so fern sie von der Vernunft geleitet wird, bringt in der Seele eine vollkommene Harmonie zuwege, die durch diese Veränderung so zärtlich als edelmüthig wird. Nur gefällt mir ihre Gestalt nicht, wie sie uns gemeiniglich in Romanen, in Erzählungen und Lustspielen abgeschildert ist. In den meisten Schriften dieser Art scheinen die Verfasser alle Kunst anzuwenden, durch solche Charactere am meisten zu rühren, wo allen Pflichten Trotz geboten wird, deren genaue Beobachtung allein die Liebe zur Tugend machen kann. Ihr Cupido kleidet sich in Rosen, er heißt der Gott der angenehmsten Wünsche, der niemals fehlenden Freude; und dennoch scheuen sie sich nicht, ihm die rächende Wuth und Raserey des Kriegesgottes beyzulegen. Sie mahlen ihn ganz unbändig; er zerreißt die Bande der heiligen Pflicht; er tritt Freundschaft und natürliche Zuneigung mit Füssen, und die Bewegungsgründe sollen hernach das Laster rechtfertigen. Wie schädlich, wie gefährlich und solche Grundstücke bey jungen und unerfahrnen Gemüthern, sonderlich wo sie mit prächtigen Worten ausgeschmücket werden! Die Schönheit der Ausdrücke überfliegt die Sinne, und aller Schaden, alles Unglück hat seinen Scheinreiz, wenn nur Amor die Ursache davon ist. Diejenigen welche seine Leidenschaft empfinden, bemühen sich nicht, seiner Macht zu widerstehen, sie schämen sich ihrer Neigung nicht, so sehr es auch der Vernunft entgegen ist: sie hängen ihr vielmehr so weit nach, daß sie eine Ehre darin suchen, wenn sie die Vorstellung ihrer Freunde, die vernünftig denken, lächerlich machen können. Doch es sind noch verkehrtere Folgen hievon, die die üblen Wirkungen dieser Art zu schreiben noch augenscheinlicher an den Tag legen. Junge Personen unsers Geschlechts suchen auf eine gezwungene Art sich in die angenehmen Umstände zu versetzen, die ihnen da vorgebildet sind, Personen denen ihre Jahre noch keine Liebeserklärung zugestehen, die oft nicht einmal wissen, was unter dieser Leidenschaft verstanden werde. Sie verdrehen ihre Augen, sie seufzen, sie schlagen die Hände zusammen, sie versäumen alles zu lernen, was ihnen nützlich seyn könnte, und ihre ganze Beschäftigung ist nichts, als wie sie den Ruhm haben mögen, ihrem Geschlechte nach schwach genug zu seyn, alles was die Liebe schmerzhaftes und niedliches hat einzusehen.

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Exemplo

Tenderille gehört unter diejenigen, die ich hier beschrieben habe. Sie war neulich zu einem Concert geladen, kaum fieng man an zu stimmen, so hörte man ihre schwache und sterbende Stimme, doch so, daß der grösseste Theil der Versammlung ein Zeuge davon war:

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Citação/Lema

„Spielt, wenn Musik mit Recht der liebe Zunder beißt“
Dieses waren ihre Worte. Eine junge Dame saß neben ihr, die allem Vermuthen nach nicht lange mehr unverheirathet bleiben wird, ungeachtet sie sich begnüget, die zärtlichen Regungen, deren sie ihren zünftigen Gemal würdig schätzet, nur denen zu offenbaren, die den meisten Antheil daran haben. Das ausschweifende Bezeigen ihrer Nachbarin trieb ihr die Röthe ins Gesicht, um so vielmehr da jederman die Augen auf sie warf. Das Lächeln und leise Reden der Gesellschaft zeigte zeugsam, man glaube, Tenderille habe mit diesem Ausdruck bloß auf sie gezielet. Ein feuriger junger Herr, der nächst bey ihnen saß, bediente sich dieser guten Gelegenheit; er suchte allen Witz hervor, um sie aufzuziehen, daß diese vertraute Freundin, wie er glaubte, ihre Verrätherin geworden sey. Die arme Dame fand sich in der äußersten Verwirrung, bis es endlich der Nachbarin derselben verdroß, daß man sie nicht recht verstanden, noch sie selber eines Anblicks werth geschätzt habe. Kurz, Tenderille bezeigte sich dieserwegen so, daß man endlich ausser Zweifel gesetzt wurde, welche Person und Recht belachenswürdig sey.
Wie leicht mag auf solche Weise Tychander, der in gesuchten Abentheuern sein Gück finden will, seine Heldin als eine Beute davon tragen, die noch kaum die Kinderschuh vertreten hat? Je weniger gute Eigenschaften er hat, die ihre getroffene Wahl gut heissen können, je mehr ihre Freunde dieser Verbindung entgegen zu seyn scheinen, desto grössern Ruhm wird sie in einer edlen Halsstarrigkeit suchen, ihren guten Rath zu verachten, und ihre Person und Mittel einer eingebildeten Regung gegen ihn aufzuopfern. Man braucht kein ausserordentlich grosser Prophet zu seyn, ihr künftiges Schicksal vorher zu verkündigen. Wo sie nicht bald ihren jetzigen Aufsehern aus den Händen gerissen wird, wo man nicht andre Mittel gebraucht, als bisher geschehen ist, um sie auf vernünftigere Gedanken zu bringen, so wird gewiß der Reichthum eine Lockpfeife zu ihrem Verderben seyn, den die Mäßigkeit ihrer Eltern in Absicht auf ihre beständige Glückseligkeit aufgehäufet hat. Ich bemerke mit Verdruß, wie solche Einfälle sonderlich in den letzten Jahren unter unserm jungen Frauenzimmer so stark überhand gewonnen haben. Manche treten kaum in ihr dreizehndes, und verlangen schon eine Menge Bewunderer um sich zu haben; Sie sehnen sich mit Ungeduld verehrer und in Liebesgeschichten vor andern bemerket zu werden. Wer es wagt, sie zu überreden, daß er ihr Anbeter sey, hat die schönste Hoffnung es weiter zu bringen. Die Heftigkeit ihrer Wünsche, daß man sie bedienen soll, gibt dem der sie bedient, Annehmlichkeiten, die er sonst vielleicht nicht haben würde; und was folgt hieraus? Eine junge Schöne opfert sich freywillig den Kunstgriffen ihres vermeinten Liebhabers und ihren eignen thörigten Einfällen auf; sie wird nachmals von ihren Fehltritten überführet; mit Bewunderung und Scham sieht sie auf ihre vorige Handlung zurück; sie verabscheuet den Gegenstandihrer ehemaligen vermeinten Leidenschaft: sie wünscht nichts so sehr, als auf ewig den aus ihrer Gegenwart zu verbannen, den sie noch kürzlich mit ihren heftigen Wünschen verfolget hatte. Nicht eine natürliche Unbeständigkeit, die man unserm Geschlechte sonst zur Last zu legen pflegt, sondern ein Romantisches Blut, das in unsern Adern rollet, macht uns in unsrer Einbildung lieben, ehe wir es wirklich thun, und denn suchen wir alle Mittel hervor, ein Joch vom Halse zu schütteln, das wir mit solcher Geschwindigkeit und Übereilung uns selber aufgebürdet haben. Lieben wir einmal aufrichtig und im Ernst; so werden wir uns selten zu verändern suche. Wir ertragen Fortunas saure Blicke mit aller Stärke und Geduld. Unsre Wahl gereut uns nunmehr wenn wir auch noch so viel dabey leiden sollen. Nur eine langanhaltende Betrachtung, und nur ein übles Beziege der von uns geliebten Person wird uns gegen sie kaltsinnig machen. Man versichere sich auf das beste von der Aufrichtigkeit dessen, dem wir uns schenken wollen. Diese Regel verdient vor andern dem jungen Frauenzimmer scharf eingepräget zu werden. Allein ich denke, es ist noch eine andere nicht minder wesentliche, ihre eigene sowohl als ihres zünftigen Ehegatten Glückseligkeit fest zu setzen. Sie muss von ihrem eignen Herzen gereift seyn; sie muß auf das sorgfältigste untersuchen, ob das was sie empfindet, eine wirkliche Zärtlichkeit oder nur eine seichte Neigung zum Grunde habe. Dieses kann nicht so plötzlich, noch auf einmal geschehen; ich billige also keineswegs schleunige Heirathen, noch solche, wo man nicht Jahre genug hat, und folglich ausser Stande ist, seine eigne Neigungen beurtheilen zu können.

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Exemplo

Wären vierzehn Jahre fähig von selbst und vor sich selbst zu urtheilen, hätte alsdenn nicht ein jeder, der die schöne Martesia in diesem Alter gekannt, von ihrem Verfahren die beste Hoffnung haben müssen?

Retrato alheio

Martesia , die aus einer so vornehmen Familie abstammet, die sonst vollkommen so denkt, als es ihrer hohen Geburt anständig ist, die die Natur mit ausnehmenden Witze, mit sonderlicher Beurtheilungskraft und Scharfsinnigkeit begabt hat. Martesia , die ein jeder mit Vergnügen sieht, von der man mit Verwunderung höret, gab der Welt die größeste Hoffnung, sie würde sich mit der Zeit nicht weniger durch alle Tugenden erheben, vermöge deren der Ehestand liebenswürdig ist, als damals durch eine jede andre Vollkommenheit, die unserm Geschlechte zur Ehre dienet.
Aber ach! wie bald ist diese einnehmende Hoffnung gleich einem Schatten verschwunden! Nicht wenige Herren von gleichem Stande und Mitteln warteten auf ihre zunehmende Jahre, ihr eine Erklärung zu thun, die wie sie fürchteten, in ihrem jetzigen Alter von ihren Aufsehern mögte verworfen werden. Doch ein kühner und unverdächtiger Liebhaber wagte das mit gutem Erfolge was andern ihre Ehrerbietung und Furchtsamkeit nicht zu versuchen gestatten wollte. Seine Person gefiel ihrem unerfahrnen Herzen, und seine Betheurungen waren ihr nicht unangenehm. Kurz, es war ihr etwas neues auf solche Art bedienet zu werden; dies machte alle seine Ausdrücke doppelt reizend, und sie glaubte niemals glücklicher als in seiner Gesellschaft, zu seyn. Endlich bemerkte man seine öftern Besuche. Man erlaubte ihm nicht mehr, sie zu sehen, und sie durfte sich nicht vom Hause entfernen, ohne jemand zur Gesellschaft zu haben, die alle ihre Handlungen bewachen muste; Sie war ungemein lebhaft und wollte nicht gebunden werden. Dieser Zwang diente also zu weiter nichts, als der vortheilhaften Neigung, die sie schon vorher gegen ihn gehabt hatte, noch höher zu treiben. Sie hieng den stärksten romantischen Begriffen von seinen Verdiensten und von seiner Liebe nach. Ihre überflüßige Einbildungskraft konnte tausend traurige und zärtliche Reden ersinnen, und niedersetzen, die er bey dieser Trennung in der Einsamkeit vor sich sollte gehalten haben. Es kränkte ihn freylich sonder Zweifel ungemein, wie er sich gehindert sehe, ihr ferne aufzuwarten, ob er aber sich solcher Ausdrücke bediente, seiner Betrübniß freyen lauf zu geben, davon konnte sie so wenig als sonst jemand versichert seyn. Allein man muß gestehen, er brauchte weit kräftigere Mittel seine Wünsche zur Erfüllung zu bringen. Durch Geschenke, durch Versprechen und Bitten überredete er endlich jemand, der zum öftern in ihrem Hause aus ein gieng, ihr Briefe von ihm zuzustellen, und Antworten zurück zu bringen. Und diese schriftliche Unterredung war ihm vielleicht von grössern Nutzen, als wenn man ihm die Freiheit sie zu sehen, nicht benommen hätte. Sie versprach sein eigen zu seyn, und erfüllte ihre Zusage auch gar bald. Mit Lebensgefahr und in einer finstern Nacht wagte sie es, sich aus einem Fenster zwei Stockwerke hoch durch Hülfe einiger Matratzen, Bettücher, und anderer Gerätschaft herab zu tasten. Seine Kutsche stund am Ende der Gasse bereit, sie einzunehmen; beide begaben sich nach seinen Landgütern, wo sie kurz nach Anbruch des Tages anlangten, und von seinem Kapellan aller weitern Trennung zuvor zu kommen, verbunden wurden. Er war von einer alten und guten Familie, und besaß grosse Güter: ihre Freunde liessen sich also in kurzer Zeit das gefallen, was nicht mehr zu ändern stund. Man hielt beide vor das glücklichste Paar in der Welt; aber bald, nur gar zu bald floh dies schlechtgegründete Vergnügen, und Unlust und Erbitterung nahmen dessen Stell ein. Martesia besuchte eine Dame, die eine von ihren vertrautesten Freundinnen war, und traf allda zu ihrem Unglück den jungen Klitander an. Dieser war eben von seinen Reisen zurück gekommen; er stellte eine gute Person vor; er war ungemein munter und lebhaft, und hatte etwas in seinen Minen und Bezeigen, das schon öfters der Ruhe und der Ehre mancher Schönen nachtheilig gewesen. Er war von Natur aufgelegt, verliebt zu seyn, und so empfand er auch hier die Kühlung in voller Stärke, die selbst bey den Frostigsten und kaltsinnigsten einige Wirkung haben mußten. Was ihm vorher gelungen, machte ihn anjetzo desto verwegener; er wußte, Martesia war nicht mehr ihr eigen, doch dies konnte ihn nicht abhalten; und er wagte es, ihr die Leidenschaft zu erkennen zu geben, die sie in ihm erreget hatte. Sie hörte ihn mit einem heimlichen Vergnügen denn sie war zu jung, den gefährlichen Folgen davon nachzusinnen, und sie bemühte sich so weit es zu unterdrücken, daß es ihr nachher zu mächtig wurde, wenn sie auch gleich alle ihre Kraft dafür hätte anwenden wollen. Doch die Wahrheit gestehen, anjetzo fühlte sie wirklich die Flammen, die sie vorher fälschlich und nur in der Einbildung gegen ihren jetzigen Gemal empfunden hatte. Der war ihr zu sehr entgegen, sich selber durch Unterdrückung einer Neigung Unruhe zu machen, die aus lauter Vergnügen schien zusammen gesetzt zu seyn. Der Ort, wo sich ihre erste Bekanntschaft angefangen, wurde nunmehr der Schauplatz ihrer zünftigen Versammlungen. Die Einwohnerin des Hauses liebte selbst Galanterien so sehr, dass sie die Glückseligkeit nicht unterbrechen wollte, die beide genossen, wenn sie sich ohne Zeugen unterhalten konnten. Wie schwach wird die Tugend da, wo sich Liebe und Gelegenheit verbinden! Niemand konnte feinere und zärtlichere Begegnungen haben, als Martesia ; doch diese waren viel zu ohnmächtig, dem Ruhm des angebeteten Klitander zu widerstehen – Ein einziger unglücklicher Augenblick schlug auf einmal alle erhabne Bilder von Ruhm und Ehre, und alle vortrefliche Grundsätze zu Boden die die tugendhaftesten Lehrer ihr in der zartesten Jugend eingeflösset haben. Eine völlige Hintansetzung ihres Gemals, ihres Hauses und ihrer Familie war die Folge dieser Liebe – Sie ließ sich selbst, und mithin alle Pflichten, aus der Acht. Eine so merkliche Veränderung viel allen ihren Bekannten, am meisten aber ihrem Ehemanne in die Augen, der vornehmlich darunter leiden mußte. Wie er sie aufrichtig liebte; so war er von ihr desgleichen vermuthen. Es war ihm zuwider, sich wirklich unglücklich zu glauben: er bemühete sich daher zu denken, ihr Widerwille zu Hause zu bleiben, oder in seiner Gesellschaft die bisher gewöhnlichen Besuche abzustatten, müsse andre Ursachen zum Grunde haben. Alleine sie konnte sich entweder nicht verstellen, oder sie verstelle sich mit solcher Nachläßigkeit, daß er auch wider Willen die Liebe verloren gab , deren sie ihn noch neulich versichert, und Proben davon gegeben hatte. Er untersuchte alle seine Handlungen, allein er fand nichts, wodurch er zu seiner so betrübten Veränderung hätte Anlaß geben können. Endlich beklagte er sich einstmals in den zärtlichsten Ausdrücken, daß sie ihn anjetzo an ihrer Gesellschaft und Umgange so wenigen Antheil haben liesse. Er ersuchte sie inständigst, falls er ja durch Unachtsamkeit sie beleidiget habe, daß sie ihm seine Fehler offenbaren mögte, und versprach die grösste Sorgfalt, selbige nicht wieder zu begehen. Er fragte, ob sie etwa in ihrem Ehevertrage etwas wolle geändert wissen; sie mögte nur befehlen, und er wolle ihr sofort in allem zu Willen seyn. Ich weiß nicht, was ihr meinet, antwortete sie mit der empfindlichsten Kaltsinnigkeit. Ich beklage mich über nichts, und folglich dürft ihr nicht denken, als ob ich unzufrieden sey. Doch man kann nicht allzeit gleich aufgemuntert bleiben, fügte sie hinzu, und verlangte zugleich, daß er sie und sich selber nicht ferner mit solchen Fragen beunruhigen sollte. Er hätte das Gegentheil von ihm selber, d.i. ganz und gar ohne Empfindung seyn müssen, falls ihm diese Bezeigen nicht die Augen hätte öffnen können. Er sahe sein Schicksal deutlich und beschloß, wo möglich, den Urheber davon auszufinden. In solcher Absicht ließ er jemanden ihrer Sänfte allenthalben nachfolgen, und bediente sich so nachdrücklicher Mittel, daß er gar bald hinter die Wahrheit kam. Die ersten und heftigsten Bewegungen seiner Wuth brachten ihn auf den Vorschlag, dem Störer seiner Ruhe eine Ausforderung zuzuschicken: doch die Hitze verflog bald, und er misbilligte es. Er glaubte dadurch Martesiens Ehre zu nahe zu treten, denn er liebte sie noch, und schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er ihr Herz noch einmal wiederum würde zurück fordern können. Es ist wahr, er bediente sich hiezu aller Kunstgriffe und alle List, die die Zärtlichkeit der Liebe und sein Witz ihm nur an die Hand geben konten: allein Martesia wurde bey allem, was er sagte und vornahm, wenig gerührt, und vielmehr in ihrem Bezeigen von Tage zu Tage kaltsinniger. Endlich fing er an, sie zur Rede zu stellen, und gab ihr nicht undeutlich zu verstehen, wie ihm ihre Ausführung nicht gänzlich unbekannt wäre. Er bezeigte sich willig, das vergangene zu vergeben, allein er meldete zugleich, daß es mit seinen Umständen streite, als Ehemann inskünftige solche Beleidigungen zu ertragen. Sie verlohr hiebey alle Geduld. Sie warf ihm in den bittersten Worten seine Vermessenheit vor, daß er ihre Tugend im Verdacht haben, oder ihr unschuldiges Vergnügen zum Laster machen könne. Vielleicht war ihr eine so bequeme Gelegenheit angenehm, ihre Reue an den Tag zu legen, daß sie jemals seinen Betheurungen Gehör gegeben, und in seiner Gegenwart die Stunde zu verfluche, die sie und ihn verbunden hätte. Beide lebten nunmehr so unverträglich, daß sie sich vom Bette schieden, weil zu einer förmlichen Ehescheidung kein hinlänglicher Beweis vorhanden war. Sie wohnten in einem Hause, allein sie bezeigten sich ganz fremd gegen einander, sie speiseten nie an einer Tafel, ausgenommen wenn sie Gesellschaft hatten, um in solchem Fall bloß die Nachfragen zu vermeiden, die sonst hätten geschehen können; weil sie beide ihren Zwist vor der Welt verborgen halten wollten. So wenig kam ihr Bezeigen mit der ersten Hoffnung und mit den Gelübden überein, die sie vor dem Altar einander geschworen hatten. Martesia wurde indeß schwanger, und dies setzte sie bey ihrer bisherigen Gleichgültigkeit zuerst in Unruhe, da ihr Gemal es nunmehro in seiner Gewalt haben würde, eine völlige Scheidung zuwege zu bringen. Sie wünschte selbige unter allen andern Umständen, nur war ihr der Gedanke unerträglich, daß ihr dieses völlig allen guten Namen vor der Welt benehmen würde. Sie wußte gar wohl, was vor Urtheile man bisher über sie gefället hatte, allein sie war so herzhaft und stolz, allem Gerüchte Trotz zu bieten, so lange sich solches noch auf seinen Beweis gründen konnte. Nunmehr sollte sie selber die augenscheinliche Probe davon geben, und dies mußte sie nothwendig in so grosse Schamhaftigkeit als Verwirrung setzen. Sie versuchte alles, vor der Zeit nieder zu kommen, allein vergebens. Alle Zuflucht, die ihr übrig blieb, war die Freundin, die allein um ihre unglückliche Liebe wußte. Selbige tröstete sie so viel als möglich, und gebot ihr, wenn ihre Zeit herannahen würde, sich sofort nach ihrer Behausung zu begeben, wo alles, sie ihren Umständen gemäß zu empfangen, bereit seyn würde. Um die Veränderung in ihrer Taille desto besser zu verstellen, gab sie eine Unpäßlichkeit vor, kam wenig in Gesellschaften, und kleidete sich nachläßig. Endlich kamen die von ihr so sehr besorgten Augenblicke in der Nacht. Die Natur selber machte ihre Umstände zu solcher Zeit fürchterlicher, aber noch weit schrecklicher wurden selbige durch die Angst, in der sie damals befindlich war. Sie stund auf, sie kam vor ihre Aufwärterin, und erzählte ihr, wie sie von einer gewissen Dame einen fürchterlichen Traum gehabt, vor welche sie, wie sie wüßte, die grösseste Hochachtung auf Erden hätte. Sie befahl zugleich eine Sänfte zu bestellen, weil sie unmöglich ruhen könnte, ohne sie besucht und gesehen zu haben. So fremd dieses auch scheinen mögte, so mußte doch ihrem Befehle, wie allemal, also auch hier gehorsamet werden. Die Sänfte kam, und brachte sie dahin, wo sie in ihrer Scham und Verwirrung die einzige Zuflucht fand, wohin sie von niemand als von ihren eigenen unruhigen Gedanken begleitet wurde. Man hatte eine Hebamme bestellt, und sie kam glücklich mit einer Tochter nieder, die aber kurz nach der Geburt verschied. Um, so viel möglich, allen Verdacht zu vermeiden, ließ sie sich gleich den Morgen darauf wieder nach Hause tragen. Daselbst legte sie sich zu Bette, und gab vor, als ob sie den Fuß verrenket hätte. Doch alle Vorsorge, die sie gebrauchte war nicht hinlänglich genug, zu verhüten, daß nicht dieser oder jener die vorgefallene Begebenheit sollte errathen, und andern wiederum anvertrauet haben. Ihre nächsten Anverwandten, denen die Blutfreundschaft die Freiheit gab, desto eher ihre Gedanken zu eröffnen, offenbarten ihr alles, was von ihr geredet wurde. Andre, denen dieses nicht so wol erlaubt war, zeigten in ihren Blicken, in ihren Minen, und in ihrer ganzen Aufführung, die in ihrer Gegenwart weit gezwungener als sonst war, wie wenig sie ihre Handlung billigen konnten. Sie hatte Verstand genug, ihre Gedanken einzusehen, und ihr angebohrner Hochmut konten bey dieser Gelegenheit unmöglich seine Lebhaftigkeit behaupten. Doch was ihre Unruhe am meisten vermehrte, war, daß Klitander täglich immer mehr und mehr kaltsinniger wurde; ja bald darauf erhielt sie die Nachricht, er sey eben im Begriff, eine Person zu heirathen, die, wie man sagte, an Schönheiten des Leibes sowol, als des Gemüths ihr nicht wenig nachgäbe. Kurz alle Verwandten verliessen sie, sie verlohr die Liebe und die Hochachtung ihrer Bekannten, obgleich manche sich nichts weiter als eine grössere Behutsamkeit von ihr zu rühmen hatten. Dies bewog sie zu dem Entschlusse, Engelland auf ewig zu verlassen, sie brachte alles mit ihrem Gemal zur Richtigkeit, der nunmehro sich auf andre Art die missvergnügten Stunden zu vertreiben wußte. Dieser war es allem Ansehen nach sehr wol zufrieden, daß er auf dieser Art durch ihre Gegenwart ni hat mehr gebunden wurde, und gab daher desto eher seine Einwilligung, ihr ein gewisses Geld zu bezahlen, das er ihr, sie mögte ihren Aufenthalt wählen wo sie wollte, versprochen hatte. Endlich veließ sie ihr Vaterland, wo sie ehedem so sehr war verehret worde, weil es anjetzo ihren Gedanken nach zu ungerecht handelte, daß es in Ansehung ihrer Fehler nicht die Augen, verband, die sie verborgen gehalten wissen wollte. Betrachtet Martesia nunmehro in ihrem freywilligen Elende; da sie Vaterland und Freunde verlassen hat. Sie irret allenthalben herum, und sucht die Ruhe vergebens, die sie daheim in den Armen ihres liebenden und geliebten Gemals unfehlbar hätte geniessen können! Unselig reizende Schöne! der Geburt und Erziehung alle Eigenschaften gegeben, die ihr eine allgemeine Leibe und Bewunderung zuwege bringen konten; die ein einziger unversehener Fehltritt ins Verderben brachte; die alles dadurch verlorh, was uns in der Welt lieb und werth heissen kann; die mit Recht desto unglücklicher heißt, je liebenswürdiger sie ehedem gewesen war.
Wiewol es scheint ein wenig zu hart zu seyn, wenn wir alle unglückliche Folgen einer unbedachtsamen Heirath den jungen Schönen allein zur Last legen wollten. Der Eltern übermäßige Behutsamkeit ist zuweilen Schuld, daß sie in Umstände gebracht werden, worauf sie vielleicht sonst nimmermehr ihre Gedanken richten würden. Nicht das hitzige Blut des Welschen, Spanischen und Portugiesischen Frauenzimmers vorandern Nationen, sondern die grausame Einsperrung, da sie den Umgang aller Mannspersonen entbehren müssten, ist die Ursach, daß sie sich der ersten Gelegenheit als der besten, bei denen wo diese selten ist, da sind sie froh, ihre Gedanken auf einmal zu entdekcen; sie fürchten sich etwas abzuschlagen, das sie vielleicht nachher u gewähren, nimmer wiederum in ihrer Gewalt haben mögten.

Nível 3

Retrato alheio

Selbst in der Türkey, wo sich sonst verliebte Reisende der glücklichen Gegebenheiten zu rühmen pflegen, haben wir verschiedene Exempel solcher, die an Engelländer verheirathet worden, und weil sie die Englische Freiheit genossen, vortrefliche Eheweiber abgegeben haben. In Frankreich ist sonder Zweifel die munterste und aufgeweckteste Lebensart in der Welt, wo man dem Frauenzimer die grössesten Freiheiten zugestehen: dennoch ist es ein Wunder allda von heimlichen Heirathen zu hören. Kein Land bringt in gleichem Grade und Masse mehr Galanterie auf den Schauplatz, dennoch glaube ich, nirgends findet man weniger Fehltritte, nirgends haben Ehemänner weniger Ursache, sich über die Untreue ihrer Weiber zu beschweren.
Einem jeden Alter ist es natürlich, den Zwang zu verabscheuen, am meisten aber der Tugend. Hier ist die Natur am eigensinnigsten und am ungestümsten, hier will sie alles wagen, Gesetze übern Haufen zu werfen, woran sie als denn noch nicht selber gearbeitet hat. Wir verrathen also nicht midner, daß es uns an gehöriger Klugheit fehle, als daß wir gar zu ungerecht und strenge sind, wenn wir eine junge Dame in ihr Zimmer verschliessen, und ihr allen Umgang mit dem andern Geschlechte untersagen wollen, aus Furcht, einer unter selbigen mögte ihr zu sehr gefallen. Ein Zufall kann in einem Augenblick alles niederreissen, was die grösseste Sorgfalt aufgebauet hat; und ich behaupte, ein Frauenzimmer, die sich täglich in einer mannigfaltigen Abwechselung der angenehmsten Gegenstände befindet, ist in weit weniger Gefahr, ihr Herz zu verlieren, als andre, die von ohngefehr mit einem einzigen derselben gekannt zu werden pflegen. Eine junge Dame, der man beständig verleibte Kleinigkeiten vorsagt, wird solche nur als etwas gemeines betrachten; es mag gegenwärtig ihrer Eitelkeit in etwas schmeicheln, allein es wird doch seinen grossen Eindruck in ihr Gemüth aufs künftige machen. Andre hergegen, denen die galante Art, womit wolerzogene Personen unserm Geschlechte zu begegnen pflegen, etwas fremdes ist, werden die allerersten heftigen Ausdrücke begierig verschlucken, und was vielleicht nur als ein blosses Compliment anzusehen ist, vor eine förmliche Liebeserklärung annehmen. Ihre Antwort wird sich in solche ausdrücke kleiden, daß sie sich an der einen Seite dem Vorhaben dessen bloß geben muß, der im Ernst geredet hat, oder an der andern, falls er mit ihr scherzen wollen, ihm Gelegenehit giebet, sie in allen Gesellschaften lächerlich zu machen. Dies ist die Ursache, daß die Töchter des Landes, die niemals die Stadt sehen dürfen, aus Furcht ihr Gesicht möge durch die Blättern, ihre Ehre durch die Nachstellungen junger Herren Schaden leiden, weit ehr als andre, deren Erziehung sich weiter erstrecket, durch List und schlaue Kunstgriffe gefangen werden. Solche kommen selten über den väterlichen Bezirk, es sey denn, daß sie zur Kirchen gehe: ist der Pfarrer ein wenig gescheidt, hat er Muth genug, ein Liebeslied, oder eine Abschrift von diesem oder jenem Gedichte der jungen Nymphe über die Hecke zuzuruffen, oder es ihr heimlich zuzustecken, wenn er ihre Eltern und Verwandten besuchet, so mag eine so selten Gelegenheit leicht dienen, sein Glück zu machen. Ja man danke dem Himmel, wenn ihr nichts ärger wiederfähret. Manches Landjunkern Tochter ist über Stock und Block gejaget, um sich einem jungen, listigen Landmanne oder Ackersknechte mit Freuden in die Arme zu schwingen. Es ist wahr, die Schönen in der Stadt werden selten so eingezogen gehalten; doch wo es ist, da wirket die Natur bey allen einerley, und bringt nothwendig gleiche Folgen hervor.

Nível 3

Exemplo

Würde sich Dorinde wohl jemals so weit herunter gelassen haben, einen schmutzigen Bedienten zu heirathen, der ehedem vor ihrer Sänfte hergehen müssen, wenn sie von ihrem gar zu sorgfaltigen Vater Erlaubniß gehabt hätte, mit andern Personen, als bloß mit ihm allein, zu reden.

Nível 3

Exemplo

Hätte Armenia auch wol jemals sich in den Stab eines Thürhüters, oder in eine lederne Schürze verlieben können, wenn man ihr erlauben wollen, sich mit dem Ritterbande bekannter zu machen?

Nível 3

Exemplo

Nível 4

Retrato alheio

Zu Seomanthens Unglück war ihrer Base Nigratien die Sorge ihrer Erziehung und Aufsicht anvertrauet; einer Person, die von Natur schon sauer genug sahe, die aber Alter und Schwachheit noch mürrischer machte. Sie selbst hatte alle Lustbarkeiten überlebet, und blickte dabey einen jeden andern, der Tehil daran nahm, mit schielen Augen an. die unschuldigsten Vergnügungen dadelte sie aufs strengste, die geringste Gefälligkeit, die Personen beider Geschlechter einander erwiesen, war nach ihren Gedanken im höchsten grade schändlich. Man kannte ihre Eigenschaften mehr als zu wol. Nur gezwungen Tugendhafte, deren Heßlichkeit kein Herz in Flammen setzen konnte. Nur abgezehrte und veraltete Bösewichter, die nunmehr alle Empfindung der Wollust verloren hatten. Nur verstellte Eiferer besuchten ihr Haus, wo ihre Heuchelei Brod und Nahrung fand. Zu solchen Gesellschaften war die junge, schöne und muntre Seomanthe verdamt. sie hörte nichts als Strafpredigten auf die Liebe, deren Annehmlichkeiten doch, wie sie gar wol wußte, von so vielen andern gennossen wurde, die ihr am Stande und Gütern nicht ungleich waren. Sie war zu vernünftig, selbige als verdammlich anzusehen. man kann vollkommen unschuldig seyn, dachte sie, und sich doch wo die Erlaubniß nehmen, dann und wann die Komödie oder Oper zu besuchen. den Hof konnte sie unmöglich vor ein solches Schreckbild halten, als man ihn ihr abgemaltet hatte. ein besetztes Kleid und ein Haarbeutel kamen ihr zehnmal angenehmer vor, je verhaßter man ihr beides täglich zu machen suchte. Keine Kutsche mit Damen und Herren konnte vorbey fahren, wo sie nicht wünschte in der Gesellschaft zu seyn: kein aufgeputzer junger Herr kam ihr ins Gesicht, nach dessen Bekanntschaft sie sich nicht auf das heftigste zu sehnen pflegte.
Endlich wurde ihr Verlangen erfüllet, so eingeschränkt sie auch gehalten wurde. Das Gerüchte kam Canidien, einem der Raubvögel zu Ohren, die unbehutsame junge Leute in ein ewiges Verderben ziehen, nur sich auf eine lasterhafte und gottlose Art Unterhalt zu verschaffen. Sie hörte, Nigratia habe ein junges Frauenzimmer im Hause, die einem künftigen Ehemanne einen ansehnlichen Brautschatz zubringen werde. Sie bediente einen jungen Menschen, der in so weit vom Stande war, daß man ihn zu seinem Geschätze gebraucht hatte. Alle Mittel die er besaß, waren sein Putz, und er suchte nichts. als wie er diesses oder jenes Frauenzimmer einnehmen mögte. Canidien errieth mehr als zu wol, daß sie in Seomanthen die rechte Person dazu gefunden habe. Sie kam zu ihrem Hause unter dem Vorwande, daß sie Spietzen, holländisch Linnen, feinen Thee und dergleichen ungemein wolfeil zu verkaufen habe. Nigratia war eine gute Haushälterin und dung gerne, dies machte, daß sie ihr bald einen Zutritt gab. Sie besahe etwas von ihren Sachen am Fenster in einer kleinen Entfernung, und unterdessen steckte die listige Canidien Seomanthen ein Schreiben zu. Dies kommt, sagte sie, von dem artigsten Herrn in der Welt, und er ist gewiß des Todes, wenn er keine Antwort bekommt. Unsre junge Schöne nahm den Brief an, und steckte ihn bey Seite: eine kleine Röthe stieg ihr ins Gesicht, allein sie hatte nicht Zeit, Canidien Antwort zu geben, weil Nigratia denselben Augenblick zu ihnen kam. Canidia verstund ihre Handwerk so wol, und richtete alles so schlau ein, daß sie versprach, nächstens mehrerlei Sorten zu bringen, und wurde daher beordert, den Tag darauf wieder vorzusprechen. Indem sie ihre Sachen zusammen legte, winkte sie Seomanthen, und schien mit ihren Blicken inständigst um eine Antwort zu bitten. Dieses unschuldige Schlachtopfer, so jung und unerfahren sie auch war, merkte doch gar bald die Bedeutung hievon, und war vielleicht eben so ungeduldig, wie jene, den guten Erfolg dieser Abenteuer abzusehen, deren bloser Anfang ihr schon unendlich wol gefiel. So fort lief sie zu ihrem Zimmer schloß sich zu, und erbrach das Schreiben, das mit nichts als mit Flammen und Pfeilen der Liebe, mit Wunden und Tod angefüllet war. Es enthielt eine ausschweifende Lobschrift auf ihre Schönheit, und die heftigsten Wünsche des Verfassers, daß er seinen Hoffnung ihre Gewogenheit zu erhalten, nicht überleben mögte. Ausdrücke, welche Leuten, die die Welt kennen, lächerlich sind, brachten der unschuldigen Seomanthen Thränen in die Augen. Sie bildete sich ein, er müßte sie entweder in der Kirche oder am Fenster gesehen haben, denn dieses waren die einzigen Plätze, wo sie sich zeigen konnte. alles was er ihr von Liebe und Verzweifelung schrieb, hielt sie vor eben so grosse Wahrheiten, als ob sie von der Kanzel kämen. Und sie hielt sich durch die Liebe, die er ihr bezeigte, unumgänglich verbunden, eine höfliche Antwort aufzusetzen, die sie Canidien den Tag darauf schlau genug zu überliefern wußte. Folgenden Sonntag bemerkte sie in dem nächsten Stande einen Fremden, der so oft es unvermerkt geschehen konnte, verstohlne Blicke auf sie warf. Dies machte sie glauben, er sey ihr Anbeter, und sie fand sich in ihrer Muthmassung auch nicht betrogen. Man kniete eben bei der Andacht nieder, und jedes Frauenzimmer hatte ihr Gesicht mit dem Fächer bedeckt, wie er Gelegenheit fand, auf die Bank, wo sie sich lehnte, einen Brief fallen zu lassen. Sie war nicht so sehr mit Beten geschäftig, daß sie es nicht sofort hätte bemerken sollen, sie bedeckte es mit ihrem Schnupftuche und steckte es gelegentlich in die Tasche. Die nachher wiederholten und erwiderten Blicke während des Gottesdienstes bestärkten beide in ihren Meinungen: sie, daß er von ihren Reizungen eben so sehr eingenommen sey, als er versichert hatte, und ich, seine Gegenwart habe den Eindruck nicht vermindert, den sein Brief durch die alte Kupplerin bey ihr gefunden hätte. Beide glaubten Ursach zu haben, mit dieser Begebenheit vollkommen zufrieden zu seyn; sonderlich schien die arme Seomanthe vor Liebe ganz ausser sich. Die Person ihres Liebhabers war nicht ganz unangenehm, ja ein Engel in Vergleich mit diesen, deren Umgang ihr Nigratia bisher allein erlaubet hatte. Sie war vor ihn eingenommen, und dies machte ihn wenigstens in ihren Augen dazu. Alle Augenblicke schienen ihr so viel Jahre zu seyn, ehe sie nach Hause gehen und diesen zweiten Brief lesen konnte. Er war mit dem vorigen gleiches Inhalts, nur her in einer Nachschrift sie möge es auf alle ersinnliche Art in die Wege richten, daß er ihr mündlich seine Leidenschaft könne zu erkennen geben. Er erwehnte hier der Alten, die kürzlich die Sachen zum Verkauf gebracht, und ihm Seomanthen zuerst bekannt gemacht hatte. Er meldete ihr, wo sie wohnte, und wünschte, sie, wo möglich da zu sehen; wenigstens bat er sich eine Antwort aus, ob er so glücklich seyn sollte, oder nicht. Sie mögte die Gewogenheit haben, selbige nächsten Morgen aus dem Fenster zu werfen, wo er sie persönlich erwarten würde. Dieses zwang ihr manchen Seufzer ab; sie beschwerte sich nicht wenig über die Grausamkeit ihres Schicksals, daß es nicht in ihren Kräften wäre, sein erstes Verlangen in Erfüllung zu bringen; und das letzte gewährte sie ihm ohne einiges Bedenken. die erste Gelegenheit war ihr die beste, eine Antwort aufzusetzen. Sie that ihm zu wissen, es sey ihr unmöglich, einen Fuß aus dem Hause zu setzen, und dies in solchen ausdrücken, die ihren Verdruß und Widerwillen genugsam zu Tage legten. Kurz in solchen, die ihm zur Gnüge zeigten, sie würde mit leichter Mühe in allen feinem Verlangen gemäß zu bewegen seyn. Er bediente sich Canidiens Hülfe, diesen Briefwechsel mit ihr fortzusetzen, und endlich mache er sie willig, Nigratien auf ewig zu verlassen, und sich unter feinem Schutz zu begeben. Mit einem Worte, sie suchte ihre meiste Kostbarkeiten und Juwelen zusammen, die sie theils bey sich steckte, theils Canidien in einer bestimmten Nacht aus dem Fenster zuwarf, die dazu bestellet war. So verwünsche sie eine Heucheley und Verstellung mit der andern; so entfloh sie den kurzen und gegenwärtigen Verdrießlichkeiten und stürzte sich in ein unaufhörlich Elend aufs zukünftige. Morgens sehr frühe wurden sie mit einander verheirathet und genossen vielleicht einige wenige Tage die Entzückungen, die einem neu verehlichten Paare eigen zu seyn pflegten. Doch ihr Aufenthalt wurde bald von Seomanthes Freunden und Verwandten entdecket, die bey ihrer Entfernung in solche Verwirrung geriethen, daß sie die ganze Stadt durchgesucht hatten. In was vor elenden Umständen fand man sie alsdann? Der Bösewicht hatte alle ihre Gelder aus der Bank gehoben, sich ihrer meisten Kostbarkeiten bemächtiget, alles bei Seite gebracht, und war selbst, der Himmel weiß wohin, abgegangen. Die Eigenthümer des Hauses, wo sie gewohnet, sahen, daß die Person, von der sie ihre Bezahlung erwarteten, sich entfernet hatte; sie bemächtigten sich der wenigen Sachen, die er noch zurück gelassen, um sich wegen der Miethe bezahlt zu machen, und waren eben im Begriffe, die unglückliche Seomanthe aus dem Hause zu stossen. Ihre elenden Umstände so wenig, als ihre Klagen, die die härtesten Herzen hätten erweichen können, fanden bey Nigratien keinen Eindruck. Diese glaubte, eine Person, die alle ihre Wachsamkeit hintergangen habe, könnte nicht scharf genug bestrafet werden. Einige andre, die etwas mehr Mitleiden hatten, nahmen sie mit nach Hause, und trösteten sie so gut als möglich war. Da hält sie sich noch jetzo auf, und muß alles von deren Gutheit hoffen, deren Fortsetzung sie dadurch zu erhalten genöthigt ist, daß sie sich in alle ihre Neigungen zu schicken suchet. Man weiß noch nicht, wohin sich ihr ungearteter Ehemann begeben habe: indeß glaubet man, er sey entweder nach Frankreich oder Holland gegangen. Seine Schulden belaufen sich so hoch, daß er dadurch Seomanthen fast um alles ihrige gebracht hat. Es ist folglich wenige Hoffnung, ihn wieder zu sehen; und gesetzt er käme, so wird es dieser unglücklichen Person zum schlechten Vergnügen gereichen können.

Metatextualidade

Ich war eben im Begriff, mehrere Exempel von so unglücklichen Folgen zu geben, die gemeiniglich junge Leute zu begleiten pflegen, wenn sie gar zu sehr eingeschränkt sind. Allein Mira trat hier ins Zimmer, und sahe den Aufsatz, womit ich mich beschäfdiget hatte. Sie nahm mir die Feder aus der Hand: dies ist genug, sagte sie, werdet ihr weiter in dieser Materie gehen, so müßt ihr befürchten, in den Verdacht zu kommen, als ob ihr an der andern Seite Ausschweifungen billigen wolltet, die unserm Geschlechte noch weit schädlicher sind. Ich gestund ihr hierin mehr Einsicht, als mir selber zu, und sie brauchte nur wenig Gründe mich zu überführen, daß wir Personen von reifen Jahren fast alle unglücklich finden würden, wenn man einer ungezäumten Jugend alle selbsterwählte Freiheiten gestatten wollte.
Die Zeiten in denen wir leben, dienen den Ausschweifungen von aller Art zur grössesten Aufmunterung, und diejenigen, die junge Gemüther zuerst in eine gute Form bringen sollen, können nicht genug hierin auf der Hut seyn. Es ist wahr, die Natur hat schon for sich einen Abscheu gegen die Laster: allein die sinnreichen Erfinder einiger Lustbarkeiten, die am meisten in der Mode sind, haben Mittel, ihnen die heßliche Gestalt föllig zu benehmen. und die Unschuld davon zu unterscheiden, wird eine stärkere Beurtheilungskraft erfordert, als uns unsere Jugend zugestehen will. Der Glanz, womit sie aufgeputzt sind, blendet in der Ferne die Augen gar zu stark: man bemerkt die dahinter versteckten Schlangen nicht, bis man gar zu nahe kommt und in Gefahr stehet, von ihrem Gifte angestecket zu werden. Nicht ein solcher Zeitvertreib, als unsre neueren Masqueraden im Winter und die Redouten im Kühlen im Sommer sind, waren der Alten nächtliche Belustigungen. Beide sind so ein Ursprung der bittersten Klagen bey nachfolgeden vernünftigern Ueberlegungen, so angenem auch selbige gegenwärtig den Sinnen scheinen möge. Wir dünken sie eine verwegene Bemühung zu seyn, die Ordnung der Natur umzukehren, sonderlich die ersten, die in stunden anfangen, wo alle Ergötzlichkeit bissig vorüber seyn sollten. Sie stehlen uns die Zeit weg, da wir bedacht seyn müßten dem Leibe so wol als dem Gemüthe die Ruhe zu gönnen, deren beide benöthigt sind. Diejenigen die noch am glücklichsten davon kommen, verlieren wahrlich gewiß einen Tag in ihrem Leben, wenn die Masquerade vorüber ist. Andre von zärtlicher Leibesbeschaffenheit, ziehen sich Verkältungen und mancherley Unordnungen des Körpers zu, die ihnen manchesmal eine gute Weile, und öfters so lange nachhängen, daß sie niemals wiederum davon frei werden können. Wie hart würde es dem allen ungeachtet unsern jungen Herren so wol als den Schönen dünken, wenn man sie dieses galanten Zeitvertreibes, wie es bey ihnen heißt, berauben wollte! Was ist unschuldiger sagen diese, als eine Anzahl Personen versammlet zu sehen, wo man in so verschiedenen Kleidungen erscheinet, bald spricht, und bald tanzet, und bald spielet, und bey dem allen der angenehmsten Musik zuhören kann! Zudem die zweideutigen Fragen und Antworten schärfen den Witz so sehr! Es ist wahr, vornehme Familien, die den ganzen Winter sich im Lande aufhalten, pflegen zum öftern so genannten Masqueraden in ihren Häusern anzustellen. Alle Personen von Stande in der Nachbarschaft werden dazu eingeladen, und nichts kann angenehmer, als ein solcher Zeitvertreib seyn. Eine ausgesuchte Gesellschaft verkleidet sich, nur sich auf eine kurze Zeit einander unbekannt zu machen: der Witz beschäftigt sich hiebei beständig, und die artigen Irrungen, die dann und wann vorgehen, geben nochmals nicht selten Materie zur Unterredung ab. Jedermann ist hier verbunden, die Masque abzulegen, und sich in seiner wahren Gestalt zu zeigen, so bald der Ball vorüber ist, daß folglich nichts ungeschicktes, nichts unanständiges gesagt, oder vorgenommen werden kann. Allein hier sind die Umstände von ganz anderer Beschaffenheit. Diese Belustigungen kann man sich kaufen; und der ausgelassenste Bösewicht so wol, als der ungezogenste und niedrigste Pöbel mag vor Geld seinen Zettel haben. Hiemit bezahlt er zugleich die Freiheit, keuschen Ohren die größten Ausdrücke vorzusagen, und die Verstellung in der er sich wiederum wegbegiebet, macht ihn vor alle Strafe oder Schande sicher, die sein Bezeigen verdienen mögte. Ein jeder muntrer Witzling der sich am sinnreichsten dünket, wenn er der Bescheidenheit am meisten zu nahe tritt, mag hier einen ungereimten Anfall wagen, und ich wundre mich, wie sich die Schönen selbigen bloß stellen können. Nicht zu gedenken, daß sich solche nicht zum äußersten scheuen, wenn sie überlegen, mit was vor Personen ihres eignen Geschlechts sie sich in diesen Versammlungen in eine gleiche Gesellschaft begeben, wo ganz und gar kein unterscheid gestattet wird.

Nível 3

Narração geral

Ein muntrer, aber auch zugleich etwas wilder Mensch, der sich einstmals unter meinen Bekannten befand, gestund es mir, er habe niemals eine lustigere Begebenheit erlebet, als wie bei einer solchen Gelegenheit, die stolze und gezwungene Aurelia deren gleichen ganz Engelland nicht vorzuzeigen hat, von einer gewissen Person in besondern Ausdrücken sey angeredet worden.

Nível 4

Exemplo

Dieser irrete sonder Zweifel und vermeinte ein ganz andres Frauenzimmer for sich zu sehen und sie lief zu einer berüchtigten jungen Dirne der mein Bekannter ein Freizettel geschenket hatte. Hier dachte sie vor seinen ungereimten Einfällen Schutz zu finden: Ach Madame, beklagte sie sich, hören Sie nicht, wie schmutzig dieser Mensch zu mir geredet hat!

Metatextualidade

Wie lächerlich machte sich nicht dieses Frauenzimmer! Ich mußte gestehen, dies war eine billige Strafe, da sie sich in Versammlungen sehen ließ, die mit der strengen Tugend wenig überein kamen, welche sie sonst in andern Umständen anzunehmen bemühet war. Doch ich nahm an der andern Seite auch Gelegenehit, ihm zu verstehen zu geben, wie wenig ehrliche Frauenspersonen es ihm oder andern Dank wissen würden, daß sie Dirnen von so schlechtem Character ein Freizettel kauften, und sie in Versammlungen brächten, wo sie sonst vielleicht nimmer erscheinen dürften. Nach meiner Meinung, that ich hinzu, kann unser Geschlecht nicht ärger beschimpfet werden, und es ist so fremd als unbedachtsam, Maitressen an dergleichen Plätze zu führen, wo ein Zufall sie gar leicht mit euren eignen Eheweibern oder Schwestern in Unterredung bringen kann.
Nein, nein, Madame, antwortete er auf dieses letzte mit einem arglistigen Lächeln, vor diese pflegen wir niemals Zettel einzukaufen. Und dies zeigte genugsam, daß Frauenzimmer, die zur Familie gehören, niemals mit der Einwilligung solcher Personen dergleichen Oerter besuchen können. Sollten sie also ja allda beschimpfet werden, so werden sie sich selber desfalls verdammen müssen.

Nível 3

Exemplo

Nível 4

Retrato alheio

Ich erinnere mich hiebey, einer meiner Freunde, den man vor einen der besten Ehemänner zu halten pflegte. Er behauptet diesen Namen mit Recht, so ausserordentliche Mittel er auch gebraucht hat, seine Frau von der gar zu grossen Begierde abzubringen, solche nächtliche Lustbarkeiten zu besuchen, die sie zu Anfange ihrer Heirath von sich hatte blicken lassen. kaum hörte man von einer Masquerade, so konnte man eine unmäßige Freude in ihren Augen lesen. Sogleich sandte sie nach Kleidungen, und man dachte an nichts, man redete von nichts als von dem Putze, worin sie in dieser glücklichen Nacht erscheinen wollte. Er wußte, ihre Absicht hiebey war vollkommen unschuldig, da sie allezeit seine Gesellschaft verlangte, und mit der höchsten Ungeduld wünschte, er mögte Theil an einem Vergnügen nehmen, worin sie vor sich so viele Reizungen fand. allein er kannte die Stadt und die Gefahr besser, der sich so manches Frauenzimmer in diesen Versammlungen bloß gestellt hatte. ausserdem gefielen ihm dergleichen Ausgaben gar nicht, ob er wol so wenig ungesittet, als eifersüchtig heissen wollte, wie er befürchten mußte, wenn er diese oder jene Ursache vorwenden würde, sie desto leichter einzuschränken. Dieses brachte ihn endlich auf eine List, die sie freiwillig von solchen Besuchen auf künftig abbringen sollte.
Ohne ihr Vorwissen mußte einer seiner Freunde sich vollkommen gleich mit ihm kleiden, dessen Gestalt und Grösse mit der seinigen fast völlig überein kam. zwischen beiden fand sich also gar kein merklicher Unterscheid, wenn die Masque sie verstellt hatte. Mitten in einem Tanze nahm er ihres Ehemannes Stelle ein, und dieser gab sich sofort auf die Seite und hielt sich versteckt, bis der Ball vorüber war. Die arme Armilia, wie wir sie nennen wollen, hatte gar keinen Argwohn, daß man sie zu hintergehen suchte, sie blieb beständig ihrem vermeinten Gemal zur Seite, die Versammlung brach auf, er führte sie in eine Mietkutsche, und befahl nach einem Gasthofe in Pall Mall zu fahren. es befremdete sie ein wenig, sich in einem solchen Hause zu befinden, doch sie hielt es vor einen Scherz von ihm, und glaubte, es sey ihre Schuldigkeit, ihm hierin zu folgen. Er brachte sie in ein Zimmer, nahm die Masque ab, zeigte ihr sein Gesicht, und verlangte ein gleiches von ihr. Alles dieses, nebst einigen Ausdrücken, die der Person nicht anständig schienen, vor welche sie ihn gehalten hatte, machte sie so unruhig und erschrocken, daß sie an zu rufen fieng. Denselben Augenblick trat ihr Ehemann ins Haus, der ihnen in einer andern Kutsche gefolget war: sie klang, sie rief den Leuten im Hause, sie verlangte eine Sänfte um wegzugehen, und gemeldeter Freund that alles was er konnte, sie zu zwingen, daß sie die Masque abziehen mögte. Kurz, er spielte seine Rolle so geschickt und wol, daß es dem wirklichen Ehemanne ein besonders Vergnügen gab. Dieser hätte dem Spiele gern noch etwas länger zugesehen, wenn ihn nicht das grosse Schrecken, worin sie sich befand, genöthiget hätte, ein Ende zu machen. Er nahm daher seine Masque ab, umarmte sie und that um alles was er konnte, daß sie siech ruhig machen mögte. Diese Begebenheit, sagte er, hätte endlich üble Folgen haben könne wenn nicht ein Freund von mir darin betroffen wäre. Ich sahe auch und folgre mit dem festen Entschluß, den Schimpf zu rächen, den ich von ihm zu befürchten hatte: doch ich sehe deutlich daß an seiner Seite so wol als an eurer eine Irrung vorgegangen ist. Sehet hier die Person, sagte er zu seinen Freunde, nachdem er ihr die Masque abgenommen hatte, gegen die ihr euch so zärtlich erklären, und so frei habet bezeigen wollen. Sein Freund schien hierüber zu erstaunen und beschämt zu seyn. Er hat ihn so wol als das Frauenzimmer um Vergebung. Ich suchte ihren Umgang, sagte er, denn ich hielt sie vor eine Person von Stande: an ihrer Seite fand ich nicht daß sie mir entgegen war; sie bemühete sich vielmehr, mir, so viel möglich, zur Seite zu bleiben. Und wie sie alle andre Gesellschaft zu vermeiden schien, hatte ich die wichtigste Ursache von der Welt, mir zu schmeicheln, meine Gegenwart würde ihr an diesem Orte nicht minder angenehm seyn. Doch ich finde, der geringe Unterscheid in unsrer Kleidung betrog sie: ich suchte Galanterie zu machen, und sie glaubte, ihrem Ehemanne in der Nähe zu seyn. Diese Begebenheit munterte die Gesellschaft ungemein auf, und hatte zugleich alle Wirkung bey ihr, die mein Freund sich davon vorgestellt hatte. Die vermeinte Gefahr, worin sie sich befunden, und ihr wirkliches Schrecken, dass sie dabey gehabt, waren bey ihr von solchem Nachdruck, daß sie sich entschloß, keinen Fuß wiederum an einen Ort zu setzen, wo Tugend und Ehre solchen Zufällen unterworfen wären. Er war indeß so gescheut und vernünftig das Geheimniß dieser Nothlist beständig vor sich zu behalten. Hätte sie auch nur etwas davon errathen können, so mögte dieses sie vielleicht so empfindlich gemacht haben, da sie eine Ruhe und Zufriedenheit mehr hiedurch, als durch die Fortsetzung ihrer unmäßigen Neigung zu einem Zeitvertreibe, den er nicht billigen konnte, gestöret wäre.
Doch solche Erfindungen, die hier zum Theil erdacht waren, sind von andern manchesmal wirklich ausgeführet worden. Die Glückseligkeit zwoer Familien ist dadurch zu Grunde gerichtet, und auf beiden Seiten Haß und Feindschaft in so hohem Grade angestiftet, daß selbige allem Ansehen nach nimmer zu heben sind. Ein unseliger Irrthum, der durch eine gleiche Uebereinstimmung inder Kleidung veranlasset wurde, war die Ursach davon.

Nível 3

Exemplo

Alkales und Palmyra heiratheten sich zeimlich jung: die Verwandten brachten diese Ehe zu Stande, ohne ihre Herzen zu Rathe zu ziehen. Dem ungeachtet lebten sei in ziemlicher Einigkeit, weil sie in keiner fremden Verbindung stunden. Eine ruhige Kaltsinnigkeit schien zwischen ihnen zu regieren, und eine geraume Weile fiel nicht das geringste vor, das einem oder andern den geringsten Argwohn hätte geben können. ob dieses bloß von ungefehr geschehen, oder ob eine beiderseitige Behutsamkeit der Grund davon gewesen, kann ich nicht bestimmen. Sein liebster Zeitvertreib waren Bücher, ein Spaziergang, und der Schauplatz; wie an ihrer Seite, Besuche, Gesellschaft in und ausser Hause, Opern und Masqueraden. Er untersuchte niemals, mit wem sie Umgang hielt, noch gab sie sich jemals Mühe nachzufragen, auf was Art er sich die Zeit verbrächte. Im Umgange war sie ungemein frei und munter; aber auch zugleich ihr Bezeigen, war gegen alle Personen des andern Geschlechts, mit denen sie Bekanntschaft unterhielt, völlig gleich und einerlei. Es war daher der Bosheit unmöglich Gelegenheit zum Tadel zu finden, als ob sie einer besondren Achtung gegen diesen oder jenen schuldig sey. Alkales bezeigte ich nicht anders: er ließ den Reizungen einer jeden Schöne Gerechtigkeit wiederfahren, ohne davon gerühret zu werden. Kurz, Eifersucht war eine diesem, bey seiner Unempfindlichkeit glücklichen, Paare bisher noch gänzlich unbekannte Leidenschaft. Wie vergnügt und ruhig möge nicht ihr Leben ferner verflossen seyn, bis sie von dem Strome der Empfindlichkeit wären fortgerissen worden. was vor einen guten Namen hätten sie nicht mit ins Grab genommen, wenn diese Umstände nur noch von einer etwas längern Dauer gewesen wären! Allein ihr unglückliches Schicksal bestimmte es ganz anders: ihre Eintracht war dem Falle am nächsten, wie sie am besten schien gegründet und befestigt zu seyn. Palmyra verfehlte niemals eine Masquerade. einstmals trug es sich zu, daß als sie schon weggegangen war, auch Alkales von einigen Freunden dahin gezogen wurde, die keine Entschuldigung von ihm annehmen wollte. Er fande nicht den geringsten Geschmack an dieser Lustbarkeit; doch er war einmal da, und befürchtete sich lächerlich zu machen, wenn er nicht eben so wie andre thun würde. Er suchte sich daher sofort ein Frauenzimmer zu seiner Gesellschaft aus, das er schlau und witzig fand; Eine Person, die mit Palmyren gekommen war, stund nicht weit davon, und entdeckte ihn bey seiner Stimme, die er nicht genugsam zu verbergen suchte. Sie eilte ihr sofort die Zeitung davon zu bringen, und da sie es Anfangs nicht glauben wollte, so betheuerte es jene so stark, er sey da, und bezeige sich so geschäftig, daß nothwendig zwischen beiden ein Verständnis seyn müßte. Palmyra folgte endlich den Entschluß, sich hievon zu überführen, und ging nach dem Orte hin, wo ihn ihre dienstfertige Freundin bemerket hatte. Sie fand ihn noch wirklich in Unterredung mit dem Frauenzimmer. Nunmehr nahm eine Leidenschaft Platz in ihrem Herzen, die ihr vorher noch niemals durch eigne Erfahrung bekannt gewesen war. Sie wußte, ihr Auge betrog sie nicht, sie hörte seine Stimme deutlich genug, sie hielt ihn vor einen Heuchler, da sie ihn an einem Orte fand, wovor er stets einen Abscheu bezeiget hatte. Sie glaubte, er habe sich hierin nur deswegen verstellet, um desto geheimer gegenwärtig zu seyn, und ein Liebesverständniß zu spielen. Kurz, sie machte sich nunmehro den nachtheiligsten Begriff von sich, den eine Frau haben konnte, die in den Gedanken stand, von ihrem Manne so sehr beleidiget als hintergangen zu seyn. Bald war sie willens, mit ihm zu reden, und ihm zu zeigen, sein Geheimniß sey entdecket worden. Doch ihr widriges Schicksal hinderte sie in allen, was die Umstände dieser Begebenheit hätte in ein bessers Licht setzen können. Es brachte sie auf den Einfall, ihre Empfindlichkeit hier in einer öffentlichen Versammlung zu zeigen, würde sie nur bey allen ihren Bekannten lächerlich machen. Es sey folglich weit klüger gehandelt, sein ferneres Bezeigen während der Masquerade anzumerken, ihm nachher zu folgen, und im Fall er nicht nach Hause käme, ihn da, wohin er sich mit seinem Frauenzimmer begeben würde, aufzusuchen. Diesen zufolge ließ sie ihn nicht aus den Augen, und gab auf alle seine Schritte Achtung, so viel als es ihr in dem Gedränge, und in der grossen Versammlung die sich damals eben zugegen befand, möglich seyn würde. Endlich glaubte sie, sie hätte ihn weggehen sehen, ehe noch die Gesellschaft völlig aufgebrochen war. Schon vorher hatte sie das Frauenzimmer aus dem Gesicht verloren, mit dem er sich unterredet hatte; und dies machte ihr muthmassen, sie müßten einander nach einem gewissen Platze bestellet haben. Er nahm eine Sänfte, sie folgte ihm in einer andern, und sahe ihn in ein Hauß bey Covent Garden gehen. Hier beobachte sie sich nicht lange, sondern befahl sogleich dem Sänftenträger anzuklopfen. Man öffnete die Thür, und sie verlangte, der Bediente mögte sie zu dem Herrn führen, der eben ins Haus getreten wäre. Selbiger glaubte, er erwarte einen Besuch von dieser Schönen, und führte sie die Treppe hinauf. Sie wartete nur wenige Augenblicke, so kam er zum Zimmer heraus. Er war wolgebildet, und eben so angekleidet, wie sie ihren Mann vorher gesehen hatte, nur ohne Masque. Er kam zu ihr, und frug sie in den höflichsten Ausdrücken, was sie zu befehlen hätte. Dieser Irrthum verdroß sie anfangs etwas und setzte sie in nicht geringe Verwirrung. Sie antwortete kurz, sie habe ihn vor eine andre Person angesehen, und war eiligst im Begriff, die Treppen hinunter zu gehen, wie er sie beym Kleide faßte. „Ich würde, sagte er, daß Glück nicht verdienen, das mir so unerwartet angeboten wird, wenn ich einen so geschwinden Abschied erlauben wollten. Selbst die Person, die sie suchen, kann sich die kleinste Gewogenheit, so ich mir von ihnen versprechen darf, nicht zu grösserer Ehre schätze, als ich thun würde, und dieses wenige muß ich ihnen zu erkennen geben“. So wenig aufgeräumt sie auch war, so fand sie doch etwas in der Person so wol, als in der Anrede dieses Unbekannten, das ihr gefallen mußte. Vielleicht, dachte sie, hat Alkales mit ihm die Kleider gewechselt: dies war möglich, und man thut es nicht selten, Theils einen Scherz zu machen, und Theils, verliebte Anschläge desto besser auszuführen. Sie frug ihn, ob er diese Kleidung den ganzen Abend getragen? er antwortete ja, und dieses machte sie noch immer mehr bestürzt. Indeß war sie überzeugt, die Stimme ihres Ehemannes, die sie gehöret habe, könne sie unmöglich triegen, und diese war doch von der gegenwärtigen Person völlig unterschieden. Sie erkundigte sich ferner, ob er nicht einen gewissen Herrn in gleicher Kleidung bemerket habe. Doch diese, fuhr er mit einem kleinen Lächeln fort, war nicht die Person, die ihm, wie es scheinet, die Ehre erweiset, so zärtlich um ihn bekümert zu seyn. Diese Worte drungen Palmyren bis in die Seele. Sie schmeichelte sich mit der Hoffnung etwas weiter Nachricht zu bekommen, wenn sie sich mit ihm in die Unterredung geben würde. Dieser Ursache halben ließe sie sich endlich überreden, sich zu setzen: sie gestund, derjenige, welchen sie suchte, sey ihr Ehemann; sie zog die Masque ab und zeigte, ihre Gestalt sey nicht so heßlich daß die Geringschätzung ihrer Peson dadurch könne gerechtfertigt werden, und sie beschwor ihn, daß er doch nichts vor ihr verbergen wolle, was ihm von der Treulosigkeit desselben bekannt seyn mögte. Lysimon, wie ich diesen unbekannten nennen will, versicherte sie, wie es auch wirklich dem war, die Person, die eben so, wie er gekleidet gewesen, sey ihm völlig unbekannt. Indeß merkte er sich diese Umstände desto mehr, und vergrösserte die Complimente, die selbiger dem Frauenzimmer sollte gemacht haben, dergestalt, daß Palmyra vor Haß, Eifersucht und Raserey ganz ausser sich gesetzet wurde. Er merkte dieses und war schlau genug, so wol ihre Schönheit zu rühmen, als gegen die Undankbarkeit eines Mannes zu predigen, der bey selbiger von fremden Reizungen könne eingenommen werden. Eitelkeit an der einen und Rachbegierde an der andern Seite, machten sie endlich völlig geneigt, einer Rede Gehör zu geben, die ihr Herz in neue Flammen setzte. Kurz, Lysimon war in seiner Bemühung glücklich. Noch ehe es Morgen wurde, setzte er sich in den völligen Besitz ihrer Person, und was noch mehr, eines Herzens, das bisher so wenig die Schmerzen, als die Annehmlichkeiten der Liebe empfunden hatte. Einige wenige Stunden vor Anbruch des Tages kam sie nach Hause. Alkales hatte die Gesellschaft, in der er sich befunden, nicht viel eher verlassen: er war kurz vorher zu Hause gekommen und hatte sich noch nicht schlafen geleget. Dennoch schien es ihm nicht im geringsten zu befremden, daß sie so viele Stunden länger sich verweilet wie sie sonst bey Masqueraden gewohnt gewesen war, und er that nicht die geringste Nachfrage. Sie an ihrer Seite war gar zu sehr von Lysimon eingenommen es zu erwehnen, daß sie wüßte, wie er auch da gewesen wäre. Und vielleicht wäre alles unterdrücket worden, wenn nicht Silvia des Alkales Schwester gerade gegen Lysimons Behausung über gewohnt hätte. Diese sahe sie zu ihrem Unglück am Fesnter, wie sie ihren Putz in Ordnung brachte, bevor sie von ihm Abschied nahm. Silvia hatte eine heimliche Neigung auf Lysimon geworfen und alle Gelegenheit und Mittel gebraucht, eine gegenseitige Leidenschaft bey ihm hervor zu bringen. Allein er verstund entweder nicht, was sie meinte, oder er war zu kaltsinnig gegen sie. Palmyrens Gegenwart brachte sie auf den Gedanken, sie sey die Person, die ihn so unempfindlich und undankbar gemacht habe.

Nível 4

Diálogo

Eifersucht und Rachbegierde, daß sie dergestalt hintergangen worde, setzte sie in volle Flamen: gleich den Tag darauf besuchte sie ihrem Bruder und schimpfte Palmyren in dessen Gegenwart, als eine Person, die ihrer Familie Schande brächte, und eines so guten Ehemannes vollkommen unwürdig wäre. alles kam heraus was sie wußte, daß sie bey Lysimon gewesen, daß sie ihre Kammerjungfer und ihren Diener gerufen, die sie beide an den Fenster gesehen hätten, und daß diese die Wahrheit von allen bezeugen sollten. Eine Beschuldigung die ihn so nahe traf und noch überdem von seiner Schwer herrührte, vertreib die Gleichgültigkeit völlig, die er bisher gegen sie bezeigt hatte. Das Blut stieg ihm ins Gesichte und kochte in seinem Herzen, Palmyra leugnete Anfangs alles: wie aber der Beweis gar zu sehr gegen sie war, suchte sie die Ursach alles dessen sie so hart beschuldiget wurde, ihrem Manne aufzubürden. Sie gestund es, daß sie ihn mit Verdruß und Eifersucht bey der Masquerade in Gesellschaft eines andern Frauenzimmers angetroffen, und daß sie deswegen jemanden nachgefolget sey, den sie vor ihn angesehen habe. Daß sie aber, wie man ihr zur Lust legte, mit selbigem auch nur im geringsten bekannt seyn wollte, leugnete sie aufs äußerste, und wollte so gar nicht einmal von seinem Namen wissen. Alkales hörte, was sie sagte, an, ohne sie einige Art zu unterbrechen, bis sie völlig ausgeredet hatte. Er antwortete mit einem Lächeln, das mit einer kleinen Bosheit und Verachtung verbunden war. „Ihr wendet, sagte er,, eure heftige Liebe gegen mich, und das Schrecken vor, das die Furcht verursacht, daß euch ein Nebenbuhler meine Neigung entziehen möge, und beides soll der Grund von eurem ganzen Bezeigen seyn. Allein es befremdet mich ungemein, wie es auch möglich ist mich sogleich darauf so ruhig vor euren Augen zu sehen, ehe ihr überführet worden, wie unbegründet euer Argwohn sey. Ihr müßt gewiß über eure Leidenschaften mehr Gewalt als andre haben, daß ihr nicht einmal die Ursach eurer Unruhe gemeldet habet.“
Palmyre wußte auf eine so scharfe Anmerkung nichts zu antworten: doch den Mangel an Gegenbeweisen ersetzte sie durch Spöttereyen und bemühete sich, wie gemeiniglich in solchen Fällen gewöhnlich ist, durch Vergrösserung seiner Fehler, die ihrigen zu verkleinern. Endlich wuchs die Zwistigkeit so sehr, daß sie zu ihren Zimmer eilte, ihre Kostbarkeiten zusammen suchte, und zu ihrem Bruder ging. Hier wußte sie nicht bitter genug zu klagen, wie ungerecht man mit ihr verfahren habe, und betheuerte auf das allerhöchste, dem Alkales nimmer wiederum unter die Augen zu kommen. Alkales war vollkommen überzeugt, wie groß das Unrecht sey, das man ihm erwiesen habe; und sandte in der größten Hitze seiner Empfindlichkeit dem Lysimon eine Aufforderung zu. Diesen erlaubte sein Feuer nicht, es auszuschlagen; der Zweykampf erfolgte, und beide wurden gefährlich verwundet. Die ganze Zeit aber, da Alkales das Bette hütete, ließ sich Palmyre so wenig noch jemand von ihren Freunden nach seinem Befinden erkundigen. Er und seine Verwandten konnten es ihnen nicht vergeben, daß sie so gar die Regeln der gemeinsten Höflichkeit aus den Augen setzten, sonderlich, da sie gegen Lysimon eine weit grössere Hochachtung bezeiget hatten. Und hierauf mußte nothwendig ein tief eingewurzelter Haß zwischen beiden Familien erfolgen. Palmyre hielt ihr Wort, und sahe Alkales nachher niemals wieder, das einzige vielleicht, worin sie sich ihm gefällig erzeigen konnte. Von ihrer Untreu war er versichert, allein zu einer völligen Ehescheidung fehlte der gehörige Beweis: beide Theile bedienten sich daher ihrer Rechtsgelehrten, und die Sache wurde so ausgemacht, daß sie die Zinsen von ihren Gütern heben, und nach ihren Gefallen selbige verzehren konnte. Sie schieden mit eben der Gleichgültigkeit und mit minder Gemüthsruhe von einander, als sie sich ehemals verbunden hatten. Er begab sich auf seine Landgüter, wo er noch in der Einsamkeit und im Mißvergnügen lebt. Lysimon ging nach Frankreich, so bald die Kur zu Stande war, und Palmyre folge ihm. Ob sie aber noch ferner in seinem Umgange hinlängliche Annehmlichkeiten findet, die den Verlust ihrer Unschuld und Ehre ersetzen können, daran wird sehr zu zweifeln seyn.

Nível 3

Exemplo

Doch unter allen, deren Vorwitz und Neigung zu so gefährlichen Lustbarkeiten hat leide müssen, ist die unschuldige Herminie am allermeisten zu bedaure. Dieses junge Frauenzimmer samt ihrem Bruder theilten die Zärtlichkeit ihrer liebenden Eltern unter sich und waren die einzige Frucht ihres glücklichen Ehestandes. Sie wurden nach den genauesten Regeln der Gottseligkeit und Tugend auferzogen, deren Ausübung, die andern zur Last fällt, ihnen ein Vergnügen schien. So sehr war ihnen eine Neigung zum Guten angebohren! Ihre Eltern lebten im Lande, und kamen in zwei bis drei Jahren etwa nur einmal zur Stadt, wo sie sich ohnedem nur eine kurze Zeit aufzuhalten pflegten, bis Polydor ihr Sohn, zu Cambridge seine Studien geendet hatte. Dann hielten sie es für nöthig, ihn mehr von der Welt sehen zu lassen, als sich ihm bey einer eingezogenen Lebensart entdecken konnte. Nur befürchteten sie zugleich, er mögte den Lastern unsrer Zeiten in die Hände fallen, wenn er sich selber gar zu sehr gelassen seyn sollte. dies brachte sie zu dem Entschlusse sich zur Stadt zu begeben, damit sie ihn noch etwas länger unter ihrer Aufsicht behalten konnten. Es wurde ein Haus vor sie gemiethet; sie kamen nach London und lebten wie man da zu leben pflegte, um nicht das Ansehen zu haben, als ob sie etwas besonders heissen wollten. Herminie war noch nicht über sechzehn: man warf ein Auge auf sie, wie auf alle neuen Gesichter, wenn sie auch nur mittelmäßig schön seyn sollten; doch ihre Jugend wusste bey dem allen wenig von Stolz und Eitelkeit. alle Munterkeit war ihr eigen, die von unschuldigen und wolgearteten Gemüthern unzertrennlich ist. Aber niemals brachte sie diese zu Ausschweifungen, niemals verleitete sie diese zu Freiheiten, deren ihre neue Freundinnen, wie sie wol bemerkte, sich ohne Bedenken zu bedienen pflegten. Bald nach ihrer Ankunft war der Winter vor der Hand; allenthalben, wo sie mit ihrem Bruder hinkam, wurde von nichts als von Masqueraden geredet. Beide hatten dergleichen Lustbarkeiten niemals gesehen; sie bemerkten bey andern ein heftiges Verlangen danach, und dieses erregte ihnen Vorwitz. Die Eltern wollten ihrer Neigung nicht ganz und gar zuwider seyn; sie erlaubten ihnen endlich miteinander in Gesellschaft dahin zu gehen, aber mit dem schärfsten Befehl, Polydor sollte ein wachsames Auge auf seine Schwester haben, und sie nicht aus den Augen lassen, bis er sie wiederum zu Hause sähe. Ja ihrer muntern Jugend waren dergleichen Lustbarkeiten den Engelländern noch unbekannt, und folglich wußten sie gar nicht, was dabey vorzugehen pflegte. Indeß hatten sie doch etwas von der Gefahr gehöret, die damit verknüpfet war: sie wiederholten also ihre Befehle mehr als hundert mal, und Polydor versicherte sie an seiner Seite, so viel möglich eine gleiche Sorgfalt zu haben, als ob sie selber zugegen wären. Ach! wie wenig wußte er, es würde ihm unmöglich seyn, diese Zusage zu halten! Kaum traten sie in den Masqueradensaal, so war es, als ob sie bey einer so mannigfaltigen Gesellschaft in die Wildniß gerathen wären. Der fremde Aufputz, die Verwirrung, die Unordnung, und das Getümmel brachten alle ihre Gedanken in Unordnung. zwar eine Zeitlang blieben sie einander in der Nähe, allein bald wurden sie getrennet. Unter den Getümmel drang sich eine Menge zwischen beide ein; einige redeten den Bruder und andere die Schwester an. Diese fanden es gar leicht aus, wie ihnen dergleichen Lustbarkeit ganz etwas fremdes wäre. Einer sagte es dem andern ins Ohr, und unsre jungen Edelleute vom Lande waren auf diese Art allen witzigen Einfällen der Gesellschaft bloß gestellet. Herminie hatte ihren Bruder schon eine geraume Zeit aus den Augen verloren: sie sahe sich von Personen beiderley Geschlechts umgeben, deren Reden ihr so wenig gefielen, als sie darauf zu antworten wußte. Endlich kam sie wiederum zu sich selber, wie sie einen blauen Domino sahe, denn in solcher Kleidung war Polydor mit ihr gegangen. Sie eilte zu dieser Person und faßte sie bey der Hand: „Laßt uns nach Hause gehen, liebster Bruder, sagte sie; das Gewäsch jener wüsten Leute hat mich in ein tödtliches Schrecken gesetzt. und ich wundre mich, daß jemand hier einiges Vergnügen finden kann. Die Person, die sie anredete, faßte sie unter die Arme, an statt ihr zu antworten, führte sie hinunter wie sie verlangt hatte, und beide nahmen eine Miethkutsche. Sie war sich nicht weniger, als den Unfall vermuthen, der ihr bevorstund, sie bemerkte also nicht wohin der Kutscher auf seinen Befehl sie bringen sollte; und war froh, eine Versammlung zu verlassen, woran sie so wenig Gefallen hatte. Ihren vermeinten Bruder unterhielt sie mit allem, was man ihr da vorgesaget, bis endlich die Kutsche vor einem grossen Hause still hielt. Weil es noch dunkel war, konnte sie es von ihrer Wohnung nicht unterscheiden; sie sprang aus der Kutsche und war eben im Vorplatze, als sie sich betrogen fand. Um des Himmels willen Bruder, rief sie hierauf, wohin bringt ihr mich? Er führte sie die Treppe hinauf, zog die Masque ab, und zeigte ihr ein fremdes Gesicht, das sie niemals in ihrem Leben gesehen hatte. Kein Erstaunen und kein Schrecken konnte grösser seyn, als das, worin sich die junge und unglückliche Herminie anjetzo befand. Die Thränen flossen ihre Wangen herab, sie bat und beschwor ihn, bey allem was heilig und verehrungswürdig ist, sie von sich zu lassen. Doch ihre Unschuld reizte ihn zur Gnüge, wen sie auch gleich nicht so schön gewesen wäre. Je mehr Abscheu und Widerwillen sie gegen das rohe Verfahren bezeigte, das sie gleich Anfangs von ihm erdulden mußte, desto heftiger wurden seine Begierden angeflammet. Sie befand sich an einem Platze, wo alles ihre Seufzen und Schreien eben so wenig als ihr Zähren und Bitten vermogte. Er tätigte endlich seine viehischen Lüste, er brauchete die grausamste Gewalt dazu, und bloß um auf weniger Augenblicke ein kurzes Vergnügen zu geniessen, stürtzte er die arme Herminie in ein ewiges Verderben, denn wenige Erfahrung und Unwissenheit was die Bosheit und List der Menschen betrifft, hatten sie ihm allein in die Arme geliefert. Nachdem er einen so grausamen Sieg erhalten, war er im Zweifel, was er mit der überwundenen Person anfangen sollte. Tausend Mal bat sie ihn, so hoch sie konnte, die angefangene Lasterthat zu vollführen, und sie durch den Tod von dem Elende zu befreien, worin er sie versetzet hatte. Doch dieses wollte seine eigne Sicherheit so wenig, als vielleicht seine Klugheit zulassen, so boshaft er auch sonst gewesen war. Er merkte wol, sie müsse von einer guten Familie seyn, und folglich würden ihre Freunde den ihr angethanen Schimpf möglichst zu röchen suchen, wenn sie nur einzige Art den Urheber davon entdecken könten. umsonst bemühete er sich, sie zufrieden zu sprechen, noch war sie zu bereden, daß sie, wie er wünschte, ein geheimes Verständniß mit ihm fortsetzen mögte. Er verband ihr also die Augen, daß sie das Haus so wenig als die Gasse, wo ihr dieser Unfall begegnet war, beschreiben sollte; nahm eine Miethkutsche vor sie, und ließ solche nach einem dunkeln und schmutzigen Orte im Strande nicht weit vom Wasser, fahren. Hier wurde sie ausgesetzt, und er fuhr so eilig fort, als die Pferde nur rennen konten. Kaum fand sie sich in Freiheit, so riß sie die Binde von den Augen, und sahe mit Verzweiflung umher, ohne zu wissen, wo sie hingeführet war. die Themse fiel ihr in einer kleinen Entfernung ins Gesichte, und dieser Anblick führte sie mehr als einmal, wie sie nachher gestanden hat, in Versuchung ins Wasser zu springen. Doch die Grundsätze der Religion hielten sie noch zurück. Eine Zeitlang ging sie auf und ab, und war ganz unschlüßig was sie machen sollte. Endlich kam sie zu einem Platze, wo es nicht so einsam, war, fand eine Sänfte und ließ sich nach Hause tragen, wobey ihr beides Scham und Betrübniß eine solche Angst verursachte, die sich eher in Gedanken vorstellen, als mit Worten beschreiben läßt. Der junge Polydor, ihr Bruder, war unterdessen ganz ausser sich: kaum war sie ihm aus dem Gesichte, so suchte er sie in dem Saale allenthalben, und in allen kleinen Gängen, die dahin führten. Er beschrieb den Bedienten ihre Kleidung und frug ob sie nicht ein solches Frauenzimmer gesehen hätte. Aber alle Bemühungen waren umsonst, er eilte nach Hause, und schmeichelte sich mit der Hoffnung, sie habe ihn vielleicht verloren, und sey deswegen vor ihm weggegangen. Wie er sie hier eben so wenig antrag, ging er nach dem Heumarkte zurück1, suchte und fragte zu wiederholten malen, doch eben so vergebens, als zuvor, welches ihn endlich in die höchste Betrübniß und Verzweiflung setzte. Er liebte seine Schwester auf das zärtlichste, und zweifelte nunmehr nicht, ein glücklicher Zufall müsste sie betroffen haben. Doch die grösseste Angst machten ihm die Gedanken, wie er sich gegen seine Eltern verantworten solle, daß er die ihm anbefohlne Aufsicht über sie so schlecht in Acht genomen. Er befürchtete ihre Vorwürfe, und noch mehr das Schrecken, das ihnen seine Zurückkunft ohne Herminien verursachen würde. Er ließ die Gassen auf und ab, und schien seiner selber nicht mächtig zu seyn, als ob ihn Trunk oder Wahnwitz seiner Sinnen beraubet hätten. Eine geraume Zeit konnte er diese unruhige Bewegung nicht überwinden, doch endlich wagte er es, sich den bloß zu stellen, was ihm schrecklicher denn der Tod selber war. Die ängstigen Eltern konten an keine Ruh gedenken, sondern wollten vorher ihre geliebte Herminie mit Polydor sicher zu Hause sehen. Es ahndete ihnen etwas, ohne daß sie eine Ursach davon angeben konten; bey niemand unterstund sich ihnen, Herminiens Verlust anzukündigen, aber auch nur zu sagen, Polydor habe eine gute Weile zur zu Hause nach ihr gefraget.

Nível 4

Diálogo

Nunmehr sahen sie ihn mit verwirrten Minen und niedergeschlagnen Augen ins Zimmer treten; ihre Tochter war nicht da, und beide geriethen hierüber vor Betrübniß und Verzweifelung ganz ausser sich: „Wo ist eure Schwester, riefen sie, wie steht es um Herminien; ist es möglich, daß ihr ohne sie uns vor die Augen kommen könt?“ Wer kann die Gestalt abmalen, in der sich damals der arme Polydor zeigte? Er zitterte, er ließ das Haupt hängen, und die Augen flossen ihm von Thränen über. Sein Vater bezeigte sich ganz ungeduldig, ihre Umstände zu wissen, sollte ihr auch der ärgste Zufall begegnet seyn. doch Polydor konnte unmöglich sprechen; bis ihm jener entweder die ganze Sache zu entdecken, aber denselben Augenblick ihm aus den Augen zu gehen, befahl. „Was kann ich sagen, rief er endlich. Herminie ist verloren – Alle Sorgfalt, meinen Eltern zu gehorchen, war vergebens, und ich weiß nicht im geringsten, wie sich ein solch Unglück hat zutragen können.“
Kaum hatte er ausgeredet, so kam die unglückliche Herminie – Vater, Mutter, Bruder, alle liefen zugleich, sie in ihre Arme zu fassen. doch der Gram, in gegenwärtigen Umständen ihre Eltern zu sehen, schwächte ihre Lebensgeister gar zu sehr. Sie war ausser Stande, ihre Umarmungen zu erwidern und sank ohnmächtig nieder. Eine geraume Zeit konnte sie nicht wieder zu sich selber kommen, ob man schon sofort sie entkleidete, zu Bette legte, und alle nöthige Mittel gebraucht wurden. nachdem sie sich in etwas wieder erholet, brach sie in die bittersten Klagen aus. Man konnte sie nicht bereden, das geringste zu entdecken, solange Vater und Bruder noch zugegen waren. Ihre Mutter merkte, dieses hielte sie zurücke, und bat daher, sie mit ihr allein zu lassen. Endlich offenbarte sie das traurige Geheimniß, Theils auf Befehl, Theils auf Bitte ihrer Mutter, am meisten aber durch die Vorstellung alles Unglücks, das ihre Einbildung nur abzumalen vermögend war. Keine Familie konnte in trostlosern Umständen seyn, sonderlich da der unmenschliche Urheber ihres Unglücks auf seine Art und Weise auszuforschen war. Seine List kam allen ihren Bemühungen zuvor: sie beredeten Herminien den Tag darauf in einer Kutsche fast ganz London mit ihnen durchzufahren, allein sie konnte weder das Haus noch die Gasse anzeigen wohin der Bösewicht sie geführet hatte. Doch das Schicksal verfuhr noch weiter härter mit ihr: Leander ein junger Edelmann kam zur Stadt, der sie schon lange geliebt hatte. Ihre Familie war ihm nicht entgegen, und Herminie selber fühlte die Leidenschaft in ihrer vollen Stärke, die die Jugend uns einflössen kann. einige Geschäfte hinderten ihn, so gleich nach London mit ihr zu kommen, bis er sich nunmher voller Hoffnung einfand, seine Wünsche durch die glückliche Verbindung mit Herminie erfüllet zu sehen. Traurige und veränderte Gestalt des Schicksals! Mit offnen Armen gedachte Leander empfangen zu werden, er glaubte eben so angenehm und willkommen zu seyn, als vorher, und er hatte auch Ursache zu glauben; da sich ihm statt dessen in allen Gesichtern die tiefste Traurigkeit entdeckte. Herminie hörte kaum, er sey angekommen, so schloss sie sich in ihrem Zimmer zu und konte auf keine Art und Weise bewogen werden, ihm vor Augen zu kommen. Man entschuldigte ihre Abwesenheit mit einer Unpäßlichkeit, doch dies schien ihm gleich nur ein blosser Vorwand zu seyn: sie hatten vorher nicht so viele Complimente gegen ihn gebraucht, und hätten ihm daher gar wol die Freiheit erlauben können, bey ihr in ihrem Zimmer seinen Besuch abzustatten. Er beschwerte sich über diese Veränderung in ihrem Bezeigen, und glaubte Anfangs der Vorzug eines neuen Nebenmühlers müßte die Ursach davon seyn. Doch die wahre Ursach konnte so geheim nicht bleiben, der eine vertraute es dem andern, und auf die Art erfuhr er endlich selber etwas von den Umständen. Man kann sich leicht einbilden, wie nahe ihm dieses müsse ans Herze getreten seyn: doch er überwand sich, er überlegte die Sache, er ging zu ihrem Vater, und erzählte ihm, was vor eine betrübte Zeitung er gehöret habe. Er versicherte ihn endlich bey dem allen, wie seine Liebe gegen Herminien hauptsächlich sich auf ihre Tugend gründe, die durch Gewalt und Zwang, an ihr nicht köne als verloren angesehen werden, und so habe diese keinen Vorsatz, sie zu heirathen, nicht ändern können, falls sie ihre Einwilligung dazu noch ferner geben wollten. Ein so edelmüthiges Bezeigen wurde von der ganzen Familie bewundert und angenommen, nur Herminie konnte sich dazu nicht bereden lassen. Je würdiger sie ihn in der Unschuld ihrer Liebe gehalten hatte, desto grösser schien ihr der Schimpf zu seyn, sich ihm in ihren jetzigen Umständen in die Arme zu liefern. Sie entdeckte ihren Eltern den festen Entschluß, den sie gefaßt hatte, nimmer zu heirathen; sie bat sich die Erlaubniß aus, bey einer Verwandten in der Stille leben zu dürfen, die an einen alten Geistlichen in einem der nördlichsten Theile von Engelland verheirathet war. Ihre Gegenwart war ihnen angenehm; dennoch funden sie an der andern Seite ihre Gedanken so edel und erhaben, daß sie sich ihr nicht widersetzen wollten. Und selbst Leander, mußte auch wieder seinen Willen den Vorsatz billigen, der ihm tausend Unruhe in der Seele gab. Herminie entfernte sich von London bald: nichts konnte betrübter als der Abschied seyn, den sie von ihren Eltern und Bruder nahm. Alles bitten ihres Liebhabers, alle Boten und Briefe vermogten so wenig über ihre Schamhaftigkeit, daß man sie hätte bereden können, ihn vor sich zu lassen. Alles was sie that, war ein Schreiben an ihn, worin sie die zärtliche Erkenntlichkeit gegen seine edelmuthige Liebe an den Tag legte, und hiemit mußte er zufrieden seyn.
Nicht ein jedes Frauenzimmer würde in dergleichen Umständen so zärtlich und so empfindlich gewesen seyn, und man muß gestehen, Herminiens Begriffe von Ehre und Tugend scheinen in den allerhöchsten Grade genau zu seyn. Was vor einen Verlust hat die Welt nicht bey einem so liebenswürdigen Exempel gelitten, das man an ihr gewiß gehabt haben würde! Ein Exempel von aller Aufrichtigkeit und aller Zärtlichkeit in ehren, von der genauesten Erfüllung aller Pflichten, die Ehemänner bey ihren Gesellinnen so eifrig zu wünschen pflegen. Wie kann der grausame Bösewicht, durch den sie gefallen ist, wenn er hieran gedenkt, (und sollte er nicht öfters daran gedenken müssen) das Unglück, wovon er der Urheber ist, sich ohne ein Grausen zu Gemüthe führen, das ihm sein Leben selbst zur Last machen wird. Es ist wahr, er ist noch unentdecket, man hat noch keine Spuren ausgefunden, die ihn der Welt zeigen können, man kann ihn noch nicht persönlich mit der Abscheu betrachten, den er verdienet hat. Doch seine eigne Gedanken sind die Rächer seiner Laster, diese müssen ihn nothwendig weit elender und unglücklicher machen, als einige andre Strafen zu thun vermögen sind. Zwar so schreckliche Begebenheiten tragen sich nur selten zu, und Gott verhüte es, daß wir niemals häufigere Exempel davon erleben mögen! Doch ich fürchte, sie sind häufiger, als es öffentlich bekannt wird. Kann Jugend und Unschuld wol zu sehr auf ihrer Hut seyn, sollte die Gefahr auch noch so ferne scheinen? Die ihr gelegten Schlingen liegen manches mal mit solcher List verstecket, daß sie den scharfsichtigsten Augen unentdecket bleiben; und die klügste Schönen sind oft am ersten bedrücket worden. Mit Unvorsichtigkeit, Unbedachtsamkeit und Einfalt muß man oft ein Mitleiden haben; doch wie viele rennen nicht freiwillig ins Verderben nicht alle Versuchen trotz verdienen gewiß schlechten Dank bey schlechte, wenn sie auch entkommen sollten, sondern ein schlechtes Beyspiel geben, die vielleicht glücklich sind. Unsre öffentlichen Lustbarkeiten in den Sommernächten, unter denen es Vauxhall andern an Annehmlichkeit und Menge der Anwesenden von Stande zuvor zu thun scheint, sind nach meiner Meinung so unglücklichen Zufällen nicht unterworfen. Hier erscheint ein jeder in seiner natürlichen Gestalt, und wenn ja ein geheimes Verständniß Platz finden soll, wird dazu die Einwilligung beider Theile erfordert. Doch sind an der andern Seite die Lockungen desto gefährlicher; die Musik, die angenehmen Haine, die geheimen Abwege, und kühlen Gänge, alles dieses ist mehr als zu bald vermögend, den Schutzgeist der Ehre einzuschläfern.

Nível 3

Exemplo

Ein gewisser und sehr wohlbekannter Herr, dessen Bekanntschaft dem jungen und schönen Frauenzimmer schlechten Ruhm zu bringen pfleget, hat sich nicht selten gerühmet, von Florens Tempel zu Vauxhall, wie er es nennet, Oberpriester zu seyn. Ich mögte wünschen, daß er hierin nicht die Wahrheit redet, und ich muß einige unsers Geschlechtes zu vertheidigen suchen, die von diesem Zeitvertreibe jenseits der Themse Liebhaber sind. Eine kleine Begebenheit wird dieses thun, da er zu seinem grossen Vedruß sich einstmals gewaltig betrogen fand, und wodurch er eine Zeitlang bey seinem grössesten Gönner in Ungnade fiel. Sein vornehmstes Geschäft ist Schönheiten aufzusuchen, worin unsre jetzlebenden jungen Herren ihm einen besondern Geschmack zugestehen müssen. An einem gewissen Abend warf er auf ein junges Frauenzimmer die Augen, die ein Inbegriff aller Vollkommenheiten zu seyn schien, welche Neigung und Liebe einflössen können. Flavia, wie ich sie nenne, hatte zwo von ihren Gespielinnen um sich; auf eine schlaue Art wußte er sich in ihre Gesellschaft zu bringen, und fand, daß sie nicht minder Witz und Verstand, als Schönheit, besitzen müsse. Desto würdiger schien ihm die Eroberung ihres Herzens; er war gewiß, falls er hierin glücklich seyn sollte, eine Belohnung zu erhalten, die seinem Siege gemäß war, und er entschloß sich daher, bey dem Anfall nicht im geringsten seine Mühe zu sparen. Sein sittsames und ernsthaftes Bezeigen gegen sie und ihre Freundinnen macht ihnen seine Gesellschaft nicht unangenehm. Er war der einzige seines Geschlechtes, den sie bey sich hatten, und sie sahen daher desto lieber, daß er sie, wie man aus einander ging, zum Bote begleiten mögte. die Menge der Leute, und das Getümmel, welches allezeit da zu seyn pflegt, machte seine Gegenwart so nützlich, daß sie sich einer gar zu gezwungenen Ausführung schuldig mache mußten, wenn sie ihm einen Platz in ihrem Boote hätte abschlagen wollen. Er fuhr mit dahin, wo sie wohnten, denn seine Höflichkeit erstreckte sich so weißt, daß er sie nothwendig nach hause begleiten mußte. Flavia war die einzige Person, auf die er ein Auge hatte; er machte ihr also den folgenden Tag seine Aufwartung unter dem Vorwande sich nach ihrem Wolbefinden zu erkundigen. Wie es die letzte Nacht etwas kühler als gewöhnlich gewesen, sorgte er, dies mögte bey einem so zarten Körper üble Folgen gehabt haben. Flavia vermuthete nicht, daß unter einem so höflichen Bezeigen, etwas schlimmes verborgen seyn könnte; sie empfing ihn mit der grössesten Höflichkeit. Ihre Mutter that desgleichen, eine Frau, die in ihrer Jugend ziemlich galant gewesen, und sich noch nicht zu alt dazu dünkte. Dies machte sie sehr bereitwillig, eine Person zu fernern Besuchen aufzumuntern, die eine gute Figur machte. Sie dankte ihm tausendmal, daß er vor Flaviens so grosse Sorgfalt getragen; und er wurde durch ihr Bezeigen nicht wenig dreist gemacht, sich die Freiheit auszubitten, daß er ihnen zuweilen bei einer Tasse Tee aufwarten dürfte. Und sie versicherte ihn hinwiederum, nichts würde ihr mehr Ehre und Vergnügen seyn, als mit einer Person von seinen Verdiensten Bekanntschaft zu unterhalten. Nunmehr dachte er mehr als halb gewonnen zu haben; die Geneigtheit der Mutter machte ihn glauben, er würde in seinem Gesuche bei der Tochter desto weniger Schwierigkeit finden, sonderlich da er ihre Umstände weiter untersuchte und ausfand, daß sie etwas herunter gekommen wären. Flaviens Vater war gestorben, und hinterließ eine zahlreiche Familie ohne grosse Mittel; die Kinder wurden zerstreuet, und eines bei diese, eines bei andern Verwandten, da die Mutter nur, Flavien zu ernähren, im Stande war. In dieser Zuversicht ging er sofort zu den vornehmen Rinaldo; er vergaß nicht seinen Eifer und seine Bemühungen heraus zu streichen, ihm zu seinen Vergnügen zu dienen; er erzählte ihm, wie er einen rechten Schatz der Schönheit gefunden habe, dessen er allein würdig wäre. Er mahlte jede Annehmlichkeit und jeden Reiz der schönen Flavia mit so lebhaften Farben ab, daß Rinaldo ganz in Feuer und Flammen gerieth. „Findee ich, sagt er, sie so, wie ihr sie beschrieben habet, und könnt ihr mich in den Besitz ihrer Person setzen, so soll nichts so kostbar seyn, daß ich euch nicht gewähren will.“ Er beugte sich, und versprach sie ihm nächstens im Park zu zeigen, wo ihn seine Augen selber von der Wahrheit überzeugen würden. Rinaldo gab seine Einwilligung hiezu, und jener stattete sogleich seinen Besuch bei Flaviens Mutter ab. Er bat sich die Gewogenheit aus, in ihrer Gesellschaft einen Spaziergang in den Park zu thun. Er wollte es nicht wagen, sich einer abschlägigen Antwort auszusetzen, wen er nicht beide dazu bitten sollte. Er dachte, es würde nicht klug gehandelt seyn, ihnen Gelegenheit zu einigen Argwohn zu geben, bevor er von Rinaldos Vorhaben völlig gewiß seyn konnte. Sie sahen ihn nunmehro als einen von ihren Freunden an, und es war ihnen gar nicht unangenehm, von einer so galanten Person, aufgewartet zu werden. Kurz, sie gingen mit einander; Rinaldo stellte sich ein, begegnete ihnen zu verschiedenen Malen, und fand bei Flavien alles, das seiner Bewunderung würdig war. „Ihr sind sehr glücklich, sagte er, wie er das letzte mal vorbei ging, und nannte ihn zugleich bei Namen, eine solche Schönheit zur Seite zu haben!“ Dieser niederträchtige Mensch, der zu fremden Lastern Zunder gab, war höchst vergnügt, seine Wahl so sehr gebilligt zu finden. Flavia erröthete, aber ihre Mutter war desto mehr ausser sich, daß ein Herr ein Auge auf sie warf. Die ganze übrige Zeit ihres Spazierganges war Rinaldos Lob das einzige, wovon sie sich unterredeten. Seine schöne Taille, seine freundliche Minen, und vornehmlich sein artiges, edelmüthiges und freigebiges Bezeigen gegen das Frauenzimmer, wurden mit den prächtigsten Worten herausgestrichen, die man nur ersinnen konnte. Damals ging er nicht weiter; den folgenden Tag wartete er Rinaldo auf, um zu hören, was er zu befehlen hätte. Dieser bezeigte das ungeduldige Verlangen, Flavien zu besitzen. Er ging so gleich zu ihr, und trug ihr so wol selber, als ihrer Mutter ohne einiges Bedenken die Leidenschaft vor, die dieser vornehme Herr gegen sie bezeigt hätte. Er vergaß zugleich nicht, beiden dieser Begebenheiten halber aufs verbindlichste Glück zu wünschen. Die Mutter war so wol höchst aufmerksam, als entzücket. Sie sahe sich schon in einer Kutsche mit sechsten, und tausend andre unordentliche Vorstellungen von Hoheit, Pracht und Ehre liesen in einem Augenblicke in ihrem Gehirn durcheinander! ich weiß, sagte sie, besser, was meine Schuldigkeit ist, als daß ich mit dem Wunsch des grossen Rinaldo widersetzen sollte, und ich hoffe, meine Tochter wird nicht minder diese Ehre mit den schuldigsten Gehorsam zu erwiedern wissen.“

Nível 4

Diálogo

Flavia sagte unterdessen nicht ein Wort. Ein solches Anerbieten befremdete sie, und die Antwort ihrer Mutter noch mehr, so daß sie nicht im Stande war, ihre Meinung zu erkennen zu geben. Ihr besondrer Widerwille jagte ihre eine Röthe ins Gesichte, die jedoch als ein Zeichen ihrer Schamhaftigkeit und Bescheidenheit angesehen wurde. Beide verlangen eine Antwort, und Rinaldos Abgeordnete wollte sonderlich unendlich wissen, was er seinem Gönner von ihr hinterbringen sollte? „Ich verdiene, sagte sie endlich, auf seine Art und Weise die Gewogenheit einer so grossen Person, und noch weniger weiß ich selbige anders als durch Gebet und Wünsche zu erwiedern. Dies ist eine Antwort an Rinaldo: was euch selber betrifft, so wisset, daß ich mir dergleichen Vorschläge von euch nicht vermuteth war; ich bin tugendhaft, und denke ferner tugendhaft zu bleiben.
Hierauf verließ sie eilfertig das Zimmer, und zugleich beides ihre Mutter und Rinaldos Abgesandten, die hiedurch nicht wenig befremdet waren. Jene machte diesen bald wiederum munter: „Das Mägden, sagte sie, hat, ich weiß nicht was, vor romantische Grillen im Kopfe, allein ich werde sie bald auf bessere Gedanken bringen, und ihr zeigen, was ihre Schuldigkeit ist, wenn wir allein sind“. Sie bat, Rinalden nichts von ihrer närrischen Aufführung zu melden, und versprach ihm, alles zu thun, daß sie seine Befehle, wen es ihm gefiele, annehmen sollte. Sie beredeten sich mit einander, Flavia solle mit ihrer Mutter ein kleines angenehmes Landhaus an der Themse beziehen. Dies war wirklich ihre Wohnung, und sie hielten sich damals nur wegen einer Gerichtssache in der Stadt auf, wobei die Mutter zugegen seyn mußte. In zween bis drei Tagen dachte sie die Tochter, wie er wünschte, auf andere Gedanken zu bringen; und wenn sie hierin ihre Absicht erreicht, wollte sie es ihm schriftlich zu wissen thun, daß Rinaldo sie ins geheim beim Wasser besuchen könnte.

Nível 4

Diálogo

so bald unser Pandarus sich entfernet hatte, eilte sie zu Flavien, die sie in Thränen fand. Tausend mal mußte selbige eine Thörin heißen: „Wie, sagte sie, ihr betrübt euch über eine Sache, die alle andre mit offnen Armen ergreifen würden? -- Bedenkt ihr auch, wer Rinaldo ist, -- was er künftig werden wird, -- und wozu er eure Söhne, die er etwa von euch haben mögte, machen kann? Flavia antwortete, als eine Verehrerin der Tugend, und bat, nicht Dinge zu verlangen, darin sie nun und nimmermehr willigen würde: „Ich werde sicherlich, fügte sie hinzu, den allerniedrigsten Stand aller Pracht und aller Hoheit in der Welt vorziehen, die ich mit Aufopferung meiner Unschuld erkaufen muß.“
Eine so unvermuthete Standhaftigkeit verdroß ihre Mutter ungemein: die Vortheile, die sie sich und ihrer Familie hiebei versprach, leuchteten ihr dergestalt in die Augen, daß sie selbige nicht verlohren geben wollte. Sie versuchte daher alle Mittel, wie sie durch Zwang oder Überredung ihre Einwilligung erhalten möge. Beide begaben sich abgeredeter Massen auf das Land: „Sie stellte Flavien ihre gegenwärtige unglückliche Umstände vor; sie wollte Rinaldens Liebe als eine besondere Probe der göttlichen Vorsehung zu ihrem Besten abmalen; sein Stand sollte das heiligen, was bei allen andern Personen ein Laster heissen würde, in diesen Umständen aber nothwendig Gott und Mensch gefallen müsste.“ Doch alle diese Gründe waren von gar keinem Gewichte, alle List und aller Betrug ihrer Redekunst war vergebens angewendet. Sie ging hierauf zu Drohungen und vielleicht noch weiter. Sie entzog ihr die nöthige Nahrung, und erwieß sich, als Mutter, so grausam, daß man kaum ein gleiches Exempel davon antreffen wird. Auch diese Erfindung war von keiner Wirkung. Die tugendhafte Schöne war in ihrem Entschlusse fest und unbeweglich, sie suchte von neuen die Güte und Ueberredungen hervor, Flavia wurde endlich müde, einerlei so oft zu hören, sie antwortete deswegen gar nicht mehr, und war bloß bedacht, wie sie dem ihr bevorstehenden Unfalle auseichen wollte. Dieses Stillschweigen sah die Mutter als eine Einwilligung an, die sie bei ihrer natürlichen Hartnäckigkeit aus Eigensinn nicht deutlich in Worten an den Tag legen wollte. – In dieser Meinung brachte sie in ihrem Hause alles in Ordnung, und schrieb ihrem werthen Freunde, welchen Titel sie ihn gab, „Flavia schiene nunmehr ihre Thorheit bereutet zu haben, und würde es zu allen Zeiten als eine grosse Ehre ansehen, wenn Rinaldo sie besuchen wollte.“ Die Antwort blieb nicht lange aus, worin ein Tag hiezu von diesem vornehmen Herrn bestimmt war.

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Die vielen Zubereitungen im Hause, und der Befehl, den sie erhielt, in ihrem besten Putze zu erscheinen, gaben ihr bald die Nachricht hievon. – Und wer wird uns denn besuchen; fragte sie mit kläglicher Stimme: „Rinaldo, antwortete ihre Mutter, der vornehme Rinaldo, euer Anbeter, wird uns mit seiner Gegenwart beehren. Ich überlasse es euch selber, wie ihr euch gegen ihn zu bezeigen habet, und ich hoffe, ihr werdet gescheidt genug seyn, ihm so zu begegnen, daß die Freundschaft, deren er uns bisher gewürdigt, nicht auf einmal verloren gehe.“
Die listige Mutter hatte eine doppelte Ursache, ihr anjetzo so gelinde zuzureden: Hätte sie Zwang und Ansehen gebraucht, so würde dieses ihre schönen Züge in Unordnung gebracht und sie folglich in Rinaldos Augen nicht so liebenswürdig geschienen haben. An der andern Seite überließ sie alles Flaviens Willen und Gutdünken, um sie desto eher zur Unterredung mit ihm zu bringen. Dies war alles, was sie verlangte; denn hatte Flavia schon Muth genug, den abgeschickten Personen etwas abzuschlagen, so glaubte sie, eine Dirne von ihren Jahren würde doch dem was Rinaldo gegenwärtig selber fordern wollte, unmöglich entgegen seyn. Diese arme Schöne war unterdessen in der grössesten Verwirrung, wie sie diesen Besuch vermeiden mögte. Sie war fest entschlossen, selber niemals nachzugeben, aber auch zugleich ungewiß, ob sie der Gewalt nicht weichen müßte. Vertraute Freunde fehlten ihr, auf die sie sich verlassen, und ihnen ein solches Geheimniß entdecken konnte. Endlich fiel es ihr ein, sich zu einem gewissen Geistlichen zu wenden, der etwa zwo kleine Englische Meilen von ihnen wohnte: Ein Mann, der etwas bei Jahren war, und den Ruhm eines so untadelhaften Lebens hatte, als bei diesem heiligen Amte erforderlich ist. Diesen hielt sie in ihren Umständen vor die beste Person, dessen Raths sie sich bedienen könnte; und der ihr die geschicktesten Mittel an die Hand geben würde, den ihrer Unschuld gelegten Fallstricken auszuweichen. Sie stund sehr frühe auf, und ehe noch jemand von den Bedienten erwachet war, verließ sie heimlich ihre Wohnung und eilte zu dem ehrwürdigen Manne, den sie zu ihren Führer erwehlet hatte. Es ging ihr nicht wenig zu Herzen, daß sie sich genöthiget fand, die Schande einer Person zu entdecken, die ihr so nahe verwandt war, und dieses preßte ihr Anfangs einig Seufzer und Thränen aus. Doch endlich überwand sie diese; sie erzählte die ganze Begebenheit sehr beweglich, und bat so lange um seinen Schutz, bis sie auf eine andere Art, in einer Familie, oder durch ihre Arbeit vor sich sorgen könnte.

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Der brave Geistliche hörte seinem gegebenen Character gemäß mit Bewunderung und Erstaunen zu: Einige Augenblicke schwieg er still; und endlich legte er seinen Zweifel an den Tag, ob jemals ein Zeitalter Beispiele geistlicher Tugend aufzuweisen habe, die Versuchungen von solchen Personen bloß gestellet gewesen. „Aber wie ist es möglich, setzte er hinzu, sie gegen das Ansehen einer Mutter zu beschützen, die von Rinaldos Macht unterstützet wird. Ich weiß nur einen einzigen Weg hiezu, sagte er: eine Heirath unter uns beiden, wenn ihnen solche nicht entgegen ist. Ich weiß, wie ungleich wir einander an Jahren sind, und eine solche Verbindung muß eben so sehr mit ihrer Neigung als jene mit ihrer Tugend streiten. Ich kann daher keinen solchen Vorschlag machen, wiewol ich befürchten muß, alle andre Bemühungen werden vergeblich seyn, das Band ausgenommen, das Rinaldo selbst nicht wird trennen wolle.
Flavien befremdete dies so sehr, daß sie nicht so gleich ihm antworten konnte; doch zeigte sich in ihrem Gesichte nichts, woraus er hätte schliessen könne, daß ihr ein solcher Vorschlag zuwider sey. Und in der That konnte sie auch mit guten Grunde nichts erhebliches dagegen einwenden: Er hatte eine gute Pfarre nebst etwas Land und keine Kinder; seine Person war gar nicht unangenehm, obgleich die Jahre seine Stirn ihn etwas gezeichnet hatten. Doch ein Umstand überwog alle ihre andern Betrachtungen. Diese Heirath war der einzige sichere Schutz gegen alle Anfälle, denen ihre Ehre ausgesetzet war; dies befreiete sie von der Gewalt einer Mutter, die wie sie mehr als zu viel befürchten mußte, wo nicht jetzo, doch zu einer andern Zeit, sie der grössesten Schande aufopfern könnte. Doch ich will diese Erzählung eben so kurz schliessen, als geschwinde die Sache unter beiden ausgemacht wurde. Sie hatte keine Bedenken weiter, sie konnte dergleichen aus Verstellung nicht vorbringen, und wie es sich eben fügte, daß die Postkutsche denselben Tag eben nach London ging, bestellten sie einen Platz in selbiger und fuhren zur Stadt, wo sie sofort mit einander verbunden wurden. Flaviens Mutter war in so heftiger Gemüthsbewegung, wie man leicht errathen kann, da die Tochter nirgends anzutreffen war. Rinaldo kam, und fand wider Vermuthen nicht, was er gesuchet hatte. Anfangs fiel sein Zorn auf den, der ihn so sehr versichert hatte, er würden nach allem Wunsche empfangen werden. – Dieser konnte wenig zu seiner Vertheidigung sagen, als die Dirne müßte nothwendig ihrer Sinnen beraubet seyn, er sey niemals einer Sache so gewiß gewesen, als dies mal, und hiebei bat er auf die kläglichste Art um Vergebung. Er war in Rinaldos Augen so verächtlich, daß dieser sich weiter nicht an ihm rächte, als durch den Vorwurf, wie ungeschickt er stets zu einer Sache gewesen, worin er sich einer besondern Klugheit rühmte. Diese Strafe war hart genug: so oft er Versuche von gleicher Art anstellte, wurde Flaviens Name wiederholt, und alle seine Bemühungen waren lange vergebens, ihn wiederum in sein voriges Ansehen zu setzen.
Eine vollkommene Gemüthsruhe, der beste Segen, den der Himmel geben kann, ist die Belohnung, die Flaviens Tugend gefunden hat. Sie lebt in ihrem Stande vergnügt und glücklich, ihre Ausführung rechtfertig die Wahl, die ihr Ehemann getroffen, er macht allen Tage denjenigen zu Schanden, die eine so ungleiche ehe Anfangs nicht billigen wollten. Es bleibt gewiß, die Vorstellung von Versuchungen, die wir haben besiegen können, sind angenehmer, als alle Kunst sie beschreiben kann. Ein löblicher Stolz, die List unsrer Verführer überwunden zu haben, gibt der Seele die höchste Zufriedenheit, doch müssen wir uns hüten, auf was Art wir diesen Gefahren in sichrer Ueberzeugung sie zu überwinden, entgegen gehen. Wir können uns zu viel schmeicheln: nichts betrieget uns oft mehr, als unser eignes Herz, und man wagt meiner Meinung nach gar zu viel, die sichere und inwendige Ruhe gegen die ungewisse Hoffnung einen Namen zu erlangen, auf das Spiel zu setzen. Jene gibt die Unschuld, wenn sie auch unversucht und unvergrössert bleibt; dieser, wenn wir ihn auch mit dem grössesten Rechte verdienen sollten, bleibt demnach in Gefahr, durch Neid und Verleumdung vernichtet zu werden.
Ende des ersten Buches.

1Wo im Opernhause unter Heideggers Veranstaltung die Masqueraden gehalten werden.